7. ABSCHNITT

 

Die Erkenntnis des Gottesgeheimnisses im Geiste

 

Je tiefer sich Gott in das Dunkel des Leidens hüllt, umso auffallender und beglückender ist es, wenn sich dieser Geheimnisvolle gerade im Tode Jesu Christi am tiefsten offenbart und die Menschen zur Teilnahme an seinem eigenen Leben einlädt und ruft (Luther; vgl. Röm 11, 33). Die absolute Zukunft, welcher die Menschen entgegengehen, ist der Dialog mit dem nicht mehr verborgenen Gott durch Christus im Heiligen Geist.

Das unbegreifliche Gottesgeheimnis kann nur im Lichte Gottes erkannt und bejaht werden. Nur der vom Heiligen Geist ergriffene und erleuchtete Menschengeist vermag zu erkennen, was uns von Gott geschenkt ist (1 Kor 2, 12). »Der natürliche Mensch erfaßt nicht, was vom Geiste Gottes kommt. Ihm erscheint es töricht, und er kann es nicht begreifen, weil es geistlich beurteilt sein will. Der Geistesmensch dagegen hat ein Urteil über alles« (1 Kor 2, 14f). Ihm allein ist also ein Erkennen, ihm ist aber auch wirklich ein Erkennen zuteil geworden Joh 16,13; 16, 6-10). Es ist eine Geistesgabe (1 Kor 12, 8). Es kann große Kraft und Lebendigkeit erreichen. So können die Empfänger des Epheserbriefes aus der Lektüre des Briefes ersehen, welch hohes Maß von Einsicht in das Christusgeheimnis dem Verfasser zuteil wurde (Eph 3, 3-13). Den Lesern wird im Briefe gewünscht, daß ihnen der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, den Geist der Weisheit und Offenbarung verleihe, ihn recht zu erkennen, daß er die Augen ihres Herzens

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erleuchte, damit sie einsehen, zu welcher Hoffnung sie berufen sind, wie reich das herrliche Erbe für die Heiligen ist (Eph 1, 17f).

Diese Einsicht ist ein wirkliches Wissen, das in seiner Gewißheit über jede auf der natürlichen Logik und Erfahrung begründete Gewißheit hinausgeht. Sie ist ein Schauen in einem höheren Licht. Es ist ein Erkennen aus einer neuen Existenz heraus, aus der Existenzform des Gotteskindes, das um das Geheimnis des Vaters weiß, wenn es ihn auch nicht begreift. Es sieht ihn auch nicht nur mit dem Auge des logisch vorangehenden Verstandes, sondern mit dem Auge des Herzens (Eph 2, 18). Der Glaube geht in diesem Wissen nicht unter. Er ist ein Erkennen im Nichterkennen, ein Schauen des Unsichtbaren (Hebr 11, 1). Jedem Menschen, der in der Taufe vom Geiste Gottes ergriffen wurde, ist dieses Erkennen zuteil geworden. Es wächst in dem einen zu stärkerer Kraft heran als im anderen.

Trotzdem gilt: Gott bleibt auch für den vom Geiste Erleuchteten, dem Christus die Binde von den Augen genommen hat, der Unbegreifliche, der in einem unzugänglichen Lichte wohnt (1 Tim 6, 16). Paulus, der Gott ob der ihm verliehenen Erkenntnis preist, muß doch bekennen: »Noch schauen wir im Spiegel, in Rätselbildern, dann aber von Angesicht zu Angesicht; noch erkenne ich stückweise, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt bin« (1 Kor 13, 12). Gott kann das Geheimnis seines personalen Lebens gar nicht vollkommen enthüllen, weil er sein Insichsein, sein Sichbesitzen, nicht preisgeben kann. Nur Gott kann Gott begreifen. Der Mensch kann nicht in die Tiefe des Persongeheimnisses Gottes eindringen, weil er Gott sein Bei-sich-Sein nicht entreißen kann. Er müßte, um dies zu können, selbst Gott sein.

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Es bedeutet keine Rationalisierung des Gottesgeheimnisses, wenn Gott im Alten Testament lokalisiert wird, wenn von ihm gesagt wird, daß er »droben«, daß er »im Himmel«, daß er auf dem Berge wohnt. Mit solchen für die lebendige und dialogische Gottesvorstellung unentbehrlichen Formulierungen wird die stets erfahrene Wirksamkeit Gottes gepriesen, zugleich aber seine Transzendenz betont. Dies zeigt sich schon darin, daß mit solchen Lokalisierungen zugleich die allgemeine Präsenz Gottes proklamiert wird. Gott ist so dem Menschen immer und überall nahe. Sein Geheimnis ist an jedem Orte wirksam gegenwärtig, so daß ihm der Mensch nie entrinnen kann, auch wenn er bis zu den äußersten Enden der Erde vor ihm fliehen würde (Flucht Adams vor Gott: Gen 3, 8f). Gott ist im Innersten des menschlichen Herzens anwesend, und er ist in allen Fernen des Himmels und der Erde als der wirkende Herr gegenwärtig (2 Chr 6,18; Ps 139,1-16).

 

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