1. HAUPTABSCHNITT
Die Reihenfolge von Gott und Trinität
Vorbemerkung
Wenn in diesem Bande von Gott dem Einen und dem Dreieinen gehandelt wird, so geschieht es derart, daß dieses Problem als Voraussetzung und Grund für die Christologie dargestellt wird. Damit kommen wir sogleich zu dem Hinweis auf eine große Änderung gegenüber der ersten Auflage. Diese wurde zwar schon im ersten Band angedeutet, soll aber noch einmal hervorgehoben werden.
Seit Petrus Lombardus im 12. Jahrhundert ist es üblich geworden, die Gotteslehre und die Trinitätslehre voneinander zu trennen, so daß die Trinitätslehre fast wie ein Anhang zur Gotteslehre aussieht. Dies ist umso verhängnisvoller, weil der Trinitätsglaube die Zentralwirklichkeit für das christliche Denken und Leben darstellt. Mit der genannten Methode ist auch für die christliche Frömmigkeit eine verhängnisvolle Folge eingetreten. Die Trinität spielt im christlichen Gebet im großen ganzen keine oder eine geringe Rolle.
Trotz dieser Unstimmigkeit in der genannten Reihung der Themen soll jedoch im Gegensatz zu der ersten Auflage im vorliegenden Bande die Lehre von der Trinität wieder aus der Christologie herausgenommen und in die Gotteslehre transferiert werden. Dies bedeutet in einem gewissen Sinne eine Rückkehr zu der traditionellen Methode. Es bleibt jedoch eine tiefgreifende Verschiedenheit. Die Trinitätslehre soll nämlich nicht nach, sondern innerhalb des Traktates, welcher die Gotteslehre genannt wird, besprochen werden. Dies gelingt nicht ohne den ständigen Bezug auf Jesus
1
Christus. So wird eine Antinomie offenbar. Die Erörterung der Trinitätslehre setzt die Christologie voraus, da Christus durch seine Gestalt, sein Leben, sein Reden und sein Wirken Gott als Dreieinigen geoffenbart hat. Umgekehrt aber setzt die Christologie wieder die Trinitätslehre voraus, da Jesus Christus der Gesandte, der Sohn Gottes ist. Es ergibt sich also ein circulus. Dieser ist aber nicht fehlerhaft (circulus vitiosus). Er liegt vielmehr in der Sache, nämlich in der Korrelation von Gott und Christus begründet. Wenn in diesem Bande aus der Spannung der zwei Pole Gott an die erste Stelle gesetzt wird, so entspricht dies der Gesamtstruktur der göttlichen Offenbarung, wenngleich unsere Erkenntnis in Christus ihren Ausgang nimmt. Gerade dies legitimiert wiederum die in diesem Buche eingehaltene Reihenfolge. Denn Christi Bewußtsein ist zuerst Gottesbewußtsein und an zweiter Stelle Sohnesbewußtsein. Auf jeden Fall ist er wahrhaft Mensch. Für das Verständnis dieses Satzes ist die Frage zu beantworten: Was ist der Mensch? Auch hier ergibt sich ein circulus. Wie nämlich auf der einen Seite die Frage beantwortet werden muß, was ein Mensch sei, um zu verstehen, was mit dem Satz gemeint ist, Christus sei wahrer Mensch, so wird umgekehrt auch wieder durch Jesus Christus in das Licht gesetzt, was ein Mensch sei. Auch von diesem circulus gilt, daß er seinen Grund in der Sache selbst hat und daher nicht ein fehlerhafter, sondern ein richtiger und notwendiger Zirkel ist. So ist die angegebene Antinomie unvermeidlich (vgl. R. Heinzmann, Die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung des Leibes, Münster 1965). Es werden also auch die theologische Anthropologie, ja die theologische Kosmologie vor der Christologie in den Grundzügen behandelt, als deren Voraussetzung, und in einem späteren Band nochmal aufgenommen.
2