2. Kapitel
Der Exodus-Text
Als Gott am Berge Horeb in der Feuerflamme Mose erschien, und zwar aus dem brennenden Dornbusch heraus, während Mose wie gewöhnlich die Schafe seines Schwiegervaters Jetro, eines Priesters von Mediam, hütete, kündete er an, daß er herniedersteigen werde, um das Volk, die Nachkommen der Patriarchen, aus dem ägyptischen Frondienst zu befreien. Er beauftragte Mose mit der Ausführung dieses Planes. Mose äußerte Bedenken wegen seiner Unzulänglichkeit. Es wurde ihm jedoch versichert: »Ich werde mit dir sein.« Mit dieser Verheißung war Mose nicht zufrieden. Er mußte damit rechnen, daß ihn seine Landsleute, wenn er ihnen den Plan mitteilen werde, fragen werden, wer denn dieser Gott sei. In Ägypten gab es ja viele Götter. Mose fragte daher den ihn beauftragenden Gott, was er auf eine solche Frage antworten solle. Hierauf folgt die entscheidende, jedoch rätselhafte Selbsterschließung Gottes. Sie wird uns im Buche Exodus im 3. Kapitel folgendermaßen berichtet. »Gott entgegnete Mose: Ich bin, der ich bin. Dann fuhr er fort: So sollst du zu den Israeliten sprechen: Der »Ich bin« hat mich zu euch gesandt, und weiter sagte Gott zu Mose: »Du sollst den Israeliten verkünden, Jahwe (der er ist), der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hat mich zu euch gesandt. Dies ist mein Name in Ewigkeit und meine Benennung von Geschlecht zu Geschlecht (Ex 3, 14ff)«.
Dieser Text wurde in der Geschichte der Theologie im allgemeinen im Sinne der griechischen Metaphysik dahin interpretiert, daß Gott das absolute Sein ist. Die-
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se Auslegung ist unmittelbar nur auf dem Boden der griechischen Ontologie möglich. Tatsächlich spiegelt sich ein solches Verständnis schon in der Übersetzung der Septuaginta. Aus dem hebräischen Wortlaut läßt sich diese interpretative Übersetzung nicht unmittelbar rechtfertigen. Der Ausdruck bedeutet zwar, daß Gott derjenige ist, welcher Wirklichkeit besitzt. Durch seine Wirklichkeit unterscheidet er sich von allen »Göttern«. Diese sind Nichtse, so sehr, daß der lebendige Gott Jahwe, wenigstens seit der Zeit der Propheten, nicht nur als der Höchste unter ihnen, sondern als der einzige, als der Gott verehrt wird. Neben ihm darf das Volk Israel keine Götter, auch keine Untergötter verehren. Jahwe ist so sehr der einzige Gott, daß er im Unterschied von allen übrigen Göttern auch keine Göttin neben sich hat. Wenngleich alles Geschlechtliche in seinem schöpferischen Willen begründet ist, so ist er selbst doch jenseits aller Geschlechtlichkeit.
Für das volle Verständnis des angeführten Gottesnamens ist es wichtig, daß der alleinige Gott nicht nur als unwandelbar Seiender, sondern als allein handelnder Gott verstanden wird. Er ist mitten unter seinem Volke immer als gnädig Wirkender gegenwärtig. Mit seinem Volk schließt er einen Bund. Er wird immer ein treuer Bundespartner sein (Dtn 7,6ff; 23, 6; Dt-Jes 49, 15; 54, 5-8; 63, 9; Jer 3, 15; Hos 14, 15 u.s.w.).
In der von M. Buber gebotenen Übersetzung kommt die geschichtlich-eschatologische Bedeutung des Namens Jahwe unmittelbar zum Ausdruck. Nach ihr sagt Gott zu Mose: »Ich werde da sein bei dir, und dies hier ist das Zeichen, daß ich selber dich schicke: hast du das Volk aus Ägypten geführt, an diesem Berge werdet ihr Gott dienstbar. Mose sprach zu Gott: Da komme ich denn zu den Söhnen Israels, ich spreche zu ihnen: der Gott eurer Väter schickt mich zu euch, sie werden zu
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mir sprechen, was ists um seinen Namen? — Was spreche ich dann zu ihnen? Gott sprach zu Mose: ich werde da sein, als der ich da sein werde. Und sprach: so sollst du zu den Söhnen Israels sprechen: ICH BIN DA schickt mich zu euch. Und weiter sprach Gott zu Mose: so sollst du zu den Söhnen Israels sprechen: ER, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs schickt mich zu euch. Das ist mein Name in der Weltzeit, das mein Gedenken, Geschlecht für Geschlecht. Geh, lade die Ältesten Israels und sprich zu ihnen: ER, der Gott eurer Väter, hat von mir sich sehen lassen. . . Ich habe gesprochen: hinausbringen will ich euch aus der Bedrückung Ägyptens« (Die FÜNF Bücher der Weisung. Das Buch »Namen«, Köln-Olten 1944, 158f).
Der »Bund«, den Gott mit seinem Volke schließt, wird durch die vielfältige Treulosigkeit des menschlichen Bundespartners nicht zerstört werden. Er hat vielmehr infolge der unwandelbaren Treue Gottes ewigen Bestand. In dem Worte drückt sich daher die helfende und heilende Aktivität Gottes aus, seine gnadenhafte aktive Beziehung zu dem von ihm erwählten Volke. Das Eigentliche, was man von Gott aussagen kann, ist die Tatsache, daß er immer als Rettender und Helfender unter den Seinen weilt und mit seinem Volke durch alle Wanderungen der Geschichte zieht. Er ist der Emmanuel, der »Gott mit uns« (Jes 7, 14). Mehr und Größeres läßt sich von ihm nicht sagen. Beweis für seine unwandelbare Treue ist das Faktum, daß er schon mit den Vätern war, daß er mit der gleichen Gnädigkeit und Zuverlässigkeit, mit der er Abraham gerufen und geführt hat, mit welcher er Isaak und Jakob geleitet, immer noch bei seinem Volke ist. Nun wird er es in eine heilshafte Zukunft führen. Die Selbstbezeichnung Gottes ist demgemäß unmittelbar
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ein heilsgeschichtlicher, eschatologischer, kein metaphysischer Ausdruck im Sinne der griechischen Metaphysik.
Wenn ein Mensch die Antwort gegeben hätte, die Gott dem Moses gab, würde man wohl von einer Antwortverweigerung sprechen müssen. Man würde wohl interpretieren müssen: Ich bin ich selbst. Und dies würde besagen, der Sprechende verschließt sich dem Fragenden und will sich ihm nicht mitteilen. In der Antwort Gottes kommt jedoch genau das Gegenteil zum Ausdruck. Hier wird hervorgehoben, daß Gott so ist, daß man sich auf ihn immer verlassen kann. Er ist für sein Volk da, so daß dieses ihn anrufen kann, so oft es seiner bedarf. Mit seiner Treue verbindet sich seine Mächtigkeit. Bei dieser Inhaltsfülle des Wortes Jahwe ist es verständlich, daß Gott immer wieder mit diesem Namen angerufen wurde, ja er selbst nach Ezechiel (vgl. Ez 11, 20; 20, 42) dem Volke zuruft: Ihr sollt erfahren, daß ich Jahwe bin, d. h. euer getreuer Gott, der euch Schutz und Schirm gewährt. Sowohl die prophetische als auch die Psalmenliteratur ist durchtränkt von der Vorstellung, daß Gott der Gott mit seinem Volke ist (Jes 7,14). Gott ist in der Vergangenheit bei seinem Volke gewesen, er wird es in die ersehnte Zukunft führen.