7. Kapitel

 

Auslegung der Genesistexte 1-2

 

1. Allgemeines

 

Die Welterschaffung ist echtes, absolutes Schöpfertum, zu dem es kein Seitenstück in unserer Erfahrung gibt. Sie muss gegen jedes menschliche »Schöpfertum« abgegrenzt werden. Wir sprechen zwar auch im menschlichen Bereich vom »wahren« Schöpfertum, sei es in der Wissenschaft, sei es in der Kunst, sei es in den menschlichen Begegnungen: Auch in den höchsten schöpferischen Leistungen des Menschen wird jedoch immer ein von keinem Genie hervorgebrachter, sondern ihm zur Verfügung stehender und ihm dienender Grundstoff vorausgesetzt. Von solchen Voraussetzungen ist jede schöpferische Kraft in der Welt

 

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abhängig, sei es auch »nur» das menschliche Wort, die Sprache, der Ton. Im heutigen Sprachgebrauch wird das menschliche Schöpfertum vielfach als »Kreativität« bezeichnet. Eine solche Sprachregelung wäre, wenn sie sich durchsetzt, geeignet, ungeschaffenes und geschaffenes Schöpfertum zu unterscheiden, so dass jeweils volle Klarheit darüber besteht, dass Gott nicht mit dem Menschen und dieser nicht mit Gott verwechselt wird. Von einer Entstehung Gottes ist der Bibel nichts bekannt. Er entsteht nicht. Er ist einfachhin. Diese Überzeugung ist der selbstverständliche Ausgang. Nach Gottes Herkunft wird nicht gefragt, da er von nirgends herkommt. Er ist das immer seiende Du bzw. Ich.

Aus den Texten ergibt sich, dass wir im Alten Testament zwar mythologische Bilder, aber keine Mythologie haben. Man kann mit Recht annehmen, dass sowohl das Enuma-Elis-Epos wie auch das dem babylonischen ähnliche phönikische Anat-Baal-Epos, das ganz und gar mit heidnischer Mythologie durchsetzt war und ständig zum Abfall zu den Baalen hinzog, in Israel bekannt waren. Die Propheten und die Dichter (Psalmen) gebrauchten in dem weltbildlichen Vorstellungsgut diese Epen, um damit die einzigartige Macht und Grösse Jahwes zu schildern. Die biblische Theologie wird nie von der Gebundenheit des menschlichen Denkens an Ort und Zeit abstrahieren können. Sie muss auch von Gott immer weltbildlich bzw. anthropo-morph sprechen, dies bald mehr, bald weniger, je nach der Abstraktionsfähigkeit des Verfassers und seiner Adressaten. Sie bedarf daher immer der Entmythologisierung, ohne je der Weltbildlichkeit ihren nicht-weltbildlichen Aussagen über Gott entrinnen zu können. Das Weltbild der israelischen Umwelt, das die Gläubigen in Israel ebenso wie ihre Zeitgenossen für

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wahr hielten, ist Ausdrucksmittel, aber nicht Inhalt ihrer Glaubenswahrheiten.

In der Heiligen Schrift begegnet uns das altorientalische Weltbild als sprachliche Form für den völlig unmythischen Schöpfungsglauben. Die Sterne, der Mond, die Sonne, die fruchtbare Erde, Gegebenheiten, welche in dem altorientalischen Mythos als Götter verehrt und vielfach gefürchtet werden, werden in dem Schöpfungsbericht des ersten Kapitels der Genesis mit grossem Nachdruck als Geschöpfe bezeichnet. Hier wird also von der Schrift eine tiefgreifende Entmytho­lo­gi­sierung vorgenommen. Die alttestamentlichen Schöpfungstexte sind eine Auseinandersetzung mit den in Israels Umwelt vorhandenen, auf dem Polytheismus beruhenden Mythen. In der Heiligen Schrift wird Antimythisches auf mythische Weise ausgesagt.

 

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