1. Kapitel

Die Einzigkeit Gottes (Monotheismus) im AT

a) Die Tatsächlichkeit

Das erste Charakteristikum der alttestamentlichen Gottesvorstellung ist die Einzigkeit Gottes (Monotheismus). Das Fundament des alttestamentlichen Glaubens ist die Überzeugung von der Einzigkeit jener uni-

 

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versalen, lebendigen, personhaften, weltüberlegenen, geschichtswirkenden, jeder menschlichen Verfügung entzogenen Macht, welche mit dem Namen Gott analog bezeichnet wurde. Der Glaube an die Einzigkeit des weltüberlegenen Gottes im Umkreis einer allgemein herrschenden Vielgötterei ist die grundlegende Leistung des Alten Testaments. Das erste Buch der Heiligen Schrift, das Buch der »Entstehung« (M. Buber), die Genesis, verlegt die Überzeugung von der Einzigkeit Gottes (Jahwe bzw. Elohim) an den Anfang der menschlichen Geschichte. Dies wird insoweit durch die religionsgeschichtliche Forschung bestätigt, als wir keinen Evolutionismus aus primitiven numinosen Göttervorstellungen zum Glauben an den einen Gott erweisen können (M. Eliade).

Nach Ex 6, 3 war indes den Vätern Abraham, Isaak, Jakob der Name Jahwe noch nicht bekannt. Sie haben vielmehr Gott erfahren als den höchsten Herrn (El Schaddai). Der Name Jahwe wurde nach Gen 3, 15 erst in der Zeit des Mose geoffenbart. Danach müßten wir für die Patriarchenzeit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine hochstehende Monolatrie (Henotheismus) annehmen. Der den Patriarchen als der höchste und mächtigste, als der weltüberlegene Herr bekannte Gott wurde im Gange der Überlieferung mit Jahwe gleichgesetzt (Gen 14. 18-22). So entfaltete sich die in einer lange dauernden Zwischenzeit wohl bestehende Monolatrie zum strengen Monotheismus. Für Mose und die folgende Zeit ist Jahwe allein »der« Gott, und zwar nicht nur der Gott Israels, sondern Gott schlechthin. Jahwe ist kein Nationalgott, wenngleich er sich ein Volk aus anderen Völkern erwählt und diesen Verheißungen und Aufträge erteilt hat, die allen anderen auch zugute kommen sollen. Er reicht und wirkt in seinem überweltlichen Wesen und in sei-

 

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ner unbeschränkten Macht über die Grenzen seines Volkes hinaus. Seine Macht erstreckt sich auch über die Natur.

Jahwe als der einzige Gott duldet keine fremden Götter neben sich. Er erklärt: »Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus dem Lande Ägypten, aus dem Sklavenhause weggeführt hat. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben« (Ex 20, 2f; Dtn 6, 4). Hier werden alle Nebengottheiten ausgeschlossen. Jahwe vereinigt alles Göttliche in sich, das von den Mythosgläubigen ihren Göttern zugeschrieben wird.

b) Die Erfahrung als Quelle der Gotteserkenntnis

Von fundamentaler Bedeutung ist es, daß der Monotheismus nicht als Ergebnis spekulativer Überlegungen erscheint, sondern aus der Erfahrung des einen allmächtigen Gottes hervorgekommen ist. Derjenige, welcher bei der Befreiung aus Ägypten und am Sinai als weltüberlegene, unwiderstehliche, einzige Macht erfahren wurde, ist eben Gott. Die Begründung des Monotheismus in der geschichtlichen Erfahrung gibt ihm einen praktischen und ethischen Charakter. Vom Jahwisten, von Samuel, von David, von Elias, von Elisäus, wird das Volk immer wieder zur Entscheidung für den einen und einzigen Gott aufgerufen (vgl. insbesondere 1 Kg 18, 21-34).

In weiten Volkskreisen freilich finden wir, wie der Bericht über Elias zeigt, die Vorstellung, daß auch den numinosen Gestalten der anderen Völker eine gewisse Macht zugeschrieben wird. Darauf beruht die dauernde Gefahr der Verführung zum Abfall. Eine gewisse Unsicherheit macht sich in jenen Lobpreisungen Jahwes bemerkbar, in denen die Überlegenheit des Gottes Israels über andere Götter gefeiert zu werden scheint

 

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(vgl. manche Psalmentexte). Vielleicht ist hierbei nur die dichterische Sprache am Werke. Völlig eindeutig wird die Existenz von Nebengöttinnen abgelehnt und die Existenz des einen, alleinigen und wahren Gottes bezeugt seit der Zeit der Propheten. Für den von diesen verkündeten strengen und scharfen Monotheismus siehe z. B. Jes 2,8-18; 6,3; 10, 10; 19,3. 14.21-28; 41, 29; 43, 10f; 44, 8; 45, 5. -14. 21f; 46, 9; Jer 2, 11; 5, 7; 10, 9f; 14. 22; Dtn 4, 39; 6, 4; 32, 39.

c) Prophetische Schilderung

Der entschiedene Monotheismus in der Prophetenzeit ist indes die folgerichtige Entfaltung dessen, was schon in der Mosezeit vorliegt. Was hier erfahren wurde, war der im Entstehen begriffene unbedingte Monotheismus. Wenn es auch bis zur klaren gläubigen Aneignung der Einzigkeit Gottes Jahrhunderte gedauert hat, so wurde doch von Anfang an die weltüberlegene, keinem Widerstand begegnende Macht, die ontische und die sittliche Heiligkeit, die Gerechtigkeit, die Bundestreue des einen Gottes gepriesen. Diese dynamische Einzigartigkeit Gottes ist von größerem Gewicht als spekulative Thesen. Die Propheten schildern die Einzigkeit Gottes geradezu als eine gerichtliche Auseinandersetzung des einen Gottes mit den in der Umgebung des Volkes Israel verehrten Göttern. Diese sind im Grunde genommen Nichtse. So lassen z. B. die Schüler des Jesajas Gott sprechen: »So spricht der Herr, Israels König und sein Erlöser, der Herr der Heerscharen: Ich bin der erste und der letzte. Außer mir gibt es keinen Gott. Oder wer ist mir gleich? Er trete nur hervor! Verkündige es und lege es mir dar, was geschehen ist, seit ich von alters her die Menschheit schuf! Und das Künftige, das noch kommen wird, soll

 

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man uns verkündigen! Fürchtet euch nicht und zaget nicht! Habe ich's nicht längst gesagt und verkündet, und ihr seid mir Zeugen. Gibt es einen Gott außer mir? Nein, es gibt keinen Gott, ich weiß von keinem« (Dt-Jes 44, 6ff; ähnlich Jes 35, 18-24; Dt-Jes 45. 4f; Jer 10, 10-16). Die Frage begegnet uns noch einmal bei der Behandlung der Namen Gottes.

d) Monotheismus als Zentralglaube

Im Spätjudentum bildete der Monotheismus das Zentraldogma. Jeder männliche Israelit mußte ihn täglich zweimal im sogenannten Schema bekennen. Im hellenistischen Judentum, das in einer polytheistischen Umwelt den alten Glauben bewahren sollte, wurde der Monotheismus als Lehre vorgetragen (Weish 13). Der Monotheismus wird nicht beeinträchtigt durch die von Philo vertretene Lehre vom göttlichen Logos. Mit Rücksicht auf die Entfaltung des Monotheismus im Neuen Bunde sei betont, daß der einzige Gott im AT als ein einpersönlicher verstanden wird, ohne daß allerdings der Ausdruck »persönlich« oder »Person« gebraucht wird.

e) Fortleben im Neuen Bunde

Im Neuen Testament wird der alttestamentliche Monotheismus als festes Traditionsstück übernommen (Mk 12, 28; 1 Kor 8, 4; Jak 2, 19; 1 Tim 2, 5). Der Gott des Neuen Testamentes ist Gott der Väter (Apg 3,13; 5,30; 22, 14), der Gott Israels (Mt 15, 31; Lk 1, 68; Joh 8, 41f; Apg 13, 17; Hebr 11, 16) und demgemäß auch der Kirche (Apg 15, 14; Hebr 4, 9; 11, 16; 1 Petr 2,10). Die Benennung Gottes als des Vaters des neuen Israel und des Vaters Jesu, dies in einem besonderen Sinne,

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ist das entscheidend weiterwirkende Neue. So bildete für die Judenchristen der Polytheismus zur Zeit Jesu keine ernsthafte Gefahr. Für die aus dem Heidentum kommenden Christen war Jesus der Weg von den Göttern zu dem einen Gott (Gal 4, 3; 1 Thess 1, 9; 1 Kor 12, 2; 2 Kor 6, 9; 10, 14; Kol 2, 8; Apg 14, 15ff). Zugleich aber bestand in den heidenchristlichen Missionsgebieten der jungen Kirche die immerwährende Versuchung, wieder zu den Göttern abzufallen. Die Apostel und ihre Begleiter wandten sich daher nicht nur in ihren Missionsreden vor den Heiden gegen den Polytheismus, sondern auch in ihren katechetischen und kerygmatischen Ansprachen für die bekehrten Christen.

Wenngleich der Polytheismus auch die Heiden-Christen immerfort noch als Anfechtung bedroht (2 Kor 4, 4), so sind doch die vielen Herren und Götter, die es gibt, keine Götter und Herren für die Christen. Für sie gibt es nur den einen wahren Gott (1 Kor 8, 4f). Er ist der Gott der alttestamentlichen Offenbarung (Mt 15, 31; Lk 1, 68; Mk 12, 39f; Apg 3, 13; 5, 30; 22, 14; 2 Kor 6, 16 usw.).

Neben dem einen wahren Gott darf der Christ keinen Gott haben und sich zu keinem Gott bekennen, weder zu dem Mammon, noch zum Bauche, noch zu den Götzenbildern, noch zu den Gewalten des Alls, noch zu dem als Gott erklärten Kaiser in Röm (Mt 6, 24; Lk 12,19ff; Phil 3. 19; 2 Kor 6, 16; Gal 4, 8-11; Mk 12,17). In diesen Texten wird hervorgehoben, daß sowohl das Wirtschafts- und das Kulturleben als auch die Politik dem einen Herrn und Gott unterworfen sind. »Es gilt, Gott zu dienen und ihm zu geben, was sein ist, auf ihn allein zu horchen und zu bauen, es gilt, Gott auch in den äußersten Bedrohungen treu zu bleiben, hin bis zum Martertod. Darin sehen Jesus und

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das Urchristentum den eigentlichen Sinn des eiV JeoV (E. Stauffer, in: G. Kittel, Theologisches Wörterbuch zum NT, Hl, 1938, 102). Das ist der echte, der existentielle Monotheismus.

f) In der Alten Kirche

Im alten Christentum wurde dieser Eingottglaube nicht als eine Angelegenheit der bloßen Kenntnisnahme oder der philosophischen Einsicht, sondern des unbedingten Bekenntnisses und Einsatzes verstanden. Von welchem Tiefgang und Gewicht er war, wird nirgends so deutlich wie in den Märtyrerakten. Da kommt sowohl die Dankbarkeit und Freude über die Offenbarung des einen Gottes wie auch das Bewußtsein vom Unterschied des wahren Gottesglaubens und den ringsum herrschenden polytheistischen Gottesvorstellungen deutlich zum Ausdruck.

Die Einzigkeit Gottes impliziert seine Universalität. In der alten Kirche werden alle nationalen Gottheiten entschieden abgelehnt. Der Polytheismus wurde von den heidnischen Schriftstellern der alten Welt häufig mit politischen Gründen verteidigt. So bezeichnete Kelsus im 2. Jahrhundert den Glauben an die Einzigkeit Gottes als Aufruhr im politischen Bereich. Die nationalen Kulte sind nach ihm Ausdruck der nationalen Besonderheiten. Wer sie angreift, greift daher das Römische Reich an, in dem die nationalen religiösen Besonderheiten zu einer politischen Einheit, zu einem theologischen Pantheon zusammengefügt wurden. Die Bekämpfung der nationalen Götter ist ein Angriff auf die Verfassung des Römischen Imperiums. Die monotheistische Gottesvorstellung wäre nur möglich, wenn es möglich wäre, daß Asiaten, Europäer und Lybier, Hellenen sowohl wie Barbaren, die bis an die

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Grenzen der Erde verteilt sind, in einem einzigen »Gesetz« übereinstimmten. Aber wer so etwas annimmt, der weiß nach Kelsus im Grunde genommen gar nichts. So geriet die Frage nach der Einzigartigkeit Gottes in das politische Gebiet. Die Politik beanspruchte den Primat gegenüber dem religiösen Glauben. Dies ist eine Folge dessen, daß der Glaube an den einen Gott in der Tat nicht ohne politische Auswirkungen vollzogen werden kann. Die christlichen Schriftsteller haben sich gegenüber solchen Vorwürfen darauf berufen, daß gerade der eine Gott die Vielheit der menschlichen Eigenarten und der menschlichen Gruppen begründet hat, trägt und umfängt, daß gerade er es ist, der in der Mannigfaltigkeit des Geschöpflichen die Geschichte in jene endgültige Gestalt bringen wird, in welcher der Friede und die Einheit ohne Preisgabe der Verschiedenheit in vollendeter Weise vollzogen werden.

g) Gott und die Götter

Vom Standpunkt des strengen Monotheismus aus sind die Götter zu verstehen als die Gegner des einen Gottes und als Mißdeutungen des in der Welt infolge deren Herkunft von dem einen Gott herrschenden Numinosen. Dieses wird in dem Polytheismus aufgespaltet zur Vielheit von numinosen Gestalten.

Dem Polytheismus liegt der Glaube an das Göttliche zugrunde. Der Unterschied zwischen dem Polytheismus und dem Monotheismus ist letztlich nicht im Pluralismus oder im Monismus der Weltvorstellung begründet, sondern in der sachhaften oder personenhaften Interpretation des Weltgrundes, in der »Es«- oder »Du«-Auslegung des Göttlichen. Außerhalb der biblischen Welt herrscht die Du-Interpretation des Göttli-

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chen nur im Islam. Sonst treffen wir überall den Es-Glauben. Die Götter und Göttinnen sind demgemäß Personifikationen des Numinosen in der Natur, personhafte Verdichtungen der Größe und Gewalt, der Herrlichkeit und der Schrecklichkeit der Natur. In ihnen begegnet der Mensch der Natur in ihren großen Erscheinungen. Die Göttergestalten sind deren Ausdruck und deren Bestätigung. Sie vollziehen daher ihr Leben im Kreislauf der Natur bzw. des menschlichen Alltags. Eine in die Zukunft rufende Kraft kommt ihnen nicht zu (siehe J. Ratzinger, Das Problem der Absolutheit des christlichen Heilsweges, in: Kirche in der außerchristlichen Welt, Regensburg 1967, 7-29). Die Konkurrenz des christlichen Gottesglaubens mit den Religionen war daher nicht nur ein Ringen um Wahrheit und Irrtum, sondern um die rechte, um die sachhafte oder personhafte Grundstruktur der Wirklichkeit. Die biblische Offenbarung bedeutet durch ihre personhafte Grundkonzeption eine Entmythologisierung der »Es«-Welt. — In dem Vollzug der Frömmigkeit, im Gebet, vergaßen jedoch die Göttergläubigen die Es-Struktur der Götter und redeten sie in ihren Tempeln und zu Hause mit Du an. Dazu drängte sie ihre menschliche Natur.

h) Die Glaubensaussage der Kirche

Was uns in der Schrift begegnet, wurde von der Kirche in vielen Glaubensäußerungen bekenntnismäßig ausgesagt und zwar nicht nur als Lehre, sondern eben als Glaubensbekenntnis. Gerade dadurch kamen die Christen in Konflikt mit dem polytheistischen römischen Staat. Außerdem wurde es gelehrt gegen die mannigfachen Gefährdungen des Monotheismus, sowohl gegenüber dem Polytheismus selbst als auch ge-

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genüber dem Gnostizismus, dem Manichäismus und gegen jegliche Form von Dualismus (DS 41ff; 457ff; 685; 790; 800; 854; 1330; 1333; 2902; 3021).

 

 

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