2
Kapitel
Das
Zeugnis der Heiligen Schrift
1. Im Alten Testament
Durch
das ganze Alte Testament hindurch wird bezeugt, dass Gott für die Menschen, ja
für den Kosmos einen Plan festgelegt hat und durchführt. Die menschliche
Freiheit wird dabei nicht unterdrückt oder gefährdet, sondern eingesetzt und
in Bewegung gebracht. In dem Abschnitt über die Heilsgeschichte wurde darauf
(Bd. 1) näher eingegangen. An dieser Stelle sei jedoch um des Zusammenhangs
willen betont, dass Gott auch nach der Sünde den ersten Menschen seine Sorge
zuwendet. Er führt den Plan, den er für das Heil der Menschen gefasst hat, auf
vielen Umwegen durch, wenn ihn auch die Menschen durch ihre Rebellion immer
wieder in seinem geraden Lauf stören. Die Ereignisse um Kain, Noe, den Turmbau
von Babel bekunden dies. In der Berufung Abrahams gewinnt die Ausführung des
Weltplans Gottes konkrete Verdichtung. Gott wählt sich aus dem Ganzen der Schöpfung
ein Volk für ein besonderes Ziel aus, ohne dass er jedoch das Ganze der Schöpfung
aus seiner Sorge entlässt. Durch die mit dem erwählten Volk von ihm begonnene
und durchgeführte Geschichte soll die gesamte Menschheit zu dem von Gott
gesteckten Ziele hingeführt werden.
Der
göttliche Weltplan ist eschatologisch ausgerichtet. Dies tritt im Neuen
Testament noch wesentlich stärker hervor als im Alten. Die tätige Sorge Gottes
umgreift sowohl den geschichtlichen Ablauf als auch das Geschehen in der Natur.
Beide Bereiche hängen
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so
eng miteinander zusammen, dass keiner recht gedeihen kann ohne den anderen.
Alles, was in diesen beiden Dimensionen geschieht, ist von Gott gewirkt, auch
die freien Taten der Menschen. Das Tun Gottes ist dabei zwar primär dem Heile
der Menschen, aber auch der aussermenschlichen Welt zugewandt. Auch sie ist für
einen bestimmten zukünftigen Zustand geplant (Ex 34,10ff). Natur und Geschichte
laufen dabei nicht wie zwei unverbundene Realitäten nebeneinander her. Sie
beeinflussen sich vielmehr gegenseitig immerfort. Der Mensch ist das Schicksal
der Natur, in einem reziproken Verhältnis wird die Natur wiederum zum Schicksal
des Menschen. Gott erweist sich in seiner Vorsehung als der Herr der Natur und
der Geschichte und zugleich als der sorgende Vater. Wenn im Alten Testament
immer wieder die Geschichte des Volkes erzählt wird, welche Gott mit ihm
vollbracht hat und vollbringt, so geschieht dies, um den Dank gegen Gott
abzustatten und zur Dankbarkeit gegen ihn aufzurufen.
Als
Sinn und Ziel des Weltgeschehens enthüllt sich dabei die Herrschaft Gottes, das
heisst die Durchsetzung Gottes als der Liebe und der Allmächtigkeit in der
Geschichte. Alle einzelnen Ereignisse im geschichtlichen Ablauf spielen eine
Rolle in dieser umfassenden Perspektive. Diese These behält ihre Geltung auch für
jene Vorgänge, in denen »das« Böse oder »der« Böse, das Widrige und das
sinnlos Erscheinende an die Macht kommen. Ein solcher Zustand kann immer nur als
ein Durchgang zu dem wahren Sinn der Schöpfung verstanden werden. In den Bedrückungen
und Heimsuchungen erfährt der Mensch, dass die Welt, wenn sie sich von Gott
freizumachen versucht und sich auf sich selbst stellt, in den Abgrund, in den
Untergang fällt.
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Ein
eindrucksvolles Beispiel für die geschichtswirkende göttliche Vorsehung bieten
die Propheten: Deutero-Jesaja, Jeremias, Ezechiel und Daniel. Dem Propheten
Jesaja bzw. seinen Schülern war es gegeben, in dem weitgeschichtlichen
Augenblick, da das assyrische Eroberervolk das alte Staatengefüge des vorderen
Orients zerschlug, um sein eigenes Imperium zu bauen, in diesem furchtbaren
Zerstörungswerk einen weitschauenden Plan Gottes zu erkennen. Als Sinn des
Weltgeschehens hat sich ihnen das Werden des Gottesreiches enthüllt, eines
Reiches des Friedens und der Gerechtigkeit (Jes 2, 2ff). Sie sehen, wie Gott die
Geschichte zu dem von ihm gewollten Ziele hinführt, indem er den Kyros wie
einen Meteor aufstrahlen lässt (Dt-Jes 45, 1ff; 40, 22; Ps 102, 26-29; Jer 31,
35-37). Auch die gottfeindlichen geschichtsbildenden Mächte können nichts
anderes, als den Plänen Gottes dienen (Ez 38, 38ff). Was Gott will, wird
geschehen (Jdt 9, 5). Gegen ihn kann kein Beschluss aufkommen (Jes 8, 10; W.
Eichrodt).
Der
Prophet Daniel preist Gott als Herrn der Geschichte. Bei ihm (Dan 2, 20ff)
heisst es: »Gepriesen sei der Name des Herren, von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn
sein ist die Weisheit und die Macht. Er ist es, der den Wechsel der Zeiten und
Verhältnisse herbeiführt, der Könige absetzt und Könige einsetzt, der den
Weisen Weisheit und den Klugen Einsicht verleiht. Er offenbart das Tiefe und das
Verborgene. Er weiss, was in der Finsternis geschieht. Denn bei ihm wohnt das
Licht.« Nach Daniel gliedert sich die Geschichte in grosse Zeitalter.
Das
Ziel der ganzen von Gott geleiteten Geschichte ist Jesus Christus. In ihm
realisiert sich der ewige Schöpfungsplan Gottes (Eph 1, 3ff; Ko) 2, 20),
welcher der Heilsplan ist. Gott erreicht dieses Ziel auch
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über
die Untreue, den Unglauben, den Abfall, den Götzendienst und den Verrat der
Offenbarungsträger hinweg. Ja, gerade wenn ihm die Menschen entfliehen wollen,
müssen sie ihm und seinen Absichten dienen. Auch wenn sie Böses tun, müssen
sie, ohne dass sie es wissen und wollen, Gottes Heilsplan erfüllen.
Das
deutlichste Beispie! und zugleich das erschreckendste dafür wird im Neuen
Testament Kaiphas sein. Als Prophet, d.h. als Verkündiger einer göttlichen
Heilsbotschaft, spricht er, wie uns bei Johannes berichtet wird, das Wort, dass
es besser ist, wenn einer stirbt, als dass das ganze Volk zugrunde geht (Joh 11,
50). Kaiphas sucht mit politischen Erwägungen das Todesurteil gegen Christus zu
begründen. Aber der Heilige Geist, der ihn als sein Werkzeug benutzt, lässt
ihn diese Worte sprechen, um einen ganz anderen Sinn damit zu verbinden. Kaiphas
begeht zwar ein unausdenkbares Vergehen, aber darin wirkt Gott gerade das Heil (Joh
11, 49-52).
Man
würde dem Alten Testament nicht gerecht, wenn man die Vorsehung Gottes bloss
kollektiv und nicht individuell verstünde. Der einzelne ist in der Gemeinschaft
nicht wie ein verlorenes Sandkorn. Gott kümmert sich auch um die einzelnen und
um das einzelne. Dessen kann der Gläubige immer innewerden; denn Gott tritt in
das Leben des Menschen erfahrbar ein und leitet und führt es so, dass man ihm
danken und vertrauen kann. Bei ihm ist kein Raum für einen Zufall im
eigentlichen Sinn, für ein selbständiges willkürliches Wirken gottfeindlicher
oder dämonischer Mächte, die in den heidnischen Nachbarreligionen eine so
grosse Bedeutung hatten, denen auch die Götter selbst unterworfen sind. Nach
Jeremia ist das ganze Leben von der Sorge des Herrn umfangen (1, 5). Er setzt
die Zahl der Monde und der Tage des menschli-
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chen
Lebens fest (Ijob 14, 5). Vom Herrn sind des Menschen Schritte bestimmt. Was
versteht der Mensch von seinem Weg (Spr 20,24)? Auch die dunklen und rätselhaften
Ereignisse im Leben kommen von ihm (Dt-Jes45, 5ff).
Solche
Sätze stellen keine theoretischen Spekulationen, sondern lebendige Erfahrungen
dar. Dies wird besonders deutlich in den Psalmen (vgl. Pss 23; 37, 23f; 39f; 54;
73; 23f). Hierbei muss ein Moment besonders hervorgehoben werden. Die Fürsorge
Gottes für die »Seinigen«, ja für alle seine Geschöpfe wird in den Psalmen
nicht nur darin gesehen, dass er sich den Menschen selbst schenkt. Es war wohl
eine Sternstunde des Glaubensvollzuges, als dem Sänger das Wort gelungen ist:
»Herr, du bist mir Erbgut und Anteil. Du bist es, der mein Los mir beschieden
... Beständig stelle ich den Herrn mir vor Augen. Denn er steht mir zur
Rechten, darum wanke ich nie« (Ps
16 <15>, 5. 8).
Kein
geringes Problem bedeutete für den alttestamentlichen Vorsehungsglauben die
Erfahrung des Leides, welches die Gerechten trifft. Solange das Leid als eine
Strafe für die Schuld verstanden werden konnte, wurde es als solche
hingenommen. Je mehr sich indessen enthüllte, dass auch die Gerechten von Leid
getroffen wurden, um so mehr wurde der Vorsehungsglaube mit einer Hypothek
belastet. Man versuchte sich in dieser schwierigen Situation zu helfen mit dem
Gedanken, dass es verborgene, dem Täter selbst unbekannte, wohl aber Gott
bekannte Sünden seien, für welche Strafen verhängt wurden. Auf die Dauer
konnte jedoch ein solcher Lösungsversuch nicht befriedigen. Die Erfahrung der göttlichen
Vorsehung einerseits, des Leides der Gerechten andererseits trieb in eine andere
Richtung. Man richtete den Blick immer mehr in die Zukunft, zunächst in die
innerweltliche, all-
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mählich
aber in die die Weit übersteigende Zukunft. Der Transzendenzcharakter der
Hoffnung auf die Vorsehung tritt in jenen Büchern besonders deutlich hervor,
die in der hellenistischen Zeit entstanden sind. Man darf wohl vermuten, dass
hierfür die hellenistische, insbesondere aber die platonische Philosophie einen
gewissen Beitrag geleistet hat. Derartiges anzunehmen würde keineswegs dem
Inspirationscharakter der Heiligen Schrift widersprechen, denn die Inspiration
garantiert nur die Wahrheit, nicht aber die offenbarungsmässige Herkunft des
von ihr Gesagten. Im übrigen könnte man solche Einflüsse verstehen als Hilfen
für die Interpretation dessen, was durch den Wortlaut der Heiligen Schrift
selbst gemeint ist.