Vorwort zur
zweiten Auflage
Trotz der für ein theologisches
Lehrbuch ungewöhnlich hohen Auflage und des Rückgangs der Zahl der
Theologiestudenten ist eine Neuauflage meines Werkes »Der Glaube der Kirche«,
das ich während meiner Tätigkeit als Gastprofessor in den Vereinigten Staaten
von Nordamerika verfaßt habe, erforderlich geworden. Sie erscheint nicht mehr
in dem bisherigen Verlag Max Hueber. Dieser Verlag hat sowohl meine seit 1937 in
fünfter bis sechster Auftage in acht Teilbänden erschienene Katholische
Dogmatik als auch das nun zur Neuausgabe anstehende Buch »Der Glaube der
Kirche« verlegt. Der Verlag hat sich jedoch seit mehreren Jahren völlig auf
Sprachprobleme konzentriert und die zahlreichen von ihm betreuten theologischen
Monographien und Serien-Werke an andere Verlage abgegeben. Der derzeitige
Verlagsbesitzer Ernst Hueber ist zudem im April 1977 nach langer Krankheit
verstorben. Die Neuausgabe hat der seit einer Reihe von Jahren immer mehr zur
wissenschaftlich-theologischen Literatur hingewandte EOS Verlag im
Missionskloster St. Ottilien unter der Leitung von Dr. P, Bernhard Sirch OSB
übernommen.
Die
auf sechs Bände zu je etwa 300 Seiten aufgeteilte amerikanische Fassung meines
Werkes »Der Glaube der Kirche«, seit 1968 zuerst in New York im Verlag Sheed
and Ward erschienen, liegt nunmehr je nach Band in vierter, zweiter oder dritter
Auflage vor, sowohl in New York bzw. Kansas, als auch in London, hier in einem
gleichnamigen Verlag.
Gegenüber
der bisherigen Gestalt des Werkes treten einige wichtige Änderungen ein. Sie
sind sowohl äußerer als auch sachlich-inhaltlicher Art. Das Werk
XIII
wird
nicht mehr in zwei großen, ziemlich unhandlichen Bänden herauskommen, vielmehr
soll es in sieben kleineren Bänden erscheinen, von denen jeder eine gewisse
Selbständigkeit aufweist, die aber alle in ihrer Gedankenführung einen
Zusammenhang derart haben, daß sie unter christologischem Aspekt stehen. Durch
diese Aufnahme oder vielmehr Weiterführung der christologischen Sicht ist die
Einheit des ganzen Werkes gesichert. Es wird in etwa eineinhalb Jahren in allen
Bänden vorliegen. Das Werk könnte natürlich auch in ekklesiologischer Sicht
verfaßt werden. Dies bedeutete jedoch keinen allzu großen Unterschied zur
Christozentrik des Buches, denn Christus ist uns zugänglich in der Kirche.
Insofern sind christozentrische und ekklesiale Sicht engstens miteinander
verbunden. Wenn das Buch christozentrisch verfaßt sein soll, so bedeutet dies
keineswegs, daß es gewissermaßen nur ein Christusbuch wird. Es wird vielmehr
in dem Werk jeder Traktat behandelt, der üblicherweise in einem dogmatischen
Lehrbuch besprochen wird. Aber jeder Traktat wird in christologischer
Perspektive dargeboten, Eine besondere Aufmerksamkeit ist der Ekklesiologie,
natürlich auch unter christologischem Aspekt zugewandt. In ihr werden zugleich
die Sakramente, besprochen, die Taufe und die Firmung als Eingangs-sakramente in
das Volk Gottes, die Eucharistie als das Zentralgeschehen, die Priesterweihe als
die Bestellung des Vorstehers der Eucharistiefeier und zugleich der sonstigen,
dem Amtsträger zukommenden Aufgaben innerhalb der Kirche. Über Maria wird
nicht in einem eigenen Traktat, sondern nach dem Vorbild des Zweiten
Vatikanischen Konzils in einem Kapitel der Ekkle-siologie gehandeil werden, da
sie ja der Typus der Kirche ist und außerdem das Vorbild für jeden
christusgläubigen Menschen. Das Sakrament der Kran-
XIV
kensalbung
wird ebenfalls im Rahmen der Kirchenlehre dargeboten werden; denn es ist zwar
nach dem Konzil zu benennen als Krankenölung, aber es soll gerade dazu dienen,
daß das kranke Glied der Kirche wieder gesund wird oder aber den letzten
Schritt in die Vollendung vollbringt.
Die
Buße. die sakramentale und die nichtsakramentale, steht im Dienste der ecciesia
semper reformanda.
Das
Sakrament der Ehe wird im Zusammenhang mit der von den Menschen zu leistenden
Wirksamkeit in unserer Welt interpretiert werden.
Es
wird also keine eigene Sakramentenlehre geben. Darin gleicht die Neuauflage
genau der bisherigen Auflage. Ich nehme an, daß diese Einordnung der Sakramente
in die Lehre von der Kirche, in die Ekklesiologie nicht als ein Verlust
empfunden wird. Durch eine solche Einordnung kommen nämlich die Sakramente
genau dorthin, wo sie im Glauben des Christen den Sitz im Leben haben, um ein
Wort des evangelischen Theologen H. Gunkel zu verwenden. Die Sakramente
erscheinen so als konkrete Ausgestaltungen der Sa-kramentalität der Kirche
überhaupt. In ihnen erhebt sich die kirchliche Sakramentalität zu besonderen
Höhepunkten und leistet dem Menschen Hilfe in hervorragenden Situationen seines
Lebens. Zugleich stellt sie sich selbst, namentlich im Sakrament der
Eucharistie, als die von Christus nicht nur gestiftete, sondern von ihm
durchlebte und auch vom Heiligen Geist durchwirkte Gemeinschaft dar.
Keine
geringfügige Änderung dürfte es bedeuten. daß von Gott dem Dreieinigen nicht
wie in der 1. Auflage im Rahmen der Christologie, sondern in dem Passus »Gott
der Eine und Dreieinige« (ohne Vernachlässigung der christozentrischen
Perspektive) gesprochen wird. Auch die Einordnung der Trinitätslehre
XV
in
die Christologie in der früheren Auflage
war nicht, wie ein Rezensent gemeint hat, eine mechanische Umstellung. sondern
betraf die Akzentuierung, die Gewichtsverteilung, die Perspektive, das, was das
II. Vat. Konzil die hierarchia veritatum nennt. Die jetzige Ordnung wird nicht
einfachhin den traditionellen Charakter der Reihenfolge wieder aufnehmen,
sondern den Zusammenhang und den Geschehnischarakter der Trinitäts-offenbarung
deutlicher werden lassen.
Man
kann die Frage stellen, ob bei der großen Zahl von theologischen
Veröffentlichungen ein neues Lehrbuch überhaupt nötig ist. Diese Frage wurde
in einem umfangreichen Heft der in Rom erscheinenden Zeitschrift »Seminarium«
mit dem Untertitel »commentarii pro seminariis, vocationibus ecciesiasticis,
universitatibus« im Jahrgang 16 der Nova series Nr. 2 April/Juni Nummer '76
ausführlich behandelt. Ich selbst habe darin die angeschnittene Frage
besprochen auf Seite 263 — 293. Ich darf auch einen etwas längeren Text
Augustins aus der in der Bibliothek der Kirchenväter 1935 gebrachten
Übersetzung des Augustinischen Werkes De Trinitate (S. 7 f.) vorlegen:
»Jeder, der mein Werk liest, möge mit mir weitergehen. Wenn er aber
selber meine Überzeugung nicht teilen kann, möge er mit mir weitersuchen und,
wo er einen Irrtum seinerseits erkennt, wieder zu meinem Werke zurückkehren, wo
er einen Irrtum meinerseits erkennt, soll er mich zur Ordnung rufen. So wollen
wir gemeinsam auf dem Wege der Liebe einhergehen . . . Ein solches von Ehrfurcht
getragenes und Zuverlässigkeit verbürgendes Übereinkommen möchte ich vor dem
Herrn unserm Gott mit allen Lesern meiner Werke schließen. . . für alle meine
Schriften, besonders aber für dieses Werk über die Einheit der Dreieinigkeit,
des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes . . . Wenn also jemand beim Lesen
sagt, das ist nicht gut dargelegt, da Ich es nicht verstehe, so trifft er mit
seinem Tadel meine Darstellungsweise, nicht aber den Glauben; vielleicht hätte
es wirklich lichtvoller gesagt werden können. Indes gilt, daß kein Mensch
jemals so sprechen kann. daß er in al-
XVI
lem
von allen verstanden wird. Wenn also jemandem an meiner Abhandlung etwas
mißfällt, so sehe er zu, ob er andere, die sich mit solchen Gegenständen und
Fragen beschäftigt haben, versteht, während er nur mich nicht versteht. Ist es
so, dann soll er mein Buch beiseite legen . . . und seine Mühe lieber jenen
zuwenden, die er versteht. Nicht soll er jedoch deshalb glauben, ich hätte
schweigen sollen, weil ich nicht so verständlich und so lichtvoll wie jene, die
er versteht, zu reden vermag. Denn es kommen nicht alle Werke aller
Schriftsteller in aller Hände... Es kann nämlich vorkommen, daß manche, die
dieses mein Werk zu verstehen vermögen, von jenen klareren Werken nichts
erfahren, aber doch wenigstens auf dieses unser Buch stoßen. Deshalb ist es von
Nutzen, wenn über die gleichen Fragen mehrere Bücher von mehreren in
verschiedener Darstellungsweise verfaßt werden, nicht in verschiedenem Glauben,
damit die dargestellte Sache zu vielen gelange, zu den einen auf diese, zu den
anderen auf jene Weise ... Wenn bei der Lektüre des Buches jemand sagt. ich
verstehe zwar, was gemeint ist, aber es ist nicht richtig ausgedrückt, der
möge ruhig seine Anschauung festhalten und die meinige widerlegen, wenn er
kann. Wenn er dies in Liebe und Wahrheit tut, und es mich. sofern ich noch am
Leben bin, wissen läßt, werde ich gerade daraus reiche Frucht für meine
Bemühungen empfangen. Kann er seine Erkenntnis mir nicht mehr zukommen lassen,
so ist es doch mein Wunsch und Wille, daß er sie allen, die er erreichen kann.
zuteil werden läßt.«
Die christologische Grundausrichtung bringt es naturgemäß mit sich,
daß in dem Werke das personale Moment, die Begegnung des Lesers mit Gott, immer
wieder durchdringt. Hierüber hat u.a. Eugen Biser in verschiedenen seiner
Werke, zuletzt in einem Aufsatz des Klerusblattes 1978 S. 1-5 gehandelt. Der
hier vorgelegte Gedanke ist auf Seite 3 zu finden. Er betont dabei, daß die
Menschheit in den Wirren unserer Zeit eine dreifache neue Erkenntnis gewonnen
hat, nämlich die Erkenntnis von der Mitmenschlichkeit, von der Bedeutung des
Friedens und von der Sprache. Er fügt noch hinzu, daß auch ein neues
Verständnis des Todes zutage getreten ist. Hierbei legt er besonderes Gewicht
auf das neue Verständnis der Sprache. Sie wird,
XVII
wie
er glaubt, nun nicht mehr nur als Mitteilungsinstrument anerkannt und verwendet.
Er stellt die Frage, was es denn mit der offenbarenden Selbstzusage Gottes in
Wirklichkeit für eine Bewandtnis habe. Mit der Besinnung auf das Wort, auf das
Wort der Offenbarung und das Wort des Glaubens, ist nach seiner Überzeugung in
der nachkonziliaren Phase und in ihr in ganz besonderer Weise ein bis dahin nur
schlecht oder gar nicht bestelltes Feld der Theologie erschlossen worden,
nämlich das Feld der dialogischen Beziehungen. Es ist den Menschen in einer
neuen Weise zu Bewußtsein gekommen, was es um das Offenbarungswort Gottes ist.
In diesem Zusammenhang ist die Theologie Rudolf Bultmanns unterzubringen,
insbesondere seine These von der existentialen Interpretation der Heiligen
Schrift. Schon der evangelische Theologe aus dem pietistischen Raum Johann
Alfred Bengel hat das Verhältnis des Lesers zu der Heiligen Schrift in dem
Worte zusammengefaßt: »te totum applica ad textum — rem totam applica ad te.«
Selbstverständlich
ist für diese neue Auflage sowie für die erste das Zweite Vatikanische Konzil
von grundsätzlicher Bedeutung. Es fragt sich dabei allerdings, welchen
Verpflichtungsgrad die Aussagen des Konzils haben. Diese Frage kommt daher, daß
das Konzil nach der Meinung des einberufenden Papstes Johannes XXIII. ein
Pastoral-, d. h. aber zugleich, kein dogmatisches Konzil sein sollte. Daraus
ergibt sich, wie während des Konzils mehrfach hervortrat, die Frage, ob das
Konzil überhaupt Dogmen aufgestellt hat. Diesbezüglich bildeten sich zwei
Gruppen von Konzilsvätern. Die eine, die kleinere Gruppe, war der Meinung, daß
das Konzil überhaupt keine Lehren darbiete (soweit es nicht schon bestehende
Lehren vorträgt), sondern nur pastorale Anweisungen. Das Konzil führe auf
XVIII
dem
Felde der Lehre nicht über das hinaus, was die vorausgehenden Konzilien
aussagten, seine eigentliche Bedeutung liege ausschließlich auf der Ebene der
praktischen Verwirklichung. Mit dieser Vorstellung hängt es naturgemäß
zusammen, daß ein Widerspruch gegen eine Konzilsaussage als solche auf keinen
Fall einen Widerspruch gegen eine Lehre in sich schließen kann. Für die Praxis
der nachkonziliaren Zeit ist diese Situation von großer Bedeutung.
Demgegenüber
wurde von anderen die These vertreten, daß die konziliaren Aussagen einfach
deswegen, weil sie konziliare Aussagen seien und daher von der höchsten
Autorität in der Kirche garantiert würden, die Ebene des Dogmas erreichen,
ohne daß dies formal zum Ausdruck kommt. Für die Diskussion in dieser Frage
ist ein Satz des Papstes Paul VI. in einer Rede zur letzten öffentlichen
Sitzung des Konzils am 7. 12. 1965 von großer Bedeutung. Er lautet: »Jetzt
aber ist zu beachten, daß die Kirche in ihrem Lehramt zwar keine Hauptlehre
durch außerordentliche dogmatische Bestimmungen definieren wollte, daß aber
nichtsdestoweniger sehr viele Fragen mit ihrer Autorität als Glaubenslehren
vorgelegt werden, nach deren Norm die heutigen Menschen ihr Gewissen zu bilden
und die Art ihres Handelns zu bestimmen gehalten sind.« Mit diesen Worten wird
vom Papste abgelehnt, daß es sich um formale Dogmen handelt. Zugleich aber wird
hervorgehoben, daß die Vatikanischen Aussagen einen Verpflichtungsgrad haben,
welcher in der höchsten Autorität der Kirche begründet ist. Man darf wohl
sagen, der Unterschied zwischen einem formalen Dogma und der
Glaubensverpflichtung, die der Papst Konzilsaussagen beimißt, liegt mehr im
Formalmethodischen als im Inhaltlichen. In der Tat wird ja auch die Aussage des
Konzils über die Kirche eine
XIX
dogmatische
Konstitution genannt. Das Gleiche gilt von der Constitutio über die göttliche
Offenbarung. Es kommt dazu, daß um die richtige, dem Sachverhalt entsprechende
Formulierung Jahre lang gerungen worden ist. Diese Mühe wäre unverständlich,
wenn es sich nicht um echte Überzeugungen und um eine echte Verkündigung der
obersten kirchlichen Autorität handeln würde. Man kann also nicht mit Berufung
auf den rein pastoralen Charakter des Konzils unbesorgt Thesen vertreten, die
den Konzilsäußerungen widersprechen, ohne mit dem kirchlichen Glauben in
Widerspruch zu geraten, oder einfachhin unbesorgt und undifferenziert behaupten,
das II. Vat. Konzil bringe keine (neuen) Glaubensaussagen.
Der
Papst hat ebenso wie das Konzil selbst mehrfach auf die im Konzil
hervorgetretene Bedeutung der Auslegung der Heiligen Schrift für die Theologie
hingewiesen. Dies ist ein Moment von besonderer Tragweite für jede kommende
Theologie. Es wird nämlich gesagt, daß das Studium des Heiligen Buches
geradezu Seele der ganzen Theologie sei. Das ist, wie sich nicht leugnen läßt,
eine Verschiebung der Gewichte, welche den theologischen Disziplinen zukommen,
und zwar eine Verschiebung des Hauptgewichtes auf die Exegese, weg also von der
bisher in die Mitte des ganzen theologischen Studiums gestellten Dogmatik. Diese
Betonung der Exegese legt nahe, daß der Aufbau der Dogmatik in ihren einzelnen
Kapiteln nicht mehr, wie es bisher vielfach üblich war, von einem kirchlichen
Lehrsatz ausgeht, der dann durch die Heilige Schrift und die Überlieferung
bewiesen und näher erklärt werden soll, sondern daß die Exegese selbst bzw.
die Heilige Schrift jeweils den Ausgang eines Aussagekomplexes bildet, daß sich
daran die Entfaltung der Schriftaussage in der Geschichte der Kirche
XX
anschließt
und daß die Darstellung der kirchlichen Lehre, die auf der Heiligen Schrift und
auf der kirchlichen Überlieferung basiert, das Ende eines solchen
Gedankenganges darstellt. Auf diese Weise wird das Werden der kirchlichen Lehre
von vorneherein sichtbar. Dabei werden auch die Schwierigkeiten, die Umwege, die
Neuansätze, die zu der endgültigen kirchlichen Lehre geführt haben,
verdeutlicht.
Dieses
Vorgehen hat auch den Vorteil, daß nicht nur jene Lehren zur Darstellung
kommen, für welche es kirchliche Entscheidungen gibt, sondern das Gesamt der in
der Heiligen Schrift und in der kirchlichen Überlieferung niedergelegten
göttlichen Offenbarung.
Es ist noch folgendes hinzuzufügen: Auch bei einer endgültigen oder vorläufigen kirchlichen Aussage über den Inhalt der Offenbarung ist die theologische Bemühung noch nicht an das Ende gekommen. Ganz abgesehen davon ist auch eine kirchliche Verkündigung eine Aussage, die der Hermeneutik bedarf. Weil sich im geistigen Bereich nie eine Aussage in einem vollkommenen, absolut eindeutigen oder erschöpfenden Sinne machen läßt, so muß man betonen, daß jede kirchliche Lehre offen ist für die Zukunft. Was durch Spiritualität, durch die Anforderungen der Zeit, durch die theologische Wissenschaft bei der Interpretation der kirchlichen Lehre an tieferem Glaubensverständnis zutage gefördert wird, läßt sich nicht von vorneherein sagen. Es ergibt sich für die Theologie die Situation, daß sie nie an ein Ende kommt, auch wenn sie sich noch so sehr um das Verständnis der Offenbarung bemüht. Sie nimmt ihren Ausgang in der Offenbarung, vielmehr von dem sich offenbarenden Gott und bewegt sich auf die Wiederkunft Christi zu oder vielmehr: durch den erhöhten Christus im Heiligen Geist auf die Ankunft bei dem sich unverhüllt zeigen-
XXI
den
und den Menschen sich endgültig zusagenden Gott.
Das
vorliegende Werk befleißigt sich einer verständlichen Sprache. Es vermeidet
also die heute vielfach übliche, komplizierte, mit unzähligen Fremdwörtern
ausgestattete Darstellung der Theologie, welche es einem nicht fachlich
Gebildeten unmöglich macht, das Dargestellte zu verstehen, Die Sprache soll
nicht eine Mauer sein, die sich zwischen dem Autor und dem Leser aufbaut,
sondern eine Brücke, die vom Autor oder vielmehr von dessen Werk zum Leser
hinführt, auf der der Leser auch wieder ohne allzugroße Schwierigkeit zu dem
Autor oder zu dem von ihm geschaffenen Werk zurückfindet. Dabei wird die
Wissenschaftlichkeit nicht außer acht gelassen. Dogmatik kann nicht ein reines
Erbauungsbuch sein, aber sie soll ein Buch des Glaubensverstehens sein.
Wenn
heute weithin behauptet wird, daß die Sprache der altkirchlichen Konzilien, ja
auch jene der Heiligen Schrift, den heutigen Menschen nicht mehr oder nicht ohne
weiteres verständlich sei, so ist daran ein Wahrheitskern. Man darf jedoch
nicht übersehen, daß diese Schwierigkeit eine soeben angedeutete Parallele in
der heutigen Erfahrung hat, da die derzeitige theologische Sprache in nicht
wenigen ihrer Erscheinungen nur einem kleinen Kreis von Fachleuten zugänglich
ist, während sie doch die mit Recht oder Unrecht als unverständlich
bezeichnete altkirchliche »griechisch-philosophische« Sprachform ablösen
will. Der Hauptgrund für die behauptete Unzugänglichkeit altkirchlicher
theologischer Aussagen für den heutigen Menschen liegt in dem ausgesagten
Inhalt, nicht in der Sprachgestalt. Wer nur noch im Horizont des
technisch-industriellen Zeitalters denkt oder denken kann, wird weder verstehen
noch für bedenkenswert
XXII
halten,
was im metaphysischen Horizont der alten Zeit gesagt wurde, von Einzelaussagen
wie z. B. Trinität, Menschwerdung Gottes, Fortleben nach dem Tode, Auferstehung
von den Toten usw. ganz zu schweigen.
Es
darf vielleicht noch etwas betont werden: Bald nach dem Erscheinen der ersten
Auflage wurde ich von einem mittelamerikanischen Theologen gefragt, ob ich mit
der Übertragung in das Spanische, und zwar in das in Südamerika gesprochene
Spanische einverstanden sei. In das europäische Spanische wurde das Werk gleich
nach seinem Erscheinen ohnehin übersetzt. Ich bejahte diese Frage, erhielt aber
nach längerer Zeit die Mitteilung, daß eine Kommission südamerikanischer
Theologen die Sache beraten habe und zu dem Ergebnis gekommen sei, daß das Werk
nicht in das südamerikanische Spanisch übersetzt werden könne, weil man dort
eine Theologie der Befreiung brauche. Ich werde also ersucht, so hieß es in dem
Schreiben, eine Theologie der Befreiung zu schreiben. Ich mußte infolge der
Vielfältigkeit der Problematik leider antworten, daß ich mich zur
Durchführung eines so weittragenden und wichtigen Vorhabens infolge schwieriger
anderer Engagements zur Zeit nicht im Stande sehe (siehe zu der Problematik z.
B. Wilhelm Kasch, Wie frei macht die Theologie der Freiheit? in: Politische
Studien, 238 Jahrg. 29, 1978, 135-148; Internationale Theologenkommission (K.
Leh-mann u. a.), Theologie der Befreiung, Einsiedeln 1977).
Noch
ein Wort der Selbstkritik: Eine allseits befriedigende Lösung, an welcher
Stelle von Christus, an welcher Stelle von Gott dem Einen und Dreieinigen
gesprochen werden soll, ist unmöglich. Die Interpretation Jesu Christi setzt
die göttliche Dreieinigkeit voraus, die Interpretation der göttlichen
Dreieinigkeit setzt jedoch die Erscheinung und auch die Verkündi-
XXIII
gung
Jesu Christi voraus. Die beiden Glaubenswahrheiten greifen also so ineinander,
daß die eine die andere stützt und trägt und verständlich macht. Bei der
jetzt von mir vorgenommenen Ordnung ist naturgemäß unerläßlich, auch schon
bei der Interpretation des Dreieinigen Gottes immer wieder von Jesus Christus,
von seinem Existenzsinn und seinem Wesen zu sprechen. Es soll dies jedoch nur
insoweit im Trinitätstraktat geschehen, als es für dessen Verständnis
unerläßlich ist, so daß die Hauptdarstellung Jesu Christi nach wie vor einen
eigenen Traktat erfordert.
Nun
möge also das Werk in seiner neuen Gestalt den Weg gehen und den Lesern
hilfreich sein. Als Leser denke ich mir sowohl die für die Theologie
Interessierten als auch die Theologie Studierenden und bis zu einem gewissen
Grade auch die, die sich in das Lehramt der Theologie einzuarbeiten versuchen.
Ohne
vielfältige Hilfen hätte ich nicht den Mut gehabt und auch nicht die Zeit
aufgebracht, einer Neuauflage näher zu treten. Meine früheren Helfer für die
Lesung von Korrekturen und die Herstellung der Register konnten nicht mehr
mitwirken, da sie entweder gestorben sind oder durch Übernahme von Hauptberufen
völlig beansprucht werden. Um so herzlicher danke ich meiner früheren,
inzwischen in den Ruhestand getretenen, aber immer noch hilfreichen Sekretärin,
Frl. Lilly Kuhnert, und für manche in nachbarlicher Verbundenheit geleisteten
Schreibstunden Frau Dorle Buchbauer, ebenso meiner Nichte, Fräulein Elisabeth
Hölzl. Ganz besonderen Dank schulde ich dem EOS Verlag in St.Ottilien, dessen
Leiter, Herr Dr. theol. Bernhard Sirch OSB, den Mut, die Geduld und die Energie
hatte, welche für die Veröffentlichung erforderlich waren und sind.
Gauting,
Weihnachten 1978 Michael Schmaus
XXIV
VORBEMERKUNG
1. Beachtung der menschlichen Anliegen in der Theologie
Wenn
die Theologie der heutigen Situation gerecht werden will, muß sie die hierfür
entscheidenden Gesichtspunkte beachten. Sie muß dies allerdings nicht deshalb
tun, weil es opportun ist, sondern weil es ihrem Wesen entspricht, daß sie den
Menschen erreicht, in welcher geschichtlichen Verfassung dieser immer ist. Die
Theologie soll anthropologisch sein, ohne in der Anthropologie aufzugehen.
Dieser Aspekt läßt sich auf Grund unserer Analysen aufgliedern in die Momente
des Ganzheitlichen, des Gemeinschaftlichen, des Existential-Existentiellen, des
Dynamischen und des Eschatologischen.
a) Ganzheitlichkeit
Was
das Ganzheitliche und das Gemeinschaftliche betrifft, so bezieht es sich darauf,
daß der christliche Glaube die Vollendung des ganzen Menschen (nicht nur der
Seele) und der Menschheit, ja die Vollendung des einzelnen ganzen Menschen
innerhalb der Vollendung des Menschheitsganzen im Auge hat. Gottes Botschaft
richtet sich an den einzelnen, insofern er Glied der Gemeinschaft ist. Das
Christentum kennt nicht den isolierten Einzelnen, sondern nur den
vergemeinschafteten Einzelnen, welcher gerade dadurch, daß er Glied der
Gemeinschaft ist, auch zugleich seine einmalige unverwechselbare und
unverlierbare Individualität besitzt. Er erreicht sein eigenes individuelles
Selbst nur als Glied des Ganzen, welches sich dem un-
1
sagbaren Gottesgeheimnis entgegenbewegt, weil es von ihm zur
Teilnahme an dessen Leben berufen ist.
b) Das Existential-Existentielle
Was
das Existential-Existentielle betrifft, so soll der christliche Glaube als
Antwort auf die göttliche Offenbarung in seinem Bezug auf den Menschen, in
seiner den Menschen formenden und erfüllenden Sinnhaftigkeit und Kraft gezeigt
werden. Was das Dynamische betrifft, so soll die Offenbarung in der ihr selbst
eigenen Geschichte und in der Geschichte ihrer Auswirkung, in ihrem Tatcharakter
dargestellt werden. Das Gegenteil wäre eine bloße statische Wesensschau.
c)
Das Eschatologische
Der
Hauptton wird auf dem Eschatologischen liegen. Alle Einzelaussagen des Werkes
werden unter dem eschatologischen Blick stehen. Es wird sich also zeigen, daß
Gott dem Menschen eine absolute Zukunft zugesprochen hat. Diese wird in der
unverhüllten Selbstmitteilung Gottes und in der darin begründeten »Vergöttlichung«
der Schöpfung bestehen und ihrerseits wiederum nicht den Charakter des
Statischen, sondern des Dynamischen haben, insofern sich die Selbstmitteilung
Gottes ohne Ende ständig intensiviert. Was immer Gott innerhalb der Geschichte
im Dialog mit dem Menschen vollbracht hat und vollbringt, dient der Zukunft und
hat in ihr seinen Sinn. Die Zukunft ist der Grund für die Vergangenheit. So
steht Gott vor dem Menschen als der Rufende und der Verheißende.
Das
Christentum ist daher ein Weg nach vorwärts und nicht nach rückwärts. Der
Glaube muß auch zu-
2
rückblicken
auf schon Gegebenes und Geschehenes. Wenn er zurückschallt, nämlich auf die
der Zukunft dienenden Heilstaten Gottes in der Vergangenheit, so geschieht dies,
damit er von dem Boden aus, welcher gelegt ist, um so kühner und
zuversichtlicher der Zukunft entgegenstreben kann. Die Vergangenheit bietet die
Gewähr, daß der Mensch nicht einer Utopie oder Ideologie nachjagt, wenn er der
absoluten Zukunft, d. h. der unmittelbaren Begegnung mit dem sich mitteilenden
Geheimnis, welches wir Gott heißen, entgegentrachtet, sondern realistisch denkt
und wirkt. Das Entscheidende ist das Wohin, nicht das Woher. Aber das Woher
garantiert das Wohin.
Durch
die existentielle und eschatologische Sicht wird die Wesensschau nicht
ausgeschaltet. Das Real-Ontologische darf in der katholischen Theologie auf
keinen Fall ausgelassen werden. Eine Theologie, die dies vergäße, wäre eine
verkümmerte Theologie. Es tritt jedoch an den ihm gebührenden Ort. Es
wird in das Existentielle und Eschatologische eingeordnet. Diesem dient es zur
Erhellung und Interpretation, wie es selbst auch umgekehrt wiederum seinen Sinn
vom Eschatologischen empfängt. Das Heil kommt nicht von der Ontologie, sondern
aus der Geschichte. Innerhalb dieser ist jedoch die Seinsaussage unentbehrlich.
Es gibt keine wahre Theologie ohne Ontologie. Auch wenn in der Schrift das
»Funktionale«, das Tun Gottes, das Tun Christi im Vordergrund steht, so
drängt sich dennoch die ontologische Frage, die Frage nach dem Sein auf. Der
menschliche Geist wird von seiner eigenen Struktur zu der Frage geführt, wer
der uns Heil schaffende Gott ist. Die Frage hat auch einen objektiven Sinn,
insofern in dem Tun Gottes Gott sich selbst darstellt. Nur wer dem Tun Gottes
den Realitätscharakter abspräche, wer also das Tun Gottes nur
3
als Objektivierung des menschlichen
Geistes verstünde, könnte und müßte die Seinsfrage unterlassen.
2.Gottes
Einwirkung auf den Menschen
Wesentlich
ist, daß der von einer göttlichen Selbstmitteilung getroffene Mensch das, was
ihm zuteil wird, als Gottes Mitteilung erfaßt und interpretiert. Es ist unter
den Theologen darüber diskutiert worden, ob sich Gottes Selbsterschließung in
äußeren, sichtbaren Phänomenen oder bloß in Akten innerer Erleuchtung
vollzieht. Im allgemeinen wird man wohl diesen zweiten Modus annehmen müssen.
In der Regel jedoch verbinden sich die beiden modi, insofern äußere Phänomene
Bestätigung innerer Erfahrung sind. So bildet sich ein geistig-sinnliches
Erlebnis. Gott wirkt danach auf den menschlichen Geist und das menschliche
Gemüt, also auf den ganzen Menschen mit allen seinen menschlichen Fähigkeiten.
Er gibt ihm dabei nicht nur innere Existenzstöße, sondern auch inhaltliche
Kenntnisse. Was der so von Gott erreichte Mensch in seinem Innern erfährt,
übersetzt er entsprechend seiner persönlichen Eigenart, seinem Temperament,
seiner Vorstellungswelt, seiner Erkenntnisfähigkeit, seiner Sprachbegabung,
seinem Bilderreichtum, seiner kulturellen Situation, seiner politischen
Urteilskraft, insgesamt also gemäß seinem Seinsverständnis in eine bestimmte
Wort- oder Bildersprache. So erfolgt der Vorstoß Gottes durch das Medium des
Menschen hindurch in die Welt hinein. Die Bilder und Vorstellungen, deren sich
der Empfänger göttlicher Selbstmitteilungen bedient, entstammen naturgemäß
nicht nur seiner individuellen Art, sondern auch seiner gesellschaftlichen
Verflochtenheit. Dies aber kann auch ge-
4
schehen
in der im mythischen Denken befangenen Umwelt. So kann die göttliche
Selbstmitteilung in Gestalt mythischer Bilder zum Ausdruck kommen. Sie wird
dadurch selbst keineswegs ein Mythos. Denn dieser besteht nicht in einer
Verwendung mythischer Bilder, sondern in einer dramatischen Handlung, durch
welche ihre Träger ihre Gottesahnungen und ihre Erlösungshoffnungen
darstellen.
Was
die Gestalt des eine göttliche Offenbarung ausdrückenden Wortes betrifft, so
kann es eine Lehraussage, ein Anruf, ein Aufruf, eine Lobpreisung, eine Warnung,
eine Drohung, eine Strafverfügung oder eine Verheißung sein. Die Gestalt der
Verheißung begreift alle anderen Wortgestalten in sich, wie auch diese selbst
untereinander zusammenhängen.
Unsere
Überlegung führt zu dem Ergebnis, daß die göttliche Offenbarung stets eine
Synthese von göttlicher Initiative und menschlicher Antwort ist. Eine
Offenbarung, welche nicht die Antwort des Menschen hervorrufen würde, wäre ein
göttlicher Ruf in den leeren Raum. Sie wäre also widersinnig und daher
widergöttlich. In der Offenbarung wird dem Menschen von Gott etwas gezeigt.
Wenn niemand wäre, dem etwas gezeigt wird, so wäre der Akt des Zeigens leeres
Spiel.
Wenn
die göttliche Selbsterschließung ihre Integration erst in der menschlichen
Antwort, sei es in der negativen, sei es in der positiven erfährt, bedeutet
jede göttliche Offenbarung gewissermaßen eine Inkarnation Gottes in
menschliche Worte und Bilder, und zwar jeweils in zeitgebundene,
kulturbestimmte, ja politisch geprägte Bilder und Worte, die der betreffenden
individuellen und kollektiven geschichtlichen Stufe entsprechen. Dies hat zur
Folge, daß der göttliche Offenbarungsinhalt trotz seiner inhaltlichen
Unwandelbarkeit auch in andere Worte und Bilder übersetzt
5
werden kann und muß, nicht derart, daß
er bloß in eine andere Grammatik und in ein anderes Vokabular übertragen wird,
sondern in andere Denkweisen und Denkformen. So kann zum Beispiel die im Nahen
Orient gewährte göttliche Offenbarung auch in die Denkweise Europas oder in
die Denkformen Indiens oder Chinas umgesetzt werden. Die göttliche Offenbarung
ist an kein Weltbild unlöslich gebunden. Jedes Weltbild kann als
Ausdrucksgestalt dessen, was Gott in seiner Selbstmitteilung eröffnet hat,
verwendet werden. So eng der Inhalt der göttlichen Selbsterschließung, also
die Aussage Gottes an den Offenbarungsempfänger, mit der Aussageform des
Empfängers verbunden ist, da beide ähnlich zusammengehören wie Seele und
Leib, so Ist doch die eine Dimension mit der anderen nicht identisch und kann
daher von ihr gelöst werden. Man darf dabei nicht verschweigen, daß eine
solche Übersetzung nie adäquat gelingen wird. Sie wird jedoch immer in einem
solchen Ausmaße möglich sein, daß der Kern unverkürzt und unverfälscht in
einer neuen Gestalt erscheint.
6
1.
ABSCHNITT
Einführung
in die Problematik
Entsprechend
dem Thema des ganzen Werkes »Der Glaube der Kirche« muß die Frage gestellt
werden, was unter dem Glauben zu verstehen ist, worauf er sich bezieht, in
welchem Raum er sich abspielt, woher er kommt, wohin er führt. Da es sich um
den religiösen Glauben handelt, bezieht er sich naturgemäß auf Gott und zwar
auf Gott, insofern dieser sich offenbart. Ohne eine Offenbarung Gottes könnte
man von ihm keinerlei Erkenntnis haben und auch keinen Glauben an ihn
vollziehen. Der Mensch könnte ohne eine solche Selbstzeigung Gottes kein
Bewußtsein von Gott haben. Daher ist an zweiter Stelle zu fragen, was man unter
Offenbarung versteht. So fundamental diese Frage für jede Art von Theologie
ist, so ist der Begriff der Offenbarung erstaunlicherweise doch bis zum heutigen
Tag zu keiner allgemein angenommenen Wesenserklärung gelangt. Auf jeden Fall
muß man ihn als Akt verstehen, durch welchen Gott sich kundgibt. In dem Werke
von Duden, »Vergleichendes Synonymwörterbuch«, Sinnverwandte Wörter und
Wendungen (Der große Duden VIII, Mannheim 1964,483), wird die Offenbarung
verstanden als »Kunde, die den Menschen über Gott, sein Dasein, Willen und
Wirken und in einem ganz bestimmten Ausmaß über sein geheimes Wesen von eigens
dazu Auserwählten in Mitteilungen, Weisungen und Belehrungen gegeben wird,
welche die Grundlage jeder Religion bildet«. Dieser Versuch einer
Wesensbestimmung der Offenbarung wirft eine Reihe von Fragen auf. Etwa die
Frage, wer das Subjekt der Offenbarung ist. Oder: warum Gott, falls er
7
deren
Subjekt ist, sich offenbart, welches Ziel die Offenbarung hat, in welcher Weise
sich Gott offenbart, ferner wie die Offenbarung Gottes, die in längst
vergangenen Zeiten geschah, bis in unsere Gegenwart kommen konnte. Haben wir
eine Bürgschaft dafür, daß sie auf dem langen Wege, auf dem sie viele
Übertragungen in zahlreiche Sprachen und in zahlreiche menschliche Anschauungen
und Interpretationen der Welt erfahren hat, in ihrem Kerne erhalten bleibt und
daher der ursprünglichen Absicht der Erstempfänger der Offenbarung gemäß
ist?
8
2.
ABSCHNITT
Die
Offenbarung als Selbsterschließung Gottes
gegenüber
den Menschen
1.
Kapitel Begriff
Auf
jeden Fall muß man sagen, daß Gott der Offenbarungsträger ist und nicht der
Mensch. Der Mensch ist der Empfänger. Gott offenbart sich nicht aus innerem
Zwang oder aus irgend einer äußeren Notwendigkeit, sondern in voller Freiheit.
Er ist ja, wie wir später sehen werden, die Freiheit in eigener Person. Die
Offenbarung bedeutet nicht etwa eine Wesensentwicklung des Unbewußten zum
Bewußten bis zum Vollbewußten im menschlichen Geist. Die Offenbarung zielt auf
das Heil des Menschen. Der Mensch kann die Offenbarung annehmen oder ablehnen.
Es kommt auf jeden Fall zu einem Dialog zwischen Gott und den Menschen.
Jede
Offenbarung ist indirekt. In der Schrift wird häufig gesagt, wie sich die
»Herrlichkeit« Gottes gezeigt hat. Es ist eine schwierige Frage, was man unter
der Herrlichkeit Gottes zu verstehen hat, von der die Schrift so oft spricht. Im
Laufe der verschiedenen Traditionsschichten des Alten und des Neuen Testamentes
hat das Wort verschiedene Bedeutungen. Zweifellos hat sie eine
Zukunftsbedeutung, insofern sie die Verheißung in sich schließt, daß die
Menschen einmal die verborgene Herrlichkeit Gottes sehen werden. Dann tritt Gott
aus seiner Verborgenheit so heraus und wirkt so auf den Menschen ein, daß er
unmittel-
9
bar angeschaut werden kann. Dies ist
jedoch eine Zukunftsverheißung. Innerhalb der Geschichte kann sich die
Herrlichkeit Gottes nur indirekt zeigen, und zwar als die Erhabenheit Gottes,
als die Macht Gottes, als das Anderssein Gottes. Die Erhabenheit Gottes drückt
sich darin aus, daß Gott anders ist als der Mensch. Der Mensch empfängt durch
die Selbsterschließung Gottes anderes, als er zu erwarten imstande ist, ohne
sich dabei allerdings selbst entfremdet zu werden. Mit dem Bilde von der
Erscheinung der Herrlichkeit Gottes soll offensichtlich gesagt werden, daß Gott
sich der Welt zuwendet, bzw. daß einmal, wie es heißt, »alles Fleisch« die
Herrlichkeit Gottes schauen werde (Dt-Jes 40,5 und viele andere Stellen). Bei
Deutero-Jesaias und in vielen späteren Texten wird deutlich, daß das
Erscheinen der Herrlichkeit Jahwes die öffentliche Durchsetzung seiner Macht
bedeutet. Mit dem Ausdruck kann auch ein Zeichen dafür gemeint sein, daß Jahwe
mit einem Worte, mit einer Botschaft zum Volke kommt. Das Wort Gottes, von dem
der Ausdruck Herrlichkeit gebraucht wird, ergeht an die Menschen mit dem
Anspruch unbedingter Verbindlichkeit. Die Antwort des Menschen hierauf kann nur
heißen: Ehren, Ehrung, Anerkennung des sich offenbarenden Gottes.
Wenn
man sich die Frage stellt, was der Inhalt der göttlichen Selbsterschließung
ist, so ergibt sich ein Doppeltes: Einmal ruft Gott den Menschen an als das von
jedem geschaffenen Wesen verschiedene Ich, eben als das göttliche Ich. Gott
teilt sich selbst dem Menschen mit. Er gibt ihm nicht nur eine Information über
sich. Dieser Ruf Gottes will den Menschen herausreißen aus seiner Verfallenheit
an die Welt, aus seiner Versunkenheit in das eigene menschliche Selbst, er will
ihn hinrufen zu Gott, sodaß ein Dialog zwischen
10
dem
Menschen und Gott entsteht. Man kann nicht in strengem Sinne sagen, daß Gott
auf diese Weise vor allem seine Existenz offenbart, denn seine Offenbarung in
diesem ersten Sinn ist ja ein Ruf, den der Mensch anhören muß, den er annehmen
oder ablehnen kann, dem er sich aber nicht zu entziehen vermag. Hier hört der
Mensch eine Stimme, die nicht identisch ist mit den Stimmen der Welt, die ihn
aber auch nicht zu einer positiven Antwort zwingt. Wenn er diesem Rufe
nachkommt, dann heißt dies, daß er sich Gott übereignet, daß er sein Leben
aus dem Vertrauen auf Gott, aus dem Glauben gestaltet.
Ein zweiter Modus der göttlichen Offenbarung bietet die Eigenschaften von Gott oder vom Menschen und von der Welt sowie Gottes Absichten mit Mensch und Welt dar. Da zeigt sich Gott als der Barmherzige, der Mächtige, als der, der den Menschen in seine eigene Existenz hineinrufen will, der ihm die Sünden vergibt, der ihm Vertrauen einflößt, der das Schicksal der Menschen zum Guten führt, der auf das Heil des Menschen bedacht ist.
Diese
beiden Arten von göttlicher Offenbarung gehören eng zusammen, denn der Gott,
der den Menschen ruft, ist nicht und kann nicht bleiben ein völlig unbekanntes
Ich oder und ein völlig unbekanntes Etwas, sondern es zeigt sich schon in dem
Ruf allein, daß es Gott um den Menschen zu tun ist, daß er auf das Heil des
Menschen bedacht ist, daß er mit den Menschen in Dialog eintreten will, daß er
der Partner des Menschen sein will. Es ist daher von vornherein aufgrund des
Begriffes der Offenbarung selbst nicht möglich anzunehmen, daß die Offenbarung
überhaupt keinen Inhalt hat außer dem Ruf. Insofern ist die sog.
Entmythologisierungstheologie, welche in der Offenbarung keinen Inhalt sehen
will, sondern sie jeden In-
11
haltes
entkleidet, mit dem biblischen Befund nicht oder wenigstens nur schwer
vereinbar,
Durch
diese Überlegungen wird allerdings deutlich, daß die Offenbarung nicht etwa
erstlich eine Mitteilung von Inhalten ist nach der Art, wie Menschen einander
Informationen geben, sondern daß sie ein Ruf ist, durch welchen der Mensch in
seiner menschlichen Mitte getroffen werden soll und eben aus der bloßen
Hoffnung auf das eigene Selbst herausgerufen und in die Freiheit geführt werden
soll, in die Freiheit, welche bedingt ist durch die Freiheit Gottes. Die
Offenbarung ist nicht eine Bekanntmachung von Wissensgegenständen, die wie ein
Reservoir vorgestellt werden können, aus dem von zuständigen Stellen je nach
Bedarf der Zeitlage, je nach der persönlichen Situation eines Interessenten
hervorgeholt werden kann, was für die Stunde erforderlich ist. Auch dann, wenn
die Offenbarung Gottes in einem schriftlichen Wort fixiert und in einem Buche
aufbewahrt wird, das man jederzeit in die Hand nehmen und lesen kann, bleibt der
Charakter als eines Anrufes Gottes. Dann ruft Gott durch die Schrift hindurch
den Menschen an, das Offenbarungswort vollzieht dann nicht mehr in einer so
unmit-telbar deutlichen und sichtbaren Weise seinen Charakter als Ruf, aber es
bleibt für immer bei dem Anruf, den Gott an den Menschen ergehen läßt. Er
ruft bei einem geschriebenen Wort eben durch das geschriebene Wort hindurch den
Menschen aus seiner bloß menschlichen, bloß erdhaften Situation heraus in das
eigene göttliche Leben hinein. Er ruft ihm Trost und Hilfe oder auch Warnung
und Drohung zu.
12
2.
Kapitel
Die kirchliche Lehre über die Offenbarung Gottes
Die
Kirche äußerte sich, wenn auch nur knapp über die Selbsterschließung Gottes
auf den Vatikanischen Konzilien.
Die
Kirche wußte sich für die Erkennbarkeit Gottes durch die menschliche Vernunft
aus der Natur in so hohem Maße verantwortlich, daß sie auf dem Ersten Vat.
Konzil (1869/70) erklärte, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr,
könne vermittels der geschaffenen Dinge durch das natürliche Licht der
menschlichen Vernunft mit Sicherheit erkannt werden (DS 3004). Diese
Glaubensaussage hatte eine lange Vorgeschichte. Sie war die Antwort auf zwei
Einseitigkeiten. Auf der einen Seite wurde durch verschiedene philosophische
Systeme, sei es die Erkennbarkeit, sei es geradezu die Existenz Gottes,
geleugnet. Auf der anderen Seite wurde, wiederum in einer tiefgreifenden Skepsis
gegenüber der menschlichen Vernunft, aber in um so größerer Gläubigkeit, die
These verfochten, daß Gott nur auf dem Wege der Belehrung und Erziehung erkannt
werden, daß also nur die Tradition das religiöse Bewußtsein begründen
könne.
Das
Konzil ließ damals die Frage offen, auf welchem Wege die von ihm gelehrte
Möglichkeit der Gotteserkenntnis realisiert werden könne, ob auf dem Wege des
»Beweises« oder der Ahnung oder der Intuition oder des Postulates der
praktischen Vernunft. In dem Eid gegen den sogenannten Modernismus (1910) stand
indes der Satz, daß Gott, der Urgrund und das Endziel alter Dinge, mit dem
natürlichen Lichte der Vernunft durch das Geschaffene, d. h.
13
durch
die sichtbaren Werke der Schöpfung wie die Ursache durch die Wirkung mit
Sicherheit erkannt und daher auch bewiesen werden könne (DS 3538; siehe auch
das Rundschreiben Pius' XI. »Studiorum Ducem« vom 29. Juni 1923 und das
Rundschreiben »Humani generis« Pius' XII. vom 10. August 1950 sowie die
Konstitution über die göttliche Offenbarung des Zweiten Vat. Konzils, Nr. 6).
Das
Konzil war indes realistisch genug, um die Frage der theoretischen Möglichkeit
von der Frage der lebendigen Verwirklichung zu trennen. Hinsichtlich der
Tatsachenfrage erklärt es nämlich; »Gleichwohl gefiel es Gottes Weisheit und
Güte, auf einem anderen, nämlich auf dem übernatürlichen Wege, sich selbst
und seine ewigen Willensratschlüsse dem menschlichen Geschlechte zu offenbaren
... Dieser göttlichen Offenbarung ist es zuzuschreiben, daß das, was
hinsichtlich der göttlichen Dinge der menschlichen Vernunft an sich zugänglich
ist, auch in der gegenwärtigen Lage des menschlichen Geschlechtes von allen
leicht, mit Sicherheit, ohne Beimischung des Irrtums erkannt werden kann. Man
darf indes die Offenbarung nicht als unbedingt notwendig bezeichnen. Sie ist nur
notwendig, weil Gott den Menschen in seiner unbegrenzten Güte zu einem
übernatürlichen Ziele, nämlich zur Teilnahme an seiner eigenen göttlichen
Güte bestimmte, welche die Einsicht des Menschen übersteigt« (DS 3005).
Es
ist beachtlich, daß das Erste Vat. Konzil zwar in dem zuletzt angeführten Text
den Ausdruck »Offenbarung« so gebraucht, als ob er nur der von ihm so
genannten »übernatürlichen« Offenbarung zukommen würde, daß aber auf der
anderen Seite das ganze hier in Frage stehende zweite Kapitel der dritten
Sitzung des Ersten Vatikanischen Konzils vom Jahre 1870 mit
14
dem
Worte »Offenbarung« überschrieben wird. Das gleiche gilt von den »Canones«.
So entspricht es dem Geiste des Konzils, wenn man auch die Schöpfung selbst als
Anfang der göttlichen Offenbarung begreift. Wir werden sehen, daß sie von der
Schrift nicht nur als Vorspiel des göttlichen Heilshandelns, sondern selbst als
ein Heilsereignis verstanden wird. Es kann als solches auch übersehen werden.
Wenn nämlich die Schöpfung auch als Gottes Selbstdarstellung erkannt werden
kann, so bedarf der Mensch infolge »seines jetzigen Zustandes«, d. h. infolge
seiner Sündhaftigkeit und der darin begründeten Blindheit gegenüber Gott doch
eines besonderen Anstoßes, um die Präsenz des Gottesgeheimnisses in der Welt
nicht zu übersehen. Die Gründe, die ihn zu einer solchen Verkennung des
innersten und tiefsten Wettgeheimnisses verführen, sind mannigfach. Sie können
im Menschen selbst liegen. Sie liegen aber auch in der Schöpfung, nämlich in
der Verborgenheit Gottes einerseits und in der Unheilsgestalt der Welt
andererseits.
Gott
hat in seiner über die Schöpfung hinausgehenden Selbsterschließung in
Christus dem Menschen immer wieder den Impuls gegeben, sich als Geschöpf zu
interpretieren. Es ist zwar eine Unterschätzung dieser göttlichen, die
Schöpfung überbietenden Selbsterschließung, wenn R. Bultmann und andere sie
auf die Gewinnung des Selbstverständnisses des Menschen als eines Geschöpfes
beschränkten. Sie leistet derartiges zwar auch. Sie führt aber darüber
hinaus, indem sie den Menschen zu einer Selbstinterpretation und zu einem
Existenzvollzug von Christus her anstößt und befähigt und ihn zur
Vergöttlichung führt, ihm also die absolute Zukunft eröffnet.
Auch
wenn die vom Ersten Vatikanischen Konzil behauptete Erkennbarkeit Gottes mit den
natürlichen
15
Kräften
des menschlichen Geistes nie realisiert wurde, ja nie realisiert zu werden
brauchte, da sich Gott von Anfang an den Menschen gnadenhaft mitteilte und sich
selbst zum beseligenden Austausch zusagte, hat die Lehre des Ersten Vaticanums
(Konst. über die Offenb. Nr.2. DS 3004ff, sowie Canones, DS 3026ff) eine
unabsehbare Tragweite. Denn durch sie wird deutlich, daß der Mensch vom Wesen
her für Gott offen ist, daß in ihm ein göttliches Existential als
konstitutives Element seiner selbst vorhanden ist und er daher die Fähigkeit
besitzt, Gott zu vernehmen und zu hören.
Besondere
Beachtung verdient es, daß das Konzil sowohl von der Selbstoffenbarung als auch
von der Offenbarung seiner ewigen Heilsratschlüsse spricht. Der Ton liegt
offensichtlich auf dem zweiten Moment.
Das
Zweite Vatikanische Konzil nimmt die Grundlehren des Ersten Vatikanischen
Konzils wieder auf. Es verklammert jedoch die von diesem gelehrte Offenbarung
Gottes in der Schöpfung stärker mit der Christusoffenbarung. Die erstere wird
als der Auftakt zur zweiten, die zweite als das Ziel der ersten geschildert. Die
erste ist um der zweiten willen geschehen. Zudem und vor allem wird der Akzent
auf die Selbsterschließung Gottes gelegt. Dadurch gewinnt die personhafte
Perspektive ein wesentlich größeres Gewicht. Der Text lautet (Konstitution
über die göttliche Offenbarung, Nr. 3f):
»Gott,
der durch das Wort alles erschafft (vgl. Joh 1,3) und erhält, gibt den Menschen
jederzeit in den geschaffenen Dingen Zeugnis von sich (vgl. Röm 1,19-20). Da er
aber den Weg übernatürlichen Heiles eröffnen wollte, hat er darüber hinaus
sich selbst schon am Anfang den Stammeltern kundgetan. Nach ihrem Fall hat er
sie wiederaufgerichtet in der Hoffnung auf das
16
Heil,
indem er die Erlösung versprach (vg). Gen 3,15). Ohne Unterlaß hat er für das
Menschengeschlecht gesorgt, um allen das ewige Leben zu geben, die das Heil
suchen durch Ausdauer im guten Handeln (vgl. Rom 2,6-7). Später berief er
Abraham, um ihn zu einem großen Volk zu machen (vgl. Gen 12,2-3), das er dann
nach den Patriarchen durch Mose und die Propheten erzog, ihn allein als
lebendigen und wahren Gott, "als fürsorgenden Vater und gerechten Richter
anzuerkennen und auf den versprochenen Erlöser zu harren. So hat er dem
Evangelium den Weg durch die Zeiten bereitet.
Nachdem
Gott viele Male und auf viele Weisen durch die Propheten gesprochen hatte, hat
er zuletzt in diesen Tagen zu uns gesprochen im Sohn (Hebr 1,1-2). Er hat seinen
Sohn, das ewige Wort, das Licht aller Menschen, gesandt, damit er unter den
Menschen wohne und ihnen vom Innern Gottes Kunde bringe (vgl. Job 1,1-18). Jesus
Christus, das fleischgewordene Wort, als .Mensch zu den Menschen' gesandt,
.redet die Worte Gottes' (Joh 3,34) und vollendet das Heilswerk, dessen
Durchführung der Vater ihm aufgetragen hat (vgl. Joh 5,36; 17,4). Wer ihn
sieht, sieht auch den Vater (vgl. Joh 14,9). Er ist es, der durch sein ganzes
Dasein und seine ganze Erscheinung, durch Worte und Werke, durch Zeichen und
Wunder, vor allem aber durch seinen Tod und seine herrliche Auferstehung von den
Toten, schließlich durch die Sendung des Geistes der Wahrheit die Offenbarung
erfüllt und abschließt und durch göttliches Zeugnis bekräftigt, daß Gott
mit uns ist, um uns aus der Finsternis von Sünde und Tod zu befreien und zu
ewigem Leben zu erwecken.
Daher
ist die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und endgültige Bund,
unüberholbar, und es ist
17
keine
neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn
Jesus Christus in Herrlichkeit (vgl. 1 Tim 6,14 und Tit 2,13)«.
18
3.
ABSCHNITT
Schöpfungsoffenbarung
und
prophetische
(übernatürliche) Offenbarung
In
der Mitte der göttlichen Offenbarung steht das Christusereignis. Das heißt:
Person, Wort und Tun Jesu Christi. Auf Jesus Christus bewegt sich die ganze Welt
seit ihrer Schöpfung zu. Von ihm wird sie seit seinem Tode und seiner
Auferstehung bis zur letzten Vollendung bestimmt. So kann man sagen, daß schon
durch die Hervorbringung der nichtgöttlichen Wirklichkeit in einer bestimmten
Weise die Offenbarungstätigkeit begonnen hat (siehe Band 3).
Die
Schöpfungstat Gottes ist der Ausgang und der Anfang, ist die Voraussetzung für
die Christusoffenbarung, die ihrerseits wiederum unzählige Jahrhunderte
hindurch eine noch unmittelbarere Vorbereitung empfängt, durch die Berufung
Abrahams und durch die im Alten Testament vielfach ausgesprochene Verheißung
eines Retters, eines Helfers, des Messias. Das erste Vatikanische Konzil hat
diesen Beginn der göttlichen Selbsterschließung in dem zweiten Kapitel der
Konstitution »Filius dei« mit folgenden Worten ausgesprochen: »Die heilige
Mutter Kirche hält daran fest und lehrt, daß Gott, Ausgang, Grund und Ziel
aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus der
Schöpfung mit Sicherheit erkannt werden kann, denn das Unsichtbare an Gott ist
seit der Erschaffung der Welt durch das, was er hervorgebracht hat, schaubar
geworden.« Dieser letzte Satz ist ein Zitat aus dem Römerbrief (1,20). Dann
fährt das Konzil weiter: »Es hat jedoch der göttlichen Weisheit und Güte
gefallen, auf einem anderen Weg, nämlich
19
auf einem übernatürlichen Weg sich
selbst und die ewigen Ratschlüsse seines Willens der menschlichen Geschichte zu
offenbaren.« Das Konzil zitiert hierfür die Stelle Hebr 1,1. Das Zweite
Vatikanische Konzil hat diesen Text mit einer nicht unwichtigen Variante
aufgenommen, insofern es in einer sehr klaren Weise Gott selbst als das Subjekt
seiner Offenbarung erklärt und außerdem betont, daß Gott sich selbst
geoffenbart hat, aber hinzufügt, daß er das Geheimnis seines Willens kundgetan
hat, des Willens, daß die Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort,
im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und der göttlichen Natur teilhaftig
werden (Konstitution über die göttliche Offenbarung, Nr. 2). Die Offenbarung
durch die Schöpfung war nicht beschränkt auf den Beginn der Existenz einer
nichtgöttlichen Wirklichkeit, sie dauert vielmehr bis heute an; denn die Welt
ist, wie Paulus im Römerbrief sagt, und wie es schon im alttestamentlichen
Weisheitsbuch heißt, für immer eine Selbstkundgebung Gottes. Der Mensch, der
die Welt guten Willens und mit lauterem Herzen betrachtet, wird durch eine
solche Weltschau die Erkenntnis Gottes gewinnen, wenn er sie nicht auf einem
anderen Wege zu gewinnen vermag. Die Welt ist, wie die mittelalterlichen
Theologen, namentlich Bonaventura, mehrfach betonen, ein Buch, in welchem die
Kunde von Gott aufgeschrieben ist und gelesen werden kann, mag diese Kunde durch
die Sünde auch entstellt worden sein. Aber Gott hat darüber hinaus schon zu
Beginn der menschlichen Existenz eine andere, auf Christus hinführende
Offenbarung gegeben. Er hat nämlich den Menschen zu seinem Bild und Gleichnis
gemacht oder vielmehr schon als Bild und Gleichnis geschaffen. Mag dieses durch
die Sünde auch geändert worden sein, so blieb der Mensch dennoch immerfort
20
Bild
und Gleichnis Gottes. Durch Christus konnte daher diese Gleichnishaftigkeit und
Bildhaftigkeit wieder hergestellt werden, ohne daß dem Menschen eine ihm fremde
Realität aufgezwungen worden wäre. Wir werden gerade auf diese Situation des
Menschen in einem späteren Zusammenhang ausführlich zurückkommen müssen.
Wichtig ist vor allem für das Verständnis des Anfangs, daß Gott nach dem
Sündenfall den Menschen wieder neue Hoffnung gegeben hat, indem er einen
Erlöser versprach. Er hat auch ständig für das Menschengeschlecht immer
wieder Sorge getragen, daß es unter der Wucht der Sünde nicht verzweifelte.
Insbesondere ist von Bedeutung die Berufung Abrahams (Gen 12,2-3). Ihn hat Gott
berufen, daß er der Stammvater eines Bundes zwischen den Menschen und Gott
werde, daß er der Ahnherr eines großen, zu Gott gehörenden
Menschengeschlechtes werde und daß von diesem Menschengeschlechte aus die ganze
übrige Menschheit wieder zu Gott zurückfinde. .
Hier begegnet uns der Unterschied zwischen der universalen Offenbarung Gottes und der partiellen bzw. partikularen. Die partielle Gottesoffenbarung beginnt als universale, diese verdichtet sich zur partiellen, die ihrerseits wieder universale Wirkung erlangen soll.
21
4. ABSCHNITT
Die Weisen der Offenbarung Gottes:
Geschichte
und
Wort
Vorbemerkung
Zunächst
soll die Frage nur prinzipiell erörtert werden. Das Zweite Vatikanische Konzil
hat auf das »Wort Gottes« größtes Gewicht gelegt und dadurch dem
Ökumenischen Problem einen Dienst geleistet, insofern Luther die Kirche auf das
Wort baute. Das Konzil hat das Tun Gottes nicht vergessen. Es ist jedoch ein
seltsames Spiel der Glaubens- und Theologiegeschichte, daß von bedeutenden
evangelischen Theologen der Gegenwart gerade das »Wort« in hohem Maße
abgewertet wird (W. Pannenberg), so daß die ökumenische Wirkkraft des Zweiten
Vatikanischen Konzils in dieser Frage zweifelhaft wird. Eingehender wird
hierüber später gehandelt werden (siehe den Abschnitt »Heilsgeschichte«).
Mit
dem Ende des apostolischen Zeitalters war das Ende der gewissermaßen
»amtlichen« göttlichen Selbsterschließung gekommen. Die Auslegung durch die
Apostel, die durch den Heiligen Geist gewährleistet wird, ist die Einführung
in das Verständnis dessen, was Christus hinterlassen hat. Diese These begreift
in sich, daß auch nach dem Weggang Christi die Apostel noch göttliche
Selbsterschließung erfahren haben, indem sie die bis dahin ihnen
unverständlich gebliebenen Worte Christi in dem von ihm gemeinten Sinn erkannt
haben. Was jedoch nach dem Zeitalter der Apostel sich vollzieht, kann nur
Interpretation dessen sein,
22
was bis zu diesem Zeitpunkt von Gott explizit oder implizit
geoffenbart worden ist.
Die
»Privatoffenbarung« ist eine Selbstzusage Gottes an bestimmte, von ihm
erwählte Menschen, eine Selbstzusage Gottes, in der die Mahnung ausgesprochen
ist, auf Christus zu hören und die Christusbotschaft ernst zu nehmen, in der
aber nicht allgemein verbindliche weitere, neue Mitteilungen Gottes gemacht
werden. Die Privatoffenbarung von menschlichen Autosuggestionen oder Illusionen
zu unterscheiden, ist ein äußerst schwer zu vollziehendes Unternehmen.
Letztlich steht es dem Amtsträger in der Kirche zu, eine solche Unterscheidung
vorzunehmen. Aber auch die amtliche Anerkennung einer Privatoffenbarung als eine
wirklich von Gott kommende bringt keine strenge Pflicht mit sich, daß die
Christusgläubigen Menschen sie als Offenbarung Gottes annehmen. Es wäre für
echten Glauben nicht ungefährlich wenn allzu häufige Privatoffenbarungen
behauptet würden.
1.
Kapitel
Das
Alte Testament
a) Die Offenbarung durch die Geschichte
In
der Berufung Abrahams ist eine bestimmte, aus der ganzen Menschheit
herausgenommene menschliche Gruppe gemeint. Von dieser Gruppe aus soll
allerdings Rettung auf die ganze Menschheit ausgehen.
Insbesondere
aber sind es zwei Ereignisse im Alten Testament, in welchen Gott sich kundgetan
hat. Das eine ist die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft, das andere
ist die Wanderung durch die Wüste mit der Gesetzgebung am Sinai und die
Besitznahme des Gelobten Landes. Von diesen beiden Ereignissen wird im Alten
Testament in zahllosen Formen gespro-
23
chen.
Immer wieder wird das Volk Israel zu Dankbarkeit gegen Gott aufgerufen mit dem
Hinweis auf die göttliche Befreiungstat durch den gottgesandten Mose. Diese
Befreiung ist ein dem Volke Israel zuteil gewordenes singuläres Ereignis. Erst
durch die Befreiung aus Ägypten und durch die Wüstenwanderung sind die vielen
Sippen, die zu einem Volk zusammenwachsen mußten, die auch durch den Glauben
zunächst verschieden waren, zu einer religiös-politischen Einheit geworden. In
dieser Befreiung aus Ägypten hat sich die überlegene Macht Gottes in einer
unübersehbaren Weise gezeigt. »Die Befreiung aus Ägypten und die
Zusammenfassung der Sippen und Geschlechter wandernder Viehzüchter zu einem
sakralen Stammesbund und die Führung während der Wüstenzeit waren es, die
sich als die grundlegenden und für alle Zeiten bestimmenden Akte der
göttlichen Selbstbezeugung dem israelitischen Volksbewußtsein eingeprägt
haben« (W. Eichrodt, Offenbarung und Geschichte im Alten Testament, ThZ 1948,
321-333, zitierte Stelle 322).
Israel
existiert also als Volk durch das Bewußtsein und aus dem Bewußtsein, daß der
unsagbare Gott zu ihm in Freiheit herabgestiegen ist und in seiner Mitte wirkt.
Es weiß sich vor allen anderen Völkern von ihm erwählt. Mit ihm und nur mit
ihm schließt Gott ein Bündnis, allerdings nicht im Sinne einer Abschließung
gegenüber anderen Völkern. Es gehen Bundesschließungen mit Abraham, Noah, ja
mit Adam und Eva voraus, aber sie zielten alle auf den Sinaibund. Das Bundesvolk
hat stellvertretende Funktion und soll den anderen Völkern Gottes Herrlichkeit
verkünden. Die Heilige Schrift, welche uns die Geschichte dieser Vorgänge
bezeugt, will hierbei keinen Geschichtsunterricht im heutigen Sinne geben, sie
stellt kein ge-
24
schichtliches
Protokoll der Ereignisse dar. Ihre Texte sind vielmehr Objektivierungen der
realen Gotteserfahrungen,des Glaubens im Volke Israel. Der Mann, der die
entscheidenden Vorgänge machte, hieß Mose (Ex 3,1-15). Er erhielt in Midian im
westlichen Teil der Wüste den Auftrag, das Volk aus der Herrschaft der Ägypter
zu befreien und in das verheißene Land Kanaan zu führen. Auf die Frage des
Mose an den Geheimnisvollen, wer denn der Gott sei, der ihm einen so schweren
und weittragenden Dienstauftrag erteile, erhielt er eine ebenso seltsame wie
aufwühlende Antwort: »Gott sprach zu Mose: ,lch bin, der ich bin'. Und er
sprach: So sollst du zu den Söhnen Israels sagen: 'Der hat mich zu euch
gesandt'. Und weiter sprach Gott zu Mose: ,So sollst du zu den Söhnen Israels
sprechen: Der Herr, der Schutzgott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott
Isaaks und der Gott Jakobs schickt mich zu euch. Für ewig ist dies mein
Name'.«
Derjenige, der Mose ruft, bekundet und bezeugt sich als jenen, der immer mit Macht in dem von ihm erwählten Volke da ist und da sein wird. Wie er machtvoll mit den Vätern war, wird er auch die verheißene Zukunft für sein Volk schaffen. Die Antwort an Mose begreift demgemäß die Kontinuität des göttlichen Wirkens in sich, garantiert dadurch die Zuverlässigkeit Gottes und verbürgt die glückhafte Zukunft. Es wurde gesagt, daß er der Gott der Väter sei, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, welcher zu Mose spricht. Das Volk Israel wird sich im Beginn seiner Existenz seiner geheimnisvollen Vorgeschichte bewußt, indem es auf die Anfänge der Patriarchen zurückblickt. Wie immer in der Heiligen Schrift die Geschichte der Patriarchen geschildert werden mag, es handelt sich dabei um das Glaubenszeugnis von der heilschaffenden göttlichen Führung. Als Gott den Ab-
25
raham
aus seiner Heimat wegrief, schloß er einen Bund mit ihm, welcher die
Verheißung einer großen Nachkommenschaft in sich barg. Dieser Bund war eine
Vorgestalt und die Einleitung des Sinaibundes. Die von Abraham sich ableitenden
Sippen wußten sich in einer besonderen Weise von Gott geleitet und geführt.
Der göttliche Schutz und die göttliche Planung werden in der Heiligen Schrift
in jenen Vorstellungsweisen und Bildern dargeboten, welche der Zeit entsprachen.
Die hohen Zahlen in den Altersangaben sind wohl als Symbole der Kontinuität der
heilshaften, göttlichen Vorsehung zu verstehen. Die Erfahrungen, welche Israel
in der Zeit der Bundesschließung mit Gott machte, und die dieser vorausgehende
Geschichte der Patriarchen zeigen ihm, daß es eine von dem Sinne und der
Existenz aller Völker verschiedene Sinnhaftigkeit und Existenz hat. Es steht in
einer einzigartigen Weise in Beziehung zu Gott. Dies hat schwerwiegende Folgen:
Weder der einzelne noch das Volk kann bestehen, wenn nur der eigene Wille als
Norm des Verhaltens befolgt wird. Der Bestand der Familie, der Sippe und des
ganzen Volkes ist nur dann gewährleistet, wenn die Weisungen Gottes befolgt
werden.
b) Die Offenbarung durch das Wort Gottes
Mit
der Tatoffenbarung Gottes verbindet sich im Alten Testament auf das innigste die
Wortoffenbarung. Diese beiden Modi von Offenbarung lassen sich für das
Verständnis der alttestamentlichen Texte über die Selbstoffenbarung Gottes
nicht voneinander trennen. Man kann sagen, daß die Wortoffenbarung die
Tatoffenbarung interpretiert. Sie ist ein göttliches Sprechen, in welchem Gott
sich den Menschen kundgibt,
26
ankündigt
und das es auf das vergangene göttliche Ereignis zurückweist. So ist auch die
göttliche Wortoffenbarung ähnlich wie die Tatoffenbarung immer gegenwärtig.
Sie ist immer ein Anruf, wie wir schon gezeigt haben, Gottes an den Menschen.
Das Wort der Offenbarung ist viel mehr als eine bloße Information, es nimmt
teil an der Tathaftigkeit der von Gott gewirkten Offenbarungsereignisse.
Offenbarungswort und Tatoffenbarung binden sich zu einem unlöslichen Ganzen.
c) Uroffenbarung?
Am
Schlusse der Darstellung der alttestamentlichen Gottesoffenbarung soll noch kurz
der Frage nachgegangen werden, ob es eine Uroffenbarung gibt. Während in der
früheren Theologie diese Frage im allgemeinen bejaht wurde, stößt sie heute
auf ernsten Widerstand. Es wird nämlich geltend gemacht, daß die Uroffenbarung
nicht beweisbar ist und daß es schwer vorstellbar sei, wie eine derartige
Uroffenbarung sich durch die Jahrhunderttausende in der menschlichen Geschichte
habe erhalten können.
Hierzu
ist folgendes zu sagen: Schon in den ersten Versen der Genesis wird betont, daß
der Mensch als Gleichnis und Ebenbild Gottes geschaffen ist. Ferner wird die
göttliche Verheißung eines kommenden Retters bezeugt. Zweifellos handelt es
sich hierbei um eine Offenbarung, die einen Hinweis auf Christus, den Messias,
den Helfer, den Retter, in sich schließt. Man wird daher die Uroffenbarung
schon aus diesem Grunde nicht gut leugnen können. Außerdem dürfte der Einwand
von den Jahrhunderttausenden, die zwischen dieser Uroffenbarung und ihrer
späteren Erfüllung liegen, kein ernstzunehmendes Gewicht haben.
27
Man
darf ja nicht übersehen, daß im Grunde genommen der Heilige Geist es ist, der
das einmal Gesagte in den Herzen der Menschen immer gegenwärtig hält, so daß
es auch unter der Einwirkung der Sünde nie vergessen werden kann. In den
Hoffnungen und Erwartungen der Menschheit zeigt sich wenigstens ahnungsweise an,
was ihnen einmal mit auf den Weg gegeben worden ist. Wenn die Uroffenbarung in
diesem Sinne verstanden wird, so wird sie nicht aufgrund der in der Schöpfung
selbst liegenden, also aufgrund der sog. natürlichen Offenbarung behauptet. Es
handelt sich vielmehr um eine Offenbarung, welche in der durch Jesus Christus
bezeichneten Dimension liegt.
d) Die späteren alttestamentlichen Bücher
In
der Weisheitsliteratur wird die Offenbarung Gottes mehr als in den
geschichtlichen Büchern des Alten Testamentes als Belehrung verstanden. Es wird
Gewicht darauf gelegt, daß Gott den Menschen Anweisungen gibt, wie er sich
verhalten soll. Diese Belehrung geht allerdings über eine reine
unterrichts-mäßige Information hinaus. Sie drängt immer auf das rechte
menschliche Handeln. Das Gleiche gilt vom Buche Job und von manchen Psalmen (z.
B. Ps 8).
Eine
besondere Rolle spielt die jüdische Apokalyptik. Sie ist in manchen Bereichen
verwandt mit den prophetischen Büchern. Es wird in der apokalyptischen
Literatur das Geheimnis des Weltlaufes, insbesondere das Geheimnis der letzten
Zeit und des Weltendes enthüllt. Diese Offenbarung ist stark realistisch
gefärbt. Sie weist über die jetzige Welt hinaus auf eine kommende Zeit. Im
Neuen Testament finden sich manche Anklänge an die apokalyptische Literatur der
vorchristlichen Ära.
28
Mit
besonderem Nachdruck sei hervorgehoben, was die Qumrangemeinde gelehrt hat. Hier
geschieht die Offenbarung in der Auslegung des durch Mose gegebenen Gesetzes.
Die Tora enthält verborgene Dinge, die erst nach und nach, nämlich in der Zeit
der Qumrangemeinde offenbart werden. Nach der Lehrmeinung der Rabbinen ist das
Offenbarungsgeschehen eingeengt auf Mose. Durch Mose ist es abgeschlossen. Aber
es bedarf der Erklärung. Nach der Zerstörung des Tempels ging die Verwaltung
und Auslegung der Moseoffenbarung auf die Schriftgelehrten über. Die
Offenbarung ist also nicht mehr unmittelbar erlebte Selbstmitteilung Gottes,
sondern eine in der Tora aufgeschriebene sittliche Norm.
2. Kapitel
Das
Neue Testament:
Die
Christusoffenbarung als Einheit von
Geschichte
und Wort
a) Christus selbst
Im
Neuen Testament begegnet uns ebenso wie im Alten die Offenbarung Gottes als
Selbstmitteilung des sich Offenbarenden und als Mitteilung über bestimmte
Inhalte oder Sachverhalte. Auch hier liegt der Ton auf dem Geschehen, vor allem
auf den Wundern (Glaubet den Werken, wenn ihr schon mir nicht glaubt),
insbesondere naturgemäß auf dem Kreuzestode und der
29
Auferstehung
Jesu Christi, welche durch die Jünger als Selbsterweis Gottes bezeugt und in
ihrer Heilshaftigkeit aufgeschlossen werden. Jesus ist der neue und endgültige,
unüberholbare (eschatologische) Offenbarer Gottes. Er steht in der Mitte der
ganzen neutestamentlichen Botschaft, sowie er überhaupt die Mitte des ganzen
geschichtlichen Verlaufes ist, wenn man diesen in offenbarungs- und
heilsgeschichtlicher Perspektive betrachtet.
Was
Gott (Jahwe) ist und wirkt, wird ersichtlich und erkennbar durch das Sein, das
Leben und das Wirken Jesu. Er gibt nicht nur eine Wortbelehrung über Gott
sondern zeigt Gott durch sein geschichtliches Handeln, so sehr, daß, wer ihn
sieht, Gott sieht. Dies schließt in sich, daß er im Seinsbereich Gottes selbst
lebt, ohne mit Gott einfachhin identisch zu sein. (Genaueres Bd. II dieses
Werkes in der Lehre von Gott dem Einen und Dreieinigen.) Da der Heilige Geist
das Verständnis Christi erschließt, hat die Christusoffenbarung trinitarische
Struktur. Man kann die Heilsordnung Gottes nur dann als volles Realgeschehen
annehmen, wenn ihr ein innergöttlicher Vorgang als Ermöglichungsgrund
entspricht.
Alle
vorausgehenden Offenbarungen sind offene oder verborgene Hindeutungen auf Jesus
Christus. Er ist nicht nur der Offenbarer Gottes, sondern er ist die Offenbarung
Gottes selbst. Wer ihn sieht, der sieht den Vater.
Christus
gerät mit seiner Verkündigung in realen Widerspruch zu den jüdischen
Volksführern, weil er mit dem Anspruch auftritt, die letzte endgültige,
entscheidende, eschatotogische Botschaft zu verkündigen, der Gesandte des
Vaters zu sein, ja im Namen des Vaters selbst autoritativ zu sprechen. Er
diskutiert nicht mit den Rabbinen, er streitet nicht wie ein Theo-
30
loge
über bestimmte Gesetzesauslegungen, sondern bringt Neues und fordert die
Befolgung dessen, was er bringt, mit unerbittlicher Verpflichtung. Diese neue
Offenbarung strömt nicht aus einem historisch erklärbaren und ableitbaren
Selbstbewußtsein Jesu. Seine Offenbarung ist für diejenigen seiner Hörer, die
sich ihr verschließen, schon Gericht. Den Armen, den Notleidenden, den
Unwissenden, den Bedrückten wird die Offenbarung des Heiles zuteil. Es wird von
ihm ein Reich angesagt, in welches gerade den genannten menschlichen Gruppen der
Zugang offensteht, den Reichen, den Satten, den Überklugen aber, den
Selbstgefälligen der Zutritt verwehrt wird. Ja, Jesus geht soweit in seiner
Aussage, daß er erklärt: Niemand kennt den Vater als der Sohn, niemand kennt
den Sohn als der Vater. Diese Botschaft des Mattäus-evangeliums mußte den
Zeitgenossen, welche ihren Gott als Jahwe und den immer in der Geschichte
Wirkenden und als den immer Gegenwärtigen, welche seine Machttaten kennen,
welche seine Herrlichkeit sehen durften, einfachhin als Häresie vorkommen.
Insbesondere
aber wird die Stellung Jesu zu den Traditionen, die sich an das mosaische Gesetz
und dessen Erklärungen angeschlossen haben, Anstoß erregen. Er behauptet zwar,
daß er das Gesetz bis auf den letzten Buchstaben erfüllen wolle und daß nicht
ein Jota vom Gesetz abgebrochen werde, äußert sich aber kritisch zu den
menschlichen Traditionen, die sich mit dem von Mose gegebenen und letztlich von
Gott stammenden Gesetz verbunden haben. Er ist davon überzeugt, daß das Gesetz
Gottes in seiner Urgestalt im Dienste des menschlichen Heiles steht, wendet sich
aber gegen jene Auslegungen des Gesetzes, die listige Umgehungen sind, oder aber
die den Menschen Schaden zufügen. So heilt er zum Beispiel auch am
31
Sabbat,
obwohl die Pharisäer daran Anstoß nehmen (Schierse).
Auch
das neutestamentliche Gesetz ist nicht eine Information, sondern ist ein
Anspruch Gottes an den Menschen. Er stellt Impulse dar, welche immer lebendig
bleiben, die auch dann, wenn das Wort Gottes schriftlich fixiert wird, nicht
aufhören, den Menschen herauszurufen aus seiner Selbstgefälligkeit und aus
seiner Selbstgerechtigkeit, um sich dem Reiche Gottes im Glauben und in der
Umkehr zuzuwenden.
b)
Paulus
Paulus
nimmt die Offenbarungslehre der Weisheitsliteratur und die jüdische Apokalyptik
wieder auf. Röm 1,19 spricht er von der Offenbarung Gottes, die allen Menschen
durch den Charakter der Welt als Schöpfung Gottes zuteil wird. Aber er führt
die Offenbarung in das Mysterium von Kreuz und Auferstehung hinein und zwar
nicht nur als vergangene Ereignisse, auf die wir von der Gegenwart aus
zurückblicken, sondern als fortwirkende Geschehnisse, in denen Jesus Christus
immer wieder von neuem die Menschen anspricht. Er betont freilich, daß auf den
alttestamentlichen Gläubigen eine Decke liegt, die verhindert, daß sie die
wahre Offenbarung zu erkennen vermögen (2 Kor 3,15). Großes Gewicht legt er
auf die geschriebene Offenbarung des Gesetzes, im Gegensatz zu ekstatischen
Erlebnissen (2 Kor 2,14 - 4,6). Die Verkündigung deutet er als Offenbarung des
Wortes, dem Glauben entgegengebracht wird (Röm 9). Weit entfernt ist auch er
von der Ansicht, daß die Predigt bloß eine Vermehrung des Wissens über
göttliche Dinge ist. Sie zielt vielmehr auf eine Umkehr, nämlich auf die
Hingabe an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus und an den
32
Vater
im Heiligen Geist. Auf diesem Wege und nur auf diesem Wege erreicht der Mensch
das Heil.
Besonders
hervorgehoben muß werden der starke Bezug, den Paulus dem Offenbarungsgeschehen
bei der Wiederkunft Jesu Christi und dem Gerichte zuspricht. Die
Christusoffenbarung hat nach ihm eine zweifache Stufe: die Auferstehung und die
Wiederkunft (Röm 2,5). Die schon im Evangelium geschehene Offenbarung gewinnt
ihren Abschluß erst durch die Parusie (Röm 1.17 f; 2 Thess 1,7; 1 Kor 1,7).
Der Abschluß steht also noch aus. Paulus versucht, den Hörern die
Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, welche mit dieser Zeitspanne,
insbesondere mit dem Ausbleiben der Parusie gegeben sind, und fordert sie auf
zur Wachsamkeit angesichts der Wiederkunft Jesu Christi in der Zukunft. Er
entspricht damit der Aufforderung Jesu Christi selbst (1 Thess 5,1 ff». Gerade
die Erwartung der Parusie begründet die Hoffnung des Christen, die sich durch
nichts, durch keine Heimsuchungen und Schicksale, durch keine geschichtlichen
Folterungen erschüttern läßt (Röm 8).
In
den sicher echten und in den Paulus zugeschriebenen Briefen kommt ebenso wie im
Johannesevangelium der Bezug Jesu Christi zur Gesamtschöpfung deutlich zum
Ausdruck. Man darf geradezu sagen: Jesus ist nicht bloß die Mitte der
Geschichte, so daß diese eine Heilsgeschichte wird, sondern die Mitte der
ganzen Schöpfung. Er ist nicht etwa nachträglich in den Schöpfungsplan Gottes
aufgenommen worden, sondern dessen Herzstück. Nach den Texten, die uns in den
Paulus zugeschriebenen Schriften begegnen, ist der Mensch Jesus der erste
Schöpfungsgedanke des Vaters. Alles übrige wird nur um seinetwillen erdacht
und geplant. Die Wett, und zwar sowohl der Kosmos als auch die Geschichte,
besteht um Christi
33
willen.
Nicht ist Christus um der Welt willen geplant worden, es ist umgekehrt. Er ist
in einem einzigen göttlichen Weltplan als Mitte der Schöpfung und zugleich als
der Offenbarer und als die Offenbarung von Gott gewollt und bestimmt worden.
Erst durch sein Kommen ist das ewige Gottesgeheimnis als Liebesgeheimnis
offenbar geworden. Die Funktion, Offenbarer Gottes zu sein, kann Christus
vollbringen, weil er der Grund der göttlichen Schöpfung überhaupt ist. So
wurde der menschgewordene Gottessohn in einem einzigen Akt als Zentrum wie auch
als Heilbringer der Welt und der Geschichte von Gott gewollt. Er kann der Retter
und Helfer sein, weil er die von Gott bestimmte Weltmine ist, aus der
heilbringende Kräfte über die ganze Schöpfung hin ausstrahlen. So ist die
ganze Schöpfung und in ihr die ganze Menschheit in einer geheimnisvollen, nicht
näher bestimmbaren Form durch die Gegenwart Jesu Christi geprägt.
In den Schrifttexten, welche die Schöpfungsbeziehung Christi bezeugen, wird der Zusammenhang zwischen Christus und der Welt näher analysiert. Sie zeigen jedoch, daß die rettende Funktion Jesu grundgelegt ist in seiner Hinordnung auf die Welt. Die Texte betonen die Zusammengehörigkeit der beiden Aspekte. Dabei fällt der Ton mehr auf die heilsgeschichtlich-offenbarende als auf die ontologisch-ursächliche Sicht. Die paulinischen Briefe führen in dieser Hinsicht eine ebenso deutliche Sprache wie die johanneischen Schriften. Im ersten Korintherbrief, einem seiner Hauptbriefe, schreibt Paulus (1 Kor 8,5 f.): »Wenn es auch sogenannte Götter gibt, sei es im Himmel, sei es auf Erden, wie es viele Götter und Herren gibt, so existiert für uns nur ein einziger Gott, der Vater, aus dem alles ist und in dem wir sind, und ein einziger Herr Jesus Christus, in dem alles ist und wir durch ihn.« Die
34
aufschlußreichsten Texte finden sich freilich im Kolosserbrief, im Epheserbrief und im Hebräerbrief. Der Kolosserbrief sagt (1,15-20): »Dieser (Christus) ist das Abbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung, denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, ob Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten. Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor allem, und alles hat in ihm seinen Bestand. Er ist das Haupt des Leibes der Kirche, er ist der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe. Denn es war Gottes Ratschluß, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen, durch ihn alles mit sich zu versöhnen, sei es auf Erden, sei es im Himmel, dadurch, daß er Frieden stiftete durch sein Blut am Kreuze.« Diese Sätze bezeugen an erster Stelle die heilshafte Offenbarungsfunktion, die Gott durch Jesus Christus vollzieht. Sie sagen aber auch zugleich, wer dieser Jesus ist. Es sei auch auf den großartigen Anfang des Hebräerbriefes mit seiner universalen Sicht verwiesen (vgl. Röm 1,19f). An die Christen in Ephesus ist folgendes Wort gerichtet (Eph 2,10); »Denn sein Schöpfungswerk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott im voraus bereitet hat, daß wir in ihnen wandeln«. In Jesus zeigt sich Gott hinsichtlich seines gesamten Weltplanes. Daher kann man sagen: »Das Geheimnis des ewigen Willens Gottes, das sich vor den Äonen der Geschichte in Gott, dem Schöpfer, verborgen hielt, ist aber jetzt... in Christus Jesus offenbar geworden. Der ewige und in der Schöpfung verborgen wirkende Wille Gottes, den Menschen in Christus wieder aufzurichten, hat sich nun inmitten der Geschichte in Jesus erfüllt. In seinem Tode und in seiner Auferstehung von den Toten hat Gott sein Grundge-
35
heimnis
mitten in der Welt durchgeführt. So nennt der Apostel im Kolosserbrief auch
Jesus Christus ausdrücklich Geheimnis Gottes, das Geschehen seines Kreuzes und
seiner Auferstehung Geheimnis Christi« (H. Schlier, Die Zeit der Kirche,
Freiburg 1956,300).
c) Das Johannesevangelium
Das
Johannesevangelium vertritt die gleiche Bezeugung von Weltbezug Jesu Christi wie
das Paulinische Schrifttum. Im Eingangshymnus des Evangeliums heißt es (Joh
1,31): »Alles ist durch dieses (Wort) geworden, ohne dieses ist nichts
geworden. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt
hat ihn nicht erkannt« (Joh 1,10). Die Welt, der Kosmos wird von Johannes als
der geschaffene Daseinsraum des Menschen verstanden (Joh 1,10; 9,5; 12,25; 13,1;
16,21; 17,11.13.15; 1 Joh 4,17). Johannes redet nur um der Offenbarung Gottes in
Christi willen von der Welt. Sie wird als die notwendige Voraussetzung und als
der Bereich für das offenbarungsgeschichtliche Handeln Gottes in Christus und
für das geschichtliche Handeln des Menschen gesehen. Ein und derselbe Christus
ist der Schöpfungsgrund der Welt und Gottes Offenbarung in ihr. Ja, er ist
darüber hinaus nicht nur der Offenbarer Gottes, sondern auch die Offenbarung
Gottes. Wer ihn sieht, der sieht den Vater. Er vollbringt seine
Offenbarungsaufgabe nicht im fremden, sondern in seinem eigenen Bereich, in
seinem Eigentum. Zwischen seinen beiden Funktionen besteht trotz ihrer
Qualitätsverschiedenheit die lebendige Kontinuität (J. Blank, Krisis,
Untersuchungen zur johanneischen Christologie und Eschatologie, 1964).
36
d) Endgültigkeit der Christusoffenbarung
Wenn
Christus, theologisch gesehen, Sinn und Aufgipfelung des Kosmos und der
Geschichte ist, dann ist alles ein Weg zu ihm oder eine Folge von ihm. Was vor
ihm liegt, ist seine Vorgeschichte. Er selbst bedeutet den absoluten Höhepunkt
in dem seit Jahrmiliarden voranschreitenden Entwicklungsgang der Schöpfung.
Über ihn hinaus wird Gott innerhalb der Geschichte keine neuen Weisen der
Offenbarung für die gesamte Menschheit vollbringen. Die in ihm erfolgte hat
universale Tragweite. Was nach Christus folgt, ist demgemäß unter dem Aspekt
der göttlichen Offenbarung zu verstehen als heilshafte Teilnahme an seinem
Leben. Es ist nicht nur eine religionsgeschichtliche Phase, sondern die
unübertreffbare und unüberhörbare, für die gesamte Schöpfung gültige
Vollendung der Offenbarung Gottes. Zugleich freilich ist Christus ein neuer
Anfang und die entscheidende Einleitung der absoluten Zukunft. Wenn man mit
Recht den Erfüllungscharakter der Ankunft Jesu nachdrücklich herausstellt,
darf man doch nicht den ihr eigenen Verheißungscharakter übersehen. In
Christus, näherhin in dem auferweckten Herrn, hat die Schöpfung ihr Ziel, die
Vergöttlichung, die unbedingte Selbstmitteilung Gottes an die Schöpfung und
die Annahme der göttlichen Selbstgewährung von seifen der Schöpfung schon
innerhalb des Weltenlaufes erreicht. In unerschöpflicher Dynamik wird dieses
Ereignis die Gesamtschöpfung verwandeln.
Für
das Johannesevangelium ist charakteristisch, daß es die Gegenwärtigkeit des
auferstandenen Herrn mit größtem Nachdruck betont und zugleich den Weg in die
Zukunft weist.
Wenn
wir die gesamte göttliche Selbsterschließung
37
bedenken,
müssen wir von Christus den Blick auf die ihm vorausgehende Weltperiode
zurückwenden, Wenn wir die Auswirkung der göttlichen Selbsterschließung
betrachten, müssen wir aber auch vorwärts schauen, der absoluten Zukunft
entgegen. Zugleich begegnen wir Christus in unserer jeweiligen Gegenwart.
Bei
dem Blick in die Vergangenheit unterscheiden wir die Selbsterschließung Gottes
im göttlichen Handeln und die Selbsterschließung Gottes im göttlichen Wort.
In Christus selbst sind Heilstun und Heilsrede auf das Engste miteinander
verbunden, Jesus ist in der Totalität seiner Existenz Offenbarer und
Offenbarung Gottes. Sein Tun und sein Wort sind Ausdrucksgestalten dessen, was
er selbst ist. Man kann Wort und Tun nicht von seiner Person trennen. Aber seine
Person wird offenbar im Wort und im Tun.
38
5.
ABSCHNITT
Der
Sinn der Selbsterschließung Gottes
1.
Kapitel
Grund
und Ziel
Was
den Sinn der göttlichen Offenbarung betrifft, also den Grund dafür, daß Gott
nicht in sich selbst ruhen bleibt, sondern über sich hinaus geht, daß er aus
seiner Verborgenheit hervortritt, liegt wohl darin, daß er den Menschen an
seiner eigenen Göttlichkeit Anteil gewähren will. Dies ist der Grund dafür,
daß der ewige Gottessohn menschliches Wesen angenommen hat und als Mensch in
unserer Welt existierte gleich wir, die Sünde ausgenommen. Das Hauptziel seines
Lebens war die Verklärung, die ihm in der Auferweckung zuteil wurde, die
Verwandlung also in eine ganz neue, bis dahin schlechterdings unbekannte,
leibhaftige menschliche Existenz. In dieser Verklärung lebt er fort in alle
Ewigkeit. In ihr ist er berufen zur Teilnahme an der Macht des himmlischen
Vaters. Alle Menschen sollen an seiner eigenen Verklärung teilnehmen. Es ist
also durch die Offenbarung den Menschen eine ewige Zukunft eröffnet, eine
Zukunft, welche der Zukunft Jesu Christi ähnlich ist. In Jesus Christus ist
diese Zukunft schon Gegenwart geworden, für uns alle ist sie noch
Zukunftsverheißung. Jeder, der an Jesus Christus glaubt, wird aber dieser
Zukunft teilhaftig. So hat jeder Mensch eine echte Hoffnung. Dies ist der Sinn
der göttlichen Selbsterschließung, ist also zugleich die Hoffnung des
Menschen. In der Selbsterschließung
39
Gottes
wird die Zukunft eröffnet, nicht nur in einem Worte, sondern in der Tat. Der
Mensch, der an Jesus Christus glaubt, ist schon selbst real auf seine letzte
Zukunft hingeordnet. Und was er im irdischen Leben verborgen in sich trägt, die
Teilnahme an dem Auferstehungsleben, wird sich einmal offen an seiner Existenz
zeigen. Maria ist dieses Zukunftsziel schon geschenkt.
2.
Kapitel
Kirchliche
Texte
Wir
können diesen Sinn und diese Zielrichtung an zwei Texten der kirchlichen Lehre
von der Offenbarung verdeutlichen. Die gesamte kirchliche Lehre soll erst am
Ende unserer Überlegungen dargestellt werden. Für den Zweck, Sinn und Ziel der
Selbsterschließung Gottes verständlich zu machen, ist es notwendig, das Erste
und das Zweite Vatikanische Konzil miteinander zu vergleichen.
Zwischen
den beiden Konzilien obwaltet in unserer Frage eine sehr beachtliche
Verschiedenheit. Das Erste Vatikanum bewegt sich zum Teil zwar in den gleichen
Formulierungen wie das Zweite, es läßt sich aber nicht verkennen, daß bei ihm
der Ton auf der intellektuellen Wahrheit liegt, auf der intellektuellen
übernatürlichen Wahrheit, auf jener Wahrheit also, welche Gott dem Menschen
erst zugänglich machen mußte, damit er ihrer inne wird. Diese Wahrheit wird im
Glaubensakt bejaht. Der Glaubensakt bedeutet so eine Zustimmung zu der von Gott
uns erschlossenen
40
Wahrheit
um Gottes willen. Der Glaube ist, so verstanden, ein Fürwahrhalten des Wahren
auf die Autorität des sich offenbarenden Gottes hin. Das Erste Vatikanische
Konzil war in seinen Aussagen vor allem apologetisch und polemisch ausgerichtet.
Es war ein Konzil, das der Absicht der Selbstverteidigung entsprang. Die Gegner,
gegen die es seine Aussagen machte, waren mannigfach. Sie hatten nur eines
gemeinsam: Die Ablehnung der göttlichen, durch die Kirche verkündeten
Offenbarung. Es war, um einen Fachterminus zu gebrauchen, ein
fundamentaltheologisch orientiertes Konzil. Hinter diesem Konzil steht die ganze
ideologische Entwicklung der Aufklärungszeit, insbesondere der deutsche
Idealismus und der Rationalismus des 19. Jahrhunderts.
Das
Zweite Vatikanische Konzil spricht zunächst nach innen. Es dient dem eigenen
Selbstverständnis, und erst aus diesem heraus spricht es nach außen. In seinem
Bestreben, die Offenbarung in ihrem vollen Sinne zu verstehen, bemüht es sich,
diese nicht bloß als ein Wort Gottes über sich selbst, als eine Lehre, als
eine Bereicherung und eine Korrektur des menschlichen Wissens, als eine Wahrheit
über Gott, sondern als ein Wort Gottes für uns, als ein Wort, als den Akt der
Selbstöffnung Gottes für den Menschen zu interpretieren. Gott schließt sich
für den Menschen auf, so daß der Mensch in seine geheimnisvolle Wirklichkeit
einzugehen vermag. Er sagt sich selbst den Menschen zu. Das Ziel dieser
Selbstöffnung Gottes ist die Teilnahme des Geschöpfes am göttlichen Leben,
mit anderen Worten: die Vergöttlichung der Schöpfung. Diese göttliche Absicht
ist der letzte Ursprungsgrund für die Selbstmitteilung an den Menschen. Die
volle Verwirklichung wird der Zukunft vorbehalten. Darum ist die göttliche
Selbstmitteilung immer zukunftsge-
41
bunden. Die Verklärung ist das Telos der
göttlichen Offenbarung.
Auch
das Erste Vatikanische Konzil hat diese existentiellen Elemente nicht einfach
ausgelassen. Es gab ihnen aber nicht den starken Akzent wie das Zweite.
Vielleicht ist es nicht überflüssig, das hier Gemeinte noch einmal durch eine
Erfahrung aus dem Alltag zu veranschaulichen. Es ist ein großer Unterschied, ob
ein Mensch mit seinen Bekannten ein Gespräch führt über irgendwelche
interessanten Dinge und Vorgänge in unserer Weit, ob er ihnen viele Neuigkeiten
mitteilt, in welchen er ihnen Informationen gibt, so daß sie vielleicht eine
neue Sicht der gegenwärtigen Weltlage gewinnen, oder aber, ob er ihnen im
Gespräch sein Herz öffnet und ihnen an seinen Freuden und Leiden, an seinen
Sorgen und Hoffnungen Anteil gewährt. In dem letzten Fall kommt es zu einem
wirklichen persönlichen Austausch.
Es
wäre natürlich auch denkbar, daß Gott ohne den langen Weg durch die
Geschichte hindurch die absolute Zukunft des Menschen unmittelbar herbeigeführt
hätte, das heißt, daß er sich ohne die Bewegung in der Horizontalen sogleich
in einer vertikalen Bewegung unmittelbar gewährt hätte. Der Grund, warum Gott
die Geschichte als Umweg zur absoluten Zukunft gewählt hat, ist in ein tiefes
Geheimnis eingehüllt. Wir können hierüber keine gültigen Aussagen machen,
weil Gott uns seine Gründe nicht geoffenbart hat. Wir können jedoch vermuten,
daß Gott die Dynamik liebt. Sonst hätte er sie wohl nicht gewählt, daß ihm
nicht die Statik am Herzen liegt, sondern das Werden als der Weg zur Vollendung,
ohne daß er selbst ein Werdender ist oder auch nur sein kann. Vielleicht liegt
der Grund für die göttliche Vorliebe für das Dynamische in seiner später zu
schildernden Eigentümlichkeit als ab-
42
solutes
Tun im Sinne der schöpferischen Liebe. Jede Offenbarung ist eine Wegstrecke auf
dem endlosen Weg in die absolute Zukunft hinein.
43
6.
ABSCHNITT
Die
bleibende Verborgenheit Gottes
Wir
können den Unterschied zwischen der jetzigen Form der in der Offenbarung Gottes
erschlossenen Teilnahme an seinem Leben und der zukünftigen Gestalt unserer
Teilnahme an seiner Herrlichkeit mit den Worten von Verborgenheit und Offenheit
ausdrücken. Luther lag insbesondere am Herzen, die auch durch die
Selbsterschließung Gottes auf keine Weise aufzuhebende Verborgenheit Gottes zu
betonen. Am meisten verbirgt sich der sich offenbarende Gott im Kreuzestode
Christi. Niemand käme von sich aus auf die Idee, daß Gott sich im Tode des
ewigen Sohnes am stärksten offenbart. Luther bezeichnet diese Offenbarung als
eine Offenbarung aus dem Gegensatz, als eine revelatio e contrario. Diesem
Gedanken wollen wir noch etwas genauer nachgehen. Wenn Gott überhaupt einen so
umständlichen und langwierigen Weg wählt, um mit den Menschen in einen
endgültigen, ewigen Dialog einzutreten, so mag der Grund darin liegen, daß er
personhaft ist, vor allem aber darin, daß er infolge seiner Transzendenz für
jedes Geschöpf verborgen ist, nicht in dem Sinn, daß er hinter einem Vorhang
lebt, den wir nicht wegziehen können, sondern so, daß seine Andersartigkeit
mit den menschlichen Wahrnehmungsorganen schlechterdings nicht unmittelbar
erreicht werden kann. Gott ist nicht nur unter einem bestimmten Aspekt, sondern
in der Ganzheit seiner Wirklichkeit ein unsägliches Geheimnis seiner
Herrlichkeit. Auch wenn er sich uns zeigt, wird uns sein Geheimnis nicht
durchsichtig, gerade nicht des-
44
halb,
weil er uns etwas vorenthalten möchte, sondern weil es von seinem Wesen her
unmöglich ist, sich uns ganz zu erschließen. Er kann uns einen Blick auf das
verschleierte Geheimnis, das er ist, und in das Geheimnis hinein gewähren. Er
bleibt ein Geheimnis. Deshalb kann seine Selbsterschließung auch nicht
innerweltlichen Maßstäben unterworfen werden, selbst nicht in seiner
intensivsten Verwirklichung, auch nicht durch die Gottesoffenbarung in Jesus
Christus. Welche Funktion hier Wunder und Weissagungen haben, wollen wir etwas
später erörtern. Es wäre eine oberflächliche Vorstellung vom Geheimnis
Gottes, wenn man es mit einem Rätsel identifizieren wollte. Ein Rätsel läßt
sich von klugen und scharfsinnigen Menschen auflösen, das Geheimnis Gottes
nicht. Gottes Geheimnis ist prinzipiell undurchdringlich. Gott ist auch dem
Propheten Dt-Jesaias (45,15) ein verborgener Gott.
Den
Mystikern im Mittelalter ging es ähnlich wie Luther. Sie haben die
Verborgenheit Gottes in einer außerordentlichen, vielfach in einer
schreckhaften Weise empfunden, nämlich in jene Verborgenheit hinein, in die
Gott durch das Geschehen des Kreuzes gehüllt wurde.
Andererseits
freilich liegt im Menschen eine tiefe Sehnsucht, dieses Geheimnis, welches das
welttranszendente Innen der Welt ist, zu schauen. In allen Anstrengungen des
menschlichen Geistes und in seinen weltgestalterischen Bemühungen ist der
Mensch immer unterwegs zu dieser transzendenten Geheimnistiefe seiner selbst,
auch wenn er es nicht weiß, selbst dann, wenn er es nicht will. Der menschliche
Geist ist der Schau Gottes, des absoluten Seins, der Liebe selbst, oder wie
immer wir es benennen wollen, zugeordnet, um ein Wort des Thomas von Aquin zu
ge-
45
brauchen,
ohne daß er mit dem Aufgebot aller seiner natürlichen Kräfte sie zu erreichen
vermag. Dem Menschen ist durch Gott eine unerfüllbare Aufgabe, eine
unerreichbare Hoffnung gestellt, welche trotz ihrer Unerfüllbarkeit erfüllt
werden kann und erfüllt werden muß, welche bewältigt werden muß, wenn der
Mensch zu seiner Wesenserfüllung, zu sich selbst kommen soll. Er lebt in der
Spannung, daß ihm zwar ein Ziel gesetzt ist, ohne dessen Gewinnung er nicht er
selbst werden kann, das er aber dennoch nicht zu verwirklichen vermag. In dieser
ausweglosen Dialektik trifft ihn die Verheißung, daß Gott ihm in Gnade
gewähren wird, wofür sein Wesen bestimmt ist.
Im
Alten Testament hat Mose gebeten, daß Gott ihm sein Antlitz zeige (Ex
33,18-23). Es wird ihm verweigert mit der Begründung, daß kein Mensch Gott
schauen und am Leben bleiben kann (Dtn 5,24-27). Nur den Rücken Gottes durfte
Mose ansehen.
Im
Neuen Testament hat Philippus die gleiche Bitte ausgesprochen (Joh 14,8). Auch
ihm wurde sie abgeschlagen. Er durfte jedoch hören, daß er den Vater, den er
sehen wollte, im Antlitz Jesu Christi sehen könne. Mit anderen Worten: Gott
kann von dem Menschen nie in seiner unverhüllten Wirklichkeit, sozusagen nie in
seiner eigenen, sondern immer nur in einer fremden Gestatt geschaut werden,
solange dieser in der Geschichte lebt. Auch dort, wo Gott sich intensiv zeigt,
kann er sich nur in den Brechungen des Geschöpfes zeigen. Die Schau des
unmittelbar sich darbietenden Gottesgeheimnisses ist die Heilsgabe der Zukunft.
Gerade sie begründet die Radikalität der Zukunft.
Die
innerhalb der menschlichen Geschichte erfolgende Selbsterschließung Gottes ist
der unmittelbaren Selbstmitteilung in der Zukunft zugeordnet. Diese
46
ist
der letzte Sinn einer jeden innergeschichtlichen Selbstmitteilung Gottes. Mit
dem Blick auf die Zeichen der göttlichen Präsenz in der Geschichte vermögen
die Menschen in ihrer individuellen und kollektiven Existenz den Weg in die
absolute Zukunft trotz ihrer zahllosen Leiden und Qualen, Mühen und
Anstrengungen, Hemmungen und Rückschläge zuversichtlich zu durchschreiten.
Die
Dialektik der göttlichen Selbsterschließung, nach welcher sich Gott jeweils
nur in Verhüllung zeigt und zeigen kann, gewinnt wie gesagt ihre äußerste
Schärfe im Kreuzestode Jesu Christi (1 Kor 2,1-14). Als der Apostel Paulus das
Kreuz Christi predigte, insbesondere als er den hochkultivierten Griechen mit
ihrer Philosophie und Kunst den Gekreuzigten als den gottgesandten Retter
verkündete, litt er offensichtlich selbst schwer unter der Last des Gedankens,
daß ein Hingerichteter der verheißene Heilbringer sein soll. Er hat zeitlebens
mit diesem bedrückenden Ereignis gerungen. In seinem ersten Brief an die
Christengemeinde in Korinth hat er zugegeben, daß es für den mit Maßstäben
der Philosophie und des Alltagsverstandes Messenden eine Torheit ist, von einem
Gekreuzigten das Heil zu erhoffen. Aber sogleich kommt auch der Umschlag. Gerade
in dieser, dem Menschen als Torheit erscheinenden Weise der Offenbarung erfüllt
sich Gottes Weisheit. Nicht menschliche Weisheit soll den Menschen
überwältigen und faszinieren, sondern die von jeder Weltweisheit verschiedene
und ihr verborgene Gottesweisheit soll zur Entscheidung in Freiheit rufen. Der
Mensch ist allerdings hierzu nur fähig im Geiste Gottes. Der auf sich selbst
vertrauende und sich seiner rühmende Menschengeist kann den Gottesgeist in
seiner Weisheit nicht verstehen. Eine Lösung findet Paulus darin, daß der
unbegreifliche
47
Kreuzestod
der Weg zum Leben wurde. Deshalb verkündet er mit geradezu inbrünstiger Sorge
und mit nachdrücklichster Entschiedenheit die Realität der Auferstehung
Christi. Die Texte, in denen Paulus die Lösung des schweren Ärgernisses von
Golgotha zu bringen versucht, sind so bewegend, daß es wohl angebracht ist, den
wichtigten Wortlaut anzuführen. Sie verdienen es, sehr sorgsam und bedächtig
und langsam gelesen zu werden.
Die
Sätze stehen im 1. Korintherbrief (15,1-8.12-19): »Ich erinnere euch aber,
Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe, das ihr auch
angenommen habt, in dem ihr auch feststeht, durch das ihr auch gerettet werdet,
wenn ihr das Wort festhaltet, mit dem ich euch das Evangelium verkündet habe,
es sei denn, ihr wäret vergeblich gläubig geworden. Denn ich habe euch in
erster Linie überliefert, was ich auch überkommen habe, daß Christus
gestorben ist für unsere Sünden nach den Schriften, und daß er begraben
wurde, und daß er auferweckt worden ist am dritten Tage nach den Schriften, und
daß er dem Kephas erschien, dann den Zwölfen, darauf erschien er mehr als
fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch jetzt leben, einige
aber entschlafen sind. Darauf erschien er dem Jakobus, dann den Aposteln
insgesamt. Zu allerletzt aber erschien er, gleichwie der Fehlgeburt, auch mir.«
Die Leugnung der Auferstehung Christi hätte nach Paulus vernichtende Folgen.
»Wenn aber Christus gepredigt wird, daß er von den Toten auferweckt worden
ist. wie mögen da unter euch einige sagen, daß es eine Auferstehung der Toten
nicht gibt? Wenn es aber eine Auferstehung der Toten nicht gibt, ist auch
Christus nicht auferweckt worden; wenn aber Christus nicht auferweckt worden
ist, dann (ist) kraftlos unsere Predigt, kraftlos auch unser Glaube. Wir werden
aber (in solchem Falle) auch als Falschzeugen Gottes erfunden, weil wir bezeugt
haben wider Gott, daß er Christus auferweckt habe, den er (in Wirklichkeit)
nicht erweckt hat, wenn anders Tote nicht auferweckt werden. Denn wenn Tote
nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden; wenn aber
Christus nicht auferweckt worden ist, (ist) vergeblich unser Glaube, seid ihr
noch in eueren Sünden. Folglich sind auch die in Christus Entschlafenen
verloren. Wenn wir allein in diesem Leben auf Christus Hoffende sind, sind wir
bemitleidenswerter als alle Menschen.« Darauf folgt
48
wie
eine Art Befreiung für den bis auf das äußerste angespannten Leser das
erneute Bekenntnis des Apostels: »Jetzt aber ist Christus von den Toten
auferweckt worden, Erstling der Entschlafenen« (1 Kor 15,20).
Paulus
kann aufatmen, wenn er die lichte Zukunft schaut. Ist sie keine Illusion? Daß
sie Wirklichkeit wird, bezeugt eben der Geist Gottes. »Wir haben nicht den
Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir wissen,
was uns von Gott geschenkt worden ist« (1 Kor 2,12). Dieser Geist verbürgt,
daß die Hoffnung auf die Zukunft keine vage und unbestimmte Erwartung, keine
Utopie oder Ideologie, sondern wirklichkeitsgetreu ist. Auf der anderen Seite
hat diese Situation allerdings im Gefolge, daß das Christentum eine
Angelegenheit der Hoffnung, nicht des vollen Besitzes ist. Wir sind auf Hoffnung
erlöst. Aber gerade eine solche Hoffnung bringt Differenzierung unter die
Menschen (Röm 8,24; 15.4; 2 Kor 3,12; Eph 2,12).
Einer
solchen Hoffnung kann indes nur teilhaftig werden, wer sich im Glauben den
absoluten Maßstäben Gottes öffnet und seine eigenen daranzugeben bereit ist.
Dies bedarf keiner geringen Anstrengung. Wenn auch der Tod auf Golgotha die
höchste Zuspitzung des Ärgernisses, nämlich der Offenheit Gottes in
Verborgenheit darstellt, so beginnt das Erregende doch schon in der
Geschichtlichkeit des Heilbringars Jesu überhaupt. Weit er Mensch in dem ganzen
Umfang des Menschlichen ist, ist er ein Kind seines Volkes, spricht dessen
Sprache, lebt nach seiner Art und betet seine Gebete. Wenn wir ihn in seiner
Sprache verstehen wollen, müssen wir sie erst mühsam erlernen. Er bewegt sich
in einer Denkform, welche von der abendländischen Denkweise verschieden ist, da
diese mehr von der Art der klassischen griechischen
49
Denkform
bestimmt ist. Das Land, in welchem er lebte, war keines der großen Weltreiche.
Es war nicht die Stätte einer der glänzenden Kulturen der Antike. Für die
römischen Historiker gehörte Palästina zu den unbekanntesten Gebieten des
augusteischen Zeitalters. Es war auch kein besonders auffallender Vorgang, wenn
in diesem Lande ein Lehrer Jünger um sich sammelte. Denn die Rabbinen haben das
Gleiche getan. Man erwartete auch von ihnen, daß sie Wundertaten vollbrachten.
Auch der Kreuzestod hat Jesus nicht ein einmaliges Sonderschicksal zudiktiert.
Denn die Römer haben viele Hinrichtungen durch diesen ebenso grausamen wie
schändlichen Tod vorgenommen (H. Zimmermann). So ist in der Tat, wie Paulus
sagt, die Art und Weise, wie sich Gott den Menschen zeigt, ein Ärgernis und
eine Torheit (1 Kor 1,23). Wenn Paulus selbst versichert, daß er sich des
Kreuzes nicht schämt, so spürt man deutlich, wie er sich gegen ein in ihm
selbst sich erhebendes Gefühl zur Wehr setzt. Daß das, was als Torheit
erscheint, in Wahrheit die Weisheit Gottes ist (1 Kor 1,25), wird nur jenem
einsichtig, der sich in der Selbstüberantwortung des Glaubens auf die Seite
Gottes stellt, und von dieser aus das Christusgeschehen beurteilt (s. H.
Zimmermann, Neutestamentliche Methodenlehre, Freiburg 1966. Derselbe,
Offenbarung, Geschichte, Theologie, Bochum 1966).
Der
Verborgenheitscharakter der göttlichen Selbsterschließung drückt sich auch
aus, wenn nach dem Johanneischen Evangelium Jesus den Juden die Antwort
verweigerte, als sie ihn aufforderten, frei herauszusagen, ob er der Messias sei
(Joh 10,24-39). Sie dachten, er könne ihnen in einer unverhüllten, sachlich
nachprüfbaren Art seine messianische Würde beweisen. Wenn Jesus den von ihnen
geforderten öf-
50
fentlichen
Selbstausweis ablehnt, tut er es nicht aus Opportunitätsgründen oder aus
Widerwilligkeit, sondern aus sachlicher Unmöglichkeit. Würde nämlich Christus
ein öffentliches, unmittelbares Selbstzeugnis geben, dann würde er sich dem
Maßstab der Öffentlichkeit unterwerfen, das heißt aber: einem der göttlichen
Offenbarung unangemessenen Maßstab. Der Inhalt der Offenbarung ist
innerweltlich eben gerade nicht kontrollierbar. Jesus beruft sich auf das
Zeugnis der Werke, die er im Namen seines Vaters tut. Aber gerade die Tatsache,
daß diese Werke im Namen des Vaters getan sind, daß sich in ihnen Gott
darstellt, kann nur im Glauben bejaht werden.
Der
Verhüllungscharakter der göttlichen Offenbarung würde übertrieben, wenn man
mit dem frühen Karl Barth einen Widerspruch zwischen unseren natürlichen
religiösen Vorstellungen und Begriffen einerseits und der göttlichen
Selbstmitteitung andererseits behauptete. Diese Ansicht würde dazu führen,
daß es überhaupt keine göttliche Offenbarung geben kann. Das von Barth
angenommene Paradox würde, falls man mit ihm völlig ernst macht, es
dahinbringen, daß wir, je sorgfältiger wir unsere Begriffe auf Gott anwenden,
uns um so weiter von ihm entfernen. Eine andere Form der Übertreibung wäre es,
wenn man in der göttlichen Offenbarung nur eine Chiffre sähe, die unsere
Aufmerksamkeit weckt, uns aber weiter nichts sagt.
Wir
kommen zu einem neuen Problemfeld. Wie hat es Gott angestellt, um sich in der
Geschichte den Menschen zu zeigen? Er hat eine doppelte Methode angewandt, die
sich allerdings als eine einzige unter zwei Aspekten erweist. Gott hat sich
nämlich uns gezeigt durch geschichtliches Handeln und durch geschichtliches
Reden. Im heilshaften Tun und im heilshaften Wort ist er hervorgetreten. Wir
werden daher in
51
den
folgenden Ausführungen sowohl vom heilshaften Tun als auch von der heilshaften
Rede Gottes und von der unlöslichen Verbundenheit von Handeln und Reden Gottes
sprechen. Diese Synthese hat ihre höchste Verwirklichung in Jesus Christus
gefunden. Es muß noch eingehender erklärt werden, was früher schon angedeutet
wurde.
52
7.ABSCHNITT
Tragweite der Einheit von Tat und
Wort
in Gottes Offenbarung
1. Kapitel
Das
Problem
Dies
hier zu behandende Problem ist auch wichtig wegen seiner ökumenischen
Bedeutung. Die göttliche Selbsterschließung geschieht in bestimmten,
wissenschaftlich feststellbaren Phasen. Die Einbettung in die Geschichte hat zur
Folge, daß sie selbst geschichtlich faßbar ist. Dies bringt mehrere Probleme
mit sich. Es wird in der heutigen Theologie die Frage verhandelt, ob die
Offenbarung ihrerseits eine geschichtliche Tat oder ein geschichtliches Wort
oder Tat und Wort zugleich ist. Zweifellos gibt, es Tatoffenbarung, so sehr,
daß man von Offenbarungsereignissen sprechen darf. Wir haben schon hingewiesen
auf die Befreiung von ägyptischer Knechtschaft und auf die Wüstenwanderung mit
der Gesetzgebung am Berge Sinai, sowie auf die Gestalt, auf das Leben, auf das
Sterben und auf die Auferstehung Jesu Christi. Wenn man diese Ereignisse in
Erinnerung ruft, kann sich die Vorstellung bilden, daß die Offenbarung primär
durch Gottes Taten geschehen ist und erst sekundär Wortoffenbarung ist.
In
der Tat behauptet der international bekannte evangelische Theologe Wolfhart
Pannenberg, Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, daß er sich
von der Theologie des Wortes abgewandt
53
und
zur Theologie der Geschichte hingewandt habe. Aufschlußreich ist die
Begründung, welche Pannenberg für diese seine Wende gibt. Sie liegt darin,
daß die seit der Aufklärung für den Menschen bestimmende Art von
Selbständigkeit in der Theologie des Wortes nicht hinreichend gewährleistet
sei. Eine solche Theologie stehe in der Gefahr, den Menschen zu entmündigen.
Das Wort hat trotzdem auch für Pannenberg insofern eine Bedeutung, als es die
Tatoffenbarung ankündigt, als es eine Weisung gibt und eine Deutung der
Tatoffenbarung. Die endgültige Entscheidung darüber, ob Tatoffenbarung
wirklich eine Offenbarung ist, werde erst am Ende der Zeit gefällt werden
können. Bis dahin müßten wir zufrieden sein, eine provisorische Kenntnis von
der göttlichen Selbsterschließung zu haben. Aber schon in Jesus Christus als
einer geschichtlichen Erscheinung sei das Ende vorausgenommen, am meisten in dem
Ostergeschehen, in der Auferweckung Jesu Christi. Hierüber wird in den
Ausführungen über die nachbiblische Reflexion über die göttliche Offenbarung
noch Näheres gesagt. W. Pannenberg drückt seine Anschauung und ihre
Begründung sehr klar in folgendem Text aus (Stellungnahme zur Diskussion: J. N.
Robinson - J. B. Cobb, 285-351): »Die Frage nach der Offenbarung Gottes, so wie
sie auf dem Boden der Aufklärung gestellt worden ist, sucht nicht nach einer
autoritären Instanz, die kritisches Fragen und eigenes Urteil niederschlägt,
sondern nach einer Bekundung göttlicher Wirklichkeit, wie sie sich dem
mündigen Verstehen des Menschen als solche bewährt. Darum empfinde ich die
betonte Unterscheidung von 'Hörern' und 'Sehern' sowie die Bevorzugung des
Hörens vor dem Sehen als mißliche, auch wenn sie sich auf ein biblisches
Wortverständnis beruft. Soweit jemand beim Hören
54
vollkommen
abhängig ist von etwas, das außerhalb seiner Kontrolle geschieht, vermag ich
solches Hören nur als Chiffre für jene Preisgabe eigenen Urteils zu verstehen,
die als Unterwerfung unter autoritäre Ansprüche gefordert wird. Ich gestehe,
daß ich aus ähnlichen Gründen der Charakteristik des Glaubens als Gehorsam
mißtraue und ebenso dem berühmten Verbot, hinter das Kerygma nach einer
Legitimation desselben zurückzufragen.« Pannenberg hat Widerspruch erfahren
von R. Moltmann. Dieser wendet sich gegen die These Pannenbergs, daß eine
unabgeschlossene Universalgeschichte trotz ihrer Unabgeschlossenheit schon jetzt
in einer Weise beurteilt werden könne, daß die Besonderheit der Geschichte
Jesu als endgültige, obwohl immer noch antizipatorische Offenbarung in Jesus
Christus angesprochen werden könne. In der Auferstehung Jesu sei nicht das Ende
vorweggenommen, vielmehr sei sie als Verheißung zu verstehen, nicht mehr und
nicht weniger.
Näheres
soll über diese beiden Vorstellungen in der Darstellung der heutigen
evangelischen Offenbarungstheologie in Abschnitt 11 gesagt werden. Wenn man die
Frage, ob Offenbarung als Geschichte oder Geschichte als Offenbarung zu
verstehen sei oder als Wort, nicht aufgrund von philosophisch-weltanschaulichen
Überlegungen, sondern aufgrund der Aussagen der Bibel selbst beantworten will,
muß man sagen, daß Offenbarung ein integrales Geschehen von Geschichte und
Wort ist. Auch das Wort ist nicht nur ein bloßes Informationswort, sondern ist
Wortgeschehen (vgl. Dt-Jes 55,10f). Man darf jedoch den Ton auf das Geschehen
legen. Das Wort ist trotz seiner eigenen Wirkkraft eine Interpretation des
Geschehens. Daß in der Auferweckung Jesu die menschliche Zukunft schon
vorweggenommen ist, und sie in die-
55
sem
Sinne Verheißung ist, wie Pannenberg andeutet, ist nicht zu leugnen (vgl. 1 Kor
15). So darf man wohl sagen, daß die Ansichten von Pannenberg und Molt-mann
nicht allzuweit voneinander entfernt liegen. Daß aber die Vorwegnahme der
Auferstehung aller eine Hoffnung begründet und nicht ein einfaches Erwarten des
Zukünftigen bedeutet, sondern die Aufforderung zur Bewältigung der auf die
Auferstehung Jesu noch folgenden Geschichte, wird deutlich aus 1 Thess und auch
aus dem Römerbrief, Kapitel 8.
2. Kapitel
Die Ereignishaftigkeit der
Offenbarung
im Tun Jesu
Wir
greifen noch einmal auf das in Abschnitt 3 und 4 Gesagte zurück und führen die
dortigen Ausführungen folgendermaßen weiter: Die Selbsterschließung Gottes im
Handeln steigt auf ihre unüberbietbare Höhe hinauf in Christus, in seinem
Erscheinen, in seinem Tun und in seinem Reden. Zunächst soll noch einmal von
seinem Tun die Rede sein, soweit dies für die Klärung unseres Zusammenhangs
von Offenbarungswort und Offenbarungstat wichtig ist. Nach dem Zeugnis der
synoptischen Evangelien zielt das Handeln Jesu Christi auf die Herrschaft
Gottes. Dieser Begriff faßt in sich zusammen, was Jesus erreichen wollte. Er
wird in unserem Traktat über die Kirche eingehender besprochen werden.
Herrschaft Gottes bedeutet zugleich Heil für den Menschen. Denn wenn
56
sich
Gott im Menschen durchsetzt, kommt dieser gerade dadurch zu seiner eigenen und
wahren Existenz. Dies wird einsichtiger, wenn wir bedenken, daß Gott die
schöpferische Liebe ist. Gottes Herrschaft im Menschen bedeutet also, daß sich
im Menschen die in seiner Tiefe und in seinem Inneren lebende, ihm aber zugleich
transzendente Liebe als Tätigkeitsprinzip durchsetzt. Es sei auf einige
Einzelheiten verwiesen. Als Johannes der Täufer aus dem Gefängnis heraus die
Frage an Jesus richten ließ, ob er es sei, der da kommen soll, erhielten seine
Freunde die Antwort: »Gehet hin und berichtet dem Johannes, was ihr hört und
seht: Blinde sehen, Lahme gehen. Aussätzige werden rein. Taube hören. Tote
stehen auf. Armen wird das Evangelium verkündet« (Mt 11,3 ff). Aus diesem Text
ergibt sich, daß in den Taten Jesu Christi indirekt Gott sichtbar wird. Es kann
hingewiesen werden auf die Machttaten, welche Jesus vollbrachte, indem er
Hungrige speiste, Kranke heilte und Tote erweckte. Da diese Heilstaten durch das
Wort vollbracht wurden, wird im Zusammenhang der Darstellung der Wortoffenbarung
darauf näher eingegangen werden. R. Pesch weist in seinem zweibändigen Werk
»Das Markus-Evangelium«, 1. Teil, 1976, besonders im 2. Teil (1977) nach, daß
schon in der von Markus zusammengestellten Überlieferung das Leben und Sterben
Jesu ihn als Messias offenbart, daß er sich selbst als solchen verstanden hat.
Paulus
kreist in seinen Briefen immer wieder um die Auferstehung Jesu. Er hat Jesus
geschichtlich im Leben wohl nicht gekannt, so daß für ihn nicht der Abtauf von
Jesu öffentlicher Wirksamkeit, sondern die Vollendung des Lebens auf Golgotha
und am Ostermorgen von Bedeutung sind. Von diesen Phänomenen aus fragt Paulus
immer wieder zurück, wie der
57
Gott
sein muß, der in dieser Weise handelt. Wenn Paulus in Tod und Auferstehung Jesu
eine Offenbarung Gottes sieht, so ist er dazu getrieben worden durch jenen
revolutionären Gesinnungsumschwung, der durch Gottes eigene Initiative in ihm
hervorgerufen worden ist. Zunächst ist es das Handeln Gottes in den Ereignissen
von Golgotha und vom Ostermorgen, das den Apostel gefangen nimmt. Aber sie
veranlassen ihn immer wieder zur erregenden Frage, wer denn dieser Jesus ist,
der so entscheidend in sein Leben eingegriffen hat, und wer der durch ihn
hindurch tätige Gott ist. Ist es der gleiche Gott, den er aus seinem
vorchristlichen Glauben kannte? Ist es der Gott, der zu Abraham und zu Mose
gesprochen hat?
Auch
nach dem Johannesevangelium hat sich Gott durch die Machttaten Jesu geoffenbart.
In diesem Evangelium sind die Machttaten und das Wortgeschehen so eng
miteinander verknüpft, daß das eine gewissermaßen natürlicherweise in das
andere übergeht.
3. Kapitel
Die Strukturen und die Gestalten
des Wortes im allgemeinen
(die
Worthaftigkeit des Menschen)
Bevor
die Funktion des Wortes Gottes für die göttliche Selbsterschließung
analysiert wird, müssen zwei Voraussetzungen geklärt werden. Die eine betrifft
die Worthaftigkeit des Menschen und die Worthaftigkeit Gottes. Die andere
betrifft das Verhältnis von Hören und Schauen. Zunächst sei an die
fundamentale Tat-
58
sache
erinnert, daß die Worthaftigkeit den Menschen als Menschen konstituiert und
offenbart. Zunächst ist sie eine bloße Anlage und muß wie jede Anlage
gepflegt, geübt und realisiert werden. Wenn ein Mensch sich in das Wort und in
das Gespräch nicht einübt, bleibt er hinter dem wahrhaft Menschlichen zurück.
Diese Einübung ist primär eine Übung des Geistes und des Herzens und erst
sekundär eine Einübung im Ausdruck. Der Worthaftigkeit und der Wortfähigkeit
ist die Hörfähigkeit zugeordnet. Auch sie ist zunächst eine Anlage und bedarf
der Einübung. Das echte Wort formt sich zuerst im Inneren des Menschen. Das
gesprochene Wort ist dessen Verleiblichung, eine Inkarnation des inneren Wortes,
das der Mensch zu sich selbst spricht, in welchem er also ein Selbstgespräch
führt. Nur wenn der Mensch die Mühe des inneren Sprechens auf sich nimmt, d.
h. die Mühe des Denkens und Liebens, hat das lautgewordene Wort geistigen und
seelischen Gehalt (Augustinus).
Zu den Strukturelementen des Wortes gehört wie der Ausgang aus dem Inneren des Sprechenden die Ankunft beim Hörenden, und zwar nicht nur in seinem Ohr, sondern in seinem Geiste bzw. in seinem Herzen. Die Ankunft im Hörenden ist für das Wort ebenso konstitutiv wie der Ausgang vom Redenden. Reden und Hören bilden ein Sinnganzes. Derjenige, welcher das Wort spricht, und derjenige, welcher das Wort entgegennimmt, bilden auch dann eine Einheit, wenn der Hörende das im Wort Gesagte ablehnt.
59
4.
Kapitel
Wortstufen
in der menschlichen Erfahrung
Wir
können in der Alltagserfahrung verschiedene Wortfunktionen, Wortgestalten und
Wortstufen unterscheiden. Die wichtigsten sind die Stufe der Aussage, des
Ausdrucks, die Stufe der Preisung und der Rühmung (Doxologie), die Stufe des
Anrufes, die Stufe des Befehls, die Stufe der Proklamation, die Stufe des
Ausrufes, endlich die Stufe der Selbstmitteilung. Diese Stufen können nicht
scharf voneinander getrennt, müssen aber dennoch voneinander unterschieden
werden. Das Wort der Aussage erfüllt eine belehrende, informierende Funktion.
Es ist jenes Wort, welches der Lehrer in der Schule, der Katechet im
Religionsunterricht, welches das öffentliche Informationsmittel in seinen
Berichten bietet. Es muß genau sein. Es zielt auf die Zustimmung, auf die
Überzeugung des Hörers. Es schafft Bewußtseinsgemeinschaft. Es dient der
Formierung der gebildeten Gesellschaft, der Gesellschaft also, deren Angehörige
über die Vorgänge der heutigen Welt Bescheid wissen und sich daher sachkundig
in ihr zu bewegen verstehen. Der heutige Mensch empfindet allerdings die
Wahrheit in ihrer unverhüllten Gestalt oft hart und bitter und ist nicht selten
versucht, sie abzulehnen oder an ihr vorbeizusehen, wenn sie mit seinen eigenen
Erfahrungen und Wünschen nicht übereinstimmt. So kann das Wort als
Wahrheitsaussage Skepsis erzeugen. Dieser Gefahr vermag es zu entgehen, wenn die
Aussage spüren läßt, daß sie nicht nur mit dem Kopfe erdacht, sondern aus
dem Hintergrunde der Erfahrung und aus der Wärme des Herzens hevorgewachsen
ist.
60
Infolge
der Unvollkommenheit und Unvollendbarkeit alles Menschlichen sind auch alle
Aussagen des Menschen unvollkommen, ja vom Wesen her unvollendbar. Dies hat zur
Folge, daß es immer und notwendig bis zu einem gewissen Grade vom guten Willen
des Hörers abhängt, wie er einen Bericht oder eine Darlegung aufnimmt.
Derartiges gilt im besonderen Maße von allen Aussagen über das Menschliche,
während die angedeutete Gefahr in den Aussagen über naturgesetzliche Vorgänge
zurücktritt.
Die
Wortgestalt des Anrufes und des Aufrufes wendet sich an den Willen. Dem Aufruf
entspricht die Bereitschaft, der Gehorsam. Das Wort, das Gehorsam erwartet und
fordert, darf indes nicht rein voluntaristisch geboten werden. Ein solches Wort
wäre des Menschen unwürdig. Damit die Menschenwürde gewahrt bleibt, muß auch
in einem solchen Worte ein Sinn investiert und erspürbar sein, wenngleich er
verborgen sein kann und daher nicht jedem zugänglich zu sein braucht. Vor allem
muß auch in einem derartigen Anruf die Liebe wirksam und erfahrbar bleiben.
Denn jeder Anruf und Befehl dient, falls er die Würde des Menschen achtet, der
Entfaltung des Angerufenen. Jeder Gehorsam dient, falls er menschenwürdig ist,
jener Bewegung, in welcher der Mensch zu sich selbst kommt, also der
Menschwerdung in individueller und kollektiver Hinsicht. Ein Anruf ohne jegliche
Liebe, ein Gebot um des Gebotes willen, ist eine menschenunwürdige Diktatur.
Sie wecken nicht Leben, sondern töten es. Die wahre Autorität ist darauf
gerichtet, daß sie Autorin, d. h. Urheberin von Leben und Lebensvertiefung ist.
Sie kann ihre Impulse nur dann richtig geben, wenn sie den Freiheitsraum des
Angesprochenen nicht zerstört. Andererseits kann sie nicht davon absehen, durch
Drängen und Mahnen, durch Aufforde-
61
rung
und Gebot den Angerufenen zum rechten Frei-heitsgebrauch, d. h. zur
verantwortlichen Verwirklichung des Rechten, des Wahren und des Guten, letztlich
also der in Gott verwurzelten Menschenwürde zu veranlassen. Ein brutaler,
völlig sinnloser oder liebeleerer Befehl ist ebenso unmenschlich und
widermenschlich, wie der sogenannte Kadavergehorsam unmenschlich und
widermenschlich ist, falls man diesen Ausdruck in seinem eigentlichen Sinne
gebraucht.
5.
Kapitel
Wort der Selbstmitteilung
Die
bedeutungsvollste Wortstufe, jene von größter Intensität und Reichweite,
stellt das Wort der Selbstmitteilung dar. In ihm erschließt sich das Ich dem
Du, so daß das Du das sich ihm erschließende Ich in sein eigenes Leben
aufzunehmen vermag und umgekehrt in das Ich eintreten kann. Natürlich
erschließt sich das Ich auch in den übrigen Wortgestalten bis zu einem
gewissen Grad. Denn jedes Wort ist eine Selbstdarstellung des Sprechenden. Auch
im objektiven, ja im objektivistischen Bericht zeigt sich der Berichtende als
derjenige, welcher er ist, als ein Redlicher und Glaubwürdiger, als ein
Liebender oder ein Heuchler, ein Schamloser und ein Zyniker. Wir sagen oft: So
konnte nur dieser oder jener sprechen oder schreiben. Der bloß Berichtende oder
Anrufende oder Auffordernde kann indes außerhalb seines Wortes bleiben. Er kann
ihm gegenüber geradezu Zuhörer sein. Er vermag sei-
62
nem
eigenen Wort als Fremder gegenüberzustehen. Auch ein Verworfener kann eine ihm
selbst widerliche Heilsbotschaft ansagen. Es ist ähnlich wie mit dem
menschlichen Antlitz. Das frömmste Gesicht kann zu einem Verworfenen gehören,
das Erdhafteste kann einem Heiligen eigen sein.
Wenn
im Worte des Anrufes die Liebe wirksam ist, dann wird mit dem Anruf auch die
Kraft mitgeteilt, zu tun, was das Wort will. Denn die Liebe ist schöpferisch,
immer und überall. Sie schafft, was sie liebt, wo es noch nicht ist. Sie
kräftigt, was sie liebt, wo es schon besteht. Sie erhöht den Angerufenen über
sich selbst hinaus zu einer neuen Existenz.
Ein
solches Wort der Selbstmitteilung begreift ein schweres Risiko in sich. Es
erreicht seinen Sinn und sein Ziel nur, wenn ihm die Antwort zuteil wird: Ich
liebe dich wieder. Wenn ihm diese verweigert wird, muß es beschämt und
verschüchtert wieder in sich selbst zurückkehren oder vielmehr in denjenigen,
der es gesprochen hat, und versinken. Eine zweite Gefahr lauert in einem solchen
Wort, nicht diejenige der Zurückweisung und der Ablehnung, der Verhöhnung und
Verachtung, sondern jene des Selbstverlustes, der Preisgabe des eigenen Ich und
der Vergewaltigung des hörenden Du. Nur wenn im Herzen des Wortes »Ich liebe
dich« die Ehrfurcht sitzt, kann diese schwere Gefahr gebannt werden. Der Gefahr
des Selbstverlustes kann der Mensch nicht etwa dadurch entgehen, daß er sich in
allzu großer Vorsicht oder Sachlichkeit hütet, das Wort der Liebe zu sprechen,
um sich nicht preiszugeben. Denn dieses Verhalten ist umgekehrt von der Gefahr
der Selbstverschließung bedroht, in welcher der Mensch nur noch um sich selbst
kreist und so in seiner individuellen Enge verfangen bleibt. Es ist nicht
möglich, im geschichtlichen Le-
63
ben
jenen schmalen Grat zu finden, auf welchem der Mensch zu gehen vermag, ohne daß
ihn auf der einen Seite der Sturz in den Abgrund der Selbstpreisgabe oder auf
der anderen Seite der Sturz in den Abgrund der Selbstverschließung bedroht. Er
muß sich vielmehr bemühen, zwischen den beiden Abgründen die Selbsthingabe in
der Selbstbewahrung und die Selbstbewahrung in der Selbsthingabe zu realisieren,
ohne daß ihm die Absicht jemals vollständig gelingt. Erst jener Lebensvollzug,
den wir den Himmel, d. h, die Selbstmitteilung Gottes in unmittelbarer
Selbstenthüllung und die Antwort des Menschen nennen, wird den Menschen
befähigen, ganz bei sich und zugleich ganz beim anderen zu sein.
6.
Kapitel
Wort der Preisung und
der
Proklamation
Was
die Wortstufe der Rühmung und der Preisung betrifft, so sind wir gewohnt zu
sagen, daß wir in unserem Reden und Tun Gott die Ehre geben müssen. Wir
dürfen jedoch aus der Ehrung Gottes die Ehre seines Bildes in der Schöpfung,
des Menschen, nicht ausschließen. Ehrfurcht und Anerkennung sind die Luft,
deren jeder Mensch für sein Leben bedarf. Dies läßt sich leicht verstehen,
wenn wir bedenken, daß jeder Mensch infolge seiner Kreatürlichkeit und noch
mehr infolge seiner Sündhaftigkeit sich stets als gefährdetes und versagendes
Wesen erfährt und daher in der Unsicherheit des Geistes und Herzens lebt. Er
64
sehnt
sich, bewußt oder unbewußt, nach der Bestätigung der Gemeinschaft, selbst
wenn er in Selbstsucht das ihm begegnende andere Ich und die Gemeinschaft
ablehnt.
Die
Wortstufe der Proklamation richtet eine Botschaft an den Menschen aus, eine
Heilsbotschaft, sei es im irdisch-politischen, sei es im
eschatologisch-religiösen Bereich. Die Wortstufe des Ausrufes, in welchem der
Mensch seine Freude und sein Leid, sein Entzücken und seine Verzweiflung in die
Welt hinausruft, scheint der gemeinschaftsstiftenden Funktion des Wortes ferne
zu stehen. In Wahrheit fehlt jedoch auch ihm der Gemeinschaftsbezug nicht
völlig. Eine volle Einsamkeit gibt es in der Geschichte nicht. Die radikale
Einsamkeit ist vielmehr ein Charakteristikum der Verdammnis in der Hölle. Auch
der intellektuell nicht mehr verständliche Aufschrei eines gequälten oder
eines jubelnden Herzens ist ein Schrei in die Gemeinde der Brüder und
Schwestern hinein. Er ist ein Zeugnis der überwogenden Fülle und Kraft des
menschlichen Erlebnisses, welches nicht mehr in Worte eingeholt oder eingefangen
werden kann.
7.
Kapitel
Wort
des Glaubens
Eine
besondere Wortgestalt stellt der Glaube des Menschen als Antwort an Gott dar. In
ihm bejaht er nicht nur Mitteilungen, welche ihm Gott über geheimnisvolle
Wahrheiten macht. Er antwortet vielmehr auf
65
das
göttliche Wort der Selbsterschließung, indem er sich in einer aus der
Persontiefe hervorkommenden Entscheidung Gott anheimgibt. Der Glaube hat daher
in seinem Vollsinn den Charakter der Begegnung. Das Moment des Erkennens ist in
ihm eingeschlossen. Es ist jedoch ein »Erkennen« im Sinne der Heiligen
Schrift, d. h, im Sinne der Vereinigung von Person zu Person. Deshalb ist der
Glaube nicht etwa eine geminderte Weise des Erkennens, sondern eine erhöhte
Form der Begegnung, welche die Erkenntnis einschließt.
8. Kapitel
Das
geschriebene Wort
Die
bisher besprochenen Wortgestalten können sich im gesprochenen oder im
geschriebenen und gedruckten Wort ereignen. Wir stoßen hier auf eine
außerordentlich weittragende Problematik. Das Normale, d. h. nicht das
Alltägliche und Gewöhnliche, sondern das der Norm am meisten Entsprechende ist
die Wortgestalt der Sprache. Die Zerstreuung und die Verbreitung der Menschen
über weite Räume hinweg und durch lange Zeiten hindurch zwingen dazu,
denjenigen, die vom gesprochenen Worte nicht oder nicht mehr erreicht werden
können, Information oder Anruf oder Proklamation oder Ausruf oder auch
Selbstmitteilung durch das geschriebene und gedruckte Wort zukommen zu lassen.
Schreiben und Drucken sind Ersatzmodi des Wortes. Durch diese These werden sie
in
66
ihrem
Gewichte für die menschliche Gesellschaft nicht reduziert. Sie werden aber an
dem zuständigen Maß gemessen. Sie sind Mittel, um das Feld der menschlichen
Sprache zu vergrößern, und zwar in einer unermeßlichen Ausweitung. Sie sind
ein notwendiger und wichtiger, ja ein unentbehrlicher Ersatz, aber eben nur
Ersatz. Ihnen fehlt die Unmittelbarkeit der Begegnung. Weil sie ein Ersatz des
gesprochenen Wortes sind, gilt für ihr Verständnis und ihren Vollzug
naturgemäß mit der dem geschriebenen und dem gedruckten Wort entsprechenden
Schattierung alles, was an Forderungen und Feststellungen für das gesprochene
Wort gilt. Der wichtigste Unterschied liegt darin, daß der Hörer zum Leser
wird und daher dem Beschauer ähnlich ist, welcher jederzeit wieder zu dem
angeschauten Bilde zurückkehren kann. Der Leser kann jedoch nur dann richtig
lesen, wenn er es in jener Haltung tut, welche für den Hörer charakteristisch
ist. Am meisten gilt dies naturgemäß von jenen Worten, in denen das
Menschliche vermittelt wird, weniger von mathematisch-physikalischen oder
chemischen Formeln. Wenn der Leser z. B. den Satz liest: Ich liebe dich, in
welchem sich die Mitteilung des Schreibenden ausdrückt und zusammenfaßt, kann
er den Text nur dann sinnvoll aufnehmen, wenn er vor ihm nicht im eigentlichen
Sinne verstummt, sondern schweigend die Antwort gibt: Ich liebe dich wieder. Dem
gedruckten Wort fehlt allerdings bis zu einem gewissen Grade der dem
gesprochenen innewohnende Impuls. Es hat indes auch einen Vorzug vor dem
Gesprochenen, nämlich jenen der Dauer. Das Geschriebene und Gedruckte bleiben
und können daher vom Leser zu jeder Zeit wieder hervorgezogen werden, während
dem gesprochenen Worte wie dem Winde oder dem Sturme die Flüchtigkeit eigen
ist, und es daher entschwindet, kaum daß
67
es
gebildet worden ist. So kann das einmal Gesprochene in jeder neuen Situation
aktualisiert werden.
Alle
diese Überlegungen werden uns zu einem konkreteren Verständnis des Wortes
Gottes behilflich sein.
9. Kapitel
Das
innergöttliche Wort
Das
menschliche Wort läßt sich von seiner letzten Wurzel her nur verstehen, wenn
man es als den Ausdruck und die Erscheinung jenes Wortes interpretiert, das Gott
selbst in seinem Gottesleben spricht. Wie es im ersten Johannesbrief heißt (1
Joh 4,8), ist Gott die Liebe. Er ist diese naturgemäß nicht in überlegener
Einsamkeit, sondern in der Weise des Gesprächs. Die Liebe, als welche Gott von
Johannes charakterisiert wird, muß zunächst verstanden werden als eine
schöpferische Tat des absoluten, des göttlichen Geistes bezüglich der
Kreatur. In diesem Tun spiegelt sich jedoch ein innergöttlicher Vorgang. Gott
erkennt sich in der Weite und Tiefe seines Seins und spricht sich, ohne dadurch
einem Entwicklungsprozeß nach der These Hegels zu unterliegen, völlig und
adäquat in einem Worte aus, welches das absolute Sein in sich enthält und
umgreift. Gott geht geradezu darin auf, dieses Wort der Selbstaussage zu
sprechen. Wir nennen ihn unter diesem Aspekt in der Theologie üblicherweise die
erste göttliche Person, wenngleich das Wort »erste« und sogar noch mehr das
Wort »Person« in diesem Zusammenhang von einer schweren Bedeu-
68
tungshypothek
belastet sind. Weil das von Gott im Vollzug seines göttlichen Lebens ausgesagte
Wort seinerseits wiederum subsistent ist und als Person in der Selbstaussage
Gottes hervorgebracht wird, können wir Gott in einem analogen Sinn auch
»Vater« nennen. Das von Gott in dieser Weise durch die Selbstaussage gebildete
Wort hat die unbegreifliche Eigentümlichkeit, daß es sich wiederum liebend und
erkennend dem Vater zuwendet, daß es also den Charakter der Antwort hat. Es ist
ausgesagtes Wort und sich zurückwendende Antwort in einem. Wenn wir die
Ausdrücke »Vater« und »Sohn« verwenden, können wir sagen, daß sie ein
ewig erfülltes, nie abreißendes oder abnehmendes beseligendes Gespräch
führen. Ja, sie sind, wie wir an dieser Stelle verkürzt behaupten können,
nichts anderes als ein subsistierendes Gespräch. Dieses Gespräch entströmt
der Liebe, als welche Gott charakterisiert ist, und gipfelt zugleich in der die
himmlischen Gesprächspartner verbindenden ewigen Liebe. Die Liebe als der
Vater-Gott ist der quellenlos strömende Quellgrund des Gespräches
(Bonaventura). Die Liebe ist zugleich dessen selige Ausdrucksgestalt. Insofern
die himmlische Liebe die Atmosphäre, die Frucht und das Zeichen des göttlichen
Gespräches ist, nennen wir sie den Heiligen Geist. So erweist sich Gott, die
letzte und absolute, in dem Innersten und Tiefsten des Menschen lebende und ihm
zugleich transzendente Wirklichkeit, als ein ewiges Liebesgespräch.
Wenn
wir den Menschen durch seine Worthaftigkeit charakterisieren, so bedeutet dies,
daß er worthaft ist auf Grund seiner Teilnahme an dem Geheimnis des ewigen
Liebesgespräches, welches wir Gott heißen. Das menschliche Wort ist ein Echo
aus diesem Gespräch. Dadurch gewinnt es seine hohe Würde.
69
10. Kapitel
Hören
und Schauen
Wir
kommen zu einer anderen Voraussetzung für das Verständnis des Wortes. So
wichtig nämlich das Wort auch ist, so darf man seine Bedeutung doch nicht
einseitig sehen. Die letzte Verheißung, welche dem Menschen gegeben ist,
bezieht sich auf die Schau Gottes, das heißt auf die Schau des absoluten Seins,
welches die absolute Liebe, in der Gestalt des ewigen Gesprächs selbst ist.
Diese Schau ist natürlich nicht zu verstehen als ein bewunderndes Hinblicken
auf die immer gleiche Herrlichkeit Gottes. Sie vollzieht sich vielmehr in einem
lebendigen Austausch mit dem sich dem Menschen unmittelbar erschließenden und
schenkenden Gott. So wird auch sie zu jenem Lebensvollzug, den wir mit dem Worte
Gespräch ausdrücken können. Es war für Augustinus und für Bonaventura ein
entscheidender Vorgang in der Menschwerdung des Wortes Gottes, daß das Wort
nicht bloß hörbar, sondern sichtbar wurde. Wenn dem Worte im allgemeinen auch
mehr das Hören als das Sehen zugeordnet ist, so ist doch das menschgewordene
Wort des Vaters gerade dadurch von allen anderen Worten unterschieden, daß es
hörbar und sichtbar zugleich ist. Es gehört zur Grundlegung der christlichen
Heilsbotschaft, daß der menschgewordene Gott in unserer Geschichte sichtbar
wurde und als Sichtbarer das Gespräch mit den Menschen aufgenommen hat. Diese
Sichtbarkeit ist durch die Hörbarkeit des Gotteswortes keineswegs überflüssig
geworden. Denn der Mensch ist darauf
hingeordnet, zu sehen und zu hören, nicht nur zu hören. Es wäre ein zu hoher
Preis, wenn das
70
Hören
Gottes mit dem Verluste der Schau Gottes erkauft werden müßte.
Es
ist sehr fraglich, ob man von dem Hören des Wortes eine größere Geistigkeit
behaupten kann als von dem Sehen. Für die Entscheidung dieser Frage ist es
wichtig, jeweils zu prüfen, was unter Hören und Schauen verstanden wird. Wenn
nur der sinnenhafte Vorgang gemeint ist, dann dürften beide Wahrnehmungsmodi
auf der gleichen Rangstufe stehen, insofern sich der Mensch der vielgestaltigen
Welt mit seinen Sinnen in je verschiedener Weise zuwendet. Wenn Hören und Sehen
als geistige, durch die Sinne vermittelte Tätigkeiten verstanden werden,
scheinen sie erst recht auf dem gleichen Rangniveau zu stehen. Es ist indes auf
jeden Fall beachtenswert, daß nicht das Hören, sondern das Schauen Gottes als
letzte Zukunft verheißen ist, daß also die unmittelbare göttliche
SelbstmitteiIung an die Schöpfung im Bilde des Schauens dargestellt wird. Eine
genauere Analyse zeitigt das Ergebnis, daß diese Schau nichts anderes als ein
Austausch ist, der sich in einem erfüllenden und stets wachsenden Dialog
zwischen Gott und der Schöpfung vollziehen wird. Nach dem Zeugnis der Schrift
haben sich denn auch diejenigen, die von Gott in besonderer Weise berührt
werden, nach der Schau Gottes ausgestreckt. Es soll an die früher (S. 54)
erwähnte Meinung des evang. W. Pannenberg erinnert werden, daß der Mensch im
Hören mehr in Gefahr steht, seine Souveränität einzubüßen als im Sehen.
Vielfach
war auch die göttliche Selbsterschließung
im Wort, etwa bei den Propheten, mit einer Schau verbunden. Mit Mose hat Gott
»von Angesicht zu Angesicht« aus dem Feuer heraus geredet (Dtn 5,4). Hier wird
zugleich deutlich, daß die Schau Gottes innerhalb der Geschichte keine
unmittelbare, sondern nur
71
eine
mittelbare sein kann. Das dürfte der Grund
sein, warum bei der Berufung der Propheten die Schau mehr und mehr zugunsten des
Wortes allein zurücktrat. Dem Verhältnis des Menschen zu Gott innerhalb der
Geschichte entspricht es, auf Gott zu hören.
Man
darf für das Phänomen der Offenbarung Gottes im Worte auch auf die menschliche
Erfahrung hinweisen, daß der Mensch im Akte des Schauens in höherem Maße
seiner selbst mächtig ist, als im Akte des Hörens. Im Akte des Schauens kann
er sich gewissermaßen seines Gegenstandes in eigener Initiative bemächtigen.
Er kann auch, wenn ihm ein Gegenstand zuwider ist, die Augen schließen oder an
ihm vorbeischauen. Des Hörens hingegen ist der Mensch nur fähig, wenn ein
Redender zu ihm spricht. Er ist also im Akte des Hörens davon abhängig, daß
ein Wort gesprochen wird. Gegenüber einem ihm lästigen Wort kann er auch nicht
das Ohr verschließen, wie er das Auge gegenüber einem lästigen Gegenstand
verschließen kann. Wenn sich Gott im Wort dem Menschen zuwendet, drückt sich
das Verhältnis des Schöpfers zum Geschöpf, wie es innerhalb der Geschichte
besteht, in einer besonders eindringlichen Weise aus.
Dabei
darf nicht vergessen werden, daß in der eschatologischen Vollendung Gott sich
dem Menschen unmittelbar und unverhüllt darbietet, ohne sein Geheimnis aufgeben
zu können. Diese Gottesschau ist von einer unsagbaren Dynamik, die sich
ihrerseits wieder im Gespräch vollzieht. Sie ist nur möglich, wenn sich Gott
selbst unmittelbar dem Geschöpf darbietet. Dies wird erst in der endgültigen
Zukunft geschehen. Darauf ist alles Hören hingeordnet. In jener zukünftigen
Erfüllung werden Hören und Schauen in eins zusammenfallen.
72
11.
Kapitel
Das
Wort Gottes als reale Anrede
Wenn
wir darangehen, das durch die ganze Heilige Schrift sich hindurchziehende Wort
Gottes, welches Anfang und Ende begründet, das Offenbarungswort Gottes, zu
analysieren, so ist zuerst zu bedenken, daß wir es mit einer Erscheinung zu tun
haben, welche sich von dem durch die klassische griechische Philosophie
geprägten Denken unterscheidet. Auch in diesem ist der Begriff »Wort«, Logos,
zu Hause. Hier aber bedeutet er soviel wie Sinn oder Sinnhaftigkeit, welche im
sinnenden Nachdenken erschlossen und erkannt wird. Wenn jedoch in der Heiligen
Schrift vom »Worte Gottes« die Rede ist, so handelt es sich immer um eine
unmittelbare Beeinflussung des Menschen durch Gott. In dem Worte Gottes wird der
von Gott Angesprochene unmittelbar erfaßt.
Das
Wort Gottes, in welchem Gott sich selbst an den Menschen wendet, hat alle jene
Gestalten und Stufen, welche wir vorhin den menschlichen Worten zuschrieben. Es
kann anrufen, ausrufen, belehren, informieren, drohen, warnen, verheißen und
sich selbst an den Menschen mitteilen. Vor allem aber und in allen seinen Stufen
ist es ein »Wort der Verheißung«. In diesem Ausdruck faßt der Apostel Paulus
zusammen, was dem alttestamentlichen Gottesvolk zuzuschreiben ist (Röm 9,4). Es
lebte auf der Stufe der Verheißung. Hoffnung ist die gebührende Antwort.
Dieses
Wort ist an manchen Stellen der Heilsgeschichte in konzentrierter Form
gesprochen worden, nämlich in der Berufung des Mose, in der Schaffung des
Sinaibundes und den damit zusammenhängenden
73
Ereignissen,
in der Berufung der alttestamentlichen Propheten. Am Sinai ist es als Wort der
Bundesstiftung und der Bundesweisung, an die Propheten als Wort der
Bundesführung und der Bundesverheißung ergangen (H. Schlier). Es ist als
Person in Jesus Christus erschienen. Unter den neutestamentlichen
Schriftstellern haben Paulus und Johannes am meisten über das Wort Gottes
reflektiert und es proklamiert. Die Apostelgeschichte könnte man geradezu die
Geschichte des Wortes Gottes in der Urgemeinde nennen.
Wenn
man allerdings fragt, was näherhin unter Gottes Wort zu verstehen ist, so
läßt sich nicht verkennen, daß es sich um eine anthropomorphe Darstellung
handelt. Sie dient dazu, die Personhaftigkeit Gottes und die Personhaftigkeit
des von ihm gnadenhaft ergriffenen und beeinflußten Menschen zum Ausdruck zu
bringen. Sie zeigt, daß sich eine Begegnung vollzieht, eine Begegnung des
freien Gottes und des freien Menschen, ein Vorgang, welcher Distanz und
Gemeinschaft, Ferne und Nähe zugleich in sich schließt, in welchem das
unsägliche, im Menschen anwesende Geheimnis in die menschliche Erfahrung
vorstößt, ohne den Menschen zu überwältigen. Hierbei ist von maßgeblicher
Bedeutung, daß das Wort, welches der von Gott beeinflußte Mensch spricht,
selber Wort Gottes genannt wird.
Für
die Interpretation dieses Vorganges darf man an ein Problem unserer natürlichen
Erkenntnis erinnern. Aus einer sehr langen Bemühung wissen wir, daß die uns
bekannte Welt, in der wir leben, aus zwei Komponenten konstituiert ist: aus dem
objektiv Gegebenen, aus dem Vorhandenen einerseits und aus unserem eigenen
Bewußtsein andererseits. Wir können die Welt nicht erkennen und erfassen, wie
sie an sich ist.
74
Was
uns vor das Auge tritt, ist vielmehr immer nur die von uns erkannte und durch
unser Erkennen bestimmte Welt. Die heutige Mikrophysik schenkt uns hierfür
einen aufschlußreichen, wissenschaftlichen Beitrag. Es zeigte sich nämlich,
daß wir immer nur die von uns beeinflußten Urteilchen der Materie zu erkennen
vermögen, daß wir aber schlechterdings diese Urteilchen, insofern sie einen
nicht von uns bestimmten Seinsmodus haben, nicht zu erkennen vermögen. Wie sie
ohne uns, wie sie »an sich« sind, wissen wir nicht. Wenn man sagt, daß Kant
die Integrationskraft des Subjektiven in dem Erkenntnisvorgang übertrieben hat,
so muß man hinzufügen, daß Thomas von Aquin nach der üblicherweise von
seiner Lehre gegebenen Auslegung die Integrationskraft unseres
Erkenntnisvermögens wohl unterschätzt, wenngleich keineswegs vergessen hat. Er
sagt ja, daß wir die Gegenstände »modo nostro« erkennen. Beide Denker
stimmen darin überein, daß nur die erkannte Welt unsere Welt ist. Diese
Überlegungen zeigen uns, daß die Welt nicht einfach objektivistisch als das
Bestehende verstanden werden kann, sondern als das auf Grund unseres eigenen
Bemühens sich immer Ereignende. Die Welt ist das Ergebnis des uns Vorgegebenen
und unserer eigenen Gestaltung. Vielleicht läßt sich dies aus einer
Alltagserfahrung noch zugänglicher machen. Die Freundschaft oder die Liebe
schenken dem Menschen ein Auge, mit dem er die Welt andere sieht, als er sie
ohne dieses Auge sähe. Er erlebt sie in einem solchen Fall auf den anderen
Menschen hin. Darin wird die Welt für ihn, den Erlebenden, selbst anders. In
einer analogen Weise läßt sich jenes Phänomen, das wir Wort Gottes nennen,
als das Ergebnis göttlichen und menschlichen Wirkens verstehen, wobei
natürlich Gott als Gott und der Mensch als Geschöpf tätig
75
sind,
jeder in der ihm zukommenden Weise und Dynamik.
Unter
dem Impuls der göttlichen Berufung und der göttlichen Gnade übersetzt der
Berufene in einem unmittelbar geistigen Vorgang ohne nachsinnende Reflexion das,
was Gott der Menschheit durch ihn mitteilen will, in das gesprochene menschliche
Wort. Dieses Wort ist naturgemäß zeitgebunden und nimmt an der sozialen und
kulturellen Situation sowie am persönlichen Temperament des von Gott
ergriffenen Menschen teil. Dennoch kann man sagen, daß Gott es ist, welcher
sein Wort in den Mund des Menschen legt. So wird das Wort Jahwes das Wort des
Propheten (Jes 6,8; Jer 14,4 f; 23,21.32; 26,12.15). Sogar die Erregung Jahwes
geht auf den Propheten über (Jes 6,11). Der Prophet redet daher wirklich Jahwes
Wort (Num 23,13; 1 Sam 15.16; Jer 23,22). Deshalb verkündet er nur, was Jahwe
sagt, und alles, was Jahwe sagt.
12. Kapitel
Biblisches
Beispiel
Als
ein besonders aufschlußreiches Beispiel sei die Berufung des Propheten Jeremias
angeführt. Im ersten Kapitel heißt es (Jer 1,1-101: »Worte des Jeremias, des
Sohnes des Hilkia aus dem Priestergeschlechte zu Anatot im Lande Benjamin: An
ihn ist die Weisung des Herrn zur Zeit des Königs Josia von Juda, des Sohnes
Amons, im 13. Jahr seiner Königsherrschaft erfolgt.
76
Dann
erging sie unter dem König Jojakim von Juda, dem Sohne des Josia, bis zum
Schlusse des elften Jahres des Königs Zidkia von Juda, des Josiasohnes, als die
Verschleppung der Bewohner Jerusalems im fünften Monat erfolgte.
Des
Herrn Wort erging an mich: Noch ehe ich dich gebildet im Mutterleib, habe ich
dich ausersehen, ehe du aus dem Mutterschoße kamst, habe ich dich geweiht, dich
zum Völkerpropheten bestimmt.
Ich
antwortete: Ach, Herr und Gebieter, ich bin doch der Sprache nicht mächtig, ich
bin noch zu jung!
Doch
der Herr entgegnete mir: Sage nicht: Ich bin zu jung; gehen sollst du, wohin
immer ich dich sende, was immer ich dir befehle, das sollst du reden. Fürchte
dich vor ihnen nicht, denn ich bin bei dir zu deiner Rettung. — Spruch des
Herrn!
Der
Herr aber streckte seine Hand aus und berührte damit meinen Mund. Er sprach zu
mir: Ja, meine Worte lege ich in deinen Mund!
Schau,
ich gebe dir heute die Macht über Völker und Reiche, um aus- und einzureißen,
zu vernichten und in Trümmer zu legen, aufzubauen und einzupflanzenl«
Man
kann auch auf viele andere Stellen verweisen, nach denen Gott sein eigenes Wort
den Propheten in den Mund legt (z. B. Num 22,38; 23,5.12.16; Dtn 18,18). Gott
selbst läßt den Propheten hören und sehen (Jes 5,9; 22,14; Ex 9,1-5). Er
öffnet das Ohr des Propheten, so daß dieser die Worte Jahwes sich zu Herzen
nehmen kann (Ez 3,10.17; Dt-Jes 50,4 f). Er selbst öffnet den Mund des
Propheten (Ez 3,17; 33,22). Der Prophet verleibt sich die Worte Gottes geradezu
ein und gerät dabei in die Gewalt des Wortes und dadurch in die Hand Jahwes.
77
So
heißt es bei Ezechiel (2,7-3,4); »Du sollst meine Worte zu ihnen reden, mögen
sie hören oder es bleiben lassen. Denn ein Haus der Widerspenstigkeit sind sie.
Du, Menschensohn, höre, was ich zu dir rede. Sei nicht aufsässig wie das Haus
der Widerspenstigkeit! Tue deinen Mund auf und iß, was ich dir gebe.
Ich
schaute und sah eine Hand gegen mich ausgestreckt, und darin war eine Buchrolle.
Er
breitete sie vor meinen Augen aus, und sie war auf der Vorder- und Rückseite
beschrieben; verzeichnet standen darauf Leichenklage, Seufzer und Wehrufe. Er
sprach zu mir: Menschensohn, was du vor dir hast, iß; verzehre diese Buchrolle
da; dann mache dich auf und rede zum Haus Israeli
Da
tat ich meinen Mund auf, und er reichte mir jene Buchrolle, daß ich sie esse.
Er gab mir die Weisung: Menschensohn, lasse deinen Leib essen, und erfülle dein
Inneres mit dieser Buchrolle, die ich dir reiche! Ich aß sie auf, und sie ward
in meinem Munde süß wie Honig.
Dann
äußerte er sich zu mir: Menschensohn, wohlan, gehe zum Haus Israel und rede
mit meinen Worten zu ihnen.«
Ein
instruktives Beispiel für die Dynamik des Wortes Gottes sei aus dem Propheten
Amos angeführt (3,8): »Der Löwe hat gebrüllt, wer sollte sich nicht
fürchten? Jahwe hat geredet, wer müßte nicht verkündigen?« (Man vergleiche
weiter etwa Num 5,22 ff.; 1 Kg 18,46; Is 8,11; Jer 15,17; 20,7; Ez 33,22).
Da
Gott das Wort in das Ohr und in den Mund des Propheten gibt, spricht der Prophet
in der Tat Gottes Wort. Er ist Gottes Mund (Jer 15,19; 42,97). Es ist aber auf
der anderen Seite nicht zu übersehen, daß Gottes Wort nur laut wird im
Menschenwort.
78
13. Kapitel
Gotteswort
und Menschenwort
Hier
erheben sich zwei schwerwiegende Fragen. Die eine lautet: Wodurch wird das Wort
als Wort Gottes konstituiert, wenngleich es phänomenal ein Menschenwort ist?
Die zweite lautet: Wie kann ein menschliches Wort als Gottes Wort erkannt
werden?
a) Konstitution des Wortes Gottes
Wir
wenden uns der ersten Frage zu. Man könnte auf sie folgende Antwort versuchen:
In der Sprache stellt sich der Mensch selbst dar. Das Wort ist Ausdruck des
Menschen. Es kommt oder kann kommen aus seiner menschlichen Mitte. Insofern der
Mensch selbst Geschöpf ist, dies aber heißt, insofern er in seiner Existenz
und in seinem Handeln immerfort von Gott gewirkt ist, ist er Ausdruck und
Erscheinung Gottes. Die Schrift nennt ihn geradezu Bild Gottes. Unter diesem
Aspekt ist auch das Wort, der Selbstausdruck des Menschen, indirekt Ausdruck
Gottes und in diesem Sinne Wort Gottes. Wenn man so argumentiert, ist allerdings
jedes menschliche Wort zugleich Gottes Wort. Insbesondere gilt dies von jenem
menschlichen Wort, in welchem der Mensch den transzendenten Horizont seiner
Existenz, nämlich das unsägliche Geheimnis, welches wir Gott nennen, aussagt.
Mit
dem Ausdruck »Wort Gottes« in unserem Zusammenhang meinen wir jedoch nicht die
natürliche Gotteserkenntnis, sondern die nur dem Glauben zugängliche
Selbsterschließung Gottes, welche in Christus ihren innerweltlichen und daher
vorläufigen Hö-
79
hepunkt
erreicht hat, also jene Rede Gottes, in welcher er sich uns selbst zum
Lebensaustausch zusagt. Dieses Wort Gottes kann nur, um einen Gedankengang K.
Rahners zu verwenden, dann vom Menschen aufgenommen werden, wenn Gott selbst in
einem schöpferischen Tun die Aufnahmefähigkeit des Menschen schafft, wenn er
ihm also eine innere gnadenhafte Erleuchtung gewährt. Gott autorisiert in
solchen Fällen den Menschen nicht nur, über ihn verbindlich zu sprechen. Er
konstituiert vielmehr das vom Menschen gesprochene Wort als gnadenhaft
beteiligter Partner mit. Gott, und zwar Gott als die erste göttliche Person,
wird so (durch seinen Logos im Heiligen Geiste) der letzte Ursprung, aus dem das
menschliche Wort göttlicher Offenbarung hervorkommt. Die Funktion, in der Gott
das Wort mitkonstituiert, gibt diesem den Charakter eines Wortes Gottes.
Hier
eröffnet sich allerdings eine neue Problematik. Es ist die Antinomie vom
Zusammenwirken Gottes und des Menschen. Man kann sie durch die ganze Theologie
und ihre Geschichte hindurch verfolgen, ohne sie jemals befriedigend lösen zu
können. Einsei-tige Antworten wären es, wenn man das Tun Gott allein oder dem
Menschen allein zuschreiben wollte. Ebenso wäre es verkehrt, wenn man Gott eine
partielle Wirksamkeit und dem Menschen eine andere partielle Wirksamkeit
zuteilen wollte. Man muß vielmehr sagen, daß jeweils das Ganze von Gott
gewirkt ist und das Ganze vom Menschen, in jeweils verschiedener, dem Wirkenden
gemäßer Weise.
Der
Mensch, welcher das von Gott als der ungeschaffenen Gnade mitkonstituierte Wort
spricht, erfährt sich selbst als ein von Gott Angesprochener, eben durch die
gnadenhafte Berührung, welche ihm zuteil wird. Er redet also aus der Erfahrung
Gottes
80
bzw.
des transzendenten Horizontes, welcher im menschlichen Wort raum-zeitliche,
konkrete Erscheinung gewinnt. Auf Grund dieser Gotteserfahrung bezieht er die
ihm zuteil gewordene Mitteilung eben wieder auf Gott. Das Wort Gottes ist nach
diesen Analysen in einer dreifachen Weise von Gott bestimmt. Gott ist sein
Urgrund, er ist sein Inhalt, er ist sein mitkonstituierendes Subjekt.
b) Erkenntnis des Wortes Gottes als Gottes Wort
Das
Wort, welches der einzelne Mensch als Wort Gottes empfängt, ist im allgemeinen
nicht für ihn allein, sondern für eine Gemeinschaft bestimmt. Damit diese das
Wort des einzelnen als Wort Gottes zu verstehen und anzunehmen vermag, bedarf es
neuerdings der inneren Erleuchtung und Erhellung von seiten Gottes. Die Haltung,
in welcher sowohl der erste Empfänger als auch die durch diesen Angesprochenen
das Wort Gottes annehmen, ist nicht die Einsicht in seine inhaltliche
Richtigkeit, sondern das Offensein, das Bereitsein für Gott, der Glaube. Unter
dem Glauben ist dabei zu verstehen jene menschliche Antwort an Gott, in welcher
sich der Mensch vertrauend dem Gott anheimgibt, welcher sich ihm als das
unergründliche Geheimnis gnädig zusagt.
Mit
dieser These sind wir schon bei der Frage angelangt, wie der Hörer des Wortes
zu erkennen vermag, daß ein vom Menschen gesprochenes Wort als Gottes Wort zu
beurteilen und daher anzunehmen ist, ob er nicht fürchten muß, daß ein
Prophet, der behauptet, ein Wort Gottes zu bieten, dies in einer unzutreffenden
Weise proklamiert, daß er es mindert oder fälscht, daß er eigene Phantasien
hinzufügt oder sogar nur eigene Projektionen und Objektivierungen anbietet.
81
Die
von Gott geschenkte innere Erleuchtung kann von solchen Fragen nicht
dispensieren.
Für
die Lösung des Problems soll folgendes angeführt werden. Zunächst kann nicht
bestritten werden, daß kein Mensch das ihm zuteil gewordene Wort Gottes in
einer adäquaten Weise wiederzugeben imstande ist. Denn das unsagbare Geheimnis,
das Gott ist, lebt auch in jedem Tun Gottes und kann daher nicht adäquat in
menschliche Begriffe oder Worte eingefangen werden. Auch die Verkündigung der
Offenbarungsträger hat den Charakter der theologia negativa.
In
positiver Hinsicht bietet die Berufung des Propheten durch Jahwe objektiv die
Gewähr, daß der von Gott in Anspruch genommene Prophet kein Falschprophet ist.
Der Prophet wird in der Berufung, nicht selten gegen seine eigenen
ursprünglichen Lebenspläne und Lebenserwartungen, von Gott ausgesondert und in
seiner ganzen Existenz für den Dienst Gottes beschlagnahmt. Er wird von Gott
für sein schweres Amt auch ausgerüstet und bereitet (Jes 6,6; Jer 1,9; Ez 3,8
f), Jahwe bleibt selbst immer bei ihm und gewährt ihm Licht und Hilfe (Jes
8,10; Jer 1,8.18; Ez 3,8 f). Jahwe lebt als Gott »für ihn«.
14. Kapitel
Wahrpropheten
und Lügenpropheten
Für
den Hörer ist mit dem Hinweis auf diese objektive Lage das Problem keineswegs
gelöst. Für ihn stellt es vielmehr eine Entscheidung auf Leben und Tod dar:
82
ob
er subjektiv den falschen von dem echten Propheten zu unterscheiden vermag (Jer
23,16.26). Vielfach weisen sich zwar die von Gott Berufenen durch besondere
Zeichen aus — davon wird noch die Rede sein. Aber auch die Zeichen können
mißverstanden werden. So begleitet die Frage, wie die rechte von der falschen
Verkündigung des göttlichen Wortes unterschieden werden kann, die Geschichte
der alttestamentlichen Prophetie von Anfang an. Als Chananja gegen den Propheten
Jeremias auftrat, dessen Gerichtspredigt verwarf und statt dessen dem Volke nach
dem Munde redete, konnte Jeremias zunächst nur erwidern: »Amen, Jahwe tue
also! Jahwe bestätige dein Wort, das du geweissagt hast« (Jer 28,6).
Diese
Ironie erwies sich durch den Fortgang der Ereignisse als berechtigt, »Die
Seher, die vor mir und dir, von alters her, gelebt, weissagten von vielen
Ländern, großen Reichen, von Krieg und Not und Pest. Doch der Prophet, der
Heil weissagt, kann erst als Seher sich ausweisen, als ein in Wirklichkeit vom
Herrn Gesandter, wenn sich das Seherwort erfüllt« (Jer 28,8). Der falsche
Prophet sagt aus, was er in seinen eigenen Träumen erdichtet hat.
Den
Lügenpropheten erkennt man daran, daß er die Gemeinde von Jahwe weglockt und
zu anderen Göttern führen will. Letztlich wird erst die Zukunft lehren, ob
eine Lügenprophetie oder eine Wahrprophetie vorliegt. »Wenn der Prophet im
Namen Jahwes redet und es wird nichts daraus, und es kommt nichts, so ist das
ein Wort, das Jahwe nicht geredet hat. Der Prophet hat es aus Vermessenheit
geredet« (Dtn 18,22).
Die
gleiche Schwierigkeit besteht auch im Neuen Testament. Auch hier sehen die
falschen Propheten den Boten Christi zum Verwechseln ähnlich. Selbst Satan kann
sich in einen Engel des Lichtes verkleiden
83
(2
Kor 11,14). Wer Indes aus der Wahrheit ist und die Wahrheit tut, wer mit
geläutertem Herzen auf das Wort hört, der vermag die Stimmen zu unterscheiden.
Die Schafe werden, wie es bei Johannes heißt, mit untrüglicher Sicherheit den
Ruf des guten Hirten erkennen und sich allein an ihn halten, dem Fremden aber
nicht folgen (z. B. Joh 10,3 ff, 27 ff; 18,37; siehe auch 2 Kor 11,14; Gal
1,6-9). Nach der Apostelgeschichte ist es das Wort Gottes selbst, welches zu den
Kindern Israels gesandt wurde (Apg 10,36). Das Wort, welches Jesus selber ist,
ist im Wort der Apostel verkündet worden (Apg 15,35; 18,11). Es ist ein Wort,
das Gott verkündet, das aber zugleich von Jesus Christus verkündet wird. Das
Wort Gottes geht durch den Mund der Apostel (Apg 15,7). Durch diese erreicht es
die Menschen (Apg 13,26), die Juden und die Heiden.
Man
hat gelegentlich den Versuch gemacht, aus der Einheit von Gotteswort und
Menschenwort das Wort Gottes durch philologisch-historische Untersuchungen
herauszudestillieren. Eine langwierige Forschung hat jedoch für das Alte
Testament ergeben, daß eine völlig überzeugende literarische Scheidung von
Jahweworten und Prophetenworten nicht möglich ist. Die Prophetenworte sind
vielmehr zugleich ganz göttlich und ganz menschlich. Das Wort Gottes ist
gegenwärtig im Worte des Menschen. Es durchwirkt dieses als geistige Kraft. Der
Prophet redet mit Jahwes Worten (Num 24,13; 1 Sam 15,16; Jer 23.22; Ez 3,4). Er
kündet nur das an, was Jahwe sagt und befiehlt (z. B. Num 24,13; 1 Kg22,14;Dtn
18,18).
Die
alttestamentlichen Propheten führten das Jahwewort immer wieder ein mit der
Formel: »So spricht Jahwe«. Sie beendigen ihr Gotteswort auch in der Regel mit
dem Ausdruck: »Spruch Jahwes«. Ähnliches, nämlich die Untrennbarkeit von
göttlichem und
84
menschlichem
Wort, gilt vom Worte Gottes im Neuen Testament. Das Wort, das Jesus selbst ist,
wird proklamiert und allen Menschen zugesprochen in der Gestalt der Worte von
Menschen, welche die Verkündiger und die Zeugen Jesu bilden. Es ist die
Heilsbotschaft von Jesus, von seinem Heilstode und von seiner Auferstehung. Aber
durch sie spricht der im Geiste selbst präsente, erhöhte Herr. So ist das
Zeugnis der Apostel ein Selbstzeugnis Christi. Hierüber wird später
ausführlich gehandelt werden.
15. Kapitel
Das Wort als Tat
und als Rede
Die
Urkirche verwendete für die Verkündigung der Heilsbotschaft von dem
gekreuzigten und auferstandenen Christus zunächst die Sprache und die
Ausdrücke, welche sich in der jüdischen Synagoge und der hellenistischen Welt
gebildet hatten, um den Hörern zu sagen, daß Gott durch Christus ein für
allemal zur Welt gesprochen hat. Daß in solchen von Menschen ausgesagten und
von Menschen vernommenen Worten die unmittelbare Anrede Gottes ergeht, kann erst
dann erkannt werden, wenn deren verwandelnde und umstimmende Kraft erfahren
wird. Denen, die sich dem Worte verschließen, bleibt das Evangelium verhüllt.
Denn es unterliegt nicht den Maßstäben des alltäglichen Lebens. Diejenigen
aber, die das verkündigte Wort gläubig aufnehmen, erfahren darin zugleich die
Aufrichtigkeit und Verläßlichkeit des Boten,
85
der
das Wort nicht arglistig verfälscht (2 Kor 4,2 f). Wenn der Prediger gegen den
böswilligen Vorwurf, daß er sein eigenes Wort als Gottes Wort ausgebe und
damit die Wahrheit verhülle, nicht geschützt ist, so nimmt er an der
Knechtsgestalt Jesu Christi, des personhaften Wortes, selbst teil. Dann wird
dessen Wort wirksam: »Wer aber euch verachtet, der verachtet mich; wer aber
mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat« (Lk 10,16). Paulus
vermag als Legitimation für seine Verkündigung nur die Sendung durch Christus
anzuführen (Röm 10,14 f). Wenn dieser Apostel gelegentlich von »meinem«
Evangelium spricht, so meint er doch nicht von ihm selbst erfundene Ideologien,
sondern die Heilsbotschaft, die ihm aufgetragen ist (Rom 10,17; 1 Kor 11,23). Er
versteht seine eigene Predigt als eine Proklamation Jesu Christi und seines
Heilswerkes, d. h. die Predigt ist selbst eschatologisches Geschehen.
Nach
dem Johannes-Evangelium verbinden sich das Zeugnis Jesu und das Zeugnis der
Jesuszeugen zu einer unlöslichen Einheit. Jesus bezeugt als Gottgesandter, der
von oben kommt, was er beim Vater gesehen und gehört hat (Joh 3,32). Sein
Zeugnis vermittelt den Glaubenden Teilhabe an diesem Sehen und Hören, So
können sie mit Jesus als dem Offenbarer und durch ihn Zeugen sein, aber so,
daß in ihrem eigenen Zeugnis der Offenbarer selber spricht. Dies wird noch
deutlicher, wenn wir die johanneische These hinzunehmen, daß der von Jesus
gesandte Geist das Christuszeugnis und das Christusgeschehen im Worte der
Christuszeugen gegenwärtig setzt (siehe für diese Darstellung besonders L.
Scheffczyk, Von der Heilsmacht des Wortes, München 1966. H. Krings, H. Schlier,
H. Volk, Wort, in: H. Fries, Handbuch theol. Grundbegriffe, H, München 1963,
835-876. E. Lohse,
86
Deus
dixit, in: Evangelische Theologie 25, 1965, 567-585. Fr. Wetter, Das Sprechen
Gottes in der Verkündigung der Kirche, in: Trierer theol. Ztschr. 76, 1967,
342-356. M. Schmaus, Wahrheit als Heilsbegegnung, 1964».
16. Kapitel
Die
Deutefunktion des Gotteswortes
Wenn
wir darangehen, die Funktion des Gotteswortes im Menschenwort zu interpretieren,
so stoßen wir auf ein Doppeltes. Das Wort Gottes vollzieht die Funktion der
Deutung und die Funktion der Handlung. Diese beiden Funktionen allerdings lassen
sich nicht mechanisch voneinander trennen. Sie integrieren sich vielmehr in ein
unlösliches Ganzes. Aber wir können in diesem Ganzen die zwei genannten
Funktionen unterscheiden. Wie wir früher gesehen haben, vollzieht Gott seine
Selbsterschließung durch geschichtliches Handeln. Es wäre jedoch eine große
Täuschung, wenn man schon aus der bloßen Faktizität eines geschichtlichen
Ereignisses dessen Offenbarungscharakter erkennen wollte. Auch wenn man die
göttliche Offenbarung als Geschichte versteht, kann man dennoch nicht aus dem
Geschichtszusammenhang als solchem, aus dem Gefälle der geschichtlichen
Ereignisse, die in Abraham einsetzende und in Christus zur Vollendung gekommene
göttliche Selbstmitteilung erfahren. Man kann nicht einfachhin sagen, daß der
Glaube prinzipiell und wesenhaft Vertrauen auf Ge-
87
schichte,
daß er Hingabe an vergangene Taten Gottes und darin ein universales,
geschichtlich-konkretes Hoffen auf das künftige Tun Gottes ist. Wenn der Glaube
an Gott auch seinen elementaren Grund in der Geschichte hat und nicht in
metaphysischen Belehrungen, so kann er doch nur aus der durch das Wort
gedeuteten Geschichte erwachsen. Ob ein geschichtliches Faktum als Offenbarung
Gottes (im übernatürlichen Sinn) auszulegen ist oder als eine Fügung des die
Welt voranbringenden, nie abreißenden schöpferischen Tuns Gottes (auch dies
bedeutet natürlich eine gewisse göttliche Selbstöffnung, aber nicht in jener
Weise, in der Gott Abraham ergriffen hat und durch Christus endgültig und
unüberholbar hervorgetreten ist), wird nur durch das deutende Wort entschieden.
Dieses Wort schafft die Differenz zwischen den Offenbarungstaten Gottes im
strengen Sinn und dem sonstigen schöpferischen göttlichen Wirken.
In
unserem Zusammenhang sei zunächst die Aussagefunktion, die Deutefunktion des
Wortes aufgedeckt. In dem Worte Gottes nimmt Gott selbst diese Auslegung vor. Da
werden z. B. politische Katastrophen als Gottesgerichte interpretiert. Die
Propheten proklamieren seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. immer wieder, daß
politisch-wirtschaftliche Katastrophen heilshafte Heimsuchungen Gottes sind. Ein
solcher Sinn der Geschichte erschließt sich nur durch das verkündete Wort
Jahwes. Wie sollte man ohne dieses deutende Wort erkennen, daß sich die
Geschichte Israels von jener der übrigen Völker unterscheidet? Auch die
Philister und die Syrer sind befreit worden, die ersten aus Kaphtor, die zweiten
aus Kir (Am 9,7).
Selbst
der Tod und die Auferstehung Jesu Christi sind ohne das Wort der Verkündigung
nicht verständlich .Wie schon öfters betont wurde, gab es in jener
88
Zeit
nicht wenige Hinrichtungen durch die Kreuzigung. Die Erscheinungen Jesu nach
seinem Tode könnten an sich auch als Visionen oder Illusionen mißverstanden
werden, wenn nicht das Wort der Verkündigung den wahren Sachverhalt aufdecken
würde. Wie die Heilige Schrift zeigt, kann das Kreuz Jesu verhöhnt werden als
das Ende eines falschen Propheten. Die Osterbotschaft kann dadurch in Zweifel
gezogen werden, daß man das Gerücht ausstreut, die Jünger hätten den
Leichnam heimlich aus dem Grabe entwendet. Allein durch das deutende Wort, und
zwar sowohl durch das eigene Wort Jesu selbst als auch durch die theologische
Reflexion über ihn werden die Heilsereignisse in das rechte Licht gesetzt. Wir
sehen an den paulinischen Briefen, mit welch unablässiger Sorge Paulus das
Ereignis des Kreuzes als die Gestalt des göttlichen Heilsplanes und die
Auferstehung als das Urdatum des christlichen Glaubens zu verstehen, auszulegen
und zu verkündigen sucht. Der Glaube kommt nach Paulus vom Hören, nicht vom
Sehen (Röm 10,17; vgl. Joh 20,29). Gegen diese Funktion des Wortes spricht
nicht die Tatsache, daß Christus bei Johannes erklärt: Wenn ihr mir nicht
glaubt, so glaubt den Werken (Joh 10,38). Sowohl nach Joh 10,38 als auch nach
Joh 5,36-47 sind zwar die Werke eine Bestätigung seiner Worte. Sie werden aber
ihrerseits wieder nur verständlich durch sein Wort. Nur durch dieses können
sie als Werke erkannt werden, welche er als Gesandter des Vaters vollbringt.
Daß sie Zeugnis geben für ihn und daß durch sie der Vater selbst für ihn
Zeugnis gibt, wird erst durch das Wort gesichert.
89
17. Kapitel
Die
Wirkfunktion des Gotteswortes
Wir
kommen zur zweiten Funktion des Wortes. Es hat nicht nur, ja nicht in erster
Linie, auslegende und belehrende, sondern handelnde Bedeutung. Das Wort Gottes
ist ein wirkendes Wort. Die Wirksamkeit fehlt ihm auch dort nicht, wo es
belehren will. Belehrung und Wirken verbinden sich im Worte Gottes zu einer
unlöslichen Einheit. Das Wort Gottes wirkt mit Macht. Diese Macht ist indes
keine brutale Gewalt, sondern geisterfüllte, erhellende Macht. Denn in dem
Worte wirkt Gott selbst. Dies ist leicht verständlich, wenn wir uns daran
erinnern, daß Gott das Wort mitkonstituiert. Der Wirkcharakter des Wortes tritt
hervor, wenn in der hebräischen Sprache für Wort und Geschehen der gleiche
Ausdruck, nämlich dabar,
gebraucht wird (vgl. z. B. Gen 15,1). In der Apostelgeschichte (10,36) wird
gesagt, daß Gott sein »Wort« zu den Kindern Israels gesandt hat (vgl. Lk
2,15; 3,2). Mit dem Ausdruck »Wort« ist Jesus und sein Heilswerk gemeint. Die
Wirkkraft des Wortes wird etwa von Dt-Jesajas bezeugt, wenn er (45,23) Gott
sagen läßt: »Ich schwur einen Eid bei mir selbst; aus meinem Munde ging Heil
hervor, ein Wort, das nicht ohne Wirkung zurückkehrt.« Es sei auch noch einmal
an die früher angeführte Stelle Jeremias 1,10 erinnert. Wenn umgekehrt ein
Prophet im Namen des Herrn etwas ankündigt, was sich nicht erfüllt, so ist
dies ein sicheres Zeichen dafür, daß nicht der Herr gesprochen hat, sondern
daß der Prophet selber vermessentlich geredet hat (Dtn 18,22). Gott wirft sein
Wort geradezu in das Volk hinein, damit es geschichtsmächtig wird. Auch dort,
90
wo
dem Wort Widerstand geleistet wird, erreicht es sein Ziel. »Denn lebendig ist
das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Es
dringt durch bis zur Trennung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark, und ist
ein Richter über die Gedanken und Gesinnungen des Herzens« (Hebr 4,12). Das
Wort vollzieht Gnade und Gericht an Israel (Jer 23,29; Deutero-Jes 50.2).
Der
Wirk- und Machtcharakter des Wortes drückt sich darin aus, daß es Geschichte
schafft. Es tritt nicht nur in einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte hervor.
Es läßt vielmehr aus seiner eigenen Dynamik Geschichte hervorgehen. Es ist
jeweils durch eine geschichtliche Situation bedingt und es treibt die Geschichte
weiter. Gott ist zwar nicht von der Situation abhängig, in die hinein er sein
Wort spricht, aber er überfällt die Menschen nicht in himmlischer Willkür,
sondern redet sie in der Weise an, wie es ihrer Existenzstufe entspricht. Nur
wenn jeweils die Zeit erfüllt ist, d. h, wenn die Menschen ansprechbar sind und
insoweit sie ansprechbar sind, werden sie von Gott angesprochen und dann
allerdings zu einer neuen Existenzstufe und einem neuen Verständnis Gottes und
ihrer selbst weitergeführt. Das Wort Gottes wirkt Geschichte, insofern es die
Menschen für bestimmte Handlungen in Bewegung setzt. Man darf sagen, daß seit
den Tagen Samuels das Wort Gottes die entscheidende Macht in der Geschichte
Israels ist (1 Sam 3.10 ff; 9,27; 15.26; 2 Sam 7,4 ff».
Die
gegenseitige Verschränkung von dem Ge-schichtswirken des Wortes und von der
Geschichte des Wortes selbst stellt sich darin dar, daß das Wort Gottes in
vielen Stufen gesprochen wurde, wie aus den ersten Worten des Hebräerbriefes (Hebr
1,1 ff) erkennbar ist. Es gab viele und lange Epochen der Ge-
91
schichte,
in denen kein Wort Gottes an die Menschen ergangen ist. Gott hat sich auch
jeweils nur in einem bestimmten Intensitätsmaß dem Menschen zugesagt, bis die
Fülle seiner Selbsterschließung in Jesus Christus erreicht wurde.
Diese
Beobachtung umfaßt zwei Momente. Die göttliche Offenbarung stellt von dem
ersten Augenblicke ihres Geschehens bis zu ihrem Kulminationspunkt in Jesus
Christus einen großen Zusammenhang dar. Dies wird nicht dadurch gehindert, daß
zwischen den einzelnen Wortgeschehnissen lange Zeiträume des göttlichen
Schweigens liegen. Jede einzelne Wortstufe ist offen für die nächste, mag
diese noch so weit von ihr entfernt sein. Sie wird von der nächsten aufgenommen
und in ihr aufbewahrt, bis wieder eine neue, höhere Stufe erreicht ist. Aus der
Fülle der göttlichen Liebe transzendiert sich jede Stufe auf die folgende hin.
Diese freilich wird nie mit Notwendigkeit aus der vorausgehenden entwickelt.
Jede einzelne Stufe ist vielmehr immer wieder Ausdruck des freien göttlichen
Entschlusses. Jede aber hat ihren Ort in dem der Zukunft zugewandten Gesamtplan
Gottes. Jede ist Erfüllung der vorausgehenden und Verheißung der kommenden. So
gibt es auch im Alten Testament nicht nur Verheißung, sondern auch Erfüllung.
Wenn man das Alte Testament freilich als Ganzes betrachtet, dann hat es nur den
Charakter der Verheißung und nicht den der Erfüllung. Christus selbst ist die
Erfüllung. Aber auch er weist wieder über sich hinaus auf die letzte und
endgültige Selbsterschließung Gottes. So stellt auch das Christusereignis
trotz seines Erfüllungscharakters einen Anfang und eine Verheißung dar, die
Verheißung nämlich der absoluten Zukunft (eschatologische Bedeutung. Siehe
Band 6).
92
Das
zweite Moment liegt darin, daß Gottes Geheimnis nicht in einem einzigen Anlauf,
sondern in einem schrittweisen Fortgang dem Menschen erschlossen wurde. Es ist
daher nicht verwunderlich, wenn über viele Offenbarungsaussagen, die im Neuen
Testament klar zutage liegen, im Alten Testament Dunkel gebreitet ist, wenn
viele bedrängende Fragen, z. B. jene nach dem menschlichen Schicksal jenseits
des Todes, lange unbeantwort blieben und erst spät in das Licht der Erkenntnis
traten. Nur wer den geschichtlichen Charakter der Offenbarung, d. h. deren
Entwicklungsprozeß übersieht, kann an einem solchen Vorgang Anstoß nehmen. Im
übrigen bietet auch die neutestamentliche Offenbarung keineswegs über alle
religiösen Fragen Auskunft, die uns interessieren würden.
Wenn
wir den geschichtseigenen und den geschichtsstiftenden Charakter des Wortes
Gottes betonen, müssen wir eine fundamentale Unterscheidung machen. Das Wort
Gottes begründete und führte weiter die Geschichte des israelitischen Volkes.
Mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes hat die so beschaffene
Geschichtsmächtigkeit ein Ende gefunden. Das Wort Gottes, welches in Christus
als Person erschienen ist, wird zwar bis zur Vollendung der Geschichte dem
Menschen zugesprochen und erweist darin seine Heilsmacht. Es stiftet aber nicht
mehr die Geschichte eines natürlichen Volkes. So muß man unterscheiden
zwischen dem Machtcharakter und dem Geschichtscharakter des Wortes Gottes. Der
erste kann sich ohne den letzten ereignen, nicht aber der letzte ohne den ersten
(Siehe Leo Scheffczyk, Von der Heilsmacht des Wortes, München 1966,185 ff».
93
8.
ABSCHNITT
Die Erstempfänger der Offenbarung
und
deren Weitergabe
1.
Kapitel
Hören als Unterwerfung?
Letztlich
ist die Offenbarung Gottes hingerichtet auf die ganze Menschheit. Sie hat eine
universale Intention. Der Weg aber, auf dem sie die ganze Menschheit erreichen
soll, ist partikulär. Eine Ausnahme bildet die Schöpfungsoffenbarung, (vgl. S.
19). Im übrigen aber wendet sich Gott, wenngleich er jedem Menschen seine
Selbsterschließung zugedacht hat, nicht unmittelbar an jeden einzelnen. Er
schenkt nicht unmittelbar jedem einzelnen ein neues Bewußtsein. Vielmehr wendet
er sich jeweils einem einzigen, von ihm Erwählten zu, als dem Vertreter einer
Gruppe, als dem Repräsentanten von Vielen, als einer kooperativen
Persönlichkeit. Ein solcher Mensch soll und muß, was er selbst empfangen hat,
an seine Gruppe weitergeben. Eine solche Sendung gehört wesentlich in den
Vorgang bestimmter göttlicher Offenbarungen hinein. Darin liegt zugleich die
Aufforderung an die anderen, dem so Erwählten in den inneren Anliegen des
eigenen Lebens, in den Fragen des Heiles zu vertrauen und sich seinem Worte
anheim zu geben. So ist die Offenbarung eine vermittelte Unmittelbarkeit. Dies
kann als ein Schlag gegen das eigene Selbstbewußtsein, gegen die persönliche
Souveränität empfunden werden.
94
Es
kann sich das Ärgernis auftun. Es liegt schon in der Frage, warum gerade
dieser, namentlich wenn der Offenbarungsträger nicht die höchste Stufe des
moralischen Lebens erreicht, ja wenn er durch sein moralisches Verhalten sogar
anderen ein schlechtes Beispiel gibt. Das Vertrauen auf den
Offenbarungsempfänger ist ohne irgendeine Form von Unterwerfung unter sein
Wort, welches er als Wort Gottes verkündet und für das er daher Vertrauen, ja
geradezu Gehorsam erwartet, ja fordert, nicht möglich.
Wenn
wir den Vorgang genauer analysieren, zeigt sich allerdings ein helleres
Resultat. Wenn nämlich das Innere eines Menschen durch das Wort eines anderen
in Bewegung gesetzt wird, so braucht dies keine Überfremdung des angesprochenen
Ich zu sein, und zwar deshalb nicht, weil von Haus aus jede menschliche Existenz
wesenhaft, nicht nur praktisch für die menschlichen Bedürfnisse des
alltäglichen Daseins, Mitexistenz ist, und daher jeder einzelne sein eigenes
menschliches Wesen nur durch die Aufnahme des anderen in sein Bewußtsein und in
sein Leben, also in Begegnung, durch seelische und geistige Partnerschaft zur
Entfaltung zu bringen vermag. Dieser Vorgang wird am meisten erfahren in der
menschlichen Liebe. Er gehört aber zu dem menschlichen Dasein überhaupt. Die
Aufnahme des Du wird nicht als eine Entfremdung, sondern als eine Erfüllung des
Ich empfunden und erlebt.
Im
Falle der Selbsterschließung Gottes kommt hinzu, daß der Hörende und
Empfangende nicht nur, durch das Wort des Mitmenschen bereichert, zu einer
höheren Stufe der Existenz emporgeführt wird, indem er am Leben und in dem im
Worte sich objektivierenden Bewußtsein des anderen teilnimmt, sondern durch
Gott selbst, durch den Gott, mit dem er von sei-
95
ner
menschlichen Existenz her verwandt ist, weil er Abbild Gottes ist. Gott ist es
ja, welcher das im Worte des Redenden sich darstellende Bewußtsein gebildet hat
und bewegt. So spricht Gott selbst den Einzelnen an, wählt aber hierfür einen
Menschen als Medium. Diese Wahl nimmt er in voller Freiheit vor. Gott geht also
zum Menschen über den Menschen, und es ist seinem Geheimnis vorbehalten, wen er
als Weg zum anderen wählt. Daß er aber überhaupt diesen Weg wählt, hat
seinen Grund in der Mitmenschlichkeit der individuellen Menschen. Dabei ist es
ähnlich wie in den höchsten Formen der zwischenmenschlichen Begegnung, in der
Liebe. Es ist das unsägliche Geheimnis der Liebe Gottes, welche sich über den
Offenbarungsempfänger den übrigen einsenken will. Wo sich im Alten Bunde die
Botschaft von der Selbsterschließung Gottes zusammenfaßt, wird die Liebe als
Inbegriff des Gesetzes proklamiert, die grundlose, unableitbare Liebe und die
durch sie hervorgebrachte Liebe des Menschen zum Menschen. Sie bleibt auch in
der Vermittlung des göttlichen Tuns bei einer zwischenmenschlichen Begegnung.
Der Mitteilende ist hierbei nicht nur durch seine eigene Menschlichkeit, sondern
durch das diese formende Gottesgeheimnis bestimmt.
Dazu
kommt, daß die Liebe Gottes, die auf dem Wege über den Erstempfänger andere
erreichen soll, den Charakter eines Angebotes, nicht eines Zwanges hat, und
daher die Freiheit herausfordert, aber nicht verletzt.
96
2. Kapitel
Sozialisierende
Kraft des Gotteswortes
Die
jeweils dem Akte der Selbsterschließung Gottes vorausliegende Einheit der
menschlichen Gruppe wird durch das Offenbarungswort, das im menschlichen Wort
ergriffen wird und sich an die anderen richtet, vertieft, verlebendigt und
überhöht. Die göttliche Selbsterschließung hat eine sozialisierende
Kraft. Der Mensch soll die ihn von seinem Wesen her bindende
Gemeinschaftlichkeit und Brüderlichkeit auch in der Dimension des Religiösen
erfahren und auf höherem Niveau vollziehen. Die Menschen sollen im Religiösen
ebensowenig nur nebeneinander leben wie in den übrigen Regionen des
menschlichen Daseins. Die Gemeinschaftlichkeit im Glauben richtet keine Wand auf
zwischen Gott und dem Einzelnen, durch welche die Gott-Unmittelbarkeit gehemmt
würde. Der Einzelne ist vielmehr zu Gott unmittelbar als Glied der Gruppe. Es
ist richtiger, zu sagen: Als Glied der Gruppe, nicht als Glied in der Gruppe,
weil so der Einzelne in seinem Eigensein klarer hervortritt (K. Rahner,
Schriften zur Theologie V, 1962; ebd. VI1965, 465).
3. Kapitel
Die
Last der göttlichen Erwählung
Für
den Erwählten ist seine Erwählung in der Regel eine schwere Last und eine
drückende Aufgabe. Deswegen wehren sich nicht wenige Propheten gegen
97
den
Auftrag Gottes wie gegen eine unerträgliche Zumutung. Sie werden aus ihrem
bisherigen Dasein, aus ihrem Sippenverband oder Familienverband, jedenfalls aus
dem kulturellen Boden, auf welchem sie leben, nicht selten herausgerissen. So
geschah es z. B. Abraham, der seine Heimat verlassen und zu einem fremden Volke
gehen mußte. Die Erwählten halten sich auch vielfach für unfähig und für
unwürdig, einen solchen Auftrag zu erfüllen und fürchten sich vor dem
Unbekannten und Undurchsichtigen, das ihnen gewiesen wird. Ein aufschlußreiches
Beispiel ist die Berufung des Propheten Jeremias (siehe S. 76f).
Die
Berufenen können dem Willen Gottes nicht entrinnen. Sie folgen ihm und setzen
sich in freier Entscheidung mit der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit für den
Vollzug des Auftrags ein. Gerade in diesem Totaleinsatz kann man die Echtheit
eines Propheten von der Anmaßung eines Pseudopropheten unterscheiden.
Die
von Gott in voller Freiheit gewählten Mittler der Offenbarung waren die
Patriarchen und Propheten, Christus und die Apostel.
4.
Kapitel
Zusammenwirken
von Gott und Mensch
Das
Zusammenwirken von Gott und dem die Offenbarung empfangenden Menschen in der
Offenbarung stellt ein tiefes, mit den Mitteln der menschlichen Ratio letztlich
nicht lösbares Problem dar. In der Schrift
98
wird
öfters das Bild gebraucht, daß Gott den Menschen seine eigenen Worte gegeben
habe, ja, daß er ihnen sein eigenes Wort in den Mund legte und sie dieses von
ihnen in den Mund genommene Wort weitergeben sollen. Mit diesem Bilde dürfte
gemeint sein, daß Gott die Offenbarungsträger erleuchtet und inspiriert, und
zwar derart, daß sie ohne jeden Zweifel wissen, Gott nehme sie in Anspruch,
daß sie auch ihren Auftrag und ihre Adressaten kennen, nicht aber, daß sie die
Wirkung ihres Redens und ihres Tuns vorauszusehen vermögen. Die Freiheit des
Offenbarungsempfängers schließt schwere Fragen in sich. Es wird ihm zwar durch
die göttliche Einwirkung ein bestimmter Auftrag gegeben, aber nicht werden ihm
bestimmte Formulierungen oder bestimmte Modi für die Weitergabe der ihm
aufgetragenen Offenbarungstaten auferlegt. Es bleibt vielmehr dies alles seiner
Freiheit überlassen. Dies aber heißt, daß in die Weise eines Auftragsvollzugs
eingeht die geschichtliche Situation, seine eigene persönliche Art zu denken,
zu spüren, zu reden, sein Sprachstil, sein kulturelles Bewußtsein, also sowohl
seine individuelle wie kulturelle und soziale Situation. Ebenso ist seiner Wahl
überlassen die literarische Form, in der er die ihm aufgetragene Rede
vorbringt. Ob er sie in einer Erzählung, in einem Berichte, einem Hymnus, in
einer Aufforderung, in einer Lobpreisung oder auf irgend eine andere
literarische Art zum Ausdruck bringt, das ist seiner eigenen Wahl anheimgegeben.
Für die Interpretation ist diese Freiheit des Offenbarungsempfängers von
großer Schwierigkeit. Zum Verständnis dessen, was er verkündet, ist sowohl
die geschichtlich-kritische bzw. die analytische als auch die hermeneutische
Methode anzuwenden. Hierüber wird später noch einiges gesagt werden müssen.
99
5. Kapitel
Übersetzung
der ursprünglichen Offenbarung
Natürlich
muß der Offenbarungsempfänger so zu anderen sprechen, daß sein Handeln und
Sprechen von der Gemeinschaft oder von der Gruppe, für die er bestimmt ist,
verstanden werden kann und verstanden wird. Dies hat aber zur Folge, daß er in
einer Weise handeln und in einer Form reden muß, welche zwar von seinen
Zeitgenossen aufgenommen, die aber nicht immer von Späteren verstanden werden
kann, die auch von jenen ihm gleichzeitigen menschlichen Gruppierungen nicht
ohne weiteres erfaßt wird, welche in einem ganz anderen Sprachfelde leben. Dies
bedeutet, daß die erste Übersetzung der göttlichen Inspiration in eine
menschliche Sprache immer wieder neue Übersetzungen fordert. Hier öffnet sich
ein Problem, das wir ebenfalls in einem späteren Zusammenhang noch einmal
aufgreifen müssen. Schon jetzt sei jedoch hervorgehoben, daß spätere
Formulierungen sich von der ursprünglichen nicht selten so tiefgreifend
unterscheiden, daß der ursprüngliche Sinn nicht mehr unmittelbar und leicht
begriffen werden kann. Innerhalb der Geschichte zeigt sich dies z. B. in den
schweren Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der Aristotelesrezeption
in die christliche Theologie und den Verteidigern der vor Thomas von Aquin
(gest. 1274) durch Augustinus geprägten Denkweise. Dieser Vorgang stellte nicht
nur eine Episode in der Theologie dar, sondern einen schweren Kampf und ein
hartes geistiges Ringen mit weittragenden Folgen. Ähnlich war es aber schon 800
bis 1000 Jahre vorher in der Aufnahme philosophi-
100
scher
Kategorien zur Darstellung der Gestalt Jesu Christi. Wie uns die Heilige Schrift
zeigt, kann es in dem Verlaufe der göttlichen Selbsterschließung auch zwischen
den Offenbarungsempfängern selbst zu tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten
kommen. Wir brauchen nur an den Gegensatz zwischen Petrus und Paulus in Bezug
auf die Verpflichtung der Christusgläubigen zur alttestamentlichen Beschneidung
zu denken. Auch dies war nicht eine harmlose Episode, es handelte sich vielmehr
um einen Gegensatz von großer Tiefe. Man kann dabei fragen, ob eine Weisung
Gottes nur für eine gewisse Zeit bestimmt sein kann oder ob sie für immer
gelten soll. In der Frage der Beschneidung sieht man, daß göttliche Weisungen
auch für eine Epoche gedacht sein können, während sie für eine andere Epoche
geradezu schädlich wären, daher nicht mehr in Geltung bleiben können. Nicht
kann eine solche Zeitbegrenzung naturgemäß für den Wahrheitsgehalt einer
göttlichen Selbsterschließung in Anspruch genommen werden. Dies würde ja
bedeuten, daß die Orthodoxie umgewandelt wird in eine Orthopraxie, unter
Aufgabe ihrer eigenen bisherigen Wahrheit.
6.
Kapitel
Menschliche
Freiheit in göttlicher Freiheit
Die
Tatsache, daß Gott in einem geschichtlichen, menschlichen Tun handelt und daß
er in einem geschichtlich faßbaren menschlichen Worte spricht, hat
101
zur
Folge, daß man die Offenbarungstat und die Offenbarungsworte nicht als
Ideologien mißverstehen kann und darf und daß ebensowenig die Verkündigung
des göttlichen Wortes oder die Verkündigung der göttlichen Taten in der
Gestalt von Menschenworten und Menschentaten Indoktrination ist. Es ergeben sich
jedoch aus diesem Zusammen von Gott und Mensch im Handeln und im Tun
schwerwiegende Probleme. Man kann nämlich fragen, ob durch das Tun Gottes nicht
das menschliche Tun ausgeschaltet wird oder ob durch das menschliche Tun das Tun
Gottes für Gott nicht bloß zu einer Gelegenheit wird, sich selbst in Sicht zu
bringen, so daß entweder Gott oder der Mensch ausfallen müssen. Diese
Überlegung ist für manche Formen des Atheismus der Grund, Gott zu leugnen. Man
lehnt die Existenz Gottes ab, weil Gott, wenn es ihn gäbe, die menschliche
Freiheit bedrohen oder vernichten würde. Es liegt indes hier ein zwar nicht
leicht zu behebendes, aber dennoch durchschaubares Mißverständnis vor. Gott
ist ja geradezu der Begründer der menschlichen Freiheit. Man kann nicht die
These aufstellen: Je weniger Gott wirkt im Menschen, umso mehr ist der
menschlichen Freiheit Raum gegeben. Je mehr Gott im Menschen wirkt, um so mehr
werde die menschliche Freiheit zurückgedrängt. Man muß vielmehr umgekehrt
sagen: Je mehr Gott wirkt im Menschen, um so größer ist die Möglichkeit für
das freie menschliche Wirken. Nur Gott kann so auf den Menschen wirken, daß
dessen Freiheit nicht aufgehoben, sondern ausgelost wird.
102
7.
Kapitel
Geschichte des Wortes Gottes
Die
Dynamik des göttlichen Wortes darf nicht einseitig verstanden werden. Das Wort
Gottes gibt dem Menschen nicht nur Antriebe und Impulse, sondern auch Inhalte.
Dies letzte sei noch eigens betont. Es zeigt sich sowohl im Alten als auch
im Neuen Testament. Es wurde schon mehrfach hervorgehoben, wie sehr sich der
Apostel Paulus um das rechte Verständnis des Kreuzestodes und der
Auferstehung bemühte. Er legt das Ergebnis seiner gläubigen Reflexion in einer
vielfältigen Lehre dar. Ein einseitiger Dynamismus und Aktualismus würde dem
Sinne und der Tragweite des Wortes Gottes widersprechen,
Zu
einem tieferen Verständnis des schon hervorgehobenen Zusammen von Deutung und
Wirkung vermag ein Durchblick durch die Geschichte des Wortes Gottes nach ihren
Hauptphasen zu verhelfen.
Für
diesen Zweck muß noch einmal daran erinnert werden, daß die Sinaioffenbarung
(Ex 19 f) in der Mitte aller alttestamentlichen Offenbarungen steht. In diesen
Ereignissen war Mose der von Gott bestellte Mittler, welcher die Selbstzusage
Gottes an das Volk Israel diesem auszurichten hatte. Auf Grund der Erfahrungen,
die das Volk Israel in seiner Geschichte mit Gott machte, hat es das gesamte
göttliche Tun als Wortgeschehen verstanden. Unter diesem Aspekt wurde auch die
Entstehung der Welt und deren Erhaltung dem Worte Gottes zugeschrieben. Das
Problem der Entstehung der Natur tritt zwar im alttestamentlichen Denken
gegenüber der Auslegung der Geschichte als einer göttlichen
Selbsterschließung zurück. Zudem geht es in den Texten, welche von der
103
Entstehung
der Welt sprechen, nie um ein kosmologisches Problem, sondern immer um die
Heilsfrage. In der Priesterschrift (Gen 1,1-31) des Buches der Genesis wird die
Entstehung der Welt als der Beginn des göttlichen Heilshandelns beschrieben.
Die Verfasser sind dabei nicht von der Sorge erfüllt, ob sie von einer
natürlichen oder übernatürlichen Dimension innerhalb der Schöpfung sprechen.
Diese von der späteren Theologie ausgearbeitete, für das Verständnis der
Offenbarung wichtige Unterscheidung lag ihnen nicht am Herzen. Man wird wohl dem
Geiste des Alten Testamentes am ehesten gerecht, wenn man betont, daß ihm zwar
der Begriff des Übernatürlichen unbekannt war, daß aber die Wirklichkeit,
welche man in der mittelalterlichen Theologie mit diesem Worte benannte, von
Anfang an präsent war, und zwar nicht in seiner eigenen Dynamik, sondern in der
vorauswirkenden Dynamik des verheißenen Messias. Die Tatsache, daß nach der
Priesterschrift Gott die Welt durch das Wort hervorgerufen hat, scheint darauf
hinzuweisen, daß es von Anfang an Gottes Absicht war, mit den Geschöpfen in
ein vertrautes Gespräch einzutreten. Dies ergibt sich auch daraus, daß nach
der Genesis der Mensch das Gespräch mit Gott zwar abgebrochen hat, daß aber
Gott trotzdem beim Dialog geblieben ist und ihn gewissermaßen immer wieder von
neuem gesucht hat. Die Verfasser der Genesis kennen nur ein Wort Gottes, das
sich in vielen Stufen entfaltete. Sie sprechen von dem Worte Gottes, das die
Welt rief, nicht anders als von dem Worte, welches Mose mit der Befreiung des
Volkes beauftragt hat. Gott hat die Dinge gerufen, und sie sind gekommen. Durch
den Ruf Gottes werden sie auch in ihrem Dasein erhalten. Wie eng das Wort, durch
das Gott Himmel und Erde hervorgerufen hat, mit dem Worte an Israel zusam-
104
menhängt,
ergibt sich etwa aus Psalm 19,1-15. Auch in Psalm 147 werden Jahwes
Schöpfungshandeln und sein Heilstun zur Einheit integriert. Für
Deutero-Jesajas ist das schöpferische Wort Gottes, durch das die Dinge
entstehen, nicht nur das erste der geschichtlichen Gotteswunder, sondern selbst
ein Heilsgeschehen. Es ist die Grundtage aller kommenden göttlichen Heilstaten
(Gen 1,1-31; Jes 38,13; Dt-Jes 40,26; Pss 33,6.9; 147,4; 148,5; Sir 39.17;
42,15; Jdt 16,15 f).
Sowohl
nach dem jahwistischen wie nach dem elohistischen Text wurde Abraham durch das
Wort Gottes aus seiner Heimat und aus seinem Vaterhause gerufen. Es wurden ihm
große Nachkommenschaft und ein gesegnetes Land verheißen (Gen 12; 15).
Darüber hinaus wird ihm gesagt, daß in ihm alle Geschlechter der Erde gesegnet
sein sollen. Gottes Bund mit Abraham war der Vorläufer des Mosebundes. In dem
sogenannten »kleinen geschichtlichen Credo« wird dieser Zusammenhang feierlich
bekannt (Dtn 6,20-25; 26,5b-9; Jos 24,2b-13). Die von Gott gefügte Geschichte
Abrahams ist die Einleitung der Geschichte Israels, des Gottesvolkes (s. W.
Richter, Beobachtungen zur theologischen Systembildung in der alttestamentlichen
Literatur an Hand des »kleinen geschichtlichen Credo«, in: Wahrheit und
Verkündigung, Paderborn 1967,175-212).
8. Kapitel
Bundeschließung durch das Wort
Durch
sein Wort hat Gott endgültig den Bund mit dem von ihm erwählten Volk
geschlossen (Ex 14,1-8). Mose war der Mittler. Nach ihm ist kein Prophet auf-
105
gestanden
wie er (Dtn 5,4; 34,10 ff). Das Grundgesetz des Bundes ist der Dekalog (Ex
20,3-17; Dtn 4,13; 10,4). Die Mitte aller Forderungen Jahwes an sein Volk ist
die Liebe Israels zu ihm (Dtn 4,37; 7,6 ff; 10,12 ff; 11,1.13.22; 30,16.20). Der
Dekalog bekommt geradezu die Bezeichnung »die zehn Worte« (Ex 34,28). Sie
gelten als das Ganze der heilshaften Willenskundgebungen Jahwes an Israel. Wir
haben von diesen Vorgängen mehrere Überlieferungsformen. Nach Exodus 19,20-24
heißt es: »Der Herr war auf den Sinaiberg, und zwar auf die Spitze
herabgekommen. Er rief den Mose auf die Spitze des Berges, und Mose stieg
hinauf. Da sprach der Herr zu Mose: „Steige hinab und befiehl nachdrücklich
dem Volke, daß es zu dem Herrn nicht durchbreche, um ihn zu sehen, denn viele
müßten sonst umkommen. Auch die Priester, die dem Herrn sich nähern, sollen
sich jetzt in ehrfurchtsvoller Entfernung halten, damit der Herr gegen sie nicht
losbricht.' Da entgegnete Moses dem Herrn: Das Volk kann ja gar nicht zum Berg
Sinai hinaufsteigen, denn du selbst hast es uns eingeschärft: ,Ziehe eine
Grenze um den Berg und erkläre ihn für geweiht.' Der Herr sagte nun zu ihm:
,Geh, steige hinab und komme mit Aaron wieder hinauf. Die Priester aber und das
Volk sollen die Grenze nicht durchbrechen, um zum Herrn hinaufzukommen; er
würde sonst gegen sie losziehen,' «Nach der Priesterschrift lautet der Text
(Ex 24,15 ff.): »Mose stieg auf den Berg hinauf und sodann verhüllte die Wolke
den Berg. Der Lichtglanz des Herrn schlug auf dem Berge Sinai seine Wohnung auf,
die Wolke bedeckte ihn sechs Tage lang, und am siebenten Tage rief er den Moses
mitten aus dem Gewölk. Der Lichtglanz des Herrn aber erschien den Israeliten
wie ein auf dem Bergesgipfel gierig fressendes Feuer. Mose ging in die Wolke
hinein, stieg den Berg
106
hinauf
und verblieb vierzig Tage und vierzig Nächte.« Ein Redaktor interpretiert den
Vorgang, in welchem das Volk Donnerschläge, Blitze, Posaunenschall und den
rauchenden Berg wahrnahm, in Furcht und Zittern von ferne stehen blieb und Mose
bat, er möge mit Gott reden, damit sie nicht, wenn sie mit ihm sprächen,
sterben müßten, und daß sich Mose auf diese Bitte der dunklen Wolke näherte,
in der Gott war, mit folgenden Worten: »Nun sprach der Herr zu Moses: .Sprich
also zu den Israeliten: Ihr habt es miterlebt, wie ich vom Himmel her mit euch
gesprochen habe'« (Ex 20,22). In zahllosen Einzelvorschriften werden die »zehn
Worte« ausgelegt, entfaltet und angewendet (Ex 21 ff; 25,1-31; 35,1-39.43).
Besonders wichtig ist die Zentralisation des Kultes.
Jahwe
ließ dem Volke durch Mose den Bund zur Annahme vorlegen (Ex 24,3). Der Bund
sollte von beiden Bundespartnern in Freiheit geschlossen werden. Das Volk
antwortete: »Alles, was der Herr gesprochen, wollen wir befolgen« (Ex 24,7).
Der Bundesvertrag wurde schriftlich fixiert, damit er in Israel immerfort als
Erinnerung an Gottes gnädige Erwählung und als Grundlage des geschichtlichen
Handelns dem Volke gegenwärtig bleibe (Dtn 4,2.5 ff; 31,24 ff) und das
Vergangene als etwas heute und hier Geschehendes aktualisiert werden könne.
In
der Zeit der Propheten wurde das Volk durch die prophetische Rede immer wieder
an den Bund gemahnt. Wenn es den Bund verläßt, hält Gott Gericht, nicht um
das Volk zu verwerfen, sondern um es zur Bundestreue zurückzurufen. Das
prophetische Wort hat daher die Funktion, im Volk das Bundesbewußtsein
wachzuhalten oder es wieder zu wecken. Zugleich allerdings weist es das so oft
abtrünnige Volk zur Bekehrung und zur Hoffnung in die Zukunft.
107
9. Kapitel
Selbstrepräsentation
Gottes im Wort
Eine
besondere Form der göttlichen Selbsterschließung im Wort stellen die "Ich-bin"
-Formeln dar. Sie treten vor allem bei Deutero-Jesajas auf, und zwar in der
Gestalt eines Rechtsstreites zwischen Jahwe und den Götzen, d. h. in der
Auseinandersetzung mit der polytheistischen Umwelt. In diesem Rechtsstreit steht
die Einzigkeit Gottes zur Diskussion. Nach Deutero-Jesajas 43,10 ist das, was
erkannt, geglaubt und eingesehen werden soll, die Wahrheit, »daß Ich es bin«,
»daß vor mir kein Gott gebildet ist und nach mir keiner je sein wird«. Gott
selbst ruft die Angehörigen seines Volkes zu Zeugen dafür an, daß er der
einzige Gott ist, daß er der Erste und der Letzte ist und daß es außer ihm
keinen Gott gibt (Deutero-Jes 43,12; 44,8 f; 44,66). Jahwe allein kann Propheten
senden. Ein prophetisches Wort, das eintrifft und als geschichtsmächtige,
rettende Tat wirkt, kann von den Göttern nicht vorgewiesen werden (Dt-Jes
44,9). Jahwe bezeugt sich also durch sein geschichtsstiftendes Wort in Israel.
Israel ist Zeuge für das Gottsein Jahwes und für die Einzigartigkeit und
Einzigkeit Gottes (0. Semmelroth. Die Heilskraft des Wortes, Frankfurt 1965. Fr.
Mußner, Die Wunder Jesu, München 1967. J. Barr, Bibelexegese und
moderne Semantik, München 1965).
108
9.ABSCHNITT
Jesus als der Vollender
des
Offenbarungswortes
1. Kapitel
Die
Worte Jesu
Das
ganze Alte Testament zielt auf die Gegenwärtigsetzung des präexistenten
Gotteswortes in der menschlichen Geschichte. Es wird der Tag Jahwes in Aussicht
gestellt (Jes 2,12; Dt-Jes 49,8; Joel 2,1; Mal 3,2), ein Tag, an welchem Gott
selbst in der menschlichen Geschichte als handelndes Subjekt erscheint. In Jesus
Christus ist das Wort Gottes nicht mehr bloß als geschichtswirkende Macht
bezeugt, sondern als personhafte Wirklichkeit in der Geschichte. Wenn das Neue
Testament Christus das Wort nennt, so denkt es zunächst nicht an die
innergötttiche Selbstaussage des Vaters, sondern an die Selbstaussage Gottes
gegen über der Welt.
Das
Neue Testament setzt das in den Schriften des Alten Testamentes entfaltete
Verständnis des Wortes Gottes voraus, nimmt es auf und führt es weiter.
Prophetensprüche werden als Gotteswort zitiert (Mt 1,22; 2,15; Apg 28,25; Lk
1,70; Apg 3,21; Hebr 1,10; 10,16 ff; 2 Petr 1.21). Insbesondere galt die
mosaische Gesetzgebung als Wort Gottes (Mk 7,8-13; vgl. Hebr 12, 19.25 f). Auch
im Neuen Testament erscheint das Schöpferwort Gottes in engster Verbindung mit
seinem Heilswort (Rom 4,17; 2 Kor 4,6; Hebr 11,3; 2 Petr 3,5 ff; Joh 1,18; siehe
Band 3».
109
Die
ältesten Schriften des Neuen Testamentes nennen nicht Christus selbst das Wort
Gottes. Diese Bezeichnung ist vielmehr erst das Ergebnis einer langen
theologischen Reflexion. Es liegt uns vor in den späten paulinischen (aber auch
2 Kor 6,7f) und in den johanneischen Schriften. Aber auch die Synoptiker
erklären von Jesus, daß er durch sein Wort den Vater im Himmel auslegt und den
Menschen das Heil bringt. So scheint nach diesen letzteren ntl. Texten das Wort
Gottes, das Jesus Christus spricht, zunächst keine andere Bedeutung zu haben
als das altestamentliche Wort, das Gott durch die Propheten und durch Mose, das
Urbild alles Prophetischen, sagt. Dennoch ist die Situation völlig verändert.
Denn Jesus richtet seine Verkündigung mit einer unvergleichlichen Vollmacht aus
(Mk 1,5; Mt 7,28 f; Lk 4,32). Dabei beruft er sich nicht, wie die Propheten des
Alten Testamentes, auf einen göttlichen Auftrag. Er spricht vielmehr in eigener
Autorität (Mt 5-8). Außerdem entscheidet sich an der Annahme und an der
Ablehnung des von ihm gesprochenen Wortes das Heil und das Unheil (Mt 11,2-6).
»Wer sich meiner und meiner Worte schämt in diesem ehebrecherischen und
sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er
kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln« (Mk 8,38; vgl.
Mt 10,32 f; Lk 12,8 f). Er ist der Sämann, der den Samen des Wortes streut (Mk
4,1 ff).
In
den Worten Jesu zeigt sich immer wieder, daß er den Anspruch erhebt, an Stelle
Gottes zu reden. Eben deshalb fordert sein Wort eine letzte Entscheidung heraus.
Wer sein Wort ablehnt, lehnt Gott selbst ab. Was kein Prophet und kein Lehrer zu
sagen gewagt hätte, das vollzieht Jesus, indem er zu Verlorenen und Verachteten
hinzutritt und ihnen sagt: »Deine Sünden
110
sind
dir vergeben« (Mk 2,5). Oder. indem er das Sabbatgebot interpretiert und darin
zugleich beansprucht, den Sinn des Alten Testamentes endgültig zu deuten. Was
das Alte Testament letztlich gemeint hat, das bleibt bis zu Christus hin offen
und wird erst durch ihn authentisch erklärt.
Es
ist begreiflich, daß die Worte Jesu als unerhört und aufreizend empfunden
wurden. Von besonderem Gewichte ist es, daß seine Worte Wirklichkeit schaffen,
insbesondere die Verzeihung der Sünden, d. h. das rechte Verhältnis des
Menschen zu Gott. Die Worte Jesu selbst erweisen sich als Heilstaten. Wo das
Wort Jesu laut wird, vollzieht sich heilsmächtiges Geschehen. Als er die
anbrechende Gottesherrschaft proklamierte, begannen ihre Zeichen aufzuleuchten,
und die vorgezeichnete Zukunft beginnt schon in die Gegenwart hineinzuwirken (Mk
1,15; Mt 12,28). Daß das Wort Jesu den ganzen Menschen, nicht nur sein Denken
und Wollen, sondern seine ganze, leibhaftige Existenz bestimmen will, wird
besonders eindrucksvoll im elften Kapitel des Johannes-Evangeliums offenkundig.
Nach der Aussage Jesu, daß er die Auferstehung und das Leben sei, und man im
Glauben an ihn schon den Schritt vom Tode zum Leben getan habe, läßt der
Evangelist die Auferweckung des Lazarus folgen und zeigt damit sinnenfällig,
daß das vollmächtige Gotteswort schaffend wirkt und den ganzen Menschen
ergreift (E. Lohse, Deus dixit, in: Evangelische Theologie 25,1965,567-585».
So
kann denn der Evangelist Lukas den Auferstandenen sagen lassen (Lk 24,44):
»Dies sind meine Worte, die ich zu euch sagte, da ich noch bei euch war, daß
alles erfüllt werden müsse, was im Gesetz des Mose, in den Propheten und
Psalmen über mich geschrieben steht.« Nach diesen Worten schloß er
111
den
Aposteln, wie Lukas fortfährt, den Sinn auf, damit sie die Schriften verstehen
konnten. Er erklärte den Sinn seines Todes und seiner Auferstehung. Daraus
ergibt sich, daß die »Worte« nichts anderes sind als die Erhellung der
Ereignisse von Golgotha und vom Ostermorgen. In ihnen hat Gott sich den Menschen
in einer endgültigen Weise zugesagt.
2.
Kapitel
Jesus als das vom Vater gesandte Wort
Wenn
die Synoptiker Jesus auch nicht förmlich das Wort Gottes nennen,
so zeigt doch die theologische Interpretation, die sie von Jesus geben, daß sie
ihn praktisch als das vom Vater an die Menschen gerichtete definitive und nicht
mehr überholbare, allen Menschen bestimmte Wort des Heiles verstehen. Was Jesus
sagt, kommt aus der Mitte dessen, was er ist. Weil seine Worte Heil schaffen,
kann man ihnen sakramentale Bedeutung zuschreiben. Und weil sie nichts
anderes sind als Epiphanie seiner selbst, kann man ihn selbst sakramental
nennen.
In
einer besonderen Weise weiß sich Paulus zum Dienste am Wort berufen. Ihm ist
das Wort anvertraut (Gal 2,7). Denn durch die Übertragung des
Apostolates ist ihm die Proklamation des Wortes aufgetragen worden (1 Kor 9,16
ff.). Der Dienst am Worte erfordert die persönliche Hingabe des Apostels. Er
darf dem Worte kein Hindernis bereiten, sei es durch eigensüchtige Ziele der
Verkündigung, sei es durch Darbietung
112
menschlicher
Weisheit oder eigener geistlicher Erfahrungen. Er muß im Geiste des Glaubens an
das Wort einen christusförmigen Wandel führen und Leiden für das Wort auf
sich nehmen, so daß das Leiden Christi, das er verkündet, durch seine
Existenz bezeugt wird (2 Kor 1,3 ff; 4,16; 11,23 ff). Das Wort, das Paulus
verkündet, ist das Wort Gottes selbst (1 Thess 2,13). Gott ist nicht nur sein
Gegenstand, sondern zugleich sein Subjekt. Es ist das Wort des Herrn (2 Kor
13,3). Aber das Wort, das Christus spricht, ist zugleich das Wort, das der
Apostel verkündet (2 Kor 5,20; 1 Thess 1,8; 2 Thess 2,14). Über dieses Wort
hinaus wird den Menschen kein weiteres Wort Gottes geschenkt werden. Es ist das
Ja und Amen Gottes zu den göttlichen Ankündigungen (Röm 10,16 f; 2 Kor
1,19f). In dem Worte, welches Paulus verkündet, ist das von ihm verkündete
Heil selbst anwesend (2 Kor 5,19 f). Der proklamierte Christus ist im
proklamierenden Wort präsent (1 Kor 11,26; Röm 1,17; 2 Kor 4,4; 2 Tim 1,10 f).
Er ist Ja selbst das verkündigende Subjekt (Röm 8,2; 1 Kor 2,13; Eph 6,17).
Erfahren wird freilich die Heilsmacht Gottes nur von den Gläubigen (Röm 1,16;
1 Kor 1,18; 15,1; Eph 1,13; Kol 1,5 u. a.).Auch denen gegenüber, die es
ablehnen, erweist es sich als Macht, und zwar zum Unheil und zum Untergang (Röm
11,28 ff; 1 Kor 1,18ff; 2 Kor 4,3 ff; 2 Thess 1,8). Es ist in jedem Fall eine
kritische Kraft. Sein Ziel freilich ist es, mit Christus und in Christus die
Versöhnung, die Wahrheit, das Leben, die Hoffnung und die Freiheit zu erwirken.
In
Jesus ist das Wort Gottes endgültig geworden. In dieser Endgültigkeit bleibt
es aktuell. »Es ist, wie der Hebräerbrief zeigt, ein großes Geschehen: das
Reden Gottes zu den Vätern durch die Propheten, das Reden Gottes durch den Sohn
'am letzten Tage', das anfäng-
113
liche
Reden durch den Herrn, das 'festigende' Reden durch die 'Hörenden', das parakalein
in der versammelten Gemeinde und zuletzt
der logoV paraklhsewV des
Hebräerbriefes selbst (vgt. Hebr 1,1; 2,2-4; 3,13; 10,25; 13,22). Jedoch kreist
von dem Augenblick ab, da Gott zu uns durch den Sohn redete, alles Reden um
diesen Sohn und füllt so die letzten Tage aus, immer von neuem das 'Heute'
erinnernd und das Angebot des 'Sabbath' und der 'Ruhe' noch einmal, 'noch eine
kleine Zeit, ganz klein' ergehen lassend (Hebr3,17ff; 4,4; 10,37.« H. Schlier,
Wort, in: H. Fries, Handbuch theologischer Grundbegriffe, II, München 1963, S.
864).
Am
meisten entwickelt erscheint der Begriff des Wortes im johanneischen Schrifttum.
In der Johannes-Offenbarung heißt der erhöhte Herr einfachhin der »Amen«. Er
ist die letzte und endgültige Bestätigung aller göttlichen
Selbstverheißungen. Er ist der verlässige und wahrhaftige Zeuge, der Anfang
der Schöpfung Gottes (Offb 3,141. Im Johannes-Evangelium wird die Person Jesu
einfachhin »Wort« Gottes genannt. Wort und Person werden identifiziert. Nach
Johannes ist Jesus das vom Vater an die Menschen gerichtete Wort. In ihm ist der
Vater selber sichtbar geworden. Die Zusammenschau dessen, was Jesus war, sagte
und tat im »Worte« bzw. im »Worte Gottes«, ist die schöpferische Leistung
der Johanneischen Theologie. Auf das engste verwandt mit dem Begriff des Wortes
ist der Begriff des Zeugen. Wenn Jesus spricht, legt er Zeugnis ab. Und zwar
legt er in der Welt Zeugnis ab vom Vater. Besonders aufschlußreich ist
folgender Text: »Der von oben herkommt, ist über allen; der aus der Erde ist,
der ist aus der Erde und redet von der Erde aus. Der aus dem Himmel kommt, ist
über allen. Was er gesehen und gehört hat, davon gibt
114
er
Zeugnis. Niemand aber nimmt sein Zeugnis an. Wer jedoch sein Zeugnis annimmt,
der bekundet, daß Gott wahrhaftig ist. Wen nämlich Gott gesandt hat, der redet
die Worte Gottes; denn ohne Maß gibt er den Geist. Der Vater liebt den Sohn und
hat alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer
aber auf den Sohn nicht hört, wird das Leben nicht schauen, sondern Gottes Zorn
bleibt auf ihm« (Joh 3,31-36).
Dieser
Text weist darauf hin, daß Johannes bei dem Sein Jesu einsetzt, um dessen
Zeugnis von Gott zu erklären. Man darf wohl sagen, daß uns hier eine Bewegung
des Denkens begegnet, welche derjenigen des Apostels Paulus entgegengesetzt ist.
Während Paulus zunächst die Funktion Christi erfährt und von ihr aus
zurückfragt nach dem Sein Jesu, geht Johannes von diesem letzteren aus und
fragt von ihm aus nach der Funktion Jesu. Durch die Analyse der Funktion
allerdings gewinnt er wieder ein tieferes Verständnis des Seins. Jesus ist die
Selbstaussage Gottes an die Welt.
Um
diesen Satz zu verstehen, ist es nötig, ein paar Worte zu der Johanneischen
Weltvorstellung zu sagen. Johannes spricht vom Kosmos nicht um des Kosmos
willen, sondern um des Menschen willen. Der Kosmos ist der von Gott durch das
Wort geschaffene Daseinsraum des Menschen (Joh 9,5; 10; 12,25; 13,1; 16,21;
17,5.11.13.15.24; 1 Joh 4,17). Die Welt ist hier vor allem als die notwendige
Voraussetzung für das geschichtliche Handeln des Menschen gesehen. Es ist nach
Johannes derselbe Logos, welcher der Grund der Welt ist und dann in der Welt
Gottes Offenbarungsanspruch erhebt. Im Grunde kommt der Offenbarer nicht in
einen ihm gänzlich fremden Bereich, sondern in das ihm Zukommende (Joh 1,11).
Die Welt wird nach Johannes erst vom Menschen zu dem ge-
115
macht,
was sie wirklich ist. Sie ist nicht von Haus aus sündig. Infolge der Sünde des
Menschen aber wird verdeckt, daß sie Geschöpf Gottes ist. Ihr
Geschöpfcharakter tritt nicht mehr rein in Erscheinung. Infolge der
Vorbelastung der Welt durch das sündige menschliche Handeln kommt es zu einer
dramatischen Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Menschen bzw. der Welt.
Die Weltöffentlichkeit kann gegenüber Jesus, ihrem ursprünglichen Grunde,
nicht neutral bleiben. Sie muß ihn als den zu ihr Gehörenden annehmen oder als
einen Fremden ablehnen. Sie verschließt sich gegenüber Jesus, im Widerspruch
zu ihrer eigenen Struktur. So kennt Johannes nicht nur das dem Gnostizismus
entlehnte Schema von dem Grundsatz zwischen unten und oben, sondern auch und in
entscheidenderem Maße das Heilsdrama, welches sich zwischen dem
menschgewordenen, in die Welt gekommenen Gottessohnes Jesus und der Welt bzw.
der von den Menschen geschaffenen Geschichte abspielt.
Johannes
begreift Jesus Christus als den vom Vater Gesandten. Dieser seiner Funktion
entspricht es, wenn er in Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters ein
geschichtliches Werk vollbringt. Dies ist Heilswerk für die Gläubigen,
Unheilswerk für die im Unglauben Verharrenden. Das Heilswerk Jesu ist in seiner
Gänze ein Wort Gottes an die Menschen. In seinem Werke zeigt sich aber Jesus
auch in seiner eigenen Art. Sein Werk ist daher ein Selbstzeugnis und zugleich
eine Bezeugung des göttlichen Heilswillens. Die Selbstbezeugung Jesu und die
Bezeugung seines Vaters integrieren sich zu einem unlöslichen Ganzen. Indem
Jesus Christus sich als den vom Vater Gesandten bezeugt, bezeugt er den Vater.
Diesen aber bezeugt er nur so, daß er sich als den von oben Gesandten be-
116
zeugt
(siehe für diese Darstellung R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium. 3 Bde.,
1965-1975, H. Teil, 1971,59-70).
3. Kapitel
Jesu Kenntnis Gottes des Vaters
Das
die Bezeugung des Vaters in sich schließende Selbstzeugnis Jesu ist
zuverlässig. Denn er redet wie ein Wissender. Es heißt bei Johannes (8,14);
»Jesus antwortete ihnen: Wenn ich auch über mich selbst Zeugnis gebe, so ist
mein Zeugnis doch wahr, weil ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich
gehe; ihr aber wißt nicht, woher ich komme und wohin ich gehe.«
Jesus
kennt seinen ewigen Ursprung und sein ewiges Ziel. Er kennt aber auch den
irdischen Weg. Er kann den Vater offenbaren, weil er ihn kennt. Dieses sein
Zeugnis kann keinem irdischem Maßstab unterworfen werden, weil niemand den
Vater so kennt wie er. Durch ihn kommt die Offenbarung des Vaters. Was und wer
dieser ist, zeigt sich in Jesus. So ist Jesus zugleich der Offenbarer und die
Offenbarung, Subjekt und Inhalt der Offenbarung in einem. Man kann nicht seine
Funktion als Offenbarer von seiner Funktion als Offenbarung trennen. Würde man
nur das erste Moment sehen, verfiele man einem reinen Dynamismus und
Aktualismus. Würde man nur das zweite Moment sehen, so würde sich die Gefahr
eines reinen Objektivismus erheben. In beiden Fällen würde der johanneische
Offenbarungsbegriff verfehlt. In dem Zusammen von Offenbarer und Offenbarung
kommt noch
117
einmal
zum Ausdruck, daß Jesus sich selbst nicht anders bezeugen kann, als dadurch,
daß er zugleich den Vater bezeugt. Er kann sich ja nur bezeugen, indem er sich
als den Sohn des Vaters bezeugt. Es ist für die Struktur des johanneischen
Offenbarungsbegriffes entscheidend, daß sich in ihm die Einheit von
Selbstzeugnis Jesu und der Bezeugung Gottes darstellt. Zugleich ist ersichtlich,
daß Jesus Christus als Sohn Gottes konstitutiv ist für die Offenbarung;
konstitutiv in zweierlei Hinsicht: er ist konstitutiv für die Offenbarung als
menschlichen Weg zu Gott sowie für den Glauben an Gott und die mit dem Glauben
eröffnete Gotteserkenntnis, so daß der Glaube an Gott notwendig zugleich
Glaube an Jesus Christus ist. Das Konstitutiv-Sein Christi für den Glauben
besagt nicht nur, daß der Glaube faktisch mit Christus den Anfang machen muß,
sondern daß Jesus Christus für alles menschliche Gläubigsein die
konstitutive, d. h. die den Glauben ermöglichende, begründende, tragende und
vollendende Mitte bleibt.
Diese
Strukturzusammenhänge treten an einem für Johannes charakteristischen Begriff
lebendig zutage, nämlich an dem Begriff der Wahrheit (Joh 14,6; 18,37).
Christus bezeugt sich selbst als die Wahrheit. Das Wort muß aber auch
verstanden werden als Zeugnis für Gott. Die Wahrheit ist nicht etwas außerhalb
seiner Liegendes, sie ist vielmehr in ihm und durch ihn gegenwärtig. Er steht
der Wahrheit nicht wie ein von ihr verschiedener Zeuge gegenüber. Er selbst ist
die Wahrheit, insofern in ihm der lebendige Gott aus seiner Unzugänglichkeit
herausgetreten und den Menschen zugänglich geworden ist. Wer daher Jesus
ablehnt, verschließt sich vor dem Gott, der sich in ihm zeigt: Wer Christus
ablehnt, ist ein Ungläubiger.
118
Der
Gott, auf den sich Jesus immerfort beruft, ist keine anonyme Größe. Es ist
vielmehr der seinen Zuhörern wohlbekannte Gott, von dem Abraham und Mose
Zeugnis gegeben haben. Es ist ein und derselbe Gott, der in dem Alten Testament
durch die Väter sprach und der jetzt durch den Sohn redet. Angesichts der
gegenwärtigen, im Sohne erfolgenden Offenbarung zeigt sich, ob man Gott in
seinen früheren Worten verstanden hat. Denn was er immer gemeint hat und worauf
er immer hinzielte, ist eben der in der Welt erschienene Sohn. Die in Jesus.
vollzogene Selbsterschließung Gottes aktualisiert und vollendet alle früheren,
in den Schriften bezeugten Offenbarungen. Seit Jesus Christus kann das Alte
Testament nur dann als Gottes Wort verstanden werden, wenn es als Vorwort des
endgültigen Wortes Gottes Jesus verstanden wird.
4. Kapitel
Jesu
Selbstidentifizierung mit Gott im Worte
So
kann Jesus auch die höchste Offenbarungsformel, in welcher sich Gott im Alten
Testament ausspricht, nämlich die Formel »Ich bin« auf sich anwenden. Die
altehrwürdige Selbstbezeugung Gottes in der Formel »Ich bin es« findet ihre
eigentliche Erfüllung in jenem Wort »Ich bin es«, welches der menschgewordene
Logos ausspricht. Die alttestamentliche Formel erreicht ihren Gipfel in dem
Augenblick, in welchem Jesus als der »Ich bin es« leibhaftig innerhalb der
119
menschlichen Geschichte vor den Menschen steht. Es ist paradox, daß ein geschichtlicher Mensch die höchste Formel der Selbstaussage Gottes in aller Strenge als Selbstaussage für sich in Anspruch nehmen kann. Es ist, als sagte Jesus hier: »Die Offenbarung Jahwes, das bin ich. Ich bin die Stätte göttlicher Gegenwart und Offenbarung in der Geschichte.« Diese Formel macht den irdischen Kairos Jesu Christi zur Ewigkeit und die Ewigkeit zum irdischen Kairos. Angesichts dieser Aussage gibt es nur den Glauben, der diesen Kairos ergreift, oder den Unglauben, der ihn verwirft, indem er zu den Steinen greift. Diejenigen, die sich mit Jesus auseinandersetzen, haben es mit dem »Ich bin, der ich bin« selber zu tun, mit dem geschichtlichen Offenbarer und Repräsentanten Jahwes, und so mit Jahwe selbst. Jetzt wird auch deutlich, daß diese Auseinandersetzung notwendig zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte werden muß, weil sich der Gott des Alten Testaments in Jesus auf einmalige und einzigartige Weise vergegenwärtigt hat. Der gesamte Anspruch Gottes an Israel, wie er im Lauf der Geschichte immer wieder vernehmlich geworden war, erscheint in Christus konzentriert und zugleich in seltsamer Distanz zurückgestellt; es ist ja »ein Mensch«, der diese Wahrheit redet (nach J. Blank, Krisis, Würzburg 1964.227-230).
5. Kapitel
Das Wort Gottes in der Apostelgeschichte
Die
Apostelgeschichte schildert uns die Verwurzelung und das Wachstum des Wortes
Gottes in der er-
120
sten
christlichen Generation {Apg 6,7; 12,24; 13,49). Sie zeigt uns vor allem, wie
Petrus und Paulus es verkündet haben und welche Wirkung ihre Verkündigung
hatte. Zunächst schildert sie die Wirksamkeit des Wortes unter den Juden mit
Jerusalem als Mittelpunkt, sodann die Grundlegung und die Festlegung der Mission
unter den Heiden mit Antiochia als Mittelpunkt und endlich die Heidenmission,
vor allem die Missionstätigkeit des Apostels Paulus. Es ist in den letzten
Jahrzehnten bis zur heutigen Stunde viel darüber diskutiert worden, ob die in
der Apostelgeschichte berichteten großen Reden wirklich so gehalten wurden, wie
sie uns überliefert sind, oder ob sie ausschmückende und stilisierende
Schöpfungen des Verfassers sind, denen ein historischer Kern zugrunde liegt.
Für unsere Frage spielt dieses Problem keine große Rolle. Das Geschehen,
welches Gott in Jesus von Nazaret von den Anfängen in Galiläa bis zu den
Erscheinungen des Auferstandenen wirkte, bildet in allen Reden der
Apostelgeschichte den Ausgang und das Hauptargument. Im apostolischen Wort
gelangte das Heilswort zu Juden und Heiden (Apg 10,36 f; 40 f; 13,26). Es ist
Gott selbst, der im apostolischen Wort redet und wirkt (Apg 17,30; 21,19). Aber
auch Jesus als der erhöhte Herr wendet sich in dem Worte seiner Jünger an die,
welche an ihn glauben (Apg 13,38f; 26,23). Die Apostel reden Gottes Wort. Sie
bezeugen, was sie gehört und gesehen haben. Sie stehen unter der Herrschaft des
von ihnen Geschauten und Gehörten (Apg 1,8.22; 2,32). Das Wort Gottes behält
daher seine Souveränität. Es gerät nicht in die Macht der Menschen. Der
Heilige Geist eröffnet im Worte der Apostel das wahre Verständnis Jesu Christi
(Apg 1,8). Der Inhalt der apostolischen Predigt ist im wesentlichen immer der
gleiche. Die Apostel sprechen von dem Heilstode und
121
vor
allem von der Auferweckung Jesu Christi (Apg 1,22; 2,32; 4,1 f.; 8,35; 17,18;
18,11; 19,13; 26,8). Sie interpretieren die Auferstehung Jesu Christi als die
Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung. Es gehört zur wesentlichen
Struktur des apostolischen Kerygmas, daß Christus auferweckt wurde, gemäß den
Schriften, nämlich des Alten Testaments (Apg 2,39; 13.23.32f; 26,6.22).
Christus ist in der Auferweckung der Herr und der Heilbringer geworden. In dem
Glauben an ihn oder in dem Unglauben gegen ihn wird sich auch das Heil und das
Unheil entscheiden. Er wird der kommende Richter sein (Apg 10,32).
Anhang
Wort
Gottes und Personalität Jesu
Der
biblische Tatbestand zeigt, daß man das Wort Gottes nicht von der Person Jesu
loslösen kann. Er ist die Epiphanie des ewigen Wortes Gottes; dieses drückt
sich aus in den Worten, in denen Jesus die Herrschaft Gottes aufrichtete.
Während in der katholischen Theologie lange Zelt das »Wort Gottes« zu wenig
betont wurde, gab Ihm Luther einen solchen Akzent, daß es einer von Jesus als
Person trennbaren Hypostase nahekommt. Das Wort für sich selbst muß nach ihm
dem Herzen genugtun; der irdische Jesus ist nicht der letzte Grund des Glaubens.
Der wahre Glaube hält sich an das Wort (P. Althaus, Die Theologie Martin
Luthers, Gütersloh 1962,53; P. Hacker, Das Ich im Glauben bei Martin Luther,
Graz 1966). Aus der Unter-schätzung der Person für den Glauben und der
lsolierung des »Wortes« konnte sich die Entmythologisierungstheologie R.
Bultmanns entwickeln.
122
9. Kapitel
Heilige Schrift und Wort Gottes
a)
Gottes Wort im Schriftwort
Die
Dialektik zwischen göttlicher und menschlicher Verfasserschaft führt uns zu
dem Problem, ob bei der eben beschriebenen Sachlage die Heilige Schrift noch
Wort Gottes genannt werden kann. Die Antwort darauf kann nur in einer
differenzierten Weise gegeben werden. Das Zweite Vatikanische Konzil hat wie
schon erwähnt eine zweigestufte Antwort geboten. Einmal sagt es nämlich, daß
die Heilige Schrift das Wort Gottes enthält, Dies bedeutet offenbar, daß das
Wort Gottes mit der Heiligen Schrift nicht einfachhin identisch ist. Auf der
anderen Seite jedoch erklärt das gleiche Konzil, daß die Heilige Schrift das
Wort Gottes ist. Offensichtlich sind für diese dialektische Lösung
verschiedene Gesichtspunkte wirksam. Es läßt sich nicht leugnen, daß man die
Heilige Schrift nicht schlechthin mit dem Worte Gottes identifizieren kann. Denn
sie enthält Passagen, welche nicht Wort Gottes genannt werden können, die
vielmehr der Veranschaulichung, der Einwurzelung der Offenbarung in einem
bestimmten, kulturellen Zusammenhang dienen oder auch persönliche Verhältnisse
des Verfassers schildern. Man braucht sich nur an den Philemonbrief des Apostels
Paulus oder an seine persönlichen Ratschläge in anderen Briefen oder an die
Versicherung des Lukas zu erinnern, daß er für die Abfassung seines
Evangeliums alle erreichbaren Quellen benützt hat. Das inspirierte Schriftwort
geht also über das Offenbarungswort hinaus. Es bleibt zugleich und noch fol-
155
genreicher
hinter ihm zurück. Denn es ist, wie wir schon hervorgehoben haben, das
geschriebene Zeugnis der Apostel und der apostolischen Kirche für das Wort
Gottes. Das Wort Gottes selbst ist daher die hohe Instanz, auf welche die
Schrift immerfort verweist und verwiesen bleibt. Sie enthält das Bezeugte in
sich, das immer größer ist als das Zeugnis. Die schriftliche Form des Kerygmas
ist ähnlich wie das mündliche Kerygma die Selbstoffenbarung des auferstandenen
Christus, welches in das Zeugnis der Zeugen eingegangen ist. So besteht ein
Insein der Offenbarung im menschlichen Schriftwort (K. H. Schelkle, Wort und
Schrift, Düsseldorf 1966).
Aus
diesem Grunde ist auch die von manchen evangelischen Theologen geäußerte
Befürchtung hinfällig, daß die Anwesenheit des Gotteswortes im Schriftwort zu
einer Herrschaft des Menschenwortes über das Gotteswort führe. So wenig dies
von der mündlichen Verkündigung gesagt werden kann, so wenig kann es von der
schriftlichen Fixierung gesagt werden. Auch bei der letzteren bleibt Gott selbst
der Herr seines Wortes. Das Schriftwort steht im Dienste des Gotteswortes.
Es
sei eine aufschlußreiche Äußerung von L. Scheffczyk (vgl. S. 86) zitiert
(224); »Für die Realität des Verhältnisses von Gotteswort und Menschenwort
läßt sich ableiten, daß weder der einzelne noch die Kirche über die wahre
Macht des Wortes Gottes verfügen können, wenn sie dieses Wort in der endlichen
Form eines Menschenwortes haben. Das Gotteswort, obgleich wirklich im
Menschenwort anwesend, bleibt dann immer das Uneinholbare und Unausschöpfbare,
in das hinein man wie in einen unermeßlichen Raum weiterschreiten muß, selbst
wenn man in ihm steht und einen Bezirk von ihm innehat. . . Diese Inkom-
156
mensurabilität
hängt nicht nur an der Unvollkommenheit und Schwäche des menschlichen
Zeugnisses und Ausdrucks. Sie ist im Wesen Gottes und seines vollkommenen
Offenbarungswortes begründet, das auch dem vollkommensten menschlichen Wort nur
inadäquat ausdrückbar bleibt.«
b)
Das Schriftwort als Gottes Wort
In
einem anderen Sinne kann man auch behaupten, daß die Heilige Schrift das Wort
Gottes ist, und zwar deshalb, weil sie vom Heiligen Geist inspiriert ist und
sich daher der Heilige Geist im Menschenworte der Schrift ausdrückt und
darstellt. Diese These hat natürlich nichts zu tun mit der altprotestantischen
Verbalinspiration. Der Heilige Geist schenkt sich vielmehr als ungeschaffene
Gnade dem menschlichen Geist und eröffnet so diesem neue Einsichten und
Erkenntnisse, welche im Schriftwort zum Ausdruck kommen. Da sich in den
Menschenworten, welche ihre volle menschliche Eigenart bewahren, der Heilige
Geist selbst durchsetzt und zur Aussage bringt, ist er zugleich das redende
Subjekt. Man kann noch weiter zurückgehen. Der Heilige Geist ist von Jesus
Christus gesandt. Paulus erweckt gelegentlich den Eindruck, daß der von
Christus gesandte Heilige Geist mit dem erhöhten Herrn selbst (wenn auch nur
dynamisch) identisch ist. Wenngleich eine solche gelegentlich vorgenommene
Identifizierung nicht der Lehre des Apostels allseitig entspricht, so zeigt sie
doch, daß im Geiste Christus selbst wirkt. So kommt man zu dem Ergebnis, daß
die Schrift nicht nur ein Wort über Christus, sondern das Wort des erhöhten
Christus über sich selbst ist, daß er also im menschlichen Subjekt selbst
redendes Subjekt ist. So ist es verständlich, daß
157
uns
in der Heiligen Schrift immer wieder die Aufforderung begegnet, auch die
geschriebenen Worte bzw. das geschriebene Kerygma in den Gemeinden vorzulesen
(z. B. 1 Thess 1.25; 1 Kor 5,9; Kol 4.16; 2 Thess 2.2.15; 2 Kor 10,11 f; 1 Tim
3,14 f; 1 Petr 5,12; Hebr 13,22; Joh 20,30 f; 21,24; Offb 1,3; 22,7.9 f; 18).
10. Kapitel
Die Wahrheit der Heiligen Schrift
a)
Allgemeine Grundsätze
Die
menschliche Beteiligung am Zustandekommen der Heiligen Schriften führt zu dem
schweren Problem der Wahrheit der Schrift. Man könnte zunächst die Meinung
vertreten, daß der von Gott erwählte menschliche Schriftsteller auch mit
irrigen Vorstellungen an der Verfasserschaft beteiligt ist, soweit es sich nicht
um die göttliche Offenbarung selbst handelt. Diese These wird in der Tat von
evangelischen Theologen gelehrt. In den kirchenamtlichen katholischen
Äußerungen wurde sie stets abgelehnt. In der Äußerung des Zweiten
Vatikanischen Konzils ist gewissermaßen eine Kompromißlösung zu sehen,
insofern nach vielen Verhandlungen einerseits betont wird, daß die Heiligen
Schriften sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, daß diese aber
andererseits in einem anschließenden Relativsatz als jene Wahrheit bezeichnet
wird, die »Gott um unseres Heiles willen in
158
Heiligen
Schriften niedergelegt haben wollte«. Demgemäß ist, wie das Zweite
Vatikanische Konzil erklärt, sorgfältig zu erforschen, was die heiligen
Schriftsteller zu unserem Heile wirklich haben sagen wollen und was Gott mit
ihren Worten kundzutun für gut befunden hat. Insbesondere ist in diesem
Zusammenhang daran zu erinnern, daß das Zweite Vatikanische Konzil mit
literarischen Gattungen rechnet.
b)
Literarische Form und inhaltliche Aussage
Man
wird der sowohl von Papst Pius XII. als auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil
beschworenen Situation gerecht, wenn man unterscheidet zwischen Aussagegestalt
und Aussageinhalt der Offenbarung. Bei der Wichtigkeit der Sache und der noch
weithin bestehenden Unklarheit und Verwirrung dürfte es angebracht sein,
hierüber ein vertiefendes und klärendes Wort zu sagen. Das ganze Problem
führt allerdings soweit in sprachlogische und sprachphilosophische Dimensionen
hinein, daß zu seiner vollen Lösung eine sprachphilosophische Untersuchung
nötig wäre. Martin Buber, dem wir wenigstens zum Alten Testament eine
besonders nahe Kontaktbezogenheit zuschreiben müssen, bietet einen Beitrag zur
Aufhellung des Problems, wenn er behauptet: da die Menschen früherer Zeiten
unvorhergesehene, eindrucksvolle Ereignisse, welche die geschichtliche Situation
wie mit einem Schlage verändert haben, in einer fundamentalen Erregung ihres
ganzen Wesens aufgenommen haben, lebe der von einer solchen Begeisterung
ergriffene Mensch in einem Prozeß des Staunens, das alle plastischen Kräfte
der Seele in Bewegung setze. Was sich dabei vollzieht, ist nicht eine Umdichtung
des Wahrgenommenen durch die freischaffende Phantasie,
159
sondern
die bildnerische Darstellung des Ereignisses in seiner Geschichtsmächtigkeit.
Die
Unterscheidung ist von höchster Wichtigkeit, wie uns manche verhängnisvollen
geschichtlichen Vorgänge, etwa der Galilei-Prozeß oder der Gegensatz zwischen
der Theologie und der Evolutionsthese im 19. Jahrhundert zeigen. Sie ist
allerdings nicht so einfach, wie es im ersten Moment zu sein scheint. Dies wird
deutlich, wenn wir bedenken, daß die sprachliche Gestalt nicht bloß ein Kleid
ist, in welches der Inhalt hineinschlüpft, ebenso wenig ein Gefäß, in welches
der Geist hineinströmt, daß sie vielmehr für den Inhalt eine ähnliche
Funktion hat, wie der Leib für den Geist und daher ihrerseits Rückwirkungen
auf den Sinn des Inhaltes ausübt und selbst sinnhaltig ist. Aussageinhalt und
Aussageform bilden ein einheitliches Ganzes. In der Sprache, im Wort als der
sinnhaltigen Form stößt immer Geist auf Geist, indem der Redende den Hörenden
anspricht und nicht nur mechanisch wie in einer Hülle Inhalte übermittelt
werden.
Durch
das »Ansprechen« wird der Geist des Hörenden in Bewegung gesetzt, so daß er
Gedanken hervorbringt, welche denen des Redenden entsprechen, derart, daß er
sie in eine ihm angemessene sinnhaltige Form übersetzt (E. Betti, Die
Hermeneutik als allgemeine Methodik der Geisteswissenschaften, Tübingen 1962).
Dennoch
muß es möglich sein, nicht nur eine Unterscheidung, sondern eine Scheidung
vorzunehmen, so daß wir, wenn auch mit vielen Reserven und Unsicherheiten sagen
können, was in der Dimension der Aussage und was in der Dimension der
Aussagegestalt liegt. Dies gilt auch, wenn man sagt, die je neue Verkündigung
verlange die Aktualisierung. Es fragt sich eben, was aktualisiert werden müsse.
160
c) Norm für die Unterscheidung von Form und Inhalt
Wichtig
ist es, eine Norm für diese Unterscheidung zu finden. Wie schwierig es ist,
eine solche zu erkennen, zeigt gerade der jahrhundertelange Streit, ja die
Feindschaft zwischen der kirchlichen Verkündigung und der Theologie einerseits
und der Naturwissenschaft mit ihren verschiedenen Disziplinen andererseits.
Sowohl die Theologen als auch die Naturwissenschaftler waren im allgemeinen
davon überzeugt, daß es hier nur ein Entweder-Oder gibt. Vielfach
beschränkten sich die Theologen auf die abstrakte und formale Aussage, daß in
Wahrheit kein Widerspruch bestehen könne, weil es sowohl für den Glauben als
auch für die Wissenschaft nur eine Quelle gebe, nämlich Gott. Aber eine solche
These bekam keine konkrete, lebendige Wirksamkeit, weil sie sich nur im Himmel
der formalen Behauptung bewegt.
Wenn
sich heute die Situation verändert hat, darf man die Frage stellen, ob nicht
das siegreiche Vordringen der Naturwissenschaft die Theologen veranlaßt hat,
offensichtlich unhaltbar gewordene Positionen preiszugeben und vor dem Sieger
resigniert zurückzuweichen. Derartiges müßte man in der Tat annehmen, wenn es
für die Unterscheidung von Aussageinhalt und Aussageform keine Norm gäbe. Daß
es jedoch eine solche gibt, ist ein einleuchtendes Ergebnis aller unserer
bisherigen Überlegungen und wird auch durch die Texte des Zweiten Vatikanischen
Konzils nahegelegt. Wenn sich nämlich Gott dem Menschen in seiner
Selbsterschließung mitteilt, geht seine Absicht dahin, ihn in das rechte, in
das heilshafte Verhältnis zu sich selbst zu setzen oder genauer, ihn in die
absolute Zukunft seiner unmittelbaren Selbstmitteilung zu rufen. Was diesem
Ziele dient, muß zum unmittelbaren In-
161
halte
der in der Schrift bezeugten Offenbarung gerechnet werden. Die Art der
Erschaffung der Welt und deren Struktur oder die Art der Erschaffung des
Menschen ist von dieser Finalitiät der göttlichen Selbsterschließung nicht
unmittelbar betroffen, es sei denn, daß das Wesen des Menschen so bestimmt
werden muß, daß seine ausgezeichnete Stellung gegenüber allen übrigen
Geschöpfen einsichtig wird. Andererseits gilt: In der apostolischen Zeit wird
die besondere Heilsgeschichte verkündet, indem Jesus als der verheißene
Messias proklamiert und seine Auferweckung bezeugt wird. Dies ist zweifellos
für die absolute Zukunft des Menschen fundamental. Es bedeutet daher eine
Preisgabe des biblischen Glaubens, wenn man die Auferstehung des Herrn als eine
mythische Form ansieht.
d)
Schrift und Mythos
Der
Offenbarungsinhalt wird in der Schrift vielfach in mythischen Bildern geboten.
Aber die Bildersprache kann nicht einfachhin als Mythos bezeichnet werden. Denn
der Mythos stellt ein dramatisches Geschehen dar. Es ist nicht sicher, ob in der
Schrift für die Darstellung des Inhaltes der Offenbarung über die mythischen
Bilder hinaus auch der Mythos selbst verwendet wird. Gleichviel, wie diese Frage
zu beantworten ist, es muß für das Verständnis der Schrift zwischen dem
etwaigen mythischen Element und dem Offenbarungsinhalt unterschieden werden.
Für diesen Prozeß kann man sagen: die Schrift muß entmythologisiert werden.
Sie hat selbst schon in grundlegender Weise Entmythologisierung getrieben, indem
sie den einen, lebendigen Gott bezeugt und die weltimmanenten Götter entthront.
Die »Entmythologisierung«, welche in
162
der
Interpretation des zu entmythologisierenden Schriftwortes vorgenommen wird,
bedeutet eben, daß sie die von der Schrift schon geleistete Entmythologisierung
interpretiert (siehe die Lehre von dem Schöpfergott in Band 3).
e)
Die Wahrheit der Schrift nach dem II. Vat. Konzil
Über
die bisherigen Lösungsversuche führt hinaus und zwar in sehr tiefgehender
Weise, was das Zweite Vatikanische Konzil über die Wahrheit der Heiligen
Schrift gesagt hat. (Der Ausdruck »Irrtumslosigkeit« ist in der Konstitution
über das Wort Gottes vom Konzil vermieden worden.) Der Ausdruck »Wahrheit«
ist in der Heiligen Schrift anders zu verstehen als in den weltlichen
Wissenschaften. Das ergibt sich schon daraus, daß man in der Heiligen Schrift
eine Anrede Gottes sehen muß, und zwar nicht eine einmalige, im Akte der
.Entstehung der Schrift von Gott vollzogene Anrede an den Menschen. Sie ist
vielmehr eine dauernde Ansprache Gottes an den Menschen, sie ist eine Gottesrede
(DV, 9). Auch in Nr. 2 der Konstitution wird gesagt, daß in der Offenbarung der
unsichtbare Gott redet, und zwar als überströmende Liebe an die Menschen wie
an Freunde, daß er in dieser Rede mit ihnen verkehrt, um sie in seine
Gemeinschaft einzuladen. In Nr. 21 sagt das Konzil: »In den heiligen Büchern
kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und
nimmt mit ihnen das Gespräch auf. Und solche Gewalt und Kraft ist im Worte
Gottes, daß es für die Kirche Halt und Leben, für die Kinder der Kirche
Glaubensstärke, Seelenspeise und reine unversiegliche Quelle des geistlichen
Lebens ist. Darum gelten in der Heiligen Schrift in besonderer Weise die Worte: ,Lebendig
ist Gottes
163
Rede
und wirksam' (Hebr 4,5), mächtig aufzubauen und das Erbe auszuteilen unter
allen Geheiligten« (Apg 20,32; vgl. 1 Thess 2,13). Aus dem Redecharakter der
göttlichen Offenbarung ergibt sich, daß sie Gemeinschaft und Liebe stiftet
zwischen Gott und dem von ihm angesprochenen Menschen. Sie ist weit davon
entfernt, nur eine Information zur Bereicherung des Wissens zu sein. Wer sie so
verstünde, würde ihren Kernsinn verfehlen. Die göttliche Offenbarung als
Gottesrede gibt den Menschen und der ganzen kirchlichen Gemeinschaft Mut und
Halt.
Über
das Geheimnis, welches das Verhältnis von Gott und Mensch darstellt, äußert
sich das Konzil nicht. Es überläßt das Problem des Zusammenwirkens von
göttlichem Urheber und menschlichem Ausführer der Theologie. Die durch das
Konzil geschaffene Situation gibt der menschlichen Freiheit einen größeren
Raum als bisher. Allerdings ist dadurch der Mensch auch mehr als bisher durch
die Defekte eines biblischen Buches belastet. Beachtlich ist, daß das Konzil
davon spricht, daß die Heilige Schrift sicher, getreu und irrtumsfrei die
Wahrheit lehrt, die um unseres Heiles willen niedergelegt werden soll. Mit
diesen sorgfältig gewählten Formulierungen legt es einen Kompromiß vor
hinsichtlich der Frage, ob auch die profanen Wahrheiten in der Dimension der
Inspiration liegen (siehe S. 211). Mit der zitierten Konzilsaussage wird die
Bundestreue Gottes in das Gespräch gebracht. Was Gott den Menschen zusagt, das
ist ihnen ein für allemal zugesagt. Es wird von Gott nicht mehr
zurückgenommen. Seine Barmherzigkeit steht fest für ewig. Aber auch seine
Gerichte werden nicht verharmlost. Durch die Aussagen des Konzils wird vielen
früheren Spekulationen in der Theologie bezüglich der Inspiration ein Riegel
vorgeschoben.
164
Mit
E. Biser (Ausgegrenzt und Eingewiesen, Überlegungen zu einer Standort
bestimmung der Kirche, Münch. Theol. Ztschr. 19, 1968,15) läßt sich das
Problem mit dem Blick auf die heutige Lage so charakterisieren: »Zum andern ist
noch immer mit Nachwirkungen jener geistigen Situation zu rechnen, in der die
christliche Botschaft in einem mehr oder minder wissenschaftsfreien Raum
verkündet wurde und darum nur dann auf hinreichend verständliche Weise
verkündet werden konnte, wenn der Hörer, zusammen mit der Kunde von seinem
Heil, auch eine Deutung des Seins und damit eine Art provisorisches Weltbild
erhielt. Von daher mußte es geradezu zu Konflikten mit der aufstrebenden
Wissenschaft kommen. Sie dokumentieren indessen nicht, wie es in der
Retrospektive den Anschein hat und insbesondere bei der Diskussion des Falles
Galilei durchklingt, den immer wieder versuchten Übergriff der Kirche auf
Bereiche außerhalb ihrer Zuständigkeit, sondern den ihr gewaltsam abverlangten
und darum auch nur widerwillig hingenommenen Verzicht auf einen Beitrag, der
ehedem unzertrennlich mit dem pastoralen Dienst am Menschen verknüpft schien.«
(Siehe auch E. Biser, Theologische Sprachtheoria und Hermeneutik, München
1970.)
Das angegebene Kriterium für die theologische Differenz stellt ein Prinzip dar, mit dessen Hilfe sich Aussageinhalt und Aussagegestalt unterscheiden lassen. Seine Anwendung freilich wird häufig nicht geringe Schwierigkeiten machen. Zunächst sei nur zu einem Lösungsversuch gesagt, daß die letzte Kompetenz beim kirchlichen Lehramt liegt, das allerdings seinerseits sich wiederum der Hilfe der theologischen Wissenschaft bedienen wird.
f)
Die Entstehung der Evangelien
Eine eingehendere und genauere Einsicht in das Problem wird uns der Blick
auf die Entstehung der neutestamentlichen Schriften, insbesondere der Evangelien
gewähren.
Hierfür
müssen neuerdings das Zweite Vatikanische Konzil genannt werden sowie die wie
eine prolep-
165
tische
Kommentierung anmutende »Instructio de historica Evangeliorum veritate« der
Päpstlichen Bibelkommission vom 21. April 1964. Hier soll nur der Text des
Konzils selbst dargeboten werden. Er bedeutet, wie schon die Enz. »Dinvino
afflante Spiritu« (1943) eine Wende für die gesamte theologische Wissenschaft
und verdient daher eine ausführliche Anführung.
»Das
Wort Gottes, Gottes Kraft zum Heil für jeden, der glaubt (vgl. Röm 1,16),
kommt zu einzigartiger Darstellung und Kraftentfaltung in den Schriften des
Neuen Bundes. Denn als die Fülle der Zeit kam (vgl. Gal 54,4), ist das Wort
Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, voll Gnade und Wahrheit (vgl. Joh
1,14). Christus hat das Reich Gottes auf Erden wiederhergestellt, in Tat und
Wort seinen Vater und sich selbst geoffenbart und sein Werk durch Tod,
Auferstehung, herrliche Himmelfahrt und Sendung des Heiligen Geistes vollendet.
Von der Erde erhöht, zieht er alle an sich (vgl. Joh 12,32 griech.); denn er
allein hat Worte des ewigen Lebens (vgl. Joh 6,68).
Anderen
Geschlechtern wurde dieses Geheimnis nicht kundgetan, wie es nur geoffenbart
worden ist seinen heiligen Aposteln und Propheten im Heiligen Geist (vgl. Eph
3,4-6 griech.), damit sie das Evangelium verkünden, den Glauben an Jesus als
Christus und Herrn wecken und die Kirche sammeln. Dafür sind die Schriften des
Neuen Testamentes das unvergängliche und göttliche Zeugnis.
Niemandem
kann es entgehen, daß unter allen Schriften, auch unter denen des Neuen Bundes,
den Evangelien mit Recht ein Vorrang zukommt. Denn sie sind das Hauptzeugnis
für Leben und Lehre des fleischgewordenen Wortes unseres Erlösers.
Im
apostolischen Ursprung der vier Evangelien hat die Kirche immer und überall
festgehalten und hält
166
daran
fest; denn was die Apostel nach Christi Gebot gepredigt haben, das haben später
unter dem Anhauch des Heiligen Geistes sie selbst und apostolische Männer uns
als Fundament des Glaubens schriftlich überliefert: Das viergestaltige
Evangelium nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.
Unsere
heilige Mutter, die Kirche, hat entschieden und unentwegt daran festgehalten und
hält daran fest, daß die vier genannten Evangelien, deren Geschichtlichkeit
sie ohne Bedenken bejaht, zuverlässig überliefern, was Jesus der Sohn Gottes
in seinem Leben unter den Menschen zu deren ewigem Teil wirklich getan und
gelehrt hat, bis zu dem Tage, da er aufgenommen wurde (vgl. Apg 1,1-2). Die
Apostel haben nach der Auffahrt des Herrn das, was er selbst gesagt und getan
hatte, ihren Hörern mit jenem volleren Verständnis überliefert, das ihnen aus
der Erfahrung der Verherrlichung Christi und aus dem Lichte des Geistes der
Wahrheit zufloß. Die biblischen Verfasser aber haben die vier Evangelien
redigiert, indem sie einiges aus dem Vielen auswählten, das mündlich oder auch
schon schriftlich überliefert war, indem sie anderes zu Überblicken
zusammenzogen oder im Hinblick auf die Lage in den Kirchen verdeutlichten, indem
sie schließlich die Form der Verkündigung beibehielten, doch immer so, daß
ihre Mitteilungen über Jesus wahr und ehrlich waren. Denn ob sie nur aus
eigenem Gedächtnis und Erinnern schrieben
oder auf Grund des Zeugnisses jener, die von Anfang an Augenzeugen und Diener
des Wortes waren, es ging ihnen immer darum, daß wir die Wahrheit der Worte
erkennen sollten, von denen wir Kunde erhalten haben (vgl. Lk 1,2-4).
Der
neutestamentliche Kanon umfaßt außer den vier Evangelien auch die Briefe des
heiligen Paulus und andere apostolische Schriften, die unter der Ein-
167
gebung
des Heiligen Geistes verfaßt sind. In ihnen wird nach Gottes weisem Ratschluß
die Botschaft von Christus dem Herrn bestätigt, seine echte Lehre mehr und mehr
erklärt, die heilbringende Kraft des göttlichen Werkes Christi verkündet; die
Anfänge der Kirche und ihre wunderbare Ausbreitung werden erzählt und ihre
herrliche Vollendung vorausverkündet.
Denn
der Herr Jesus ist bei seinen Aposteln geblieben, wie er verheißen hatte (vgl.
Mt 28,20), und hat ihnen als Beistand den Geist gesandt, der sie in die Fülle
der Wahrheit einführen sollte (vgl. Joh 16,13).« (DV, Nr.1720)
g) Die Heilige Schrift als Glaubenszeugnis und Glaubensverkündigung
Nach
den Äußerungen des Konzils und der erwähnten »Instruktion«, in deren
Aussagen Ergebnisse der heutigen exegetischen Wissenschaft verwendet werden, ist
zu sagen, daß die Bücher des Kanons nicht als Literaturwerke bestimmter
Autoren im heutigen Sinne verstanden werden können. Sie sind Glaubenszeugnisse
auf geschichtlicher Grundlage. Das heißt: Sie sind theologisch reflektierte und
geprägte Berichte. Christus wird in ihnen gesehen und dargestellt im Lichte des
Ostergeheimnisses. Lehre und Leben Jesu werden nicht einfach weitererzählt,
damit die Erinnerung daran nicht schwindet. Sie werden vielmehr verkündet, so
daß sie der Kirche Fundament des Glaubens und des Lebens sein können, wie die
Instruktion bezüglich der Evangelien sagt. Die »Instruktion« gibt zu
erkennen, daß die Wahrheit der Evangelien nicht dadurch erreicht wird, daß man
sich an ein fundamentalistisches Buchstabenverständnis bindet (J. A. Fitzmayr,
Die Wahrheit der Evangelien, Stuttgarter Bibel-Studien, Stuttgart 1965).
168
11.
KAPITEL
Die
Evangelien: ihre Eigenart
a) Die Evangelien als Sammelwerke und Verkündigungsgrundlage
Das
Konzil und die vorausgehende »Instruktion« weisen darauf hin, daß die
Evangelien, die wichtigsten der kanonischen Schriften, in einem Dreischritt
entstanden sind. Der erste Schritt betrifft den Umgang der Jünger mit Jesus. In
dieser Phase liegen die unmittelbar von Christus gesprochenen Worte (»verba
ipsis-sima«). Die zweite Phase liegt zwischen der Erhöhung Jesu Christi und
der Abfassung der kanonischen Schriften, insbesondere der Evangelien. Es ist die
Zeit der Verkündigung Jesu im Lichte der Auferstehung, der schriftlichen
Objektivierung in unseren kanonischen Schriften. Diese Verkündigung wird noch
greifbar in manchen in den Evangelien und gelegentlich auch in den Briefen
vorkommenden kerygmatischen Kurzformeln. Sie stellt sich dar in katechetischen
und homiletischen Zusammenfassungen, wie sie uns etwa in der Apostelgeschichte
oder 1 Kor 15,3 b - 5, in missionarischen Proklamationen, in Taufbekenntnissen,
in Gebeten, Hymnen und anderen Formeln begegnen. Die Verfasser dieser
urapostolischen Verkündigungstexte dürfen wir naturgemäß in den Kreisen der
Apostel suchen. Diese Texte sind jedoch nicht mit einem bestimmten Namen
verbunden und tragen daher einen anonymen Charakter. Sie sind dadurch charak-
169
terisiert,
daß sie Christus auf Grund der Auferstehung von den Toten auslegen. Sie wählen
aus dem Leben und aus der Lehre Jesu aus, was für eine Gemeinde oder für eine
bestimmte Zuhörerschaft wichtig ist. Sie haben außerdem entsprechend den
Bedürfnissen ihrer Zuhörer die ausgewählten Stücke in einer bestimmten Weise
zusammengestellt und aktualisiert. Man kann die Liturgie, d. h. die
gottesdienstliche Feier als den Lebenssitz für die meisten dieser Texte
bezeichnen. »Der Gottesdienst mit seiner Wortunterweisung und seinen kultischen
Haltungen, mit seinen Taufen und Eucharistiefeiern, mit apostolischer Belehrung
und prophetischer Predigt (vgl. 1 Kor 14) bot reiche Gelegenheit, den
Christusglauben zu begründen und zu vertiefen, aber auch von seiten der
Gemeinde mit Bekenntnis und Liedern, Akklamationen (Amen) und Doxologien zu
bekräftigen.« »In diesen teils mündlichen, teils schriftlichen Kurzformeln
dürfen wir die Urtheologie, die Theologie der Urkirche, sehen. Es wäre eine
einseitige Übertreibung und eine Zerstörung der Wahrheit, wenn man behaupten
wollte, daß der in solchen Formeln dargestellte Glaube keinerlei Bezug zum
historischen Leben Jesu habe, sondern reine Schöpfung der Gemeinde sei. Wenn
die Gemeinde mit ihren besonderen, situationsbedingten Bedürfnissen auch
maßgebenden Einfluß auf die Gestaltung dieser Urtheologie ausgeübt hat, so
sind die Autoren dennoch einzelne Gläubige. Es widerspricht nicht der Wahrheit,
daß die Verfasser solcher Einzelstücke das, was Jesus wirklich gesagt und
getan hat, in einem volleren Verständnis weiterreichten, das sie selbst erst
infolge der Ostererfahrungen und der pfingstlichen Erleuchtung durch den Geist
der Wahrheit erreicht haben (vgl. z. B. Joh 2,22; 11,51f; 12,16; Apg 10,36-41)«
(R. Schnackenburg, Neutestamentliche Theologie, München 1963,49 f).
170
Die
dritte Phase wird durch die Entstehung der neu-testamentlichen Schriften, vor
allem der Evangelien, selbst dargestellt. In ihnen sind die vorausgehenden
Kurzformulierungen gesammelt und geordnet worden. Von den Evangelien muß man
ebenfalls und mit noch größerem Nachdruck sagen, daß sie Jesus Christus auf
Grund ihres neuen, ihres österlichen Verständnisses bezeugen. Dies besteht vor
allem darin, daß sie Jesus als den Christus verkündigen. Unter dem Einfluß
des erleuchtenden Geistes bieten die Verfasser eine Auswahl, eine Synthese und
eine Interpretation des geschichtlichen Lebens, Redens und Wirkens Jesu. Ihre
Arbeit ist jeweils von ihrer Zielsetzung bestimmt. Sie haben sich den erwarteten
Lesern angepaßt. Sie haben oft Einzelereignisse aus einem Zusammenhang in einen
anderen versetzt. Sie haben also die Worte und die Taten Jesu gemäß der
pastora-len Situation noch einmal aktualisiert. So begegnet uns in den
Evangelien das Wort Jesu vielfach in einer theologischen Verarbeitung.
b)
Die Evangelien als Zeugnisse des urchristlichen Glaubens und seiner Theologie
Von
den Evangelien gilt: »Es sind nicht einfach Autorenwerke im heutigen Sinn,
sondern von qualifizierten und von der Urkirche anerkannten Autoren verfaßte
Sammelwerke der apostolisch-urkirchlichen Tradition und enthalten besonders die
in der Urkirche beziehungsweise in einzelnen ihrer Gruppen und Gliederungen
(Juden- und Heidenchristentum, bestimmte Gemeinden und Gegenden) gepflegte
authentische und autoritative Verkündigung vom Wirken und heilsbedeutsamen
Schicksal Jesu Christi. Damit brauchen sie durchaus nicht ihren historischen
Zeugniswert für die Worte und Taten Jesu zu verlieren; daß dies nicht
171
der
Fall ist, hält die katholische Exegese mit vielen protestantischen Forschern
fest, weil sie überzeugt ist, daß schon der Urkirche an einer glaubwürdigen
Überlieferung der ursprünglichen Predigt Jesu und der historischen Ereignisse
seines Lebens und Sterbens wie auch der Geschehnisse nach seinem Tod gelegen
war. Aber die Evangelien rücken doch in ein anderes Licht, wenn sie nicht
zuerst als historische Referate (mit aller Problematik einer rein 'objektiven'
Berichterstattung), sondern als Niederschlag der ältesten Verkündigung
angesehen wurden, die das historisch Überlieferte gewissenhaft und
verantwortungsvoll in sich aufgenommen, aber für ihre Zwecke zugleich
zusammengestellt und in die passende Form gebracht hat. Tatsächlich lassen die
synoptischen Evangelien schon durch ihre Gesamtanlage, wie sie am
ursprünglichsten bei Markus zu erkennen ist (vom Auftreten des Täufers
Johannes und der Taufe Jesu bis zur Passion und Auferstehung Jesu), aber auch in
manchen Enzelteilen und -gestaltungen (zum Beispiel in den drei
Todesankündigungen Jesu) die apostolische Verkündigung und Theologie
durchschimmern. Gerade das ihnen Gemeinsame dürfte sich als ein Fundus der
urkirchlichen Verkündigung und Lehre herausstellen und sich doch zugleich —
weil später andere Verkündigungsinhalte hervortraten — als treue Bezeugung
der Botschaft Jesu erweisen. Wenn man überzeugt ist, daß die Apostel
einerseits die Worte und Taten Jesu überliefern, andererseits die gesamte
Christusoffenbarung im Lichte der Auferstehung Jesu verkündigen wollten, wird
die Eigenart der Evangelien erst voll verständlich. Dann ist man aber auch
berechtigt, die Botschaft Jesu aus ihnen zu erheben und sie doch zugleich als
Zeugnisse der gemein-urchristlichen .Theologie' zu betrachten« (R.
Schnackenburg, a. a. 0., 51 f).
172
Mit
solchen Überlegungen lassen sich die Verschiedenheiten und Gegensätze
innerhalb der Evangelien erklären. Man braucht so nicht künstliche oder
gewaltsame Harmonisierungsversuche zu machen.
Eine
Analyse des Problems bietet auch E. Schweizer (Das Evangelium nach Markus,
Göttingen 1967): Die Neuformulierung der Worte war schon deshalb notwendig,
weil Jesus und seine ersten Jünger aramäisch sprachen, während schon ein Teil
der Gemeinde in Jerusalem (Apg 6,1), vor allem aber die meisten
heidenchristlichen Gemeinden, griechisch redeten. Jesu Worte mußten daher in
eine neue Sprach- und Denkform übertragen werden.
Dieser
Prozeß implizierte keine Entfremdung von Jesu Worten gegenüber ihrem
ursprünglichen Sinn. Gerade weil Jesus für die Jünger nicht ein toter,
sondern ein lebendiger Herr war. weil er selbst der Sprechende in den Gemeinden
war, mußten seine Worte in die jeweilige Situation hineingesprochen werden und
entsprechend deren Fragen und Bedürfnissen formuliert werden. Gerade so wird
das Wort Jesu lebendig und wirksam. Wenn es nach 2 Kor 3,17 oder Offb 2,1.7 wahr
ist, daß im Helligen Geist der lebendige Christus spricht, dann war dieses
Vorgehen nicht nur erlaubt, sondern notwendig, sollte das Wort Jesu nicht zu
einer zwar ehrfürchtig verehrten, aber doch veralteten, nicht mehr wirklich in
die Zeit hineinredenden Antiquität werden. Ja, es war dann sogar unerläßlich,
daß man in der gehorsamen Annahme des Wortes Jesu und in lebendiger
Verbundenheit mit ihm auch neue Worte in seinem Namen auszusprechen wagte oder
alte Worte in neuer Formulierung, wenn die neue Lage dies erforderte, wie es der
Verfasser der Johannesapokalypse tat (Apk 2,1 ff) oder vorher schon Mattäus,
wenn er den bloßen Bericht des Markusevangeliums »Sie tranken alle daraus« (Mk
4,23) in den Befehl Jesu umwandelte: »Trinket alle daraus« (Mt 26,27).
Naturgemäß müssen solche Neufassungen den Sinn der alten Worte treu bewahren.
Auch
die Bezeugung der Taten Jesu dient der Verkündigung und Proklamation dessen,
der dem Hörer und Leser in der gleichen Vollmacht begegnet, in welcher er den
ersten Augen- und Ohrenzeugen begegnet ist, der ihn zum Glauben ruft und in die
Gottesgemeinschaft heimholen will. Da kommt es nicht auf jedes Detail, sondern
nur auf den Kern an. So stimmt der Mt 8,8 ff berichtete Dialog fast wörtlich
mit dem Lk 7,6-9 berichteten überein. Der Vorgang selbst hingegen, in welchem
sich der Dialog abspielt, ist ganz
173
verschieden überliefert. Das eine Mal ist es der Hauptmann von Kapharnaum selbst, der mit Jesus spricht. Das andere Mal hingegen bleibt er bei seinem kranken Kind zu Hause, sendet seine Freunde und läßt diese mit Jesus sprechen. Es Ist auch zu beachten, daß die bei Mt im Zusammenhang mit der Szene von Jesus gesprochenen grundsätzlichen Worte über die Berufung zum Reiche Gottes (Mt 8,11 f) bei Lukas In einen ganz anderen Kontext eingefügt sind (Lk 13,28 f). Es kommt nicht auf solche Einzelheiten an, sondern darauf, daß Jesus als derjenige bezeugt wird, der dem Menschen in der Macht Gottes das Heil schenkt. Ja, die genaueste Wiedergabe aller Einzelheiten bliebe unfruchtbar, wenn sie nur unser Wissen über vergangene Ereignisse bereichern wollte. So wichtig das Ereignis selbst ist, so erfüllt sich sein Sinn doch erst in der Verkündigung und im Glauben.
c) Die synoptischen Evangelien im Ganzen
aa)
Begriff
Weil
die drei ersten Evangelien in der Schilderung des Wirkens Jesu trotz vieler
Verschiedenheiten stark übereinstimmen, hat man sie die synoptischen
(zusammenschauenden) Evangelien genannt. Die Übereinstimmung zeigt sich bis zu
einem gewissen Grade sowohl im Wortlaut (z. B. Mt 3,7-10 und Lk 3,7 ff oder Mk
8,34-37 und Mt 16,24f bzw. Lk 9,23 ff) als auch und noch mehr in der Reihenfolge
der berichteten Vorgänge. Das Markusevangelium, das traditionellerweise als
zweites gezählte Evangelium, ist, wie heute allgemein angenommen wird, das
älteste Evangelium. Mattäus und Lukas haben es gekannt und benutzt. Dem
Markusevangelium liegt eine Reihe von mündlichen und schriftlichen
Überlieferungskomplexen voraus, eine nicht erhaltene Sammlung von Jesusworten (Logien-,
Redequelle = Q). Sie wurde wohl nicht von Markus, wohl aber von Mattäus und
Lukas verwendet, obwohl im Mk-Ev. viele vormarkinische Traditionen mündlicher
und schriftlicher Art gesammelt sind. Sie
174
kann
bis zu einem gewissen Grade von Sicherheit aus Mattäus und Lukas rekonstruiert
werden. Sie läßt sich dort erkennen, wo sowohl der Wortlaut als auch die
Reihenfolge der Abschnitte bei Mattäus und Lukas übereinstimmen. Vieles haben
sowohl Markus als auch Mattäus und Lukas der mündlichen und der
vorausliegenden schriftlichen Überlieferung entnommen.
Trotz
der Gemeinsamkeiten weichen die Synoptiker soweit voneinander ab, daß man bei
jedem von einer je ihm eigenen Theologie sprechen kann. Es läßt sich nämlich
feststellen, daß jeder von ihnen ein besonderes Anliegen verfolgt. Dies tritt
in der Art der Stoffzusammenstellung, in der Auswahl, im Aufbau, in der
Akzentuierung, in den verschiedentlich gebotenen kurzen Zusammenfassungen
zutage.
bb)
Die vor den synopt. Evangelien liegenden kanonischen Schriften
Als
die Evangelien entstanden sind, gab es schon ein ziemlich umfangreiches
kerygmatisches Schrifttum über Jesus, vor allem die Paulusbriefe. Die Botschaft
von Jesus hatte durch die Missionstätigkeit vieler bekannter und unbekannter
Christusgläubigen, namentlich durch Paulus und seine Helfer, in der Zeit der
Abfassung der Evangelien die meisten Länder am Mittelmeer erreicht. Dabei wurde
innerhalb der Glaubenseinsicht, daß Jesus der von Gott gesandte Retter und der
Sohn Gottes ist, das Leben und Sterben Jesu in mannigfacher Weise gedeutet. In
judenchristlichen Gemeinden wurde er primär als derjenige verstanden, der
ethisch-religiöse Weisungen gab und in apokalyptischer Sicht die zu erwartende
Endzeit verkündete (vgl. die Logiensammlung). In den paulinischen Gemeinden
bildeten Kreuz und Auferstehung die Mitte des Glaubens und der Verkündigung.
Dabei konnte
175
das
von Paulus heftig bekämpfte Mißverständnis entstehen, als ob durch die
Auferstehung Jesu schon alles vollendet sei und daher keine Sünde mehr schaden
könne. Diese enthusiastisch-schwärmerische Vorstellung hat die Frage aus sich
hervorgetrieben, ob der Einbruch des Göttlichen, des Himmlischen in die Weit an
den geschichtlichen Jesus gebunden sei. In dem Gnostizismus des zweiten
Jahrhunderts wurde denn auch die Konsequenz gezogen, daß Jesus nur ein Symbol
für die Einheit des Göttlichen mit dem innersten Kern des Menschen sei, ein
Symbol, das auch durch ein anderes, durch den Namen irgendeines griechischen
oder römischen Gottes ersetzt werden könne. Schon Paulus hat diese
Pseudotheologie entschieden und leidenschaftlich zurückgewiesen und den
Glaubenden auf den Weg des nüchternen Glaubensgehorsams gerufen, in welchem er,
mit Christus schon der Sünde abgestorben und in Christus zu neuem Leben
erweckt, dem vollen Auferstehungsleben mit Christus entgegengeht. Zur Zeit des
Markus hatte Paulus schon den Martertod erlitten. Seine Schüler riefen die
Gemeinde zurück zu der ihr gestellten Aufgabe der weltweiten Verkündigung, in
der der Erhöhte, nicht als geheimnisvolle übernatürliche Kraft, sondern als
Meister der für ihn zeugenden, auf den Straßen des römischen Reichs
dahinziehenden und oft genug in den Gefängnissen liegenden Jünger die Welt
durchdringen wollte (nach E. Schweizer, a. a. 0., 221).
cc)
Das Markusevangelium als ältestes Evangelium
Das
Markusevangelium erzählt in großer Breite das Leiden Jesu und schildert das
ganze Leben als einen Weg nach Golgotha. So wird die Geschichtlichkeit und
zugleich die Heilsmächtigkeit dieses Lebens und Sterbens in der Ganzheit des
Verlaufs in ihrer Geschichtlichkeit ganz anders in den Blick genommen als in dem
vor-
176
ausgehenden
Schrifttum. Gottes Wort richtet sich nach ihm »an die Welt im Ganzen des
Wirkens, Sterbens und Auferstehens Jesu«, nicht nur in einzelnen Worten — so
bliebe Jesus nur der Lehrer und Prophet, dessen Lebensweisheit man auch
übernehmen könnte, ohne zu ihm selbst in lebendige Beziehung zu treten, ja von
ihm überhaupt zu wissen —, noch in einzelnen Machttaten, so daß man ihn nur
als göttlichen »Wundertäter« nach dem Modell der hellenistischen
Wundermänner mißverstehen könnte, noch in einem vorbildlichen Leiden, noch in
einer abstrakt verstandenen Verkündigung der Gnade, die man allenfalls von
Jesus loslösen könnte. Was ihm für die Verkündigung des ganzen Jesus
unwichtig erscheint, hat er weggelassen (E. Schweizer, a. a. 0., 11). Sein
Evangelium Ist »der Bericht von der unerhörten und unbegreiflichen
fleischgewordenen Liebe Gottes, die in Jesus durch alle Widerstände hindurch
den Menschen sucht und findet. Weil alle direkte Offenbarung nur zu einem
Mirakelglauben führen könnte, wie ihn auch die Dämonen haben, muß Gott den
Weg in die Verborgenheit, ja in die Schmach und Niedrigkeit, in den Tod gehen,
wie er in erschütternder Nüchternheit im Rufe Jesu 'Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?' und in dem Satz vom Verscheiden Jesu mit lautem
Schrei sichtbar wird. Glaube kann es nur als Nachfolge geben. Daß dieses Wunder
aber wirklich geschehen, daß Gottes Offenbarung ihr Ziel erreichen wird, dafür
sind ein halbgläubiger Randsiedler, der Jesus bestattet, ein Heide, der als
Offizier seine Hände wahrlich nicht immer rein halten kann und sogar zu
Exekutionen Unschuldiger abgeordnet wird, ein paar Frauen, die bloß erschrecken
und selbst dem Worte eines Engels nicht vertrauen, das Zeichen. Sie, aber erst
recht die Jünger, denen Jesus nach ihrem noch viel tiefergreifenden Versagen
dennoch nach Galiläa vorangeht, weisen auf das Wunder der kommenden Gemeinde
hin, die der Auferstandene selbst ins Leben rufen und in die Welt hinausschickan
wird« (E. Schweizer, a. a. 0„ 223 f). Das Markusevangelium ist eschatologisch
orientiert. Jesus führt den Endkampf zwischen Gott und den dämonischen
Mächten. Die Wunderheilungen und Dämonenaustreibungen künden den sich
anbahnenden Sieg Gottes (Mk 3,1-6.22-30; 2,1-12. J. Gnilka, Synoptiker, in: LThK,
IX, 1962,1246 f).
Am
ausführlichsten hat das Markusevangelium R. Pesch (Das Markusevangalium l. u.
II. Teil, Freiburg 1976/7) erklärt. Ihm sind folgende Angaben entnommen. Markus
hat für sein Werk durch die Benennung als eines Evangeliums eine literarische
Gattung eingeführt, welche es vor ihm nicht gegeben hat. Der Titel »Evan-
177
gelium«
ist allerdings vorbereitet durch Paulus (vgl. 1 Kor 15,3 f). In dem Evangelium
des Markus vereinigen sich missionarische und katechetische Interessen zu einer
Darstellung der Grundlagen des Jesusglaubens, indem der Verfasser vorausgehende
Berichte schriftlicher und mündlicher Art ohne literarische Absicht
zusammenstellt. Die Q-Quelle wird wie schon gesagt von ihm nicht unmittelbar
benützt, kann aber in Einzelheiten in sein Werk eingeflossen sein. Wichtig war
aber für ihn ein großer vormarkinischer Textkomplex. Die Sorge des
Evangelisten geht dahin, daß gegenüber dem Gnostizismus die auf Jesus selbst
zurückweisenden und vielfach unmittelbar nach seinem Tode und seiner
Auferweckung entstandenen Berichte ohne Umdeutung oder Auslassung und
Hinzufügung erhalten bleiben. Er schreibt also im ekklesiologischen Geiste. Die
Kirche bedurfte in der Zeit, in der die Apostel selbst dahingingen, einer
geschichtlich-christologischen Identifikation ihrer Verkündigung und ihrer
Lehre. Markus ist also ein konservativer Theologe. Seine Bedeutung liegt darin,
daß wir zum größten Teil ihm verdanken, was wir über Jesus Christus, sein
Leben und Wirken, sein Leiden und Sterben und seine Auferweckung wissen. Wenn
man einen theologischen Begriff nennen will, unter welchem das ganze Werk steht,
so ist es wohl jener der Gottesherrschaft. Das Werk ist entstanden kurz nach dem
Jahre 70, also nach der Zerstörung Jerusalems. Auf jeden Fall ist das in der
traditionellen Zählung an zweiter Stelle genannte Markusavangelium das älteste
der Evangelien und wird von den >Großevangelien< (Lukas und Mattäus) u.
a. als Quelle benutzt.
dd)
Die übrigen Evangelien im einzelnen
An weiterer Stelle soll von dem in der traditionellen Zählung an dritter
Stelle genannten Lukasevangelium, dem einen »Großevangelium« die Rede sein.
Auch diese Schrift hat einen stark traditionellen Zug. Von Lukas stammt auch die
Apostelgeschichte. Diese ist jedoch nicht von vornherein als ein zweites Werk
neben dem Evangelium konzipiert. Lukas hat sein Evangelium verfaßt für die
innerkirchliche Öffentlichkeit, für den Gottesdienst und für die Katechese,
aber darüber hinaus für die Mission im nichtchristlichen Bereich, und zwar
für eine Mission im Raume der religiösen
178
Strömungen
der Zeit. Es sollte auch eine Hilfe sein im Kampfe gegen gnostisches
Schwärmertum, welches in der Übergangszeit von der Ära der Apostel zu der
dabei entstandenen neuen geschichtlich-religiösen Situation nicht wenige
Gefahren, Verwirrungen und Unsicherheiten mit sich brachte. Als Mittel setzt der
Verfasser die apostolische Überlieferung ein, diese aber im ganzen Umfang der
verschiedenen, nicht immer leicht auf einen Nenner zu bringenden Traditionen. So
stellt sein Werk eine alle vorausgehenden Berichte umspannende Ganzheit dar.
Lukas versichert, daß er sich um die Sammlung aller erreichbaren
Traditionsstücke bemüht hat. An der Grenze des apostolischen Zeitalters lag
ihm sehr am Herzen, daß nichts von dem von Jesus Christus her Überlieferten
verloren ging. Auch er war ein kirchlich denkender und um das rechte kirchliche
Leben besorgter Hagiograph.
Sein
Werk ist zwar nur sekundär, aber doch unübersehbar ein heilsgeschichtlicher
Aufriß. Die heilshaften Ereignisse sind mit der Geistsendung abgeschlossen. Sie
behalten jedoch ihre Gegenwärtigkeit.
Er
versteht sich also als ein abschließender Sammler und normativer Übermittler
der apostolischen Überlieferung. Die Wahrheit des Überlieferten ist durch das
stets gegenwärtige und wirkende Pneuma gesichert. Die apostolischen Worte
werden in dem Evangelium für die Gegenwart aktualisiert. Lukas will den
Lebensweg Jesu aufzeigen, allerdings ohne biographische Absicht. Vielmehr soll
das Heilshandeln Gottes im Christusgeschehen in einer Gesamtschau und in seinem
wesentlichen Verlauf, d. h. in seinem Heilstun, in seiner Verkündigung, in
seinem Tode und in seiner Auferstehung aufgedeckt und dieses Leben soll in
seinem Erfüllungscharakter beleuchtet werden. So hat Lukas der
nachapostolischen Kirche durch sein
179
Werk
einen wichtigen Dienst erwiesen. Er erzählt nicht nur von dem Vergangenen,
sondern läßt es in seiner geistigen Mächtigkeit unmittelbar sprechen und
Glauben erzeugen. So eröffnet sein Evangelium die Möglichkeit eines
geistlichen Schriftbeweises. Formell wird die Apostolizität des kirchlichen
Redens und Tuns gezeigt, inhaltlich aber das gottgewirkte Heilsgeschehen durch
Gottes menschgewordenen Sohn Jesus Christus (nach H. Schürmann, Das
Lukasevangelium, Erster Teil, Freiburg 1969,1 ff).
Das
Mattäusevangelium hat Jesus als den verheißenen Messias geschildert. Dieser
wurde nach anfänglichem Enthusiasmus immer stärker abgelehnt, da er den
landläufigen Messiaserwartungen nicht entsprach.
Es entspricht der Situation, wenn man von dem Johannesevangelium erklärt, daß es die überlieferten Inhalte der Jesusgeschichte in einer besonders fortgeschrittenen theologischen Reflexion und seelsorgerlichen Aktualisierung verkündet (J. Blinzler, Johannes und die Synoptiker, Stuttgart 1965. Weitere Ausführungen in der Christologie).
d) Formgeschichtliche und redaktionsgeschichtliche Methode
Man
hat die Versuche, in denen die in Kurzformulierungen geschehene Überlieferung
der Worte und Taten Jesu vor ihrer schriftlichen Fixierung in den Evangelien
untersucht wurde, die formgeschichtliche Methode genannt. Sie hat ihre
Hauptarbeit nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland geleistet. Inzwischen sind
ihre Ergebnisse weithin anerkannt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gesellte
sich zu der formgeschichtlichen die redaktionsgeschichtliche Methode.
180
Ihr geht es darum, den Anteil der Verfasser der Evangelien an ihren Werken trotz deren Sammelcharakters herauszuarbeiten. Die formgeschichtliche Methode verbindet sich mit der traditionsgeschichtlichen, insofern diese die in den biblischen Büchern aufbewahrten Kurzformulierungen in ihrer Entstehung, ihrem Wachsen, ihrer Weiterbildung, untersucht. Sie steht in einer gewissen Spannung zur redaktionsgeschichtlichen Methode.
e)
Die kanonischen Schriften — keine Gemeindeschöpfungen
Von
größter Wichtigkeit ist es, in den urchristlichen Glaubenszeugnissen nicht
eine schöpferische Leistung der Gemeinden zu sehen. Der Christus des Glaubens
ist nicht das Resultat des Glaubens. Vielmehr ist der geschichtliche Jesus auf
Grund der Auf-erweckung als der Messias verstanden worden. Den Aposteln geht es
um den geschichtlichen Jesus. Er ist für sie zum erhöhten Herrn geworden. Ihre
Absicht ist es, das heilsbedeutsame Schicksal Jesu als des Christus zu
verkündigen. Einerseits wollten die Apostel wirklich die Worte und die Taten
Jesu überliefern, andererseits haben sie die gesamte Christusoffenbarung von
Ostern her neu verstanden. Diese Spannung zwischen dem unmittelbar an Jesus
Erlebten und dem im Heiligen Geiste Ausgelegten ist charakteristisch für unsere
Evangelien. Dies gilt auch von dem Johannes-Evangelium. Selbst wenn es für
dieses Evangelium schwer ist, seinen Sitz im Leben zu bestimmen, weil es für
viele Bewegungen seiner Zeit offen ist und viele geistige Strömungen
hindurchschimmern, so darf man doch sagen, daß seine Verwurzelung im jüdischen
Denken und in urchristlichen Überzeugungen
181
immer
stärker erkannt wird und daß die extrem existentiale Interpretation immer
stärkere Kritik findet. Auch die johanneische Christologie ist mit aller
Intensität auf den geschichtlichen Jesus von Nazaret bezogen, Sie enthält die
Keime für die spätere christologische Entfaltung in der Kirche unter dem
Einfluß des griechischen Denkens (R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium, l,
Freiburg 1965).
12.
Kapitel
Die
Vertrauenswürdigkeit der Evangelien
a)
Die »Wahrheit« der Evangelien
Angesichts
dieser Situation erheben sich für den Gläubigen schwere Fragen. Die erste
lautet, ob wir uns den Evangelien anvertrauen dürfen, wenn sie uns die Worte
Jesu Christi nicht in ihrer Urgestalt, sondern nur in einer, auf Grund der Lage
der Kirchen verwandelten Form vermitteln. Haben die Evangelien noch Zeugniswert?
Kann man noch von ihrer Wahrheit sprechen? In der S. 169 ff. genannten
Instruktion der Bibelkommission wird ruhig und frei erklärt, daß die uns heute
vorliegenden Evangelien nicht die Worte und Taten Jesu aus der ersten
Entstehungsphase, häufig nicht einmal in der Gestalt, in der sie während der
zweiten Phase verkündet wurden, enthalten, sondern daß sie die Worte und Taten
Jesu in der Form bieten, in der die Evangelisten sie zusammengestellt und ediert
haben. Diese Endgestalt spiegelte zwar die
182
vorausgegangenen
beiden Phasen wieder, die zweite mehr als die erste. Trotzdem sei es keine
vergebliche Anstrengung, die erste Phase, d. h. die vom Munde Jesu selbst
gekommenen Worte erreichen zu wollen. (Wir werden dies in der Darstellung der
Christologie zeigen.)
b) Buchstabe und Sinn
Wenn
man diese Situation beurteilen will, so läßt sich der zunächst auftretende
religiöse Schock überwinden, wenn man bedenkt, daß sich gerade in ihr die
Dynamik des Wortes Jesu Christi zeigt. Es kommt nicht eine Buchstabenwahrheit,
sondern eine Sinn-, auf die Kraft der Worte Jesu an. Sie sind von solcher
Sinnfülle und Heilsmächtigkeit, daß sie sich für jede Lage eignen und auf
jede Lage anwenden lassen. Sie sind zugleich von einer solchen Tiefe, daß sie
der Auslegung, der Erläuterung, der Veranschaulichung, der Explikation fähig
und bedürftig sind, um in ihrer Tragweite verstanden zu werden.
Man
darf vor allem nicht übersehen, daß gerade die von den Evangelisten redigierte
Gestalt der Sprüche und Taten Jesu inspiriert ist. Die Evangelisten wurden also
von dem von Christus selbst gesandten Heiligen Geiste angeleitet, die von ihnen
gebotenen Inhalte so zusammenzufügen und so zu formulieren, wie sie es taten
und wie wir es heute vorfinden. Die Inspiration verbürgt die »Wahrheit« der
Evangelien und die Bewahrung vor dem Irrtum. Die Wahrheit ist jedoch nicht eine
Buchstabenwahrheit, sondern eine Sinnwahrheit und eine Tatsachenwahrheit. Ja,
gerade um des Verständnisses der von Christus erschlossenen Wahrheit willen
mußten sich die ersten Christuszeugen vom Buchstaben der Worte entfernen, um
die Le-
183
ser
und Hörer zur Sache, nämlich zu dem von Gott eröffneten Heil, d. h. zu der
von ihm erschlossenen absoluten Zukunft hinführen zu können. Weil im Heiligen
Geiste Jesus Christus selbst in seiner Kirche handelt, ist er es, der seine
Urworte in den Evangelien auslegt. Vielleicht kann man auch hier wieder aus der
Erfahrung zwischenmenschlicher Verhältnisse einen Zugang finden. Man kann die
Selbstauslegung Jesu Christi in den neutestamentlichen Schriften vergleichen mit
der Auseinanderfaltung, welche ein Liebender seinem einfachen und schlichten,
kurzen Wort gibt: ich liebe dich. Dieses Urwort ist anwesend und bleibt wirksam
in den vielen anderen Worten, in denen es immer wieder von neuem, aber in
anderen Weisen und Zeichen hervortritt.
13. Kapitel
Die Lehreinheit der Evangelien
Die
Verschiedenheit der Formeln, in denen das Christuszeugnis in der zweiten Phase
abgelegt wird, und die verschiedenen sonstigen Formulierungen der Heiligen
Schrift lassen die Frage hervortreten, ob es in der Urkirche eine einheitliche
Lehre über Christus gab. Die formgeschichtliche und die
redaktionsgeschichtliche Methode haben in ihren historisch-kritischen
Untersuchungen zu dem Ergebnis geführt, daß in der Schriftauslegung der
Urkirche Spannungen bestehen. In der evangelischen Theologie wird gelegentlich
geradezu von einem Zerfall der Lehreinheit gesprochen. Aber auch katholische
Theologen sprechen von einer Viel-
184
zahl,
einem Pluralismus, von neutestamentlichen Theologien bzw. Christologien. Dennoch
kann und muß man von einer Einheit sprechen. Die Einheit der Schrift ist zu
finden in der Einheit des in den verschiedenen Schriftzeugnissen bezeugten
Christusgeschehens. Diese These setzt voraus, daß man zwischen dem
Christusgeschehen und der Verkündigung dieses Geschehens unterscheiden kann.
Das Christusgeschehen wird in der Tat nicht erst durch die Christusverkündigung
geschaffen, es trägt vielmehr seine Heilsbedeutung ursprünglich in sich
selbst. Es handelt sich daher darum, dieses Christusgeschehen in den
verschiedenen Christusbezeugungen als die hinter aller Verschiedenheit stehende
und durch die verschiedenen Auslegungen hindurchwirkende Realität zu erfassen.
Die in den neutestamentlichen Schriften gesammelten und von der Kirche im Kanon
anerkannten Zeugnisse klingen ja auch in der Tat in dem Bekenntnis zu dem einen
Herrn, der einen Taufe, dem einen Gott und Vater (Eph 4,5 f) zusammen. Es
besteht bei aller Verschiedenheit eine tiefgreifende Konvergenz. Um diese
Einheit in der Vielfalt zu erkennen, bedarf es freilich der theologischen
Einsicht, daß sich die einzelnen Christuszeugen auf das gemeinsame
Christusverständnis verpflichtet wußten. Man kann dieses das formale
Einheitsprinzip nennen. Darüber hinaus lassen sich aber auch inhaltlich eine
Reihe von Momenten nennen, die trotz aller Verschiedenheit sich zu einer
spannungsreichen Einheit zusammenfinden (vgl. 0. Kuss, Die Schrift und die
Einheit der Christen, in: MThZ 18,1967,292-307).
0. Kuss sagt hierzu folgendes: »Versucht man also, mit allen Reserven.
... knapp und in sehr großen Zügen die wichtigsten Elemente zu
charakterisieren, welche den Glauben der frühesten Jüngergemeinde ausgemacht
haben, so könnte man etwa auf fol-
185
gendes
hinweisen. Erstens: ihre ersten Schritte tut die kleine Gruppe der
Jesusgläubigen durchaus im Raume des Judentums. Zweitens: Sie besitzt eine ganz
einfache Christologie, die sich an die mannigfachen Erscheinungen des
Auferstandenen anschließt: diesen Jesus hat Gott auferweckt, dessen sind wir
alle Zeugen; mit Sicherheit also soll das ganze Haus Israel erkennen, daß zum
Herm ... ihn und zum Gesalbten ... gemacht hat Gott, eben diesen Jesus, den ihr
gekreuzigt habt .... Drittens: Das Heil, welches die erste Verkündigung
verspricht, besteht in Sündenvergebung, Geistgabe und Rettung aus diesem
verkehrten Geschlecht. Viertens: Als besonderes Heilszeichen und zugleich als
Aufnahmeritus in die neue eschatologische Heilsgemeinde wird die Taufe
gespendet. Fünftens: Die Gemeinde versammelt sich zu gemeinsamem Gebet im
Tempel und zu gemeinsamen Mahlzeiten; und Tag um Tag einmütig verharrend im
Tempel und in den einzelnen Häusern, das Brot brechend, nahmen sie Speise in
Jubel und Einfalt des Herzens. Sechstens: Die Gemeinschaft betätigt sich in
weitgehender, gegenseitiger Hilfe. Siebtens: Verständlicherweise sucht die
Gemeinde schon bald nach einer Selbstrechtfertigung aus der Schrift. Achtens:
Der Glaube an die von Gott durch Jesus Christus gewirkte Rettung scheint
zunächst eine ganze Reihe von Ausdrucksformen gefunden zu haben; es gibt fürs
erste keinerlei Lehreinheit, sondern mannigfache Weisen des Verständnisses.«
(Die Rolle des Apostels Paulus in der theologischen Entwicklung der Urkirche,
in: Münchener Theol. Zeitschrift 14 (1963) 110-112.)
Was
die hellenistische Gemeinde betrifft, die sich bald nach und neben den aus
jüdischem Denken hervorgehenden Ausprägungen des neuen Glaubens konstituierte,
so läßt sich nur sagen, daß sie sich im Besitze der zentralen Wirklichkeit
befand, welche mit dem Worte ausgesprochen werden kann: Das Heil ist da (0.
Kuss).
186
14. Kapitel
Das gegenseitige Verhältnis
von Schrift und Kirche
a) Die Schrift — Ausdruck des urkirchlichen Christus-Glaubens
Die
Schrift ist entstanden, als es die Gemeinde der Jünger Jesu, die Kirche, schon
gegeben hat. Die Kirche ist also nicht das Produkt der Schrift. Die Schrift ist
vielmehr umgekehrt das Produkt der Kirche. Sie kommt aus dem Raume der Kirche,
d. h. aus der Gemeinschaft der Christusgläubigen. Sie ist die Objektivierung
der Christusverkündigung und des Christusglaubens und dadurch die Bezeugung des
in Verkündigung und Glauben anwesenden Christusgeschehens. So ergibt sich eine
reziproke Relation zwischen Kirche und Schrift. Einerseits ist die Schrift
Ausdrucksgestalt des kirchlichen Glaubens, andererseits ist die Kirche bestimmt
durch die Schrift.
Die
Herkunft der Heiligen Schrift aus dem kirchlichen Glauben kann man unter einem
doppelten Aspekt sehen: In die Schrift sind jene Glaubensformeln eingegangen, in
denen sich vor der schriftlichen Fixierung der Glaube dargestellt hat. Die
Schrift erweist sich so als ein Element der Sammlung und der Überlieferung in
der apostolischen Zeit. Sie ist der Niederschlag der ältesten Verkündigung und
des ältesten Glaubens, in welchem das historisch Überlieferte gewissenhaft und
verantwortlich aufbewahrt wurde. Außerdem ist die Kirche die Verfasserin der
Heiligen Schriften, insofern einzelne repräsentative Gläubige mit deren Namen
die Evangelien gekennzeichnet werden, die schriftliche Fixierung vorgenommen
haben.
187
Sie haben dies nicht als Privatleute getan, sondern als Repräsentanten der Gemeinschaft. So stehen, trotz der Individualität der Verfasser, die Gemeinde, ihr Glaube, ihre Glaubenssituation, ihre Glaubensschwierigkeit, ihre Glaubensproblematik, ihre Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Strömungen hinter den Evangelien. Die Heilige Schrift birgt also ein ekklesiales Grundelement in sich. Sie ist kirchlich geprägt.
b) Keine Verfügung der Kirche über die Schrift
Umgekehrt
muß nun aber auch mit allem Nachdruck betont werden, daß die Kirche, seit es
eine Schrift gibt, durch diese bestimmt ist. Wie die Schrift ekklesial, so ist
die Kirche skripturistisch konstituiert. Die Kirche ist jene
Glaubensgemeinschaft, welche die Schrift als den Ausdruck ihrer selbst
hervorgebracht hat. Wenn sie ihr ursprüngliches Selbstverständnis bewahren
will, muß sie demgemäß die Schrift als die Ausdrucksgestalt ihrer eigenen
Existenz befragen. Sie wird sich der Identität mit sich selbst in allen
Generationen bewußt, indem sie sich der Identität mit ihrer ursprünglichen
Gestalt bewußt wird, die ihr in der Schrift begegnet. Die Kirche muß daher
immerfort auf das in der Schrift ausgesagte und festgehaltene Wort hören. So
ist sie immer hörende Kirche. Indem sie auf die Schrift hört, hört sie auf
den in der Schrift bezeugten und anwesenden Christus und auf den Christus
bezeugenden Heiligen Geist. Wenn sie die Schrift verlassen würde, würde sie
Christus und den Geist und sich selbst verlassen. So bleibt die Schrift immer
die Norm des rechten kirchlichen Selbstverständnisses. Die Schrift selbst aber
ist nicht mehr normiert. Sie ist, wie man sagt, die norma normans non normata.
Im Grunde bedeutet diese These nichts anderes, als daß
188
der im Heiligen Geiste präsente Christus die nicht normierte Norm der Kirche ist. In dieser Überzeugung begegnen einander eva