2. HAUPTABSCHNITT
Die Dreipersonalität Gottes
nach ihrem Inhaltskern
1. ABSCHNITT
Die Personalität Gottes im allgemeinen
1. Kapitel
Problematik des Personbegriffs
Zur Erhellung der Problematik des Personbegriffs, der dem fernöstlichen Denken unbekannt ist, sei auf Fichte, Hegel und Schopenhauer verwiesen.
J. G. Fichte (gest. 1814) hat im sogenannten Atheismus-Streit 1798/99 erklärt, Gott könne nicht Person genannt werden, weil er sonst gegenüber der Dingwelt oder auch der Menschenwelt oder jeder von diesen beiden Realitäten endlich sein müßte, da er durch diese begrenzt wäre. Dagegen wandte sich Hegel mit der Begründung, daß zum Wesen der Person zwar das Gegenüber gehöre, daß dies aber kein Grund sei, eine Begrenzung anzunehmen. Denn zur Person gehöre es, daß sie sich in ihr Gegenüber, sei es in die Dinge, sei es in das Du entäußere und sich auf diese
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Weise im anderen wiederfinde, und zwar in dem Maße, in dem sie sich entäußert. Der Mensch kann sich allerdings nicht vollständig in das andere hinein entäußern und ist daher nicht im vollen Sinne Person.
Unter dem Einfluß des Buddhismus sah A.Schopenhauer (gest. 1860) in der personhaften Vereinzelung den Grund für das Urleid, das nach Erlösung durch das Aufgehen in den Allwillen ruft. Hegel sah in der Person ein bloßes Durchgangsmoment in der Entwicklung der absoluten Idee. Er legte so den geistigen Grund für die kollektivistischen Ansichten des dialektischen Materialismus. Nietzsche verkündet seinerseits sowohl einen extremen Kollektivismus (die »vielen«, »allzuvielen«) als auch den extremen Individualismus (der Übermensch).
W.Brugger, Philosophisches Wörterbuch, 14.Aufl., Freiburg 1976, erklärt die Person so: »Sie ist ... ein mit einer geistigen Natur ausgestattetes Einzelwesen in seiner nicht mitteilbaren Besonderheit, daher nicht Es, sondern Er.« Wesentlich gehört zur Person die Befähigung zum Selbstbewußtsein und zur freien Selbstverfügung.
In der Heiligen Schrift begegnet uns die Lebendigkeit Gottes als personale Wirklichkeit. Der Ausdruck »Person« selbst ist keineswegs biblisch. Er ist vielmehr lateinischen Ursprungs (Übersetzung des griechischen Prosopon). Seine Einführung in die Theologie erfolgte in der Christologie und in der Trinitätslehre. Was die Sache selbst betrifft, so ist die Personalität Gottes, ja sein personales Sein überhaupt, zuerst in der Gotteserfahrung der Offenbarung, nicht durch natürliche philosophische Bemühungen erkannt worden. In der Begegnung mit dem geschichtsmächtigen Gott wurde dieser als jene Wirklichkeit erfahren, welche wir mit dem lateinischen Ausdruck Person zu bezeichnen pfle-
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gen. Das Wort Person wurde wenigstens bis zu einem gewissen Grade für geeignet gehalten, die Wirklichkeit Gottes in ihrer Lebendigkeit, in ihrem geschichtsmächtigen Handeln, in ihrem Selbstbesitz und in ihrer Freiheit zu charakterisieren.
Die griechische Philosophie hat den mit den Begriffen »Prosopon« bzw. Hypostase (das darunter Stehende) gemeinten Inhalt ebensowenig entwickelt, wie die lateinische den entsprechenden Begriff suppositum (das darunter Gestellte) vor Boethius (gest. 524) entfaltete, wenngleich diese Termini gebraucht wurden. Es bedurfte von seilen der christlichen Theologen einer großen Anstrengung, bis sie auf Grund der in der Schrift bezeugten Gotteserfahrung das den Griechen entlehnte Wort Prosopon-Person und dessen Gegenstück, das Wort Usia (= Natur), mit Inhalt füllen konnten. Die Hauptarbeit leisteten Tertullian und Augustinus. Die erste Definition des Begriffes »Person« stammt eben von Boethius. Im Zusammenhang mit der Christologie gab er von der Person die Wesensbestimmung: Person ist nach ihm die individuelle Substanz einer vernunftbegabten Natur. Im 12.Jahrhundert hat Richard von St.Viktor im Rahmen der Trinitätslehre diese Definition korrigiert und folgende Wesensbestimmung unternommen: Die Person ist die unmitteilbare Existenz eines geistigen Wesens. Auf jeden Fall ist die Entdeckung der mit dem Begriff »Person« verbundenen menschlichen Würde dem Christentum zu verdanken.
So unentbehrlich der Begriff der »Person« für die Theologie auch ist, so darf man doch seine Schwierigkeiten nicht gering schätzen. Man kann angesichts des Widerstandes namentlich von seiten der fernöstlichen Menschen gegenüber dem Personbegriff sich fragen, ob es nicht besser wäre, ähnlich wie die Heilige Schrift
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selbst, den Begriff »Person« so wenig wie möglich zu verwenden, und statt dessen den Inhalt selbst sprechen zu lassen. Im Interesse klarer Aussagen in der Trinitätslehre und in der Christologie wird man allerdings nicht auf ihn verzichten können, wenngleich er für den Glauben geradezu gefährlich werden kann.
Wenn gegen den Ausdruck Bedenken erhoben wurden und werden, so kommen sie aus der Erfahrung des irdischen Personseins und aus der Vielfältigkeit seiner begrifflichen Verwendung in der Neuzeit. Mit dem Begriff der irdischen Person ist nämlich der Begriff der Abgrenzung, d. h. aber der Endlichkeit verbunden (Fichte, Schopenhauer). So schien nicht nur den fernöstlichen Menschen, sondern auch manchen abendländischen Denkern, vor allem den Mystikern die Anwendung des Begriffs »Person« auf Gott gefährlich, ja unmöglich zu sein.
Man kann den Personbegriff auf Gott nicht im Sinne unserer alltäglichen Erfahrung anwenden. Dies ist schon deshalb unmöglich, weil Gott nicht einpersonal, sondern dreipersonal ist. Die Dreipersonalität erschwert noch einmal das Verständnis und die Verwendung des Personbegriffes in der Theologie. Gerade sie läßt ihn allerdings auf der anderen Seite fast als unvermeidlich erscheinen. Gerade weil die Schwierigkeit des Begriffes empfunden wurde, hat Richard von St.Viktor im 12. Jahrhundert eine Neubildung versucht.
Hier ist besonders wichtig, an das Moment der Analogie zu erinnern. Dies will sagen, daß Gott in einer anderen Weise Person ist als der Mensch. Dieses Anderssein muß in unserem Fall besonders stark akzentuiert werden, damit die Formel von »drei Personen« nicht eine Dreigötterlehre beschwört. Das Personsein im menschlichen Sinn muß man von Gott leugnen.
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Man muß aber sogleich wiederum das Personsein in einem anderen, in einem dem menschlichen Personsein entgegengesetzten und dunkel bleibenden Sinn bejahen. Diese Dialektik kann dazu führen, daß einerseits die Personhaftigkeit Gottes überhaupt abgelehnt wird, daß sie andererseits allzu unbedacht und unbesehen von Gott ausgesagt wird.