5. ABSCHNITT

 

Die Wesenselemente des Menschen

 

 

1. Das Problem

 

Wenn in dem Zusammenhang mit der Schöpfungslehre von den Wesensbestandteilen des Menschen, nämlich von Leib und Seele, gesprochen wird, so handelt es sich dabei nur indirekt um das Problem der Entstehung des Menschen. Die Frage greift in den metaphysischen Bereich hinein. Sie hat aber existentielle Tragweite, insofern ihre Beantwortung es verständlich erscheinen lässt, warum die von Gott dem Menschen geschenkte Struktur das Fundament für die Überlegenheit des Menschen über alle übrigen Geschöpfe darstellt.

Wir können für ein tieferes Verständnis der Zusammengehörigkeit von Leib und Seele auf den Entwicklungsgedanken zurückgreifen. Der Mensch ist nicht ein Mischwesen aus zwei Dingen, sondern ein einziges Wesen, in dem Materie und Geist wesenhaft vereinigt sind. Aus diesen beiden Prinzipien ist im Menschen ein Drittes entstanden, das keines von beiden ist. Wenn wir hierfür den Gedanken der Evolution einsetzen, so können wir sagen, (aber nicht in mechanischer Addition): In der Evolution wird zweifellos aus einem Weniger ein Mehr. Wenn wir wirklich von Entwicklung sprechen wollen, so müssen wir annehmen, dass das Kommende jeweils das Vorausgehende an Sein, an Macht und an Lebendigkeit übertrifft. Hier ergibt sich die ebenso schwierige wie entscheidende Frage, wie aus einem Weniger ein Mehr werden kann. Die Frage ist zunächst philosophischer Art, hat aber für die

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Theologie fundamentale Bedeutung. Derartiges ist nur möglich, wenn hinter dem Geschehen in der Schöpfung eine von den Geschöpfen verschiedene Realität wirkt, welche der Welt ständig neue Energien zuführt. Diese in der Welt wirkende, von der Welt verschiedene Realität kann derartige Energien nur zuführen, wenn sie selbst das absolute Sein ist. Dieses absolute Sein nennen wir den lebendigen Gott. Er verleiht der Welt stets wieder neue Seinskräfte, so dass sie in ihrem Drang nach vorwärts immer weiterkommt zu einer stets grösseren Fülle. Dabei ist wichtig, dass die Verleihung der neuen Seinskräfte nicht bloss eine quantitative Anreicherung, sondern ein intensiveres Selbstsein der Materie im Gefolge hat. Die Materie wird immer reicher und zugleich immer komplexer. Sie organisiert sich gewissermassen selbst.

In dieser Komplexität ist die Kraft enthalten, immer mehr sich selbst zu besitzen. Wenn man freilich eine solche Erklärung versucht, dann erhebt sich noch einmal die schwierige Frage, ob man hier noch von Entwicklung im eigentlichen Sinne reden kann, ob man nicht vielmehr von einer ständigen Neuschöpfung reden muss. Man kann das Wort »Entwicklung« nur beibehalten, wenn man in dem Entwicklungsgeschehen eine Synthese von geschöpflicher und göttlicher Wirksamkeit sieht; wenn man also annimmt, dass in der Tätigkeit der Geschöpfe die Tätigkeit des Absoluten immer durchdringt und dadurch zugleich die Tätigkeit des Geschöpfes immer mehr an Intensität und an Ver-innerlichung zunimmt.

Es lässt sich vorstellen, dass die Materie in ihrem Drange nach vorwärts unter dem Einfluss der ständigen Gewährung neuer Seinskräfte und neuer Energien von selten des Absoluten zu einem bestimmten Punkt kommt, in welchem sie in einer entscheidenden Weise

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über ihre bisherige Existenzform hinaustrachtet, diese jedoch aus eigener Kraft nicht zu erreichen vermag, sie aber trotzdem erreicht, indem ihr das Neue von dem absoluten Sein verliehen wird.

 

 

 

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