11. Grundsätzliches zum Verständnis

 der kirchlichen Lehre

 

Für ein tieferes Verständnis der kirchlichen Lehre ist es hilfreich, wenn wir kurz der Frage nachgehen, was wir denn unter der »Welt«, in welcher der Mensch lebt, zu verstehen haben. Diese Frage lässt sich nicht ganz einfach beantworten. Wir wissen aus einer sehr langen Bemühung um den rechten Sinn des menschlichen Erkennens, dass die Welt, in der wir leben, aus zwei Komponenten besteht, aus dem objektiv Gegebenen und uns Begegnenden, aus dem Vorhandenen einerseits und aus unserem eigenen Bewusstsein andererseits. Wir können die Welt nicht erkennen oder fassen, wie sie an sich ist. Was uns begegnet, ist immer die von uns erkannte und durch unser Erkennen bestimmte Welt. Sowohl Kant als auch Thomas von Aquin stimmen bei aller tiefgreifenden Verschiedenheit darin überein, dass nur die erkannte Welt unsere Welt ist. Diese Überlegungen zeigen uns, dass die Welt nicht einfach objektivistisch als das Bestehende verstanden werden kann, sondern als das aufgrund unseres eigenen Bemühens sich immer Ereignende. Die Welt ist das Ergebnis des uns Vorgegebenen und unserer eigenen Gestaltung. In einer einfachen Alltagserfahrung können wir diese These bestätigt sehen. Die Freundschaft oder die Liebe schenkt dem menschlichen Auge eine eigentümliche Sehfähigkeit, indem der Mensch die Welt anders sieht, als er sie ohne die-

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ses Auge sähe. Er erlebt sie in einem solchen Fall auf den anderen Menschen hin. Darin wird die Welt für ihn, den Erlebenden, selbst anders. Der Liebende entdeckt in der Welt neue Bedeutungen und neue Tiefen.

Von dieser Sicht aus gewinnen wir einen Zugang zu dem Verständnis der jahwistischen Erzählung. Der Autor lehrt nicht, dass sich jene Welt strukturell von der unsrigen unterschieden hat. Es war die gleiche Welt wie die unsrige. Wenn ein Unterschied vorliegt, so liegt er in der menschlichen Erfahrung und im menschlichen Erlebnis. Ein solcher Unterschied in der Erfahrung und im Erleben ist von der Schrift ins Licht gesetzt worden. Er besteht darin, dass der Urmensch mit anderer Gewalt und Mächtigkeit, mit tieferer und intensiverer Erlebniskraft die Dinge sich angeeignet hat, als dies später möglich war. Die Andersartigkeit der von unserer Erzählung gemeinten Welt betrifft also die menschliche Bewusstseinslage. Dieser Bewusstseinszustand hat sich nach der Bibel geändert, und zwar auf Grund der Sünde. Er ist, und das ist das Fundamentale, durch die Schuld bestimmt. Dadurch hat er nach dem biblischen Schriftsteller seine Kräftigkeit und die rechte Orientierung eingebüsst. Die Sünde führte, da sie einen Bruch zwischen dem Menschen und Gott darstellt, einen Bruch im Menschen selbst mit sich, so dass der schuldig Gewordene nur noch als gebrochener Mensch existieren kann. So kommt es zu einer Schwächung der heilenden Kräfte der Liebe. Weil er der Welt, weil er den Vorgängen in seinem eigenen Wesen (Natur) nicht mehr in vollem Masse gewachsen ist, empfindet der Mensch die Welt und sich selbst in vielfältiger Weise als fremd und als bedrohlich.

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