3. Kapitel

Die Vorsehung und das Böse

1. Prinzipielle Bemerkung

 

Die Vorsehung bedeutet also für den Menschen keine Sicherung innerweltlicher und innergeschichtlicher Art, weder in in­di­vi­dueller noch in kollektiver Hinsicht. Aber gerade in dieser Un­sicherheit ist er geborgen in Gottes fürsorgender Macht (Röm 8, 28-39). Die Wege der Vorsehung verlaufen also im Dunkeln. Wir können

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sie nicht nachprüfen und nachrechnen. Sie sind einbegriffen in das Mysterium des Heiles. Wir können die Vorsehung nur im Glauben, nicht im Experimentieren bejahen. Nur hin und wieder ist uns ein flüchtiger Blick in ihr Mysterium gewährt, so dass wir es ahnungsvoll spüren können, wenn wir etwa aus der Verflechtung menschlicher Begegnungen plötzlich einen ungeahnten Sinnzusammenhang erwachsen sehen, oder umgekehrt, wenn ein unvorhergesehenes Hemmnis unserer Pläne am Ende doch wider Erwarten einem höheren Plan dient, in welchem all unser bisheriges Hoffen eingeschlossen und erfüllt ist. Plötzlich legen sich Hände über unsere Hände, füllen unsichtbare Hände die unseren mit Gaben, die vorher aus keiner menschlichen Überlegung erwartet werden konnten und die zu unerwarteten Ausblicken und Planungen Anlass geben. Oder diese Hände entreissen uns geliebte Güter, Möglichkeiten, Gelegenheiten, die unser ganzer Lebensinhalt waren, und später müssen wir erkennen, dass, wenn wir diese Möglichkeiten behalten hätten, wir sie zu unserem eigenen Nachteil würden verwirklicht haben (H. E. Hengstenberg, Von der göttlichen Vorsehung, Regensburg 1940). Kein Wort der Schrift lässt die aller Verzweiflung und jedem Untergang standhaltende Zuversicht durch einen Vorhang von Tränen hindurch so triumphal laut werden wie der Ausdruck Ijobs: »Auch wenn er mich tötet, ich werde auf ihn hoffen« (ljob 13, 15, nach der Vulgata; vgl. 2 Kor 4, 16; Lk 12, 4; Ps 23, 4).

Ijob ist ein mit dichterischer Kraft, mystischer Gläubigkeit und mit einer in schwerem Ringen gewonnenen Offenheit für die Abgründigkeit des Gottesgeheimnisses unternommener Versuch, das Leiden des Frommen als unbegreifliche Fügung des jedes Menschenmass übersteigenden Gottes zu deuten und darin

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Geborgenheit zu finden. Der Verfasser muss in unsäglichem Elend von Gottes Hoheit überwältigt bekennen, dass der Mensch keine Lösung zu finden vermag. Er kann sich dennoch aufgenommen wissen in das unbegreifliche und unergründliche Geheimnis der Liebe. Die zukünftige Auferweckung war ihm noch nicht bekannt. Gerade die gibt aber den neutestamentlichen Gottesgläubigen die Kraft zu einer alles ertragenden und überwindenden Hoffnung.

Die Problematik des Bösen in allen seinen Dimensionen bedarf bei dem Gewicht, das ihm für das ganze menschliche Leben, für das leibliche und das geistige, für das individuelle und das kollektive zukommt, noch einer eingehenderen Besprechung. Man darf sagen: Das Böse ist der Haupteinwand gegen die Existenz Gottes. Dass es das Böse gibt, muss also so erklärt werden, dass das nicht unmittelbar im Widerspruch steht zu der Überzeugung von Gottes Existenz, seiner Weisheit, seiner Allmacht und seiner sorgenden Liebe. Mit der Frage befassen sich nicht nur die Neuzeit, sondern die Philosophie und die Theologie seit ihren Anfängen. Es sei ein Einwand angeführt, den Thomas von Aquin in seiner theologischen Summe nach dem Brauche seiner Zeit vorbringt: »Wenn von zwei Gegensätzen der eine unendlich wäre, so würde er den anderen vollständig aufheben. Nun verstehen wir aber unter Gott ein unendliches Gutes. Würde es also einen Gott geben, dann könnte es in der Welt kein Übel geben. Und doch ist das Übel eine Tatsache. Also gibt es keinen Gott.« Zweifellos ein Argument, das bis zum heutigen Tag seine Kraft und Wirksamkeit nicht verloren hat, ja, angesichts des geradezu unbegreiflichen und entsetzlichen Unheils in unserer Gegenwart sich noch gesteigert hat. Thomas von Aquin gibt eine Lösung in folgender Antwort: »Wie Augustinus mit Recht bemerkt,

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würde Gott, da er unendlich gut ist, in seinen Werken nichts Böses dulden, wenn er nicht so allmächtig und so gut wäre, um selbst noch das Böse ins Gute zu wenden« (Summa theologica l, 2, 3 zu 1). Man kann nicht Libersehen, dass mit dieser Antwort Thomas von Aquin auf eine eigentliche Sachantwort verzichtet (Siehe Bd. 2).

 

 

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