3. Kapitel

 

Erfüllungsweise im NT

 

Im Neuen Testament sehen wir, in welcher Weise Gott die durch die alttestamentlichen Schilderungen und Verheißungen gegebenen Andeutungen erfüllt hat, dadurch nämlich, daß er sich in seinem Sohne und dem Heiligen Geiste selbst innerhalb der menschlichen Geschichte gegenwärtig setzte, in je verschiedener Weise. So sind nicht nur einzelne alttestamentliche Ausdrücke wie Wort oder Weisheit oder Geist, sondern die die Gesamtbewegung der alttestamentlichen Offenbarung konstituierenden Elemente als eine Anbahnung der Selbsterschließung Gottes im Sinne eines dreipersonalen oder wenigstens als eines mehrpersonalen Gottes im NT zu verstehen. Die alttestamentlichen Gläubigen konnten diesen Zukunftssinn der ihnen geschenkten Offenbarung noch nicht durchschauen.

 

 

4. Kapitel

Jesus als Sohn im NT:

Die Synoptiker und die Apostelgeschichte

a) Methode

Im Neuen Testament selbst unterscheiden wir entsprechend dem Charakter der neutestamentlichen Bücher als Glaubenszeugnisse eine zweifache trinitari-

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sehe Zeugnisform, nämlich die Taten und Worte Jesu einerseits und die von den Aposteln gegebene Auslegung seiner Taten, seiner Worte und seiner Persönlichkeit andererseits. Was Jesus sagte, ist unmittelbar göttliche Offenbarung. Aber auch die Auslegung der Apostel nimmt am Offenbarungscharakter teil, weil die Deutung Jesu durch die Apostel unter der erleuchtenden Einwirkung des Heiligen Geistes geschah. Die Apostel sind Offenbarungsempfänger und inspirierte Theologen.

In unserem Zusammenhang sollen die Hoheitsprädikate, durch welche Jesus Christus in seinem einmaligen Verhältnis zu Gott, dem alttestamentlichen Jahwe, den er seinen Vater nennt, nur kurz charakterisiert werden. Sie werden eine ausführliche Würdigung finden in Band 4, in welchem das Sein Jesu Christi besprochen wird. Wenn auch die christologische Sicht von der trinitarischen nicht völlig getrennt werden kann, so mag es doch hier genügen, die in der Schrift vorhandenen Ansätze für das Gottsein Jesu Christi insoweit anzuführen, als sie für ein Verständnis der trinitätsgeschichtlichen Entwicklung in der nachapostolischen Zeit bedeutsam sind. Die Entfaltung der Christologie geht mit jener der Trinitätslehre Hand in Hand. Um einer geordneten Darstellung willen müssen die beiden Entwicklungsreihen jedoch gesondert behandelt werden.

b) Gottes- und Sohnesbewußtsein Jesu

Was also das Hoheitsbewußtsein Jesu Christi betrifft, so wußte er sich als Sohn in einem ausschließlichen Sinn.

Sein Sohnesbewußtsein war der Reflex seines Gottesbewußtseins. Dieses war für ihn das Erste. Es war

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entscheidend und grundlegend. Es war naturgemäß der alttestamentliche Gott Jahwe, den Jesus auch als seinen Gott wußte und anerkannte.

c) Jesus und das alttestamentliche Gottesbild

Er hat jedoch die alttestamentliche Gottesvorstellung nicht völlig unverändert aufgenommen, sondern sie erweitert und in einigen wichtigen Punkten abgewandelt und für seine Zuhörer vielfach überraschend mit neuen Akzenten und Perspektiven versehen.

Man kann dies folgendermaßen ausdrücken: »Der Gott Jesu ist ein Gott, der sich auf die Suche nach dem verlorenen Menschen aufmacht. Eine natürliche Religiosität, mag sie sich Gott (wie das Spätjudentum) fern oder (wie die hellenistische Religionsphilosophie) nahe denken, sieht es immer als Aufgabe des Menschen an, Gott zu suchen (vgl. Apg 17, 27). Aber der Gott Jesu weiß, daß ihn kein Mensch aus eigener Kräh finden kann, daß alle verloren sind, wenn er nicht selber die Initiative ergreift. Die Gleichnisse vom verlorenen Schaf (Lk 15, 4-7; Mt 18, 12-14), von der verlorenen Drachme (Lk 15, 8-10), von den zwei Schuldnern (Lk 7, 41-43), vom verlorenen Sohn (Lk 15. 11-32), vom gütigen Arbeitsherrn (Mt 20, 1-15) und vom Pharisäer und Zöllner (Lk 16,9-14) haben alle den einen Gedanken gemeinsam, daß Gottes Güte gegenüber den Verlorenen, den Sündern, den Benachteiligten und in Not Geratenen unvorstellbar groß ist« (Fr. J. Schierse, in: Mysterium salutis 2, 92). Dabei ist zu beachten, daß »die Liebe Gottes zu den Sündern und Ausgestoßenen, die Selbstgerechten, die ,Da-heimgebliebenen', die Gesunden mit einschließt. Sie hat exemplarischen Charakter, um jedem Menschen seine Situation vor Gott klar zu machen« (Ebda.) So wird die eben beschriebene soteriologische Überlegung zur Grundlage des trinitarischen Glaubens, insofern Gott sein innerstes Wesen als vergebender Vater offenbart. »Die Zöllner, die Sünder und die Dirnen, die Fischer und die Bauern Galiläas, denen Jesus die Frohbotschaft verkündet, erfuhren Gott in einem ganz persönlichen Sinn als Vater, als einen, der Schuld vergibt und in seine Gemeinschaft aufnimmt.« (Ebda.).

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d) Jesus als Bevollmächtigter Gottes

Besonders deutlich zeigt sich das Sohnesbewußtsein Jesu in einem Offenbarungswort, welches das Mattäusevangelium aus der alten »Redequelle« genommen hat (Mt 11,25ff; vgl. Mk 12,1-22; Lk 10,22». Es lautet: »Ich preise dich, Vater des Himmels und der Erde, daß du dieses Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geoffenbart hast. Ja, Vater, denn so ist es wohlgefällig gewesen vor dir. Alles ist mir von meinem Vater übergeben und niemand kennt den Sohn als der Vater und auch den Vater kennt niemand als der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will.« In dieser Formel spricht Jesus in der Denkweise des Johannesevangeliums von seiner intimen Verbundenheit mit dem Vater. Von der heutigen Exegese wird allerdings bezweifelt, daß der Passus »niemand kennt« bis zum Schlusse echtes Gut im Mattäusevangelium ist.

Auf der anderen Seite ist jedoch unbestritten, daß Jesus sich ermächtigt weiß, im Namen Gottes zu sprechen. Man braucht sich nur an die Bergpredigt zu erinnern. In ihr hat Jesus Kritik an dem alttestamentlichen Gesetz geübt, soweit es durch menschliche Zusätze oder Verzerrungen überlagert wurde. Er bekundet sich als den authentischen Interpreten des von Gott gegebenen Gesetzes (Mk 2, 23-28; 3, 1-6). Er weiß sich in der Fülle des Geistes (Lk 4, 18). In ihm ist die Herrschaft Gottes gekommen und gegenwärtig (Mt 12,25; Lk 11, 20). Er ist derjenige, an dem sich das Heil und das Unheil der Menschen entscheiden (Mk 13, 9-13; 9, 34-38; 10, 17-27). Wer sich ihm versagt, verfällt dem Gericht (Mt 11, 20-24). Er hat Gewalt über Krankheit, Tod und Sünde. Die Heilungen, die er vornimmt, sind Zeichen seiner Sündenvergebungsgewalt (Mk 2,

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1-12). In seinem »Namen« heilen auch die Apostel (Apg 2, 2-17; 4, 10).

Der Ausdruck »Sohn« allein allerdings würde seinem formalen Gehalt nach die wesenhafte Zugehörigkeit Jesu zu Gott noch nicht verbürgen. Dies wird jedoch gewährleistet durch die Art und Weise, in welcher Jesus seine Sohnschaft schildert. Er spricht sich Vollmachten und Berechtigungen zu, die nach dem Glauben seiner Hörer Gott allein eigen sind (Mk 10, 28-31; 11, 27-33; 12, 1-12. 35-44). Angesichts dieser Situation erhebt sich die Frage, wie das Verhältnis Jesu zu dem einen Gott des alttestamentlichen Glaubens zu bestimmen ist. Auf diese Frage gibt das Neue Testament selbst keine unmittelbare Antwort. Es bietet aber alle Materialien, welche zu der späteren Interpretation der Kirche hinführen.

 

 

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