4. Die Erschaffung ein Geheimnis
Letztlich
ist die Erschaffung der Welt aus nichts ein unergründliches Geheimnis. An der
Wurzel unseres Weltverständnisses liegt das Geheimnis Gottes selbst. Dieses
geht auch in das Geschaffene ein. Was das »Nichts« ist, lässt sich zwar
veranschaulichen, indem man einen der uns bekannten Gegenstände nach dem
anderen begrifflich negiert und so schliesslich zur Negation des Alls gelangt.
Wir können uns aber eine solche totale Negation nicht vorstellen und auch
begrifflich nicht verständlich machen. Es gibt keinen Begriff und kein Bild von
dem Leeren. Das Nichts ist seit eh und je das Kreuz der Philosophie (Schelling)
und der Theologie.
Die
Priesterschrift lässt nach der Anführung der einzelnen Schöpfungstage (mit
Ausnahme der Erschaffung des Firmamentes)
Gott jeweils erklären, dass das an dem betreffenden Tage hervorgebrachte Ding
gut sei. Damit ist nicht die metaphysische Gutheit im Sinne der aristotelischen
Philosophie behauptet, sondern die Zweckmässigkeit, die Einordnung in das
Ganze, der Dienst für das Ganze. Gerade diese funktionale Gutheit muss
besonders betont werden. Denn es musste den Bundesangehörigen verkündet
werden, dass die Unordnung, das Unheil, das Böse, der Zwiespalt in der Welt
nicht von Gott oder von einem
widergöttlichen Prinzip und auch nicht unmittelbar aus den von ihm geschaffenen
Dingen kommen, sondern aus der freien Entscheidung der zur Freiheit geschaffenen
und berufenen Geschöpfe, dass also Unheil und Sünde keine
29
metaphysischen,
sondern geschichtliche Phänomene sind, ja dass Gott auch für die durch ihre
widergöttliche
Freiheitsentscheidung sündig gewordenen Menschen immerfort Sorge trägt und
Segen spendet, dass mit anderen Worten von Gott nur Gutes kommt und kommen kann.
Die
Verfasser des ersten, des jüngeren Schöpfungszeugnisses gehen zwar nicht wie
der Verfasser des jahwistischen
Textes der Frage nach dem Ursprung der Sünde nach. Dass jedoch diese Frage
nicht ausserhalb ihres Interessenkreises liegt, dass sie nicht oberflächliche
Optimisten sind, zeigt sich schon von Kap. 6 der Genesis an (Sünde Kains,
Turmbau von Babel, Sintflut).
In den ersten elf Kapiteln treten die Verderbnisse und die Sünde auch im
Priestertext verhängnisvoll
hervor und zwar plötzlich und unerwartet. Offensichtlich war den Verfassern
dieses Textes der jahwistische Text
bekannt. Man hat den Eindruck, dass sie dessen sehr anthropomorphe
Ausdrucksweise zu korrigieren versuchten, wenn sie natürlich auch nicht alle allzumenschlichen
Aussageweisen beseitigen konnten, da sich ja von Gott überhaupt nur in
menschlichen Bildern und Begriffen sprechen lässt. Sie hielten es anscheinend
nicht für nötig, dem jahwistischen
Text selbst noch etwas über den Ursprung der Sünde hinzuzufügen, haben aber
die aus der ersten Sünde hervorströmenden Widerstände und Aufsässigkeiten
gegen Gott nicht verschweigen wollen oder können. Vom 12. Kapitel der Genesis
an schildern sie dann Gottes geschichtswirkende
Heilsantwort auf das Versagen der Menschen, nämlich die
Berufung Abrahams. Aber auch von
den Segensverheissungen Gottes wird immer wieder Zeugnis abgelegt. Der Verfasser
will in der Gefangenschaft mehr trösten als kritisieren. Trotz der zahlreichen
Sünden, angefangen von der Ermordung
30
des
Bruders Abel durch Kain
bis zu der Überflutung
der Welt durch die Sünde, welche von Gott mit der Wasserflut bestraft wird,
nimmt Gott seine hütende Hand nicht von den Menschen zurück.
Ja, nach der Wasserflut verbürgte er dem durch seinen besonderen Schutz
geretteten Noe mit seiner
Familie sich selbst dafür, dass der Gang der Natur dem Wohle
der Menschen dienen werde (Gen 8, 21f).