2.
Kapitel
In
der Schrift
1. Im Alten Testament
Wenn
Gott der Schöpfer der nichtgöttlichen Wirklichkeit ist, ist es selbstverständlich,
dass er sich in ihr so zeigt und darstellt, wie es seinem Gottsein entspricht.
Die Schöpfung muss also seiner würdig sein. Sie muss ihm gewissermassen Ehre
machen. Sie ist in der Tat so, dass sie ihm Ehre einbringt. Als der Schöpfer
der von ihm wesensverschiedenen Wirklichkeit ist er ihr Herr. Die Welt ist trotz
und in ihrer Eigenständig-
110
keit
und Eigenwertigkeit allseitig und bis in ihre letzte Tiefe hinein von ihm abhängig.
Er bestimmt das innerste Gefüge des Seins, ohne das von ihm selbst
hervorgebrachte Eigensein und Eigentun des Geschöpfes wegzunehmen oder auch nur
zu gefährden.
Gottes
Herrschaft über die geschaffene Wirklichkeit ist eine dienende Herrschaft. Er
kann einen für die Schöpfung unverzichtbaren Dienst leisten. Ja, er muss
diesen Dienst leisten, wenn die Schöpfung nicht ihre Existenz verlieren soll.
Durch diesen Dienst Gottes an der Welt wird diese nicht ihrem Wesen entfremdet.
Sie nimmt den ihre ganze Existenz bestimmenden Dienst entgegen, ohne ihre
Identität preisgeben zu müssen. Gott selbst leistet den Dienst ohne seine
Gottesidentität aufzugeben. Gott und Welt stehen also zueinander in einer
gegenseitigen, wenn auch ungleichen Relation (Korrelation). Die
alttestamentlichen Psalmen preisen unzählige Male die Allmacht, die Fürsorge,
die Liebe, das Erbarmen Gottes.
Die
Schöpfung lässt die Herrlichkeit Gottes sichtbar werden, indem sie an ihr
teilnimmt. Alle Dinge sind Darstellungen und Gleichnisse der Grösse, der Würde,
der Fülle des lebendigen Gottes und haben dadurch selbst Grösse, Würde und
Tiefe.
Weil
die Offenbarung der göttlichen Vollkommenheit dadurch erreicht wird, dass die
Geschöpfe selbst Vollkommenheit besitzen, bedeutet die Anerkennung Gottes keine
Versklavung und Verknechtung an eine für sie wesensfremde Zweckhaftigkeit,
sondern Treue zu sich selbst. Indem die Dinge sind, was und wie sie sind, rühmen
sie Gottes Ehre. Weil Gott der Herr ist, der sich auf den Wegen und in der Weise
der Liebe verströmt, reden die Dinge nicht bloss von seiner Güte zu uns,
sondern auch von seiner Gerechtigkeit, nicht nur von seiner das Gemüt
bewegenden Schönheit,
111
sondern
auch von seiner das Herz erschreckenden Hoheit und Macht.
Besonders
betont sei, dass auch die von Menschen ausgeübte Macht (Staat, Gesellschaft,
Konvention, Eltern, Erzieher, Vorgesetzte, Arbeitgeber) eine Offenbarung Gottes
ist, nämlich seiner Allmacht. Sie ist daher in sich etwas Gutes, ja, da sie
eine Teilnahme an der unbedingten Oberherrlichkeit, an der Freiheit Gottes ist,
so vermag sie Gott in besonders wirksamer Weise zu offenbaren. Man darf indes
nicht übersehen, dass sie in der jetzigen durch die Sünde gebrochenen
Weltordnung in einem besonderen Masse der Bedrohung und Gefährdung durch die
gottwidrige geschöpfliche Selbstherrlichkeit ausgesetzt ist. Diese kann sich
hier in einer sonst nicht möglichen Stärke auswirken. Corruptio optimi pessima
(= die Verderbnis des Besten ist am schlimmsten). Wer auf einem schmalen
Gipfelgrat geht, fällt, wenn er zu stürzen beginnt, in einen tieferen Abgrund
als der, welcher bloss auf einem niederen, flachen Hügel steht, Dieser Gefahr
scheint der Träger nur schwer und selten zu entrinnen.
Die
Heilige Schrift bezeugt mehrfach, welchen Gefahren die irdischen Machtträger
ausgesetzt sind. So wird z.B. im Buche Daniel (11,36) fast mit den gleichen
Worten, mit denen Paulus 2 Thess 2, 1-13 den »Widersacher« zeichnet, der
Diadochenfürst Antiochus Epiphanes geschildert, der den Tempel durch Götzenkult
entweihte und sich selbst vergötterte. Ezechiel (28, 2) verurteilt den ähnlich
hochmütigen König von Tyrus. Die alttestamentlichen Worte weisen über ihre
zeitgeschichtliche Bedeutung hinaus auf die Zukunft. Sie transzendieren sich
selbst, weil sie wie das ganze Alte Testament Weissagung sind. Die genannten Könige
tun, was in der Geschichte gegen Gott im-
112
mer
getan wird. Immer wird der selbstherrliche Mensch sich weigern, Gott die Ehre zu
geben, und seine eigene Ehre suchen. Immer wird die Geschichte das Feld sein,
auf welchem um die gloria dei und die gloria mundi gekämpft wird. Der Anführer
derer, welche die gloria mundi verfechten, ist Satan. Er wirkt in allen
Gotteshassern und Götzendienern, aber er wirkt verborgen aus dem Hintergrund.
Am mächtigsten vermag er sich auszuwirken in den Mächtigen der Erde. Sie
bieten, wenn sie sich gegen Gott empören, dem Satan eine besonders günstige
Chance zur Weltverderbnis.
Ein
zusammenfassender biblischer Ausdruck für die Grösse Gottes ist das Wort von
seiner »Herrrlichkeit«. Dieser sowohl im Alten als auch im Neuen Testament häufig
vorkommende Terminus bezeichnet Gott selbst, insofern er sich in seiner Majestät,
in seiner Macht, im Glänze seiner Heiligkeit, in der Dynamik seines Wesens
offenbart. Die Herrlichkeit Gottes ist sowohl im Alten als auch im Neuen
Testament ein Sich-kundtun Gottes gegenüber Menschen und Engeln. Gott
vollbringt dies durch seine hilfreichen Grosstaten und durch seine
Erscheinungen. Seine Grosstaten und seine Erscheinungen sind Zeichen seiner schöpferischen
Allmacht (vgl. Num 14, 22; Ex 14, 18; 16, 7). Das Wort »Herrlichkeit« wird zum
Synonym für das dem Menschen geschenkte Heil (Jes 35, 1-4; Dtn-Jes 40,5; 44,
23; Lk 3, 6). Insbesondere setzt Gott seine Ehre darein, sein Volk wieder
aufzurichten und seine Herrlichkeit in den Dienst seiner allmächtigen Liebe und
unverbrüchlichen Treue zu setzen. »Wenn Jahwe Sion wieder aufbauen wird, wird
man ihn in seiner Herrlichkeit sehen« (Ps
102, 17; vgl. Ex 39, 21-29). Auch die Natur offenbart die Herrlichkeit
Gottes. »Die Erde ist erfüllt von seiner Herrlichkeit« (Num 14, 21;
113
vgl.
Ps
29, 3-9; 97, 1-6; 49; 73;). Mose
betet zu Gott: »Lass mich deine Herrlichkeit sehen« (Ex 33, 15). Gott ist zwar
unsichtbar, trotzdem erscheint seine Herrlichkeit als sichtbare Wirklichkeit (Ex
16, 20), offensichtlich im Zeichen.
Der
von Gott geschaffene und daher zu ihm als Gesprächspartner gehörende Mensch
handelt wesensgemäss und gelangt daher zu seiner vollen Identität nur in der
Hingabe an Gott. Weil Gott als Schöpfer der Herr der Welt und insbesondere des
Menschen ist und Gott und Mensch so korrelativ sind, dass keiner ohne den
anderen (Gott infolge seines unwandelbaren Schöpfungsplanes nicht ohne den
Menschen, dieser nicht ohne die Schöpfungstätigkeit Gottes) existieren kann,
ist der Mensch für Gott offen, wie Gott für den Menschen offen ist. Gott kann
daher in den Menschen hineinsprechen, ja er kann in den Menschen eingehen,
gewissermassen über sein Gottsein hinaus, so dass der Mensch in einem gewissen
Sinne das alter ego Gottes genannt werden kann, wie auf der anderen Seite Gott
in einem gewissen Sinne das alter ego des Menschen.
Am
Sinai nahm die Herrlichkeit Gottes die Gestalt einer Flamme an, die den
Berggipfel krönte (Ex 24, 15ff; Dtn 5, 22ff). Als Mose sich Gott in der Wolke
genähert hatte, kam er mit einem Antlitz zurück, das Gottes Herrlichkeit
widerstrahlte (Ex 34, 29; vgl. 2 Kor 3, 7). Die Herrlichkeit Jahwes ergreift
Besitz vom Offenbarungszelt (Ex 29, 43; 40, 34; 1 Kg 8, 10ff). Von da an steht
Israel im Dienste der Herrlichkeit Gottes (Lk 9, 6. 23f; vgl. Num 16, 1-17; 20,
1-13; 40, 36ff). Gottes Herrlichkeit tut sich darin kund, dass er gegenwärtig
ist, um sein Volk zu heiligen, zu führen und zu retten (Ex 29, 36). Gottes
Herrlichkeit erstrahlt wie ein machtvolles Licht über dem wiederaufgebauten
Jerusalem
114
(Dtn-Jes
60, 1; 62,7; Bar 5,37). Es
strahlt aus auf alle Völker (Dtn-Jes 60, 3; 66, 18f; Ps 97, 6; Hab 2, 14).