3.
Kapitel
Der Mensch und die Unermesslichkeit der Schöpfung
Angesichts
unserer Überlegungen erhebt sich die Frage, ob das AI! nicht von einer so
unfassbaren, ja endlosen Grösse ist, dass der menschliche Geist seine Abgründe
und die in ihm dargestellte Gottesherrlichkeit während der irdischen Geschichte
nie zu durchdringen vermag. In der Tat, es ist anzunehmen, dass der Mensch die
Grösse der Welt nie auszuschöpfen vermag und daher auch nie die in der
Herrlichkeit der Schöpfung geborgene Herrlichkeit Gottes ganz erfassen kann.
Ja, je weiter er im Alt vordringt, um so unermesslicher erscheint es ihm. Ist
die Welt nicht zu gross,
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als dass man behaupten dürfte, sie sei um des Menschen willen da, da sich die in ihr niedergelegte Gottesherrlichkeit dem Menschen doch nie ganz zu enthüllen vermag, weil der Mensch nicht Fassungsvermögen genug besitzt, um sie mit seinem Geist ganz zu ergreifen und aufzunehmen?
Dazu
ist zu sagen: Wenn auch die menschliche Fassungskraft nicht ausreicht, die im
All mit seinen unvorstellbaren Quantitäten aufscheinende Grösse Gottes erschöpfend
aufzunehmen, so ist doch gerade die Unermesslichkeit des Alls für den Menschen
ein ständiger Aufruf, sich vor Gottes Grösse zu beugen. In der
Unbegreiflichkeit des Alls kann der Mensch wie in einem sprechenden Symbol der
überwältigenden Unbegreiflichkeit Gottes inne werden. Der Mensch, der sich im
All wie ein Punkt vorkommen mag, den die Welt einschluckt, wird seiner eigenen
Grenze leichter inne und kann sich daher am All darin einüben, sich vor Gottes
Grösse zu beugen. Zugleich kann der am Weltall auf die Grösse Gottes und auf
seine eigene Grenze stossende Mensch sich ein um so lebendigeres Bewusstsein von
der unbegreiflichen Liebe bilden, in der Gott sich zu ihm herabbeugt. Auf der
anderen Seite erfährt der Mensch am All seine eigene Grösse. Denn er wird
dessen inne, dass er die in ihrer Quantität ihm unfassbar überlegene Welt mit
seinem Geiste zu durchdringen vermag. So wird er sich seiner Überlegenheit über
das All bewusst und zum Preise Gottes angeregt, der ihn innerhalb des Schöpfungsganzen
auf eine so hohe Stufe gestellt hat. Er erfährt also schon sein natürliches
Dasein als »Gnade« und weiss sich dafür Gott zu Dank und Lob verpflichtet.
Darüber hinaus kann er sich jedoch seines Wertes vor Gott dadurch in besonderer
Weise bewusst werden, dass Gott sich gerade seiner, des Menschen, in der
Menschwerdung seines
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Sohnes
angenommen hat, wie er sich der übrigen Welt trotz ihrer riesenhaften
quantitativen Überlegenheit nicht annahm.
Zu
dieser ersten Erwägung kommt eine zweite. Auch wenn der Mensch innerhalb der
Geschichte die Herrlichkeit des Alls nicht zu durchdringen vermag, so vermag er
doch tiefer in sie einzudringen in jener Lebensform, die nach seinem Tode
beginnt. Das All ist mächtig, weit und abgründig genug, dass es auch dem mit
einer wesentlich schärferen Geisteskraft ausgerüsteten Menschen jenseits des
Todes immer neue unbekannte Seiten Gottes zu enthüllen vermag.
Man
muss ferner bedenken, dass, was der Mensch an der Welt nicht zu erfassen vermag,
die leibfreien Geister, die wir Engel nennen, an ihr zu erkennen vermögen, so
dass, was der Mensch an Gottesherrlichkeit in der Welt nicht begreifen kann,
dennoch nicht unbegriffen bleibt, da die Welt der Offenbarung der Herrlichkeit
Gottes auch für die Engel dient. Sie muss daher gewissermassen über
menschliches Mass hinausgehen, weil sie sonst den Engeln nicht genug zu bieten
vermöchte. Eine solche Meinung wird man um so eher vertreten können, je enger
man sich die Welt mit den Engeln verbunden denkt. Hierüber sagt z. B. H.
Schell, Katholische Dogmatik, Paderborn 1890, Bd. II, 199: Die Engel sind »praktische
Weltbürger. Sie erforschen die Welt, die Gründe und den Zusammenhang der
Dinge, verfolgen bestimmte Interessen in der Welt, teils entgegengesetzt im
Ziel, im Kampf des Guten mit dem Bösen, — teils in der Wahl und Anwendung der
Mittel zum guten Zweck, wie die heiligen Schutzengel der Nationen; sie sind Völkerfürsten
und Schutzgeister, Boten Gottes an die Menschenwelt und Anwälte dieser vor dem
Throne des Weltherrschers. Sie besitzen nicht eine von Anfang an vollendete
Erkenntnis, son-
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dern
gewinnen aus der Weltgeschichte neue Erfahrungen; sie werden von den Ereignissen
innerlich erregt, sie brennen und glühen, lieben und hassen, eilen und
streiten, ringen und mühen sich; sie beraten und beschliessen über die Welt
und die Völkergeschichte (Dan 4), sie erscheinen und wirken in der Welt, sie
stehen im praktischen Wechselverkehr von Belehrung und Auftrag, sind in ihrem
Wirken örtlich bedingt, haben selbst eine geschichtliche Entscheidung hinter
sich und auf Grund derselben noch immer ihre eigene zeitliche Aufgabe und
Geschichte bis zum Weltgericht. Sie sind also praktische Bürger des grossen
Gottesreiches.«
Wenn
feststünde, dass es nicht nur auf der Erde, sondern auch auf anderen Himmelskörpern
vernunftbegabte Wesen gibt, könnte man als vierte Überlegung noch hinzufügen,
dass diesen an der Welt Seiten der Herrlichkeit Gottes sichtbar sind, welche für
den Bewohner der Erde nicht fasslich sind. So würde die Schöpfung Gottes
Herrlichkeit den Menschen auf der Erde, den Seligen des Himmels (den vollendeten
Menschen und den Engeln) und den Bewohnern anderer Welten verkünden.