2. Kapitel

Die einzelnen Phänomene

a} Der Engel Jahwes

 

Von den vornizänischen Vätern wurden jene Gotteserscheinungen im AT, in denen der Bote Gottes, der Engel Jahwes auftritt, der auch selber Jahwe heißt und sonach von Jahwe verschieden und doch zugleich mit ihm eins zu sein scheint, als Offenbarung der Mehrpersönlichkeit Gottes verstanden. Der »Engel Jahwes« wird dabei in der Regel von den Vätern als der Logos gedeutet. Der Logos habe den Menschen erscheinen können, während der Vater in voller Unsichtbarkeit verharrt habe. Im Kampfe gegen den arianischen Mißbrauch dieser Erklärung wurde sie von einem Teil der Väter, insbesondere von Augustinus, aufgegeben. Diese Väter behaupteten, es sei der dreipersönliche Gott gewesen, dessen Gegenwart durch das Wort »Engel« kundgetan wurde. Es ist jedoch be-

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merkenswert, daß Augustinus mit dem Gedanken spielt, es könne sich auch eine einzelne göttliche Person, und zwar eine andere als der Sohn geoffenbart haben. Man darf sagen: Mit dem Ausdruck »Engel Gottes« ist Gott selbst gemeint, insofern er in die menschliche Geschichte eingreift, so daß seine Nähe vom Menschen erfahren wird. Der Ausdruck ist ein ferner Hinweis, daß es in Gott Identität und bis zu einem gewissen Grad, den die Schrift nicht näher erklärt, auch Nichtidentität gibt.

b) Das Wort Gottes

 

Insbesondere aber ist es das »Wort Gottes«, welches auf eine gewisse Pluralität in Gott hinweist. Das Wort Gottes wird dabei vielfach zugleich mit dem Geiste Gottes zusammengebracht. Das alttestamentliche »Wort Gottes« ist eine nicht übersehbare Vorbereitung auf den neutestamentlichen Logos. Es bedeutet sowohl das Tun Gottes wie auch den Urgrund oder den Mittler seines Tuns (Gen 1,3; Ps 33, 9; 107, 20; Jes 25, 10f; Sir 42, 15; 43, 26; Weish 9, 1; 18, 14). Wie Gott mit den Menschen spricht, indem er schöpferisch wirkt, so wirkt er schöpferisch, indem er spricht. Durch sein Wort ruft er die Welt ins Dasein, erhält sie und führt die Menschen zu den von ihm bestimmten Zielen. Durch sein Wort hält er Gericht über sie. Besonders ausdrücklich wird die wirkende und schöpferische Tragweite des Wortes dargestellt bei Dt-Jes 55, 10f. Wie das die Welt erhaltende und die menschliche Geschichte vorantreibende und gestaltende Wort zum Gerichtswort Gottes wird, bezeugt das Weisheitsbuch (18, 14-18). Das Wort ist es, welches das Handeln Gottes mit den Vätern vermittelt. Der Geist Gottes gewährt nach dem AT das Verständnis des Wortes.

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c) Der Geist Gottes

Der Geist Gottes wird geschildert als schöpferische göttliche Kraft oder vielmehr als Gott selbst, insofern er im Menschen und im Universum, in der Geschichte und in der Natur handelt. Da sich die göttliche Kraft besonders durch Hervorbringung und Erhaltung des Lebens bekundet, wird der Geist als Urgrund des Lebens betrachtet (Gen 1, 2; 2,7; 6, 3; Ps 104, 29f; 33, 6; 146, 4; IJob 12, 10; 27, 3; 34, 14f; Ez 37, 7-10; 2 Makk 7, 23). Der Geist Gottes ist es, welcher machtvoll in der Geschichte waltet und wirkt (Ex 33, 14-17; Ps 68). Er ist es insbesondere, welcher die Träger der Offenbarung erfüllt und leitet, so Joseph, Abraham, Mose, Gedeon usw. (Gen 41, 88; Num 11, 17; Ex 31, 1-5; Ri 6, 34; 14, 6), der namentlich die Propheten erleuchtet und zum Reden und Handeln treibt. Der Geist ist die Kraft, der Gott mit solchen Männern verbindet, die er in seine Sorge und in seinen Aufgabenbereich aufgenommen hat.

Der Geist wird vielfach auch als Heilsgrund für die Gläubigen bezeugt (Pss 51,12f; 143,10). Er schafft die Herzen um (Ez 36, 26-28). Er wird bald als ein von außen auf den Menschen einwirkendes, bald als ein im Menschen, sei es vorübergehend, sei es dauernd, tätiges Prinzip beschrieben. Er wird vielfach in Verbindung gebracht mit dem Messias (Jes32, 15-18; Dt-Jes 41, 1 ff; 42,1ff; 61,1). Seine Gaben werden im messianischen Reich Allgemeinbesitz werden (Ez 11, 19; 36, 26; 37, 12; 39, 29; Jer 31, 33; Jes 35, 5-10; Joel 2, 28f; Zach 12, 10). Er ist es, welcher an das Volk Israel die höchsten Glaubensansprüche stellt, der aber zugleich als Segen auf Israel herabkommen wird (Dt-Jes 44, 3). Gottes Bundestreue gegenüber seinem Volke wird verbürgt durch die Zusprechung seines Geistes (Dt-Jes

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59, 21). Weil Gottes Geist in der Mitte des Volkes weilt, ist nichts zu fürchten (Apg 2, 5). Nicht durch Macht und Gewalt, sondern durch Gottes Geist wird die Geschichte gestaltet (Zach 4, 5).

Eine besonders lebhafte Verbindung besteht zwischen Gottes Geist und dem kommenden Messias. Auf diesen wird sich der Geist des Herrn herablassen, der Geist der Weisheit, des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn (Jes 11, 2).

Im AT erscheint also der Geist als schöpferische Macht, in welcher Gott Leben, Heil und Heiligkeit wirkt. Zeichen seines Waltens ist das Unerwartete, das Geheimnisvolle, das Unerforschbare, das alles menschliche Handeln Überschreitende. Und doch bewirkt er es, daß es menschliche Initiative, menschliches Reden, Gestalten und Tun gibt. Er ergreift das menschliche Sein, so daß der Mensch zu sich selbst kommt, in sein eigenes Inneres eintritt, und zugleich führt er ihn über sich hinaus in die Sphäre Gottes. Er öffnet dem Menschen sein eigenes Inneres. Ja, er schafft in ihm ein neues Innen, eben das göttliche, und zieht ihn da hinein.

Diesen so geschilderten Geist hat der alttestamentliche Gläubige nicht als eine eigene göttliche Person verstanden. Er sah vielmehr in ihm den einen machtvoll und herrscherlich die Natur und die Geschichte gestaltenden lebendigen Gott in seiner weltzugewandten Wirksamkeit. W. Eichrodt (Theologie des AT II, Leipzig 1939, 26) gibt folgende Charakterisierung: »Diese direkte Bindung des Geistes an den heiligen Personwillen des Weltgottes steht sichtlich mit der starken Unmittelbarkeit, mit der die Propheten überall Gott selbst am Wirken sehen, im Zusammenhang und ist nur ein Stück der ungeheuren Konzentration des Gottesge-

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dankens, die sich in ihrer Verkündigung vollzieht.« Der Geist bezeichnet das Handeln Gottes im Leben des Einzelnen, vor allem im Leben der für besondere Aufgaben Berufenen und im Leben des Volkes Israel. Gelegentlich steht der Ausdruck für Geist (ruach) geradezu für Gott: »Wohin könnte ich gehen vor deinem Geiste, wohin fliehen vor deinem Angesichte« (Ps139, 7). Der alttestamentliche Geistbegriff stellt also eine Dramatisierung und eine Personifikation dar.

Es läßt sich nicht verkennen, daß dem alttestamentlichen Geistbegriff eine gewisse Neigung zur Personalität innewohnt. Man kann in der Tat im Lichte der neutestamentlichen Offenbarung in den vom Geiste Gottes redenden Stellen einen ersten und leisen Hinweis auf die dritte göttliche Person sehen. So betet denn auch die Kirche z. B. Psalm 104 in der Pfingstliturgie.

d) Die Weisheit

Ähnlich steht es mit dem alttestamentlichen Weisheitsbegriff. Die Weisheit ist mit Gott selbst identisch, doch wird sie vom Buche Ijob an mit fortschreitender Deutlichkeit personifiziert (28, 12-28). Im Buche der Sprüche wird sie geschildert, wie sie hoch oben über der Straße oder am Tore, wo man die Stadt verläßt oder wo man zur Stadt hereinkommt oder dort, wo sich die Wege kreuzen, die Menschen anruft, sie zu sich einlädt, ihnen ein Mahl bereitet und wertvolle Güter spendet (8 und 9). In solchen und vielen verwandten Texten liegt eine dichterische Einkleidung vor, zugleich aber werfen sie jenes Licht voraus, in welchem die zweite göttliche Person ihre Konturen gewinnt.

 

 

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