2. ABSCHNITT
Die Personalität Gottes als Dreipersonalität
1. Kapitel
Methodische Vorbemerkung
a) Orthodoxie und Orthopraxie
Der zentrale Inhalt der göttlichen Selbsterschließung ist die Dreipersonalität Gottes. Jesus hat freilich nirgends und nie rundheraus gesagt, daß Gott dreipersönlich ist. Derartiges wäre völlig unmöglich gewesen, weil es von den Zeitgenossen infolge des für sie maßgebenden strengen Monotheismus auf keine Weise hätte verstanden werden können.
Es ist angebracht zu betonen, daß wir nicht nur durch die Art, wie Jesus von Gott redet, die Botschaft von Gottes Dreipersonalität empfangen, sondern durch seine ganze Erscheinung. In Jesus, durch seine Persönlichkeit, sein Tun und sein Wort erfahren wir also, wer der alttestamentliche Gott Jahwe ist, wie wir umgekehrt durch die Verkündigung über Gott erfahren, wer Jesus ist. Es zeigt sich, wie noch mehrfach betont werden muß, daß der alttestamentliche Gott im Lichte des Neuen Testamentes und in der Formulierung der Alten Kirche als erste göttliche Person im dreifaltigen Leben Gottes verstanden werden muß.
Die fundamentale Bedeutung der trinitarischen Got-
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tesvorstellung für das Gesamtverständnis des Christentums rechtfertigt es, an den heilsgeschichtlichen Ausgang zu erinnern. Wenn Jesus die Himmelsherrschaft bzw. die Gottesherrschaft proklamiert, so ist dies, entsprechend dem alttestamentlichen Monotheismus, die Proklamation des einen Gottes als des heilschenkenden Herrn (vgl. Dtn 6, 4; Mk 12, 28-34). Das ist gerade das Verhängnis der nichtbiblischen Religionen, daß sie an Stelle des einen Gottes die vielen Götter als die Personifikationen verführerischer oder auch drohender Naturkräfte verehren (Röm 1, 18-32; Apg 17, 23-31). Die Einzigkeit Gottes darf allerdings für den Christen nicht leere Orthodoxie sein. Sie muß auch Orthopraxie sein. Sonst ist sie wertlose Hülse. Man kann den einen Gott im Worte bejahen und doch ein Ungläubiger sein (Mk 9, 19 mit Dtn 6, 47; Jak 2, 19). Nur wer sich dem einen Gott anvertraut, auf ihn hofft, sich durch keine Furcht von ihm abbringen läßt, ihm keine irdische Lust vorzieht, nimmt den einen Gott ernst (Röm 4, 3-18; 3, 10f; Apg 5, 19; Gal 4, 8f; Mt 6, 24; Phil 3,19). Dieser erfährt denn auch die Geborgenheit in Gott und braucht vor den Gewalten der Welt keine Angst zu haben (Röm 8, 38f; 1 Kor 8, 4ff; Röm 3, 38f). Die Verführungskunst des Heidentums mit seiner großartigen Kultur, seinem Glanz, seinem Lebenskult wird in der Schrift als bedrohliche Macht eingeschätzt. Der an den einen Gott glaubende Christ darf indes nie vergessen, daß der eine Gott kein Phantom, daß er vielmehr der Herr ist, neben dem es keinen anderen höchsten Herrn gibt, der Herr über die Welt (Mk 10, 6; Mt 11, 25; Röm 4, 17; 1 Kor 8. 6; Röm 9, 20; Offb 4, 7-11; Mt 6, 25-33; Lk 12, 20; Mt 10, 28; 25, 24), über die Menschen und deren Schicksal. Er ist der Herr, welcher Liebe ist (1 Joh 4,8. 16). Der Mensch ist ihm gegenüber verantwortlich.
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b) Gott als Vater im A T
Diese Verantwortung wiederum ist jene gegenüber dem Vater. Auch im außerbiblischen Bereich und im Alten Testament wird Gott mehrfach Vater genannt.
K. H. Schelkle (Gott der Eine und Dreieine, in: K. H. Schelkle, Wort und Schrift, Düsseldorf 1966, 87f.) sagt: »Aber gegenüber dieser griechischen Religiosität ist das Neue der Predigt Jesu: In einer Gebetsformel wie jener von Zeus als dem Vater der Götter und Menschen ist Gott Vater als physischer Urgrund der Welt. Welt und Mensch sind aus der Gottheit als dem einen umfassenden Sein hervorgegangen. In der Predigt Jesu (wie in der ganzen Bibel des Alten und Neuen Testamentes) enthält der Vaterbegriff nichts vom Gedanken des naturhaften Zeugens, sondern nur den des mächtig-heiligen Erschaffens, das die dauernde Vaterliebe Gottes begründet. So Js 64, 7: 'Jetzt aber Jahwe, du bist unser Vaterl Der Ton sind wir, unser Bildner bist du!' Und von der Vaterliebe Gottes sagt Ps 103,13: 'Wie ein Vater sich über seine Kinder erbarmt, erbarmt sich Jahwe über die, die ihn fürchten.' Und endlich ein späteres Zeugnis aus Israel, Sir 51, 5-10: 'Herr, mein Vater bist du, mein Gott und hilfreicher Held!' Auch das alttestamentliche Judentum nennt Gott also Vater. Jedoch geschieht es sehr selten gegenüber der allein üblichen Anrede, die lautet: Herr oder König, so daß man erkennt, Gottes Vatersein ist nicht das, was der FRömme als das Bestimmende im Gottesverhältnis empfindet. Im späteren Judentum zumal ist die Kraft des Glaubens an den Vater und Schöpfer immer geringer geworden. ... Es ist nicht zufällig, daß in den vielen, oft schönen und tiefen Gebeten, die in den Rollen von Qumran gefunden wurden, Gott nie als Vater angeredet wird. Die gewöhnliche Anrede ist: Herr.
Gegenüber diesem Judentum ist das Neue, daß für Jesus Gott der Nahe, die gegenwärtige Macht ist, als Herr und Vater jeden umfangend, begrenzend und fordernd. Dem jüdischen Gottesglauben ist die Nähe Gottes wenigstens in dieser Zuversicht und Gewißheit fremd. Gott war der Gott der Väter und ist der Gott der Verheißung. Doch der Gegenwart ist er verborgen. Und gegenüber griechischer Religiosität gilt: Der Gedanke, daß das innerste Wesen Gottes seine Liebe ist und daß der Mensch darauf mit kindlichem Vertrauen antworten darf, das gläubige Bewußtsein des Geborgenseins in Gottes Händen, das Jesus die Jünger lehrt, ist der griechischen Gottesvorstellung fremd. Für die ganze griechi-
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sche Religiosität gilt der Satz des Aristoteles (Große Ethik 2, 2, 1208): ,Es wäre ja Unsinn, wenn einer Zeus lieben wollte!' Daß Gott auch außerhalb des christlichen Glaubens Vater genannt wird und doch dieser tiefe Unterschied besteht, wußte auch schon ein Mann wie Clemens von Alexandrien (StRöm. 6, 17): .Nicht auf den Ausdruck soll man achten, sondern auf die Bedeutung. So sagt auch Homer: Vater der Menschen und Götter, ohne zu wissen, wer der Vater ist und wie er ist.'
Das neutestamentliche Neue findet seinen Ausdruck in der Anrede des Gebetes, das Jesus seine Jünger lehrt. Gegenüber der prunkvollen, pathetischen, oft liturgisch schönen, aber auch überladenen Gebetsanrede des Judentums, wie etwa im Achtzehn-Bitten-Gebet. das bis in die Zeit Jesu zurückreicht und das der fRömme Jude täglich dreimal zu sprechen hatte: Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobsl Höchster Gott, Schöpfer von Himmel und Erdel Unser Schild und Schild unserer Väter! — gegenüber all dem lehrt Jesus die schlichte Anrede .Vater' ... Die Botschaft vom Vatertum Gottes ist nach der Synopse Kernstück des Evangeliums Jesu. Auch Paulus hat das Evangelium so aufgenommen und weitergegeben. Nach Paulus macht es das Innerste des christlichen Gottesglaubens aus, daß wir rufen dürfen: Abba, Vater (Gal 4, 6f; Röm 8, 15). (Siehe auch J.Jeremias, Jesu Verheißung für die Völker, Stuttgart 1956. Derselbe, Kennzeichen der ipsissima vox Jesu, in: Abba, Studien zur neu testamentlichen Theologie und Zeitgeschichte, Göttingen 1966).
Das Wort »Vater« kann uns einen Zugang zu Gottes Dreipersonalität eröffnen, aber auch verschließen. Es hat innerhalb des christlichen Glaubens eine mehrschichtige Tiefe. Es mag uns einen Schritt weiterführen, wenn wir sein Korrespondenzwort ins Auge fassen, das Wort »Kind« bzw. »Sohn«.
Im nachexilischen jüdischen Denken wird Gott immer häufiger »Vater« des Volkes Israel genannt. Dieses ist unter allen Völkern der Erde Gottes »eingeborener Sohn«. Der einzelne ist Gottes Sohn als Glied seines Volkes. Die Gottessohnschaft ist also primär kollektiv verstanden.
Der Grund für den Ausdruck »Vater« bzw. »Sohn« liegt darin, daß Gott sich Israel als sein Volk erwählt
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und geschaffen hat (Dt-Jes 63, 7 - 64, 12; Dtn 32, 1-43) und ihm in Vatergüte stets nahe ist (Jes 1, 2; Dtn 8, 5; ps 103,13). Das Wort gewinnt jedoch bald einen universalen Klang (Dtn 32, 6; Mal 1, 6; 2,10). Gott ist der Vater aller Menschen und der ganzen Welt, weil er der Schöpfer ist (Deutero-Jesajas; Dtn 32). Nach der stoischen Philosophie ist jeder Mensch als Glied der ganzen göttlichen Welt gottverwandt und Gottessohn. Gott bleibt jedoch Israels Vater mit besonderer Zärtlichkeit, ja Mütterlichkeit, Vater des ganzen Volkes und auch der einzelnen, besonders der Armen und der Schwachen (Ps 8, 67) sowie der Gerechten. Dieser alttestamentliche Vaterbegriff darf als Vorbereitung des innergöttlichen Vaterbegriffs verstanden werden (s. R. Schulte, in: Mysterium salutis II, 1967).
c) Gott als Vater im NT
Im Neuen Testament ist die Gotteskindschaft nicht etwas, worüber der Mensch von sich aus frei verfügen könnte. Der wirkliche Mensch ist von sich aus immer der verlorene Sohn des Gleichnisses (Lk 15, 11-24). Von sich aus hat er keinen Anspruch, der Sohn zu sein. Erst des Vaters frei geschenkte Vergebung macht den Sohn zum Sohn. Erst wenn der Vater spricht: Dieser Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, und ihn aufnimmt, ist der Mensch in Wahrheit Gottes Sohn und des Vaters Kind. Daß Gott so zum Sünder spricht und so an ihm handelt, ist dann allerdings das, was Jesus zu verkünden hat. Gottes Vaterschaft und des Menschen Kindschaft sind also für den Menschen nichts Natürlich-Selbstverständliches.
»Das Neue Testament nennt darum Gott auch nicht einfachhin den Vater, sondern zuerst 'den Vater unseres Herrn Jesus Christus' (2 Kor 1, 3; 11, 31). Gottes
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Vaterschaft und des Menschen Kindschaft sind offenbart und erst wirklich geschaffen durch den, der Sohn in ganz einzigartigem Sinn ist, der .eine liebe Sohn' (Mk 1, 11) der ,eigene Sohn' (Röm 8, 32). Aus dem Schoße des Vaters brachte er die Offenbarung (Joh 1, 18). Erst in ihm, als dem Versöhner, haben wir Zugang zum Vater und Freiheit vor ihm (Eph 3, 12). Aber so, sagt Paulus, darf die Kirche das Gebot ihres Herrn wiederholen und von Herzen rufen: ,Abba, lieber Vater' (Röm 8, 15)« (K. H. Schelkle, a.a.O., 88f).
d) Gott als Herr und Vater
Gott ist also ein einziger Gott. Er ist Herr und zugleich Vater. Er ist aber Vater in wesentlich verschiedenen Weisen. Er macht sich zum Vater der Menschen, indem er deren Sünden vergibt, d. h. die Trennung zwischen sich und den Menschen aufhebt. Er ist die schöpferische Liebe, die den Sünder in einen Gottessohn verwandelt. Dies ist etwas völlig Neues in der Geschichte. Diese Umwandlung geschieht durch den, der nicht erst durch Gottes Vergebung Sohn war, sondern von seinem Wesen her Gottes Sohn ist. Indem Jesus in Gemeinschaft trat mit den Zöllnern und Sündern, wurden diese Söhne Gottes.