3. ABSCHNITT

Der eine Gott als Vater Jesu

Das alttestamentliche Gottesvolk hat Gott als den lebendigen und gnädigen Wirker der Geschichte erfahren. Die neutestamentliche Botschaft von Gott bestätigt die alttestamentliche Gotteserfahrung. Aber der im Alten Testament mächtig hervorgetretene Gott wird im Neuen Testament der Vater Jesu Christi genannt. Wie schon einmal betont wurde, ist mit dem Worte »Gott« in dieser Redeweise nicht der trinitarische Gott gemeint, sondern die erste göttliche Person. Der eine alttestamentliche Gott, der ursprungslose Ursprung des Sohnes und des Geistes, wird im Neuen Testament einfach als »Gott« schlechthin, als »der« Gott bezeichnet. Zur Benennung Jesu Christi wird das Wort Gott im neutestamentlichen Schrifttum sehr selten und sehr zurückhaltend (vielleicht gar nicht) gebraucht. Erst recht finden wir keine neutestamentliche Stelle, in welcher der Heilige Geist förmlich Gott genannt wird (siehe 1. Abschnitt).

Gerade die vom Alten und vom Neuen Testament bezeugte Einzigkeit Gottes einerseits und die vom Neuen Testament bezeugte Sohnschaft Jesu andererseits stellen in der nachapostolischen Zeit eines der schwierigsten theologischen Probleme dar. Jahrhunderte hindurch schien es unmöglich zu sein, den alttestamentlichen Monotheismus mit der neutestamentlich bezeugten Gottessohnschaft Jesu in Einklang zu bringen. Es bedurfte der äußersten Anstrengung des Denkens, bis das Problem seines scheinbaren Widerspruches entkleidet war. Die Hauptstationen der Lösung waren die Konzilien von Nikaia (325), von Ephesus, (431) und von Chalkedon (451).

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Es ist also der alttestamentliche Gott Jahwe jener Gott, den Jesus als seinen Vater anruft. Dieser Gott ist identisch mit dem im Neuen Testament »Vater« genannten Gott, d. h. mit der ersten göttlichen Person. Der Gott der Schöpfung und der Verheißung ist der Gott der Erlösung und der Erfüllung und umgekehrt. Der Gott der Gerechtigkeit ist der Gott der Liebe und umgekehrt.

Wenn Jesus ihn seinen Vater nennt, so drückt sich darin die einmalige Eigentümlichkeit seines Gottesbewußtseins und Sohnesbewußtseins aus. An sich ist die Bezeichnung Gottes als des Vaters in der alten Welt weit verbreitet. So wurde z. B. der griechische Gott Zeus Vater des Alls genannt.

Im Alten Testament wurde Gott der Vater des Königs genannt (2 Sam 7, 14). Später, nach dem Untergang des Königtums, und in der Exilszeit und nach ihr erscheint Gott als Vater des Volkes Israel. Das Wort Vater hat kollektive Bedeutung gewonnen.

Im Neuen Testament wird der vor allem als Vater Jesu Christi erscheinende Gott durch die Gemeinschaft mit Jesus Vater aller Gläubigen, ja aller Menschen (siehe Bd. 4).

 

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