7. Kapitel

Die Zwiespältigkeiten in der Welt

 

Gegen die göttliche Vorsehung bilden keinen unüberwindlichen Einwand die Ungleichheiten unter den Menschen, die Zwiespältigkeiten zwischen der naturhaften und der geistigen Welt, die ungleiche und unzweckmässige Verteilung der irdischen Güter, die Gezweiung von Sittlichkeit und Seligkeit in diesem Leben, von Leistung und Anerkennung, von Erfolg und Mühe.

Die Vorsehung ist kein mechanisch funktionierender Apparat, sondern ein ständiger Anruf der göttlichen Liebe und eine stete Begegnung mit ihr. Es gibt zwar eine unüberbrückbare Kluft zwischen gut und bös und auch einen Unterschied zwischen Gerechten und Sündern. Aber nur Gott kennt ihn. Es ist beachtenswert, dass nicht der Gerechte gerechtfertigt nach Hause ging, sondern der Zöllner, den alle für einen Sünder hielten und der sich selbst für einen hielt. Der Christ muss sich immerfort gegen die Versuchung wehren, dass er sich ärgert, wenn Jesus sich mit den Sündern zu Tische setzt, um mit ihnen zu essen, wenn die Kirche auch das letzte und verlorenste ihrer Kinder noch in Liebe aufnimmt, wenn der Vater den zerlumpt heimkommenden Sohn wieder in das Haus lässt und seine Heimkehr sogar feiert (Lk 15, 29ff). Der Christ über-

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windet diese Versuchung in dem Bewusstsein, dass alle Menschen sündig sind (Mt 9, 12; Lk 19, 10). Sie alle vereinigen sich in der einen Bitte: »O Gott, sei mir Sünder gnädig.« Auch die grössten Heiligen haben gewusst, dass sie Sünder waren. Denn sie haben von dem lebendigen Gott gewusst. Das aber heisst: Der Heilige weiss, dass »einer allein heilig« ist, und dass dessen Geschöpfe im Vergleich zu ihm ohnmächtig sind, dass sie in seiner Gegenwart hinschwinden und in nichts zerfliessen würden, würde er sie nicht durch seine Macht erhalten. Er weiss, dass es einen gibt, der in seiner Grösse und Glückseligkeit nicht beeinflusst und im festen Mittelpunkt seines Wesens nicht erschüttert wird, mag die ganze Schöpfung mit ihren un­zähligen Lebewesen und Teilen sein oder nicht sein, den nichts berühren, nichts grösser oder kleiner machen kann, der vor der Erschaffung der Welt ebenso mächtig und reich war wie nachher und nach der Erschaffung ebenso gelassen und glückselig wie vorher. Er weiss, dass es nur ein Wesen gibt, durch dessen Hand ihm Glück und Heiligkeit und Leben und Hoffnung und Heil zukommt. Er weiss, dass es einen gibt, dem er alles ver­dankt und vor dem es keine Ausflucht und keine Rechtfertigung gibt« (J. H. Newman, Ausgewählte Werke, VI. Bd., Predigten der kathol. Zeit, übersetzt von Franz Zimmer, Mainz 1955, 210f, 220f).

Wer so wirklich von Gott weiss, wer also Gott als Massstab seiner Selbstbeurteilung gelten lässt, auf dessen Lippen verstummen die Anklagen gegen Gott, der anscheinend die irdischen Güter ohne Rücksicht auf Verdienst und Missverdienst ver­teilt.

Wenn aber den religiös und sittlich Minderwertigen oder minderwertig Scheinenden oft irdische Güter (Macht und Reichtum) zufallen, so kann das eine Vergeltung des Guten sein, das auch sie vollbringen, ein

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Anruf der Liebe, durch den Gott sie an sich locken will. Es kann indes auch eine Strafe sein, insofern die Gottlosen durch den Missbrauch der Macht und des Reichtums noch tiefer in ihre Welthaftigkeit verstrickt wer-den (Apg 14, 16). Wenn er den Guten Leiden schickt, so straft er ihre Fehler, will ihre Liebe herausfordern, ihre Tugend stärken und ihre Verdienste vermehren. Vor allem aber ist zu beachten, dass das endgültige Schicksal für jeden Menschen nicht im Diesseits, sondern im Jenseits liegt. Gerade der Umstand, dass es den Guten oft schlecht und den Schlechten oft gut geht, bildet für die Vernunft einen Grund, die jenseitige Offenbarung der Rätsel der göttlichen Weltregierung zu erhoffen, wo die Zwiespältigkeiten des diesseitigen Lebens aufgelöst werden. Die Geschichte ist ein Weg in diese Zukunft.

 

    

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