3. Kapitel
Gottes Heiligkeit
In Christus ist die Heiligkeit Gottes den Menschen erschlossen worden, auf daß sie, aus der Weltverlorenheit befreit, an ihr teilzunehmen imstande sind. Infolge seiner Transzendenz ist Gott für den Menschen ein ewiges Geheimnis. Kein menschlicher Geist und kein menschlicher Sinn hätten je zu erkennen vermocht, was Gott denen bereitet hat, welche ihn lieben (2 Kor 2, 7-10). Aber auch die Art und Weise, wie Gott sein Geheimnis aufdeckt, ohne daß es von den Menschen durchdrungen werden kann, ist wiederum in das Geheimnis eingehüllt. Denn das Gottesgeheimnis trat nicht in strahlender Herrlichkeit vor das Auge des Menschen, sondern in der Knechtsgestalt des Alltäglichen und Gewöhnlichen, des Leidens und des Sterbens. Es konnte gar nicht im unverhüllten Glanze seines Reichtums und seiner Tiefe erscheinen, da es sich ja in menschliche Formen und Weisen, in menschliche Handlungen und Worte entäußern mußte, um sich den Menschen zu zeigen. Gott hat sich über die seine Selbsterschließung notwendig begleitende Selbstentäußerung hinaus an menschliche Schwächen und Unvollkommenheiten gebunden, und gerade darin erscheint er als der Unbegreifliche. Im Alltagsleben Jesu, in seinem Sprechen und Schweigen, in seinem Gehen und Handeln, in seinem Zürnen und Verzeihen, in seinem Leiden und Sterben, wird uns Gottes Geheimnis enthüllt, aber nicht so, daß uns etwas gesagt wird, was bisher unbekannt war, und nun, nachdem es bekannt ist, aufhörte, ein Geheimnis zu sein. Durch die Selbsterschließung Gottes wird uns ja gerade deutlich,
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in welch hohem Maße Gott Geheimnis ist. In dieser verhüllenden Enthüllung des Gottesgeheimnisses ist es begründet, daß die Massen des Volkes zwar über die Taten und Worte Jesu staunen und daß sie doch des Verständnisses für seine Botschaft bar sind, ja daß selbst die Jünger bis zur Geistsendung Christus und sein Werk nicht verstehen. Die Verborgenheit Gottes in seiner Offenheit, die Andersartigkeit des in Christus sichtbar gewordenen Gottes, ist so tief, daß die Weisheit Gottes von dem selbstherrlichen Menschen, der nur auf seine Erkenntniskraft und Einsicht vertraut und nur gelten läßt, was verstandesmäßig festgestellt und erklärt werden kann, als Torheit verlacht und verworfen wird. Gottes Unbegreiflichkeit kann als Unsinn, als Sinnlosigkeit erklärt werden. Die Undurchdringlichkeit tritt am furchtbarsten dort zu Tage, wo der Gottessohn als Menschensohn verhöhnt und getötet wird. Das unbegreifliche Geheimnis Gottes kann als Gottesgeheimnis nur erkannt werden im Lichte Gottes. Nur der vom Heiligen Geist ergriffene und erleuchtete Menschengeist vermag zu erkennen, was uns Gott geschenkt hat (1 Kor 2, 12).
Dieser Überblick über die neutestamentliche Lehre von der Transzendenz Gottes bedarf der dialektischen Ergänzung durch die Anführung jener Texte, in welchen die gnadenvolle und heilshafte Gegenwart des transzendenten Gottes im Neuen Testament ebenso verkündet und gepriesen wird wie im Alten. Gott ist nicht ferne einem jeden von uns. Denn in ihm »leben wir, bewegen wir uns und sind wir« (Apg 17, 28: Pauluspredigt). Auch nach dem Neuen Testament nimmt Gott den Menschen in die Sorge seiner Liebe auf. Ja, das Erkennen Gottes bedeutet nichts anderes als die Annahme des Menschen durch die göttliche Gnade. Gott kennt die Seinigen (2 Tim 2, 19). Wer Gott liebt,
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ist von ihm erkannt. Denn sonst könnte er sich nicht in Liebe zu Gott wenden (1 Kor 8, 3). Gott erscheint hierbei als Tröster. Der nahe Gott ist freilich auch zugleich der richtende Gott, denn alles ist vor ihm klar und offen (Hebr 4,13). Er ist der Vater im Himmel, welcher in das Verborgene sieht (Mt 6, 4. 6). Die heilende und tröstende Kraft des göttlichen Wissens wird (1 Joh 3, 19-22) ausführlich bezeugt: »An der wahren Liebe erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind und können unser Herz vor ihm beruhigen. Wenn unser Herz uns Vorwürfe macht, so ist Gott größer als unser Herz, und er weiß alles, Geliebte. Wenn unser Herz uns keine Vorwürfe macht, so haben wir zuversichtliches Vertrauen zu Gott und erlangen von ihm, was wir erbitten, weil wir seine Gebote halten und tun, was ihm gefällt.«
Newman hat diesen Gedanken einmal folgendermaßen ausgedrückt (E. Przywara-0. Karrer, Newman, München 1922, V, 13): »Gott schaut dich, wer immer du seist, so wie du bist, persönlich. Er ruft dich bei deinem Namen, er sieht dich und versteht dich, wie er dich schuf. Er weiß, was in dir ist, all dein eigenes und besonderes Fühlen und Denken, deine Anlagen und Wünsche, deine Stärke und deine Schwäche, er sieht dich an deinem Tag der Freude und an deinem Tag der Trauer, er fühlt mit in allen deinen Hoffnungen und Prüfungen, er nimmt Anteil an deinen Ängsten und Erinnerungen, an dem Aufstieg und Abfall deiner Gestalt, er umfängt dich und trägt dich in seinen Armen, er hebt dich auf und setzt dich nieder, er liest in deinen Zügen, ob sie lachen oder Tränen tragen, ob sie blühen in Gesundheit oder welken in Krankheit, er schaut zärtlich auf deine Hände und Füße, er horcht deiner Stimme, dem Klopfen deines Herzens, selbst deinem Atem, du liebst dich nicht mehr, als er dich liebt, du kannst nicht mehr zurückschrecken vor Leid, als ihm
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leid ist, daß du es trägst, und wenn es dir auferlegt ist, so ist es, als legtest du selbst es dir auf, wenn du weise bist zu größerem Heil.« In der alten Kirche hat Augustinus eine ähnliche Sprache geführt. Er sagt: »Du suchst die Tiefe des Meeres — was ist unergründlicher als das menschliche Herz« (zu Psalm 76, 8). Oder: »Wenn Unergründlichkeit Abgrund ist, meinen wir nicht, das Herz des Menschen ist Abgrund? Was nämlich ist unergründlicher als dieser Abgrund. Sprechen können Menschen, durchschaut werden können sie durch das Wirken der Glieder, gehört werden in der Rede: Aber wessen Gedanken durchdringt man, in wessen Herz hat man Einblick? Was er innen trägt, was er innen kann, was er innen treibt, was er innen bereitet, was er innen will, was er innen nicht will — wer begreift's? . . . Eine so große Unergründlichkeit glaubt ihr, sei im Menschen, daß sie versteckt sei dem Menschen selber, in dem sie ist« (zu Psalm 41, 13). Gott ist diese Abgründigkeit auf einer neuen und anderen Existenzstufe.
Im Neuen Testament wird der Geheimnischarakter Gottes noch in besonderer Weise verstärkt. Denn hier tritt uns der personhafte Gott als der »Dreipersönliche« entgegen, wie wir später zeigen werden.