5. Das Sechstagewerk

 

Die Verfasser der Priesterschrift haben für ihre Darstellung das Bild einer Woche verwendet und die Schöpfungswoche mit dem Sabbat geschlossen. Dies hat einen heilsgeschichtlichen Hintergrund. Die Feier des Sabbat gehörte nach der Sinai-Gesetzgebung zu dem vom Volke Gottes zu vollziehenden Kult. Als jedoch das Volk Israel oder vielmehr seine führenden Kreise im Katastrophenjahr 587 nach Babylon in die Gefangenschaft weggeführt wurden, hörte der Tempeldienst auf. Das Volk konnte sich nur noch im Gebet an den Gott der Väter wenden. Der Hinweis auf den Sabbat in unserem Bericht will daran erinnern und dazu auffordern, dass die alten Satzungen Gottes auch nach der Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft nicht vergessen werden dürfen, sondern weiter gepflegt werden müssen.

Ausserdem darf man in der 6-Tage-Woche die Glaubensaussage sehen, dass die Welt einen zeitlichen Anfang hat, ja dass die Zeit mit den Dingen geschaffen ist und nicht einen Hohlraum darstellt, in den die Dinge eingesetzt wurden, dass sie vielmehr die Existenzweise der Dinge selbst darstellt. Die Schrift gibt ihrerseits keine Interpretation der Zeit. Eine solche wurde mit

31

 

grosser Anstrengung von Augustinus versucht. Im Mittelalter gab es zwischen Thomas von Aquin und Bonaventura scharfe Auseinandersetzungen über die Frage, ob die Zeithaftigkeit im Sinne der Anfanghaftigkeit (und der Geschichtlichkeit) so notwendig zur Existenzweise der Geschöpfe gehört, dass sie durch unsere Vernunft bewiesen werden kann, oder ob wir ihren zeithaften Anfang nur aus dem Glauben wissen. Thomas von Aquin nahm das letztere an. Er hielt eine Schöpfung, die keinen zeitlichen Anfang hat, für möglich. Bonaventura hat dieser These mit einer Reihe von Gründen heftig widersprochen. Im Glauben allerdings waren beide einig, dass die Welt einen zeitlichen Anfang hat, ja dass die Anfanghaftigkeit der Welt als Grundlage ihrer Geschichtlichkeit für sie wesentlich ist, dass die Zeithaftigkeit sogar unvergleichlich wichtiger ist als die Raumhaftigkeit. (Nach der heutigen Naturwissenschaft bedingen sich die beiden Seinsmodi gegenseitig.)

 

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Band 3