9. Kapitel

Das Zeugnis der johanneischen Schriften vom Geiste Gottes

 

Was das Zeugnis vom Heiligen Geiste betrifft, so lassen sich im johanneischen Schrifttum drei Gruppen

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von Texten unterscheiden: jene, in denen nur einzelne Züge des Geistes genannt werden (Joh 1-13), jene, in denen der personale Charakter des Geistes klar bezeugt zu werden scheint (Joh 14-21), und jene, in denen die Wirksamkeit des von Christus verliehenen Geistes geschildert wird (1 Joh).

a) Christus als Träger des Geistes

 

Das Johannes-Evangelium bietet die ausgereifteste Lehre vom Geiste innerhalb des neutestamentlichen Schrifttums. Dies hängt natürlich damit zusammen, daß der spät schreibende Verfasser des Johannes-Evangeliums in einer besonders weit vorangeschrittenen Weise den geschichtlichen Jesus auf Grund der Erfahrung mit dem auferstandenen Herrn auslegt. Dabei ist für ihn ebenso selbstverständlich wie für alle übrigen neutestamentlichen Schriftsteller, daß der erhöhte Herr identisch ist mit dem historischen Jesus. Ja, gerade darauf legt Johannes einen ungewöhnlich großen und starken Akzent.

Zunächst knüpft er an die Geistlehre des Alten Testamentes und des Spätjudentums an. Nach den Verheißungen des Alten Testamentes soll der Geist am Ende eine Wandlung der Menschen herbeiführen. Diese soll zu einer leichten und vollkommenen Erfüllung des göttlichen Willens befähigen (Ez 11, 19; 36, 25ff; Dt-Jes44, 3; Jer 31, 33). Nach dem Ausweis der Apokryphen und des rabbinischen Schrifttums scheint dieser Gedanke zur Zeit Jesu außerordentlich lebendig gewesen zu sein.

b) Christus als Spender des Geistes

 

Was das Johannes-Evangelium vom Heiligen Geist bezeugt, hat seinen Urgrund in den Anfängen des

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Christusglaubens selbst. Jesus hat den Geist verheißen (Apg 1, 4f; 8,2). Die Verheißung hat sich nach seiner Auferstehung erfüllt (Apg 1, 6ff; 2, 1-11. 33; 11, 17). Sie erfüllt sich fortlaufend in der Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Glaubenden (Apg 2, 38; 8, 17f; 10,44.47; 11, 15; 19,6).

Jesus selbst ist Geistträger (Joh 1, 32 - 13, 24). Daher ist sein ganzes Tun durch den Geist geprägt (charismatisch). Deshalb sind auch seine Worte Geist und Leben (Joh 6, 63). Der wahre Kult wird ein Kult im Geiste und in der Wahrheit sein, d. h. es wird der durch Christus selbst begründete Kult sein.

Gott ist Geist. Daher muß man ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten (Joh 3, 5-6; 4, 24; 6, 36). Das Wort »im Geiste« darf man nicht verwechseln mit Innerlichkeit im psychologischen Sinn im Gegensatz zur Veräußerlichung. Es bedeutet vielmehr den göttlichen Seinsgrund der rechten Anbetung, also ein übernatürliches Prinzip. Die Anbetung im Geiste und in der Wahrheit ist also eine Anbetung, welche vom Geist geformt ist und den in Christus uns erschlossenen Gott meint (Wahrheit ist die uns durch die Offenbarung zugänglich gewordene Wirklichkeit Gottes). Christus wird im Heiligen Geiste taufen (1, 32f). Aber erst mit seiner Erhöhung wird der Geist »entbunden« und den Jüngern übermittelt. Der Geist ist versprochen für die Zeit, in der Christus in seine Herrlichkeit eingegangen sein wird (2, 37-39; 20,. 22). Dann wird der Geist als der unsichtbare Stellvertreter Christi dessen Wort und Werk, sowie seine Gestalt in dem Volke Gottes bis zur Vollendung der Zeiten gegenwärtig halten. Diese seine Tätigkeit ist in den Abschiedsreden Jesu verheißen.

Wie die Apostelgeschichte, so bezeugt also auch das Johannes-Evangelium, daß der erhöhte Herr den

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Geist über die Glaubenden ausgießen wird und daß er die die Kirche konstituierende Gabe sein wird. Nach Joh 7, 37ff wird der erhöhte Herr der Grund für den Geistesbesitz sein. Vor seiner Verklärung wird es jedoch den Geist nicht geben. Sein Heimgang zum Vater, d. h. seine Erhöhung und seine Verklärung ist die notwendige Voraussetzung für die Sendung des Geistes. Das Kommen des Geistes setzt den Abschluß des gesamten Heilswerkes Jesu Christi voraus. Der Geist erscheint dabei keineswegs als eine zweite, auf Jesus folgende Offenbarungsgestalt. Er hat vielmehr die Aufgabe, das Werk Jesu Christi immer gegenwärtig zu halten und immer tiefer in das Werk des Herrn einzuführen.

In der Abschiedsstunde, in welcher die Jünger Jesu niedergedrückt sind ob der zu fürchtenden Drangsale, Anfechtungen und Bedrohungen, tröstet sie der Herr mit dem Kommen des Geistes. Dabei werden sowohl der Vater als auch Jesus Spender des Geistes genannt (Joh 14, 16f. 26; 15, 26; 16, 7). Der Vater sendet ihn auf Bitten und im Namen des Sohnes. Jesus sendet ihn vom Vater her. Ein anderes Mal heißt es einfach, daß der Geist kommen wird (Joh 15, 26; 16, 7. 13f). Von großer Wichtigkeit ist, daß Christus den Seinen die Verheißung gibt, daß er einen anderen Parakleten senden wird. Das griechische Wort Parakletos bedeutet so viel wie »Fürsprecher«, »Helfer«, »Beistand« (nicht: Tröster).

Johannes läßt Jesus sagen: »Ich will den Vater bitten, daß er euch einen anderen Beistand gibt, der in Ewigkeit bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr jedoch kennt ihn, denn er wird dauernd in euch sein« (Joh 14, 16f). »Dies habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch weile.

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Der Heilswalter (Beistand), der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe« (Joh 14, 25f). »Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, so wird er von mir Zeugnis geben; und auch ihr sollt Zeugnis geben, weil ihr von Anfang an bei mir seid« (Joh 15,26f). »Nun gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? Vielmehr ist euer Herz voll Traurigkeit, weil ich euch dies gesagt habe, aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich hingehe. Denn wenn ich nicht hingehe, kommt der Beistand nicht zu euch. Wenn ich aber hingehe, werde ich ihn euch senden. Und wenn er kommt, wird er der Welt zu Bewußtsein bringen, daß es eine Sünde gibt, eine Gerechtigkeit und ein Gericht: eine Sünde, weil sie nicht an mich glaubt, eine Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr sehet, ein Gericht, weil der Fürst dieser Welt schon gerichtet ist« (Joh 16, 5-11). In dem 1. Johannesbrief wird auch der verklärte Herr selbst parakletos (Fürsprecher) genannt. »Meine Kindlein, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Hat aber einer gesündigt, so haben wir einen Fürsprecher vor dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten. Er ist die Versöhnung für unsere Sünde; doch nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt« (1 Joh 2, 1f). Danach scheint es einen zweifachen Parakleten zu geben, nämlich einmal den himmlischen Fürsprecher Christus, sodann den Geist auf der Erde, welcher in der Christusgemeinde, in der Kirche, als Helfer und Beistand wirkt.

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c) Die Heilsfunktion des Geistes

 

In den zitierten Texten ist unmittelbar nicht vom Wesen, sondern von der Funktion des Heiligen Geistes die Rede. Diese ist eine doppelte, eine innere und eine äußere, d. h. genauer gesagt, eine solche innerhalb der Gemeinde und eine solche gegenüber der ungläubig gebliebenen Menschheit. Innerhalb der Kirche vergegenwärtigt der Geist ständig das Werk Jesu Christi und erschließt sein tieferes Verständnis. Er ist somit das Prinzip der kirchlichen Tradition. Der Geist als Prinzip und Garant der kirchlichen Überlieferung bildet gewissermaßen eine Wirkeinheit mit jenen Männern, welche von den Aposteln als ihre Nachfolger eingesetzt worden sind. Infolge dieser seiner Funktion kann man vom Geiste sagen, daß er in einem gewissen Sinne eine Geschichte hat. Dies trifft zwar bei ihm nicht in jenem Ausmaße zu, in welchem es von dem menschgewordenen Logos gilt. Dieser hat eine Geschichte als der Subsistenzgrund des Menschen Jesus. Der Heilige Geist hat eine Geschichte als das Traditionsprinzip innerhalb der Kirche. Der Geist ist von Jesus selbst verschieden. Er wird ja von ihm bzw. von dem Vater gesandt. Dennoch steht der Geist in engster Beziehung zum Herrn und dieser zum Geiste. Jesus Christus ist im Geiste selbst anwesend. Er muß zwar von den Seinen weggehen. Aber an die Stelle der bisherigen Gegenwartsweise bei den Seinen tritt eine andere, die Gegenwart im Geiste. Diese Gegenwart bedeutet eine größere Offenheit und größere Nähe, als sie jede irdische Gegenwart haben könnte.

Durch das immerwährende Zeugnis, welches der Geist von Christus gibt, wird die Glaubensverweigerung die eigentliche Sünde. Denn in ihr wird das Heilsangebot Gottes zurückgewiesen. Die Sünde erweist

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sich als Unglaube gegenüber der von Gott vollzogenen Offenbarungs- und Heilsgeschichte sowie gegenüber der Verkündigung der Offenbarung Gottes in der Kirche, als eine Selbstverschließung des Menschen gegenüber der Liebe Gottes. In dem Zeugnisse, welches der Heilige Geist durch die Kirche für Jesus Christus ablegt, geschieht zugleich eine Rechtfertigung und ein Sieg Jesu und der Kirche sowie eine Verurteilung des Unglaubens. Derartiges sieht und bekennt allerdings nur der Glaube, während der Unglaube gerade in dem Tode Jesu die Niederlage sehen zu dürfen glaubt. Der Unglaube freut sich darüber, weil er meint, Jesus sei nicht mehr da, da er ihn nicht mehr zu sehen vermag. Ähnlich sieht und erkennt der Unglaube auch Gott selbst nicht. Dies ist das schlimmste Gericht, das dem Unglauben widerfahren kann, daß er sich in der frohen Zuversicht wiegt, es gebe Gott nicht, weil er den Gottgesandten nicht mehr sehen kann. Gerade darin ist das Gericht über den Unglauben schon erfolgt. Im Glauben an Jesus Christus ist für alle Zukunft das Heil begründet. Wer sich ihm in Unglauben verweigert, bleibt jedoch im Unheil.

d) Personalität des Geistes?

Wir kommen zu der letzten Frage: ob in der johanneischen Theologie der Geist als Funktion oder als Person zu verstehen ist. Zunächst ist naturgemäß die Funktion des Heiligen Geistes bezeugt. Die Funktion ist jedoch der Ausdruck und das Handeln eines Subjektes, welches weder mit dem Vater noch mit dem Sohne völlig identisch ist. Dies bedeutet nicht, daß der Heilige Geist isoliert neben den beiden steht. Derartiges ist auch nicht Inhalt der kirchlichen Trinitätslehre. Eine solche Vorstellung der kirchlichen Dreieinigkeits-

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lehre zu unterstellen, würde ein verhängnisvolles Mißverständnis sein. Trotz seiner Verschiedenheit steht der Heilige Geist in engstem Zusammenhang mit dem Vater und mit dem Sohne. Es gilt hier das Wort von der Verschiedenheit in der Einheit. Der Heilige Geist verhält sich zu Christus und zum Vater ebenso, wie sich der Herr zu dem Vater verhält. Von besonderem Gewicht ist dabei das Wort von der Sendung. Dieses Wort wird zunächst in christologischem Sinne verwendet (siehe Joh 3, 17; 3, 34; 5, 38; 6, 29; 7, 29; 8, 42; 10, 36; 11, 42; 17. 3. 8. 18. 21. 23. 25; 20, 21). Was jedoch von Jesus Christus gesagt wird, wird in der gleichen Weise auch vom Heiligen Geist gesagt. In dieser Vorstellung tritt zweifellos mehr als bei den Synoptikern und auch mehr als beim Apostel Paulus die Personalität des Geistes in Erscheinung. Rein sprachlich darf man darauf hinweisen, daß trotz des griechischen Neutrums in den angeführten Texten das Maskulinum autoV bzw. ekeinoV vom Geiste gebraucht wird.

e) Die johanneischen Briefe

Im ersten Johannesbrief wird mitgeteilt, daß der von Christus gesandte Heilige Geist die Menschwerdung des Sohnes Gottes und die Gegenwart Gottes in den Christen bezeugt. »Wer soll denn Herr werden über die Welt, wenn nicht der, der glaubt, daß Jesus der Sohn Gottes ist? Jesus Christus ist doch der, der durch das Wasser, das Blut und den Geist gekommen ist. Nicht durch das Wasser allein, sondern durch das Wasser und das Blut. Der Geist bezeugt das. Der Geist ist ja die Wahrheit. So sind es drei, die Zeugnis geben: (im Himmel: Der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind eins. Und drei geben Zeugnis

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auf Erden:) Der Geist, das Wasser und das Blut, und diese drei sind eins« (1 Joh 5, 5-8; der in Klammern stehende Text, das sog. Comma Johanneum, scheidet als unecht aus. Er taucht zum ersten Maie im 4. Jahrhundert in Spanien auf; vor dem 8.Jahrhundert ist er in lateinischen Bibelhandschriften, vor dem 15.Jahrhundert in griechischen gar nicht anzutreffen. Er behält aber Wert als Traditionszeugnis.)

Was Christus in seiner Abschiedsrede vom Geiste vorhersagt, wird nach dem ersten Johannesbrief vom Geiste getan. Vgl. auch 1 Joh 3, 24; 4, 13. Wie sehr der personale Charakter des Geistes für Johannes feststeht, ersieht man daraus, daß ihm die gleichen Aufgaben zugeschrieben werden wie Christus: 1 Joh 2, 1 wird Christus unser Fürsprecher beim Vater genannt, wenn wir sündigen sollten, ähnlich wie Joh 14, 16; 15, 7 der Geist unser Beistand heißt.

 

 

 

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