2.
Kapitel
Der Mensch als Vertreter der Gesamtschöpfung
Dem
dienenden Herr-Sein Gottes entspricht der Gehorsam des Geschöpfes. Die
untermenschlichen Dinge gehorchen ihm, indem sie die ihnen von Gott
eingeschaffenen Gesetze, die Naturgesetze, erfüllen. Der Mensch erfüllt den
Gehorsam gegen Gott in freier Antwort auf Gottes Ruf. Der Gehorsam ist nicht
eine den Menschen entwürdigende, sondern die allein sachgemässe und seinsgemässe
Haltung. Er wird nicht vollzogen, weil er gefordert wird, sondern weil die im
Auftrag interpretierte Sache dies verlangt. Seine Verweigerung stünde im
Widerspruch zu dem durch die Herkunft von Gott geprägten Wesen des Menschen und
der Dinge. Sie wäre daher eine Verletzung des Seins, letztlich die Zerstörung
des menschlichen Seins.
Weil
Gott als Schöpfer der Herr der Welt und insbesondere des Menschen ist, sind die
Zeichen und die Worte, die er setzt und spricht, für den Menschen keine fremden
Zeichen und Worte, wenngleich sie ihn vielfach überraschen oder ihm sogar
befremdlich erscheinen. Infolge der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur und
der Neigung, das eigene Ich gegen Gott auszuspielen und sich in sich selbst zu
verschanzen, wird allerdings der Anruf Gottes vielfach als etwas Lästiges, ja
Gefährliches empfunden (Joh 1, 11). In
118
Wahrheit
gelangt das vom Wesen her für Gott offenstehende menschliche Ich zu seiner
Vollendung nur durch die Begegnung mit Gott. Die Schöpfung besitzt, wie man
sagt, die potentia oboedientialis, die Fähigkeit von Gott Einwirkungen zur
eigenen Wesens-Erfüllung entgegenzunehmen. In höchstem Masse wurde diese Fähigkeit
des Menschen in der Menschwerdung des Gottessohnes verwirklicht. Denn bei ihr
ist dieser so sehr in einen konkreten Menschen schon zu Beginn von dessen Leben
eingetreten, dass er nicht mehr bloss sein Schöpfer (bzw. dessen Mitschöpfer)
und sein Herr, sondern sein Subsistenzgrund, sein metaphysisches Ich wurde.