6. ABSCHNITT

Gott der Nahe und der Ferne

Die Gottesgläubigen müssen und dürfen den unaufhebbaren und unergründlichen Geheimnischarakter des einen, lebendigen Gottes immer wieder zu ihrer Freude und zu ihrem Schmerze erfahren. Bei aller Vertrautheit mit ihm, ja trotz der gewissermaßen immer wieder eintretenden Familiarität Gottes, insbesondere mit den maßgebenden Führern des Volkes, bleiben Gottes Pläne unberechenbar und undurchschaubar und daher beängstigend und beglückend zugleich.

Am bedrückendsten wird im AT sein Geheimnis erfahren, wenn er die Heiden obsiegen und sein Volk unterliegen läßt. Da die Niederlage eines Volkes die Schwäche seines Gottes demonstriert, können die Heiden spotten: Wo ist euer Gott (z. B. Ps 115, 2)? Aber auch das Volk selbst wird von der Frage gequält: Wo ist unser Gott (Ex 17, 7; 32,1ff)?Jesaias und noch mehr seine anonymen Schüler aus dem 6.Jahrhundert (Deutero-Jesaias) haben das Geheimnis Gottes herausgearbeitet, wenn sie in einem grandiosen Bilde die Seraphe rufen lassen, »Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Scharen«. Gott ist trotz seiner Gegenwart in der Geschichte anders als die gesamte übrige Wirklichkeit (Jes 5, 19; 12, 6; Dt-Jes 40, 25; 45, 4. 15.). Man kann ihn innerhalb des Weltgefüges nirgends wie einem Ding oder einem Menschen begegnen. Man kann nicht mit allerlei Zauberkünsten über ihn verfügen. Ja, im Grunde kann man gar nicht sagen, wer er, was er ist, ob er ist, auch wenn man noch so vieles über ihn sagen, ihn anrufen, zu ihm beten kann. Man erfährt

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zwar auch in den Heimsuchungen die Sorge für sein Volk und seine nie versagende, ja vielfach überraschende Gnädigkeit (Dt-Jes 40-65). Er ist immer der »Immanuel«, (der Gott mit uns), aber sein Wesen ist unbekannt. Wenngleich er seinen Namen mitteilt, so ist er doch zugleich der Namenlose (Ri 13, 17f). Einerseits kann man ihn bei seinem Namen rufen, andererseits bleibt er unbegreiflich und unaussprechlich. Sowohl das von ihm erwählte Volk als auch der Einzelne können die Unbegreiflichkeit Gottes, sein oft dunkles und erschreckendes Geheimnis bis zur Verzweiflung erfahren, in den Heimsuchungen, die unberechenbar hereinbrechen und ohne erkennbaren Grund auch wieder verschwinden. Gott bleibt menschlichen Überlegungen häufig undurchsichtig wie die tiefe Nacht. Eine solche Gotteserfahrung wird zum Beispiel im Buche Ijob geschildert. Hier zeigt sich zugleich, daß dagegen kein menschliches Räsonnement aufzukommen vermag, daß vielmehr nur die volle Unterwerfung unter das undurchsichtige Geheimnis Trost und Befreiung gewährt. Selbst Jesus Christus, der Sohn, mußte diese Erfahrung machen. Er drückt sie am Kreuze in dem von Zuversicht und Trostlosigkeit in einem erfüllten Wort aus: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verfassen!« (Mk 15, 34; vgl. Ps 22, 2). Dieses »Gebet Jesu« ist kein Verzweiflungsschrei, sondern Vertrauensäußerung, seiner äußersten Not angemessener Ausdruck eines unerschütterlichen Glaubens« (R. Pesch, Das Markusevangelium, II, 1977, 495). Gott gibt auf alle Fragen der menschlichen Qual die letzte Antwort in der Auferweckung Jesu Christi und in der durch sie antizipierten Auferweckung aller.

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