9. ABSCHNITT

 

Das Wissen von Gott als Nichtwissen

 

Augustinus hat unter dieser Tatsache außerordentlich gelitten. Er versucht, sie geistig zu bewältigen, indem er einerseits erklärt, daß wir vor Gott nur schweigen können, weil wir nicht wissen, was er ist, daß aber gerade dieses Nichtwissen von Gott ein wissendes Nichtwissen, eine gelehrte Ignoranz ist und daß wir daher dennoch wiederum von ihm reden können und von ihm reden müssen. Nur muß alles Reden von ihm aus dem Schweigen, aus dem Nichtwissen geboren und geformt sein und wiederum in das Nichtwissen zurückkehren. Dies hat zur Folge, daß wir Gott viele Namen geben können, ja daß wir ihm viele Namen geben müssen — jeder Name drückt eine andere Eigentümlichkeit oder eine andere Tätigkeit Gottes aus —, aber daß Gott von uns doch zugleich als der Namenlose verstanden werden muß, weil kein Wort imstande ist, sein wahres Wesen zum Ausdruck zu bringen.

Zu dieser Dialektik der göttlichen Namenlosigkeit und der gleichen Vielnamigkeit stünde es im Widerspruch, wenn man über Gott in einer allzu sorglosen Selbstverständlichkeit spräche, aber auch wenn man in einer agnostischen und skeptischen Haltung dem Menschen jegliche Fähigkeit, Gott zu erkennen, absprechen wollte.

In der altchristlichen Theologie wurde diese Dialektik durch jene Methode zu bewältigen versucht, welche wir die drei Wege theologischer Erkenntnis nennen können. Es ist der Weg der Bejahung, der Weg der Verneinung und der Weg der Steigerung. Auf dem Wege der Bejahung wird eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft von Gott, z. B. seine Güte oder sein Heils-

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wirken oder seine Existenz, ausgesagt, auf dem Wege der Verneinung wird sie wiederum durchgestrichen und geleugnet, insofern das von ihm Ausgesagte nicht in jenem Sinne von ihm gilt, in welchem wir es von den Geschöpfen aussagen. Wenn wir z. B. von den Geschöpfen aussagen, daß sie wirklich sind, so hat das Wort »wirklich« einen ganz bestimmten Sinngehalt, den wir in der Erfahrung gewinnen. In dieser Weise ist Gott nicht existent und nicht wirklich, so daß man in einer geradezu überraschenden Dialektik von ihm die Existenz oder das Wirklichsein oder auch die Personhaftigkeit zugleich bejahen und negieren muß, negieren, um der Gefahr zu entrinnen, Gott in der gleichen Weise Existenz oder Wirklichkeit oder Personhaftigkeit zuzusprechen, wie wir diese Momente einem Geschöpfe zusprechen. Insofern wir erfassen, was Gott nicht ist, erfassen wir, wer er ist. Was wir von Gott verneinen, ist die geschöpfliche Weise, aber nicht das in der Aussage über ihn Gesagte im absoluten Sinn. Im Gegenteil, in einem dritten Denkgang steigern wir das von Gott Ausgesagte, aber hinsichtlich der geschöpflichen Verwirklichungsweise Verneinte, zur absoluten Weise empor. Diese Steigerung besagt nicht nur, daß Gott in der höchsten Weise ist, was wir vom Geschöpf sagen, sondern daß er es in einer anderen und noch dazu in einer absoluten Weise ist (siehe H. R. Schlette, Das Eine und das Andere. Studien zur Problematik des Negativen in der Metaphysik Plotins, München 1966).

In der gegenwärtigen Philosophie wird mit hohem Ernst der Frage nachgegangen, ob es überhaupt eine Rede von Gott gibt. Nach M. Heidegger (z. B. Holzwege, Frankfurt 1950; Identität und Differenz, Pfullingen 1957) ist die Gegenwart gekennzeichnet durch das »Wegbleiben Gottes«. Nicht nur die Götter und der

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Gott sind entflohen, sondern der Glanz der Gottheit ist in der Welt erloschen. So steht der Nihilismus, »der unheimlichste aller Gäste«, vor der Türe. Aber gerade diese Erfahrung der Heillosigkeit kann der Anfang zum Heile sein. Es fragt sich, ob wir einen Bezug des Menschen zu Gott erfahren dürfen. Zuerst muß aber sorgsam bedacht und gesagt werden, was das Wort »Gott« nennen soll. Heidegger zieht es vor, »im Bereich des Denkens von Gott zu schweigen«. Doch sollen wir uns für das Wieder-Nahen Gottes offen halten.

In der analytischen Philosophie hat eine Aussage oder ein Wort nur einen Sinn, wenn es verifiziert, d. h. sein Inhalt in der Erfahrung nachgewiesen oder nachgeprüft werden kann. Sonst ist es sinnlos. Deshalb ist nach ihr jede Aussage über Gott sinnlos. Sie ist Begriffsdichtung ohne objektiven Aussagewert. »Wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen« (L. Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus. Schriften l, Frankfurt 1960, Nr. 7). Später hat Wittgenstein diese These gemildert zu der Ansicht, daß die Bedeutung eines Wortes in seinem Gebrauch in der Sprache liegt. Da jedoch die Sprache ihren Sinn aus dem Bedeutungszusammenhang gewinnt, fragt sich dennoch, ob das Wort im Zusammenhang des menschlichen Lebens und der menschlichen Erfahrung des heutigen Menschen in der säkularisierten Welt einen verifizierbaren Sinn hat und welchen.

Es zeigt sich die grundlegende Wichtigkeit der rechten Rede von Gott. Auf keinen Fall darf so von ihm geredet werden, daß der falsche Eindruck entstehen kann, daß Gott als Seiendes unter Seienden bzw. als Ding unter Dingen verstanden wird (E. Coreth, Die Gottesfrage als Sinnfrage, in: Stimmen d. Z. 93,1968, 361-372. H. Zähmt, Die Sache mit Gott, München, 1967).

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