2. Kapitel

Der Schöpfungsglaube im AT im allgemeinen

 

Am ausführlichsten wird der Schöpferakt, durch den Gott die Welt hervorgebracht hat, von dem Propheten Jeremia und von den Freunden des Propheten Jesaia (Dt-Jes) bezeugt. Jeremia hat für den Schöpfungsglauben seiner Landsleute im Exil von Babylon eine besondere Bedeutung gehabt. Einerseits betont er ganz realistisch die zu erwartende Länge der Gefangenschaft. Entschieden wendet er sich gegen die Falschpropheten, welche die Gefangenschaft verharmlosen und nur auf wenige Jahre beschränken wollen. Gegen ihren Optimismus prophezeit er, dass sie 70 Jahre dauern wird. Zugleich aber ruft er das Volk auf, nicht zu verzweifeln. Dies war umso nötiger, weil die Lage ausweglos zu sein schien. Die Gefangenen sollten die Lieder ihrer Heimat singen, aber wie konnten sie an den Flüssen Babylons die Lieder der weit entfernten und unerreichbaren Heimat singen? Jeremia tröstete bei aller Realistik seiner Vorhersage mit dem Gotteswort: Ich gebe euch Hoffnung und Zu-

 

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kunft. Auf dieses Trostwort kann man sich verlassen, denn Gott ist der allmächtige Herr der Geschichte. Er ordnet die Geschichte nach seinem Plan. Er wird auch von der Weltmacht Babylon befreien, wenn er von ihr befreien will. Er ist ja nicht nur der Bundesgott der in die Gefangenschaft deportierten Angehörigen des Volkes Israel, er ist der Herr der Welt. Er hat das Interesse für sein Volk noch nicht verloren und hat die Macht, sie in der Stunde, die er in Aussicht genommen hat, machtvoll zu zeigen (Jer 29, 3 - 31, 39).

Dennoch durchzieht der Glaube an die Herkunft aller Dinge und auch des Menschen aus dem voraussetzungslosen völlig freien Entschluss Gottes von Anfang an den Glauben, sowohl die Geschichtsbücher als auch die Psalmen, die prophetischen Werke und die Lehrschriften aus der hellenistischen Epoche vom 3. bzw. 2 Jahrhundert. Der Schöpfungsglaube gehört zum ältesten Bestand der israelitischen Tradition. Er ist auch weit verbreitet in der orientalischen Umwelt Israels (Babylonien, Phönizien, Ägypten). Es bestehen jedoch grundlegende Verschiedenheiten, wie sich sogleich zeigen wird. Für Israel sei z. B. hingewiesen auf 3 Kg 17, 1ff; 1 Kg 89, 12. 53; Pss 8; 19, 1-7; 24, 1f; 33, 6f; 146,6; 104; Am 5, 6; 9, 5; Jer 10,1-16; Hab 3, 3 -19; Mich 2, 2ff; Gen 14. 19. 22; 24, 3.

Jeremia ist vielleicht der erste, der ein ausführliches Schöpfungszeugnis gibt. Es ist wohl kurz vor der Exilszeit anzusetzen. Der Prophet lässt Gott sagen (27, 5-8): »Ich erschuf die Erde, Menschen und Tiere, die sich auf der Erde befinden, mit meiner gewaltigen Kraft und mit meinem ausgestreckten Arme und kann sie verleihen, wem ich will. Zu dieser Zeit überliefere ich alle diese Länder in die Gewalt meines Knechtes, des Königs Nebukadnezar von Babel; selbst das Wild des Feldes schenke ich ihm, es soll ihm untertan sein.«

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Die Ausdrücke, in denen in diesen und anderen Texten die schöpferische Tätigkeit Gottes beschrieben wird, sind sehr mannigfach und vielschichtig. Sie bedeuten soviel wie gestalten, formen, bilden, hervorbringen. Ein besonders bedeutsamer Ausdruck stellt sich im Wort »bara« vor. Hierüber wird im Kapitel über die Auslegung der Genesistexte eingehender die Rede sein.

 

 

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