h) Biblisches und griechisches Denken
Heute
werden zwar mit Recht die Unterschiede zwischen dem sogenannten griechischen und
dem biblischen Denken hervorgehoben. Bei Lichte besehen, zeigt sich jedoch, dass
die Unterschiede in der Entdeckerfreude zu Unrecht zu sich ausschliessenden
Gegensätzen zugespitzt werden. Das harte Entweder-Oder ist auch hier einfachhin
falsch. Die griechische Philosophie stellt eine äusserst wichtige Stufe in der
Entfaltung des menschlichen Geistes dar. Sie wird von der Bibel nicht negiert,
sondern in Dienst genommen, geläutert und überboten. Die Theologie und auch
die Kirche selbst waren daher gut beraten, wenn sie die griechische Philosophie
auch für unsere Frage sich zunutze machten, wenn sie insbesondere die
aristotelische Lehre von der Entelechie verwerteten. Dass sowohl in den
theologischen Anfangsuntersuchungen des 12. Jahrhunderts (siehe R. Heinzmann,
Die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung des Leibes. Eine
problemgeschichtliche Untersuchung der
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frühscholastischen
Sentenzen- und Summenliteratur von Anselm von Laon bis Wilhelm von Auxerre, Münster
1965) als auch weithin in der kirchlichen Verkündigung und in der Volksgläubigkeit
(»Rette deine Seele«) unbedacht der Mensch geradezu mit seiner Seele
identifiziert wurde, stellt zwar eine Minderung des biblischen Sachverhaltes
dar, ist aber gegenüber dem krassen Materialismus und Monismus der geringere
Irrtum. Auch nach der Schrift sind Stoff und Lebensodem nicht einfach adäquat
identisch. Wer dies behauptete, würde die Schrift zu einem materialistischen
Buch machen. Man wird dem Sachverhalt nur gerecht, wenn man der Schrift nicht
volle Identität, sondern Synthese von Materie und Geist zuspricht. Es ist
schwer verständlich, warum theologischerseits manchmal mit grosser Leidenschaft
gegen die wirklich unberechtigte Trennung von Leib und Seele und gegen die in
der Schrift nicht begründete und daher in der Tat illegitime Verselbständigung
der Geistseele gekämpft wird, nicht aber mit der gleichen Heftigkeit und Schärfe
gegen den Materialismus, d.h. gegen die Identifizierung des Geistes mit dem
Stoff, die offensichtlich der Schrift eklatant widerspricht.