2. Kapitel

In der Kirche des Mittelalters und der Neuzeit

 

Im Ablauf ihrer Geschichte hat die Kirche ihren Glauben an Gott den Schöpfer auch ausserhalb der eigentlichen Glaubensbekenntnisse bekannt (DS 800; 3001 ff). Es scheint eine immerwährende, schwer überwindliche Versuchung des menschlichen Geistes zu sein, die Welt mit Gott oder Gott mit der Welt zu identifizieren (Pantheismus) sowie das Böse in der Welt auf ein böses Prinzip zurückzuführen. Seit den Tagen

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der Renaissance und des Humanismus ist ausserdem immer stärker jene Haltung herangewachsen, in welcher der Mensch die Welt als selbstverständliche, nicht mehr weiter zurückführbare Gegebenheit betrachtet, in welcher er also die Frage nach ihrer Herkunft überhaupt nicht mehr stellt, weil er die Fragwürdigkeit der Welt nicht mehr sieht und nicht mehr empfindet. Für die Entstehung und die Entwicklung dieses neuen Welt- und Lebensgefühls leisteten die Entdeckungen und Erfindungen der Neuzeit einen wesentlichen Beitrag. Aber auch die Wiedergeburt des griechischen Naturalismus stand an der Wiege des neuen Lebens-und Selbstgefühls.

Dem gegenüber hat die Kirche die Ferne und die Nähe (Transzendenz und Immanenz Gottes), sein Innesein in der Schöpfung und sein Über-der-Schöpfung-Stehen miteinander verbindend, den allherrscherlichen und allwirkenden Vater als den Schöpfer des Sichtbaren und des unsichtbaren immer wieder von neuem proklamiert. Es wird sowohl der Monismus, sei es der materialistische, sei es der idealistische, als auch der Dualismus abgelehnt.

Bei der grundlegenden Bedeutung, welcher der Schöpfungsglaube für das Gesamtverständnis des Christentums, insbesondere für das Verständnis Jesu Christi, besitzt, seien einige herausragende kirchliche Lehräusserungen besonders angeführt.

Das kirchliche Lehramt hat den ontologischen Dualismus, nach dem es ein gutes und ein böses Prinzip gibt, in allen seinen Erscheinungsformen zurückgewiesen. Gegenüber den Epigonen, welche sich für ihre Lehre auf Origenes berufen zu können glaubten, hat eine unter dem Vorsitz des Patriarchen Manna im Jahre 543 abgehaltene Versammlung der konstantinopolitanischen Kirchenprovinz, deren Beschlüsse von Papst Virgilius bestätigt worden zu sein scheinen, ein von platonisch-stoischen Gedankengängen gespeistes philosophisch-theologisches Sys­tem verworfen, nach

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welchem das gesamte Weltgeschehen ausschliesslich nach inneren Gesetzen erfolgt und daher für das freie schöpferische Tun Gottes kein Raum mehr bleibt. Am wichtigsten ist der Satz der Synode: »Wer behauptet oder glaubt, dass die Macht Gottes endlich sei, oder dass Gott ebenso viel geschaffen habe, als er begreifen kann, der sei ausgeschlossen« (DS411). Kurzdarauf (561) wurde auf der Synode von Bracara (Braga) in Portugal das auf Priszillian zurückgehende, aber erst nach seinem Tode (385) voll entfaltete manichäisch-gnostische System des Priszillianismus, das mit dem 543 verurteilten vielfach verwandt ist und diesem in manchen Punkten als Quelle gedient haben mag, verworfen. Nach ihm ist der Teufel der Schöpfer der Materie und das Prinzip des Bösen. Die Seele ist nach ihm göttlicher Natur. Sie existierte vor dem Leib und wurde zur Strafe für vorausgehende Sünden in ihn hineingebannt. Diese zeitgebundenen Irrtümer hatten die wichtige Funktion, der Kirche Gelegenheit zu geben, die Entwertung des Stoffes und vor allem des menschlichen Leibes entschieden abzuweisen und zu betonen, dass alles, was ist, gut ist, weil es von dem einen Schöpfer kommt (DS 455ff; 462«. Als im Mittelalter die Albigenser seit 1180 den alten, immer noch untergründig lebendigen, schwelenden manichäischen Irrtum erneuerten und so das heimlich weiterwuchernde Heidentum wieder einmal an die Oberfläche kam, wurde die Lehre, dass die Materie schlecht und vom Satan aus Nichts geschaffen sei, dass daher Christus keinen wahren Leib, sondern nur einen Scheinleib gehabt habe und man sich der Materie enthalten müsse, durch das Glaubensbekenntnis des Papstes Innozenz III. im Jahre 1208 zurückgewiesen. Die Verwerfung traf auch die verwandten Lehren der Katharer und der Waldenser, die aus ihrem schroffen Gegensatz zur äusseren Machtentfaltung und zur Verweltlichung der Kirche zur häretischen Verwerfung des Leiblichen und des Stofflichen kamen. Der Wortlaut der Verwerfung zeigt. dass inzwischen eine grosse Änderung gegenüber den ursprünglichen Glaubensbekenntnissen der Kirche eingetreten ist.

In der Professio fidei von Innozenz III., die den Waldensern vor­geschrieben wurde (1208: DS 790), wird die ganze Trinität als der Schöpfer der Welt bezeichnet. Der Haupttext lautet: »Wir glau­ben im Herzen und bekennen mit dem Munde ..., dass Vater, Sohn und Heiliger Geist, der eine Gott, der Schöpfer, Bildner, Leiter und Lenker aller körperlichen und geistigen,

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aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge ist. Wir glauben ..., dass das Alte und das Neue Testament einen und denselben Urheber haben: Gott, der in der Dreipersonalität seines Lebens verharrend, alles aus dem Nichts geschaffen hat« (OS 790).

Das vierte Laterankonzil (1215) stellte der von den Albigensern und Waldensern vertretenen Meinung, dass dem Gotte des Lichtes ein Gott der Finsternis gegenüber stehe und der letztere für das Reich des Stoffes und des Bösen verantwortlich sei, die Offenbarungswahrheit entgegen: »Gott ist der eine Urgrund des Alls, der Schöpfer des Sichtbaren und des Unsichtbaren, alles geistigen und körperlichen Seins. Er hat durch seine allmächtige Kraft zugleich mit dem Anfang der Zeit beide Bereiche der Schöpfung aus Nichts geschaffen, die geistige und die körperliche, die Engelwelt und die Erdenwelt und dann die Menschenwelt, die gleichsam eine Einheit von Geist und Körper darstellen« (DS 800). Ähnlich drückt sich das Konzil von Lyon aus (DS 851). Das Konzil von Florenz (1439—1442) hat in der Glaubensanweisung für die Jakobiten »Cantate Domino« vom 2. Februar 1442 (DS 1333) erklärt: »Die Kirche glaubt, bekennt und verkündet auf das bestimmteste, dass der eine wahre Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, der Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren ist. Als er wollte, hat er in seiner Güte alle Geschöpfe, sowohl die geistigen wie die stofflichen, hervorgebracht. Sie sind gut, da sie vom höchsten Gute erschaffen wurden, aber wandelbar, weil sie aus Nichts erschaffen wurden. Die Kirche lehrt, dass das Böse keine Natur hat, weil jede Natur, insofern sie Natur ist, gut ist.«

Die letzte und abschliessende formelle Äusserung der Kirche geschah auf der Ersten Kirchenversammlung im Vatikan, und zwar in der dritten Sitzung im Jahre

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1870. Gegenüber dem Materialismus und Pantheismus des 19. Jahrhunderts erklärte die Kirche: »Der allein wahre Gott schuf aus seiner Güte und allmächtigen Kraft, nicht um seine Seligkeit zu mehren, noch um sich Vollkommenheit zu erwerben, sondern um seine Vollkommenheit zu offenbaren durch die Güte, die er den Geschöpfen mitteilt, in freiestem Willensentschluss zu Beginn der Zeit aus Nichts in gleicher Weise beide Bereiche der Schöpfung, die geistige und die körperliche, d.h. die Engelwelt und die Erdenwelt und dann die Menschenwelt, die gewissermassen beide umfasst, da sie aus Geist und Leib besteht« (DS 3002). In den Lehrsätzen des Konzils heisst es: »Wer den einen wahren Gott, den Schöpfer und Herrn der sichtbaren und unsichtbaren Dinge leugnet, der sei ausgeschlossen. Wer sich nicht schämt zu behaupten, ausser dem Stoff gebe es nichts, der sei ausgeschlossen. Wer sagt, die Substanz oder Wesenheit Gottes und aller Dinge sei ein und dasselbe, der sei ausgeschlossen. Wer sagt, sowohl die körperlichen wie die geistigen endlichen Dinge oder wenigstens die geistigen seien aus der göttlichen Substanz erflossen, oder die göttliche Wesenheit werde durch ihre Offenbarung oder Entwicklung die Wirklichkeit aller Dinge, oder endlich, Gott sei das Allgemeine und Unbestimmte, das durch Bestimmung seiner selbst die Gesamtheit aller Dinge, in Arten, Gattungen und Einzelwesen gesondert, begründe, der sei ausgeschlossen. Wer nicht bekennt, dass die Welt und alle Dinge nach ihrer ganzen Substanz von Gott aus dem Nichts hervorgebracht seien, oder wer sagt, Gott habe nicht mit freiem Willen ohne Notwendigkeit geschaffen, sondern so notwendig, wie er sich selbst notwendig liebt, oder wer leugnet, die Welt sei zur Verherrlichung Gottes geschaffen, der sei ausgeschlossen« (DS 3021—3025).

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Diese kirchlichen Texte enthalten über das in der Heiligen Schrift unmittelbar Gesagte hinaus zugleich eine Explikation, insofern sowohl das Faktum als auch das Motiv und das Ziel der Schöpfung ausgesprochen werden. Von besonderer Be­deutung ist es, dass wie in der professio fidei von Innozenz III. auch in den kirchlichen Lehräusserungen vom Vierten Laterankonzil bis zum Ersten Vatikanischen Konzil die weltschöpferi-sche Tätigkeit dem dreipersönlichen Gott zugeschrieben wird. In dieser Formulierung erscheint der dreipersönliche Gott als das eine und einzige Prinzip der Weltschöpfung. Die Eigenfunktion der einzelnen göttlichen Personen tritt nicht mehr in Erscheinung. Der entscheidende Gesichtspunkt ist hierbei das Zurücktreten der heilsgeschichtlichen Sicht. Sie wurde allerdings nie vergessen. Dies zeigt sich in der Verwendung des Apostolischen Symbolums und des Nicaeno-Konstantino­po­li­tanums in der kirchlichen Liturgie.

Über das blosse Faktum der Welterschaffung hinaus hat sich die Kirche mehrfach mit der Frage nach dem Sinne des Sechs- bzw. Sieben-Tagewerkes befassen müssen. Diese Frage wurde von besonderer Bedeutung, als das antike ptolemäische und mythische Weltbild in der Neuzeit durch das koperikanische abgewandelt wurde. Da das biblische Zeugnis von der Herkunft der Welt von Gott in der Gestalt des antiken Weltbildes ausgesprochen worden ist, erhob sich die Frage, ob das moderne bzw. das kopernikanische Weltbild und die seitdem entwickelten verschiedenen Weltvorstellungen mit dem Zeugnisse der Schrift in Einklang gebracht werden können, ob eine Entflechtung von Weltbild und Glaubensaussage möglich ist, oder ob nur die Wahl bleibt, das Schriftzeugnis oder eines der neuzeitlichen Weltbilder anzunehmen. Diese Problematik erfuhr eine besondere Zuspitzung im sogenann-

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ten Galileischen Streit. Es bedurfte einer langen theologischen Entwicklung, bis die Unterscheidung zwischen der Aussageweise der Heiligen Schrift und dem Aussageinhalt in der Theologie und in der kirchlichen Verkündigung durchgedrungen war.

Einen ersten Schritt hierzu bedeutete die Äusserung der Bibelkommission vom 13. 6. 1909, in welcher jene Elemente herausgehoben wurden, welche für den Christen verbindliche Glaubensinhalte sind. Hier wird indirekt ein Unterschied gemacht zwischen der Weise der Glaubensaussage und dem Inhalt der Glaubensaussage (DS 3512— 3519). Eine besondere Bedeutung kommt der Antwort zu, welche der Sekretär der gleichen Bibelkommission auf eine Anfrage des französischen Kardinals Suhard von Paris am 16. 1. 1948 gegeben hat (DS 3862).

Pius XII. hat in zwei Schreiben zu der ganzen Frage in entscheidender Weise und mit hohem Mute Stellung genommen, einmal in der Enzyklika »Divino afflante Spiritu« vom 30. September 1943 mit dem Hinweis auf die literarischen genera der Heiligen Schriften sowie noch einmal in der Enzyklika »Humani generis« vom 12. August 1950. An diesen kirchlichen Äusserungen sieht man, dass man auch für ihr Verständnis jeweils das von der Kirche vertretene Anliegen beachten muss, das ihr am Herzen liegt. Dies bleibt immer gleich. Es ist die Sorge um die Heilswahrheit und das Heil. Siehe die einschlägigen Texte in Bd. I. Die Formen können wechseln.

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