5. Kapitel

Der Heilige Geist in den synoptischen Evangelien

und in der Apostelgeschichte

 

Die ganze neutestamentliche Geistlehre ruht auf der alttestamentlichen. Dies gilt auch von dem Geistzeugnis der Synoptiker.

Es sei sogleich zu Anfang betont: Für den Heiligen Geist gibt es in der Schrift nicht wie für die zweite göttliche Person eine eigene Personalbezeichnung, da Geist und heilig, wie Augustinus betont, allgemeine Gottesbezeichnungen sind. Auf Grund der von ihm ausgesagten Funktion könnte man ihn das Klima des

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göttlichen Lebens oder die Lebenssphäre Gottes nennen (siehe meine Katholische Dogmatik II, 6.Aufl., 1965).

a) Das vorbereitende Zeugnis vom Gottesgeist im A T

 

Im Alten Testament wird der Geist mit Gott identifiziert. Er verweist auf die Heilswirkungen Gottes in der Welt. Er ist Gott, und er ist eine göttliche Kraft. Da sich die Kraft besonders durch Hervorbringung und Erhaltung des Lebens bekundet, wird der Geist als Urgrund des Lebens betrachtet (Gen 1, 2; 2, 7; 6, 3; Pss 33, 6; 104, 29f; 146. 4; Ijob 12, 10; 27, 3; 34,14f; Ez 37, 7-10; 2 Makk 7, 23). Der Geist Gottes ist es, welcher machtvoll in der Geschichte waltet und wirkt (Ex 33, 14-17; Ps 68). Er erfüllt und leitet die Träger der Offenbarung. Er erleuchtet die Propheten und treibt sie zum Reden und Handeln. Der Geist ist die Kraft, die Gott mit denen verbindet, die er in seine Sorge aufgenommen hat. Vielfach wird der Geist auch als Heiligungsgrund für die einzelnen Gläubigen bezeichnet. Die Geistesgaben werden im messianischen Reich Allgemeinbesitz werden. Die Geistlehre des Alten Testamentes hat daher eschatologischen Charakter. Der Geist Gottes erscheint im Alten Testament nicht als Person. Er erfährt jedoch im Laufe der Zeit immer mehr eine Personifizierung. Der neutestamentliche Geistesglaube unterscheidet sich von dem alttestamentlichen vor allem dadurch, daß nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes der im Alten Testament als eschatologische Heilsgabe erhoffte Geist über die Glaubenden in einer wunderbaren Weise ausgegossen ist, daß also die Verheißung erfüllt ist (Joel 2 28-39; Dt-Jes 44; Ez 36, 26f; 37, 14; 39, 29).

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b) Die Funktion des Gottesgeistes im Leben Jesu

Der Geist spielt im Leben und im Wirken Jesu eine ausschlaggebende Rolle (Mt 1, 18. 20; 3, 11. 16; 4, 1; 12, 18. 28; 12, 31f; 28, 19; Mk 1, 8. 10. 12; 3, 29; 13, 11; Lk 1, 15. 35. 41. 67; 2, 26ff; 3, 29; 4, 1. 14; 10, 21; 12, 12 usw.». In der Taufe Jesu sehen die Synoptiker die Herabkunft des Geistes auf den messianischen Gottesknecht (Mk 1, 10f; Ps 2, 4-7; Jes 11, 2; Dt-Jes 42. 1; 61, 1; Apg 4, 27; 10, 38). Auf ihm ruht gemäß der Schriftverheißung der Geist des Herrn. Mit Hilfe des Geistes bricht Jesus die Satansherrschaft (Mt 12, 28; Lk 11, 20). Wer sein Wirken als satanisches Tun versteht, verstößt gegen den Heiligen Geist (Mt 12, 31f; Lk 12.10; Mk 3, 29f). Er sagt von Geist (ein sicher authentisches Wort Jesu): »Jede Sünde und jede Lästerung wird den Menschen vergeben, aber die Lästerung wider den Heiligen Geist wird nicht vergeben werden. Auch was einer wider den Menschensohn redet, wird ihm vergeben werden, was einer aber wider den Heiligen Geist redet, wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt« (Mt 12,31f; Lk 12, 10; Mk 3, 29f wird die Lästerung Jesu gleichgesetzt mit der Sünde wider den Heiligen Geist). Die ausdrücklichsten Worte über den Heiligen Geist richtete Christus nicht an die großen Massen, sondern an den kleinen Kreis seiner Jünger: »Wenn man euch vor die Synagogen, vor die Obrigkeit und die Behörden führt, seid unbesorgt, wie und womit ihr euch verantworten oder was ihr sagen sollt. Der Heilige Geist wird euch in jener Stunde lehren, was ihr sagen sollt« (Lk 12, 11ff). Den Heiligen Geist versprach Christus seinen Jüngern auch vor der Himmelfahrt (Apg 1, 8). Während Johannes nur mit Wasser taufte, sollten die Apostel innerhalb weniger Tage eingetaucht werden in den Heiligen

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Geist. In der Kraft dieses Geistes werden sie dann dem Herrn Zeugen sein in Jerusalem, in Judäa, in Samaria und bis an die Grenzen der Erde.

 

c) Die Funktion des Gottesgeistes in der wachsenden Kirche

 

Der Geist kam auf die ganze in Jerusalem versammelte Gemeinde der Christusgläubigen in auffallender Weise (Apg 2, 1-5), aber auch in zahlreichen anderen Fällen und Formen (z. B. Apg 2, 39f). Er leitet und führt fortan unsichtbar die Kirche. Er ist in jedem Geschehen der Haupttätige (Apg 2, 1-5; 5, 3. 9. 32; 15, 28). Er sondert Paulus zur Predigt bei den Heiden aus (13, 2-4). Er ist der unsichtbare Leiter seiner Missionstätigkeit. Er treibt ihn von dem Arbeitsfeld Asiens fort zu den Erntefeldern Europas (16, 6f). Er sagt ihm die Leiden und Ängste der Gefangenschaft voraus, die seiner harren (20, 22f; 21, 10f). Weil die Kirche vom Heiligen Geist gelenkt wird, ist die Lüge des Ananias und der Saphira ein Vergehen gegen den Heiligen Geist (5, 3. 9). Eine besondere Form der Geistmitteilung wird aus Samaria (8,14-17) und aus Ephesus (19) berichtet. Aufschlußreich ist vor allem die Erzählung über den Vorgang in Ephesus. Dort traf Paulus Jünger des Johannes des Täufers an, welche vom Heiligen Geist noch nichts gehört hatten. Paulus verkündete ihnen diesen nicht bloß, sondern teilte ihnen denselben durch Handauflegung auch mit. Der Geist wird zwar in der Apostelgeschichte, in Fortführung alttestamentlicher Vorstellungen, oft als Kraft Gottes, als Geschenk Gottes, als Heiligungsgrad beschrieben (1, 8; 2, 17f; 2, 38; 2, 4; 4,8; 8,39; 8, 15-19; 9.17; 10,44.47; 13, 9.52 usw.). Aber häufig trägt er persönliche Züge. Er ist in den Christusgläubigen tätig, besonders in den Apo-

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steln und in sonstigen hervorragenden Gliedern der Gemeinde (vgl. noch Apg 4, 8. 31; 6, 3; 7, 55; 8, 15. 17f; 9, 17; 10, 44f; 11, 5. 24; 13, 9; 19, 2. 6. 21). Er ist der Inspirator der Schrift (1, 16; 4, 25; 7, 51; 28,25). Er steht jedoch nicht nur in Beziehung zu den Menschen, sondern auch in Beziehung zu Gott, welcher ihn sendet. Es ist also einerseits ein Unterschied zwischen Gott und dem Geiste, andererseits ist aber Gott selbst in dem von ihm gesandten Geiste anwesend.

Aus solchen Stellen konnte die Kirche als authentische Interpretin die Personhaftigkeit des Heiligen Geistes als der dritten göttlichen Person entfalten. Das Wort »Pneuma« hat in den synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte offensichtlich eine mehrschichtige Bedeutung. An manchen Stellen wird nicht erkennbar, daß sich der neutestamentliche Geistbegriff über jenen des AT erhebt. An anderen hingegen tritt wenigstens die Personähnlichkeit, ja die Personhaftigkeit des Geistes hervor. Diese bedeutet naturgemäß nicht, daß der Geist selbständig neben dem Vater steht. Seine Personhaftigkeit schließt vielmehr die engste, ja eine unlösliche Verbundenheit mit dem Vater in sich. So ist er himmlische Gabe (Apg 2, 38; 9, 18f) und himmlische Person in einem.

Kraft des Geistes sollen die Jünger Zeugen des Herrn sein, in Jerusalem, in Judäa, in Samaria und bis an die Grenzen der Erde. Am Pfingsttag wird der Geist tatsächlich gesandt, und zwar an die ganze in Jerusalem versammelte Gemeinde der Christusgläubigen (Apg 2, 1-5). Er leitet und führt fortan die Kirche (Apg 5, 3. 9. 32; 8, 14-17; 8, 19; 13, 2ff; 15, 28; 16, 6f; 20, 22f; 21, 10f).

Es ist aufschlußreich, daß in den Reden der Apostelgeschichte zwei Wirkungen des Heiligen Geistes unterschieden werden. Das sind einmal die alle gewöhnli-

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chen Ordnungen durchbrechenden, alle Erwartungen umstürzenden Ausbrüche aus dem Inneren der vom Geiste Überfallenen.

Da ist sodann die ruhige, in die tägliche Ordnung sich einfügende, aus der Liebe geborene Verhaltensweise gegenüber der Gemeinschaft und den einzelnen. Der Geist wird vermittelt durch die Handauflegung. Er spielt eine führende Rolle für die Mission (Apg 13, 2ff; 16. 6f).

Vielfach werden dem Geiste besondere Aktivitäten zugeschrieben (vgl. etwa Apg 4, 9; 6, 3; 7, 55; 8, 15. 17; 10, 19. 44f; 11, 5. 24; 15, 28; 19, 2. 6. 21; 20, 28; 28, 25). Es fragt sich jedoch, ob man auf Grund solcher ihm zugeschriebener Tätigkeiten seinen personhaften Charakter behaupten kann, oder ob es sich nur um Personifikationen handelt. Das letztere dürfte zutreffen. Man geht jedoch nicht fehl, wenn man in den späteren kirchlichen Erklärungen von der Personhaftigkeit des Heiligen Geistes eine autoritative Auslegung dessen sieht, was in den synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte von ihm bezeugt ist. Auf jeden Fall wird man sagen müssen, daß die synoptischen Texte für eine solche spätere kirchliche Interpretation offen sind. Die dogmatische Aussage will ja nur »eine neue Formulierung des ursprünglichen Offenbarungswortes im Glaubensbewußtsein einer bestimmten Zeit« sein (L. Scheffczyk).

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