1. ABSCHNITT

Das biblische Gottesbild in seinen wesentlichen Merkmalen

Einführung

Das alttestamentliche Gottesvolk hat Gott als den lebendigen Wirker seiner, ja, der gesamten Geschichte erfahren. Die neutestamentliche Botschaft von Gott bestätigt die alttestamentliche Gotteserfahrung. Im Neuen Testament kommt jedoch hinzu, daß der in der alten Bundesordnung mächtig hervorgetretene Gott der »Vater« Jesu Christi ist.

In der Sprachregelung der altkirchlichen Konzilien und der sie vorbereitenden und interpretierenden Theologie wird der alttestamentliche Gott, der Vater Jesu Christi, die erste göttliche »Person« im dreipersonalen Leben des einen Gottes genannt. Es wäre ein Mißverständnis, wenn man den Gott des Alten Bundes schon als den Dreifaltigen verstehen wollte. Er ist vielmehr jener Gott, den Jesus selbst als unseren und in einem anderen Sinn als seinen Vater proklamierte. Er erweist sich nach Andeutungen im AT im Zeugnis des Neuen Testamentes als derjenige, welcher seinen Sohn zum Heile der Welt in die Welt sandte und mit ihm den Heiligen Geist. Mit dem Worte »Gott« wird demgemäß sowohl im AT als auch im Neuen Testament nicht einfachhin der trinitarische Gott als solcher bezeichnet, sondern, um im Sprachgebrauch der alten Konzilien und Kirchenväter zu bleiben, die erste göttliche Person.

Eine sorgfältige Untersuchung hat eindeutig zu der Erkenntnis (K. Rahner) geführt, daß das Wort »Gott«

 

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in der Heiligen Schrift überhaupt fast ausschließlich die erste göttliche Person, den Vater meint. Der im Alten Testament bezeugte Gott darf nicht formell mit der göttlichen Dreieinigkeit definiert werden, die sich etwa im Neuen Testament als Vater, Sohn und Geist erweisen würde. Der Gott des AT hat nach dem Zeugnis des NT einen Sohn und einen Geist, die alttestamentlichen Gläubigen haben von dieser seiner Eigentümlichkeit nichts gewußt oder höchstens eine schwache Ahnung gehabt. Im Lichte des NT läßt sich jedoch sehen, daß der lebendige Gott immer schon einen Sohn und mit diesem seinen Geist hervorgebracht hat. Im NT wird das Wort »Gott« fast wie ein Eigenname der (wie wir mit dem späteren Sprachgebrauch sagen können) ersten göttlichen Person, nicht wie eine Gesamtbezeichnung der drei Personen oder des ihnen gemeinsamen Gottwesens verwendet. Das heißt nicht, daß im NT Sohn und Geist je als Gott minderen Ranges erscheinen, wie der spätere Arianismus lehrte. Von ihnen ist vielmehr in Formeln und Bildern die Rede, welche ihre wahre Gottheit und die Wesenseinheit der drei Personen in das hellste Licht rücken. Aber die Charakterisierung ihres Gottwesens mit dem Ausdruck »Gott« geschieht nur sparsam und zurückhaltend. So finden sich nur sechs Stellen, an denen man die göttliche Natur Christi mit dem Worte »Gott« bezeugt sehen kann. (Röm 9, 5f; Joh, 1; 1, 28; 20, 28; 1 Job 5, 20; Tit 2, 3). Der Sinn dieser Stellen läßt sich so umschreiben: Was vom lebendigen, von allen Götzen wesentlich verschiedenen Gott geglaubt und ausgesagt werden muß, das gilt auch von Christus. Mit stärkster Betonung wird dies 1 Job 5, 20 versichert: Christus ist ebenso wahrhaftig göttlichen Wesens wie der wahre und lebendige Gott, der den Gläubigen aus der alttestamentlichen Offenbarung bekannt war. Nie wird für

 

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die Bezeugung der wahren Gottheit des Heiligen Geistes das Wort »Gott« verwendet. Dieser Sachverhalt zeigt, daß die Bezeichnung »Gott«, wenn sich aus dem Zusammenhang nicht etwas anderes feststellen läßt, die erste göttliche Person meint. Ja, wir müssen noch einen Schritt weiter gehen. Wenn im neutestamentlichen Sprachgebrauch das Wort »Gott« die erste göttliche Person bezeichnet, kann man schließen, daß auch die mit dem Worte »Gott« benannte göttliche Wirklichkeit, die sich in der vorchristlichen Zeit offenbarte, die erste göttliche Person ist, nicht insofern sie gerade den Sohn und den Heiligen Geist hervorbringt, sondern als konkretes personhaftes Gotteswesen. In der neutestamentlichen Offenbarung wird von diesem wahren und lebendigen Gott bezeugt, was im Alten Testament angedeutet, aber nirgends klar ausgesprochen wurde, daß er nämlich einen Sohn zeugt und mit diesem den Heiligen Geist hervorbringt.

Von dem einen Gott, welcher im Alten Testament als der einzige, lebendige Gott verkündet wird, wird uns versichert, daß sein von ihm gesandter, dem Tode überlieferter, nach dem Tode wieder erweckter Sohn zu ihm, dem Gott, von dem er ausgegangen ist, erhöht wird. Dieser Gott wirkt durch seinen Sohn die Heilsgeschichte (Apg 3,12-36; 4, 14-25; Eph 3,9f; Hebr 1,2). Was mit dem Ausdruck »Sohn« Gottes gemeint ist, soll im Laufe dieser Darstellung einer Klärung entgegengeführt werden. Die kirchliche Lehre von Gottes Dreipersonalität hat auf der Basis des Neuen Testamentes ihre klare Gestalt erst in langen Entfaltungsstadien gewonnen. Die Lehrentfaltung in der Alten Kirche brachte über das in der Schrift Gesagte hinaus inhaltlich nichts Neues. Sie brachte jedoch eine neue Terminologie für das alte Wahre.

 

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In der folgenden Darstellung werden die Hauptelemente der alttestamentlichen Gottesvorstellung im Unterschied zu der nichtbiblischen Umgebung dargelegt. Dabei spielt die Personhaftigkeit Gottes die Hauptrolle. Sie aber erweist sich nach den Andeutungen des Alten Testaments und dem Zeugnisse des Neuen sowie der kirchlichen Überlieferung als Dreipersonalität. Diese stellt das Zentralgeheimnis des christlichen Glaubens dar. In der Mitte unserer Darstellung wird die Gestalt Jesu Christi stehen, insofern er sich gewissermaßen aus seiner zeitgebundenen Gegenwart nach rückwärts wendet und nach aufwärts zu dem Gott, der ihn gesandt hat und den er seinen Vater nennt, und nach vorwärts zu dem Heiligen Geist, den der Vater mit ihm als bleibenden Helfer in der Kirche sendet. Das Entscheidende in unserer Darlegung ist das Gottesbewußtsein Jesu. Aus ihm gestaltet sich sein Selbstbewußtsein und sein Sohnesbewußtsein. Nach dem Zeugnis des AT wird Gott indirekt erfahren als der Unsichtbare und Weltüberlegene.

 

 

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