2. Kapital
Die weltüberlegene Allmacht des einen Gottes
a) Nach dem Alten Testament
Mit der Erfahrung der Einzigkeit Gottes hängt die Erfahrung seiner weltüberlegenen Allmacht untrennbar zusammen. Gott ist der, der alles bestimmt und von nichts bestimmt wird. Man wird dem Gewicht, das die Schrift der göttlichen Allmacht beilegt, nicht gerecht, wenn man diese als eine Eigenschaft Gottes näherhin des göttlichen Willens unter anderen Eigenschaften betrachtet. Sie wird im Alten Testament vielmehr als das Göttliche an Gott erfahren. Gerade die unbegrenzte Allmacht unterscheidet Gott von den »Göttern«. Sie läßt die Götter als Nichtse, als menschliche Erfindungen (Protektionen) erscheinen.
Für die Beurteilung der Schriftzeugnisse über Gottes Allmacht ist auch hier zu betonen, daß die Überzeugung von ihr nicht das Resultat philosophischer Erwägungen ist, sondern das Ergebnis einer »Gotteserfahrung«, wenngleich sie sich mit philosophischen Thesen jener begegnet. Gottes Allmacht wird erfahren, wenn auch nur indirekt, primär in seinem heilsgeschichtlichen Handeln (in seiner Herausführung aus Ägypten und in seiner Führung durch die Wüste sowie
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in der Gesetzgebung von Sinai), sekundär auch in der von ihm geschaffenen Natur (Gen 18, 14; 49, 24; Dtn 42. 4; 30; 33, 29; Ex 15; ljob 26, 5-14; 34, 10-18; 38, 4-12). Sein Handeln ist für die Menschen oft unerforschlich, ja erschreckend (Ijob 34, 22-33). Insbesondere bieten die Psalmen zahlreiche Texte für die Erfahrung von Gottes Allmacht, sei es in ihrer helfenden Güte, sei es in ihrer richtenden Gerechtigkeit. Auch die ältesten Gottesnamen El, El Schaddai, Elóhua) weisen auf die Erfahrung Gottes als des Lebendigen und Allmächtigen hin, dem niemand Widerstand zu leisten vermag (Gen 17, 1: 35, 11; 43, 14; 49, 25). Die Allmachtsaussagen sind existentielle Aussagen, sowohl in das politisch-gesellschaftliche als auch in das persönlich-individuelle Leben hinein.
Naturgemäß enthält das Alte Testament auch zahlreiche Lehraussagen über Gottes Allmacht. Sie bilden, wie man leicht feststellen kann, Reflexionen über die Gotteserfahrung (Jer 32, 17. 27; Ijob 32, 2; Pss 113, 11; 134, 5). Gott braucht keine Hilfe (Dt-Jes 44, 24) und kennt kein Hindernis (Jes 34, 13). Ein besonderer Ausdruck seiner Allmacht sind seine Wundertaten (Jes 18, 14; Pss 76, 15; 35, 18).
In der Septuaginta wird die Allmacht Gottes häufig mit dem Worte Pantokrator, in der Vulgata mit dem Worte Omnipotens wiedergegeben. Das erste ist im dynamischen, das zweite im statischen Sinn zu verstehen. Das erste drückt das allmächtige schöpferische Tun Gottes, das zweite die göttliche Allmacht als Eigenschaft unter anderen Eigenschaften aus. Die Allmacht muß man in dieser Sicht verstehen als die unendliche Vollkommenheit der aktiven Macht Gottes im nichtgöttlichen Bereich. Sie erstreckt sich auf alles, was nicht innerlich (seinem Wesen nach) unmöglich ist. Hierbei ist allerdings zu betonen, daß Gott selbst
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das Maß des Möglichen und des Unmöglichen ist. Infolge seiner Unbegreiflichkeit können wir nicht mit voller Sicherheit die Grenzen zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen abstecken, umso weniger, weil die Welt unserer Erfahrung in Gegensätzen (komplementär) gebaut ist.
h) Im Neuen Testament
Im Neuen Testament erweist sich Gottes schöpferische Allmacht vor allem in der Heilung und Heiligung des sündigen Menschen (Mk 14, 36; 10,27; Mt 19, 26; Lk 1, 37; Eph 3, 20). Die Umschaffung eines Sünders in einen gerechtfertigten Menschen setzt keine geringere Macht voraus als die Erschaffung der Natur (Mk 2, 1 -12). Gott übt seine Allmacht auch aus im Werke der Erlösung (Mk 1, 27f; Mt 28, 18; Joh 1, 3). Der Sohn hat all seine Macht vom Vater empfangen (Joh 5, 19-22). Er übt im Auftrage Gottes, des Vaters, in seinen Wundertaten Macht aus im Interesse des Heils und in dem Vollzug der Heilsgeschichte. Seine Machttaten sind Vorausnahmen und Vorentwürfe der endgültigen Weltgestalt, die Gott nach dem Urbilde des auferweckten und verklärten Christus zur Vollendung der gesamten Schöpfung wirken wird.
Die neutestamentliche Offenbarung der göttlichen Allmacht trägt wesentlich mehr als die alttestamentliche Macht Gottes den Charakter der Verhüllung. Die Macht Gottes sieht aus und kann aussehen wie Ohnmacht. Als sich Gott in Jesus innerhalb der menschlichen Geschichte selbst gegenwärtig setzte, hat er seine Macht gleichsam vor dem Tore der Geschichte niedergelegt (R. Guardini) und sich in die menschliche Schwäche hinein entäußert (Phil 2, 7). In Jesus ist Gott so hilflos, daß die Menschen seinen Gesandten
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vor ihr Gericht zitieren, verurteilen und hinrichten können. Gottes Macht wird aber nicht für immer verborgen bleiben. Sie wird vielmehr am Tage des Endes und der Vollendung der Geschichte mit solcher Gewalt hervortreten, daß sie sich in den für Gott bereiten Menschen und im ganzen Kosmos für immer als erfüllende Liebe und Wahrheit durchsetzen wird. Auch das Zeugnis von Gottes Allmacht ist eschatologisch zu interpretieren. Sonst wird es unsachlich und daher unglaubwürdig (R. Guardini, Der Herr, Würzburg 195110).
c) Der Allmachtsbegriff in der nominalistischen Theologie
In der spätmittelalterlichen Theologie wurde der Grund für das, was möglich und unmöglich ist, vielfach im freien Willen, nicht im Wesen Gottes gesehen, so daß Gott in freier Entscheidung tun könnte, was uns in unserer jetzigen Weltordnung unmöglich erscheint. So ergab sich in den extremen Formen dieser Theologie das Bild eines Willkürgottes (höchstwahrscheinlich bei W. Ockham und G. Biel. Vgl. W. Dettloff. Die Entwicklung der Akzeptations- und Verdienstlehre von Duns Scotus bis Luther mit besonderer Berücksichtigung der Franziskanertheologen, Münster 1963). Johannes Duns Scotus hielt sich von solchen Übertreibungen frei. (In derartigen Überlegungen tritt die Problematik des Naturrechts zutage.)
d) die kirchliche Lehre
Die kirchlichen Lehraussagen haben die Form von Glaubensbekenntnissen (s. DS 2; 69; 13; 15; 39; 54; 346; 428; 461; 709; 1782). Außerdem tritt der Glaube an Gottes Allmacht in Erscheinung in den kirchlichen
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Gebeten. Hierbei wird in der Ostkirche mehr das allmächtige (Pantokrator) Tun, in der abendländischen Kirche hingegen mehr das allmächtige Sein (deus omnipotens) bezeugt.
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