Prof. Dr. Michael Schmaus

17.7.1897 - 8.12.1993

 

 

 

»... die Werke des Geistes vollbringen,

um derentwillen es lohnt, ein Mensch zu sein.«

Ansprache des Rektors der Ludwig-Maximilians-Universität

Prof. Dr. Wulf Steinmann

beim Gedenkgottesdienst in der Universitätskirche St. Ludwig

für den verstorbenen Altrektor Prof. Dr. Michael Schmaus

am Mittwoch, dem 12. Januar 1994

Prof. Michael Schmaus wurde am 16. Juni 1951 vom Großen Senat der Universität zum Rektor für das Amtsjahr 1951/52 gewählt. Im 480. Jahr ihres Bestehens war er der 693. Rektor. Mit Prof. Schmaus stellte die Theologische Fakultät erstmals seit ihrer Wiederherstellung nach dem Krieg einen Rektor. Die Bereitschaft, sich in dieser Zeit für das Rektoramt zur Verfügung zu stellen, muß Schmaus hoch und dankbar angerechnet werden. Die Sorgen und Nöte der Universität waren in dieser, immer noch von zahlreichen Unzulänglichkeiten geprägten Nachkriegszeit sehr drückend. Ihre Lösung erforderten viel Improvisationsgeschick und Verhandlungstalent, besonders, wenn es um die finanziellen Belange beim Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Universitätsgebäude ging.

Als ihn, kurz nach seiner Wahl, ein Journalist aufsuchte, trat er mit ihm an ein Fenster im Georgianum und zeigte auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo die Ruine der Universität mit ihrer weit aufgerissenen Ostfront lag, und sagte: »Sie fragen mich nach Plänen für meine Arbeit? Sehen Sie, da drüben muß wieder aufgebaut werden, und zwar noch während meiner Amtszeit. Ich habe es mir fest vorgenommen«. Und tatsächlich konnte Schmaus in seiner Amtszeit viel erreichen — nicht nur für das Hauptgebäude an der Ludwigstraße, bei dem damals das Richtfest des Wiederaufbaus begangen und das Raumprogramm beschlossen werden konnte. Schon ein Jahr später war die Ruine wenigstens vollständig durch ein Dach geschützt. Der Innenausbau konnte schrittweise begonnen und 1958 mit der Einweihung des Lichthofs abgeschlossen werden.

Schmaus verteidigte die Universität gegen Behauptungen aus der Öffentlichkeit, hier würde ein reiner »Fassadenbau« wiedererrichtet, der zudem mehr der Verwaltung als dem Lehr- und Forschungsbetrieb dienen sollte. Er betrachtete den Wiederaufbau des Hauptgebäudes vielmehr als eine Existenzfrage nicht nur für die Geistes- und Sozialwissenschaften, die hier vor allem unterkommen sollten, sondern auch für die Naturwissenschaften. Im Rechenschaftsbericht über sein Rektorat führte er dazu folgendes aus: »Wo die Geisteswissenschaften zurücktreten müssen, drohen die inneren Abwehrkräfte gegen jene wissenschafts- und menschenfeindlichen Dämonien abzubröckeln, welche die Ergebnisse der Naturwissenschaft für ihre zerstörerischen Neigungen mißbrauchen. Ohne die Geisteswissenschaft droht der Kultur die Entmenschlichung, ohne die Naturwissenschaft die äußere Verkümmerung. So erfüllt gerade dieses Haus eine nicht nur in dem Universitätsganzen, sondern für das breite öffentliche Leben unentbehrliche Aufgabe. Sein Aufbau ist für die Existenz der Universität von grundlegender Bedeutung.«

Doch sorgte er sich als Rektor nicht nur um den Wiederaufbau dieses Hauptgebäudes: die Universität unterhielt damals gleichzeitig 24 größere und kleinere Baustellen. Als der Geldfluß für den Wiederaufbau der Universität im September 1951 durch einen Beschluß des Bayerischen Landtags zu stocken drohte, rechnete Schmaus vor, daß die bauliche Wiederherstellung der Universität mit Ihren Instituten und Kliniken, für die damals noch 150 Mio DM veranschlagt wurde, bei normalem Vorgehen erst in 25 Jahren abgeschlossen sein würde, »d.h. nach menschlichem Ermessen nie mehr«, wie er nüchtern feststellte. Schmaus erreichte schließlich, daß die Finanzierung nicht mehr aus dem regulären Haushalt, sondern durch Sondermittel erfolgte und die Bautätigkeit fortgesetzt wurde.

Damit konnten wenigstens die durch den Krieg geschlagenen baulichen Wunden nach und nach geheilt werden. Gleichzeitig mit dem Hauptgebäude konnte am Physikalischen Institut das Richtfest gefeiert werden. Fortschritte wurden 1951/52 auch beim Bau des Seminargebäudes und der Mensa am Prof. Kurt-Huber-Platz, dem Institut für Gerichtsmedizin, dem Physiologischen Institut, der Zahnklinik, dem Institut für Physiologie und Ernährung der Tiere, dem Chemischen Laboratorium und dem Geographischen Institut erzielt.

Besonders vordringlich aber war die Verbesserung der Zustände der medizinischen Fakultät. Schmaus gelang es, die Verhandlungen mit dem Finanz- und Kultusministerium zur Übernahme der sogenannten Ziemssen-Stiftung vor dem Sendlinger Tor durch die Universität soweit voranzutreiben, daß sein Nachfolger San Nicolo die Urkunde unterzeichnen konnte. Damit war ein wichtiger Kernbereich der Innenstadtkliniken abgesichert.

Die Lage der Tierärztlichen Fakultät war derart katastrophal, daß sie damals mit der Einstellung des Lehrbetriebs drohen mußte. Energisch setzte sich Schmaus dafür ein, daß sie an ihrem angestammten Platz am Englischen Garten verbleiben konnte und schrittweise die Mittel für ihre Wiederherstellung gesichert wurden.

Nach seinem Rektorat übernahm Schmaus für weitere drei Jahre Verantwortung und Arbeit als Baureferent des Verwaltungsauschusses der Universität. So hat sich der Verstorbene höchste Verdienste um den äußeren Wiederaufbau der im Krieg zu 80 % zerstörten Universitätsgebäude erworben.

Doch auch den inneren Aufbau der Universität trieb Schmaus als Rektor voran. 38 plan- und außerplanmäßigen Professoren konnte er die Ernennungsurkunde aushändigen und den Lehrkörper (ohne Assistenten) auf über 450 Personen erweitern. Für den weiteren personellen Ausbau beschloß der Senat unter seiner Führung einen nach Prioritäten gereihten Dreijahresplan, der dem Kultusministerium vorgelegt wurde.

Außerdem setzte Schmaus eine Senatskommission ein, die — nachdem sich ein erster Verfassungsentwurf von 1947 als unzulänglich erwiesen hatte — erneut einen Vorschlag für eine zeitgemäße Universitätssatzung ausarbeiten sollte. Ebenso wurde unter ihm die Geschäftsordnung für die Rektorwahl beschlossen. Erstmals erhielten in seiner Amtszeit auch je ein Vertreter der Beamten, Angestellten und wissenschaftlichen Mitarbeiter Sitz und Stimme im Senat in Angelegenheiten, die ihre Gruppen betrafen.

Er suchte das Gespräch sowohl mit den neugeschaffenen wie auch den wiedererstandenen traditionellen Organisationen der Studierenden und setzte im Senat ein tolerantes

Vorgehen bei der Lizensierung der verschiedenen Gruppierungen durch. »Nur nicht zu viel verbieten! Wir wollen keinen Polizeistaat im Kleinen exerzieren« erklärte er dem schon erwähnten Journalisten, der ihn nach seiner Wahl zum Rektor aufsuchte. Die Studenten respektierten, daß mit den gewährten Freiheiten unlöslich soziale Verantwortung verbunden war.

Unter den schwierigen Bedingungen einer immer noch schwer beschädigten Stadt setzte Schmaus sich nachhaltig für die Verbesserung der sozialen Lage der Studierenden ein. Vordringlichste Aufgabe war die Linderung der studentischen Wohnungsnot. Schmaus war es vergönnt, daß unter seinem Rektorat, im Mai 1952, zwei Studentenwohnheime am Biederstein eröffnet werden konnten, womit weitere 117 Plätze für Studierende der Münchner Hochschulen zur Verfügung standen.

60 % der Studenten mußten sich damals teilweise, 30 % zur Gänze den Lebensunterhalt durch Arbeit neben dem Studium verdienen. Mit Sorge sah Schmaus, daß sich die Studenten unter diesen Umständen zu ausschließlich nur dem eigenen Fachstudium widmeten. »Worin besteht denn das Wesen des Akademischen?« fragte er, um gleich selbst die Antwort darauf zu geben: »Doch recht eigentlich darin, sich auf Grund genauer Fachkenntnis möglichst umfassende Einsicht und Urteilskraft anzueignen und damit zum Wesen der wahrhaften Demokratie zu gelangen. Der akademische Lehrer muß in den ihm Anvertrauten die kritische Stellungnahme vor allem erwecken. Auf diese Weise allein wird der junge Mensch wirksam den Totalitarismen von rechts und links begegnen können«. Um die Begegnung zwischen den verschiedenen Disziplinen zu ermöglichen und zu fördern, richtete Schmaus die »Mittwochs-Vorlesungen« für Angehörige aller Fakultäten wieder ein. Der erste Vorlesungszyklus im Sommersemester 52 war dem Thema »Die Wissenschaften an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit« gewidmet.

Schließlich erkannte Schmaus, wie wichtig es gerade nach dem Kriege für das Ansehen der deutschen Wissenschaft und der Bundesrepublik überhaupt war, die Kontakte zum Ausland wieder herzustellen, zu intensivieren und zu pflegen. Unter seinem Rektorat wurde die »Akademische Auslandsstelle«, eine Gemeinschaftseinrichtung aller Münchener Hochschulen, geschaffen und die Deutschkurse für Ausländer weiter ausgebaut. Der Senat setzte eine Kommission ein, die umgekehrt die Münchener Studenten auswählte, die ins Ausland gehen sollten. Er beantragte, daß aus staatlichen Mitteln 20 Stipendien für ausländische Studierende an der Universität München auf die Dauer eines Jahres eingerichtet werden. Aus dem Rektorfond stellte Schmaus 2 weitere Stipendien für Studenten aus Berlin zur Verfügung. Er kümmerte sich bis weit in das Persönliche hinein um die ausländischen Gäste der Universität, seien es Studenten oder Dozenten. Seine Kontaktfreude hat ihm zahllose wissenschaftliche und menschliche Verbindungen und Freundschaften in aller Welt gewonnen.

Seinen Rechenschaftsbericht über das Rektorat 1951/52 schloß er mit folgenden Worten:

»Ich habe Ihnen unsere Fortschritte und die noch quälenden Nöte angedeutet. Möge jedem kommenden Rektor vergönnt sein, von der weiteren Aufwärtsentwicklung zu berichten, bis München wieder jene blühende alma mater hat, in der Dozenten und Studenten in friedlichem Ringen um die Wahrheit die Werke des Geistes vollbringen, um derentwillen es lohnt, ein Mensch zu sein«.

Eine der ersten öffentlichen Amtshandlungen des Rektors Schmaus war die Aufnahme der Neuimmatrikulierten, zu der im November 1951 an die tausend Studienanfänger in der Aula zusammenkamen, darunter auch ich. Der Rektor verpflichtete uns auf die akademischen Tugenden und nahm jeden Einzelnen von uns mit Handschlag in die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden auf.

Zu seinem 85. Geburtstag im Juli 1982 veranstaltete die Katholische Akademie zu seinen Ehren einen Empfang im Schloß Suresnes. Zwei Monate zuvor hatte ich das Amt des Präsidenten der Universität München angetreten, und so erhielt ich eine Einladung. Ich stellte mich ihm als einen seiner späten Amtsnachfolger vor und erzählte ihm von der Aufnahme des Studienanfängers im November 1951. Er begrüßte mich voller Freude und war mir seither ein väterlicher Freund, der mich mit Rat und Zuspruch unterstützt hat. Dafür möchte ich an dieser Stelle danken.

 

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