2. Im AT
Das
Wort »Satan« drückt zunächst eine Funktion aus (Ankläger vor Gericht),
erscheint aber bald (1 Chr 21,1) als Eigenname. Satan ist der durch seine
Auflehnung gegen Gott aus einem Engel zu einem Widersacher, zum Feinde Gottes
und der Schöpfung Gottes entartet. Seine Methoden sind Stiftung von Unordnung,
Verführung, Verleumdung, Täuschung, Versuchung, Quälerei, Lüge, Gewalt,
Zerstörung, Vorspiegelung eines falschen Scheins. Er kann sich sogar in die
Gestalt eines Engels hüllen.
Der
Anhang, das »Reich« des Teufels sind die ihm gehörenden bösen Menschen, die
allerdings trotz ihrer einheitlichen Zugehörigkeit zu Satan untereinander
zerstritten sind. Es gibt kein Reich Satans als organisierte Gesellschaft der bösen
Geister.
Die
Übersicht über die Texte der Heiligen Schrift zeigt, dass der Glaube, Teufel
und Dämonen existierten, nicht in der Mitte des biblischen Glaubensbewusstseins
steht, auch nicht des alttestamentlichen. Unheil und Unglück werden in der
Heiligen Schrift
398
nicht
einfachhin dem Wirken böser, hintergründiger Mächte zugeschrieben, sondern
als Heimsuchung des einen wahren, lebendigen, für die Schöpfung, für Menschen
und Tiere sorgenden Gottes betrachtet. Der Glaube konzentriert sich im Alten
Testament auf jenen immer gegenwärtigen, gnädigen Gott, der seine
Heilsabsichten seit den Tagen Abrahams in immer neuen Weisen geoffenbart hat und
sich in der Befreiung des Volkes aus der ägyptischen Unterdrückung in einer für
immer gültigen Erfahrung gezeigt hat. Wenn seine Pläne oft durchkreuzt werden,
so geschieht dies durch den Widerstand und den Eigensinn der Menschen.
Nach
dem Alten Testament ist Satan eine quasipersonale, widergöttliche Macht. Der
Texte, die seine Existenz bezeugen, sind nicht sehr viele. Auch von den Dämonen
ist im AT neben Satan wenig die Rede. Vielfach werden sie genannt, um sie zu bekämpfen.
Dies dürfte auch im Buche Tobias vorliegen. In der Zeit der babylonischen
Gefangenschaft, in welcher das Buch entstanden ist, war es wichtig, dass die in
der Fremde lebenden Angehörigen des Volkes Israel, die vielfältigen
Versuchungen durch den Kontakt mit dem hohlen Aberglauben ihrer Umgebung
ausgeliefert waren, hiervon zurückgehalten und immer wieder von neuem zum
Glauben und zum Vertrauen auf den mächtigen, gnädigen, schützenden, allein
lebendigen Gott aufgerufen wurden. Dies geschieht im Buche Tobias.
Es
sind wohl nur sechs Stellen, welche für den Teufelsglauben im AT sprechen: Ijob
1, 6ff; Sach 3, 1ff; Lev 16, 7ff; 1 Chr 21, 1; Weish 2, 24. Die Auslegung dieser
Stellen ist allerdings vielfach nicht leicht. Nach dem zuerst genannten Text (3.
oder 4. Jh. vor Chr.) tritt Satan — ein Wort, das im weltlichen Bereich den
399
Ankläger
vor Gericht, also gewissermassen den Staats-anwalt bezeichnete, — im Hofstaat
Gottes als Ankläger gegen den gottesfürchtigen Ijob auf. Er sucht seine Frömmigkeit
als unecht und selbstsüchtig zu erweisen. Er entpuppt sich also als Feind des
Menschen und damit zugleich als ein Verhöhner Gottes. An der zweiten Stelle in
der Vision des Propheten bemüht sich Satan, die Wiederbegnadigung der sündigen
Menschen zu hintertreiben. Er erweist sich hier als ein Widersacher des gnädigen,
sich erbarmenden Gottes und deshalb auch als Feind der Gemeinde, als Feind des
Volkes, als Feind des Priestertums, durch das Gottes Gnade vermittelt werden
soll. Er muss freilich erleben, dass Gottes Macht grösser ist als die seinige.
In
dem Text des zweiten Samuelbuches 24, 1ff) ist es Gott, der David zu seinem
gottwidrigen Tun reizt. In dem Paralleltext im ersten Buche der Chronik 21, 1
wird jedoch David vom Satan zu seinem Tun veranlasst. Der alttestamentliche
Autor wagt jedenfalls nicht mehr, die Verführung Davids zu einem gottwidrigen
Handeln Gott unmittelbar anzulasten, wenngleich auch bei der Einschaltung Satans
Gott indirekt verantwortlich bleibt, insofern er einen Engel geschaffen hat, von
dem er wusste, dass er abfallen werde.
An
der Leviticusstelle ist die Rede von Azazel. Dieses Wort ist offenbar eine
Bezeichnung für Satan. Er wird als persönliches oder quasi-persönliches Wesen
oder vielmehr Unwesen geschildert. Die Sünde wird auf einen Ziegenbock übertragen,
und zwar in einem symbolischen Ritus. Dieser wird dorthin geschickt, wohin er
gehört, nämlich zu Azazel. Dieser dürfte als Personifikation der Sünde zu
verstehen sein. Wenn dies zutrifft, hat Satan eine starke innere Bezogenheit zur
Sünde, ja eine bis zu einem gewissen Grad bestehende Identität.
400
Im
Weisheitsbuch wird zum erstenmal innerhalb des ATs die Ursünde mit dem Teufel
in Zusammenhang gebracht. (1. Hälfte des letzten vorchr. Jahrhunderts): »Gott
schuf den Menschen zur Unvergänglichkeit, und als Abbild seines eigenen Wesens
machte er ihn. Aber durch des Teufels Neid kam der Tod in die Welt, und diesen müssen
alle kosten, die ihm angehören« (Weish 2, 23f). Durch diesen Text wird das
dritte Kapitel der Genesis kommentiert, Danach ist die Schlange ein Symbol des
Teufels. Dieser ist es, welcher die ersten Menschen verführt hat, und zwar
durch eine sie verwirrende Lüge. Er lügt so, dass er Wahres mit Falschem
listig mischt. Gerade darin ist der Erfolg seiner Lüge begründet. Er verdächtigt
Gott, dass dieser in betrügenscher Weise und in selbstsüchtiger Absicht den in
Wahrheit glückbringenden Erfolg des Fruchtgenusses verhindern will. Mit
schlauer Zweideutigkeit stellt der Teufel in Aussicht, dass den Menschen der
Fruchtgenuss erst die Augen öffnen werde. Er reizt ihre Neugierde, ihr
Selbstbewusstsein und ihr Misstrauen und verlockt sie zum Verlangen nach voller
gottfreier Autonomie, indem er ihnen Gottgleichheit verspricht. Die Menschen
werden durch die Verführung bis zu einem gewissen Grade entlastet. Der
menschlichen Entscheidung gegen Gott ist ja die böse Entscheidung eines mächtigen
Geistes vorgelagert. Das Böse, das der Teufel in die Welt Gottes eingebracht
hat, ist ein Vorentwurf für die Sünde des Menschen. Es gibt Gewalten in der
Welt, deren Wesen es ist, gegen Gott zu handeln, obgleich sie selbst von ihm
geschaffen sind.
401