5. Der Begriff des summum bonum —

kein hinreichender Erklärungsgrund

 

Man würde dem jeden Zweifel entzogenen Glaubenssatz von der völligen Freiheit Gottes in seinem weltschöpferischen Entschluss nicht völlig gerecht, wenn man Gott ausschliesslich im platonisch-neuplatonischen Sinn als jenes »summum bonum« betrachten wollte, zu dessen Wesen es gehört, sich selbst zu verströmen. Die Formel von Gott als dem bonum diffusivum sui ist zwar durch die Theologie des Marius Victo-rinus in das Mittelalter hineingekommen. Der Ausdruck ist jedoch dort nicht in einem pantheisierenden Sinne verstanden worden. Er wurde vielmehr nur verwendet, um die Offenbarungswahrheit von der Liebe als dem schöpferischen Weltgrund philosophisch zu durchdringen. Mit dem Worte bonum diffusivum sui wurde mit neuplatonischen Denkmitteln auszudrücken versucht, was die Schrift von der Freiheit Gottes sagt. In dem Ausdruck bonum diffusivum sui fehlt vor allem der personale Charakter Gottes. Dieser Ausdruck kann zu dem Missverständnis führen, dass Gott nicht eine Du-, sondern eine Es-Wirklichkeit darstellt. Dieser Terminus kann daher in der Theologie nur verwendet werden, wenn er eingeordnet wird in die Ich-Du-Metaphysik der Heiligen Schrift.

Unsere bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass Gott die von ihm hervorgebrachte Wirklichkeit wiederum auf sich selbst beziehen muss. Er kann nicht schaffen, ohne das Geschaffene auf sich selbst zu beziehen. In allem, was er hervorbringt, stellt er sich selbst, seine Herrlichkeit, seine Macht und Grösse, sein Herrsein, seine Liebe und seine Gerechtigkeit dar. In diesem Sinne muss man sagen: Die Schöpfung dient der Ehre Gottes. Diese ist ihr primärer »Zweck«. Alles

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von ihm Hervorgebrachte ist eine inadäquate Widerspiegelung dessen, was er selbst ist, und verweist daher auf ihn. Dieser Verweis ist nicht nur in einem objektivierenden Sinn zu verstehen, sondern in einem subjektiven, sowohl als Wille Gottes wie auch als die im Geschöpfcharakter begründete Aufgabe des Geschöpfes. Er ist von Gott selbst gewollt und muss von ihm gewollt sein. Die Schöpfung kann nicht sie selbst sein, ohne auf Gott bezogen zu werden. Gerade in der Hinwendung auf sich selbst wendet sie sich wesenhaft und wesensgemäss Gott zu, selbst dann, wenn sie es nicht weiss. In diesem Falle geschieht eine unterbewusste und unbewusste Hinwendung auf Gott. Dem vollen Sinne der Schöpfung entspricht es allerdings erst und nur, wenn die Geschöpfe bewusst Gott in ihren Selbstvollzug aufnehmen. Dies, eben die Hinwendung zu Gott, ist der ihnen immanente Sinn ihrer Existenz (Anbetung). Konkret und bewusst erreicht wird dieser Sinn im Menschen und in den Engeln. Die Menschen sind in dieser Hinsicht die Repräsentanten der gesamten Schöpfung im geistig-materiellen Bereich.

   

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