2. Kapitel

Gott sichtbar im AT?

Trotz der klaren Schriftaussage, daß Gott unsichtbar ist, finden wir dennoch nicht wenige Texte, nach welchen der sich den Menschen erschließende Gott mit ihnen verkehrt, wie Menschen untereinander verkehren, wenngleich er auch in einer solchen Situation ein Geheimnis, ja geradezu eine Gefahr für den Menschen bleibt. Der Patriarch Jakob hat nach dem nächtlichen Kampf mit Gott gesagt: »Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut und bin am Leben geblieben« (Gen 32, 30; vgl. Ex 3, 6; Ri 6, 22f; 1 Kg 19, 13). Auch Mose durfte das Angesicht Gottes schauen (Ex 24, 9f; 33, 11; Nm 12, 7f). Andererseits heißt es allerdings, daß auch Mose nur den Rücken Gottes sehen durfte.

Es ist schwer zu erklären, was in diesen Gotteserfahrungen gesehen wurde. Vielleicht soll in den genannten Texten nur die Intensität einer Gotteserfahrung zum Ausdruck gebracht werden, wenn man in ihnen nicht mythische Fremdkörper in der Darstellung der Schrift sehen will. Für eine dieser Erläuterungen scheint zu sprechen, daß Mose, dem Freunde Gottes, seine Bitte, Gottes Herrlichkeit schauen zu dürfen, nicht erfüllt wurde, nach einem Text, der ebenfalls im Buche Exodus steht. Er erhielt die Antwort: »Du kannst mein Angesicht nicht schauen; denn kein Mensch schaut mich und bleibt am Leben« (Ex 33,20).

Der Glaube an die Unsichtbarkeit Gottes hat sich bis zu der Spitze entwickelt, daß das Schauen Gottes nicht nur unmöglich, sondern tödlich ist für den Menschen. Bei den Propheten wird als Grund dafür nicht

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die tiefe metaphysische Verschiedenheit zwischen Gott und Mensch angegeben, sondern der Gegensatz von Gottes Heiligkeit und menschlicher Sündhaftigkeit (Jes 6, 5). Im Gnostizismus wird die Gottesschau im ekstatischen Erlebnis für möglich gehalten. Im übrigen aber lehnt auch die griechische Philosophie die Sichtbarkeit Gottes ab.

 

 

 

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