2. Ätiologische Ursachenforschung

 

Unter ätiologischer Ursachenforschung, die nicht mit philosophischer Spekulation verwechselt werden darf, ist in der anstehenden Problematik jenes geistige Unternehmen zu verstehen, in welchem der Autor aufgrund seiner im Glauben gemachten und gesicherten Heilserfahrung mit Gott versucht, den Anfang der Geschichte zu rekonstruieren und zu verstehen. Er will dabei reale Vorgänge ergreifen, bietet diese aber in Bildern dar. In bedrängter Situation haben ernste, vom Geiste Gottes erfüllte und getriebene Männer aufgrund des in der Sinai-Erfahrung gewonnenen Gottesbildes nachgesonnen, wie der Glaube an den einen Gott gerettet und gefestigt werden könne. Sie tasteten sich zurück über die Zeit Abrahams hinaus bis an die Anfänge der Menschheit und weiter in das Dunkel der Jahrmillionen, von denen sie keinerlei schriftliche oder mündliche Nachrichten hatten.

Ferner drängte sich die Frage auf, woher das Böse und das Unheil in der Welt komme, ob es einen Sinn hat, das Wort dieses Gottes ernst zu nehmen: Du sollst keine fremden Götter neben mir haben (Ex 20, 1-17). Wie die Propheten und die Psalmensänger Gott als den Herrn des Himmels und der Erde gepriesen haben, so wird Gott auch in den Texten der beiden ersten Kapitel der Genesis als der allmächtige Herr des Himmels und der Erde, als der gnädige und gütige Herr, aber auch als der strenge Richter bezeugt. Die Schöpfungsgeschichten haben den Sinn einer Doxologie. Man darf mit E. von Rad annehmen, dass diese Glaubens-Texte dem schon bestehenden, die Heilstaten zusammenfassenden sogenannten kleinen geschichtlichen Credo (Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, Führung durch die Wüste, neue Bundes-

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Schliessung und Gesetzgebung am Sinai, Landgabe bzw. Landnahme (Dtn 6, 20-25; 26, 5-9; Jos 14, 2-13; zu der Problematik siehe W. Richter, Beobachtungen zur theol. Systembildung in der alttest. Literatur anhand des »kleinen« geschichtlichen Credo, in: Wahrheit und Verkündigung, 1967, 175—212) hinzugefügt oder vielmehr vorausgestellt wurden. So bewegt sich der Glaube Israels von der Bundeserfahrung zurück zu dem Gotte der Schöpfung: Von dem partiellen, dem eigenen Volk zugewandten Gott zu dem universalen, alles Nichtgöttliche schaffenden und allen übrigen Völkern zugewandten Gott; aus der erfahrenen Geschichte zu dem Anfang dieser Geschichte, nicht umgekehrt von dem universalen Gott zu einem sich mehr und mehr spezialisierenden und konzentrierenden Gottesbilde. Der Bundes-Gott ist demgemäss nicht nur der Herr seines Volkes, sondern der Herr der ganzen Welt und aller Völker.

Die in den Überlegungen über den Entstehungsgrund der Schöpfungsberichte genannten, am Anfang der Genesis stehenden Texte zeigen, dass sie nicht nur der Belehrung dienen wollen, sondern dass sie an den Glauben der Bundesangehörigen appellieren, das Vertrauen und die Treue zu dem Bundesgott wieder herstellen und stärken sowie zur Befolgung des Bundesgesetzes aufrufen wollen. Die in der Umwelt verehrten Götter sind Nichtse. Sie können nicht helfen, nicht richten und nicht retten. Sie sind Gemächte von Menschenhand oder vielmehr selbst Schöpfungen des einen und alleinigen Gottes.

Man hat gefragt, ob die Bezeugung der schöpferischen Tätigkeit des einen Gottes, der zuerst als Bundesgott und sodann als Weltengott, dessen Weltinnerlichkeit und Weltüberlegenheit zugleich erfahren wurde, nicht auf dem meditativen aitiologischen Wege

 

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erkannt, sondern durch eine Uroffenbarung erfahren wurde, die von Generation zu Generation überliefert worden wäre. Derartiges ist nicht einfachhin unmöglich. Es ist jedoch schwer, den Gedanken zu realisieren, dass Gott den ersten Menschen über den Anfang der Welt, der Jahrmilliarden vor der Entstehung des Menschen liegt, Aufschluss gegeben und sich diese Offenbarung über Jahrhunderte oder Jahrhunderttausende hindurch bis zur Abfassung des Schöpfungsbuches Genesis forterhalten hätte.

Wir wenden uns der schrittweisen Interpretation der beiden Schöpfungsberichte zu.

 

 

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