4.
Kapitel
Die Vorsehung als Aufforderung an den Menschen
Es
sei noch einmal ein Wort von R. Guardini zitiert (Vom lebendigen Gott, Würzburg
1930): »Die Welt wird lebendig. Freilich ist das keine phantastische
Lebendigkeit, keine Märchenwelt, in der Merkwürdigkeiten passieren, und die
aufhört, sobald man es mit dem Ernst der Wirklichkeit zu tun bekommt. Vorsehen
bedeutet nicht, dass wir der Welt ihre Härte nehmen. Was sie ist, bleibt sie.
Aber Vorsehung sagt, die Welt mitsamt ihren natürlichen Tatsachen und
Notwendigkeiten sei nicht in sich abgeschlossen, sondern in einer Macht, und
diene einer Gesinnung, die höher ist als sie. Die Gesetze des toten Stoffes hören
nicht auf zu gelten, wenn das Leben ihn ergreift; ebensowenig wie die des körperlichen
Wachstums, wenn im Menschen Herz und Geist ihre Welt aufbauen. Sie bleiben, aber
sie dienen einem Höheren. Und wer dies Höhere sieht, der sieht den Dienst, den
jene Kräfte und Gesetze in ihm tun. Vorsehung bedeutet, dass alles in der Welt
sein Wesen und seine Wirklichkeit behalte, aber einem über all die Welt hinaus
Höchsten diene: Dem Liebes-willen Gottes. Diese Liebe zu seinem Geschöpf, das
er zu seinem Kinde gemacht hat, ist aber lebendig sowie
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die
eines liebenden Menschen zu dem ihm Teuren. Sie folgt ihm in seiner Entwicklung,
in seinem Schicksale, in seinem immer neuen persönlichen Tun und in seinen
Entscheidungen. So ist Gottes Liebe zum Menschen lebendig und immer neu, und sie
zieht die ganze Welt hinein in die stets neue Hinwendung Gottes zu ihm. Von Mal
zu Mal fasst sie die ganze Welt, Gegenwärtiges und Gewesenes, Sein und
Geschehen zusammen in den Augenblick und wendet es dem Kinde Gottes zu. So wird
die Welt in jedem Augenblick neu. Jeder Augenblick ist nur einmal. Er war noch
nicht da und kommt nicht wieder. Er steigt aus Gottes Liebesewigkeit herauf und
nimmt alles Sein und Geschehen in sich hinein, auf den Sohn Gottes hin. Was
geschieht, kommt von Gott her, aus seiner Liebe auf mich zu. Er ruft mich an, er
fordert mich auf. Darin soll ich leben und handeln und wachsen und der werden,
der ich nach Gottes Willen sein soll. Und immer wieder soll darin die Welt
vollendet werden zu dem, was sie nur durch den Menschen, nein durch mich werden
kann.«
Die
Welt hat sonach letztlich keine selbständige, in sich stehende, völlig
autonome Ordnung. Ihre Ordnung ist tatsächlich aufgenommen in jene Ordnung,
deren Grund Christus ist, so dass alle Versuche, eine Ordnung der Welt gegen
Christus zu schaffen, keinen befriedigenden Erfolg haben können, sondern ins
Unheil führen.
In
dieser Sicht ist die göttliche Vorsehung nicht nur eine Gabe Gottes an den
Menschen, sondern eine Aufgabe für ihn. Für deren Erfüllung ist zu beachten,
dass der Mensch immer schon, abgesehen von der unverwechselbaren Eigentümlichkeit
eines jeden, durch die Geschichte, in die er hinein geboren ist, geprägt wird.
Mit anderen Worten: Es liegt über seinen Entscheidungen und Handlungen eine
schicksalshafte Be-
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rufung.
Er kann nie sozusagen vom Nullpunkt an beginnen, sondern muss in der
Geschichtsbewegung, in die er hineingestellt ist, sei es korrigierend und verändernd,
sei es weiterführend seine Freiheitsentschlüsse fassen. Jede Situation enthält
Schicksal und Freiheit zugleich.