c) Die Freiheit als Möglichkeit, Grund der Sünde?
Die
Sünde will Gott nicht an sich oder als Mittel zum Zweck, er lässt sie aber,
wie man üblicherweise sagt, zu, d.h. er verhindert sie nicht, da er den
Menschen die Freiheit gab und weil er auch aus der Sünde Gutes erwachsen lassen
kann (Offenbarung seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, sittliche Bewährung
der Guten, Bestrafung der Bösen durch ihre eigenen oder durch die Sünden
anderer). Man darf freilich nicht übersehen, dass in der Schrift nicht selten
die Anteilnahme Gottes an der Sünde der Menschen nicht als blosses Zulassen,
sondern als Hinbewegung zu einem Tun, das die Sünde in sich schliesst,
geschildert wird. Wenn man solche Texte in ihrer Härte stehen lässt und sie
nicht aus Sorge für Gottes Heiligkeit umdeutet, dann wird man sagen müssen,
dass Gott nach der Schrift den Menschen zwar zum Handeln hinbewegt, dass aber
doch der Mensch für sein Tun verantwortlich bleibt. Die Schrift gibt keinen
Ausgleich dieser zwei Tatsachen. Aber wir dürfen um des von ihr nicht gebotenen
Ausgleichs willen nicht eine von den beiden Tatsachen streichen.
Auf
die naheliegende Frage, warum Gott dem Menschen die Freiheit trotz der
Voraussicht ihres Missbrauchs gegeben hat, wird gesagt, dass unter allen natürlichen
Gütern, die Gott schuf, die Freiheit das höchste ist. Denn sie gibt dem Geschöpfe
Anteil an Gottes Herrsein. Gott wollte dem Menschen die höchste Gabe, die im
Raume der geschaffenen Natur möglich war, schenken, selbst auf die Gefahr hin,
dass sie zu Unheil und Unsegen missbraucht wird. Da die Möglichkeit des
Missbrauchs der Freiheit zur Sünde nicht not-
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wendig
zum Gebrauch der Freiheit gehört und da ihn Gott hätte verhindern können,
ohne die Freiheit zu vernichten (es wäre dann freilich dem Menschen eine andere
Form von Freiheit zuteil geworden, als die, die er tatsächlich erhalten hat),
so erhebt sich die unlösliche Frage, warum Gott gerade diese Welt mit ihrem unzählbaren
Heer von Sünden schuf. Man kann nicht sagen, dass eine Welt mit der Sünde oder
mit diesen Sünden besser ist als eine Welt ohne Sünden oder ohne diese
bestimmten Sünden. Wir werden sehen, dass die Vollendeten des Himmels nicht
mehr sündigen können und doch in vollkommener Freiheit leben. So erhält
unsere Frage die Abwandlung, warum Gott den Menschen im Zustande der Unerfülltheit
und nicht im Zustande der Erfüllung schuf.