Vorwort zur
zweiten Auflage
Trotz der für ein theologisches
Lehrbuch ungewöhnlich hohen Auflage und des Rückgangs der Zahl der
Theologiestudenten ist eine Neuauflage meines Werkes »Der Glaube der Kirche«,
das ich während meiner Tätigkeit als Gastprofessor in den Vereinigten Staaten
von Nordamerika verfaßt habe, erforderlich geworden. Sie erscheint nicht mehr
in dem bisherigen Verlag Max Hueber. Dieser Verlag hat sowohl meine seit 1937 in
fünfter bis sechster Auftage in acht Teilbänden erschienene Katholische
Dogmatik als auch das nun zur Neuausgabe anstehende Buch »Der Glaube der
Kirche« verlegt. Der Verlag hat sich jedoch seit mehreren Jahren völlig auf
Sprachprobleme konzentriert und die zahlreichen von ihm betreuten theologischen
Monographien und Serien-Werke an andere Verlage abgegeben. Der derzeitige
Verlagsbesitzer Ernst Hueber ist zudem im April 1977 nach langer Krankheit
verstorben. Die Neuausgabe hat der seit einer Reihe von Jahren immer mehr zur
wissenschaftlich-theologischen Literatur hingewandte EOS Verlag im
Missionskloster St. Ottilien unter der Leitung von Dr. P, Bernhard Sirch OSB
übernommen.
Die
auf sechs Bände zu je etwa 300 Seiten aufgeteilte amerikanische Fassung meines
Werkes »Der Glaube der Kirche«, seit 1968 zuerst in New York im Verlag Sheed
and Ward erschienen, liegt nunmehr je nach Band in vierter, zweiter oder dritter
Auflage vor, sowohl in New York bzw. Kansas, als auch in London, hier in einem
gleichnamigen Verlag.
Gegenüber
der bisherigen Gestalt des Werkes treten einige wichtige Änderungen ein. Sie
sind sowohl äußerer als auch sachlich-inhaltlicher Art. Das Werk
XIII
wird
nicht mehr in zwei großen, ziemlich unhandlichen Bänden herauskommen, vielmehr
soll es in sieben kleineren Bänden erscheinen, von denen jeder eine gewisse
Selbständigkeit aufweist, die aber alle in ihrer Gedankenführung einen
Zusammenhang derart haben, daß sie unter christologischem Aspekt stehen. Durch
diese Aufnahme oder vielmehr Weiterführung der christologischen Sicht ist die
Einheit des ganzen Werkes gesichert. Es wird in etwa eineinhalb Jahren in allen
Bänden vorliegen. Das Werk könnte natürlich auch in ekklesiologischer Sicht
verfaßt werden. Dies bedeutete jedoch keinen allzu großen Unterschied zur
Christozentrik des Buches, denn Christus ist uns zugänglich in der Kirche.
Insofern sind christozentrische und ekklesiale Sicht engstens miteinander
verbunden. Wenn das Buch christozentrisch verfaßt sein soll, so bedeutet dies
keineswegs, daß es gewissermaßen nur ein Christusbuch wird. Es wird vielmehr
in dem Werk jeder Traktat behandelt, der üblicherweise in einem dogmatischen
Lehrbuch besprochen wird. Aber jeder Traktat wird in christologischer
Perspektive dargeboten, Eine besondere Aufmerksamkeit ist der Ekklesiologie,
natürlich auch unter christologischem Aspekt zugewandt. In ihr werden zugleich
die Sakramente, besprochen, die Taufe und die Firmung als Eingangs-sakramente in
das Volk Gottes, die Eucharistie als das Zentralgeschehen, die Priesterweihe als
die Bestellung des Vorstehers der Eucharistiefeier und zugleich der sonstigen,
dem Amtsträger zukommenden Aufgaben innerhalb der Kirche. Über Maria wird
nicht in einem eigenen Traktat, sondern nach dem Vorbild des Zweiten
Vatikanischen Konzils in einem Kapitel der Ekkle-siologie gehandeil werden, da
sie ja der Typus der Kirche ist und außerdem das Vorbild für jeden
christusgläubigen Menschen. Das Sakrament der Kran-
XIV
kensalbung
wird ebenfalls im Rahmen der Kirchenlehre dargeboten werden; denn es ist zwar
nach dem Konzil zu benennen als Krankenölung, aber es soll gerade dazu dienen,
daß das kranke Glied der Kirche wieder gesund wird oder aber den letzten
Schritt in die Vollendung vollbringt.
Die
Buße. die sakramentale und die nichtsakramentale, steht im Dienste der ecciesia
semper reformanda.
Das
Sakrament der Ehe wird im Zusammenhang mit der von den Menschen zu leistenden
Wirksamkeit in unserer Welt interpretiert werden.
Es
wird also keine eigene Sakramentenlehre geben. Darin gleicht die Neuauflage
genau der bisherigen Auflage. Ich nehme an, daß diese Einordnung der Sakramente
in die Lehre von der Kirche, in die Ekklesiologie nicht als ein Verlust
empfunden wird. Durch eine solche Einordnung kommen nämlich die Sakramente
genau dorthin, wo sie im Glauben des Christen den Sitz im Leben haben, um ein
Wort des evangelischen Theologen H. Gunkel zu verwenden. Die Sakramente
erscheinen so als konkrete Ausgestaltungen der Sa-kramentalität der Kirche
überhaupt. In ihnen erhebt sich die kirchliche Sakramentalität zu besonderen
Höhepunkten und leistet dem Menschen Hilfe in hervorragenden Situationen seines
Lebens. Zugleich stellt sie sich selbst, namentlich im Sakrament der
Eucharistie, als die von Christus nicht nur gestiftete, sondern von ihm
durchlebte und auch vom Heiligen Geist durchwirkte Gemeinschaft dar.
Keine
geringfügige Änderung dürfte es bedeuten. daß von Gott dem Dreieinigen nicht
wie in der 1. Auflage im Rahmen der Christologie, sondern in dem Passus »Gott
der Eine und Dreieinige« (ohne Vernachlässigung der christozentrischen
Perspektive) gesprochen wird. Auch die Einordnung der Trinitätslehre
XV
in
die Christologie in der früheren Auflage
war nicht, wie ein Rezensent gemeint hat, eine mechanische Umstellung. sondern
betraf die Akzentuierung, die Gewichtsverteilung, die Perspektive, das, was das
II. Vat. Konzil die hierarchia veritatum nennt. Die jetzige Ordnung wird nicht
einfachhin den traditionellen Charakter der Reihenfolge wieder aufnehmen,
sondern den Zusammenhang und den Geschehnischarakter der Trinitäts-offenbarung
deutlicher werden lassen.
Man
kann die Frage stellen, ob bei der großen Zahl von theologischen
Veröffentlichungen ein neues Lehrbuch überhaupt nötig ist. Diese Frage wurde
in einem umfangreichen Heft der in Rom erscheinenden Zeitschrift »Seminarium«
mit dem Untertitel »commentarii pro seminariis, vocationibus ecciesiasticis,
universitatibus« im Jahrgang 16 der Nova series Nr. 2 April/Juni Nummer '76
ausführlich behandelt. Ich selbst habe darin die angeschnittene Frage
besprochen auf Seite 263 — 293. Ich darf auch einen etwas längeren Text
Augustins aus der in der Bibliothek der Kirchenväter 1935 gebrachten
Übersetzung des Augustinischen Werkes De Trinitate (S. 7 f.) vorlegen:
»Jeder, der mein Werk liest, möge mit mir weitergehen. Wenn er aber
selber meine Überzeugung nicht teilen kann, möge er mit mir weitersuchen und,
wo er einen Irrtum seinerseits erkennt, wieder zu meinem Werke zurückkehren, wo
er einen Irrtum meinerseits erkennt, soll er mich zur Ordnung rufen. So wollen
wir gemeinsam auf dem Wege der Liebe einhergehen . . . Ein solches von Ehrfurcht
getragenes und Zuverlässigkeit verbürgendes Übereinkommen möchte ich vor dem
Herrn unserm Gott mit allen Lesern meiner Werke schließen. . . für alle meine
Schriften, besonders aber für dieses Werk über die Einheit der Dreieinigkeit,
des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes . . . Wenn also jemand beim Lesen
sagt, das ist nicht gut dargelegt, da Ich es nicht verstehe, so trifft er mit
seinem Tadel meine Darstellungsweise, nicht aber den Glauben; vielleicht hätte
es wirklich lichtvoller gesagt werden können. Indes gilt, daß kein Mensch
jemals so sprechen kann. daß er in al-
XVI
lem
von allen verstanden wird. Wenn also jemandem an meiner Abhandlung etwas
mißfällt, so sehe er zu, ob er andere, die sich mit solchen Gegenständen und
Fragen beschäftigt haben, versteht, während er nur mich nicht versteht. Ist es
so, dann soll er mein Buch beiseite legen . . . und seine Mühe lieber jenen
zuwenden, die er versteht. Nicht soll er jedoch deshalb glauben, ich hätte
schweigen sollen, weil ich nicht so verständlich und so lichtvoll wie jene, die
er versteht, zu reden vermag. Denn es kommen nicht alle Werke aller
Schriftsteller in aller Hände... Es kann nämlich vorkommen, daß manche, die
dieses mein Werk zu verstehen vermögen, von jenen klareren Werken nichts
erfahren, aber doch wenigstens auf dieses unser Buch stoßen. Deshalb ist es von
Nutzen, wenn über die gleichen Fragen mehrere Bücher von mehreren in
verschiedener Darstellungsweise verfaßt werden, nicht in verschiedenem Glauben,
damit die dargestellte Sache zu vielen gelange, zu den einen auf diese, zu den
anderen auf jene Weise ... Wenn bei der Lektüre des Buches jemand sagt. ich
verstehe zwar, was gemeint ist, aber es ist nicht richtig ausgedrückt, der
möge ruhig seine Anschauung festhalten und die meinige widerlegen, wenn er
kann. Wenn er dies in Liebe und Wahrheit tut, und es mich. sofern ich noch am
Leben bin, wissen läßt, werde ich gerade daraus reiche Frucht für meine
Bemühungen empfangen. Kann er seine Erkenntnis mir nicht mehr zukommen lassen,
so ist es doch mein Wunsch und Wille, daß er sie allen, die er erreichen kann.
zuteil werden läßt.«
Die christologische Grundausrichtung bringt es naturgemäß mit sich,
daß in dem Werke das personale Moment, die Begegnung des Lesers mit Gott, immer
wieder durchdringt. Hierüber hat u.a. Eugen Biser in verschiedenen seiner
Werke, zuletzt in einem Aufsatz des Klerusblattes 1978 S. 1-5 gehandelt. Der
hier vorgelegte Gedanke ist auf Seite 3 zu finden. Er betont dabei, daß die
Menschheit in den Wirren unserer Zeit eine dreifache neue Erkenntnis gewonnen
hat, nämlich die Erkenntnis von der Mitmenschlichkeit, von der Bedeutung des
Friedens und von der Sprache. Er fügt noch hinzu, daß auch ein neues
Verständnis des Todes zutage getreten ist. Hierbei legt er besonderes Gewicht
auf das neue Verständnis der Sprache. Sie wird,
XVII
wie
er glaubt, nun nicht mehr nur als Mitteilungsinstrument anerkannt und verwendet.
Er stellt die Frage, was es denn mit der offenbarenden Selbstzusage Gottes in
Wirklichkeit für eine Bewandtnis habe. Mit der Besinnung auf das Wort, auf das
Wort der Offenbarung und das Wort des Glaubens, ist nach seiner Überzeugung in
der nachkonziliaren Phase und in ihr in ganz besonderer Weise ein bis dahin nur
schlecht oder gar nicht bestelltes Feld der Theologie erschlossen worden,
nämlich das Feld der dialogischen Beziehungen. Es ist den Menschen in einer
neuen Weise zu Bewußtsein gekommen, was es um das Offenbarungswort Gottes ist.
In diesem Zusammenhang ist die Theologie Rudolf Bultmanns unterzubringen,
insbesondere seine These von der existentialen Interpretation der Heiligen
Schrift. Schon der evangelische Theologe aus dem pietistischen Raum Johann
Alfred Bengel hat das Verhältnis des Lesers zu der Heiligen Schrift in dem
Worte zusammengefaßt: »te totum applica ad textum — rem totam applica ad te.«
Selbstverständlich
ist für diese neue Auflage sowie für die erste das Zweite Vatikanische Konzil
von grundsätzlicher Bedeutung. Es fragt sich dabei allerdings, welchen
Verpflichtungsgrad die Aussagen des Konzils haben. Diese Frage kommt daher, daß
das Konzil nach der Meinung des einberufenden Papstes Johannes XXIII. ein
Pastoral-, d. h. aber zugleich, kein dogmatisches Konzil sein sollte. Daraus
ergibt sich, wie während des Konzils mehrfach hervortrat, die Frage, ob das
Konzil überhaupt Dogmen aufgestellt hat. Diesbezüglich bildeten sich zwei
Gruppen von Konzilsvätern. Die eine, die kleinere Gruppe, war der Meinung, daß
das Konzil überhaupt keine Lehren darbiete (soweit es nicht schon bestehende
Lehren vorträgt), sondern nur pastorale Anweisungen. Das Konzil führe auf
XVIII
dem
Felde der Lehre nicht über das hinaus, was die vorausgehenden Konzilien
aussagten, seine eigentliche Bedeutung liege ausschließlich auf der Ebene der
praktischen Verwirklichung. Mit dieser Vorstellung hängt es naturgemäß
zusammen, daß ein Widerspruch gegen eine Konzilsaussage als solche auf keinen
Fall einen Widerspruch gegen eine Lehre in sich schließen kann. Für die Praxis
der nachkonziliaren Zeit ist diese Situation von großer Bedeutung.
Demgegenüber
wurde von anderen die These vertreten, daß die konziliaren Aussagen einfach
deswegen, weil sie konziliare Aussagen seien und daher von der höchsten
Autorität in der Kirche garantiert würden, die Ebene des Dogmas erreichen,
ohne daß dies formal zum Ausdruck kommt. Für die Diskussion in dieser Frage
ist ein Satz des Papstes Paul VI. in einer Rede zur letzten öffentlichen
Sitzung des Konzils am 7. 12. 1965 von großer Bedeutung. Er lautet: »Jetzt
aber ist zu beachten, daß die Kirche in ihrem Lehramt zwar keine Hauptlehre
durch außerordentliche dogmatische Bestimmungen definieren wollte, daß aber
nichtsdestoweniger sehr viele Fragen mit ihrer Autorität als Glaubenslehren
vorgelegt werden, nach deren Norm die heutigen Menschen ihr Gewissen zu bilden
und die Art ihres Handelns zu bestimmen gehalten sind.« Mit diesen Worten wird
vom Papste abgelehnt, daß es sich um formale Dogmen handelt. Zugleich aber wird
hervorgehoben, daß die Vatikanischen Aussagen einen Verpflichtungsgrad haben,
welcher in der höchsten Autorität der Kirche begründet ist. Man darf wohl
sagen, der Unterschied zwischen einem formalen Dogma und der
Glaubensverpflichtung, die der Papst Konzilsaussagen beimißt, liegt mehr im
Formalmethodischen als im Inhaltlichen. In der Tat wird ja auch die Aussage des
Konzils über die Kirche eine
XIX
dogmatische
Konstitution genannt. Das Gleiche gilt von der Constitutio über die göttliche
Offenbarung. Es kommt dazu, daß um die richtige, dem Sachverhalt entsprechende
Formulierung Jahre lang gerungen worden ist. Diese Mühe wäre unverständlich,
wenn es sich nicht um echte Überzeugungen und um eine echte Verkündigung der
obersten kirchlichen Autorität handeln würde. Man kann also nicht mit Berufung
auf den rein pastoralen Charakter des Konzils unbesorgt Thesen vertreten, die
den Konzilsäußerungen widersprechen, ohne mit dem kirchlichen Glauben in
Widerspruch zu geraten, oder einfachhin unbesorgt und undifferenziert behaupten,
das II. Vat. Konzil bringe keine (neuen) Glaubensaussagen.
Der
Papst hat ebenso wie das Konzil selbst mehrfach auf die im Konzil
hervorgetretene Bedeutung der Auslegung der Heiligen Schrift für die Theologie
hingewiesen. Dies ist ein Moment von besonderer Tragweite für jede kommende
Theologie. Es wird nämlich gesagt, daß das Studium des Heiligen Buches
geradezu Seele der ganzen Theologie sei. Das ist, wie sich nicht leugnen läßt,
eine Verschiebung der Gewichte, welche den theologischen Disziplinen zukommen,
und zwar eine Verschiebung des Hauptgewichtes auf die Exegese, weg also von der
bisher in die Mitte des ganzen theologischen Studiums gestellten Dogmatik. Diese
Betonung der Exegese legt nahe, daß der Aufbau der Dogmatik in ihren einzelnen
Kapiteln nicht mehr, wie es bisher vielfach üblich war, von einem kirchlichen
Lehrsatz ausgeht, der dann durch die Heilige Schrift und die Überlieferung
bewiesen und näher erklärt werden soll, sondern daß die Exegese selbst bzw.
die Heilige Schrift jeweils den Ausgang eines Aussagekomplexes bildet, daß sich
daran die Entfaltung der Schriftaussage in der Geschichte der Kirche
XX
anschließt
und daß die Darstellung der kirchlichen Lehre, die auf der Heiligen Schrift und
auf der kirchlichen Überlieferung basiert, das Ende eines solchen
Gedankenganges darstellt. Auf diese Weise wird das Werden der kirchlichen Lehre
von vorneherein sichtbar. Dabei werden auch die Schwierigkeiten, die Umwege, die
Neuansätze, die zu der endgültigen kirchlichen Lehre geführt haben,
verdeutlicht.
Dieses
Vorgehen hat auch den Vorteil, daß nicht nur jene Lehren zur Darstellung
kommen, für welche es kirchliche Entscheidungen gibt, sondern das Gesamt der in
der Heiligen Schrift und in der kirchlichen Überlieferung niedergelegten
göttlichen Offenbarung.
Es ist noch folgendes hinzuzufügen: Auch bei einer endgültigen oder vorläufigen kirchlichen Aussage über den Inhalt der Offenbarung ist die theologische Bemühung noch nicht an das Ende gekommen. Ganz abgesehen davon ist auch eine kirchliche Verkündigung eine Aussage, die der Hermeneutik bedarf. Weil sich im geistigen Bereich nie eine Aussage in einem vollkommenen, absolut eindeutigen oder erschöpfenden Sinne machen läßt, so muß man betonen, daß jede kirchliche Lehre offen ist für die Zukunft. Was durch Spiritualität, durch die Anforderungen der Zeit, durch die theologische Wissenschaft bei der Interpretation der kirchlichen Lehre an tieferem Glaubensverständnis zutage gefördert wird, läßt sich nicht von vorneherein sagen. Es ergibt sich für die Theologie die Situation, daß sie nie an ein Ende kommt, auch wenn sie sich noch so sehr um das Verständnis der Offenbarung bemüht. Sie nimmt ihren Ausgang in der Offenbarung, vielmehr von dem sich offenbarenden Gott und bewegt sich auf die Wiederkunft Christi zu oder vielmehr: durch den erhöhten Christus im Heiligen Geist auf die Ankunft bei dem sich unverhüllt zeigen-
XXI
den
und den Menschen sich endgültig zusagenden Gott.
Das
vorliegende Werk befleißigt sich einer verständlichen Sprache. Es vermeidet
also die heute vielfach übliche, komplizierte, mit unzähligen Fremdwörtern
ausgestattete Darstellung der Theologie, welche es einem nicht fachlich
Gebildeten unmöglich macht, das Dargestellte zu verstehen, Die Sprache soll
nicht eine Mauer sein, die sich zwischen dem Autor und dem Leser aufbaut,
sondern eine Brücke, die vom Autor oder vielmehr von dessen Werk zum Leser
hinführt, auf der der Leser auch wieder ohne allzugroße Schwierigkeit zu dem
Autor oder zu dem von ihm geschaffenen Werk zurückfindet. Dabei wird die
Wissenschaftlichkeit nicht außer acht gelassen. Dogmatik kann nicht ein reines
Erbauungsbuch sein, aber sie soll ein Buch des Glaubensverstehens sein.
Wenn
heute weithin behauptet wird, daß die Sprache der altkirchlichen Konzilien, ja
auch jene der Heiligen Schrift, den heutigen Menschen nicht mehr oder nicht ohne
weiteres verständlich sei, so ist daran ein Wahrheitskern. Man darf jedoch
nicht übersehen, daß diese Schwierigkeit eine soeben angedeutete Parallele in
der heutigen Erfahrung hat, da die derzeitige theologische Sprache in nicht
wenigen ihrer Erscheinungen nur einem kleinen Kreis von Fachleuten zugänglich
ist, während sie doch die mit Recht oder Unrecht als unverständlich
bezeichnete altkirchliche »griechisch-philosophische« Sprachform ablösen
will. Der Hauptgrund für die behauptete Unzugänglichkeit altkirchlicher
theologischer Aussagen für den heutigen Menschen liegt in dem ausgesagten
Inhalt, nicht in der Sprachgestalt. Wer nur noch im Horizont des
technisch-industriellen Zeitalters denkt oder denken kann, wird weder verstehen
noch für bedenkenswert
XXII
halten,
was im metaphysischen Horizont der alten Zeit gesagt wurde, von Einzelaussagen
wie z. B. Trinität, Menschwerdung Gottes, Fortleben nach dem Tode, Auferstehung
von den Toten usw. ganz zu schweigen.
Es
darf vielleicht noch etwas betont werden: Bald nach dem Erscheinen der ersten
Auflage wurde ich von einem mittelamerikanischen Theologen gefragt, ob ich mit
der Übertragung in das Spanische, und zwar in das in Südamerika gesprochene
Spanische einverstanden sei. In das europäische Spanische wurde das Werk gleich
nach seinem Erscheinen ohnehin übersetzt. Ich bejahte diese Frage, erhielt aber
nach längerer Zeit die Mitteilung, daß eine Kommission südamerikanischer
Theologen die Sache beraten habe und zu dem Ergebnis gekommen sei, daß das Werk
nicht in das südamerikanische Spanisch übersetzt werden könne, weil man dort
eine Theologie der Befreiung brauche. Ich werde also ersucht, so hieß es in dem
Schreiben, eine Theologie der Befreiung zu schreiben. Ich mußte infolge der
Vielfältigkeit der Problematik leider antworten, daß ich mich zur
Durchführung eines so weittragenden und wichtigen Vorhabens infolge schwieriger
anderer Engagements zur Zeit nicht im Stande sehe (siehe zu der Problematik z.
B. Wilhelm Kasch, Wie frei macht die Theologie der Freiheit? in: Politische
Studien, 238 Jahrg. 29, 1978, 135-148; Internationale Theologenkommission (K.
Leh-mann u. a.), Theologie der Befreiung, Einsiedeln 1977).
Noch
ein Wort der Selbstkritik: Eine allseits befriedigende Lösung, an welcher
Stelle von Christus, an welcher Stelle von Gott dem Einen und Dreieinigen
gesprochen werden soll, ist unmöglich. Die Interpretation Jesu Christi setzt
die göttliche Dreieinigkeit voraus, die Interpretation der göttlichen
Dreieinigkeit setzt jedoch die Erscheinung und auch die Verkündi-
XXIII
gung
Jesu Christi voraus. Die beiden Glaubenswahrheiten greifen also so ineinander,
daß die eine die andere stützt und trägt und verständlich macht. Bei der
jetzt von mir vorgenommenen Ordnung ist naturgemäß unerläßlich, auch schon
bei der Interpretation des Dreieinigen Gottes immer wieder von Jesus Christus,
von seinem Existenzsinn und seinem Wesen zu sprechen. Es soll dies jedoch nur
insoweit im Trinitätstraktat geschehen, als es für dessen Verständnis
unerläßlich ist, so daß die Hauptdarstellung Jesu Christi nach wie vor einen
eigenen Traktat erfordert.
Nun
möge also das Werk in seiner neuen Gestalt den Weg gehen und den Lesern
hilfreich sein. Als Leser denke ich mir sowohl die für die Theologie
Interessierten als auch die Theologie Studierenden und bis zu einem gewissen
Grade auch die, die sich in das Lehramt der Theologie einzuarbeiten versuchen.
Ohne
vielfältige Hilfen hätte ich nicht den Mut gehabt und auch nicht die Zeit
aufgebracht, einer Neuauflage näher zu treten. Meine früheren Helfer für die
Lesung von Korrekturen und die Herstellung der Register konnten nicht mehr
mitwirken, da sie entweder gestorben sind oder durch Übernahme von Hauptberufen
völlig beansprucht werden. Um so herzlicher danke ich meiner früheren,
inzwischen in den Ruhestand getretenen, aber immer noch hilfreichen Sekretärin,
Frl. Lilly Kuhnert, und für manche in nachbarlicher Verbundenheit geleisteten
Schreibstunden Frau Dorle Buchbauer, ebenso meiner Nichte, Fräulein Elisabeth
Hölzl. Ganz besonderen Dank schulde ich dem EOS Verlag in St.Ottilien, dessen
Leiter, Herr Dr. theol. Bernhard Sirch OSB, den Mut, die Geduld und die Energie
hatte, welche für die Veröffentlichung erforderlich waren und sind.
Gauting,
Weihnachten 1978 Michael Schmaus
XXIV
VORBEMERKUNG
1. Beachtung der menschlichen Anliegen in der Theologie
Wenn
die Theologie der heutigen Situation gerecht werden will, muß sie die hierfür
entscheidenden Gesichtspunkte beachten. Sie muß dies allerdings nicht deshalb
tun, weil es opportun ist, sondern weil es ihrem Wesen entspricht, daß sie den
Menschen erreicht, in welcher geschichtlichen Verfassung dieser immer ist. Die
Theologie soll anthropologisch sein, ohne in der Anthropologie aufzugehen.
Dieser Aspekt läßt sich auf Grund unserer Analysen aufgliedern in die Momente
des Ganzheitlichen, des Gemeinschaftlichen, des Existential-Existentiellen, des
Dynamischen und des Eschatologischen.
a) Ganzheitlichkeit
Was
das Ganzheitliche und das Gemeinschaftliche betrifft, so bezieht es sich darauf,
daß der christliche Glaube die Vollendung des ganzen Menschen (nicht nur der
Seele) und der Menschheit, ja die Vollendung des einzelnen ganzen Menschen
innerhalb der Vollendung des Menschheitsganzen im Auge hat. Gottes Botschaft
richtet sich an den einzelnen, insofern er Glied der Gemeinschaft ist. Das
Christentum kennt nicht den isolierten Einzelnen, sondern nur den
vergemeinschafteten Einzelnen, welcher gerade dadurch, daß er Glied der
Gemeinschaft ist, auch zugleich seine einmalige unverwechselbare und
unverlierbare Individualität besitzt. Er erreicht sein eigenes individuelles
Selbst nur als Glied des Ganzen, welches sich dem un-
1
sagbaren Gottesgeheimnis entgegenbewegt, weil es von ihm zur
Teilnahme an dessen Leben berufen ist.
b) Das Existential-Existentielle
Was
das Existential-Existentielle betrifft, so soll der christliche Glaube als
Antwort auf die göttliche Offenbarung in seinem Bezug auf den Menschen, in
seiner den Menschen formenden und erfüllenden Sinnhaftigkeit und Kraft gezeigt
werden. Was das Dynamische betrifft, so soll die Offenbarung in der ihr selbst
eigenen Geschichte und in der Geschichte ihrer Auswirkung, in ihrem Tatcharakter
dargestellt werden. Das Gegenteil wäre eine bloße statische Wesensschau.
c)
Das Eschatologische
Der
Hauptton wird auf dem Eschatologischen liegen. Alle Einzelaussagen des Werkes
werden unter dem eschatologischen Blick stehen. Es wird sich also zeigen, daß
Gott dem Menschen eine absolute Zukunft zugesprochen hat. Diese wird in der
unverhüllten Selbstmitteilung Gottes und in der darin begründeten »Vergöttlichung«
der Schöpfung bestehen und ihrerseits wiederum nicht den Charakter des
Statischen, sondern des Dynamischen haben, insofern sich die Selbstmitteilung
Gottes ohne Ende ständig intensiviert. Was immer Gott innerhalb der Geschichte
im Dialog mit dem Menschen vollbracht hat und vollbringt, dient der Zukunft und
hat in ihr seinen Sinn. Die Zukunft ist der Grund für die Vergangenheit. So
steht Gott vor dem Menschen als der Rufende und der Verheißende.
Das
Christentum ist daher ein Weg nach vorwärts und nicht nach rückwärts. Der
Glaube muß auch zu-
2
rückblicken
auf schon Gegebenes und Geschehenes. Wenn er zurückschallt, nämlich auf die
der Zukunft dienenden Heilstaten Gottes in der Vergangenheit, so geschieht dies,
damit er von dem Boden aus, welcher gelegt ist, um so kühner und
zuversichtlicher der Zukunft entgegenstreben kann. Die Vergangenheit bietet die
Gewähr, daß der Mensch nicht einer Utopie oder Ideologie nachjagt, wenn er der
absoluten Zukunft, d. h. der unmittelbaren Begegnung mit dem sich mitteilenden
Geheimnis, welches wir Gott heißen, entgegentrachtet, sondern realistisch denkt
und wirkt. Das Entscheidende ist das Wohin, nicht das Woher. Aber das Woher
garantiert das Wohin.
Durch
die existentielle und eschatologische Sicht wird die Wesensschau nicht
ausgeschaltet. Das Real-Ontologische darf in der katholischen Theologie auf
keinen Fall ausgelassen werden. Eine Theologie, die dies vergäße, wäre eine
verkümmerte Theologie. Es tritt jedoch an den ihm gebührenden Ort. Es
wird in das Existentielle und Eschatologische eingeordnet. Diesem dient es zur
Erhellung und Interpretation, wie es selbst auch umgekehrt wiederum seinen Sinn
vom Eschatologischen empfängt. Das Heil kommt nicht von der Ontologie, sondern
aus der Geschichte. Innerhalb dieser ist jedoch die Seinsaussage unentbehrlich.
Es gibt keine wahre Theologie ohne Ontologie. Auch wenn in der Schrift das
»Funktionale«, das Tun Gottes, das Tun Christi im Vordergrund steht, so
drängt sich dennoch die ontologische Frage, die Frage nach dem Sein auf. Der
menschliche Geist wird von seiner eigenen Struktur zu der Frage geführt, wer
der uns Heil schaffende Gott ist. Die Frage hat auch einen objektiven Sinn,
insofern in dem Tun Gottes Gott sich selbst darstellt. Nur wer dem Tun Gottes
den Realitätscharakter abspräche, wer also das Tun Gottes nur
3
als Objektivierung des menschlichen
Geistes verstünde, könnte und müßte die Seinsfrage unterlassen.
2.Gottes
Einwirkung auf den Menschen
Wesentlich
ist, daß der von einer göttlichen Selbstmitteilung getroffene Mensch das, was
ihm zuteil wird, als Gottes Mitteilung erfaßt und interpretiert. Es ist unter
den Theologen darüber diskutiert worden, ob sich Gottes Selbsterschließung in
äußeren, sichtbaren Phänomenen oder bloß in Akten innerer Erleuchtung
vollzieht. Im allgemeinen wird man wohl diesen zweiten Modus annehmen müssen.
In der Regel jedoch verbinden sich die beiden modi, insofern äußere Phänomene
Bestätigung innerer Erfahrung sind. So bildet sich ein geistig-sinnliches
Erlebnis. Gott wirkt danach auf den menschlichen Geist und das menschliche
Gemüt, also auf den ganzen Menschen mit allen seinen menschlichen Fähigkeiten.
Er gibt ihm dabei nicht nur innere Existenzstöße, sondern auch inhaltliche
Kenntnisse. Was der so von Gott erreichte Mensch in seinem Innern erfährt,
übersetzt er entsprechend seiner persönlichen Eigenart, seinem Temperament,
seiner Vorstellungswelt, seiner Erkenntnisfähigkeit, seiner Sprachbegabung,
seinem Bilderreichtum, seiner kulturellen Situation, seiner politischen
Urteilskraft, insgesamt also gemäß seinem Seinsverständnis in eine bestimmte
Wort- oder Bildersprache. So erfolgt der Vorstoß Gottes durch das Medium des
Menschen hindurch in die Welt hinein. Die Bilder und Vorstellungen, deren sich
der Empfänger göttlicher Selbstmitteilungen bedient, entstammen naturgemäß
nicht nur seiner individuellen Art, sondern auch seiner gesellschaftlichen
Verflochtenheit. Dies aber kann auch ge-
4
schehen
in der im mythischen Denken befangenen Umwelt. So kann die göttliche
Selbstmitteilung in Gestalt mythischer Bilder zum Ausdruck kommen. Sie wird
dadurch selbst keineswegs ein Mythos. Denn dieser besteht nicht in einer
Verwendung mythischer Bilder, sondern in einer dramatischen Handlung, durch
welche ihre Träger ihre Gottesahnungen und ihre Erlösungshoffnungen
darstellen.
Was
die Gestalt des eine göttliche Offenbarung ausdrückenden Wortes betrifft, so
kann es eine Lehraussage, ein Anruf, ein Aufruf, eine Lobpreisung, eine Warnung,
eine Drohung, eine Strafverfügung oder eine Verheißung sein. Die Gestalt der
Verheißung begreift alle anderen Wortgestalten in sich, wie auch diese selbst
untereinander zusammenhängen.
Unsere
Überlegung führt zu dem Ergebnis, daß die göttliche Offenbarung stets eine
Synthese von göttlicher Initiative und menschlicher Antwort ist. Eine
Offenbarung, welche nicht die Antwort des Menschen hervorrufen würde, wäre ein
göttlicher Ruf in den leeren Raum. Sie wäre also widersinnig und daher
widergöttlich. In der Offenbarung wird dem Menschen von Gott etwas gezeigt.
Wenn niemand wäre, dem etwas gezeigt wird, so wäre der Akt des Zeigens leeres
Spiel.
Wenn
die göttliche Selbsterschließung ihre Integration erst in der menschlichen
Antwort, sei es in der negativen, sei es in der positiven erfährt, bedeutet
jede göttliche Offenbarung gewissermaßen eine Inkarnation Gottes in
menschliche Worte und Bilder, und zwar jeweils in zeitgebundene,
kulturbestimmte, ja politisch geprägte Bilder und Worte, die der betreffenden
individuellen und kollektiven geschichtlichen Stufe entsprechen. Dies hat zur
Folge, daß der göttliche Offenbarungsinhalt trotz seiner inhaltlichen
Unwandelbarkeit auch in andere Worte und Bilder übersetzt
5
werden kann und muß, nicht derart, daß
er bloß in eine andere Grammatik und in ein anderes Vokabular übertragen wird,
sondern in andere Denkweisen und Denkformen. So kann zum Beispiel die im Nahen
Orient gewährte göttliche Offenbarung auch in die Denkweise Europas oder in
die Denkformen Indiens oder Chinas umgesetzt werden. Die göttliche Offenbarung
ist an kein Weltbild unlöslich gebunden. Jedes Weltbild kann als
Ausdrucksgestalt dessen, was Gott in seiner Selbstmitteilung eröffnet hat,
verwendet werden. So eng der Inhalt der göttlichen Selbsterschließung, also
die Aussage Gottes an den Offenbarungsempfänger, mit der Aussageform des
Empfängers verbunden ist, da beide ähnlich zusammengehören wie Seele und
Leib, so Ist doch die eine Dimension mit der anderen nicht identisch und kann
daher von ihr gelöst werden. Man darf dabei nicht verschweigen, daß eine
solche Übersetzung nie adäquat gelingen wird. Sie wird jedoch immer in einem
solchen Ausmaße möglich sein, daß der Kern unverkürzt und unverfälscht in
einer neuen Gestalt erscheint.
6
1.
ABSCHNITT
Einführung
in die Problematik
Entsprechend
dem Thema des ganzen Werkes »Der Glaube der Kirche« muß die Frage gestellt
werden, was unter dem Glauben zu verstehen ist, worauf er sich bezieht, in
welchem Raum er sich abspielt, woher er kommt, wohin er führt. Da es sich um
den religiösen Glauben handelt, bezieht er sich naturgemäß auf Gott und zwar
auf Gott, insofern dieser sich offenbart. Ohne eine Offenbarung Gottes könnte
man von ihm keinerlei Erkenntnis haben und auch keinen Glauben an ihn
vollziehen. Der Mensch könnte ohne eine solche Selbstzeigung Gottes kein
Bewußtsein von Gott haben. Daher ist an zweiter Stelle zu fragen, was man unter
Offenbarung versteht. So fundamental diese Frage für jede Art von Theologie
ist, so ist der Begriff der Offenbarung erstaunlicherweise doch bis zum heutigen
Tag zu keiner allgemein angenommenen Wesenserklärung gelangt. Auf jeden Fall
muß man ihn als Akt verstehen, durch welchen Gott sich kundgibt. In dem Werke
von Duden, »Vergleichendes Synonymwörterbuch«, Sinnverwandte Wörter und
Wendungen (Der große Duden VIII, Mannheim 1964,483), wird die Offenbarung
verstanden als »Kunde, die den Menschen über Gott, sein Dasein, Willen und
Wirken und in einem ganz bestimmten Ausmaß über sein geheimes Wesen von eigens
dazu Auserwählten in Mitteilungen, Weisungen und Belehrungen gegeben wird,
welche die Grundlage jeder Religion bildet«. Dieser Versuch einer
Wesensbestimmung der Offenbarung wirft eine Reihe von Fragen auf. Etwa die
Frage, wer das Subjekt der Offenbarung ist. Oder: warum Gott, falls er
7
deren
Subjekt ist, sich offenbart, welches Ziel die Offenbarung hat, in welcher Weise
sich Gott offenbart, ferner wie die Offenbarung Gottes, die in längst
vergangenen Zeiten geschah, bis in unsere Gegenwart kommen konnte. Haben wir
eine Bürgschaft dafür, daß sie auf dem langen Wege, auf dem sie viele
Übertragungen in zahlreiche Sprachen und in zahlreiche menschliche Anschauungen
und Interpretationen der Welt erfahren hat, in ihrem Kerne erhalten bleibt und
daher der ursprünglichen Absicht der Erstempfänger der Offenbarung gemäß
ist?
8
2.
ABSCHNITT
Die
Offenbarung als Selbsterschließung Gottes
gegenüber
den Menschen
1.
Kapitel Begriff
Auf
jeden Fall muß man sagen, daß Gott der Offenbarungsträger ist und nicht der
Mensch. Der Mensch ist der Empfänger. Gott offenbart sich nicht aus innerem
Zwang oder aus irgend einer äußeren Notwendigkeit, sondern in voller Freiheit.
Er ist ja, wie wir später sehen werden, die Freiheit in eigener Person. Die
Offenbarung bedeutet nicht etwa eine Wesensentwicklung des Unbewußten zum
Bewußten bis zum Vollbewußten im menschlichen Geist. Die Offenbarung zielt auf
das Heil des Menschen. Der Mensch kann die Offenbarung annehmen oder ablehnen.
Es kommt auf jeden Fall zu einem Dialog zwischen Gott und den Menschen.
Jede
Offenbarung ist indirekt. In der Schrift wird häufig gesagt, wie sich die
»Herrlichkeit« Gottes gezeigt hat. Es ist eine schwierige Frage, was man unter
der Herrlichkeit Gottes zu verstehen hat, von der die Schrift so oft spricht. Im
Laufe der verschiedenen Traditionsschichten des Alten und des Neuen Testamentes
hat das Wort verschiedene Bedeutungen. Zweifellos hat sie eine
Zukunftsbedeutung, insofern sie die Verheißung in sich schließt, daß die
Menschen einmal die verborgene Herrlichkeit Gottes sehen werden. Dann tritt Gott
aus seiner Verborgenheit so heraus und wirkt so auf den Menschen ein, daß er
unmittel-
9
bar angeschaut werden kann. Dies ist
jedoch eine Zukunftsverheißung. Innerhalb der Geschichte kann sich die
Herrlichkeit Gottes nur indirekt zeigen, und zwar als die Erhabenheit Gottes,
als die Macht Gottes, als das Anderssein Gottes. Die Erhabenheit Gottes drückt
sich darin aus, daß Gott anders ist als der Mensch. Der Mensch empfängt durch
die Selbsterschließung Gottes anderes, als er zu erwarten imstande ist, ohne
sich dabei allerdings selbst entfremdet zu werden. Mit dem Bilde von der
Erscheinung der Herrlichkeit Gottes soll offensichtlich gesagt werden, daß Gott
sich der Welt zuwendet, bzw. daß einmal, wie es heißt, »alles Fleisch« die
Herrlichkeit Gottes schauen werde (Dt-Jes 40,5 und viele andere Stellen). Bei
Deutero-Jesaias und in vielen späteren Texten wird deutlich, daß das
Erscheinen der Herrlichkeit Jahwes die öffentliche Durchsetzung seiner Macht
bedeutet. Mit dem Ausdruck kann auch ein Zeichen dafür gemeint sein, daß Jahwe
mit einem Worte, mit einer Botschaft zum Volke kommt. Das Wort Gottes, von dem
der Ausdruck Herrlichkeit gebraucht wird, ergeht an die Menschen mit dem
Anspruch unbedingter Verbindlichkeit. Die Antwort des Menschen hierauf kann nur
heißen: Ehren, Ehrung, Anerkennung des sich offenbarenden Gottes.
Wenn
man sich die Frage stellt, was der Inhalt der göttlichen Selbsterschließung
ist, so ergibt sich ein Doppeltes: Einmal ruft Gott den Menschen an als das von
jedem geschaffenen Wesen verschiedene Ich, eben als das göttliche Ich. Gott
teilt sich selbst dem Menschen mit. Er gibt ihm nicht nur eine Information über
sich. Dieser Ruf Gottes will den Menschen herausreißen aus seiner Verfallenheit
an die Welt, aus seiner Versunkenheit in das eigene menschliche Selbst, er will
ihn hinrufen zu Gott, sodaß ein Dialog zwischen
10
dem
Menschen und Gott entsteht. Man kann nicht in strengem Sinne sagen, daß Gott
auf diese Weise vor allem seine Existenz offenbart, denn seine Offenbarung in
diesem ersten Sinn ist ja ein Ruf, den der Mensch anhören muß, den er annehmen
oder ablehnen kann, dem er sich aber nicht zu entziehen vermag. Hier hört der
Mensch eine Stimme, die nicht identisch ist mit den Stimmen der Welt, die ihn
aber auch nicht zu einer positiven Antwort zwingt. Wenn er diesem Rufe
nachkommt, dann heißt dies, daß er sich Gott übereignet, daß er sein Leben
aus dem Vertrauen auf Gott, aus dem Glauben gestaltet.
Ein zweiter Modus der göttlichen Offenbarung bietet die Eigenschaften von Gott oder vom Menschen und von der Welt sowie Gottes Absichten mit Mensch und Welt dar. Da zeigt sich Gott als der Barmherzige, der Mächtige, als der, der den Menschen in seine eigene Existenz hineinrufen will, der ihm die Sünden vergibt, der ihm Vertrauen einflößt, der das Schicksal der Menschen zum Guten führt, der auf das Heil des Menschen bedacht ist.
Diese
beiden Arten von göttlicher Offenbarung gehören eng zusammen, denn der Gott,
der den Menschen ruft, ist nicht und kann nicht bleiben ein völlig unbekanntes
Ich oder und ein völlig unbekanntes Etwas, sondern es zeigt sich schon in dem
Ruf allein, daß es Gott um den Menschen zu tun ist, daß er auf das Heil des
Menschen bedacht ist, daß er mit den Menschen in Dialog eintreten will, daß er
der Partner des Menschen sein will. Es ist daher von vornherein aufgrund des
Begriffes der Offenbarung selbst nicht möglich anzunehmen, daß die Offenbarung
überhaupt keinen Inhalt hat außer dem Ruf. Insofern ist die sog.
Entmythologisierungstheologie, welche in der Offenbarung keinen Inhalt sehen
will, sondern sie jeden In-
11
haltes
entkleidet, mit dem biblischen Befund nicht oder wenigstens nur schwer
vereinbar,
Durch
diese Überlegungen wird allerdings deutlich, daß die Offenbarung nicht etwa
erstlich eine Mitteilung von Inhalten ist nach der Art, wie Menschen einander
Informationen geben, sondern daß sie ein Ruf ist, durch welchen der Mensch in
seiner menschlichen Mitte getroffen werden soll und eben aus der bloßen
Hoffnung auf das eigene Selbst herausgerufen und in die Freiheit geführt werden
soll, in die Freiheit, welche bedingt ist durch die Freiheit Gottes. Die
Offenbarung ist nicht eine Bekanntmachung von Wissensgegenständen, die wie ein
Reservoir vorgestellt werden können, aus dem von zuständigen Stellen je nach
Bedarf der Zeitlage, je nach der persönlichen Situation eines Interessenten
hervorgeholt werden kann, was für die Stunde erforderlich ist. Auch dann, wenn
die Offenbarung Gottes in einem schriftlichen Wort fixiert und in einem Buche
aufbewahrt wird, das man jederzeit in die Hand nehmen und lesen kann, bleibt der
Charakter als eines Anrufes Gottes. Dann ruft Gott durch die Schrift hindurch
den Menschen an, das Offenbarungswort vollzieht dann nicht mehr in einer so
unmit-telbar deutlichen und sichtbaren Weise seinen Charakter als Ruf, aber es
bleibt für immer bei dem Anruf, den Gott an den Menschen ergehen läßt. Er
ruft bei einem geschriebenen Wort eben durch das geschriebene Wort hindurch den
Menschen aus seiner bloß menschlichen, bloß erdhaften Situation heraus in das
eigene göttliche Leben hinein. Er ruft ihm Trost und Hilfe oder auch Warnung
und Drohung zu.
12
2.
Kapitel
Die kirchliche Lehre über die Offenbarung Gottes
Die
Kirche äußerte sich, wenn auch nur knapp über die Selbsterschließung Gottes
auf den Vatikanischen Konzilien.
Die
Kirche wußte sich für die Erkennbarkeit Gottes durch die menschliche Vernunft
aus der Natur in so hohem Maße verantwortlich, daß sie auf dem Ersten Vat.
Konzil (1869/70) erklärte, der eine und wahre Gott, unser Schöpfer und Herr,
könne vermittels der geschaffenen Dinge durch das natürliche Licht der
menschlichen Vernunft mit Sicherheit erkannt werden (DS 3004). Diese
Glaubensaussage hatte eine lange Vorgeschichte. Sie war die Antwort auf zwei
Einseitigkeiten. Auf der einen Seite wurde durch verschiedene philosophische
Systeme, sei es die Erkennbarkeit, sei es geradezu die Existenz Gottes,
geleugnet. Auf der anderen Seite wurde, wiederum in einer tiefgreifenden Skepsis
gegenüber der menschlichen Vernunft, aber in um so größerer Gläubigkeit, die
These verfochten, daß Gott nur auf dem Wege der Belehrung und Erziehung erkannt
werden, daß also nur die Tradition das religiöse Bewußtsein begründen
könne.
Das
Konzil ließ damals die Frage offen, auf welchem Wege die von ihm gelehrte
Möglichkeit der Gotteserkenntnis realisiert werden könne, ob auf dem Wege des
»Beweises« oder der Ahnung oder der Intuition oder des Postulates der
praktischen Vernunft. In dem Eid gegen den sogenannten Modernismus (1910) stand
indes der Satz, daß Gott, der Urgrund und das Endziel alter Dinge, mit dem
natürlichen Lichte der Vernunft durch das Geschaffene, d. h.
13
durch
die sichtbaren Werke der Schöpfung wie die Ursache durch die Wirkung mit
Sicherheit erkannt und daher auch bewiesen werden könne (DS 3538; siehe auch
das Rundschreiben Pius' XI. »Studiorum Ducem« vom 29. Juni 1923 und das
Rundschreiben »Humani generis« Pius' XII. vom 10. August 1950 sowie die
Konstitution über die göttliche Offenbarung des Zweiten Vat. Konzils, Nr. 6).
Das
Konzil war indes realistisch genug, um die Frage der theoretischen Möglichkeit
von der Frage der lebendigen Verwirklichung zu trennen. Hinsichtlich der
Tatsachenfrage erklärt es nämlich; »Gleichwohl gefiel es Gottes Weisheit und
Güte, auf einem anderen, nämlich auf dem übernatürlichen Wege, sich selbst
und seine ewigen Willensratschlüsse dem menschlichen Geschlechte zu offenbaren
... Dieser göttlichen Offenbarung ist es zuzuschreiben, daß das, was
hinsichtlich der göttlichen Dinge der menschlichen Vernunft an sich zugänglich
ist, auch in der gegenwärtigen Lage des menschlichen Geschlechtes von allen
leicht, mit Sicherheit, ohne Beimischung des Irrtums erkannt werden kann. Man
darf indes die Offenbarung nicht als unbedingt notwendig bezeichnen. Sie ist nur
notwendig, weil Gott den Menschen in seiner unbegrenzten Güte zu einem
übernatürlichen Ziele, nämlich zur Teilnahme an seiner eigenen göttlichen
Güte bestimmte, welche die Einsicht des Menschen übersteigt« (DS 3005).
Es
ist beachtlich, daß das Erste Vat. Konzil zwar in dem zuletzt angeführten Text
den Ausdruck »Offenbarung« so gebraucht, als ob er nur der von ihm so
genannten »übernatürlichen« Offenbarung zukommen würde, daß aber auf der
anderen Seite das ganze hier in Frage stehende zweite Kapitel der dritten
Sitzung des Ersten Vatikanischen Konzils vom Jahre 1870 mit
14
dem
Worte »Offenbarung« überschrieben wird. Das gleiche gilt von den »Canones«.
So entspricht es dem Geiste des Konzils, wenn man auch die Schöpfung selbst als
Anfang der göttlichen Offenbarung begreift. Wir werden sehen, daß sie von der
Schrift nicht nur als Vorspiel des göttlichen Heilshandelns, sondern selbst als
ein Heilsereignis verstanden wird. Es kann als solches auch übersehen werden.
Wenn nämlich die Schöpfung auch als Gottes Selbstdarstellung erkannt werden
kann, so bedarf der Mensch infolge »seines jetzigen Zustandes«, d. h. infolge
seiner Sündhaftigkeit und der darin begründeten Blindheit gegenüber Gott doch
eines besonderen Anstoßes, um die Präsenz des Gottesgeheimnisses in der Welt
nicht zu übersehen. Die Gründe, die ihn zu einer solchen Verkennung des
innersten und tiefsten Wettgeheimnisses verführen, sind mannigfach. Sie können
im Menschen selbst liegen. Sie liegen aber auch in der Schöpfung, nämlich in
der Verborgenheit Gottes einerseits und in der Unheilsgestalt der Welt
andererseits.
Gott
hat in seiner über die Schöpfung hinausgehenden Selbsterschließung in
Christus dem Menschen immer wieder den Impuls gegeben, sich als Geschöpf zu
interpretieren. Es ist zwar eine Unterschätzung dieser göttlichen, die
Schöpfung überbietenden Selbsterschließung, wenn R. Bultmann und andere sie
auf die Gewinnung des Selbstverständnisses des Menschen als eines Geschöpfes
beschränkten. Sie leistet derartiges zwar auch. Sie führt aber darüber
hinaus, indem sie den Menschen zu einer Selbstinterpretation und zu einem
Existenzvollzug von Christus her anstößt und befähigt und ihn zur
Vergöttlichung führt, ihm also die absolute Zukunft eröffnet.
Auch
wenn die vom Ersten Vatikanischen Konzil behauptete Erkennbarkeit Gottes mit den
natürlichen
15
Kräften
des menschlichen Geistes nie realisiert wurde, ja nie realisiert zu werden
brauchte, da sich Gott von Anfang an den Menschen gnadenhaft mitteilte und sich
selbst zum beseligenden Austausch zusagte, hat die Lehre des Ersten Vaticanums
(Konst. über die Offenb. Nr.2. DS 3004ff, sowie Canones, DS 3026ff) eine
unabsehbare Tragweite. Denn durch sie wird deutlich, daß der Mensch vom Wesen
her für Gott offen ist, daß in ihm ein göttliches Existential als
konstitutives Element seiner selbst vorhanden ist und er daher die Fähigkeit
besitzt, Gott zu vernehmen und zu hören.
Besondere
Beachtung verdient es, daß das Konzil sowohl von der Selbstoffenbarung als auch
von der Offenbarung seiner ewigen Heilsratschlüsse spricht. Der Ton liegt
offensichtlich auf dem zweiten Moment.
Das
Zweite Vatikanische Konzil nimmt die Grundlehren des Ersten Vatikanischen
Konzils wieder auf. Es verklammert jedoch die von diesem gelehrte Offenbarung
Gottes in der Schöpfung stärker mit der Christusoffenbarung. Die erstere wird
als der Auftakt zur zweiten, die zweite als das Ziel der ersten geschildert. Die
erste ist um der zweiten willen geschehen. Zudem und vor allem wird der Akzent
auf die Selbsterschließung Gottes gelegt. Dadurch gewinnt die personhafte
Perspektive ein wesentlich größeres Gewicht. Der Text lautet (Konstitution
über die göttliche Offenbarung, Nr. 3f):
»Gott,
der durch das Wort alles erschafft (vgl. Joh 1,3) und erhält, gibt den Menschen
jederzeit in den geschaffenen Dingen Zeugnis von sich (vgl. Röm 1,19-20). Da er
aber den Weg übernatürlichen Heiles eröffnen wollte, hat er darüber hinaus
sich selbst schon am Anfang den Stammeltern kundgetan. Nach ihrem Fall hat er
sie wiederaufgerichtet in der Hoffnung auf das
16
Heil,
indem er die Erlösung versprach (vg). Gen 3,15). Ohne Unterlaß hat er für das
Menschengeschlecht gesorgt, um allen das ewige Leben zu geben, die das Heil
suchen durch Ausdauer im guten Handeln (vgl. Rom 2,6-7). Später berief er
Abraham, um ihn zu einem großen Volk zu machen (vgl. Gen 12,2-3), das er dann
nach den Patriarchen durch Mose und die Propheten erzog, ihn allein als
lebendigen und wahren Gott, "als fürsorgenden Vater und gerechten Richter
anzuerkennen und auf den versprochenen Erlöser zu harren. So hat er dem
Evangelium den Weg durch die Zeiten bereitet.
Nachdem
Gott viele Male und auf viele Weisen durch die Propheten gesprochen hatte, hat
er zuletzt in diesen Tagen zu uns gesprochen im Sohn (Hebr 1,1-2). Er hat seinen
Sohn, das ewige Wort, das Licht aller Menschen, gesandt, damit er unter den
Menschen wohne und ihnen vom Innern Gottes Kunde bringe (vgl. Job 1,1-18). Jesus
Christus, das fleischgewordene Wort, als .Mensch zu den Menschen' gesandt,
.redet die Worte Gottes' (Joh 3,34) und vollendet das Heilswerk, dessen
Durchführung der Vater ihm aufgetragen hat (vgl. Joh 5,36; 17,4). Wer ihn
sieht, sieht auch den Vater (vgl. Joh 14,9). Er ist es, der durch sein ganzes
Dasein und seine ganze Erscheinung, durch Worte und Werke, durch Zeichen und
Wunder, vor allem aber durch seinen Tod und seine herrliche Auferstehung von den
Toten, schließlich durch die Sendung des Geistes der Wahrheit die Offenbarung
erfüllt und abschließt und durch göttliches Zeugnis bekräftigt, daß Gott
mit uns ist, um uns aus der Finsternis von Sünde und Tod zu befreien und zu
ewigem Leben zu erwecken.
Daher
ist die christliche Heilsordnung, nämlich der neue und endgültige Bund,
unüberholbar, und es ist
17
keine
neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn
Jesus Christus in Herrlichkeit (vgl. 1 Tim 6,14 und Tit 2,13)«.
18
3.
ABSCHNITT
Schöpfungsoffenbarung
und
prophetische
(übernatürliche) Offenbarung
In
der Mitte der göttlichen Offenbarung steht das Christusereignis. Das heißt:
Person, Wort und Tun Jesu Christi. Auf Jesus Christus bewegt sich die ganze Welt
seit ihrer Schöpfung zu. Von ihm wird sie seit seinem Tode und seiner
Auferstehung bis zur letzten Vollendung bestimmt. So kann man sagen, daß schon
durch die Hervorbringung der nichtgöttlichen Wirklichkeit in einer bestimmten
Weise die Offenbarungstätigkeit begonnen hat (siehe Band 3).
Die
Schöpfungstat Gottes ist der Ausgang und der Anfang, ist die Voraussetzung für
die Christusoffenbarung, die ihrerseits wiederum unzählige Jahrhunderte
hindurch eine noch unmittelbarere Vorbereitung empfängt, durch die Berufung
Abrahams und durch die im Alten Testament vielfach ausgesprochene Verheißung
eines Retters, eines Helfers, des Messias. Das erste Vatikanische Konzil hat
diesen Beginn der göttlichen Selbsterschließung in dem zweiten Kapitel der
Konstitution »Filius dei« mit folgenden Worten ausgesprochen: »Die heilige
Mutter Kirche hält daran fest und lehrt, daß Gott, Ausgang, Grund und Ziel
aller Dinge, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus der
Schöpfung mit Sicherheit erkannt werden kann, denn das Unsichtbare an Gott ist
seit der Erschaffung der Welt durch das, was er hervorgebracht hat, schaubar
geworden.« Dieser letzte Satz ist ein Zitat aus dem Römerbrief (1,20). Dann
fährt das Konzil weiter: »Es hat jedoch der göttlichen Weisheit und Güte
gefallen, auf einem anderen Weg, nämlich
19
auf einem übernatürlichen Weg sich
selbst und die ewigen Ratschlüsse seines Willens der menschlichen Geschichte zu
offenbaren.« Das Konzil zitiert hierfür die Stelle Hebr 1,1. Das Zweite
Vatikanische Konzil hat diesen Text mit einer nicht unwichtigen Variante
aufgenommen, insofern es in einer sehr klaren Weise Gott selbst als das Subjekt
seiner Offenbarung erklärt und außerdem betont, daß Gott sich selbst
geoffenbart hat, aber hinzufügt, daß er das Geheimnis seines Willens kundgetan
hat, des Willens, daß die Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort,
im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und der göttlichen Natur teilhaftig
werden (Konstitution über die göttliche Offenbarung, Nr. 2). Die Offenbarung
durch die Schöpfung war nicht beschränkt auf den Beginn der Existenz einer
nichtgöttlichen Wirklichkeit, sie dauert vielmehr bis heute an; denn die Welt
ist, wie Paulus im Römerbrief sagt, und wie es schon im alttestamentlichen
Weisheitsbuch heißt, für immer eine Selbstkundgebung Gottes. Der Mensch, der
die Welt guten Willens und mit lauterem Herzen betrachtet, wird durch eine
solche Weltschau die Erkenntnis Gottes gewinnen, wenn er sie nicht auf einem
anderen Wege zu gewinnen vermag. Die Welt ist, wie die mittelalterlichen
Theologen, namentlich Bonaventura, mehrfach betonen, ein Buch, in welchem die
Kunde von Gott aufgeschrieben ist und gelesen werden kann, mag diese Kunde durch
die Sünde auch entstellt worden sein. Aber Gott hat darüber hinaus schon zu
Beginn der menschlichen Existenz eine andere, auf Christus hinführende
Offenbarung gegeben. Er hat nämlich den Menschen zu seinem Bild und Gleichnis
gemacht oder vielmehr schon als Bild und Gleichnis geschaffen. Mag dieses durch
die Sünde auch geändert worden sein, so blieb der Mensch dennoch immerfort
20
Bild
und Gleichnis Gottes. Durch Christus konnte daher diese Gleichnishaftigkeit und
Bildhaftigkeit wieder hergestellt werden, ohne daß dem Menschen eine ihm fremde
Realität aufgezwungen worden wäre. Wir werden gerade auf diese Situation des
Menschen in einem späteren Zusammenhang ausführlich zurückkommen müssen.
Wichtig ist vor allem für das Verständnis des Anfangs, daß Gott nach dem
Sündenfall den Menschen wieder neue Hoffnung gegeben hat, indem er einen
Erlöser versprach. Er hat auch ständig für das Menschengeschlecht immer
wieder Sorge getragen, daß es unter der Wucht der Sünde nicht verzweifelte.
Insbesondere ist von Bedeutung die Berufung Abrahams (Gen 12,2-3). Ihn hat Gott
berufen, daß er der Stammvater eines Bundes zwischen den Menschen und Gott
werde, daß er der Ahnherr eines großen, zu Gott gehörenden
Menschengeschlechtes werde und daß von diesem Menschengeschlechte aus die ganze
übrige Menschheit wieder zu Gott zurückfinde. .
Hier begegnet uns der Unterschied zwischen der universalen Offenbarung Gottes und der partiellen bzw. partikularen. Die partielle Gottesoffenbarung beginnt als universale, diese verdichtet sich zur partiellen, die ihrerseits wieder universale Wirkung erlangen soll.
21
4. ABSCHNITT
Die Weisen der Offenbarung Gottes:
Geschichte
und
Wort
Vorbemerkung
Zunächst
soll die Frage nur prinzipiell erörtert werden. Das Zweite Vatikanische Konzil
hat auf das »Wort Gottes« größtes Gewicht gelegt und dadurch dem
Ökumenischen Problem einen Dienst geleistet, insofern Luther die Kirche auf das
Wort baute. Das Konzil hat das Tun Gottes nicht vergessen. Es ist jedoch ein
seltsames Spiel der Glaubens- und Theologiegeschichte, daß von bedeutenden
evangelischen Theologen der Gegenwart gerade das »Wort« in hohem Maße
abgewertet wird (W. Pannenberg), so daß die ökumenische Wirkkraft des Zweiten
Vatikanischen Konzils in dieser Frage zweifelhaft wird. Eingehender wird
hierüber später gehandelt werden (siehe den Abschnitt »Heilsgeschichte«).
Mit
dem Ende des apostolischen Zeitalters war das Ende der gewissermaßen
»amtlichen« göttlichen Selbsterschließung gekommen. Die Auslegung durch die
Apostel, die durch den Heiligen Geist gewährleistet wird, ist die Einführung
in das Verständnis dessen, was Christus hinterlassen hat. Diese These begreift
in sich, daß auch nach dem Weggang Christi die Apostel noch göttliche
Selbsterschließung erfahren haben, indem sie die bis dahin ihnen
unverständlich gebliebenen Worte Christi in dem von ihm gemeinten Sinn erkannt
haben. Was jedoch nach dem Zeitalter der Apostel sich vollzieht, kann nur
Interpretation dessen sein,
22
was bis zu diesem Zeitpunkt von Gott explizit oder implizit
geoffenbart worden ist.
Die
»Privatoffenbarung« ist eine Selbstzusage Gottes an bestimmte, von ihm
erwählte Menschen, eine Selbstzusage Gottes, in der die Mahnung ausgesprochen
ist, auf Christus zu hören und die Christusbotschaft ernst zu nehmen, in der
aber nicht allgemein verbindliche weitere, neue Mitteilungen Gottes gemacht
werden. Die Privatoffenbarung von menschlichen Autosuggestionen oder Illusionen
zu unterscheiden, ist ein äußerst schwer zu vollziehendes Unternehmen.
Letztlich steht es dem Amtsträger in der Kirche zu, eine solche Unterscheidung
vorzunehmen. Aber auch die amtliche Anerkennung einer Privatoffenbarung als eine
wirklich von Gott kommende bringt keine strenge Pflicht mit sich, daß die
Christusgläubigen Menschen sie als Offenbarung Gottes annehmen. Es wäre für
echten Glauben nicht ungefährlich wenn allzu häufige Privatoffenbarungen
behauptet würden.
1.
Kapitel
Das
Alte Testament
a) Die Offenbarung durch die Geschichte
In
der Berufung Abrahams ist eine bestimmte, aus der ganzen Menschheit
herausgenommene menschliche Gruppe gemeint. Von dieser Gruppe aus soll
allerdings Rettung auf die ganze Menschheit ausgehen.
Insbesondere
aber sind es zwei Ereignisse im Alten Testament, in welchen Gott sich kundgetan
hat. Das eine ist die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft, das andere
ist die Wanderung durch die Wüste mit der Gesetzgebung am Sinai und die
Besitznahme des Gelobten Landes. Von diesen beiden Ereignissen wird im Alten
Testament in zahllosen Formen gespro-
23
chen.
Immer wieder wird das Volk Israel zu Dankbarkeit gegen Gott aufgerufen mit dem
Hinweis auf die göttliche Befreiungstat durch den gottgesandten Mose. Diese
Befreiung ist ein dem Volke Israel zuteil gewordenes singuläres Ereignis. Erst
durch die Befreiung aus Ägypten und durch die Wüstenwanderung sind die vielen
Sippen, die zu einem Volk zusammenwachsen mußten, die auch durch den Glauben
zunächst verschieden waren, zu einer religiös-politischen Einheit geworden. In
dieser Befreiung aus Ägypten hat sich die überlegene Macht Gottes in einer
unübersehbaren Weise gezeigt. »Die Befreiung aus Ägypten und die
Zusammenfassung der Sippen und Geschlechter wandernder Viehzüchter zu einem
sakralen Stammesbund und die Führung während der Wüstenzeit waren es, die
sich als die grundlegenden und für alle Zeiten bestimmenden Akte der
göttlichen Selbstbezeugung dem israelitischen Volksbewußtsein eingeprägt
haben« (W. Eichrodt, Offenbarung und Geschichte im Alten Testament, ThZ 1948,
321-333, zitierte Stelle 322).
Israel
existiert also als Volk durch das Bewußtsein und aus dem Bewußtsein, daß der
unsagbare Gott zu ihm in Freiheit herabgestiegen ist und in seiner Mitte wirkt.
Es weiß sich vor allen anderen Völkern von ihm erwählt. Mit ihm und nur mit
ihm schließt Gott ein Bündnis, allerdings nicht im Sinne einer Abschließung
gegenüber anderen Völkern. Es gehen Bundesschließungen mit Abraham, Noah, ja
mit Adam und Eva voraus, aber sie zielten alle auf den Sinaibund. Das Bundesvolk
hat stellvertretende Funktion und soll den anderen Völkern Gottes Herrlichkeit
verkünden. Die Heilige Schrift, welche uns die Geschichte dieser Vorgänge
bezeugt, will hierbei keinen Geschichtsunterricht im heutigen Sinne geben, sie
stellt kein ge-
24
schichtliches
Protokoll der Ereignisse dar. Ihre Texte sind vielmehr Objektivierungen der
realen Gotteserfahrungen,des Glaubens im Volke Israel. Der Mann, der die
entscheidenden Vorgänge machte, hieß Mose (Ex 3,1-15). Er erhielt in Midian im
westlichen Teil der Wüste den Auftrag, das Volk aus der Herrschaft der Ägypter
zu befreien und in das verheißene Land Kanaan zu führen. Auf die Frage des
Mose an den Geheimnisvollen, wer denn der Gott sei, der ihm einen so schweren
und weittragenden Dienstauftrag erteile, erhielt er eine ebenso seltsame wie
aufwühlende Antwort: »Gott sprach zu Mose: ,lch bin, der ich bin'. Und er
sprach: So sollst du zu den Söhnen Israels sagen: 'Der hat mich zu euch
gesandt'. Und weiter sprach Gott zu Mose: ,So sollst du zu den Söhnen Israels
sprechen: Der Herr, der Schutzgott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott
Isaaks und der Gott Jakobs schickt mich zu euch. Für ewig ist dies mein
Name'.«
Derjenige, der Mose ruft, bekundet und bezeugt sich als jenen, der immer mit Macht in dem von ihm erwählten Volke da ist und da sein wird. Wie er machtvoll mit den Vätern war, wird er auch die verheißene Zukunft für sein Volk schaffen. Die Antwort an Mose begreift demgemäß die Kontinuität des göttlichen Wirkens in sich, garantiert dadurch die Zuverlässigkeit Gottes und verbürgt die glückhafte Zukunft. Es wurde gesagt, daß er der Gott der Väter sei, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, welcher zu Mose spricht. Das Volk Israel wird sich im Beginn seiner Existenz seiner geheimnisvollen Vorgeschichte bewußt, indem es auf die Anfänge der Patriarchen zurückblickt. Wie immer in der Heiligen Schrift die Geschichte der Patriarchen geschildert werden mag, es handelt sich dabei um das Glaubenszeugnis von der heilschaffenden göttlichen Führung. Als Gott den Ab-
25
raham
aus seiner Heimat wegrief, schloß er einen Bund mit ihm, welcher die
Verheißung einer großen Nachkommenschaft in sich barg. Dieser Bund war eine
Vorgestalt und die Einleitung des Sinaibundes. Die von Abraham sich ableitenden
Sippen wußten sich in einer besonderen Weise von Gott geleitet und geführt.
Der göttliche Schutz und die göttliche Planung werden in der Heiligen Schrift
in jenen Vorstellungsweisen und Bildern dargeboten, welche der Zeit entsprachen.
Die hohen Zahlen in den Altersangaben sind wohl als Symbole der Kontinuität der
heilshaften, göttlichen Vorsehung zu verstehen. Die Erfahrungen, welche Israel
in der Zeit der Bundesschließung mit Gott machte, und die dieser vorausgehende
Geschichte der Patriarchen zeigen ihm, daß es eine von dem Sinne und der
Existenz aller Völker verschiedene Sinnhaftigkeit und Existenz hat. Es steht in
einer einzigartigen Weise in Beziehung zu Gott. Dies hat schwerwiegende Folgen:
Weder der einzelne noch das Volk kann bestehen, wenn nur der eigene Wille als
Norm des Verhaltens befolgt wird. Der Bestand der Familie, der Sippe und des
ganzen Volkes ist nur dann gewährleistet, wenn die Weisungen Gottes befolgt
werden.
b) Die Offenbarung durch das Wort Gottes
Mit
der Tatoffenbarung Gottes verbindet sich im Alten Testament auf das innigste die
Wortoffenbarung. Diese beiden Modi von Offenbarung lassen sich für das
Verständnis der alttestamentlichen Texte über die Selbstoffenbarung Gottes
nicht voneinander trennen. Man kann sagen, daß die Wortoffenbarung die
Tatoffenbarung interpretiert. Sie ist ein göttliches Sprechen, in welchem Gott
sich den Menschen kundgibt,
26
ankündigt
und das es auf das vergangene göttliche Ereignis zurückweist. So ist auch die
göttliche Wortoffenbarung ähnlich wie die Tatoffenbarung immer gegenwärtig.
Sie ist immer ein Anruf, wie wir schon gezeigt haben, Gottes an den Menschen.
Das Wort der Offenbarung ist viel mehr als eine bloße Information, es nimmt
teil an der Tathaftigkeit der von Gott gewirkten Offenbarungsereignisse.
Offenbarungswort und Tatoffenbarung binden sich zu einem unlöslichen Ganzen.
c) Uroffenbarung?
Am
Schlusse der Darstellung der alttestamentlichen Gottesoffenbarung soll noch kurz
der Frage nachgegangen werden, ob es eine Uroffenbarung gibt. Während in der
früheren Theologie diese Frage im allgemeinen bejaht wurde, stößt sie heute
auf ernsten Widerstand. Es wird nämlich geltend gemacht, daß die Uroffenbarung
nicht beweisbar ist und daß es schwer vorstellbar sei, wie eine derartige
Uroffenbarung sich durch die Jahrhunderttausende in der menschlichen Geschichte
habe erhalten können.
Hierzu
ist folgendes zu sagen: Schon in den ersten Versen der Genesis wird betont, daß
der Mensch als Gleichnis und Ebenbild Gottes geschaffen ist. Ferner wird die
göttliche Verheißung eines kommenden Retters bezeugt. Zweifellos handelt es
sich hierbei um eine Offenbarung, die einen Hinweis auf Christus, den Messias,
den Helfer, den Retter, in sich schließt. Man wird daher die Uroffenbarung
schon aus diesem Grunde nicht gut leugnen können. Außerdem dürfte der Einwand
von den Jahrhunderttausenden, die zwischen dieser Uroffenbarung und ihrer
späteren Erfüllung liegen, kein ernstzunehmendes Gewicht haben.
27
Man
darf ja nicht übersehen, daß im Grunde genommen der Heilige Geist es ist, der
das einmal Gesagte in den Herzen der Menschen immer gegenwärtig hält, so daß
es auch unter der Einwirkung der Sünde nie vergessen werden kann. In den
Hoffnungen und Erwartungen der Menschheit zeigt sich wenigstens ahnungsweise an,
was ihnen einmal mit auf den Weg gegeben worden ist. Wenn die Uroffenbarung in
diesem Sinne verstanden wird, so wird sie nicht aufgrund der in der Schöpfung
selbst liegenden, also aufgrund der sog. natürlichen Offenbarung behauptet. Es
handelt sich vielmehr um eine Offenbarung, welche in der durch Jesus Christus
bezeichneten Dimension liegt.
d) Die späteren alttestamentlichen Bücher
In
der Weisheitsliteratur wird die Offenbarung Gottes mehr als in den
geschichtlichen Büchern des Alten Testamentes als Belehrung verstanden. Es wird
Gewicht darauf gelegt, daß Gott den Menschen Anweisungen gibt, wie er sich
verhalten soll. Diese Belehrung geht allerdings über eine reine
unterrichts-mäßige Information hinaus. Sie drängt immer auf das rechte
menschliche Handeln. Das Gleiche gilt vom Buche Job und von manchen Psalmen (z.
B. Ps 8).
Eine
besondere Rolle spielt die jüdische Apokalyptik. Sie ist in manchen Bereichen
verwandt mit den prophetischen Büchern. Es wird in der apokalyptischen
Literatur das Geheimnis des Weltlaufes, insbesondere das Geheimnis der letzten
Zeit und des Weltendes enthüllt. Diese Offenbarung ist stark realistisch
gefärbt. Sie weist über die jetzige Welt hinaus auf eine kommende Zeit. Im
Neuen Testament finden sich manche Anklänge an die apokalyptische Literatur der
vorchristlichen Ära.
28
Mit
besonderem Nachdruck sei hervorgehoben, was die Qumrangemeinde gelehrt hat. Hier
geschieht die Offenbarung in der Auslegung des durch Mose gegebenen Gesetzes.
Die Tora enthält verborgene Dinge, die erst nach und nach, nämlich in der Zeit
der Qumrangemeinde offenbart werden. Nach der Lehrmeinung der Rabbinen ist das
Offenbarungsgeschehen eingeengt auf Mose. Durch Mose ist es abgeschlossen. Aber
es bedarf der Erklärung. Nach der Zerstörung des Tempels ging die Verwaltung
und Auslegung der Moseoffenbarung auf die Schriftgelehrten über. Die
Offenbarung ist also nicht mehr unmittelbar erlebte Selbstmitteilung Gottes,
sondern eine in der Tora aufgeschriebene sittliche Norm.
2. Kapitel
Das
Neue Testament:
Die
Christusoffenbarung als Einheit von
Geschichte
und Wort
a) Christus selbst
Im
Neuen Testament begegnet uns ebenso wie im Alten die Offenbarung Gottes als
Selbstmitteilung des sich Offenbarenden und als Mitteilung über bestimmte
Inhalte oder Sachverhalte. Auch hier liegt der Ton auf dem Geschehen, vor allem
auf den Wundern (Glaubet den Werken, wenn ihr schon mir nicht glaubt),
insbesondere naturgemäß auf dem Kreuzestode und der
29
Auferstehung
Jesu Christi, welche durch die Jünger als Selbsterweis Gottes bezeugt und in
ihrer Heilshaftigkeit aufgeschlossen werden. Jesus ist der neue und endgültige,
unüberholbare (eschatologische) Offenbarer Gottes. Er steht in der Mitte der
ganzen neutestamentlichen Botschaft, sowie er überhaupt die Mitte des ganzen
geschichtlichen Verlaufes ist, wenn man diesen in offenbarungs- und
heilsgeschichtlicher Perspektive betrachtet.
Was
Gott (Jahwe) ist und wirkt, wird ersichtlich und erkennbar durch das Sein, das
Leben und das Wirken Jesu. Er gibt nicht nur eine Wortbelehrung über Gott
sondern zeigt Gott durch sein geschichtliches Handeln, so sehr, daß, wer ihn
sieht, Gott sieht. Dies schließt in sich, daß er im Seinsbereich Gottes selbst
lebt, ohne mit Gott einfachhin identisch zu sein. (Genaueres Bd. II dieses
Werkes in der Lehre von Gott dem Einen und Dreieinigen.) Da der Heilige Geist
das Verständnis Christi erschließt, hat die Christusoffenbarung trinitarische
Struktur. Man kann die Heilsordnung Gottes nur dann als volles Realgeschehen
annehmen, wenn ihr ein innergöttlicher Vorgang als Ermöglichungsgrund
entspricht.
Alle
vorausgehenden Offenbarungen sind offene oder verborgene Hindeutungen auf Jesus
Christus. Er ist nicht nur der Offenbarer Gottes, sondern er ist die Offenbarung
Gottes selbst. Wer ihn sieht, der sieht den Vater.
Christus
gerät mit seiner Verkündigung in realen Widerspruch zu den jüdischen
Volksführern, weil er mit dem Anspruch auftritt, die letzte endgültige,
entscheidende, eschatotogische Botschaft zu verkündigen, der Gesandte des
Vaters zu sein, ja im Namen des Vaters selbst autoritativ zu sprechen. Er
diskutiert nicht mit den Rabbinen, er streitet nicht wie ein Theo-
30
loge
über bestimmte Gesetzesauslegungen, sondern bringt Neues und fordert die
Befolgung dessen, was er bringt, mit unerbittlicher Verpflichtung. Diese neue
Offenbarung strömt nicht aus einem historisch erklärbaren und ableitbaren
Selbstbewußtsein Jesu. Seine Offenbarung ist für diejenigen seiner Hörer, die
sich ihr verschließen, schon Gericht. Den Armen, den Notleidenden, den
Unwissenden, den Bedrückten wird die Offenbarung des Heiles zuteil. Es wird von
ihm ein Reich angesagt, in welches gerade den genannten menschlichen Gruppen der
Zugang offensteht, den Reichen, den Satten, den Überklugen aber, den
Selbstgefälligen der Zutritt verwehrt wird. Ja, Jesus geht soweit in seiner
Aussage, daß er erklärt: Niemand kennt den Vater als der Sohn, niemand kennt
den Sohn als der Vater. Diese Botschaft des Mattäus-evangeliums mußte den
Zeitgenossen, welche ihren Gott als Jahwe und den immer in der Geschichte
Wirkenden und als den immer Gegenwärtigen, welche seine Machttaten kennen,
welche seine Herrlichkeit sehen durften, einfachhin als Häresie vorkommen.
Insbesondere
aber wird die Stellung Jesu zu den Traditionen, die sich an das mosaische Gesetz
und dessen Erklärungen angeschlossen haben, Anstoß erregen. Er behauptet zwar,
daß er das Gesetz bis auf den letzten Buchstaben erfüllen wolle und daß nicht
ein Jota vom Gesetz abgebrochen werde, äußert sich aber kritisch zu den
menschlichen Traditionen, die sich mit dem von Mose gegebenen und letztlich von
Gott stammenden Gesetz verbunden haben. Er ist davon überzeugt, daß das Gesetz
Gottes in seiner Urgestalt im Dienste des menschlichen Heiles steht, wendet sich
aber gegen jene Auslegungen des Gesetzes, die listige Umgehungen sind, oder aber
die den Menschen Schaden zufügen. So heilt er zum Beispiel auch am
31
Sabbat,
obwohl die Pharisäer daran Anstoß nehmen (Schierse).
Auch
das neutestamentliche Gesetz ist nicht eine Information, sondern ist ein
Anspruch Gottes an den Menschen. Er stellt Impulse dar, welche immer lebendig
bleiben, die auch dann, wenn das Wort Gottes schriftlich fixiert wird, nicht
aufhören, den Menschen herauszurufen aus seiner Selbstgefälligkeit und aus
seiner Selbstgerechtigkeit, um sich dem Reiche Gottes im Glauben und in der
Umkehr zuzuwenden.
b)
Paulus
Paulus
nimmt die Offenbarungslehre der Weisheitsliteratur und die jüdische Apokalyptik
wieder auf. Röm 1,19 spricht er von der Offenbarung Gottes, die allen Menschen
durch den Charakter der Welt als Schöpfung Gottes zuteil wird. Aber er führt
die Offenbarung in das Mysterium von Kreuz und Auferstehung hinein und zwar
nicht nur als vergangene Ereignisse, auf die wir von der Gegenwart aus
zurückblicken, sondern als fortwirkende Geschehnisse, in denen Jesus Christus
immer wieder von neuem die Menschen anspricht. Er betont freilich, daß auf den
alttestamentlichen Gläubigen eine Decke liegt, die verhindert, daß sie die
wahre Offenbarung zu erkennen vermögen (2 Kor 3,15). Großes Gewicht legt er
auf die geschriebene Offenbarung des Gesetzes, im Gegensatz zu ekstatischen
Erlebnissen (2 Kor 2,14 - 4,6). Die Verkündigung deutet er als Offenbarung des
Wortes, dem Glauben entgegengebracht wird (Röm 9). Weit entfernt ist auch er
von der Ansicht, daß die Predigt bloß eine Vermehrung des Wissens über
göttliche Dinge ist. Sie zielt vielmehr auf eine Umkehr, nämlich auf die
Hingabe an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus und an den
32
Vater
im Heiligen Geist. Auf diesem Wege und nur auf diesem Wege erreicht der Mensch
das Heil.
Besonders
hervorgehoben muß werden der starke Bezug, den Paulus dem Offenbarungsgeschehen
bei der Wiederkunft Jesu Christi und dem Gerichte zuspricht. Die
Christusoffenbarung hat nach ihm eine zweifache Stufe: die Auferstehung und die
Wiederkunft (Röm 2,5). Die schon im Evangelium geschehene Offenbarung gewinnt
ihren Abschluß erst durch die Parusie (Röm 1.17 f; 2 Thess 1,7; 1 Kor 1,7).
Der Abschluß steht also noch aus. Paulus versucht, den Hörern die
Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, welche mit dieser Zeitspanne,
insbesondere mit dem Ausbleiben der Parusie gegeben sind, und fordert sie auf
zur Wachsamkeit angesichts der Wiederkunft Jesu Christi in der Zukunft. Er
entspricht damit der Aufforderung Jesu Christi selbst (1 Thess 5,1 ff». Gerade
die Erwartung der Parusie begründet die Hoffnung des Christen, die sich durch
nichts, durch keine Heimsuchungen und Schicksale, durch keine geschichtlichen
Folterungen erschüttern läßt (Röm 8).
In
den sicher echten und in den Paulus zugeschriebenen Briefen kommt ebenso wie im
Johannesevangelium der Bezug Jesu Christi zur Gesamtschöpfung deutlich zum
Ausdruck. Man darf geradezu sagen: Jesus ist nicht bloß die Mitte der
Geschichte, so daß diese eine Heilsgeschichte wird, sondern die Mitte der
ganzen Schöpfung. Er ist nicht etwa nachträglich in den Schöpfungsplan Gottes
aufgenommen worden, sondern dessen Herzstück. Nach den Texten, die uns in den
Paulus zugeschriebenen Schriften begegnen, ist der Mensch Jesus der erste
Schöpfungsgedanke des Vaters. Alles übrige wird nur um seinetwillen erdacht
und geplant. Die Wett, und zwar sowohl der Kosmos als auch die Geschichte,
besteht um Christi
33
willen.
Nicht ist Christus um der Welt willen geplant worden, es ist umgekehrt. Er ist
in einem einzigen göttlichen Weltplan als Mitte der Schöpfung und zugleich als
der Offenbarer und als die Offenbarung von Gott gewollt und bestimmt worden.
Erst durch sein Kommen ist das ewige Gottesgeheimnis als Liebesgeheimnis
offenbar geworden. Die Funktion, Offenbarer Gottes zu sein, kann Christus
vollbringen, weil er der Grund der göttlichen Schöpfung überhaupt ist. So
wurde der menschgewordene Gottessohn in einem einzigen Akt als Zentrum wie auch
als Heilbringer der Welt und der Geschichte von Gott gewollt. Er kann der Retter
und Helfer sein, weil er die von Gott bestimmte Weltmine ist, aus der
heilbringende Kräfte über die ganze Schöpfung hin ausstrahlen. So ist die
ganze Schöpfung und in ihr die ganze Menschheit in einer geheimnisvollen, nicht
näher bestimmbaren Form durch die Gegenwart Jesu Christi geprägt.
In den Schrifttexten, welche die Schöpfungsbeziehung Christi bezeugen, wird der Zusammenhang zwischen Christus und der Welt näher analysiert. Sie zeigen jedoch, daß die rettende Funktion Jesu grundgelegt ist in seiner Hinordnung auf die Welt. Die Texte betonen die Zusammengehörigkeit der beiden Aspekte. Dabei fällt der Ton mehr auf die heilsgeschichtlich-offenbarende als auf die ontologisch-ursächliche Sicht. Die paulinischen Briefe führen in dieser Hinsicht eine ebenso deutliche Sprache wie die johanneischen Schriften. Im ersten Korintherbrief, einem seiner Hauptbriefe, schreibt Paulus (1 Kor 8,5 f.): »Wenn es auch sogenannte Götter gibt, sei es im Himmel, sei es auf Erden, wie es viele Götter und Herren gibt, so existiert für uns nur ein einziger Gott, der Vater, aus dem alles ist und in dem wir sind, und ein einziger Herr Jesus Christus, in dem alles ist und wir durch ihn.« Die
34
aufschlußreichsten Texte finden sich freilich im Kolosserbrief, im Epheserbrief und im Hebräerbrief. Der Kolosserbrief sagt (1,15-20): »Dieser (Christus) ist das Abbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung, denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, ob Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten. Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor allem, und alles hat in ihm seinen Bestand. Er ist das Haupt des Leibes der Kirche, er ist der Anfang, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe. Denn es war Gottes Ratschluß, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen, durch ihn alles mit sich zu versöhnen, sei es auf Erden, sei es im Himmel, dadurch, daß er Frieden stiftete durch sein Blut am Kreuze.« Diese Sätze bezeugen an erster Stelle die heilshafte Offenbarungsfunktion, die Gott durch Jesus Christus vollzieht. Sie sagen aber auch zugleich, wer dieser Jesus ist. Es sei auch auf den großartigen Anfang des Hebräerbriefes mit seiner universalen Sicht verwiesen (vgl. Röm 1,19f). An die Christen in Ephesus ist folgendes Wort gerichtet (Eph 2,10); »Denn sein Schöpfungswerk sind wir, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott im voraus bereitet hat, daß wir in ihnen wandeln«. In Jesus zeigt sich Gott hinsichtlich seines gesamten Weltplanes. Daher kann man sagen: »Das Geheimnis des ewigen Willens Gottes, das sich vor den Äonen der Geschichte in Gott, dem Schöpfer, verborgen hielt, ist aber jetzt... in Christus Jesus offenbar geworden. Der ewige und in der Schöpfung verborgen wirkende Wille Gottes, den Menschen in Christus wieder aufzurichten, hat sich nun inmitten der Geschichte in Jesus erfüllt. In seinem Tode und in seiner Auferstehung von den Toten hat Gott sein Grundge-
35
heimnis
mitten in der Welt durchgeführt. So nennt der Apostel im Kolosserbrief auch
Jesus Christus ausdrücklich Geheimnis Gottes, das Geschehen seines Kreuzes und
seiner Auferstehung Geheimnis Christi« (H. Schlier, Die Zeit der Kirche,
Freiburg 1956,300).
c) Das Johannesevangelium
Das
Johannesevangelium vertritt die gleiche Bezeugung von Weltbezug Jesu Christi wie
das Paulinische Schrifttum. Im Eingangshymnus des Evangeliums heißt es (Joh
1,31): »Alles ist durch dieses (Wort) geworden, ohne dieses ist nichts
geworden. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt
hat ihn nicht erkannt« (Joh 1,10). Die Welt, der Kosmos wird von Johannes als
der geschaffene Daseinsraum des Menschen verstanden (Joh 1,10; 9,5; 12,25; 13,1;
16,21; 17,11.13.15; 1 Joh 4,17). Johannes redet nur um der Offenbarung Gottes in
Christi willen von der Welt. Sie wird als die notwendige Voraussetzung und als
der Bereich für das offenbarungsgeschichtliche Handeln Gottes in Christus und
für das geschichtliche Handeln des Menschen gesehen. Ein und derselbe Christus
ist der Schöpfungsgrund der Welt und Gottes Offenbarung in ihr. Ja, er ist
darüber hinaus nicht nur der Offenbarer Gottes, sondern auch die Offenbarung
Gottes. Wer ihn sieht, der sieht den Vater. Er vollbringt seine
Offenbarungsaufgabe nicht im fremden, sondern in seinem eigenen Bereich, in
seinem Eigentum. Zwischen seinen beiden Funktionen besteht trotz ihrer
Qualitätsverschiedenheit die lebendige Kontinuität (J. Blank, Krisis,
Untersuchungen zur johanneischen Christologie und Eschatologie, 1964).
36
d) Endgültigkeit der Christusoffenbarung
Wenn
Christus, theologisch gesehen, Sinn und Aufgipfelung des Kosmos und der
Geschichte ist, dann ist alles ein Weg zu ihm oder eine Folge von ihm. Was vor
ihm liegt, ist seine Vorgeschichte. Er selbst bedeutet den absoluten Höhepunkt
in dem seit Jahrmiliarden voranschreitenden Entwicklungsgang der Schöpfung.
Über ihn hinaus wird Gott innerhalb der Geschichte keine neuen Weisen der
Offenbarung für die gesamte Menschheit vollbringen. Die in ihm erfolgte hat
universale Tragweite. Was nach Christus folgt, ist demgemäß unter dem Aspekt
der göttlichen Offenbarung zu verstehen als heilshafte Teilnahme an seinem
Leben. Es ist nicht nur eine religionsgeschichtliche Phase, sondern die
unübertreffbare und unüberhörbare, für die gesamte Schöpfung gültige
Vollendung der Offenbarung Gottes. Zugleich freilich ist Christus ein neuer
Anfang und die entscheidende Einleitung der absoluten Zukunft. Wenn man mit
Recht den Erfüllungscharakter der Ankunft Jesu nachdrücklich herausstellt,
darf man doch nicht den ihr eigenen Verheißungscharakter übersehen. In
Christus, näherhin in dem auferweckten Herrn, hat die Schöpfung ihr Ziel, die
Vergöttlichung, die unbedingte Selbstmitteilung Gottes an die Schöpfung und
die Annahme der göttlichen Selbstgewährung von seifen der Schöpfung schon
innerhalb des Weltenlaufes erreicht. In unerschöpflicher Dynamik wird dieses
Ereignis die Gesamtschöpfung verwandeln.
Für
das Johannesevangelium ist charakteristisch, daß es die Gegenwärtigkeit des
auferstandenen Herrn mit größtem Nachdruck betont und zugleich den Weg in die
Zukunft weist.
Wenn
wir die gesamte göttliche Selbsterschließung
37
bedenken,
müssen wir von Christus den Blick auf die ihm vorausgehende Weltperiode
zurückwenden, Wenn wir die Auswirkung der göttlichen Selbsterschließung
betrachten, müssen wir aber auch vorwärts schauen, der absoluten Zukunft
entgegen. Zugleich begegnen wir Christus in unserer jeweiligen Gegenwart.
Bei
dem Blick in die Vergangenheit unterscheiden wir die Selbsterschließung Gottes
im göttlichen Handeln und die Selbsterschließung Gottes im göttlichen Wort.
In Christus selbst sind Heilstun und Heilsrede auf das Engste miteinander
verbunden, Jesus ist in der Totalität seiner Existenz Offenbarer und
Offenbarung Gottes. Sein Tun und sein Wort sind Ausdrucksgestalten dessen, was
er selbst ist. Man kann Wort und Tun nicht von seiner Person trennen. Aber seine
Person wird offenbar im Wort und im Tun.
38
5.
ABSCHNITT
Der
Sinn der Selbsterschließung Gottes
1.
Kapitel
Grund
und Ziel
Was
den Sinn der göttlichen Offenbarung betrifft, also den Grund dafür, daß Gott
nicht in sich selbst ruhen bleibt, sondern über sich hinaus geht, daß er aus
seiner Verborgenheit hervortritt, liegt wohl darin, daß er den Menschen an
seiner eigenen Göttlichkeit Anteil gewähren will. Dies ist der Grund dafür,
daß der ewige Gottessohn menschliches Wesen angenommen hat und als Mensch in
unserer Welt existierte gleich wir, die Sünde ausgenommen. Das Hauptziel seines
Lebens war die Verklärung, die ihm in der Auferweckung zuteil wurde, die
Verwandlung also in eine ganz neue, bis dahin schlechterdings unbekannte,
leibhaftige menschliche Existenz. In dieser Verklärung lebt er fort in alle
Ewigkeit. In ihr ist er berufen zur Teilnahme an der Macht des himmlischen
Vaters. Alle Menschen sollen an seiner eigenen Verklärung teilnehmen. Es ist
also durch die Offenbarung den Menschen eine ewige Zukunft eröffnet, eine
Zukunft, welche der Zukunft Jesu Christi ähnlich ist. In Jesus Christus ist
diese Zukunft schon Gegenwart geworden, für uns alle ist sie noch
Zukunftsverheißung. Jeder, der an Jesus Christus glaubt, wird aber dieser
Zukunft teilhaftig. So hat jeder Mensch eine echte Hoffnung. Dies ist der Sinn
der göttlichen Selbsterschließung, ist also zugleich die Hoffnung des
Menschen. In der Selbsterschließung
39
Gottes
wird die Zukunft eröffnet, nicht nur in einem Worte, sondern in der Tat. Der
Mensch, der an Jesus Christus glaubt, ist schon selbst real auf seine letzte
Zukunft hingeordnet. Und was er im irdischen Leben verborgen in sich trägt, die
Teilnahme an dem Auferstehungsleben, wird sich einmal offen an seiner Existenz
zeigen. Maria ist dieses Zukunftsziel schon geschenkt.
2.
Kapitel
Kirchliche
Texte
Wir
können diesen Sinn und diese Zielrichtung an zwei Texten der kirchlichen Lehre
von der Offenbarung verdeutlichen. Die gesamte kirchliche Lehre soll erst am
Ende unserer Überlegungen dargestellt werden. Für den Zweck, Sinn und Ziel der
Selbsterschließung Gottes verständlich zu machen, ist es notwendig, das Erste
und das Zweite Vatikanische Konzil miteinander zu vergleichen.
Zwischen
den beiden Konzilien obwaltet in unserer Frage eine sehr beachtliche
Verschiedenheit. Das Erste Vatikanum bewegt sich zum Teil zwar in den gleichen
Formulierungen wie das Zweite, es läßt sich aber nicht verkennen, daß bei ihm
der Ton auf der intellektuellen Wahrheit liegt, auf der intellektuellen
übernatürlichen Wahrheit, auf jener Wahrheit also, welche Gott dem Menschen
erst zugänglich machen mußte, damit er ihrer inne wird. Diese Wahrheit wird im
Glaubensakt bejaht. Der Glaubensakt bedeutet so eine Zustimmung zu der von Gott
uns erschlossenen
40
Wahrheit
um Gottes willen. Der Glaube ist, so verstanden, ein Fürwahrhalten des Wahren
auf die Autorität des sich offenbarenden Gottes hin. Das Erste Vatikanische
Konzil war in seinen Aussagen vor allem apologetisch und polemisch ausgerichtet.
Es war ein Konzil, das der Absicht der Selbstverteidigung entsprang. Die Gegner,
gegen die es seine Aussagen machte, waren mannigfach. Sie hatten nur eines
gemeinsam: Die Ablehnung der göttlichen, durch die Kirche verkündeten
Offenbarung. Es war, um einen Fachterminus zu gebrauchen, ein
fundamentaltheologisch orientiertes Konzil. Hinter diesem Konzil steht die ganze
ideologische Entwicklung der Aufklärungszeit, insbesondere der deutsche
Idealismus und der Rationalismus des 19. Jahrhunderts.
Das
Zweite Vatikanische Konzil spricht zunächst nach innen. Es dient dem eigenen
Selbstverständnis, und erst aus diesem heraus spricht es nach außen. In seinem
Bestreben, die Offenbarung in ihrem vollen Sinne zu verstehen, bemüht es sich,
diese nicht bloß als ein Wort Gottes über sich selbst, als eine Lehre, als
eine Bereicherung und eine Korrektur des menschlichen Wissens, als eine Wahrheit
über Gott, sondern als ein Wort Gottes für uns, als ein Wort, als den Akt der
Selbstöffnung Gottes für den Menschen zu interpretieren. Gott schließt sich
für den Menschen auf, so daß der Mensch in seine geheimnisvolle Wirklichkeit
einzugehen vermag. Er sagt sich selbst den Menschen zu. Das Ziel dieser
Selbstöffnung Gottes ist die Teilnahme des Geschöpfes am göttlichen Leben,
mit anderen Worten: die Vergöttlichung der Schöpfung. Diese göttliche Absicht
ist der letzte Ursprungsgrund für die Selbstmitteilung an den Menschen. Die
volle Verwirklichung wird der Zukunft vorbehalten. Darum ist die göttliche
Selbstmitteilung immer zukunftsge-
41
bunden. Die Verklärung ist das Telos der
göttlichen Offenbarung.
Auch
das Erste Vatikanische Konzil hat diese existentiellen Elemente nicht einfach
ausgelassen. Es gab ihnen aber nicht den starken Akzent wie das Zweite.
Vielleicht ist es nicht überflüssig, das hier Gemeinte noch einmal durch eine
Erfahrung aus dem Alltag zu veranschaulichen. Es ist ein großer Unterschied, ob
ein Mensch mit seinen Bekannten ein Gespräch führt über irgendwelche
interessanten Dinge und Vorgänge in unserer Weit, ob er ihnen viele Neuigkeiten
mitteilt, in welchen er ihnen Informationen gibt, so daß sie vielleicht eine
neue Sicht der gegenwärtigen Weltlage gewinnen, oder aber, ob er ihnen im
Gespräch sein Herz öffnet und ihnen an seinen Freuden und Leiden, an seinen
Sorgen und Hoffnungen Anteil gewährt. In dem letzten Fall kommt es zu einem
wirklichen persönlichen Austausch.
Es
wäre natürlich auch denkbar, daß Gott ohne den langen Weg durch die
Geschichte hindurch die absolute Zukunft des Menschen unmittelbar herbeigeführt
hätte, das heißt, daß er sich ohne die Bewegung in der Horizontalen sogleich
in einer vertikalen Bewegung unmittelbar gewährt hätte. Der Grund, warum Gott
die Geschichte als Umweg zur absoluten Zukunft gewählt hat, ist in ein tiefes
Geheimnis eingehüllt. Wir können hierüber keine gültigen Aussagen machen,
weil Gott uns seine Gründe nicht geoffenbart hat. Wir können jedoch vermuten,
daß Gott die Dynamik liebt. Sonst hätte er sie wohl nicht gewählt, daß ihm
nicht die Statik am Herzen liegt, sondern das Werden als der Weg zur Vollendung,
ohne daß er selbst ein Werdender ist oder auch nur sein kann. Vielleicht liegt
der Grund für die göttliche Vorliebe für das Dynamische in seiner später zu
schildernden Eigentümlichkeit als ab-
42
solutes
Tun im Sinne der schöpferischen Liebe. Jede Offenbarung ist eine Wegstrecke auf
dem endlosen Weg in die absolute Zukunft hinein.
43
6.
ABSCHNITT
Die
bleibende Verborgenheit Gottes
Wir
können den Unterschied zwischen der jetzigen Form der in der Offenbarung Gottes
erschlossenen Teilnahme an seinem Leben und der zukünftigen Gestalt unserer
Teilnahme an seiner Herrlichkeit mit den Worten von Verborgenheit und Offenheit
ausdrücken. Luther lag insbesondere am Herzen, die auch durch die
Selbsterschließung Gottes auf keine Weise aufzuhebende Verborgenheit Gottes zu
betonen. Am meisten verbirgt sich der sich offenbarende Gott im Kreuzestode
Christi. Niemand käme von sich aus auf die Idee, daß Gott sich im Tode des
ewigen Sohnes am stärksten offenbart. Luther bezeichnet diese Offenbarung als
eine Offenbarung aus dem Gegensatz, als eine revelatio e contrario. Diesem
Gedanken wollen wir noch etwas genauer nachgehen. Wenn Gott überhaupt einen so
umständlichen und langwierigen Weg wählt, um mit den Menschen in einen
endgültigen, ewigen Dialog einzutreten, so mag der Grund darin liegen, daß er
personhaft ist, vor allem aber darin, daß er infolge seiner Transzendenz für
jedes Geschöpf verborgen ist, nicht in dem Sinn, daß er hinter einem Vorhang
lebt, den wir nicht wegziehen können, sondern so, daß seine Andersartigkeit
mit den menschlichen Wahrnehmungsorganen schlechterdings nicht unmittelbar
erreicht werden kann. Gott ist nicht nur unter einem bestimmten Aspekt, sondern
in der Ganzheit seiner Wirklichkeit ein unsägliches Geheimnis seiner
Herrlichkeit. Auch wenn er sich uns zeigt, wird uns sein Geheimnis nicht
durchsichtig, gerade nicht des-
44
halb,
weil er uns etwas vorenthalten möchte, sondern weil es von seinem Wesen her
unmöglich ist, sich uns ganz zu erschließen. Er kann uns einen Blick auf das
verschleierte Geheimnis, das er ist, und in das Geheimnis hinein gewähren. Er
bleibt ein Geheimnis. Deshalb kann seine Selbsterschließung auch nicht
innerweltlichen Maßstäben unterworfen werden, selbst nicht in seiner
intensivsten Verwirklichung, auch nicht durch die Gottesoffenbarung in Jesus
Christus. Welche Funktion hier Wunder und Weissagungen haben, wollen wir etwas
später erörtern. Es wäre eine oberflächliche Vorstellung vom Geheimnis
Gottes, wenn man es mit einem Rätsel identifizieren wollte. Ein Rätsel läßt
sich von klugen und scharfsinnigen Menschen auflösen, das Geheimnis Gottes
nicht. Gottes Geheimnis ist prinzipiell undurchdringlich. Gott ist auch dem
Propheten Dt-Jesaias (45,15) ein verborgener Gott.
Den
Mystikern im Mittelalter ging es ähnlich wie Luther. Sie haben die
Verborgenheit Gottes in einer außerordentlichen, vielfach in einer
schreckhaften Weise empfunden, nämlich in jene Verborgenheit hinein, in die
Gott durch das Geschehen des Kreuzes gehüllt wurde.
Andererseits
freilich liegt im Menschen eine tiefe Sehnsucht, dieses Geheimnis, welches das
welttranszendente Innen der Welt ist, zu schauen. In allen Anstrengungen des
menschlichen Geistes und in seinen weltgestalterischen Bemühungen ist der
Mensch immer unterwegs zu dieser transzendenten Geheimnistiefe seiner selbst,
auch wenn er es nicht weiß, selbst dann, wenn er es nicht will. Der menschliche
Geist ist der Schau Gottes, des absoluten Seins, der Liebe selbst, oder wie
immer wir es benennen wollen, zugeordnet, um ein Wort des Thomas von Aquin zu
ge-
45
brauchen,
ohne daß er mit dem Aufgebot aller seiner natürlichen Kräfte sie zu erreichen
vermag. Dem Menschen ist durch Gott eine unerfüllbare Aufgabe, eine
unerreichbare Hoffnung gestellt, welche trotz ihrer Unerfüllbarkeit erfüllt
werden kann und erfüllt werden muß, welche bewältigt werden muß, wenn der
Mensch zu seiner Wesenserfüllung, zu sich selbst kommen soll. Er lebt in der
Spannung, daß ihm zwar ein Ziel gesetzt ist, ohne dessen Gewinnung er nicht er
selbst werden kann, das er aber dennoch nicht zu verwirklichen vermag. In dieser
ausweglosen Dialektik trifft ihn die Verheißung, daß Gott ihm in Gnade
gewähren wird, wofür sein Wesen bestimmt ist.
Im
Alten Testament hat Mose gebeten, daß Gott ihm sein Antlitz zeige (Ex
33,18-23). Es wird ihm verweigert mit der Begründung, daß kein Mensch Gott
schauen und am Leben bleiben kann (Dtn 5,24-27). Nur den Rücken Gottes durfte
Mose ansehen.
Im
Neuen Testament hat Philippus die gleiche Bitte ausgesprochen (Joh 14,8). Auch
ihm wurde sie abgeschlagen. Er durfte jedoch hören, daß er den Vater, den er
sehen wollte, im Antlitz Jesu Christi sehen könne. Mit anderen Worten: Gott
kann von dem Menschen nie in seiner unverhüllten Wirklichkeit, sozusagen nie in
seiner eigenen, sondern immer nur in einer fremden Gestatt geschaut werden,
solange dieser in der Geschichte lebt. Auch dort, wo Gott sich intensiv zeigt,
kann er sich nur in den Brechungen des Geschöpfes zeigen. Die Schau des
unmittelbar sich darbietenden Gottesgeheimnisses ist die Heilsgabe der Zukunft.
Gerade sie begründet die Radikalität der Zukunft.
Die
innerhalb der menschlichen Geschichte erfolgende Selbsterschließung Gottes ist
der unmittelbaren Selbstmitteilung in der Zukunft zugeordnet. Diese
46
ist
der letzte Sinn einer jeden innergeschichtlichen Selbstmitteilung Gottes. Mit
dem Blick auf die Zeichen der göttlichen Präsenz in der Geschichte vermögen
die Menschen in ihrer individuellen und kollektiven Existenz den Weg in die
absolute Zukunft trotz ihrer zahllosen Leiden und Qualen, Mühen und
Anstrengungen, Hemmungen und Rückschläge zuversichtlich zu durchschreiten.
Die
Dialektik der göttlichen Selbsterschließung, nach welcher sich Gott jeweils
nur in Verhüllung zeigt und zeigen kann, gewinnt wie gesagt ihre äußerste
Schärfe im Kreuzestode Jesu Christi (1 Kor 2,1-14). Als der Apostel Paulus das
Kreuz Christi predigte, insbesondere als er den hochkultivierten Griechen mit
ihrer Philosophie und Kunst den Gekreuzigten als den gottgesandten Retter
verkündete, litt er offensichtlich selbst schwer unter der Last des Gedankens,
daß ein Hingerichteter der verheißene Heilbringer sein soll. Er hat zeitlebens
mit diesem bedrückenden Ereignis gerungen. In seinem ersten Brief an die
Christengemeinde in Korinth hat er zugegeben, daß es für den mit Maßstäben
der Philosophie und des Alltagsverstandes Messenden eine Torheit ist, von einem
Gekreuzigten das Heil zu erhoffen. Aber sogleich kommt auch der Umschlag. Gerade
in dieser, dem Menschen als Torheit erscheinenden Weise der Offenbarung erfüllt
sich Gottes Weisheit. Nicht menschliche Weisheit soll den Menschen
überwältigen und faszinieren, sondern die von jeder Weltweisheit verschiedene
und ihr verborgene Gottesweisheit soll zur Entscheidung in Freiheit rufen. Der
Mensch ist allerdings hierzu nur fähig im Geiste Gottes. Der auf sich selbst
vertrauende und sich seiner rühmende Menschengeist kann den Gottesgeist in
seiner Weisheit nicht verstehen. Eine Lösung findet Paulus darin, daß der
unbegreifliche
47
Kreuzestod
der Weg zum Leben wurde. Deshalb verkündet er mit geradezu inbrünstiger Sorge
und mit nachdrücklichster Entschiedenheit die Realität der Auferstehung
Christi. Die Texte, in denen Paulus die Lösung des schweren Ärgernisses von
Golgotha zu bringen versucht, sind so bewegend, daß es wohl angebracht ist, den
wichtigten Wortlaut anzuführen. Sie verdienen es, sehr sorgsam und bedächtig
und langsam gelesen zu werden.
Die
Sätze stehen im 1. Korintherbrief (15,1-8.12-19): »Ich erinnere euch aber,
Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe, das ihr auch
angenommen habt, in dem ihr auch feststeht, durch das ihr auch gerettet werdet,
wenn ihr das Wort festhaltet, mit dem ich euch das Evangelium verkündet habe,
es sei denn, ihr wäret vergeblich gläubig geworden. Denn ich habe euch in
erster Linie überliefert, was ich auch überkommen habe, daß Christus
gestorben ist für unsere Sünden nach den Schriften, und daß er begraben
wurde, und daß er auferweckt worden ist am dritten Tage nach den Schriften, und
daß er dem Kephas erschien, dann den Zwölfen, darauf erschien er mehr als
fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch jetzt leben, einige
aber entschlafen sind. Darauf erschien er dem Jakobus, dann den Aposteln
insgesamt. Zu allerletzt aber erschien er, gleichwie der Fehlgeburt, auch mir.«
Die Leugnung der Auferstehung Christi hätte nach Paulus vernichtende Folgen.
»Wenn aber Christus gepredigt wird, daß er von den Toten auferweckt worden
ist. wie mögen da unter euch einige sagen, daß es eine Auferstehung der Toten
nicht gibt? Wenn es aber eine Auferstehung der Toten nicht gibt, ist auch
Christus nicht auferweckt worden; wenn aber Christus nicht auferweckt worden
ist, dann (ist) kraftlos unsere Predigt, kraftlos auch unser Glaube. Wir werden
aber (in solchem Falle) auch als Falschzeugen Gottes erfunden, weil wir bezeugt
haben wider Gott, daß er Christus auferweckt habe, den er (in Wirklichkeit)
nicht erweckt hat, wenn anders Tote nicht auferweckt werden. Denn wenn Tote
nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden; wenn aber
Christus nicht auferweckt worden ist, (ist) vergeblich unser Glaube, seid ihr
noch in eueren Sünden. Folglich sind auch die in Christus Entschlafenen
verloren. Wenn wir allein in diesem Leben auf Christus Hoffende sind, sind wir
bemitleidenswerter als alle Menschen.« Darauf folgt
48
wie
eine Art Befreiung für den bis auf das äußerste angespannten Leser das
erneute Bekenntnis des Apostels: »Jetzt aber ist Christus von den Toten
auferweckt worden, Erstling der Entschlafenen« (1 Kor 15,20).
Paulus
kann aufatmen, wenn er die lichte Zukunft schaut. Ist sie keine Illusion? Daß
sie Wirklichkeit wird, bezeugt eben der Geist Gottes. »Wir haben nicht den
Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir wissen,
was uns von Gott geschenkt worden ist« (1 Kor 2,12). Dieser Geist verbürgt,
daß die Hoffnung auf die Zukunft keine vage und unbestimmte Erwartung, keine
Utopie oder Ideologie, sondern wirklichkeitsgetreu ist. Auf der anderen Seite
hat diese Situation allerdings im Gefolge, daß das Christentum eine
Angelegenheit der Hoffnung, nicht des vollen Besitzes ist. Wir sind auf Hoffnung
erlöst. Aber gerade eine solche Hoffnung bringt Differenzierung unter die
Menschen (Röm 8,24; 15.4; 2 Kor 3,12; Eph 2,12).
Einer
solchen Hoffnung kann indes nur teilhaftig werden, wer sich im Glauben den
absoluten Maßstäben Gottes öffnet und seine eigenen daranzugeben bereit ist.
Dies bedarf keiner geringen Anstrengung. Wenn auch der Tod auf Golgotha die
höchste Zuspitzung des Ärgernisses, nämlich der Offenheit Gottes in
Verborgenheit darstellt, so beginnt das Erregende doch schon in der
Geschichtlichkeit des Heilbringars Jesu überhaupt. Weit er Mensch in dem ganzen
Umfang des Menschlichen ist, ist er ein Kind seines Volkes, spricht dessen
Sprache, lebt nach seiner Art und betet seine Gebete. Wenn wir ihn in seiner
Sprache verstehen wollen, müssen wir sie erst mühsam erlernen. Er bewegt sich
in einer Denkform, welche von der abendländischen Denkweise verschieden ist, da
diese mehr von der Art der klassischen griechischen
49
Denkform
bestimmt ist. Das Land, in welchem er lebte, war keines der großen Weltreiche.
Es war nicht die Stätte einer der glänzenden Kulturen der Antike. Für die
römischen Historiker gehörte Palästina zu den unbekanntesten Gebieten des
augusteischen Zeitalters. Es war auch kein besonders auffallender Vorgang, wenn
in diesem Lande ein Lehrer Jünger um sich sammelte. Denn die Rabbinen haben das
Gleiche getan. Man erwartete auch von ihnen, daß sie Wundertaten vollbrachten.
Auch der Kreuzestod hat Jesus nicht ein einmaliges Sonderschicksal zudiktiert.
Denn die Römer haben viele Hinrichtungen durch diesen ebenso grausamen wie
schändlichen Tod vorgenommen (H. Zimmermann). So ist in der Tat, wie Paulus
sagt, die Art und Weise, wie sich Gott den Menschen zeigt, ein Ärgernis und
eine Torheit (1 Kor 1,23). Wenn Paulus selbst versichert, daß er sich des
Kreuzes nicht schämt, so spürt man deutlich, wie er sich gegen ein in ihm
selbst sich erhebendes Gefühl zur Wehr setzt. Daß das, was als Torheit
erscheint, in Wahrheit die Weisheit Gottes ist (1 Kor 1,25), wird nur jenem
einsichtig, der sich in der Selbstüberantwortung des Glaubens auf die Seite
Gottes stellt, und von dieser aus das Christusgeschehen beurteilt (s. H.
Zimmermann, Neutestamentliche Methodenlehre, Freiburg 1966. Derselbe,
Offenbarung, Geschichte, Theologie, Bochum 1966).
Der
Verborgenheitscharakter der göttlichen Selbsterschließung drückt sich auch
aus, wenn nach dem Johanneischen Evangelium Jesus den Juden die Antwort
verweigerte, als sie ihn aufforderten, frei herauszusagen, ob er der Messias sei
(Joh 10,24-39). Sie dachten, er könne ihnen in einer unverhüllten, sachlich
nachprüfbaren Art seine messianische Würde beweisen. Wenn Jesus den von ihnen
geforderten öf-
50
fentlichen
Selbstausweis ablehnt, tut er es nicht aus Opportunitätsgründen oder aus
Widerwilligkeit, sondern aus sachlicher Unmöglichkeit. Würde nämlich Christus
ein öffentliches, unmittelbares Selbstzeugnis geben, dann würde er sich dem
Maßstab der Öffentlichkeit unterwerfen, das heißt aber: einem der göttlichen
Offenbarung unangemessenen Maßstab. Der Inhalt der Offenbarung ist
innerweltlich eben gerade nicht kontrollierbar. Jesus beruft sich auf das
Zeugnis der Werke, die er im Namen seines Vaters tut. Aber gerade die Tatsache,
daß diese Werke im Namen des Vaters getan sind, daß sich in ihnen Gott
darstellt, kann nur im Glauben bejaht werden.
Der
Verhüllungscharakter der göttlichen Offenbarung würde übertrieben, wenn man
mit dem frühen Karl Barth einen Widerspruch zwischen unseren natürlichen
religiösen Vorstellungen und Begriffen einerseits und der göttlichen
Selbstmitteitung andererseits behauptete. Diese Ansicht würde dazu führen,
daß es überhaupt keine göttliche Offenbarung geben kann. Das von Barth
angenommene Paradox würde, falls man mit ihm völlig ernst macht, es
dahinbringen, daß wir, je sorgfältiger wir unsere Begriffe auf Gott anwenden,
uns um so weiter von ihm entfernen. Eine andere Form der Übertreibung wäre es,
wenn man in der göttlichen Offenbarung nur eine Chiffre sähe, die unsere
Aufmerksamkeit weckt, uns aber weiter nichts sagt.
Wir
kommen zu einem neuen Problemfeld. Wie hat es Gott angestellt, um sich in der
Geschichte den Menschen zu zeigen? Er hat eine doppelte Methode angewandt, die
sich allerdings als eine einzige unter zwei Aspekten erweist. Gott hat sich
nämlich uns gezeigt durch geschichtliches Handeln und durch geschichtliches
Reden. Im heilshaften Tun und im heilshaften Wort ist er hervorgetreten. Wir
werden daher in
51
den
folgenden Ausführungen sowohl vom heilshaften Tun als auch von der heilshaften
Rede Gottes und von der unlöslichen Verbundenheit von Handeln und Reden Gottes
sprechen. Diese Synthese hat ihre höchste Verwirklichung in Jesus Christus
gefunden. Es muß noch eingehender erklärt werden, was früher schon angedeutet
wurde.
52
7.ABSCHNITT
Tragweite der Einheit von Tat und
Wort
in Gottes Offenbarung
1. Kapitel
Das
Problem
Dies
hier zu behandende Problem ist auch wichtig wegen seiner ökumenischen
Bedeutung. Die göttliche Selbsterschließung geschieht in bestimmten,
wissenschaftlich feststellbaren Phasen. Die Einbettung in die Geschichte hat zur
Folge, daß sie selbst geschichtlich faßbar ist. Dies bringt mehrere Probleme
mit sich. Es wird in der heutigen Theologie die Frage verhandelt, ob die
Offenbarung ihrerseits eine geschichtliche Tat oder ein geschichtliches Wort
oder Tat und Wort zugleich ist. Zweifellos gibt, es Tatoffenbarung, so sehr,
daß man von Offenbarungsereignissen sprechen darf. Wir haben schon hingewiesen
auf die Befreiung von ägyptischer Knechtschaft und auf die Wüstenwanderung mit
der Gesetzgebung am Berge Sinai, sowie auf die Gestalt, auf das Leben, auf das
Sterben und auf die Auferstehung Jesu Christi. Wenn man diese Ereignisse in
Erinnerung ruft, kann sich die Vorstellung bilden, daß die Offenbarung primär
durch Gottes Taten geschehen ist und erst sekundär Wortoffenbarung ist.
In
der Tat behauptet der international bekannte evangelische Theologe Wolfhart
Pannenberg, Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, daß er sich
von der Theologie des Wortes abgewandt
53
und
zur Theologie der Geschichte hingewandt habe. Aufschlußreich ist die
Begründung, welche Pannenberg für diese seine Wende gibt. Sie liegt darin,
daß die seit der Aufklärung für den Menschen bestimmende Art von
Selbständigkeit in der Theologie des Wortes nicht hinreichend gewährleistet
sei. Eine solche Theologie stehe in der Gefahr, den Menschen zu entmündigen.
Das Wort hat trotzdem auch für Pannenberg insofern eine Bedeutung, als es die
Tatoffenbarung ankündigt, als es eine Weisung gibt und eine Deutung der
Tatoffenbarung. Die endgültige Entscheidung darüber, ob Tatoffenbarung
wirklich eine Offenbarung ist, werde erst am Ende der Zeit gefällt werden
können. Bis dahin müßten wir zufrieden sein, eine provisorische Kenntnis von
der göttlichen Selbsterschließung zu haben. Aber schon in Jesus Christus als
einer geschichtlichen Erscheinung sei das Ende vorausgenommen, am meisten in dem
Ostergeschehen, in der Auferweckung Jesu Christi. Hierüber wird in den
Ausführungen über die nachbiblische Reflexion über die göttliche Offenbarung
noch Näheres gesagt. W. Pannenberg drückt seine Anschauung und ihre
Begründung sehr klar in folgendem Text aus (Stellungnahme zur Diskussion: J. N.
Robinson - J. B. Cobb, 285-351): »Die Frage nach der Offenbarung Gottes, so wie
sie auf dem Boden der Aufklärung gestellt worden ist, sucht nicht nach einer
autoritären Instanz, die kritisches Fragen und eigenes Urteil niederschlägt,
sondern nach einer Bekundung göttlicher Wirklichkeit, wie sie sich dem
mündigen Verstehen des Menschen als solche bewährt. Darum empfinde ich die
betonte Unterscheidung von 'Hörern' und 'Sehern' sowie die Bevorzugung des
Hörens vor dem Sehen als mißliche, auch wenn sie sich auf ein biblisches
Wortverständnis beruft. Soweit jemand beim Hören
54
vollkommen
abhängig ist von etwas, das außerhalb seiner Kontrolle geschieht, vermag ich
solches Hören nur als Chiffre für jene Preisgabe eigenen Urteils zu verstehen,
die als Unterwerfung unter autoritäre Ansprüche gefordert wird. Ich gestehe,
daß ich aus ähnlichen Gründen der Charakteristik des Glaubens als Gehorsam
mißtraue und ebenso dem berühmten Verbot, hinter das Kerygma nach einer
Legitimation desselben zurückzufragen.« Pannenberg hat Widerspruch erfahren
von R. Moltmann. Dieser wendet sich gegen die These Pannenbergs, daß eine
unabgeschlossene Universalgeschichte trotz ihrer Unabgeschlossenheit schon jetzt
in einer Weise beurteilt werden könne, daß die Besonderheit der Geschichte
Jesu als endgültige, obwohl immer noch antizipatorische Offenbarung in Jesus
Christus angesprochen werden könne. In der Auferstehung Jesu sei nicht das Ende
vorweggenommen, vielmehr sei sie als Verheißung zu verstehen, nicht mehr und
nicht weniger.
Näheres
soll über diese beiden Vorstellungen in der Darstellung der heutigen
evangelischen Offenbarungstheologie in Abschnitt 11 gesagt werden. Wenn man die
Frage, ob Offenbarung als Geschichte oder Geschichte als Offenbarung zu
verstehen sei oder als Wort, nicht aufgrund von philosophisch-weltanschaulichen
Überlegungen, sondern aufgrund der Aussagen der Bibel selbst beantworten will,
muß man sagen, daß Offenbarung ein integrales Geschehen von Geschichte und
Wort ist. Auch das Wort ist nicht nur ein bloßes Informationswort, sondern ist
Wortgeschehen (vgl. Dt-Jes 55,10f). Man darf jedoch den Ton auf das Geschehen
legen. Das Wort ist trotz seiner eigenen Wirkkraft eine Interpretation des
Geschehens. Daß in der Auferweckung Jesu die menschliche Zukunft schon
vorweggenommen ist, und sie in die-
55
sem
Sinne Verheißung ist, wie Pannenberg andeutet, ist nicht zu leugnen (vgl. 1 Kor
15). So darf man wohl sagen, daß die Ansichten von Pannenberg und Molt-mann
nicht allzuweit voneinander entfernt liegen. Daß aber die Vorwegnahme der
Auferstehung aller eine Hoffnung begründet und nicht ein einfaches Erwarten des
Zukünftigen bedeutet, sondern die Aufforderung zur Bewältigung der auf die
Auferstehung Jesu noch folgenden Geschichte, wird deutlich aus 1 Thess und auch
aus dem Römerbrief, Kapitel 8.
2. Kapitel
Die Ereignishaftigkeit der
Offenbarung
im Tun Jesu
Wir
greifen noch einmal auf das in Abschnitt 3 und 4 Gesagte zurück und führen die
dortigen Ausführungen folgendermaßen weiter: Die Selbsterschließung Gottes im
Handeln steigt auf ihre unüberbietbare Höhe hinauf in Christus, in seinem
Erscheinen, in seinem Tun und in seinem Reden. Zunächst soll noch einmal von
seinem Tun die Rede sein, soweit dies für die Klärung unseres Zusammenhangs
von Offenbarungswort und Offenbarungstat wichtig ist. Nach dem Zeugnis der
synoptischen Evangelien zielt das Handeln Jesu Christi auf die Herrschaft
Gottes. Dieser Begriff faßt in sich zusammen, was Jesus erreichen wollte. Er
wird in unserem Traktat über die Kirche eingehender besprochen werden.
Herrschaft Gottes bedeutet zugleich Heil für den Menschen. Denn wenn
56
sich
Gott im Menschen durchsetzt, kommt dieser gerade dadurch zu seiner eigenen und
wahren Existenz. Dies wird einsichtiger, wenn wir bedenken, daß Gott die
schöpferische Liebe ist. Gottes Herrschaft im Menschen bedeutet also, daß sich
im Menschen die in seiner Tiefe und in seinem Inneren lebende, ihm aber zugleich
transzendente Liebe als Tätigkeitsprinzip durchsetzt. Es sei auf einige
Einzelheiten verwiesen. Als Johannes der Täufer aus dem Gefängnis heraus die
Frage an Jesus richten ließ, ob er es sei, der da kommen soll, erhielten seine
Freunde die Antwort: »Gehet hin und berichtet dem Johannes, was ihr hört und
seht: Blinde sehen, Lahme gehen. Aussätzige werden rein. Taube hören. Tote
stehen auf. Armen wird das Evangelium verkündet« (Mt 11,3 ff). Aus diesem Text
ergibt sich, daß in den Taten Jesu Christi indirekt Gott sichtbar wird. Es kann
hingewiesen werden auf die Machttaten, welche Jesus vollbrachte, indem er
Hungrige speiste, Kranke heilte und Tote erweckte. Da diese Heilstaten durch das
Wort vollbracht wurden, wird im Zusammenhang der Darstellung der Wortoffenbarung
darauf näher eingegangen werden. R. Pesch weist in seinem zweibändigen Werk
»Das Markus-Evangelium«, 1. Teil, 1976, besonders im 2. Teil (1977) nach, daß
schon in der von Markus zusammengestellten Überlieferung das Leben und Sterben
Jesu ihn als Messias offenbart, daß er sich selbst als solchen verstanden hat.
Paulus
kreist in seinen Briefen immer wieder um die Auferstehung Jesu. Er hat Jesus
geschichtlich im Leben wohl nicht gekannt, so daß für ihn nicht der Abtauf von
Jesu öffentlicher Wirksamkeit, sondern die Vollendung des Lebens auf Golgotha
und am Ostermorgen von Bedeutung sind. Von diesen Phänomenen aus fragt Paulus
immer wieder zurück, wie der
57
Gott
sein muß, der in dieser Weise handelt. Wenn Paulus in Tod und Auferstehung Jesu
eine Offenbarung Gottes sieht, so ist er dazu getrieben worden durch jenen
revolutionären Gesinnungsumschwung, der durch Gottes eigene Initiative in ihm
hervorgerufen worden ist. Zunächst ist es das Handeln Gottes in den Ereignissen
von Golgotha und vom Ostermorgen, das den Apostel gefangen nimmt. Aber sie
veranlassen ihn immer wieder zur erregenden Frage, wer denn dieser Jesus ist,
der so entscheidend in sein Leben eingegriffen hat, und wer der durch ihn
hindurch tätige Gott ist. Ist es der gleiche Gott, den er aus seinem
vorchristlichen Glauben kannte? Ist es der Gott, der zu Abraham und zu Mose
gesprochen hat?
Auch
nach dem Johannesevangelium hat sich Gott durch die Machttaten Jesu geoffenbart.
In diesem Evangelium sind die Machttaten und das Wortgeschehen so eng
miteinander verknüpft, daß das eine gewissermaßen natürlicherweise in das
andere übergeht.
3. Kapitel
Die Strukturen und die Gestalten
des Wortes im allgemeinen
(die
Worthaftigkeit des Menschen)
Bevor
die Funktion des Wortes Gottes für die göttliche Selbsterschließung
analysiert wird, müssen zwei Voraussetzungen geklärt werden. Die eine betrifft
die Worthaftigkeit des Menschen und die Worthaftigkeit Gottes. Die andere
betrifft das Verhältnis von Hören und Schauen. Zunächst sei an die
fundamentale Tat-
58
sache
erinnert, daß die Worthaftigkeit den Menschen als Menschen konstituiert und
offenbart. Zunächst ist sie eine bloße Anlage und muß wie jede Anlage
gepflegt, geübt und realisiert werden. Wenn ein Mensch sich in das Wort und in
das Gespräch nicht einübt, bleibt er hinter dem wahrhaft Menschlichen zurück.
Diese Einübung ist primär eine Übung des Geistes und des Herzens und erst
sekundär eine Einübung im Ausdruck. Der Worthaftigkeit und der Wortfähigkeit
ist die Hörfähigkeit zugeordnet. Auch sie ist zunächst eine Anlage und bedarf
der Einübung. Das echte Wort formt sich zuerst im Inneren des Menschen. Das
gesprochene Wort ist dessen Verleiblichung, eine Inkarnation des inneren Wortes,
das der Mensch zu sich selbst spricht, in welchem er also ein Selbstgespräch
führt. Nur wenn der Mensch die Mühe des inneren Sprechens auf sich nimmt, d.
h. die Mühe des Denkens und Liebens, hat das lautgewordene Wort geistigen und
seelischen Gehalt (Augustinus).
Zu den Strukturelementen des Wortes gehört wie der Ausgang aus dem Inneren des Sprechenden die Ankunft beim Hörenden, und zwar nicht nur in seinem Ohr, sondern in seinem Geiste bzw. in seinem Herzen. Die Ankunft im Hörenden ist für das Wort ebenso konstitutiv wie der Ausgang vom Redenden. Reden und Hören bilden ein Sinnganzes. Derjenige, welcher das Wort spricht, und derjenige, welcher das Wort entgegennimmt, bilden auch dann eine Einheit, wenn der Hörende das im Wort Gesagte ablehnt.
59
4.
Kapitel
Wortstufen
in der menschlichen Erfahrung
Wir
können in der Alltagserfahrung verschiedene Wortfunktionen, Wortgestalten und
Wortstufen unterscheiden. Die wichtigsten sind die Stufe der Aussage, des
Ausdrucks, die Stufe der Preisung und der Rühmung (Doxologie), die Stufe des
Anrufes, die Stufe des Befehls, die Stufe der Proklamation, die Stufe des
Ausrufes, endlich die Stufe der Selbstmitteilung. Diese Stufen können nicht
scharf voneinander getrennt, müssen aber dennoch voneinander unterschieden
werden. Das Wort der Aussage erfüllt eine belehrende, informierende Funktion.
Es ist jenes Wort, welches der Lehrer in der Schule, der Katechet im
Religionsunterricht, welches das öffentliche Informationsmittel in seinen
Berichten bietet. Es muß genau sein. Es zielt auf die Zustimmung, auf die
Überzeugung des Hörers. Es schafft Bewußtseinsgemeinschaft. Es dient der
Formierung der gebildeten Gesellschaft, der Gesellschaft also, deren Angehörige
über die Vorgänge der heutigen Welt Bescheid wissen und sich daher sachkundig
in ihr zu bewegen verstehen. Der heutige Mensch empfindet allerdings die
Wahrheit in ihrer unverhüllten Gestalt oft hart und bitter und ist nicht selten
versucht, sie abzulehnen oder an ihr vorbeizusehen, wenn sie mit seinen eigenen
Erfahrungen und Wünschen nicht übereinstimmt. So kann das Wort als
Wahrheitsaussage Skepsis erzeugen. Dieser Gefahr vermag es zu entgehen, wenn die
Aussage spüren läßt, daß sie nicht nur mit dem Kopfe erdacht, sondern aus
dem Hintergrunde der Erfahrung und aus der Wärme des Herzens hevorgewachsen
ist.
60
Infolge
der Unvollkommenheit und Unvollendbarkeit alles Menschlichen sind auch alle
Aussagen des Menschen unvollkommen, ja vom Wesen her unvollendbar. Dies hat zur
Folge, daß es immer und notwendig bis zu einem gewissen Grade vom guten Willen
des Hörers abhängt, wie er einen Bericht oder eine Darlegung aufnimmt.
Derartiges gilt im besonderen Maße von allen Aussagen über das Menschliche,
während die angedeutete Gefahr in den Aussagen über naturgesetzliche Vorgänge
zurücktritt.
Die
Wortgestalt des Anrufes und des Aufrufes wendet sich an den Willen. Dem Aufruf
entspricht die Bereitschaft, der Gehorsam. Das Wort, das Gehorsam erwartet und
fordert, darf indes nicht rein voluntaristisch geboten werden. Ein solches Wort
wäre des Menschen unwürdig. Damit die Menschenwürde gewahrt bleibt, muß auch
in einem solchen Worte ein Sinn investiert und erspürbar sein, wenngleich er
verborgen sein kann und daher nicht jedem zugänglich zu sein braucht. Vor allem
muß auch in einem derartigen Anruf die Liebe wirksam und erfahrbar bleiben.
Denn jeder Anruf und Befehl dient, falls er die Würde des Menschen achtet, der
Entfaltung des Angerufenen. Jeder Gehorsam dient, falls er menschenwürdig ist,
jener Bewegung, in welcher der Mensch zu sich selbst kommt, also der
Menschwerdung in individueller und kollektiver Hinsicht. Ein Anruf ohne jegliche
Liebe, ein Gebot um des Gebotes willen, ist eine menschenunwürdige Diktatur.
Sie wecken nicht Leben, sondern töten es. Die wahre Autorität ist darauf
gerichtet, daß sie Autorin, d. h. Urheberin von Leben und Lebensvertiefung ist.
Sie kann ihre Impulse nur dann richtig geben, wenn sie den Freiheitsraum des
Angesprochenen nicht zerstört. Andererseits kann sie nicht davon absehen, durch
Drängen und Mahnen, durch Aufforde-
61
rung
und Gebot den Angerufenen zum rechten Frei-heitsgebrauch, d. h. zur
verantwortlichen Verwirklichung des Rechten, des Wahren und des Guten, letztlich
also der in Gott verwurzelten Menschenwürde zu veranlassen. Ein brutaler,
völlig sinnloser oder liebeleerer Befehl ist ebenso unmenschlich und
widermenschlich, wie der sogenannte Kadavergehorsam unmenschlich und
widermenschlich ist, falls man diesen Ausdruck in seinem eigentlichen Sinne
gebraucht.
5.
Kapitel
Wort der Selbstmitteilung
Die
bedeutungsvollste Wortstufe, jene von größter Intensität und Reichweite,
stellt das Wort der Selbstmitteilung dar. In ihm erschließt sich das Ich dem
Du, so daß das Du das sich ihm erschließende Ich in sein eigenes Leben
aufzunehmen vermag und umgekehrt in das Ich eintreten kann. Natürlich
erschließt sich das Ich auch in den übrigen Wortgestalten bis zu einem
gewissen Grad. Denn jedes Wort ist eine Selbstdarstellung des Sprechenden. Auch
im objektiven, ja im objektivistischen Bericht zeigt sich der Berichtende als
derjenige, welcher er ist, als ein Redlicher und Glaubwürdiger, als ein
Liebender oder ein Heuchler, ein Schamloser und ein Zyniker. Wir sagen oft: So
konnte nur dieser oder jener sprechen oder schreiben. Der bloß Berichtende oder
Anrufende oder Auffordernde kann indes außerhalb seines Wortes bleiben. Er kann
ihm gegenüber geradezu Zuhörer sein. Er vermag sei-
62
nem
eigenen Wort als Fremder gegenüberzustehen. Auch ein Verworfener kann eine ihm
selbst widerliche Heilsbotschaft ansagen. Es ist ähnlich wie mit dem
menschlichen Antlitz. Das frömmste Gesicht kann zu einem Verworfenen gehören,
das Erdhafteste kann einem Heiligen eigen sein.
Wenn
im Worte des Anrufes die Liebe wirksam ist, dann wird mit dem Anruf auch die
Kraft mitgeteilt, zu tun, was das Wort will. Denn die Liebe ist schöpferisch,
immer und überall. Sie schafft, was sie liebt, wo es noch nicht ist. Sie
kräftigt, was sie liebt, wo es schon besteht. Sie erhöht den Angerufenen über
sich selbst hinaus zu einer neuen Existenz.
Ein
solches Wort der Selbstmitteilung begreift ein schweres Risiko in sich. Es
erreicht seinen Sinn und sein Ziel nur, wenn ihm die Antwort zuteil wird: Ich
liebe dich wieder. Wenn ihm diese verweigert wird, muß es beschämt und
verschüchtert wieder in sich selbst zurückkehren oder vielmehr in denjenigen,
der es gesprochen hat, und versinken. Eine zweite Gefahr lauert in einem solchen
Wort, nicht diejenige der Zurückweisung und der Ablehnung, der Verhöhnung und
Verachtung, sondern jene des Selbstverlustes, der Preisgabe des eigenen Ich und
der Vergewaltigung des hörenden Du. Nur wenn im Herzen des Wortes »Ich liebe
dich« die Ehrfurcht sitzt, kann diese schwere Gefahr gebannt werden. Der Gefahr
des Selbstverlustes kann der Mensch nicht etwa dadurch entgehen, daß er sich in
allzu großer Vorsicht oder Sachlichkeit hütet, das Wort der Liebe zu sprechen,
um sich nicht preiszugeben. Denn dieses Verhalten ist umgekehrt von der Gefahr
der Selbstverschließung bedroht, in welcher der Mensch nur noch um sich selbst
kreist und so in seiner individuellen Enge verfangen bleibt. Es ist nicht
möglich, im geschichtlichen Le-
63
ben
jenen schmalen Grat zu finden, auf welchem der Mensch zu gehen vermag, ohne daß
ihn auf der einen Seite der Sturz in den Abgrund der Selbstpreisgabe oder auf
der anderen Seite der Sturz in den Abgrund der Selbstverschließung bedroht. Er
muß sich vielmehr bemühen, zwischen den beiden Abgründen die Selbsthingabe in
der Selbstbewahrung und die Selbstbewahrung in der Selbsthingabe zu realisieren,
ohne daß ihm die Absicht jemals vollständig gelingt. Erst jener Lebensvollzug,
den wir den Himmel, d. h, die Selbstmitteilung Gottes in unmittelbarer
Selbstenthüllung und die Antwort des Menschen nennen, wird den Menschen
befähigen, ganz bei sich und zugleich ganz beim anderen zu sein.
6.
Kapitel
Wort der Preisung und
der
Proklamation
Was
die Wortstufe der Rühmung und der Preisung betrifft, so sind wir gewohnt zu
sagen, daß wir in unserem Reden und Tun Gott die Ehre geben müssen. Wir
dürfen jedoch aus der Ehrung Gottes die Ehre seines Bildes in der Schöpfung,
des Menschen, nicht ausschließen. Ehrfurcht und Anerkennung sind die Luft,
deren jeder Mensch für sein Leben bedarf. Dies läßt sich leicht verstehen,
wenn wir bedenken, daß jeder Mensch infolge seiner Kreatürlichkeit und noch
mehr infolge seiner Sündhaftigkeit sich stets als gefährdetes und versagendes
Wesen erfährt und daher in der Unsicherheit des Geistes und Herzens lebt. Er
64
sehnt
sich, bewußt oder unbewußt, nach der Bestätigung der Gemeinschaft, selbst
wenn er in Selbstsucht das ihm begegnende andere Ich und die Gemeinschaft
ablehnt.
Die
Wortstufe der Proklamation richtet eine Botschaft an den Menschen aus, eine
Heilsbotschaft, sei es im irdisch-politischen, sei es im
eschatologisch-religiösen Bereich. Die Wortstufe des Ausrufes, in welchem der
Mensch seine Freude und sein Leid, sein Entzücken und seine Verzweiflung in die
Welt hinausruft, scheint der gemeinschaftsstiftenden Funktion des Wortes ferne
zu stehen. In Wahrheit fehlt jedoch auch ihm der Gemeinschaftsbezug nicht
völlig. Eine volle Einsamkeit gibt es in der Geschichte nicht. Die radikale
Einsamkeit ist vielmehr ein Charakteristikum der Verdammnis in der Hölle. Auch
der intellektuell nicht mehr verständliche Aufschrei eines gequälten oder
eines jubelnden Herzens ist ein Schrei in die Gemeinde der Brüder und
Schwestern hinein. Er ist ein Zeugnis der überwogenden Fülle und Kraft des
menschlichen Erlebnisses, welches nicht mehr in Worte eingeholt oder eingefangen
werden kann.
7.
Kapitel
Wort
des Glaubens
Eine
besondere Wortgestalt stellt der Glaube des Menschen als Antwort an Gott dar. In
ihm bejaht er nicht nur Mitteilungen, welche ihm Gott über geheimnisvolle
Wahrheiten macht. Er antwortet vielmehr auf
65
das
göttliche Wort der Selbsterschließung, indem er sich in einer aus der
Persontiefe hervorkommenden Entscheidung Gott anheimgibt. Der Glaube hat daher
in seinem Vollsinn den Charakter der Begegnung. Das Moment des Erkennens ist in
ihm eingeschlossen. Es ist jedoch ein »Erkennen« im Sinne der Heiligen
Schrift, d. h, im Sinne der Vereinigung von Person zu Person. Deshalb ist der
Glaube nicht etwa eine geminderte Weise des Erkennens, sondern eine erhöhte
Form der Begegnung, welche die Erkenntnis einschließt.
8. Kapitel
Das
geschriebene Wort
Die
bisher besprochenen Wortgestalten können sich im gesprochenen oder im
geschriebenen und gedruckten Wort ereignen. Wir stoßen hier auf eine
außerordentlich weittragende Problematik. Das Normale, d. h. nicht das
Alltägliche und Gewöhnliche, sondern das der Norm am meisten Entsprechende ist
die Wortgestalt der Sprache. Die Zerstreuung und die Verbreitung der Menschen
über weite Räume hinweg und durch lange Zeiten hindurch zwingen dazu,
denjenigen, die vom gesprochenen Worte nicht oder nicht mehr erreicht werden
können, Information oder Anruf oder Proklamation oder Ausruf oder auch
Selbstmitteilung durch das geschriebene und gedruckte Wort zukommen zu lassen.
Schreiben und Drucken sind Ersatzmodi des Wortes. Durch diese These werden sie
in
66
ihrem
Gewichte für die menschliche Gesellschaft nicht reduziert. Sie werden aber an
dem zuständigen Maß gemessen. Sie sind Mittel, um das Feld der menschlichen
Sprache zu vergrößern, und zwar in einer unermeßlichen Ausweitung. Sie sind
ein notwendiger und wichtiger, ja ein unentbehrlicher Ersatz, aber eben nur
Ersatz. Ihnen fehlt die Unmittelbarkeit der Begegnung. Weil sie ein Ersatz des
gesprochenen Wortes sind, gilt für ihr Verständnis und ihren Vollzug
naturgemäß mit der dem geschriebenen und dem gedruckten Wort entsprechenden
Schattierung alles, was an Forderungen und Feststellungen für das gesprochene
Wort gilt. Der wichtigste Unterschied liegt darin, daß der Hörer zum Leser
wird und daher dem Beschauer ähnlich ist, welcher jederzeit wieder zu dem
angeschauten Bilde zurückkehren kann. Der Leser kann jedoch nur dann richtig
lesen, wenn er es in jener Haltung tut, welche für den Hörer charakteristisch
ist. Am meisten gilt dies naturgemäß von jenen Worten, in denen das
Menschliche vermittelt wird, weniger von mathematisch-physikalischen oder
chemischen Formeln. Wenn der Leser z. B. den Satz liest: Ich liebe dich, in
welchem sich die Mitteilung des Schreibenden ausdrückt und zusammenfaßt, kann
er den Text nur dann sinnvoll aufnehmen, wenn er vor ihm nicht im eigentlichen
Sinne verstummt, sondern schweigend die Antwort gibt: Ich liebe dich wieder. Dem
gedruckten Wort fehlt allerdings bis zu einem gewissen Grade der dem
gesprochenen innewohnende Impuls. Es hat indes auch einen Vorzug vor dem
Gesprochenen, nämlich jenen der Dauer. Das Geschriebene und Gedruckte bleiben
und können daher vom Leser zu jeder Zeit wieder hervorgezogen werden, während
dem gesprochenen Worte wie dem Winde oder dem Sturme die Flüchtigkeit eigen
ist, und es daher entschwindet, kaum daß
67
es
gebildet worden ist. So kann das einmal Gesprochene in jeder neuen Situation
aktualisiert werden.
Alle
diese Überlegungen werden uns zu einem konkreteren Verständnis des Wortes
Gottes behilflich sein.
9. Kapitel
Das
innergöttliche Wort
Das
menschliche Wort läßt sich von seiner letzten Wurzel her nur verstehen, wenn
man es als den Ausdruck und die Erscheinung jenes Wortes interpretiert, das Gott
selbst in seinem Gottesleben spricht. Wie es im ersten Johannesbrief heißt (1
Joh 4,8), ist Gott die Liebe. Er ist diese naturgemäß nicht in überlegener
Einsamkeit, sondern in der Weise des Gesprächs. Die Liebe, als welche Gott von
Johannes charakterisiert wird, muß zunächst verstanden werden als eine
schöpferische Tat des absoluten, des göttlichen Geistes bezüglich der
Kreatur. In diesem Tun spiegelt sich jedoch ein innergöttlicher Vorgang. Gott
erkennt sich in der Weite und Tiefe seines Seins und spricht sich, ohne dadurch
einem Entwicklungsprozeß nach der These Hegels zu unterliegen, völlig und
adäquat in einem Worte aus, welches das absolute Sein in sich enthält und
umgreift. Gott geht geradezu darin auf, dieses Wort der Selbstaussage zu
sprechen. Wir nennen ihn unter diesem Aspekt in der Theologie üblicherweise die
erste göttliche Person, wenngleich das Wort »erste« und sogar noch mehr das
Wort »Person« in diesem Zusammenhang von einer schweren Bedeu-
68
tungshypothek
belastet sind. Weil das von Gott im Vollzug seines göttlichen Lebens ausgesagte
Wort seinerseits wiederum subsistent ist und als Person in der Selbstaussage
Gottes hervorgebracht wird, können wir Gott in einem analogen Sinn auch
»Vater« nennen. Das von Gott in dieser Weise durch die Selbstaussage gebildete
Wort hat die unbegreifliche Eigentümlichkeit, daß es sich wiederum liebend und
erkennend dem Vater zuwendet, daß es also den Charakter der Antwort hat. Es ist
ausgesagtes Wort und sich zurückwendende Antwort in einem. Wenn wir die
Ausdrücke »Vater« und »Sohn« verwenden, können wir sagen, daß sie ein
ewig erfülltes, nie abreißendes oder abnehmendes beseligendes Gespräch
führen. Ja, sie sind, wie wir an dieser Stelle verkürzt behaupten können,
nichts anderes als ein subsistierendes Gespräch. Dieses Gespräch entströmt
der Liebe, als welche Gott charakterisiert ist, und gipfelt zugleich in der die
himmlischen Gesprächspartner verbindenden ewigen Liebe. Die Liebe als der
Vater-Gott ist der quellenlos strömende Quellgrund des Gespräches
(Bonaventura). Die Liebe ist zugleich dessen selige Ausdrucksgestalt. Insofern
die himmlische Liebe die Atmosphäre, die Frucht und das Zeichen des göttlichen
Gespräches ist, nennen wir sie den Heiligen Geist. So erweist sich Gott, die
letzte und absolute, in dem Innersten und Tiefsten des Menschen lebende und ihm
zugleich transzendente Wirklichkeit, als ein ewiges Liebesgespräch.
Wenn
wir den Menschen durch seine Worthaftigkeit charakterisieren, so bedeutet dies,
daß er worthaft ist auf Grund seiner Teilnahme an dem Geheimnis des ewigen
Liebesgespräches, welches wir Gott heißen. Das menschliche Wort ist ein Echo
aus diesem Gespräch. Dadurch gewinnt es seine hohe Würde.
69
10. Kapitel
Hören
und Schauen
Wir
kommen zu einer anderen Voraussetzung für das Verständnis des Wortes. So
wichtig nämlich das Wort auch ist, so darf man seine Bedeutung doch nicht
einseitig sehen. Die letzte Verheißung, welche dem Menschen gegeben ist,
bezieht sich auf die Schau Gottes, das heißt auf die Schau des absoluten Seins,
welches die absolute Liebe, in der Gestalt des ewigen Gesprächs selbst ist.
Diese Schau ist natürlich nicht zu verstehen als ein bewunderndes Hinblicken
auf die immer gleiche Herrlichkeit Gottes. Sie vollzieht sich vielmehr in einem
lebendigen Austausch mit dem sich dem Menschen unmittelbar erschließenden und
schenkenden Gott. So wird auch sie zu jenem Lebensvollzug, den wir mit dem Worte
Gespräch ausdrücken können. Es war für Augustinus und für Bonaventura ein
entscheidender Vorgang in der Menschwerdung des Wortes Gottes, daß das Wort
nicht bloß hörbar, sondern sichtbar wurde. Wenn dem Worte im allgemeinen auch
mehr das Hören als das Sehen zugeordnet ist, so ist doch das menschgewordene
Wort des Vaters gerade dadurch von allen anderen Worten unterschieden, daß es
hörbar und sichtbar zugleich ist. Es gehört zur Grundlegung der christlichen
Heilsbotschaft, daß der menschgewordene Gott in unserer Geschichte sichtbar
wurde und als Sichtbarer das Gespräch mit den Menschen aufgenommen hat. Diese
Sichtbarkeit ist durch die Hörbarkeit des Gotteswortes keineswegs überflüssig
geworden. Denn der Mensch ist darauf
hingeordnet, zu sehen und zu hören, nicht nur zu hören. Es wäre ein zu hoher
Preis, wenn das
70
Hören
Gottes mit dem Verluste der Schau Gottes erkauft werden müßte.
Es
ist sehr fraglich, ob man von dem Hören des Wortes eine größere Geistigkeit
behaupten kann als von dem Sehen. Für die Entscheidung dieser Frage ist es
wichtig, jeweils zu prüfen, was unter Hören und Schauen verstanden wird. Wenn
nur der sinnenhafte Vorgang gemeint ist, dann dürften beide Wahrnehmungsmodi
auf der gleichen Rangstufe stehen, insofern sich der Mensch der vielgestaltigen
Welt mit seinen Sinnen in je verschiedener Weise zuwendet. Wenn Hören und Sehen
als geistige, durch die Sinne vermittelte Tätigkeiten verstanden werden,
scheinen sie erst recht auf dem gleichen Rangniveau zu stehen. Es ist indes auf
jeden Fall beachtenswert, daß nicht das Hören, sondern das Schauen Gottes als
letzte Zukunft verheißen ist, daß also die unmittelbare göttliche
SelbstmitteiIung an die Schöpfung im Bilde des Schauens dargestellt wird. Eine
genauere Analyse zeitigt das Ergebnis, daß diese Schau nichts anderes als ein
Austausch ist, der sich in einem erfüllenden und stets wachsenden Dialog
zwischen Gott und der Schöpfung vollziehen wird. Nach dem Zeugnis der Schrift
haben sich denn auch diejenigen, die von Gott in besonderer Weise berührt
werden, nach der Schau Gottes ausgestreckt. Es soll an die früher (S. 54)
erwähnte Meinung des evang. W. Pannenberg erinnert werden, daß der Mensch im
Hören mehr in Gefahr steht, seine Souveränität einzubüßen als im Sehen.
Vielfach
war auch die göttliche Selbsterschließung
im Wort, etwa bei den Propheten, mit einer Schau verbunden. Mit Mose hat Gott
»von Angesicht zu Angesicht« aus dem Feuer heraus geredet (Dtn 5,4). Hier wird
zugleich deutlich, daß die Schau Gottes innerhalb der Geschichte keine
unmittelbare, sondern nur
71
eine
mittelbare sein kann. Das dürfte der Grund
sein, warum bei der Berufung der Propheten die Schau mehr und mehr zugunsten des
Wortes allein zurücktrat. Dem Verhältnis des Menschen zu Gott innerhalb der
Geschichte entspricht es, auf Gott zu hören.
Man
darf für das Phänomen der Offenbarung Gottes im Worte auch auf die menschliche
Erfahrung hinweisen, daß der Mensch im Akte des Schauens in höherem Maße
seiner selbst mächtig ist, als im Akte des Hörens. Im Akte des Schauens kann
er sich gewissermaßen seines Gegenstandes in eigener Initiative bemächtigen.
Er kann auch, wenn ihm ein Gegenstand zuwider ist, die Augen schließen oder an
ihm vorbeischauen. Des Hörens hingegen ist der Mensch nur fähig, wenn ein
Redender zu ihm spricht. Er ist also im Akte des Hörens davon abhängig, daß
ein Wort gesprochen wird. Gegenüber einem ihm lästigen Wort kann er auch nicht
das Ohr verschließen, wie er das Auge gegenüber einem lästigen Gegenstand
verschließen kann. Wenn sich Gott im Wort dem Menschen zuwendet, drückt sich
das Verhältnis des Schöpfers zum Geschöpf, wie es innerhalb der Geschichte
besteht, in einer besonders eindringlichen Weise aus.
Dabei
darf nicht vergessen werden, daß in der eschatologischen Vollendung Gott sich
dem Menschen unmittelbar und unverhüllt darbietet, ohne sein Geheimnis aufgeben
zu können. Diese Gottesschau ist von einer unsagbaren Dynamik, die sich
ihrerseits wieder im Gespräch vollzieht. Sie ist nur möglich, wenn sich Gott
selbst unmittelbar dem Geschöpf darbietet. Dies wird erst in der endgültigen
Zukunft geschehen. Darauf ist alles Hören hingeordnet. In jener zukünftigen
Erfüllung werden Hören und Schauen in eins zusammenfallen.
72
11.
Kapitel
Das
Wort Gottes als reale Anrede
Wenn
wir darangehen, das durch die ganze Heilige Schrift sich hindurchziehende Wort
Gottes, welches Anfang und Ende begründet, das Offenbarungswort Gottes, zu
analysieren, so ist zuerst zu bedenken, daß wir es mit einer Erscheinung zu tun
haben, welche sich von dem durch die klassische griechische Philosophie
geprägten Denken unterscheidet. Auch in diesem ist der Begriff »Wort«, Logos,
zu Hause. Hier aber bedeutet er soviel wie Sinn oder Sinnhaftigkeit, welche im
sinnenden Nachdenken erschlossen und erkannt wird. Wenn jedoch in der Heiligen
Schrift vom »Worte Gottes« die Rede ist, so handelt es sich immer um eine
unmittelbare Beeinflussung des Menschen durch Gott. In dem Worte Gottes wird der
von Gott Angesprochene unmittelbar erfaßt.
Das
Wort Gottes, in welchem Gott sich selbst an den Menschen wendet, hat alle jene
Gestalten und Stufen, welche wir vorhin den menschlichen Worten zuschrieben. Es
kann anrufen, ausrufen, belehren, informieren, drohen, warnen, verheißen und
sich selbst an den Menschen mitteilen. Vor allem aber und in allen seinen Stufen
ist es ein »Wort der Verheißung«. In diesem Ausdruck faßt der Apostel Paulus
zusammen, was dem alttestamentlichen Gottesvolk zuzuschreiben ist (Röm 9,4). Es
lebte auf der Stufe der Verheißung. Hoffnung ist die gebührende Antwort.
Dieses
Wort ist an manchen Stellen der Heilsgeschichte in konzentrierter Form
gesprochen worden, nämlich in der Berufung des Mose, in der Schaffung des
Sinaibundes und den damit zusammenhängenden
73
Ereignissen,
in der Berufung der alttestamentlichen Propheten. Am Sinai ist es als Wort der
Bundesstiftung und der Bundesweisung, an die Propheten als Wort der
Bundesführung und der Bundesverheißung ergangen (H. Schlier). Es ist als
Person in Jesus Christus erschienen. Unter den neutestamentlichen
Schriftstellern haben Paulus und Johannes am meisten über das Wort Gottes
reflektiert und es proklamiert. Die Apostelgeschichte könnte man geradezu die
Geschichte des Wortes Gottes in der Urgemeinde nennen.
Wenn
man allerdings fragt, was näherhin unter Gottes Wort zu verstehen ist, so
läßt sich nicht verkennen, daß es sich um eine anthropomorphe Darstellung
handelt. Sie dient dazu, die Personhaftigkeit Gottes und die Personhaftigkeit
des von ihm gnadenhaft ergriffenen und beeinflußten Menschen zum Ausdruck zu
bringen. Sie zeigt, daß sich eine Begegnung vollzieht, eine Begegnung des
freien Gottes und des freien Menschen, ein Vorgang, welcher Distanz und
Gemeinschaft, Ferne und Nähe zugleich in sich schließt, in welchem das
unsägliche, im Menschen anwesende Geheimnis in die menschliche Erfahrung
vorstößt, ohne den Menschen zu überwältigen. Hierbei ist von maßgeblicher
Bedeutung, daß das Wort, welches der von Gott beeinflußte Mensch spricht,
selber Wort Gottes genannt wird.
Für
die Interpretation dieses Vorganges darf man an ein Problem unserer natürlichen
Erkenntnis erinnern. Aus einer sehr langen Bemühung wissen wir, daß die uns
bekannte Welt, in der wir leben, aus zwei Komponenten konstituiert ist: aus dem
objektiv Gegebenen, aus dem Vorhandenen einerseits und aus unserem eigenen
Bewußtsein andererseits. Wir können die Welt nicht erkennen und erfassen, wie
sie an sich ist.
74
Was
uns vor das Auge tritt, ist vielmehr immer nur die von uns erkannte und durch
unser Erkennen bestimmte Welt. Die heutige Mikrophysik schenkt uns hierfür
einen aufschlußreichen, wissenschaftlichen Beitrag. Es zeigte sich nämlich,
daß wir immer nur die von uns beeinflußten Urteilchen der Materie zu erkennen
vermögen, daß wir aber schlechterdings diese Urteilchen, insofern sie einen
nicht von uns bestimmten Seinsmodus haben, nicht zu erkennen vermögen. Wie sie
ohne uns, wie sie »an sich« sind, wissen wir nicht. Wenn man sagt, daß Kant
die Integrationskraft des Subjektiven in dem Erkenntnisvorgang übertrieben hat,
so muß man hinzufügen, daß Thomas von Aquin nach der üblicherweise von
seiner Lehre gegebenen Auslegung die Integrationskraft unseres
Erkenntnisvermögens wohl unterschätzt, wenngleich keineswegs vergessen hat. Er
sagt ja, daß wir die Gegenstände »modo nostro« erkennen. Beide Denker
stimmen darin überein, daß nur die erkannte Welt unsere Welt ist. Diese
Überlegungen zeigen uns, daß die Welt nicht einfach objektivistisch als das
Bestehende verstanden werden kann, sondern als das auf Grund unseres eigenen
Bemühens sich immer Ereignende. Die Welt ist das Ergebnis des uns Vorgegebenen
und unserer eigenen Gestaltung. Vielleicht läßt sich dies aus einer
Alltagserfahrung noch zugänglicher machen. Die Freundschaft oder die Liebe
schenken dem Menschen ein Auge, mit dem er die Welt andere sieht, als er sie
ohne dieses Auge sähe. Er erlebt sie in einem solchen Fall auf den anderen
Menschen hin. Darin wird die Welt für ihn, den Erlebenden, selbst anders. In
einer analogen Weise läßt sich jenes Phänomen, das wir Wort Gottes nennen,
als das Ergebnis göttlichen und menschlichen Wirkens verstehen, wobei
natürlich Gott als Gott und der Mensch als Geschöpf tätig
75
sind,
jeder in der ihm zukommenden Weise und Dynamik.
Unter
dem Impuls der göttlichen Berufung und der göttlichen Gnade übersetzt der
Berufene in einem unmittelbar geistigen Vorgang ohne nachsinnende Reflexion das,
was Gott der Menschheit durch ihn mitteilen will, in das gesprochene menschliche
Wort. Dieses Wort ist naturgemäß zeitgebunden und nimmt an der sozialen und
kulturellen Situation sowie am persönlichen Temperament des von Gott
ergriffenen Menschen teil. Dennoch kann man sagen, daß Gott es ist, welcher
sein Wort in den Mund des Menschen legt. So wird das Wort Jahwes das Wort des
Propheten (Jes 6,8; Jer 14,4 f; 23,21.32; 26,12.15). Sogar die Erregung Jahwes
geht auf den Propheten über (Jes 6,11). Der Prophet redet daher wirklich Jahwes
Wort (Num 23,13; 1 Sam 15.16; Jer 23,22). Deshalb verkündet er nur, was Jahwe
sagt, und alles, was Jahwe sagt.
12. Kapitel
Biblisches
Beispiel
Als
ein besonders aufschlußreiches Beispiel sei die Berufung des Propheten Jeremias
angeführt. Im ersten Kapitel heißt es (Jer 1,1-101: »Worte des Jeremias, des
Sohnes des Hilkia aus dem Priestergeschlechte zu Anatot im Lande Benjamin: An
ihn ist die Weisung des Herrn zur Zeit des Königs Josia von Juda, des Sohnes
Amons, im 13. Jahr seiner Königsherrschaft erfolgt.
76
Dann
erging sie unter dem König Jojakim von Juda, dem Sohne des Josia, bis zum
Schlusse des elften Jahres des Königs Zidkia von Juda, des Josiasohnes, als die
Verschleppung der Bewohner Jerusalems im fünften Monat erfolgte.
Des
Herrn Wort erging an mich: Noch ehe ich dich gebildet im Mutterleib, habe ich
dich ausersehen, ehe du aus dem Mutterschoße kamst, habe ich dich geweiht, dich
zum Völkerpropheten bestimmt.
Ich
antwortete: Ach, Herr und Gebieter, ich bin doch der Sprache nicht mächtig, ich
bin noch zu jung!
Doch
der Herr entgegnete mir: Sage nicht: Ich bin zu jung; gehen sollst du, wohin
immer ich dich sende, was immer ich dir befehle, das sollst du reden. Fürchte
dich vor ihnen nicht, denn ich bin bei dir zu deiner Rettung. — Spruch des
Herrn!
Der
Herr aber streckte seine Hand aus und berührte damit meinen Mund. Er sprach zu
mir: Ja, meine Worte lege ich in deinen Mund!
Schau,
ich gebe dir heute die Macht über Völker und Reiche, um aus- und einzureißen,
zu vernichten und in Trümmer zu legen, aufzubauen und einzupflanzenl«
Man
kann auch auf viele andere Stellen verweisen, nach denen Gott sein eigenes Wort
den Propheten in den Mund legt (z. B. Num 22,38; 23,5.12.16; Dtn 18,18). Gott
selbst läßt den Propheten hören und sehen (Jes 5,9; 22,14; Ex 9,1-5). Er
öffnet das Ohr des Propheten, so daß dieser die Worte Jahwes sich zu Herzen
nehmen kann (Ez 3,10.17; Dt-Jes 50,4 f). Er selbst öffnet den Mund des
Propheten (Ez 3,17; 33,22). Der Prophet verleibt sich die Worte Gottes geradezu
ein und gerät dabei in die Gewalt des Wortes und dadurch in die Hand Jahwes.
77
So
heißt es bei Ezechiel (2,7-3,4); »Du sollst meine Worte zu ihnen reden, mögen
sie hören oder es bleiben lassen. Denn ein Haus der Widerspenstigkeit sind sie.
Du, Menschensohn, höre, was ich zu dir rede. Sei nicht aufsässig wie das Haus
der Widerspenstigkeit! Tue deinen Mund auf und iß, was ich dir gebe.
Ich
schaute und sah eine Hand gegen mich ausgestreckt, und darin war eine Buchrolle.
Er
breitete sie vor meinen Augen aus, und sie war auf der Vorder- und Rückseite
beschrieben; verzeichnet standen darauf Leichenklage, Seufzer und Wehrufe. Er
sprach zu mir: Menschensohn, was du vor dir hast, iß; verzehre diese Buchrolle
da; dann mache dich auf und rede zum Haus Israeli
Da
tat ich meinen Mund auf, und er reichte mir jene Buchrolle, daß ich sie esse.
Er gab mir die Weisung: Menschensohn, lasse deinen Leib essen, und erfülle dein
Inneres mit dieser Buchrolle, die ich dir reiche! Ich aß sie auf, und sie ward
in meinem Munde süß wie Honig.
Dann
äußerte er sich zu mir: Menschensohn, wohlan, gehe zum Haus Israel und rede
mit meinen Worten zu ihnen.«
Ein
instruktives Beispiel für die Dynamik des Wortes Gottes sei aus dem Propheten
Amos angeführt (3,8): »Der Löwe hat gebrüllt, wer sollte sich nicht
fürchten? Jahwe hat geredet, wer müßte nicht verkündigen?« (Man vergleiche
weiter etwa Num 5,22 ff.; 1 Kg 18,46; Is 8,11; Jer 15,17; 20,7; Ez 33,22).
Da
Gott das Wort in das Ohr und in den Mund des Propheten gibt, spricht der Prophet
in der Tat Gottes Wort. Er ist Gottes Mund (Jer 15,19; 42,97). Es ist aber auf
der anderen Seite nicht zu übersehen, daß Gottes Wort nur laut wird im
Menschenwort.
78
13. Kapitel
Gotteswort
und Menschenwort
Hier
erheben sich zwei schwerwiegende Fragen. Die eine lautet: Wodurch wird das Wort
als Wort Gottes konstituiert, wenngleich es phänomenal ein Menschenwort ist?
Die zweite lautet: Wie kann ein menschliches Wort als Gottes Wort erkannt
werden?
a) Konstitution des Wortes Gottes
Wir
wenden uns der ersten Frage zu. Man könnte auf sie folgende Antwort versuchen:
In der Sprache stellt sich der Mensch selbst dar. Das Wort ist Ausdruck des
Menschen. Es kommt oder kann kommen aus seiner menschlichen Mitte. Insofern der
Mensch selbst Geschöpf ist, dies aber heißt, insofern er in seiner Existenz
und in seinem Handeln immerfort von Gott gewirkt ist, ist er Ausdruck und
Erscheinung Gottes. Die Schrift nennt ihn geradezu Bild Gottes. Unter diesem
Aspekt ist auch das Wort, der Selbstausdruck des Menschen, indirekt Ausdruck
Gottes und in diesem Sinne Wort Gottes. Wenn man so argumentiert, ist allerdings
jedes menschliche Wort zugleich Gottes Wort. Insbesondere gilt dies von jenem
menschlichen Wort, in welchem der Mensch den transzendenten Horizont seiner
Existenz, nämlich das unsägliche Geheimnis, welches wir Gott nennen, aussagt.
Mit
dem Ausdruck »Wort Gottes« in unserem Zusammenhang meinen wir jedoch nicht die
natürliche Gotteserkenntnis, sondern die nur dem Glauben zugängliche
Selbsterschließung Gottes, welche in Christus ihren innerweltlichen und daher
vorläufigen Hö-
79
hepunkt
erreicht hat, also jene Rede Gottes, in welcher er sich uns selbst zum
Lebensaustausch zusagt. Dieses Wort Gottes kann nur, um einen Gedankengang K.
Rahners zu verwenden, dann vom Menschen aufgenommen werden, wenn Gott selbst in
einem schöpferischen Tun die Aufnahmefähigkeit des Menschen schafft, wenn er
ihm also eine innere gnadenhafte Erleuchtung gewährt. Gott autorisiert in
solchen Fällen den Menschen nicht nur, über ihn verbindlich zu sprechen. Er
konstituiert vielmehr das vom Menschen gesprochene Wort als gnadenhaft
beteiligter Partner mit. Gott, und zwar Gott als die erste göttliche Person,
wird so (durch seinen Logos im Heiligen Geiste) der letzte Ursprung, aus dem das
menschliche Wort göttlicher Offenbarung hervorkommt. Die Funktion, in der Gott
das Wort mitkonstituiert, gibt diesem den Charakter eines Wortes Gottes.
Hier
eröffnet sich allerdings eine neue Problematik. Es ist die Antinomie vom
Zusammenwirken Gottes und des Menschen. Man kann sie durch die ganze Theologie
und ihre Geschichte hindurch verfolgen, ohne sie jemals befriedigend lösen zu
können. Einsei-tige Antworten wären es, wenn man das Tun Gott allein oder dem
Menschen allein zuschreiben wollte. Ebenso wäre es verkehrt, wenn man Gott eine
partielle Wirksamkeit und dem Menschen eine andere partielle Wirksamkeit
zuteilen wollte. Man muß vielmehr sagen, daß jeweils das Ganze von Gott
gewirkt ist und das Ganze vom Menschen, in jeweils verschiedener, dem Wirkenden
gemäßer Weise.
Der
Mensch, welcher das von Gott als der ungeschaffenen Gnade mitkonstituierte Wort
spricht, erfährt sich selbst als ein von Gott Angesprochener, eben durch die
gnadenhafte Berührung, welche ihm zuteil wird. Er redet also aus der Erfahrung
Gottes
80
bzw.
des transzendenten Horizontes, welcher im menschlichen Wort raum-zeitliche,
konkrete Erscheinung gewinnt. Auf Grund dieser Gotteserfahrung bezieht er die
ihm zuteil gewordene Mitteilung eben wieder auf Gott. Das Wort Gottes ist nach
diesen Analysen in einer dreifachen Weise von Gott bestimmt. Gott ist sein
Urgrund, er ist sein Inhalt, er ist sein mitkonstituierendes Subjekt.
b) Erkenntnis des Wortes Gottes als Gottes Wort
Das
Wort, welches der einzelne Mensch als Wort Gottes empfängt, ist im allgemeinen
nicht für ihn allein, sondern für eine Gemeinschaft bestimmt. Damit diese das
Wort des einzelnen als Wort Gottes zu verstehen und anzunehmen vermag, bedarf es
neuerdings der inneren Erleuchtung und Erhellung von seiten Gottes. Die Haltung,
in welcher sowohl der erste Empfänger als auch die durch diesen Angesprochenen
das Wort Gottes annehmen, ist nicht die Einsicht in seine inhaltliche
Richtigkeit, sondern das Offensein, das Bereitsein für Gott, der Glaube. Unter
dem Glauben ist dabei zu verstehen jene menschliche Antwort an Gott, in welcher
sich der Mensch vertrauend dem Gott anheimgibt, welcher sich ihm als das
unergründliche Geheimnis gnädig zusagt.
Mit
dieser These sind wir schon bei der Frage angelangt, wie der Hörer des Wortes
zu erkennen vermag, daß ein vom Menschen gesprochenes Wort als Gottes Wort zu
beurteilen und daher anzunehmen ist, ob er nicht fürchten muß, daß ein
Prophet, der behauptet, ein Wort Gottes zu bieten, dies in einer unzutreffenden
Weise proklamiert, daß er es mindert oder fälscht, daß er eigene Phantasien
hinzufügt oder sogar nur eigene Projektionen und Objektivierungen anbietet.
81
Die
von Gott geschenkte innere Erleuchtung kann von solchen Fragen nicht
dispensieren.
Für
die Lösung des Problems soll folgendes angeführt werden. Zunächst kann nicht
bestritten werden, daß kein Mensch das ihm zuteil gewordene Wort Gottes in
einer adäquaten Weise wiederzugeben imstande ist. Denn das unsagbare Geheimnis,
das Gott ist, lebt auch in jedem Tun Gottes und kann daher nicht adäquat in
menschliche Begriffe oder Worte eingefangen werden. Auch die Verkündigung der
Offenbarungsträger hat den Charakter der theologia negativa.
In
positiver Hinsicht bietet die Berufung des Propheten durch Jahwe objektiv die
Gewähr, daß der von Gott in Anspruch genommene Prophet kein Falschprophet ist.
Der Prophet wird in der Berufung, nicht selten gegen seine eigenen
ursprünglichen Lebenspläne und Lebenserwartungen, von Gott ausgesondert und in
seiner ganzen Existenz für den Dienst Gottes beschlagnahmt. Er wird von Gott
für sein schweres Amt auch ausgerüstet und bereitet (Jes 6,6; Jer 1,9; Ez 3,8
f), Jahwe bleibt selbst immer bei ihm und gewährt ihm Licht und Hilfe (Jes
8,10; Jer 1,8.18; Ez 3,8 f). Jahwe lebt als Gott »für ihn«.
14. Kapitel
Wahrpropheten
und Lügenpropheten
Für
den Hörer ist mit dem Hinweis auf diese objektive Lage das Problem keineswegs
gelöst. Für ihn stellt es vielmehr eine Entscheidung auf Leben und Tod dar:
82
ob
er subjektiv den falschen von dem echten Propheten zu unterscheiden vermag (Jer
23,16.26). Vielfach weisen sich zwar die von Gott Berufenen durch besondere
Zeichen aus — davon wird noch die Rede sein. Aber auch die Zeichen können
mißverstanden werden. So begleitet die Frage, wie die rechte von der falschen
Verkündigung des göttlichen Wortes unterschieden werden kann, die Geschichte
der alttestamentlichen Prophetie von Anfang an. Als Chananja gegen den Propheten
Jeremias auftrat, dessen Gerichtspredigt verwarf und statt dessen dem Volke nach
dem Munde redete, konnte Jeremias zunächst nur erwidern: »Amen, Jahwe tue
also! Jahwe bestätige dein Wort, das du geweissagt hast« (Jer 28,6).
Diese
Ironie erwies sich durch den Fortgang der Ereignisse als berechtigt, »Die
Seher, die vor mir und dir, von alters her, gelebt, weissagten von vielen
Ländern, großen Reichen, von Krieg und Not und Pest. Doch der Prophet, der
Heil weissagt, kann erst als Seher sich ausweisen, als ein in Wirklichkeit vom
Herrn Gesandter, wenn sich das Seherwort erfüllt« (Jer 28,8). Der falsche
Prophet sagt aus, was er in seinen eigenen Träumen erdichtet hat.
Den
Lügenpropheten erkennt man daran, daß er die Gemeinde von Jahwe weglockt und
zu anderen Göttern führen will. Letztlich wird erst die Zukunft lehren, ob
eine Lügenprophetie oder eine Wahrprophetie vorliegt. »Wenn der Prophet im
Namen Jahwes redet und es wird nichts daraus, und es kommt nichts, so ist das
ein Wort, das Jahwe nicht geredet hat. Der Prophet hat es aus Vermessenheit
geredet« (Dtn 18,22).
Die
gleiche Schwierigkeit besteht auch im Neuen Testament. Auch hier sehen die
falschen Propheten den Boten Christi zum Verwechseln ähnlich. Selbst Satan kann
sich in einen Engel des Lichtes verkleiden
83
(2
Kor 11,14). Wer Indes aus der Wahrheit ist und die Wahrheit tut, wer mit
geläutertem Herzen auf das Wort hört, der vermag die Stimmen zu unterscheiden.
Die Schafe werden, wie es bei Johannes heißt, mit untrüglicher Sicherheit den
Ruf des guten Hirten erkennen und sich allein an ihn halten, dem Fremden aber
nicht folgen (z. B. Joh 10,3 ff, 27 ff; 18,37; siehe auch 2 Kor 11,14; Gal
1,6-9). Nach der Apostelgeschichte ist es das Wort Gottes selbst, welches zu den
Kindern Israels gesandt wurde (Apg 10,36). Das Wort, welches Jesus selber ist,
ist im Wort der Apostel verkündet worden (Apg 15,35; 18,11). Es ist ein Wort,
das Gott verkündet, das aber zugleich von Jesus Christus verkündet wird. Das
Wort Gottes geht durch den Mund der Apostel (Apg 15,7). Durch diese erreicht es
die Menschen (Apg 13,26), die Juden und die Heiden.
Man
hat gelegentlich den Versuch gemacht, aus der Einheit von Gotteswort und
Menschenwort das Wort Gottes durch philologisch-historische Untersuchungen
herauszudestillieren. Eine langwierige Forschung hat jedoch für das Alte
Testament ergeben, daß eine völlig überzeugende literarische Scheidung von
Jahweworten und Prophetenworten nicht möglich ist. Die Prophetenworte sind
vielmehr zugleich ganz göttlich und ganz menschlich. Das Wort Gottes ist
gegenwärtig im Worte des Menschen. Es durchwirkt dieses als geistige Kraft. Der
Prophet redet mit Jahwes Worten (Num 24,13; 1 Sam 15,16; Jer 23.22; Ez 3,4). Er
kündet nur das an, was Jahwe sagt und befiehlt (z. B. Num 24,13; 1 Kg22,14;Dtn
18,18).
Die
alttestamentlichen Propheten führten das Jahwewort immer wieder ein mit der
Formel: »So spricht Jahwe«. Sie beendigen ihr Gotteswort auch in der Regel mit
dem Ausdruck: »Spruch Jahwes«. Ähnliches, nämlich die Untrennbarkeit von
göttlichem und
84
menschlichem
Wort, gilt vom Worte Gottes im Neuen Testament. Das Wort, das Jesus selbst ist,
wird proklamiert und allen Menschen zugesprochen in der Gestalt der Worte von
Menschen, welche die Verkündiger und die Zeugen Jesu bilden. Es ist die
Heilsbotschaft von Jesus, von seinem Heilstode und von seiner Auferstehung. Aber
durch sie spricht der im Geiste selbst präsente, erhöhte Herr. So ist das
Zeugnis der Apostel ein Selbstzeugnis Christi. Hierüber wird später
ausführlich gehandelt werden.
15. Kapitel
Das Wort als Tat
und als Rede
Die
Urkirche verwendete für die Verkündigung der Heilsbotschaft von dem
gekreuzigten und auferstandenen Christus zunächst die Sprache und die
Ausdrücke, welche sich in der jüdischen Synagoge und der hellenistischen Welt
gebildet hatten, um den Hörern zu sagen, daß Gott durch Christus ein für
allemal zur Welt gesprochen hat. Daß in solchen von Menschen ausgesagten und
von Menschen vernommenen Worten die unmittelbare Anrede Gottes ergeht, kann erst
dann erkannt werden, wenn deren verwandelnde und umstimmende Kraft erfahren
wird. Denen, die sich dem Worte verschließen, bleibt das Evangelium verhüllt.
Denn es unterliegt nicht den Maßstäben des alltäglichen Lebens. Diejenigen
aber, die das verkündigte Wort gläubig aufnehmen, erfahren darin zugleich die
Aufrichtigkeit und Verläßlichkeit des Boten,
85
der
das Wort nicht arglistig verfälscht (2 Kor 4,2 f). Wenn der Prediger gegen den
böswilligen Vorwurf, daß er sein eigenes Wort als Gottes Wort ausgebe und
damit die Wahrheit verhülle, nicht geschützt ist, so nimmt er an der
Knechtsgestalt Jesu Christi, des personhaften Wortes, selbst teil. Dann wird
dessen Wort wirksam: »Wer aber euch verachtet, der verachtet mich; wer aber
mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat« (Lk 10,16). Paulus
vermag als Legitimation für seine Verkündigung nur die Sendung durch Christus
anzuführen (Röm 10,14 f). Wenn dieser Apostel gelegentlich von »meinem«
Evangelium spricht, so meint er doch nicht von ihm selbst erfundene Ideologien,
sondern die Heilsbotschaft, die ihm aufgetragen ist (Rom 10,17; 1 Kor 11,23). Er
versteht seine eigene Predigt als eine Proklamation Jesu Christi und seines
Heilswerkes, d. h. die Predigt ist selbst eschatologisches Geschehen.
Nach
dem Johannes-Evangelium verbinden sich das Zeugnis Jesu und das Zeugnis der
Jesuszeugen zu einer unlöslichen Einheit. Jesus bezeugt als Gottgesandter, der
von oben kommt, was er beim Vater gesehen und gehört hat (Joh 3,32). Sein
Zeugnis vermittelt den Glaubenden Teilhabe an diesem Sehen und Hören, So
können sie mit Jesus als dem Offenbarer und durch ihn Zeugen sein, aber so,
daß in ihrem eigenen Zeugnis der Offenbarer selber spricht. Dies wird noch
deutlicher, wenn wir die johanneische These hinzunehmen, daß der von Jesus
gesandte Geist das Christuszeugnis und das Christusgeschehen im Worte der
Christuszeugen gegenwärtig setzt (siehe für diese Darstellung besonders L.
Scheffczyk, Von der Heilsmacht des Wortes, München 1966. H. Krings, H. Schlier,
H. Volk, Wort, in: H. Fries, Handbuch theol. Grundbegriffe, H, München 1963,
835-876. E. Lohse,
86
Deus
dixit, in: Evangelische Theologie 25, 1965, 567-585. Fr. Wetter, Das Sprechen
Gottes in der Verkündigung der Kirche, in: Trierer theol. Ztschr. 76, 1967,
342-356. M. Schmaus, Wahrheit als Heilsbegegnung, 1964».
16. Kapitel
Die
Deutefunktion des Gotteswortes
Wenn
wir darangehen, die Funktion des Gotteswortes im Menschenwort zu interpretieren,
so stoßen wir auf ein Doppeltes. Das Wort Gottes vollzieht die Funktion der
Deutung und die Funktion der Handlung. Diese beiden Funktionen allerdings lassen
sich nicht mechanisch voneinander trennen. Sie integrieren sich vielmehr in ein
unlösliches Ganzes. Aber wir können in diesem Ganzen die zwei genannten
Funktionen unterscheiden. Wie wir früher gesehen haben, vollzieht Gott seine
Selbsterschließung durch geschichtliches Handeln. Es wäre jedoch eine große
Täuschung, wenn man schon aus der bloßen Faktizität eines geschichtlichen
Ereignisses dessen Offenbarungscharakter erkennen wollte. Auch wenn man die
göttliche Offenbarung als Geschichte versteht, kann man dennoch nicht aus dem
Geschichtszusammenhang als solchem, aus dem Gefälle der geschichtlichen
Ereignisse, die in Abraham einsetzende und in Christus zur Vollendung gekommene
göttliche Selbstmitteilung erfahren. Man kann nicht einfachhin sagen, daß der
Glaube prinzipiell und wesenhaft Vertrauen auf Ge-
87
schichte,
daß er Hingabe an vergangene Taten Gottes und darin ein universales,
geschichtlich-konkretes Hoffen auf das künftige Tun Gottes ist. Wenn der Glaube
an Gott auch seinen elementaren Grund in der Geschichte hat und nicht in
metaphysischen Belehrungen, so kann er doch nur aus der durch das Wort
gedeuteten Geschichte erwachsen. Ob ein geschichtliches Faktum als Offenbarung
Gottes (im übernatürlichen Sinn) auszulegen ist oder als eine Fügung des die
Welt voranbringenden, nie abreißenden schöpferischen Tuns Gottes (auch dies
bedeutet natürlich eine gewisse göttliche Selbstöffnung, aber nicht in jener
Weise, in der Gott Abraham ergriffen hat und durch Christus endgültig und
unüberholbar hervorgetreten ist), wird nur durch das deutende Wort entschieden.
Dieses Wort schafft die Differenz zwischen den Offenbarungstaten Gottes im
strengen Sinn und dem sonstigen schöpferischen göttlichen Wirken.
In
unserem Zusammenhang sei zunächst die Aussagefunktion, die Deutefunktion des
Wortes aufgedeckt. In dem Worte Gottes nimmt Gott selbst diese Auslegung vor. Da
werden z. B. politische Katastrophen als Gottesgerichte interpretiert. Die
Propheten proklamieren seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. immer wieder, daß
politisch-wirtschaftliche Katastrophen heilshafte Heimsuchungen Gottes sind. Ein
solcher Sinn der Geschichte erschließt sich nur durch das verkündete Wort
Jahwes. Wie sollte man ohne dieses deutende Wort erkennen, daß sich die
Geschichte Israels von jener der übrigen Völker unterscheidet? Auch die
Philister und die Syrer sind befreit worden, die ersten aus Kaphtor, die zweiten
aus Kir (Am 9,7).
Selbst
der Tod und die Auferstehung Jesu Christi sind ohne das Wort der Verkündigung
nicht verständlich .Wie schon öfters betont wurde, gab es in jener
88
Zeit
nicht wenige Hinrichtungen durch die Kreuzigung. Die Erscheinungen Jesu nach
seinem Tode könnten an sich auch als Visionen oder Illusionen mißverstanden
werden, wenn nicht das Wort der Verkündigung den wahren Sachverhalt aufdecken
würde. Wie die Heilige Schrift zeigt, kann das Kreuz Jesu verhöhnt werden als
das Ende eines falschen Propheten. Die Osterbotschaft kann dadurch in Zweifel
gezogen werden, daß man das Gerücht ausstreut, die Jünger hätten den
Leichnam heimlich aus dem Grabe entwendet. Allein durch das deutende Wort, und
zwar sowohl durch das eigene Wort Jesu selbst als auch durch die theologische
Reflexion über ihn werden die Heilsereignisse in das rechte Licht gesetzt. Wir
sehen an den paulinischen Briefen, mit welch unablässiger Sorge Paulus das
Ereignis des Kreuzes als die Gestalt des göttlichen Heilsplanes und die
Auferstehung als das Urdatum des christlichen Glaubens zu verstehen, auszulegen
und zu verkündigen sucht. Der Glaube kommt nach Paulus vom Hören, nicht vom
Sehen (Röm 10,17; vgl. Joh 20,29). Gegen diese Funktion des Wortes spricht
nicht die Tatsache, daß Christus bei Johannes erklärt: Wenn ihr mir nicht
glaubt, so glaubt den Werken (Joh 10,38). Sowohl nach Joh 10,38 als auch nach
Joh 5,36-47 sind zwar die Werke eine Bestätigung seiner Worte. Sie werden aber
ihrerseits wieder nur verständlich durch sein Wort. Nur durch dieses können
sie als Werke erkannt werden, welche er als Gesandter des Vaters vollbringt.
Daß sie Zeugnis geben für ihn und daß durch sie der Vater selbst für ihn
Zeugnis gibt, wird erst durch das Wort gesichert.
89
17. Kapitel
Die
Wirkfunktion des Gotteswortes
Wir
kommen zur zweiten Funktion des Wortes. Es hat nicht nur, ja nicht in erster
Linie, auslegende und belehrende, sondern handelnde Bedeutung. Das Wort Gottes
ist ein wirkendes Wort. Die Wirksamkeit fehlt ihm auch dort nicht, wo es
belehren will. Belehrung und Wirken verbinden sich im Worte Gottes zu einer
unlöslichen Einheit. Das Wort Gottes wirkt mit Macht. Diese Macht ist indes
keine brutale Gewalt, sondern geisterfüllte, erhellende Macht. Denn in dem
Worte wirkt Gott selbst. Dies ist leicht verständlich, wenn wir uns daran
erinnern, daß Gott das Wort mitkonstituiert. Der Wirkcharakter des Wortes tritt
hervor, wenn in der hebräischen Sprache für Wort und Geschehen der gleiche
Ausdruck, nämlich dabar,
gebraucht wird (vgl. z. B. Gen 15,1). In der Apostelgeschichte (10,36) wird
gesagt, daß Gott sein »Wort« zu den Kindern Israels gesandt hat (vgl. Lk
2,15; 3,2). Mit dem Ausdruck »Wort« ist Jesus und sein Heilswerk gemeint. Die
Wirkkraft des Wortes wird etwa von Dt-Jesajas bezeugt, wenn er (45,23) Gott
sagen läßt: »Ich schwur einen Eid bei mir selbst; aus meinem Munde ging Heil
hervor, ein Wort, das nicht ohne Wirkung zurückkehrt.« Es sei auch noch einmal
an die früher angeführte Stelle Jeremias 1,10 erinnert. Wenn umgekehrt ein
Prophet im Namen des Herrn etwas ankündigt, was sich nicht erfüllt, so ist
dies ein sicheres Zeichen dafür, daß nicht der Herr gesprochen hat, sondern
daß der Prophet selber vermessentlich geredet hat (Dtn 18,22). Gott wirft sein
Wort geradezu in das Volk hinein, damit es geschichtsmächtig wird. Auch dort,
90
wo
dem Wort Widerstand geleistet wird, erreicht es sein Ziel. »Denn lebendig ist
das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Es
dringt durch bis zur Trennung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark, und ist
ein Richter über die Gedanken und Gesinnungen des Herzens« (Hebr 4,12). Das
Wort vollzieht Gnade und Gericht an Israel (Jer 23,29; Deutero-Jes 50.2).
Der
Wirk- und Machtcharakter des Wortes drückt sich darin aus, daß es Geschichte
schafft. Es tritt nicht nur in einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte hervor.
Es läßt vielmehr aus seiner eigenen Dynamik Geschichte hervorgehen. Es ist
jeweils durch eine geschichtliche Situation bedingt und es treibt die Geschichte
weiter. Gott ist zwar nicht von der Situation abhängig, in die hinein er sein
Wort spricht, aber er überfällt die Menschen nicht in himmlischer Willkür,
sondern redet sie in der Weise an, wie es ihrer Existenzstufe entspricht. Nur
wenn jeweils die Zeit erfüllt ist, d. h, wenn die Menschen ansprechbar sind und
insoweit sie ansprechbar sind, werden sie von Gott angesprochen und dann
allerdings zu einer neuen Existenzstufe und einem neuen Verständnis Gottes und
ihrer selbst weitergeführt. Das Wort Gottes wirkt Geschichte, insofern es die
Menschen für bestimmte Handlungen in Bewegung setzt. Man darf sagen, daß seit
den Tagen Samuels das Wort Gottes die entscheidende Macht in der Geschichte
Israels ist (1 Sam 3.10 ff; 9,27; 15.26; 2 Sam 7,4 ff».
Die
gegenseitige Verschränkung von dem Ge-schichtswirken des Wortes und von der
Geschichte des Wortes selbst stellt sich darin dar, daß das Wort Gottes in
vielen Stufen gesprochen wurde, wie aus den ersten Worten des Hebräerbriefes (Hebr
1,1 ff) erkennbar ist. Es gab viele und lange Epochen der Ge-
91
schichte,
in denen kein Wort Gottes an die Menschen ergangen ist. Gott hat sich auch
jeweils nur in einem bestimmten Intensitätsmaß dem Menschen zugesagt, bis die
Fülle seiner Selbsterschließung in Jesus Christus erreicht wurde.
Diese
Beobachtung umfaßt zwei Momente. Die göttliche Offenbarung stellt von dem
ersten Augenblicke ihres Geschehens bis zu ihrem Kulminationspunkt in Jesus
Christus einen großen Zusammenhang dar. Dies wird nicht dadurch gehindert, daß
zwischen den einzelnen Wortgeschehnissen lange Zeiträume des göttlichen
Schweigens liegen. Jede einzelne Wortstufe ist offen für die nächste, mag
diese noch so weit von ihr entfernt sein. Sie wird von der nächsten aufgenommen
und in ihr aufbewahrt, bis wieder eine neue, höhere Stufe erreicht ist. Aus der
Fülle der göttlichen Liebe transzendiert sich jede Stufe auf die folgende hin.
Diese freilich wird nie mit Notwendigkeit aus der vorausgehenden entwickelt.
Jede einzelne Stufe ist vielmehr immer wieder Ausdruck des freien göttlichen
Entschlusses. Jede aber hat ihren Ort in dem der Zukunft zugewandten Gesamtplan
Gottes. Jede ist Erfüllung der vorausgehenden und Verheißung der kommenden. So
gibt es auch im Alten Testament nicht nur Verheißung, sondern auch Erfüllung.
Wenn man das Alte Testament freilich als Ganzes betrachtet, dann hat es nur den
Charakter der Verheißung und nicht den der Erfüllung. Christus selbst ist die
Erfüllung. Aber auch er weist wieder über sich hinaus auf die letzte und
endgültige Selbsterschließung Gottes. So stellt auch das Christusereignis
trotz seines Erfüllungscharakters einen Anfang und eine Verheißung dar, die
Verheißung nämlich der absoluten Zukunft (eschatologische Bedeutung. Siehe
Band 6).
92
Das
zweite Moment liegt darin, daß Gottes Geheimnis nicht in einem einzigen Anlauf,
sondern in einem schrittweisen Fortgang dem Menschen erschlossen wurde. Es ist
daher nicht verwunderlich, wenn über viele Offenbarungsaussagen, die im Neuen
Testament klar zutage liegen, im Alten Testament Dunkel gebreitet ist, wenn
viele bedrängende Fragen, z. B. jene nach dem menschlichen Schicksal jenseits
des Todes, lange unbeantwort blieben und erst spät in das Licht der Erkenntnis
traten. Nur wer den geschichtlichen Charakter der Offenbarung, d. h. deren
Entwicklungsprozeß übersieht, kann an einem solchen Vorgang Anstoß nehmen. Im
übrigen bietet auch die neutestamentliche Offenbarung keineswegs über alle
religiösen Fragen Auskunft, die uns interessieren würden.
Wenn
wir den geschichtseigenen und den geschichtsstiftenden Charakter des Wortes
Gottes betonen, müssen wir eine fundamentale Unterscheidung machen. Das Wort
Gottes begründete und führte weiter die Geschichte des israelitischen Volkes.
Mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes hat die so beschaffene
Geschichtsmächtigkeit ein Ende gefunden. Das Wort Gottes, welches in Christus
als Person erschienen ist, wird zwar bis zur Vollendung der Geschichte dem
Menschen zugesprochen und erweist darin seine Heilsmacht. Es stiftet aber nicht
mehr die Geschichte eines natürlichen Volkes. So muß man unterscheiden
zwischen dem Machtcharakter und dem Geschichtscharakter des Wortes Gottes. Der
erste kann sich ohne den letzten ereignen, nicht aber der letzte ohne den ersten
(Siehe Leo Scheffczyk, Von der Heilsmacht des Wortes, München 1966,185 ff».
93
8.
ABSCHNITT
Die Erstempfänger der Offenbarung
und
deren Weitergabe
1.
Kapitel
Hören als Unterwerfung?
Letztlich
ist die Offenbarung Gottes hingerichtet auf die ganze Menschheit. Sie hat eine
universale Intention. Der Weg aber, auf dem sie die ganze Menschheit erreichen
soll, ist partikulär. Eine Ausnahme bildet die Schöpfungsoffenbarung, (vgl. S.
19). Im übrigen aber wendet sich Gott, wenngleich er jedem Menschen seine
Selbsterschließung zugedacht hat, nicht unmittelbar an jeden einzelnen. Er
schenkt nicht unmittelbar jedem einzelnen ein neues Bewußtsein. Vielmehr wendet
er sich jeweils einem einzigen, von ihm Erwählten zu, als dem Vertreter einer
Gruppe, als dem Repräsentanten von Vielen, als einer kooperativen
Persönlichkeit. Ein solcher Mensch soll und muß, was er selbst empfangen hat,
an seine Gruppe weitergeben. Eine solche Sendung gehört wesentlich in den
Vorgang bestimmter göttlicher Offenbarungen hinein. Darin liegt zugleich die
Aufforderung an die anderen, dem so Erwählten in den inneren Anliegen des
eigenen Lebens, in den Fragen des Heiles zu vertrauen und sich seinem Worte
anheim zu geben. So ist die Offenbarung eine vermittelte Unmittelbarkeit. Dies
kann als ein Schlag gegen das eigene Selbstbewußtsein, gegen die persönliche
Souveränität empfunden werden.
94
Es
kann sich das Ärgernis auftun. Es liegt schon in der Frage, warum gerade
dieser, namentlich wenn der Offenbarungsträger nicht die höchste Stufe des
moralischen Lebens erreicht, ja wenn er durch sein moralisches Verhalten sogar
anderen ein schlechtes Beispiel gibt. Das Vertrauen auf den
Offenbarungsempfänger ist ohne irgendeine Form von Unterwerfung unter sein
Wort, welches er als Wort Gottes verkündet und für das er daher Vertrauen, ja
geradezu Gehorsam erwartet, ja fordert, nicht möglich.
Wenn
wir den Vorgang genauer analysieren, zeigt sich allerdings ein helleres
Resultat. Wenn nämlich das Innere eines Menschen durch das Wort eines anderen
in Bewegung gesetzt wird, so braucht dies keine Überfremdung des angesprochenen
Ich zu sein, und zwar deshalb nicht, weil von Haus aus jede menschliche Existenz
wesenhaft, nicht nur praktisch für die menschlichen Bedürfnisse des
alltäglichen Daseins, Mitexistenz ist, und daher jeder einzelne sein eigenes
menschliches Wesen nur durch die Aufnahme des anderen in sein Bewußtsein und in
sein Leben, also in Begegnung, durch seelische und geistige Partnerschaft zur
Entfaltung zu bringen vermag. Dieser Vorgang wird am meisten erfahren in der
menschlichen Liebe. Er gehört aber zu dem menschlichen Dasein überhaupt. Die
Aufnahme des Du wird nicht als eine Entfremdung, sondern als eine Erfüllung des
Ich empfunden und erlebt.
Im
Falle der Selbsterschließung Gottes kommt hinzu, daß der Hörende und
Empfangende nicht nur, durch das Wort des Mitmenschen bereichert, zu einer
höheren Stufe der Existenz emporgeführt wird, indem er am Leben und in dem im
Worte sich objektivierenden Bewußtsein des anderen teilnimmt, sondern durch
Gott selbst, durch den Gott, mit dem er von sei-
95
ner
menschlichen Existenz her verwandt ist, weil er Abbild Gottes ist. Gott ist es
ja, welcher das im Worte des Redenden sich darstellende Bewußtsein gebildet hat
und bewegt. So spricht Gott selbst den Einzelnen an, wählt aber hierfür einen
Menschen als Medium. Diese Wahl nimmt er in voller Freiheit vor. Gott geht also
zum Menschen über den Menschen, und es ist seinem Geheimnis vorbehalten, wen er
als Weg zum anderen wählt. Daß er aber überhaupt diesen Weg wählt, hat
seinen Grund in der Mitmenschlichkeit der individuellen Menschen. Dabei ist es
ähnlich wie in den höchsten Formen der zwischenmenschlichen Begegnung, in der
Liebe. Es ist das unsägliche Geheimnis der Liebe Gottes, welche sich über den
Offenbarungsempfänger den übrigen einsenken will. Wo sich im Alten Bunde die
Botschaft von der Selbsterschließung Gottes zusammenfaßt, wird die Liebe als
Inbegriff des Gesetzes proklamiert, die grundlose, unableitbare Liebe und die
durch sie hervorgebrachte Liebe des Menschen zum Menschen. Sie bleibt auch in
der Vermittlung des göttlichen Tuns bei einer zwischenmenschlichen Begegnung.
Der Mitteilende ist hierbei nicht nur durch seine eigene Menschlichkeit, sondern
durch das diese formende Gottesgeheimnis bestimmt.
Dazu
kommt, daß die Liebe Gottes, die auf dem Wege über den Erstempfänger andere
erreichen soll, den Charakter eines Angebotes, nicht eines Zwanges hat, und
daher die Freiheit herausfordert, aber nicht verletzt.
96
2. Kapitel
Sozialisierende
Kraft des Gotteswortes
Die
jeweils dem Akte der Selbsterschließung Gottes vorausliegende Einheit der
menschlichen Gruppe wird durch das Offenbarungswort, das im menschlichen Wort
ergriffen wird und sich an die anderen richtet, vertieft, verlebendigt und
überhöht. Die göttliche Selbsterschließung hat eine sozialisierende
Kraft. Der Mensch soll die ihn von seinem Wesen her bindende
Gemeinschaftlichkeit und Brüderlichkeit auch in der Dimension des Religiösen
erfahren und auf höherem Niveau vollziehen. Die Menschen sollen im Religiösen
ebensowenig nur nebeneinander leben wie in den übrigen Regionen des
menschlichen Daseins. Die Gemeinschaftlichkeit im Glauben richtet keine Wand auf
zwischen Gott und dem Einzelnen, durch welche die Gott-Unmittelbarkeit gehemmt
würde. Der Einzelne ist vielmehr zu Gott unmittelbar als Glied der Gruppe. Es
ist richtiger, zu sagen: Als Glied der Gruppe, nicht als Glied in der Gruppe,
weil so der Einzelne in seinem Eigensein klarer hervortritt (K. Rahner,
Schriften zur Theologie V, 1962; ebd. VI1965, 465).
3. Kapitel
Die
Last der göttlichen Erwählung
Für
den Erwählten ist seine Erwählung in der Regel eine schwere Last und eine
drückende Aufgabe. Deswegen wehren sich nicht wenige Propheten gegen
97
den
Auftrag Gottes wie gegen eine unerträgliche Zumutung. Sie werden aus ihrem
bisherigen Dasein, aus ihrem Sippenverband oder Familienverband, jedenfalls aus
dem kulturellen Boden, auf welchem sie leben, nicht selten herausgerissen. So
geschah es z. B. Abraham, der seine Heimat verlassen und zu einem fremden Volke
gehen mußte. Die Erwählten halten sich auch vielfach für unfähig und für
unwürdig, einen solchen Auftrag zu erfüllen und fürchten sich vor dem
Unbekannten und Undurchsichtigen, das ihnen gewiesen wird. Ein aufschlußreiches
Beispiel ist die Berufung des Propheten Jeremias (siehe S. 76f).
Die
Berufenen können dem Willen Gottes nicht entrinnen. Sie folgen ihm und setzen
sich in freier Entscheidung mit der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit für den
Vollzug des Auftrags ein. Gerade in diesem Totaleinsatz kann man die Echtheit
eines Propheten von der Anmaßung eines Pseudopropheten unterscheiden.
Die
von Gott in voller Freiheit gewählten Mittler der Offenbarung waren die
Patriarchen und Propheten, Christus und die Apostel.
4.
Kapitel
Zusammenwirken
von Gott und Mensch
Das
Zusammenwirken von Gott und dem die Offenbarung empfangenden Menschen in der
Offenbarung stellt ein tiefes, mit den Mitteln der menschlichen Ratio letztlich
nicht lösbares Problem dar. In der Schrift
98
wird
öfters das Bild gebraucht, daß Gott den Menschen seine eigenen Worte gegeben
habe, ja, daß er ihnen sein eigenes Wort in den Mund legte und sie dieses von
ihnen in den Mund genommene Wort weitergeben sollen. Mit diesem Bilde dürfte
gemeint sein, daß Gott die Offenbarungsträger erleuchtet und inspiriert, und
zwar derart, daß sie ohne jeden Zweifel wissen, Gott nehme sie in Anspruch,
daß sie auch ihren Auftrag und ihre Adressaten kennen, nicht aber, daß sie die
Wirkung ihres Redens und ihres Tuns vorauszusehen vermögen. Die Freiheit des
Offenbarungsempfängers schließt schwere Fragen in sich. Es wird ihm zwar durch
die göttliche Einwirkung ein bestimmter Auftrag gegeben, aber nicht werden ihm
bestimmte Formulierungen oder bestimmte Modi für die Weitergabe der ihm
aufgetragenen Offenbarungstaten auferlegt. Es bleibt vielmehr dies alles seiner
Freiheit überlassen. Dies aber heißt, daß in die Weise eines Auftragsvollzugs
eingeht die geschichtliche Situation, seine eigene persönliche Art zu denken,
zu spüren, zu reden, sein Sprachstil, sein kulturelles Bewußtsein, also sowohl
seine individuelle wie kulturelle und soziale Situation. Ebenso ist seiner Wahl
überlassen die literarische Form, in der er die ihm aufgetragene Rede
vorbringt. Ob er sie in einer Erzählung, in einem Berichte, einem Hymnus, in
einer Aufforderung, in einer Lobpreisung oder auf irgend eine andere
literarische Art zum Ausdruck bringt, das ist seiner eigenen Wahl anheimgegeben.
Für die Interpretation ist diese Freiheit des Offenbarungsempfängers von
großer Schwierigkeit. Zum Verständnis dessen, was er verkündet, ist sowohl
die geschichtlich-kritische bzw. die analytische als auch die hermeneutische
Methode anzuwenden. Hierüber wird später noch einiges gesagt werden müssen.
99
5. Kapitel
Übersetzung
der ursprünglichen Offenbarung
Natürlich
muß der Offenbarungsempfänger so zu anderen sprechen, daß sein Handeln und
Sprechen von der Gemeinschaft oder von der Gruppe, für die er bestimmt ist,
verstanden werden kann und verstanden wird. Dies hat aber zur Folge, daß er in
einer Weise handeln und in einer Form reden muß, welche zwar von seinen
Zeitgenossen aufgenommen, die aber nicht immer von Späteren verstanden werden
kann, die auch von jenen ihm gleichzeitigen menschlichen Gruppierungen nicht
ohne weiteres erfaßt wird, welche in einem ganz anderen Sprachfelde leben. Dies
bedeutet, daß die erste Übersetzung der göttlichen Inspiration in eine
menschliche Sprache immer wieder neue Übersetzungen fordert. Hier öffnet sich
ein Problem, das wir ebenfalls in einem späteren Zusammenhang noch einmal
aufgreifen müssen. Schon jetzt sei jedoch hervorgehoben, daß spätere
Formulierungen sich von der ursprünglichen nicht selten so tiefgreifend
unterscheiden, daß der ursprüngliche Sinn nicht mehr unmittelbar und leicht
begriffen werden kann. Innerhalb der Geschichte zeigt sich dies z. B. in den
schweren Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der Aristotelesrezeption
in die christliche Theologie und den Verteidigern der vor Thomas von Aquin
(gest. 1274) durch Augustinus geprägten Denkweise. Dieser Vorgang stellte nicht
nur eine Episode in der Theologie dar, sondern einen schweren Kampf und ein
hartes geistiges Ringen mit weittragenden Folgen. Ähnlich war es aber schon 800
bis 1000 Jahre vorher in der Aufnahme philosophi-
100
scher
Kategorien zur Darstellung der Gestalt Jesu Christi. Wie uns die Heilige Schrift
zeigt, kann es in dem Verlaufe der göttlichen Selbsterschließung auch zwischen
den Offenbarungsempfängern selbst zu tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten
kommen. Wir brauchen nur an den Gegensatz zwischen Petrus und Paulus in Bezug
auf die Verpflichtung der Christusgläubigen zur alttestamentlichen Beschneidung
zu denken. Auch dies war nicht eine harmlose Episode, es handelte sich vielmehr
um einen Gegensatz von großer Tiefe. Man kann dabei fragen, ob eine Weisung
Gottes nur für eine gewisse Zeit bestimmt sein kann oder ob sie für immer
gelten soll. In der Frage der Beschneidung sieht man, daß göttliche Weisungen
auch für eine Epoche gedacht sein können, während sie für eine andere Epoche
geradezu schädlich wären, daher nicht mehr in Geltung bleiben können. Nicht
kann eine solche Zeitbegrenzung naturgemäß für den Wahrheitsgehalt einer
göttlichen Selbsterschließung in Anspruch genommen werden. Dies würde ja
bedeuten, daß die Orthodoxie umgewandelt wird in eine Orthopraxie, unter
Aufgabe ihrer eigenen bisherigen Wahrheit.
6.
Kapitel
Menschliche
Freiheit in göttlicher Freiheit
Die
Tatsache, daß Gott in einem geschichtlichen, menschlichen Tun handelt und daß
er in einem geschichtlich faßbaren menschlichen Worte spricht, hat
101
zur
Folge, daß man die Offenbarungstat und die Offenbarungsworte nicht als
Ideologien mißverstehen kann und darf und daß ebensowenig die Verkündigung
des göttlichen Wortes oder die Verkündigung der göttlichen Taten in der
Gestalt von Menschenworten und Menschentaten Indoktrination ist. Es ergeben sich
jedoch aus diesem Zusammen von Gott und Mensch im Handeln und im Tun
schwerwiegende Probleme. Man kann nämlich fragen, ob durch das Tun Gottes nicht
das menschliche Tun ausgeschaltet wird oder ob durch das menschliche Tun das Tun
Gottes für Gott nicht bloß zu einer Gelegenheit wird, sich selbst in Sicht zu
bringen, so daß entweder Gott oder der Mensch ausfallen müssen. Diese
Überlegung ist für manche Formen des Atheismus der Grund, Gott zu leugnen. Man
lehnt die Existenz Gottes ab, weil Gott, wenn es ihn gäbe, die menschliche
Freiheit bedrohen oder vernichten würde. Es liegt indes hier ein zwar nicht
leicht zu behebendes, aber dennoch durchschaubares Mißverständnis vor. Gott
ist ja geradezu der Begründer der menschlichen Freiheit. Man kann nicht die
These aufstellen: Je weniger Gott wirkt im Menschen, umso mehr ist der
menschlichen Freiheit Raum gegeben. Je mehr Gott im Menschen wirkt, um so mehr
werde die menschliche Freiheit zurückgedrängt. Man muß vielmehr umgekehrt
sagen: Je mehr Gott wirkt im Menschen, um so größer ist die Möglichkeit für
das freie menschliche Wirken. Nur Gott kann so auf den Menschen wirken, daß
dessen Freiheit nicht aufgehoben, sondern ausgelost wird.
102
7.
Kapitel
Geschichte des Wortes Gottes
Die
Dynamik des göttlichen Wortes darf nicht einseitig verstanden werden. Das Wort
Gottes gibt dem Menschen nicht nur Antriebe und Impulse, sondern auch Inhalte.
Dies letzte sei noch eigens betont. Es zeigt sich sowohl im Alten als auch
im Neuen Testament. Es wurde schon mehrfach hervorgehoben, wie sehr sich der
Apostel Paulus um das rechte Verständnis des Kreuzestodes und der
Auferstehung bemühte. Er legt das Ergebnis seiner gläubigen Reflexion in einer
vielfältigen Lehre dar. Ein einseitiger Dynamismus und Aktualismus würde dem
Sinne und der Tragweite des Wortes Gottes widersprechen,
Zu
einem tieferen Verständnis des schon hervorgehobenen Zusammen von Deutung und
Wirkung vermag ein Durchblick durch die Geschichte des Wortes Gottes nach ihren
Hauptphasen zu verhelfen.
Für
diesen Zweck muß noch einmal daran erinnert werden, daß die Sinaioffenbarung
(Ex 19 f) in der Mitte aller alttestamentlichen Offenbarungen steht. In diesen
Ereignissen war Mose der von Gott bestellte Mittler, welcher die Selbstzusage
Gottes an das Volk Israel diesem auszurichten hatte. Auf Grund der Erfahrungen,
die das Volk Israel in seiner Geschichte mit Gott machte, hat es das gesamte
göttliche Tun als Wortgeschehen verstanden. Unter diesem Aspekt wurde auch die
Entstehung der Welt und deren Erhaltung dem Worte Gottes zugeschrieben. Das
Problem der Entstehung der Natur tritt zwar im alttestamentlichen Denken
gegenüber der Auslegung der Geschichte als einer göttlichen
Selbsterschließung zurück. Zudem geht es in den Texten, welche von der
103
Entstehung
der Welt sprechen, nie um ein kosmologisches Problem, sondern immer um die
Heilsfrage. In der Priesterschrift (Gen 1,1-31) des Buches der Genesis wird die
Entstehung der Welt als der Beginn des göttlichen Heilshandelns beschrieben.
Die Verfasser sind dabei nicht von der Sorge erfüllt, ob sie von einer
natürlichen oder übernatürlichen Dimension innerhalb der Schöpfung sprechen.
Diese von der späteren Theologie ausgearbeitete, für das Verständnis der
Offenbarung wichtige Unterscheidung lag ihnen nicht am Herzen. Man wird wohl dem
Geiste des Alten Testamentes am ehesten gerecht, wenn man betont, daß ihm zwar
der Begriff des Übernatürlichen unbekannt war, daß aber die Wirklichkeit,
welche man in der mittelalterlichen Theologie mit diesem Worte benannte, von
Anfang an präsent war, und zwar nicht in seiner eigenen Dynamik, sondern in der
vorauswirkenden Dynamik des verheißenen Messias. Die Tatsache, daß nach der
Priesterschrift Gott die Welt durch das Wort hervorgerufen hat, scheint darauf
hinzuweisen, daß es von Anfang an Gottes Absicht war, mit den Geschöpfen in
ein vertrautes Gespräch einzutreten. Dies ergibt sich auch daraus, daß nach
der Genesis der Mensch das Gespräch mit Gott zwar abgebrochen hat, daß aber
Gott trotzdem beim Dialog geblieben ist und ihn gewissermaßen immer wieder von
neuem gesucht hat. Die Verfasser der Genesis kennen nur ein Wort Gottes, das
sich in vielen Stufen entfaltete. Sie sprechen von dem Worte Gottes, das die
Welt rief, nicht anders als von dem Worte, welches Mose mit der Befreiung des
Volkes beauftragt hat. Gott hat die Dinge gerufen, und sie sind gekommen. Durch
den Ruf Gottes werden sie auch in ihrem Dasein erhalten. Wie eng das Wort, durch
das Gott Himmel und Erde hervorgerufen hat, mit dem Worte an Israel zusam-
104
menhängt,
ergibt sich etwa aus Psalm 19,1-15. Auch in Psalm 147 werden Jahwes
Schöpfungshandeln und sein Heilstun zur Einheit integriert. Für
Deutero-Jesajas ist das schöpferische Wort Gottes, durch das die Dinge
entstehen, nicht nur das erste der geschichtlichen Gotteswunder, sondern selbst
ein Heilsgeschehen. Es ist die Grundtage aller kommenden göttlichen Heilstaten
(Gen 1,1-31; Jes 38,13; Dt-Jes 40,26; Pss 33,6.9; 147,4; 148,5; Sir 39.17;
42,15; Jdt 16,15 f).
Sowohl
nach dem jahwistischen wie nach dem elohistischen Text wurde Abraham durch das
Wort Gottes aus seiner Heimat und aus seinem Vaterhause gerufen. Es wurden ihm
große Nachkommenschaft und ein gesegnetes Land verheißen (Gen 12; 15).
Darüber hinaus wird ihm gesagt, daß in ihm alle Geschlechter der Erde gesegnet
sein sollen. Gottes Bund mit Abraham war der Vorläufer des Mosebundes. In dem
sogenannten »kleinen geschichtlichen Credo« wird dieser Zusammenhang feierlich
bekannt (Dtn 6,20-25; 26,5b-9; Jos 24,2b-13). Die von Gott gefügte Geschichte
Abrahams ist die Einleitung der Geschichte Israels, des Gottesvolkes (s. W.
Richter, Beobachtungen zur theologischen Systembildung in der alttestamentlichen
Literatur an Hand des »kleinen geschichtlichen Credo«, in: Wahrheit und
Verkündigung, Paderborn 1967,175-212).
8. Kapitel
Bundeschließung durch das Wort
Durch
sein Wort hat Gott endgültig den Bund mit dem von ihm erwählten Volk
geschlossen (Ex 14,1-8). Mose war der Mittler. Nach ihm ist kein Prophet auf-
105
gestanden
wie er (Dtn 5,4; 34,10 ff). Das Grundgesetz des Bundes ist der Dekalog (Ex
20,3-17; Dtn 4,13; 10,4). Die Mitte aller Forderungen Jahwes an sein Volk ist
die Liebe Israels zu ihm (Dtn 4,37; 7,6 ff; 10,12 ff; 11,1.13.22; 30,16.20). Der
Dekalog bekommt geradezu die Bezeichnung »die zehn Worte« (Ex 34,28). Sie
gelten als das Ganze der heilshaften Willenskundgebungen Jahwes an Israel. Wir
haben von diesen Vorgängen mehrere Überlieferungsformen. Nach Exodus 19,20-24
heißt es: »Der Herr war auf den Sinaiberg, und zwar auf die Spitze
herabgekommen. Er rief den Mose auf die Spitze des Berges, und Mose stieg
hinauf. Da sprach der Herr zu Mose: „Steige hinab und befiehl nachdrücklich
dem Volke, daß es zu dem Herrn nicht durchbreche, um ihn zu sehen, denn viele
müßten sonst umkommen. Auch die Priester, die dem Herrn sich nähern, sollen
sich jetzt in ehrfurchtsvoller Entfernung halten, damit der Herr gegen sie nicht
losbricht.' Da entgegnete Moses dem Herrn: Das Volk kann ja gar nicht zum Berg
Sinai hinaufsteigen, denn du selbst hast es uns eingeschärft: ,Ziehe eine
Grenze um den Berg und erkläre ihn für geweiht.' Der Herr sagte nun zu ihm:
,Geh, steige hinab und komme mit Aaron wieder hinauf. Die Priester aber und das
Volk sollen die Grenze nicht durchbrechen, um zum Herrn hinaufzukommen; er
würde sonst gegen sie losziehen,' «Nach der Priesterschrift lautet der Text
(Ex 24,15 ff.): »Mose stieg auf den Berg hinauf und sodann verhüllte die Wolke
den Berg. Der Lichtglanz des Herrn schlug auf dem Berge Sinai seine Wohnung auf,
die Wolke bedeckte ihn sechs Tage lang, und am siebenten Tage rief er den Moses
mitten aus dem Gewölk. Der Lichtglanz des Herrn aber erschien den Israeliten
wie ein auf dem Bergesgipfel gierig fressendes Feuer. Mose ging in die Wolke
hinein, stieg den Berg
106
hinauf
und verblieb vierzig Tage und vierzig Nächte.« Ein Redaktor interpretiert den
Vorgang, in welchem das Volk Donnerschläge, Blitze, Posaunenschall und den
rauchenden Berg wahrnahm, in Furcht und Zittern von ferne stehen blieb und Mose
bat, er möge mit Gott reden, damit sie nicht, wenn sie mit ihm sprächen,
sterben müßten, und daß sich Mose auf diese Bitte der dunklen Wolke näherte,
in der Gott war, mit folgenden Worten: »Nun sprach der Herr zu Moses: .Sprich
also zu den Israeliten: Ihr habt es miterlebt, wie ich vom Himmel her mit euch
gesprochen habe'« (Ex 20,22). In zahllosen Einzelvorschriften werden die »zehn
Worte« ausgelegt, entfaltet und angewendet (Ex 21 ff; 25,1-31; 35,1-39.43).
Besonders wichtig ist die Zentralisation des Kultes.
Jahwe
ließ dem Volke durch Mose den Bund zur Annahme vorlegen (Ex 24,3). Der Bund
sollte von beiden Bundespartnern in Freiheit geschlossen werden. Das Volk
antwortete: »Alles, was der Herr gesprochen, wollen wir befolgen« (Ex 24,7).
Der Bundesvertrag wurde schriftlich fixiert, damit er in Israel immerfort als
Erinnerung an Gottes gnädige Erwählung und als Grundlage des geschichtlichen
Handelns dem Volke gegenwärtig bleibe (Dtn 4,2.5 ff; 31,24 ff) und das
Vergangene als etwas heute und hier Geschehendes aktualisiert werden könne.
In
der Zeit der Propheten wurde das Volk durch die prophetische Rede immer wieder
an den Bund gemahnt. Wenn es den Bund verläßt, hält Gott Gericht, nicht um
das Volk zu verwerfen, sondern um es zur Bundestreue zurückzurufen. Das
prophetische Wort hat daher die Funktion, im Volk das Bundesbewußtsein
wachzuhalten oder es wieder zu wecken. Zugleich allerdings weist es das so oft
abtrünnige Volk zur Bekehrung und zur Hoffnung in die Zukunft.
107
9. Kapitel
Selbstrepräsentation
Gottes im Wort
Eine
besondere Form der göttlichen Selbsterschließung im Wort stellen die "Ich-bin"
-Formeln dar. Sie treten vor allem bei Deutero-Jesajas auf, und zwar in der
Gestalt eines Rechtsstreites zwischen Jahwe und den Götzen, d. h. in der
Auseinandersetzung mit der polytheistischen Umwelt. In diesem Rechtsstreit steht
die Einzigkeit Gottes zur Diskussion. Nach Deutero-Jesajas 43,10 ist das, was
erkannt, geglaubt und eingesehen werden soll, die Wahrheit, »daß Ich es bin«,
»daß vor mir kein Gott gebildet ist und nach mir keiner je sein wird«. Gott
selbst ruft die Angehörigen seines Volkes zu Zeugen dafür an, daß er der
einzige Gott ist, daß er der Erste und der Letzte ist und daß es außer ihm
keinen Gott gibt (Deutero-Jes 43,12; 44,8 f; 44,66). Jahwe allein kann Propheten
senden. Ein prophetisches Wort, das eintrifft und als geschichtsmächtige,
rettende Tat wirkt, kann von den Göttern nicht vorgewiesen werden (Dt-Jes
44,9). Jahwe bezeugt sich also durch sein geschichtsstiftendes Wort in Israel.
Israel ist Zeuge für das Gottsein Jahwes und für die Einzigartigkeit und
Einzigkeit Gottes (0. Semmelroth. Die Heilskraft des Wortes, Frankfurt 1965. Fr.
Mußner, Die Wunder Jesu, München 1967. J. Barr, Bibelexegese und
moderne Semantik, München 1965).
108
9.ABSCHNITT
Jesus als der Vollender
des
Offenbarungswortes
1. Kapitel
Die
Worte Jesu
Das
ganze Alte Testament zielt auf die Gegenwärtigsetzung des präexistenten
Gotteswortes in der menschlichen Geschichte. Es wird der Tag Jahwes in Aussicht
gestellt (Jes 2,12; Dt-Jes 49,8; Joel 2,1; Mal 3,2), ein Tag, an welchem Gott
selbst in der menschlichen Geschichte als handelndes Subjekt erscheint. In Jesus
Christus ist das Wort Gottes nicht mehr bloß als geschichtswirkende Macht
bezeugt, sondern als personhafte Wirklichkeit in der Geschichte. Wenn das Neue
Testament Christus das Wort nennt, so denkt es zunächst nicht an die
innergötttiche Selbstaussage des Vaters, sondern an die Selbstaussage Gottes
gegen über der Welt.
Das
Neue Testament setzt das in den Schriften des Alten Testamentes entfaltete
Verständnis des Wortes Gottes voraus, nimmt es auf und führt es weiter.
Prophetensprüche werden als Gotteswort zitiert (Mt 1,22; 2,15; Apg 28,25; Lk
1,70; Apg 3,21; Hebr 1,10; 10,16 ff; 2 Petr 1.21). Insbesondere galt die
mosaische Gesetzgebung als Wort Gottes (Mk 7,8-13; vgl. Hebr 12, 19.25 f). Auch
im Neuen Testament erscheint das Schöpferwort Gottes in engster Verbindung mit
seinem Heilswort (Rom 4,17; 2 Kor 4,6; Hebr 11,3; 2 Petr 3,5 ff; Joh 1,18; siehe
Band 3».
109
Die
ältesten Schriften des Neuen Testamentes nennen nicht Christus selbst das Wort
Gottes. Diese Bezeichnung ist vielmehr erst das Ergebnis einer langen
theologischen Reflexion. Es liegt uns vor in den späten paulinischen (aber auch
2 Kor 6,7f) und in den johanneischen Schriften. Aber auch die Synoptiker
erklären von Jesus, daß er durch sein Wort den Vater im Himmel auslegt und den
Menschen das Heil bringt. So scheint nach diesen letzteren ntl. Texten das Wort
Gottes, das Jesus Christus spricht, zunächst keine andere Bedeutung zu haben
als das altestamentliche Wort, das Gott durch die Propheten und durch Mose, das
Urbild alles Prophetischen, sagt. Dennoch ist die Situation völlig verändert.
Denn Jesus richtet seine Verkündigung mit einer unvergleichlichen Vollmacht aus
(Mk 1,5; Mt 7,28 f; Lk 4,32). Dabei beruft er sich nicht, wie die Propheten des
Alten Testamentes, auf einen göttlichen Auftrag. Er spricht vielmehr in eigener
Autorität (Mt 5-8). Außerdem entscheidet sich an der Annahme und an der
Ablehnung des von ihm gesprochenen Wortes das Heil und das Unheil (Mt 11,2-6).
»Wer sich meiner und meiner Worte schämt in diesem ehebrecherischen und
sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er
kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln« (Mk 8,38; vgl.
Mt 10,32 f; Lk 12,8 f). Er ist der Sämann, der den Samen des Wortes streut (Mk
4,1 ff).
In
den Worten Jesu zeigt sich immer wieder, daß er den Anspruch erhebt, an Stelle
Gottes zu reden. Eben deshalb fordert sein Wort eine letzte Entscheidung heraus.
Wer sein Wort ablehnt, lehnt Gott selbst ab. Was kein Prophet und kein Lehrer zu
sagen gewagt hätte, das vollzieht Jesus, indem er zu Verlorenen und Verachteten
hinzutritt und ihnen sagt: »Deine Sünden
110
sind
dir vergeben« (Mk 2,5). Oder. indem er das Sabbatgebot interpretiert und darin
zugleich beansprucht, den Sinn des Alten Testamentes endgültig zu deuten. Was
das Alte Testament letztlich gemeint hat, das bleibt bis zu Christus hin offen
und wird erst durch ihn authentisch erklärt.
Es
ist begreiflich, daß die Worte Jesu als unerhört und aufreizend empfunden
wurden. Von besonderem Gewichte ist es, daß seine Worte Wirklichkeit schaffen,
insbesondere die Verzeihung der Sünden, d. h. das rechte Verhältnis des
Menschen zu Gott. Die Worte Jesu selbst erweisen sich als Heilstaten. Wo das
Wort Jesu laut wird, vollzieht sich heilsmächtiges Geschehen. Als er die
anbrechende Gottesherrschaft proklamierte, begannen ihre Zeichen aufzuleuchten,
und die vorgezeichnete Zukunft beginnt schon in die Gegenwart hineinzuwirken (Mk
1,15; Mt 12,28). Daß das Wort Jesu den ganzen Menschen, nicht nur sein Denken
und Wollen, sondern seine ganze, leibhaftige Existenz bestimmen will, wird
besonders eindrucksvoll im elften Kapitel des Johannes-Evangeliums offenkundig.
Nach der Aussage Jesu, daß er die Auferstehung und das Leben sei, und man im
Glauben an ihn schon den Schritt vom Tode zum Leben getan habe, läßt der
Evangelist die Auferweckung des Lazarus folgen und zeigt damit sinnenfällig,
daß das vollmächtige Gotteswort schaffend wirkt und den ganzen Menschen
ergreift (E. Lohse, Deus dixit, in: Evangelische Theologie 25,1965,567-585».
So
kann denn der Evangelist Lukas den Auferstandenen sagen lassen (Lk 24,44):
»Dies sind meine Worte, die ich zu euch sagte, da ich noch bei euch war, daß
alles erfüllt werden müsse, was im Gesetz des Mose, in den Propheten und
Psalmen über mich geschrieben steht.« Nach diesen Worten schloß er
111
den
Aposteln, wie Lukas fortfährt, den Sinn auf, damit sie die Schriften verstehen
konnten. Er erklärte den Sinn seines Todes und seiner Auferstehung. Daraus
ergibt sich, daß die »Worte« nichts anderes sind als die Erhellung der
Ereignisse von Golgotha und vom Ostermorgen. In ihnen hat Gott sich den Menschen
in einer endgültigen Weise zugesagt.
2.
Kapitel
Jesus als das vom Vater gesandte Wort
Wenn
die Synoptiker Jesus auch nicht förmlich das Wort Gottes nennen,
so zeigt doch die theologische Interpretation, die sie von Jesus geben, daß sie
ihn praktisch als das vom Vater an die Menschen gerichtete definitive und nicht
mehr überholbare, allen Menschen bestimmte Wort des Heiles verstehen. Was Jesus
sagt, kommt aus der Mitte dessen, was er ist. Weil seine Worte Heil schaffen,
kann man ihnen sakramentale Bedeutung zuschreiben. Und weil sie nichts
anderes sind als Epiphanie seiner selbst, kann man ihn selbst sakramental
nennen.
In
einer besonderen Weise weiß sich Paulus zum Dienste am Wort berufen. Ihm ist
das Wort anvertraut (Gal 2,7). Denn durch die Übertragung des
Apostolates ist ihm die Proklamation des Wortes aufgetragen worden (1 Kor 9,16
ff.). Der Dienst am Worte erfordert die persönliche Hingabe des Apostels. Er
darf dem Worte kein Hindernis bereiten, sei es durch eigensüchtige Ziele der
Verkündigung, sei es durch Darbietung
112
menschlicher
Weisheit oder eigener geistlicher Erfahrungen. Er muß im Geiste des Glaubens an
das Wort einen christusförmigen Wandel führen und Leiden für das Wort auf
sich nehmen, so daß das Leiden Christi, das er verkündet, durch seine
Existenz bezeugt wird (2 Kor 1,3 ff; 4,16; 11,23 ff). Das Wort, das Paulus
verkündet, ist das Wort Gottes selbst (1 Thess 2,13). Gott ist nicht nur sein
Gegenstand, sondern zugleich sein Subjekt. Es ist das Wort des Herrn (2 Kor
13,3). Aber das Wort, das Christus spricht, ist zugleich das Wort, das der
Apostel verkündet (2 Kor 5,20; 1 Thess 1,8; 2 Thess 2,14). Über dieses Wort
hinaus wird den Menschen kein weiteres Wort Gottes geschenkt werden. Es ist das
Ja und Amen Gottes zu den göttlichen Ankündigungen (Röm 10,16 f; 2 Kor
1,19f). In dem Worte, welches Paulus verkündet, ist das von ihm verkündete
Heil selbst anwesend (2 Kor 5,19 f). Der proklamierte Christus ist im
proklamierenden Wort präsent (1 Kor 11,26; Röm 1,17; 2 Kor 4,4; 2 Tim 1,10 f).
Er ist Ja selbst das verkündigende Subjekt (Röm 8,2; 1 Kor 2,13; Eph 6,17).
Erfahren wird freilich die Heilsmacht Gottes nur von den Gläubigen (Röm 1,16;
1 Kor 1,18; 15,1; Eph 1,13; Kol 1,5 u. a.).Auch denen gegenüber, die es
ablehnen, erweist es sich als Macht, und zwar zum Unheil und zum Untergang (Röm
11,28 ff; 1 Kor 1,18ff; 2 Kor 4,3 ff; 2 Thess 1,8). Es ist in jedem Fall eine
kritische Kraft. Sein Ziel freilich ist es, mit Christus und in Christus die
Versöhnung, die Wahrheit, das Leben, die Hoffnung und die Freiheit zu erwirken.
In
Jesus ist das Wort Gottes endgültig geworden. In dieser Endgültigkeit bleibt
es aktuell. »Es ist, wie der Hebräerbrief zeigt, ein großes Geschehen: das
Reden Gottes zu den Vätern durch die Propheten, das Reden Gottes durch den Sohn
'am letzten Tage', das anfäng-
113
liche
Reden durch den Herrn, das 'festigende' Reden durch die 'Hörenden', das parakalein
in der versammelten Gemeinde und zuletzt
der logoV paraklhsewV des
Hebräerbriefes selbst (vgt. Hebr 1,1; 2,2-4; 3,13; 10,25; 13,22). Jedoch kreist
von dem Augenblick ab, da Gott zu uns durch den Sohn redete, alles Reden um
diesen Sohn und füllt so die letzten Tage aus, immer von neuem das 'Heute'
erinnernd und das Angebot des 'Sabbath' und der 'Ruhe' noch einmal, 'noch eine
kleine Zeit, ganz klein' ergehen lassend (Hebr3,17ff; 4,4; 10,37.« H. Schlier,
Wort, in: H. Fries, Handbuch theologischer Grundbegriffe, II, München 1963, S.
864).
Am
meisten entwickelt erscheint der Begriff des Wortes im johanneischen Schrifttum.
In der Johannes-Offenbarung heißt der erhöhte Herr einfachhin der »Amen«. Er
ist die letzte und endgültige Bestätigung aller göttlichen
Selbstverheißungen. Er ist der verlässige und wahrhaftige Zeuge, der Anfang
der Schöpfung Gottes (Offb 3,141. Im Johannes-Evangelium wird die Person Jesu
einfachhin »Wort« Gottes genannt. Wort und Person werden identifiziert. Nach
Johannes ist Jesus das vom Vater an die Menschen gerichtete Wort. In ihm ist der
Vater selber sichtbar geworden. Die Zusammenschau dessen, was Jesus war, sagte
und tat im »Worte« bzw. im »Worte Gottes«, ist die schöpferische Leistung
der Johanneischen Theologie. Auf das engste verwandt mit dem Begriff des Wortes
ist der Begriff des Zeugen. Wenn Jesus spricht, legt er Zeugnis ab. Und zwar
legt er in der Welt Zeugnis ab vom Vater. Besonders aufschlußreich ist
folgender Text: »Der von oben herkommt, ist über allen; der aus der Erde ist,
der ist aus der Erde und redet von der Erde aus. Der aus dem Himmel kommt, ist
über allen. Was er gesehen und gehört hat, davon gibt
114
er
Zeugnis. Niemand aber nimmt sein Zeugnis an. Wer jedoch sein Zeugnis annimmt,
der bekundet, daß Gott wahrhaftig ist. Wen nämlich Gott gesandt hat, der redet
die Worte Gottes; denn ohne Maß gibt er den Geist. Der Vater liebt den Sohn und
hat alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer
aber auf den Sohn nicht hört, wird das Leben nicht schauen, sondern Gottes Zorn
bleibt auf ihm« (Joh 3,31-36).
Dieser
Text weist darauf hin, daß Johannes bei dem Sein Jesu einsetzt, um dessen
Zeugnis von Gott zu erklären. Man darf wohl sagen, daß uns hier eine Bewegung
des Denkens begegnet, welche derjenigen des Apostels Paulus entgegengesetzt ist.
Während Paulus zunächst die Funktion Christi erfährt und von ihr aus
zurückfragt nach dem Sein Jesu, geht Johannes von diesem letzteren aus und
fragt von ihm aus nach der Funktion Jesu. Durch die Analyse der Funktion
allerdings gewinnt er wieder ein tieferes Verständnis des Seins. Jesus ist die
Selbstaussage Gottes an die Welt.
Um
diesen Satz zu verstehen, ist es nötig, ein paar Worte zu der Johanneischen
Weltvorstellung zu sagen. Johannes spricht vom Kosmos nicht um des Kosmos
willen, sondern um des Menschen willen. Der Kosmos ist der von Gott durch das
Wort geschaffene Daseinsraum des Menschen (Joh 9,5; 10; 12,25; 13,1; 16,21;
17,5.11.13.15.24; 1 Joh 4,17). Die Welt ist hier vor allem als die notwendige
Voraussetzung für das geschichtliche Handeln des Menschen gesehen. Es ist nach
Johannes derselbe Logos, welcher der Grund der Welt ist und dann in der Welt
Gottes Offenbarungsanspruch erhebt. Im Grunde kommt der Offenbarer nicht in
einen ihm gänzlich fremden Bereich, sondern in das ihm Zukommende (Joh 1,11).
Die Welt wird nach Johannes erst vom Menschen zu dem ge-
115
macht,
was sie wirklich ist. Sie ist nicht von Haus aus sündig. Infolge der Sünde des
Menschen aber wird verdeckt, daß sie Geschöpf Gottes ist. Ihr
Geschöpfcharakter tritt nicht mehr rein in Erscheinung. Infolge der
Vorbelastung der Welt durch das sündige menschliche Handeln kommt es zu einer
dramatischen Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Menschen bzw. der Welt.
Die Weltöffentlichkeit kann gegenüber Jesus, ihrem ursprünglichen Grunde,
nicht neutral bleiben. Sie muß ihn als den zu ihr Gehörenden annehmen oder als
einen Fremden ablehnen. Sie verschließt sich gegenüber Jesus, im Widerspruch
zu ihrer eigenen Struktur. So kennt Johannes nicht nur das dem Gnostizismus
entlehnte Schema von dem Grundsatz zwischen unten und oben, sondern auch und in
entscheidenderem Maße das Heilsdrama, welches sich zwischen dem
menschgewordenen, in die Welt gekommenen Gottessohnes Jesus und der Welt bzw.
der von den Menschen geschaffenen Geschichte abspielt.
Johannes
begreift Jesus Christus als den vom Vater Gesandten. Dieser seiner Funktion
entspricht es, wenn er in Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters ein
geschichtliches Werk vollbringt. Dies ist Heilswerk für die Gläubigen,
Unheilswerk für die im Unglauben Verharrenden. Das Heilswerk Jesu ist in seiner
Gänze ein Wort Gottes an die Menschen. In seinem Werke zeigt sich aber Jesus
auch in seiner eigenen Art. Sein Werk ist daher ein Selbstzeugnis und zugleich
eine Bezeugung des göttlichen Heilswillens. Die Selbstbezeugung Jesu und die
Bezeugung seines Vaters integrieren sich zu einem unlöslichen Ganzen. Indem
Jesus Christus sich als den vom Vater Gesandten bezeugt, bezeugt er den Vater.
Diesen aber bezeugt er nur so, daß er sich als den von oben Gesandten be-
116
zeugt
(siehe für diese Darstellung R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium. 3 Bde.,
1965-1975, H. Teil, 1971,59-70).
3. Kapitel
Jesu Kenntnis Gottes des Vaters
Das
die Bezeugung des Vaters in sich schließende Selbstzeugnis Jesu ist
zuverlässig. Denn er redet wie ein Wissender. Es heißt bei Johannes (8,14);
»Jesus antwortete ihnen: Wenn ich auch über mich selbst Zeugnis gebe, so ist
mein Zeugnis doch wahr, weil ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich
gehe; ihr aber wißt nicht, woher ich komme und wohin ich gehe.«
Jesus
kennt seinen ewigen Ursprung und sein ewiges Ziel. Er kennt aber auch den
irdischen Weg. Er kann den Vater offenbaren, weil er ihn kennt. Dieses sein
Zeugnis kann keinem irdischem Maßstab unterworfen werden, weil niemand den
Vater so kennt wie er. Durch ihn kommt die Offenbarung des Vaters. Was und wer
dieser ist, zeigt sich in Jesus. So ist Jesus zugleich der Offenbarer und die
Offenbarung, Subjekt und Inhalt der Offenbarung in einem. Man kann nicht seine
Funktion als Offenbarer von seiner Funktion als Offenbarung trennen. Würde man
nur das erste Moment sehen, verfiele man einem reinen Dynamismus und
Aktualismus. Würde man nur das zweite Moment sehen, so würde sich die Gefahr
eines reinen Objektivismus erheben. In beiden Fällen würde der johanneische
Offenbarungsbegriff verfehlt. In dem Zusammen von Offenbarer und Offenbarung
kommt noch
117
einmal
zum Ausdruck, daß Jesus sich selbst nicht anders bezeugen kann, als dadurch,
daß er zugleich den Vater bezeugt. Er kann sich ja nur bezeugen, indem er sich
als den Sohn des Vaters bezeugt. Es ist für die Struktur des johanneischen
Offenbarungsbegriffes entscheidend, daß sich in ihm die Einheit von
Selbstzeugnis Jesu und der Bezeugung Gottes darstellt. Zugleich ist ersichtlich,
daß Jesus Christus als Sohn Gottes konstitutiv ist für die Offenbarung;
konstitutiv in zweierlei Hinsicht: er ist konstitutiv für die Offenbarung als
menschlichen Weg zu Gott sowie für den Glauben an Gott und die mit dem Glauben
eröffnete Gotteserkenntnis, so daß der Glaube an Gott notwendig zugleich
Glaube an Jesus Christus ist. Das Konstitutiv-Sein Christi für den Glauben
besagt nicht nur, daß der Glaube faktisch mit Christus den Anfang machen muß,
sondern daß Jesus Christus für alles menschliche Gläubigsein die
konstitutive, d. h. die den Glauben ermöglichende, begründende, tragende und
vollendende Mitte bleibt.
Diese
Strukturzusammenhänge treten an einem für Johannes charakteristischen Begriff
lebendig zutage, nämlich an dem Begriff der Wahrheit (Joh 14,6; 18,37).
Christus bezeugt sich selbst als die Wahrheit. Das Wort muß aber auch
verstanden werden als Zeugnis für Gott. Die Wahrheit ist nicht etwas außerhalb
seiner Liegendes, sie ist vielmehr in ihm und durch ihn gegenwärtig. Er steht
der Wahrheit nicht wie ein von ihr verschiedener Zeuge gegenüber. Er selbst ist
die Wahrheit, insofern in ihm der lebendige Gott aus seiner Unzugänglichkeit
herausgetreten und den Menschen zugänglich geworden ist. Wer daher Jesus
ablehnt, verschließt sich vor dem Gott, der sich in ihm zeigt: Wer Christus
ablehnt, ist ein Ungläubiger.
118
Der
Gott, auf den sich Jesus immerfort beruft, ist keine anonyme Größe. Es ist
vielmehr der seinen Zuhörern wohlbekannte Gott, von dem Abraham und Mose
Zeugnis gegeben haben. Es ist ein und derselbe Gott, der in dem Alten Testament
durch die Väter sprach und der jetzt durch den Sohn redet. Angesichts der
gegenwärtigen, im Sohne erfolgenden Offenbarung zeigt sich, ob man Gott in
seinen früheren Worten verstanden hat. Denn was er immer gemeint hat und worauf
er immer hinzielte, ist eben der in der Welt erschienene Sohn. Die in Jesus.
vollzogene Selbsterschließung Gottes aktualisiert und vollendet alle früheren,
in den Schriften bezeugten Offenbarungen. Seit Jesus Christus kann das Alte
Testament nur dann als Gottes Wort verstanden werden, wenn es als Vorwort des
endgültigen Wortes Gottes Jesus verstanden wird.
4. Kapitel
Jesu
Selbstidentifizierung mit Gott im Worte
So
kann Jesus auch die höchste Offenbarungsformel, in welcher sich Gott im Alten
Testament ausspricht, nämlich die Formel »Ich bin« auf sich anwenden. Die
altehrwürdige Selbstbezeugung Gottes in der Formel »Ich bin es« findet ihre
eigentliche Erfüllung in jenem Wort »Ich bin es«, welches der menschgewordene
Logos ausspricht. Die alttestamentliche Formel erreicht ihren Gipfel in dem
Augenblick, in welchem Jesus als der »Ich bin es« leibhaftig innerhalb der
119
menschlichen Geschichte vor den Menschen steht. Es ist paradox, daß ein geschichtlicher Mensch die höchste Formel der Selbstaussage Gottes in aller Strenge als Selbstaussage für sich in Anspruch nehmen kann. Es ist, als sagte Jesus hier: »Die Offenbarung Jahwes, das bin ich. Ich bin die Stätte göttlicher Gegenwart und Offenbarung in der Geschichte.« Diese Formel macht den irdischen Kairos Jesu Christi zur Ewigkeit und die Ewigkeit zum irdischen Kairos. Angesichts dieser Aussage gibt es nur den Glauben, der diesen Kairos ergreift, oder den Unglauben, der ihn verwirft, indem er zu den Steinen greift. Diejenigen, die sich mit Jesus auseinandersetzen, haben es mit dem »Ich bin, der ich bin« selber zu tun, mit dem geschichtlichen Offenbarer und Repräsentanten Jahwes, und so mit Jahwe selbst. Jetzt wird auch deutlich, daß diese Auseinandersetzung notwendig zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte werden muß, weil sich der Gott des Alten Testaments in Jesus auf einmalige und einzigartige Weise vergegenwärtigt hat. Der gesamte Anspruch Gottes an Israel, wie er im Lauf der Geschichte immer wieder vernehmlich geworden war, erscheint in Christus konzentriert und zugleich in seltsamer Distanz zurückgestellt; es ist ja »ein Mensch«, der diese Wahrheit redet (nach J. Blank, Krisis, Würzburg 1964.227-230).
5. Kapitel
Das Wort Gottes in der Apostelgeschichte
Die
Apostelgeschichte schildert uns die Verwurzelung und das Wachstum des Wortes
Gottes in der er-
120
sten
christlichen Generation {Apg 6,7; 12,24; 13,49). Sie zeigt uns vor allem, wie
Petrus und Paulus es verkündet haben und welche Wirkung ihre Verkündigung
hatte. Zunächst schildert sie die Wirksamkeit des Wortes unter den Juden mit
Jerusalem als Mittelpunkt, sodann die Grundlegung und die Festlegung der Mission
unter den Heiden mit Antiochia als Mittelpunkt und endlich die Heidenmission,
vor allem die Missionstätigkeit des Apostels Paulus. Es ist in den letzten
Jahrzehnten bis zur heutigen Stunde viel darüber diskutiert worden, ob die in
der Apostelgeschichte berichteten großen Reden wirklich so gehalten wurden, wie
sie uns überliefert sind, oder ob sie ausschmückende und stilisierende
Schöpfungen des Verfassers sind, denen ein historischer Kern zugrunde liegt.
Für unsere Frage spielt dieses Problem keine große Rolle. Das Geschehen,
welches Gott in Jesus von Nazaret von den Anfängen in Galiläa bis zu den
Erscheinungen des Auferstandenen wirkte, bildet in allen Reden der
Apostelgeschichte den Ausgang und das Hauptargument. Im apostolischen Wort
gelangte das Heilswort zu Juden und Heiden (Apg 10,36 f; 40 f; 13,26). Es ist
Gott selbst, der im apostolischen Wort redet und wirkt (Apg 17,30; 21,19). Aber
auch Jesus als der erhöhte Herr wendet sich in dem Worte seiner Jünger an die,
welche an ihn glauben (Apg 13,38f; 26,23). Die Apostel reden Gottes Wort. Sie
bezeugen, was sie gehört und gesehen haben. Sie stehen unter der Herrschaft des
von ihnen Geschauten und Gehörten (Apg 1,8.22; 2,32). Das Wort Gottes behält
daher seine Souveränität. Es gerät nicht in die Macht der Menschen. Der
Heilige Geist eröffnet im Worte der Apostel das wahre Verständnis Jesu Christi
(Apg 1,8). Der Inhalt der apostolischen Predigt ist im wesentlichen immer der
gleiche. Die Apostel sprechen von dem Heilstode und
121
vor
allem von der Auferweckung Jesu Christi (Apg 1,22; 2,32; 4,1 f.; 8,35; 17,18;
18,11; 19,13; 26,8). Sie interpretieren die Auferstehung Jesu Christi als die
Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung. Es gehört zur wesentlichen
Struktur des apostolischen Kerygmas, daß Christus auferweckt wurde, gemäß den
Schriften, nämlich des Alten Testaments (Apg 2,39; 13.23.32f; 26,6.22).
Christus ist in der Auferweckung der Herr und der Heilbringer geworden. In dem
Glauben an ihn oder in dem Unglauben gegen ihn wird sich auch das Heil und das
Unheil entscheiden. Er wird der kommende Richter sein (Apg 10,32).
Anhang
Wort
Gottes und Personalität Jesu
Der
biblische Tatbestand zeigt, daß man das Wort Gottes nicht von der Person Jesu
loslösen kann. Er ist die Epiphanie des ewigen Wortes Gottes; dieses drückt
sich aus in den Worten, in denen Jesus die Herrschaft Gottes aufrichtete.
Während in der katholischen Theologie lange Zelt das »Wort Gottes« zu wenig
betont wurde, gab Ihm Luther einen solchen Akzent, daß es einer von Jesus als
Person trennbaren Hypostase nahekommt. Das Wort für sich selbst muß nach ihm
dem Herzen genugtun; der irdische Jesus ist nicht der letzte Grund des Glaubens.
Der wahre Glaube hält sich an das Wort (P. Althaus, Die Theologie Martin
Luthers, Gütersloh 1962,53; P. Hacker, Das Ich im Glauben bei Martin Luther,
Graz 1966). Aus der Unter-schätzung der Person für den Glauben und der
lsolierung des »Wortes« konnte sich die Entmythologisierungstheologie R.
Bultmanns entwickeln.
122
9. Kapitel
Heilige Schrift und Wort Gottes
a)
Gottes Wort im Schriftwort
Die
Dialektik zwischen göttlicher und menschlicher Verfasserschaft führt uns zu
dem Problem, ob bei der eben beschriebenen Sachlage die Heilige Schrift noch
Wort Gottes genannt werden kann. Die Antwort darauf kann nur in einer
differenzierten Weise gegeben werden. Das Zweite Vatikanische Konzil hat wie
schon erwähnt eine zweigestufte Antwort geboten. Einmal sagt es nämlich, daß
die Heilige Schrift das Wort Gottes enthält, Dies bedeutet offenbar, daß das
Wort Gottes mit der Heiligen Schrift nicht einfachhin identisch ist. Auf der
anderen Seite jedoch erklärt das gleiche Konzil, daß die Heilige Schrift das
Wort Gottes ist. Offensichtlich sind für diese dialektische Lösung
verschiedene Gesichtspunkte wirksam. Es läßt sich nicht leugnen, daß man die
Heilige Schrift nicht schlechthin mit dem Worte Gottes identifizieren kann. Denn
sie enthält Passagen, welche nicht Wort Gottes genannt werden können, die
vielmehr der Veranschaulichung, der Einwurzelung der Offenbarung in einem
bestimmten, kulturellen Zusammenhang dienen oder auch persönliche Verhältnisse
des Verfassers schildern. Man braucht sich nur an den Philemonbrief des Apostels
Paulus oder an seine persönlichen Ratschläge in anderen Briefen oder an die
Versicherung des Lukas zu erinnern, daß er für die Abfassung seines
Evangeliums alle erreichbaren Quellen benützt hat. Das inspirierte Schriftwort
geht also über das Offenbarungswort hinaus. Es bleibt zugleich und noch fol-
155
genreicher
hinter ihm zurück. Denn es ist, wie wir schon hervorgehoben haben, das
geschriebene Zeugnis der Apostel und der apostolischen Kirche für das Wort
Gottes. Das Wort Gottes selbst ist daher die hohe Instanz, auf welche die
Schrift immerfort verweist und verwiesen bleibt. Sie enthält das Bezeugte in
sich, das immer größer ist als das Zeugnis. Die schriftliche Form des Kerygmas
ist ähnlich wie das mündliche Kerygma die Selbstoffenbarung des auferstandenen
Christus, welches in das Zeugnis der Zeugen eingegangen ist. So besteht ein
Insein der Offenbarung im menschlichen Schriftwort (K. H. Schelkle, Wort und
Schrift, Düsseldorf 1966).
Aus
diesem Grunde ist auch die von manchen evangelischen Theologen geäußerte
Befürchtung hinfällig, daß die Anwesenheit des Gotteswortes im Schriftwort zu
einer Herrschaft des Menschenwortes über das Gotteswort führe. So wenig dies
von der mündlichen Verkündigung gesagt werden kann, so wenig kann es von der
schriftlichen Fixierung gesagt werden. Auch bei der letzteren bleibt Gott selbst
der Herr seines Wortes. Das Schriftwort steht im Dienste des Gotteswortes.
Es
sei eine aufschlußreiche Äußerung von L. Scheffczyk (vgl. S. 86) zitiert
(224); »Für die Realität des Verhältnisses von Gotteswort und Menschenwort
läßt sich ableiten, daß weder der einzelne noch die Kirche über die wahre
Macht des Wortes Gottes verfügen können, wenn sie dieses Wort in der endlichen
Form eines Menschenwortes haben. Das Gotteswort, obgleich wirklich im
Menschenwort anwesend, bleibt dann immer das Uneinholbare und Unausschöpfbare,
in das hinein man wie in einen unermeßlichen Raum weiterschreiten muß, selbst
wenn man in ihm steht und einen Bezirk von ihm innehat. . . Diese Inkom-
156
mensurabilität
hängt nicht nur an der Unvollkommenheit und Schwäche des menschlichen
Zeugnisses und Ausdrucks. Sie ist im Wesen Gottes und seines vollkommenen
Offenbarungswortes begründet, das auch dem vollkommensten menschlichen Wort nur
inadäquat ausdrückbar bleibt.«
b)
Das Schriftwort als Gottes Wort
In
einem anderen Sinne kann man auch behaupten, daß die Heilige Schrift das Wort
Gottes ist, und zwar deshalb, weil sie vom Heiligen Geist inspiriert ist und
sich daher der Heilige Geist im Menschenworte der Schrift ausdrückt und
darstellt. Diese These hat natürlich nichts zu tun mit der altprotestantischen
Verbalinspiration. Der Heilige Geist schenkt sich vielmehr als ungeschaffene
Gnade dem menschlichen Geist und eröffnet so diesem neue Einsichten und
Erkenntnisse, welche im Schriftwort zum Ausdruck kommen. Da sich in den
Menschenworten, welche ihre volle menschliche Eigenart bewahren, der Heilige
Geist selbst durchsetzt und zur Aussage bringt, ist er zugleich das redende
Subjekt. Man kann noch weiter zurückgehen. Der Heilige Geist ist von Jesus
Christus gesandt. Paulus erweckt gelegentlich den Eindruck, daß der von
Christus gesandte Heilige Geist mit dem erhöhten Herrn selbst (wenn auch nur
dynamisch) identisch ist. Wenngleich eine solche gelegentlich vorgenommene
Identifizierung nicht der Lehre des Apostels allseitig entspricht, so zeigt sie
doch, daß im Geiste Christus selbst wirkt. So kommt man zu dem Ergebnis, daß
die Schrift nicht nur ein Wort über Christus, sondern das Wort des erhöhten
Christus über sich selbst ist, daß er also im menschlichen Subjekt selbst
redendes Subjekt ist. So ist es verständlich, daß
157
uns
in der Heiligen Schrift immer wieder die Aufforderung begegnet, auch die
geschriebenen Worte bzw. das geschriebene Kerygma in den Gemeinden vorzulesen
(z. B. 1 Thess 1.25; 1 Kor 5,9; Kol 4.16; 2 Thess 2.2.15; 2 Kor 10,11 f; 1 Tim
3,14 f; 1 Petr 5,12; Hebr 13,22; Joh 20,30 f; 21,24; Offb 1,3; 22,7.9 f; 18).
10. Kapitel
Die Wahrheit der Heiligen Schrift
a)
Allgemeine Grundsätze
Die
menschliche Beteiligung am Zustandekommen der Heiligen Schriften führt zu dem
schweren Problem der Wahrheit der Schrift. Man könnte zunächst die Meinung
vertreten, daß der von Gott erwählte menschliche Schriftsteller auch mit
irrigen Vorstellungen an der Verfasserschaft beteiligt ist, soweit es sich nicht
um die göttliche Offenbarung selbst handelt. Diese These wird in der Tat von
evangelischen Theologen gelehrt. In den kirchenamtlichen katholischen
Äußerungen wurde sie stets abgelehnt. In der Äußerung des Zweiten
Vatikanischen Konzils ist gewissermaßen eine Kompromißlösung zu sehen,
insofern nach vielen Verhandlungen einerseits betont wird, daß die Heiligen
Schriften sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, daß diese aber
andererseits in einem anschließenden Relativsatz als jene Wahrheit bezeichnet
wird, die »Gott um unseres Heiles willen in
158
Heiligen
Schriften niedergelegt haben wollte«. Demgemäß ist, wie das Zweite
Vatikanische Konzil erklärt, sorgfältig zu erforschen, was die heiligen
Schriftsteller zu unserem Heile wirklich haben sagen wollen und was Gott mit
ihren Worten kundzutun für gut befunden hat. Insbesondere ist in diesem
Zusammenhang daran zu erinnern, daß das Zweite Vatikanische Konzil mit
literarischen Gattungen rechnet.
b)
Literarische Form und inhaltliche Aussage
Man
wird der sowohl von Papst Pius XII. als auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil
beschworenen Situation gerecht, wenn man unterscheidet zwischen Aussagegestalt
und Aussageinhalt der Offenbarung. Bei der Wichtigkeit der Sache und der noch
weithin bestehenden Unklarheit und Verwirrung dürfte es angebracht sein,
hierüber ein vertiefendes und klärendes Wort zu sagen. Das ganze Problem
führt allerdings soweit in sprachlogische und sprachphilosophische Dimensionen
hinein, daß zu seiner vollen Lösung eine sprachphilosophische Untersuchung
nötig wäre. Martin Buber, dem wir wenigstens zum Alten Testament eine
besonders nahe Kontaktbezogenheit zuschreiben müssen, bietet einen Beitrag zur
Aufhellung des Problems, wenn er behauptet: da die Menschen früherer Zeiten
unvorhergesehene, eindrucksvolle Ereignisse, welche die geschichtliche Situation
wie mit einem Schlage verändert haben, in einer fundamentalen Erregung ihres
ganzen Wesens aufgenommen haben, lebe der von einer solchen Begeisterung
ergriffene Mensch in einem Prozeß des Staunens, das alle plastischen Kräfte
der Seele in Bewegung setze. Was sich dabei vollzieht, ist nicht eine Umdichtung
des Wahrgenommenen durch die freischaffende Phantasie,
159
sondern
die bildnerische Darstellung des Ereignisses in seiner Geschichtsmächtigkeit.
Die
Unterscheidung ist von höchster Wichtigkeit, wie uns manche verhängnisvollen
geschichtlichen Vorgänge, etwa der Galilei-Prozeß oder der Gegensatz zwischen
der Theologie und der Evolutionsthese im 19. Jahrhundert zeigen. Sie ist
allerdings nicht so einfach, wie es im ersten Moment zu sein scheint. Dies wird
deutlich, wenn wir bedenken, daß die sprachliche Gestalt nicht bloß ein Kleid
ist, in welches der Inhalt hineinschlüpft, ebenso wenig ein Gefäß, in welches
der Geist hineinströmt, daß sie vielmehr für den Inhalt eine ähnliche
Funktion hat, wie der Leib für den Geist und daher ihrerseits Rückwirkungen
auf den Sinn des Inhaltes ausübt und selbst sinnhaltig ist. Aussageinhalt und
Aussageform bilden ein einheitliches Ganzes. In der Sprache, im Wort als der
sinnhaltigen Form stößt immer Geist auf Geist, indem der Redende den Hörenden
anspricht und nicht nur mechanisch wie in einer Hülle Inhalte übermittelt
werden.
Durch
das »Ansprechen« wird der Geist des Hörenden in Bewegung gesetzt, so daß er
Gedanken hervorbringt, welche denen des Redenden entsprechen, derart, daß er
sie in eine ihm angemessene sinnhaltige Form übersetzt (E. Betti, Die
Hermeneutik als allgemeine Methodik der Geisteswissenschaften, Tübingen 1962).
Dennoch
muß es möglich sein, nicht nur eine Unterscheidung, sondern eine Scheidung
vorzunehmen, so daß wir, wenn auch mit vielen Reserven und Unsicherheiten sagen
können, was in der Dimension der Aussage und was in der Dimension der
Aussagegestalt liegt. Dies gilt auch, wenn man sagt, die je neue Verkündigung
verlange die Aktualisierung. Es fragt sich eben, was aktualisiert werden müsse.
160
c) Norm für die Unterscheidung von Form und Inhalt
Wichtig
ist es, eine Norm für diese Unterscheidung zu finden. Wie schwierig es ist,
eine solche zu erkennen, zeigt gerade der jahrhundertelange Streit, ja die
Feindschaft zwischen der kirchlichen Verkündigung und der Theologie einerseits
und der Naturwissenschaft mit ihren verschiedenen Disziplinen andererseits.
Sowohl die Theologen als auch die Naturwissenschaftler waren im allgemeinen
davon überzeugt, daß es hier nur ein Entweder-Oder gibt. Vielfach
beschränkten sich die Theologen auf die abstrakte und formale Aussage, daß in
Wahrheit kein Widerspruch bestehen könne, weil es sowohl für den Glauben als
auch für die Wissenschaft nur eine Quelle gebe, nämlich Gott. Aber eine solche
These bekam keine konkrete, lebendige Wirksamkeit, weil sie sich nur im Himmel
der formalen Behauptung bewegt.
Wenn
sich heute die Situation verändert hat, darf man die Frage stellen, ob nicht
das siegreiche Vordringen der Naturwissenschaft die Theologen veranlaßt hat,
offensichtlich unhaltbar gewordene Positionen preiszugeben und vor dem Sieger
resigniert zurückzuweichen. Derartiges müßte man in der Tat annehmen, wenn es
für die Unterscheidung von Aussageinhalt und Aussageform keine Norm gäbe. Daß
es jedoch eine solche gibt, ist ein einleuchtendes Ergebnis aller unserer
bisherigen Überlegungen und wird auch durch die Texte des Zweiten Vatikanischen
Konzils nahegelegt. Wenn sich nämlich Gott dem Menschen in seiner
Selbsterschließung mitteilt, geht seine Absicht dahin, ihn in das rechte, in
das heilshafte Verhältnis zu sich selbst zu setzen oder genauer, ihn in die
absolute Zukunft seiner unmittelbaren Selbstmitteilung zu rufen. Was diesem
Ziele dient, muß zum unmittelbaren In-
161
halte
der in der Schrift bezeugten Offenbarung gerechnet werden. Die Art der
Erschaffung der Welt und deren Struktur oder die Art der Erschaffung des
Menschen ist von dieser Finalitiät der göttlichen Selbsterschließung nicht
unmittelbar betroffen, es sei denn, daß das Wesen des Menschen so bestimmt
werden muß, daß seine ausgezeichnete Stellung gegenüber allen übrigen
Geschöpfen einsichtig wird. Andererseits gilt: In der apostolischen Zeit wird
die besondere Heilsgeschichte verkündet, indem Jesus als der verheißene
Messias proklamiert und seine Auferweckung bezeugt wird. Dies ist zweifellos
für die absolute Zukunft des Menschen fundamental. Es bedeutet daher eine
Preisgabe des biblischen Glaubens, wenn man die Auferstehung des Herrn als eine
mythische Form ansieht.
d)
Schrift und Mythos
Der
Offenbarungsinhalt wird in der Schrift vielfach in mythischen Bildern geboten.
Aber die Bildersprache kann nicht einfachhin als Mythos bezeichnet werden. Denn
der Mythos stellt ein dramatisches Geschehen dar. Es ist nicht sicher, ob in der
Schrift für die Darstellung des Inhaltes der Offenbarung über die mythischen
Bilder hinaus auch der Mythos selbst verwendet wird. Gleichviel, wie diese Frage
zu beantworten ist, es muß für das Verständnis der Schrift zwischen dem
etwaigen mythischen Element und dem Offenbarungsinhalt unterschieden werden.
Für diesen Prozeß kann man sagen: die Schrift muß entmythologisiert werden.
Sie hat selbst schon in grundlegender Weise Entmythologisierung getrieben, indem
sie den einen, lebendigen Gott bezeugt und die weltimmanenten Götter entthront.
Die »Entmythologisierung«, welche in
162
der
Interpretation des zu entmythologisierenden Schriftwortes vorgenommen wird,
bedeutet eben, daß sie die von der Schrift schon geleistete Entmythologisierung
interpretiert (siehe die Lehre von dem Schöpfergott in Band 3).
e)
Die Wahrheit der Schrift nach dem II. Vat. Konzil
Über
die bisherigen Lösungsversuche führt hinaus und zwar in sehr tiefgehender
Weise, was das Zweite Vatikanische Konzil über die Wahrheit der Heiligen
Schrift gesagt hat. (Der Ausdruck »Irrtumslosigkeit« ist in der Konstitution
über das Wort Gottes vom Konzil vermieden worden.) Der Ausdruck »Wahrheit«
ist in der Heiligen Schrift anders zu verstehen als in den weltlichen
Wissenschaften. Das ergibt sich schon daraus, daß man in der Heiligen Schrift
eine Anrede Gottes sehen muß, und zwar nicht eine einmalige, im Akte der
.Entstehung der Schrift von Gott vollzogene Anrede an den Menschen. Sie ist
vielmehr eine dauernde Ansprache Gottes an den Menschen, sie ist eine Gottesrede
(DV, 9). Auch in Nr. 2 der Konstitution wird gesagt, daß in der Offenbarung der
unsichtbare Gott redet, und zwar als überströmende Liebe an die Menschen wie
an Freunde, daß er in dieser Rede mit ihnen verkehrt, um sie in seine
Gemeinschaft einzuladen. In Nr. 21 sagt das Konzil: »In den heiligen Büchern
kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und
nimmt mit ihnen das Gespräch auf. Und solche Gewalt und Kraft ist im Worte
Gottes, daß es für die Kirche Halt und Leben, für die Kinder der Kirche
Glaubensstärke, Seelenspeise und reine unversiegliche Quelle des geistlichen
Lebens ist. Darum gelten in der Heiligen Schrift in besonderer Weise die Worte: ,Lebendig
ist Gottes
163
Rede
und wirksam' (Hebr 4,5), mächtig aufzubauen und das Erbe auszuteilen unter
allen Geheiligten« (Apg 20,32; vgl. 1 Thess 2,13). Aus dem Redecharakter der
göttlichen Offenbarung ergibt sich, daß sie Gemeinschaft und Liebe stiftet
zwischen Gott und dem von ihm angesprochenen Menschen. Sie ist weit davon
entfernt, nur eine Information zur Bereicherung des Wissens zu sein. Wer sie so
verstünde, würde ihren Kernsinn verfehlen. Die göttliche Offenbarung als
Gottesrede gibt den Menschen und der ganzen kirchlichen Gemeinschaft Mut und
Halt.
Über
das Geheimnis, welches das Verhältnis von Gott und Mensch darstellt, äußert
sich das Konzil nicht. Es überläßt das Problem des Zusammenwirkens von
göttlichem Urheber und menschlichem Ausführer der Theologie. Die durch das
Konzil geschaffene Situation gibt der menschlichen Freiheit einen größeren
Raum als bisher. Allerdings ist dadurch der Mensch auch mehr als bisher durch
die Defekte eines biblischen Buches belastet. Beachtlich ist, daß das Konzil
davon spricht, daß die Heilige Schrift sicher, getreu und irrtumsfrei die
Wahrheit lehrt, die um unseres Heiles willen niedergelegt werden soll. Mit
diesen sorgfältig gewählten Formulierungen legt es einen Kompromiß vor
hinsichtlich der Frage, ob auch die profanen Wahrheiten in der Dimension der
Inspiration liegen (siehe S. 211). Mit der zitierten Konzilsaussage wird die
Bundestreue Gottes in das Gespräch gebracht. Was Gott den Menschen zusagt, das
ist ihnen ein für allemal zugesagt. Es wird von Gott nicht mehr
zurückgenommen. Seine Barmherzigkeit steht fest für ewig. Aber auch seine
Gerichte werden nicht verharmlost. Durch die Aussagen des Konzils wird vielen
früheren Spekulationen in der Theologie bezüglich der Inspiration ein Riegel
vorgeschoben.
164
Mit
E. Biser (Ausgegrenzt und Eingewiesen, Überlegungen zu einer Standort
bestimmung der Kirche, Münch. Theol. Ztschr. 19, 1968,15) läßt sich das
Problem mit dem Blick auf die heutige Lage so charakterisieren: »Zum andern ist
noch immer mit Nachwirkungen jener geistigen Situation zu rechnen, in der die
christliche Botschaft in einem mehr oder minder wissenschaftsfreien Raum
verkündet wurde und darum nur dann auf hinreichend verständliche Weise
verkündet werden konnte, wenn der Hörer, zusammen mit der Kunde von seinem
Heil, auch eine Deutung des Seins und damit eine Art provisorisches Weltbild
erhielt. Von daher mußte es geradezu zu Konflikten mit der aufstrebenden
Wissenschaft kommen. Sie dokumentieren indessen nicht, wie es in der
Retrospektive den Anschein hat und insbesondere bei der Diskussion des Falles
Galilei durchklingt, den immer wieder versuchten Übergriff der Kirche auf
Bereiche außerhalb ihrer Zuständigkeit, sondern den ihr gewaltsam abverlangten
und darum auch nur widerwillig hingenommenen Verzicht auf einen Beitrag, der
ehedem unzertrennlich mit dem pastoralen Dienst am Menschen verknüpft schien.«
(Siehe auch E. Biser, Theologische Sprachtheoria und Hermeneutik, München
1970.)
Das angegebene Kriterium für die theologische Differenz stellt ein Prinzip dar, mit dessen Hilfe sich Aussageinhalt und Aussagegestalt unterscheiden lassen. Seine Anwendung freilich wird häufig nicht geringe Schwierigkeiten machen. Zunächst sei nur zu einem Lösungsversuch gesagt, daß die letzte Kompetenz beim kirchlichen Lehramt liegt, das allerdings seinerseits sich wiederum der Hilfe der theologischen Wissenschaft bedienen wird.
f)
Die Entstehung der Evangelien
Eine eingehendere und genauere Einsicht in das Problem wird uns der Blick
auf die Entstehung der neutestamentlichen Schriften, insbesondere der Evangelien
gewähren.
Hierfür
müssen neuerdings das Zweite Vatikanische Konzil genannt werden sowie die wie
eine prolep-
165
tische
Kommentierung anmutende »Instructio de historica Evangeliorum veritate« der
Päpstlichen Bibelkommission vom 21. April 1964. Hier soll nur der Text des
Konzils selbst dargeboten werden. Er bedeutet, wie schon die Enz. »Dinvino
afflante Spiritu« (1943) eine Wende für die gesamte theologische Wissenschaft
und verdient daher eine ausführliche Anführung.
»Das
Wort Gottes, Gottes Kraft zum Heil für jeden, der glaubt (vgl. Röm 1,16),
kommt zu einzigartiger Darstellung und Kraftentfaltung in den Schriften des
Neuen Bundes. Denn als die Fülle der Zeit kam (vgl. Gal 54,4), ist das Wort
Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, voll Gnade und Wahrheit (vgl. Joh
1,14). Christus hat das Reich Gottes auf Erden wiederhergestellt, in Tat und
Wort seinen Vater und sich selbst geoffenbart und sein Werk durch Tod,
Auferstehung, herrliche Himmelfahrt und Sendung des Heiligen Geistes vollendet.
Von der Erde erhöht, zieht er alle an sich (vgl. Joh 12,32 griech.); denn er
allein hat Worte des ewigen Lebens (vgl. Joh 6,68).
Anderen
Geschlechtern wurde dieses Geheimnis nicht kundgetan, wie es nur geoffenbart
worden ist seinen heiligen Aposteln und Propheten im Heiligen Geist (vgl. Eph
3,4-6 griech.), damit sie das Evangelium verkünden, den Glauben an Jesus als
Christus und Herrn wecken und die Kirche sammeln. Dafür sind die Schriften des
Neuen Testamentes das unvergängliche und göttliche Zeugnis.
Niemandem
kann es entgehen, daß unter allen Schriften, auch unter denen des Neuen Bundes,
den Evangelien mit Recht ein Vorrang zukommt. Denn sie sind das Hauptzeugnis
für Leben und Lehre des fleischgewordenen Wortes unseres Erlösers.
Im
apostolischen Ursprung der vier Evangelien hat die Kirche immer und überall
festgehalten und hält
166
daran
fest; denn was die Apostel nach Christi Gebot gepredigt haben, das haben später
unter dem Anhauch des Heiligen Geistes sie selbst und apostolische Männer uns
als Fundament des Glaubens schriftlich überliefert: Das viergestaltige
Evangelium nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.
Unsere
heilige Mutter, die Kirche, hat entschieden und unentwegt daran festgehalten und
hält daran fest, daß die vier genannten Evangelien, deren Geschichtlichkeit
sie ohne Bedenken bejaht, zuverlässig überliefern, was Jesus der Sohn Gottes
in seinem Leben unter den Menschen zu deren ewigem Teil wirklich getan und
gelehrt hat, bis zu dem Tage, da er aufgenommen wurde (vgl. Apg 1,1-2). Die
Apostel haben nach der Auffahrt des Herrn das, was er selbst gesagt und getan
hatte, ihren Hörern mit jenem volleren Verständnis überliefert, das ihnen aus
der Erfahrung der Verherrlichung Christi und aus dem Lichte des Geistes der
Wahrheit zufloß. Die biblischen Verfasser aber haben die vier Evangelien
redigiert, indem sie einiges aus dem Vielen auswählten, das mündlich oder auch
schon schriftlich überliefert war, indem sie anderes zu Überblicken
zusammenzogen oder im Hinblick auf die Lage in den Kirchen verdeutlichten, indem
sie schließlich die Form der Verkündigung beibehielten, doch immer so, daß
ihre Mitteilungen über Jesus wahr und ehrlich waren. Denn ob sie nur aus
eigenem Gedächtnis und Erinnern schrieben
oder auf Grund des Zeugnisses jener, die von Anfang an Augenzeugen und Diener
des Wortes waren, es ging ihnen immer darum, daß wir die Wahrheit der Worte
erkennen sollten, von denen wir Kunde erhalten haben (vgl. Lk 1,2-4).
Der
neutestamentliche Kanon umfaßt außer den vier Evangelien auch die Briefe des
heiligen Paulus und andere apostolische Schriften, die unter der Ein-
167
gebung
des Heiligen Geistes verfaßt sind. In ihnen wird nach Gottes weisem Ratschluß
die Botschaft von Christus dem Herrn bestätigt, seine echte Lehre mehr und mehr
erklärt, die heilbringende Kraft des göttlichen Werkes Christi verkündet; die
Anfänge der Kirche und ihre wunderbare Ausbreitung werden erzählt und ihre
herrliche Vollendung vorausverkündet.
Denn
der Herr Jesus ist bei seinen Aposteln geblieben, wie er verheißen hatte (vgl.
Mt 28,20), und hat ihnen als Beistand den Geist gesandt, der sie in die Fülle
der Wahrheit einführen sollte (vgl. Joh 16,13).« (DV, Nr.1720)
g) Die Heilige Schrift als Glaubenszeugnis und Glaubensverkündigung
Nach
den Äußerungen des Konzils und der erwähnten »Instruktion«, in deren
Aussagen Ergebnisse der heutigen exegetischen Wissenschaft verwendet werden, ist
zu sagen, daß die Bücher des Kanons nicht als Literaturwerke bestimmter
Autoren im heutigen Sinne verstanden werden können. Sie sind Glaubenszeugnisse
auf geschichtlicher Grundlage. Das heißt: Sie sind theologisch reflektierte und
geprägte Berichte. Christus wird in ihnen gesehen und dargestellt im Lichte des
Ostergeheimnisses. Lehre und Leben Jesu werden nicht einfach weitererzählt,
damit die Erinnerung daran nicht schwindet. Sie werden vielmehr verkündet, so
daß sie der Kirche Fundament des Glaubens und des Lebens sein können, wie die
Instruktion bezüglich der Evangelien sagt. Die »Instruktion« gibt zu
erkennen, daß die Wahrheit der Evangelien nicht dadurch erreicht wird, daß man
sich an ein fundamentalistisches Buchstabenverständnis bindet (J. A. Fitzmayr,
Die Wahrheit der Evangelien, Stuttgarter Bibel-Studien, Stuttgart 1965).
168
11.
KAPITEL
Die
Evangelien: ihre Eigenart
a) Die Evangelien als Sammelwerke und Verkündigungsgrundlage
Das
Konzil und die vorausgehende »Instruktion« weisen darauf hin, daß die
Evangelien, die wichtigsten der kanonischen Schriften, in einem Dreischritt
entstanden sind. Der erste Schritt betrifft den Umgang der Jünger mit Jesus. In
dieser Phase liegen die unmittelbar von Christus gesprochenen Worte (»verba
ipsis-sima«). Die zweite Phase liegt zwischen der Erhöhung Jesu Christi und
der Abfassung der kanonischen Schriften, insbesondere der Evangelien. Es ist die
Zeit der Verkündigung Jesu im Lichte der Auferstehung, der schriftlichen
Objektivierung in unseren kanonischen Schriften. Diese Verkündigung wird noch
greifbar in manchen in den Evangelien und gelegentlich auch in den Briefen
vorkommenden kerygmatischen Kurzformeln. Sie stellt sich dar in katechetischen
und homiletischen Zusammenfassungen, wie sie uns etwa in der Apostelgeschichte
oder 1 Kor 15,3 b - 5, in missionarischen Proklamationen, in Taufbekenntnissen,
in Gebeten, Hymnen und anderen Formeln begegnen. Die Verfasser dieser
urapostolischen Verkündigungstexte dürfen wir naturgemäß in den Kreisen der
Apostel suchen. Diese Texte sind jedoch nicht mit einem bestimmten Namen
verbunden und tragen daher einen anonymen Charakter. Sie sind dadurch charak-
169
terisiert,
daß sie Christus auf Grund der Auferstehung von den Toten auslegen. Sie wählen
aus dem Leben und aus der Lehre Jesu aus, was für eine Gemeinde oder für eine
bestimmte Zuhörerschaft wichtig ist. Sie haben außerdem entsprechend den
Bedürfnissen ihrer Zuhörer die ausgewählten Stücke in einer bestimmten Weise
zusammengestellt und aktualisiert. Man kann die Liturgie, d. h. die
gottesdienstliche Feier als den Lebenssitz für die meisten dieser Texte
bezeichnen. »Der Gottesdienst mit seiner Wortunterweisung und seinen kultischen
Haltungen, mit seinen Taufen und Eucharistiefeiern, mit apostolischer Belehrung
und prophetischer Predigt (vgl. 1 Kor 14) bot reiche Gelegenheit, den
Christusglauben zu begründen und zu vertiefen, aber auch von seiten der
Gemeinde mit Bekenntnis und Liedern, Akklamationen (Amen) und Doxologien zu
bekräftigen.« »In diesen teils mündlichen, teils schriftlichen Kurzformeln
dürfen wir die Urtheologie, die Theologie der Urkirche, sehen. Es wäre eine
einseitige Übertreibung und eine Zerstörung der Wahrheit, wenn man behaupten
wollte, daß der in solchen Formeln dargestellte Glaube keinerlei Bezug zum
historischen Leben Jesu habe, sondern reine Schöpfung der Gemeinde sei. Wenn
die Gemeinde mit ihren besonderen, situationsbedingten Bedürfnissen auch
maßgebenden Einfluß auf die Gestaltung dieser Urtheologie ausgeübt hat, so
sind die Autoren dennoch einzelne Gläubige. Es widerspricht nicht der Wahrheit,
daß die Verfasser solcher Einzelstücke das, was Jesus wirklich gesagt und
getan hat, in einem volleren Verständnis weiterreichten, das sie selbst erst
infolge der Ostererfahrungen und der pfingstlichen Erleuchtung durch den Geist
der Wahrheit erreicht haben (vgl. z. B. Joh 2,22; 11,51f; 12,16; Apg 10,36-41)«
(R. Schnackenburg, Neutestamentliche Theologie, München 1963,49 f).
170
Die
dritte Phase wird durch die Entstehung der neu-testamentlichen Schriften, vor
allem der Evangelien, selbst dargestellt. In ihnen sind die vorausgehenden
Kurzformulierungen gesammelt und geordnet worden. Von den Evangelien muß man
ebenfalls und mit noch größerem Nachdruck sagen, daß sie Jesus Christus auf
Grund ihres neuen, ihres österlichen Verständnisses bezeugen. Dies besteht vor
allem darin, daß sie Jesus als den Christus verkündigen. Unter dem Einfluß
des erleuchtenden Geistes bieten die Verfasser eine Auswahl, eine Synthese und
eine Interpretation des geschichtlichen Lebens, Redens und Wirkens Jesu. Ihre
Arbeit ist jeweils von ihrer Zielsetzung bestimmt. Sie haben sich den erwarteten
Lesern angepaßt. Sie haben oft Einzelereignisse aus einem Zusammenhang in einen
anderen versetzt. Sie haben also die Worte und die Taten Jesu gemäß der
pastora-len Situation noch einmal aktualisiert. So begegnet uns in den
Evangelien das Wort Jesu vielfach in einer theologischen Verarbeitung.
b)
Die Evangelien als Zeugnisse des urchristlichen Glaubens und seiner Theologie
Von
den Evangelien gilt: »Es sind nicht einfach Autorenwerke im heutigen Sinn,
sondern von qualifizierten und von der Urkirche anerkannten Autoren verfaßte
Sammelwerke der apostolisch-urkirchlichen Tradition und enthalten besonders die
in der Urkirche beziehungsweise in einzelnen ihrer Gruppen und Gliederungen
(Juden- und Heidenchristentum, bestimmte Gemeinden und Gegenden) gepflegte
authentische und autoritative Verkündigung vom Wirken und heilsbedeutsamen
Schicksal Jesu Christi. Damit brauchen sie durchaus nicht ihren historischen
Zeugniswert für die Worte und Taten Jesu zu verlieren; daß dies nicht
171
der
Fall ist, hält die katholische Exegese mit vielen protestantischen Forschern
fest, weil sie überzeugt ist, daß schon der Urkirche an einer glaubwürdigen
Überlieferung der ursprünglichen Predigt Jesu und der historischen Ereignisse
seines Lebens und Sterbens wie auch der Geschehnisse nach seinem Tod gelegen
war. Aber die Evangelien rücken doch in ein anderes Licht, wenn sie nicht
zuerst als historische Referate (mit aller Problematik einer rein 'objektiven'
Berichterstattung), sondern als Niederschlag der ältesten Verkündigung
angesehen wurden, die das historisch Überlieferte gewissenhaft und
verantwortungsvoll in sich aufgenommen, aber für ihre Zwecke zugleich
zusammengestellt und in die passende Form gebracht hat. Tatsächlich lassen die
synoptischen Evangelien schon durch ihre Gesamtanlage, wie sie am
ursprünglichsten bei Markus zu erkennen ist (vom Auftreten des Täufers
Johannes und der Taufe Jesu bis zur Passion und Auferstehung Jesu), aber auch in
manchen Enzelteilen und -gestaltungen (zum Beispiel in den drei
Todesankündigungen Jesu) die apostolische Verkündigung und Theologie
durchschimmern. Gerade das ihnen Gemeinsame dürfte sich als ein Fundus der
urkirchlichen Verkündigung und Lehre herausstellen und sich doch zugleich —
weil später andere Verkündigungsinhalte hervortraten — als treue Bezeugung
der Botschaft Jesu erweisen. Wenn man überzeugt ist, daß die Apostel
einerseits die Worte und Taten Jesu überliefern, andererseits die gesamte
Christusoffenbarung im Lichte der Auferstehung Jesu verkündigen wollten, wird
die Eigenart der Evangelien erst voll verständlich. Dann ist man aber auch
berechtigt, die Botschaft Jesu aus ihnen zu erheben und sie doch zugleich als
Zeugnisse der gemein-urchristlichen .Theologie' zu betrachten« (R.
Schnackenburg, a. a. 0., 51 f).
172
Mit
solchen Überlegungen lassen sich die Verschiedenheiten und Gegensätze
innerhalb der Evangelien erklären. Man braucht so nicht künstliche oder
gewaltsame Harmonisierungsversuche zu machen.
Eine
Analyse des Problems bietet auch E. Schweizer (Das Evangelium nach Markus,
Göttingen 1967): Die Neuformulierung der Worte war schon deshalb notwendig,
weil Jesus und seine ersten Jünger aramäisch sprachen, während schon ein Teil
der Gemeinde in Jerusalem (Apg 6,1), vor allem aber die meisten
heidenchristlichen Gemeinden, griechisch redeten. Jesu Worte mußten daher in
eine neue Sprach- und Denkform übertragen werden.
Dieser
Prozeß implizierte keine Entfremdung von Jesu Worten gegenüber ihrem
ursprünglichen Sinn. Gerade weil Jesus für die Jünger nicht ein toter,
sondern ein lebendiger Herr war. weil er selbst der Sprechende in den Gemeinden
war, mußten seine Worte in die jeweilige Situation hineingesprochen werden und
entsprechend deren Fragen und Bedürfnissen formuliert werden. Gerade so wird
das Wort Jesu lebendig und wirksam. Wenn es nach 2 Kor 3,17 oder Offb 2,1.7 wahr
ist, daß im Helligen Geist der lebendige Christus spricht, dann war dieses
Vorgehen nicht nur erlaubt, sondern notwendig, sollte das Wort Jesu nicht zu
einer zwar ehrfürchtig verehrten, aber doch veralteten, nicht mehr wirklich in
die Zeit hineinredenden Antiquität werden. Ja, es war dann sogar unerläßlich,
daß man in der gehorsamen Annahme des Wortes Jesu und in lebendiger
Verbundenheit mit ihm auch neue Worte in seinem Namen auszusprechen wagte oder
alte Worte in neuer Formulierung, wenn die neue Lage dies erforderte, wie es der
Verfasser der Johannesapokalypse tat (Apk 2,1 ff) oder vorher schon Mattäus,
wenn er den bloßen Bericht des Markusevangeliums »Sie tranken alle daraus« (Mk
4,23) in den Befehl Jesu umwandelte: »Trinket alle daraus« (Mt 26,27).
Naturgemäß müssen solche Neufassungen den Sinn der alten Worte treu bewahren.
Auch
die Bezeugung der Taten Jesu dient der Verkündigung und Proklamation dessen,
der dem Hörer und Leser in der gleichen Vollmacht begegnet, in welcher er den
ersten Augen- und Ohrenzeugen begegnet ist, der ihn zum Glauben ruft und in die
Gottesgemeinschaft heimholen will. Da kommt es nicht auf jedes Detail, sondern
nur auf den Kern an. So stimmt der Mt 8,8 ff berichtete Dialog fast wörtlich
mit dem Lk 7,6-9 berichteten überein. Der Vorgang selbst hingegen, in welchem
sich der Dialog abspielt, ist ganz
173
verschieden überliefert. Das eine Mal ist es der Hauptmann von Kapharnaum selbst, der mit Jesus spricht. Das andere Mal hingegen bleibt er bei seinem kranken Kind zu Hause, sendet seine Freunde und läßt diese mit Jesus sprechen. Es Ist auch zu beachten, daß die bei Mt im Zusammenhang mit der Szene von Jesus gesprochenen grundsätzlichen Worte über die Berufung zum Reiche Gottes (Mt 8,11 f) bei Lukas In einen ganz anderen Kontext eingefügt sind (Lk 13,28 f). Es kommt nicht auf solche Einzelheiten an, sondern darauf, daß Jesus als derjenige bezeugt wird, der dem Menschen in der Macht Gottes das Heil schenkt. Ja, die genaueste Wiedergabe aller Einzelheiten bliebe unfruchtbar, wenn sie nur unser Wissen über vergangene Ereignisse bereichern wollte. So wichtig das Ereignis selbst ist, so erfüllt sich sein Sinn doch erst in der Verkündigung und im Glauben.
c) Die synoptischen Evangelien im Ganzen
aa)
Begriff
Weil
die drei ersten Evangelien in der Schilderung des Wirkens Jesu trotz vieler
Verschiedenheiten stark übereinstimmen, hat man sie die synoptischen
(zusammenschauenden) Evangelien genannt. Die Übereinstimmung zeigt sich bis zu
einem gewissen Grade sowohl im Wortlaut (z. B. Mt 3,7-10 und Lk 3,7 ff oder Mk
8,34-37 und Mt 16,24f bzw. Lk 9,23 ff) als auch und noch mehr in der Reihenfolge
der berichteten Vorgänge. Das Markusevangelium, das traditionellerweise als
zweites gezählte Evangelium, ist, wie heute allgemein angenommen wird, das
älteste Evangelium. Mattäus und Lukas haben es gekannt und benutzt. Dem
Markusevangelium liegt eine Reihe von mündlichen und schriftlichen
Überlieferungskomplexen voraus, eine nicht erhaltene Sammlung von Jesusworten (Logien-,
Redequelle = Q). Sie wurde wohl nicht von Markus, wohl aber von Mattäus und
Lukas verwendet, obwohl im Mk-Ev. viele vormarkinische Traditionen mündlicher
und schriftlicher Art gesammelt sind. Sie
174
kann
bis zu einem gewissen Grade von Sicherheit aus Mattäus und Lukas rekonstruiert
werden. Sie läßt sich dort erkennen, wo sowohl der Wortlaut als auch die
Reihenfolge der Abschnitte bei Mattäus und Lukas übereinstimmen. Vieles haben
sowohl Markus als auch Mattäus und Lukas der mündlichen und der
vorausliegenden schriftlichen Überlieferung entnommen.
Trotz
der Gemeinsamkeiten weichen die Synoptiker soweit voneinander ab, daß man bei
jedem von einer je ihm eigenen Theologie sprechen kann. Es läßt sich nämlich
feststellen, daß jeder von ihnen ein besonderes Anliegen verfolgt. Dies tritt
in der Art der Stoffzusammenstellung, in der Auswahl, im Aufbau, in der
Akzentuierung, in den verschiedentlich gebotenen kurzen Zusammenfassungen
zutage.
bb)
Die vor den synopt. Evangelien liegenden kanonischen Schriften
Als
die Evangelien entstanden sind, gab es schon ein ziemlich umfangreiches
kerygmatisches Schrifttum über Jesus, vor allem die Paulusbriefe. Die Botschaft
von Jesus hatte durch die Missionstätigkeit vieler bekannter und unbekannter
Christusgläubigen, namentlich durch Paulus und seine Helfer, in der Zeit der
Abfassung der Evangelien die meisten Länder am Mittelmeer erreicht. Dabei wurde
innerhalb der Glaubenseinsicht, daß Jesus der von Gott gesandte Retter und der
Sohn Gottes ist, das Leben und Sterben Jesu in mannigfacher Weise gedeutet. In
judenchristlichen Gemeinden wurde er primär als derjenige verstanden, der
ethisch-religiöse Weisungen gab und in apokalyptischer Sicht die zu erwartende
Endzeit verkündete (vgl. die Logiensammlung). In den paulinischen Gemeinden
bildeten Kreuz und Auferstehung die Mitte des Glaubens und der Verkündigung.
Dabei konnte
175
das
von Paulus heftig bekämpfte Mißverständnis entstehen, als ob durch die
Auferstehung Jesu schon alles vollendet sei und daher keine Sünde mehr schaden
könne. Diese enthusiastisch-schwärmerische Vorstellung hat die Frage aus sich
hervorgetrieben, ob der Einbruch des Göttlichen, des Himmlischen in die Weit an
den geschichtlichen Jesus gebunden sei. In dem Gnostizismus des zweiten
Jahrhunderts wurde denn auch die Konsequenz gezogen, daß Jesus nur ein Symbol
für die Einheit des Göttlichen mit dem innersten Kern des Menschen sei, ein
Symbol, das auch durch ein anderes, durch den Namen irgendeines griechischen
oder römischen Gottes ersetzt werden könne. Schon Paulus hat diese
Pseudotheologie entschieden und leidenschaftlich zurückgewiesen und den
Glaubenden auf den Weg des nüchternen Glaubensgehorsams gerufen, in welchem er,
mit Christus schon der Sünde abgestorben und in Christus zu neuem Leben
erweckt, dem vollen Auferstehungsleben mit Christus entgegengeht. Zur Zeit des
Markus hatte Paulus schon den Martertod erlitten. Seine Schüler riefen die
Gemeinde zurück zu der ihr gestellten Aufgabe der weltweiten Verkündigung, in
der der Erhöhte, nicht als geheimnisvolle übernatürliche Kraft, sondern als
Meister der für ihn zeugenden, auf den Straßen des römischen Reichs
dahinziehenden und oft genug in den Gefängnissen liegenden Jünger die Welt
durchdringen wollte (nach E. Schweizer, a. a. 0., 221).
cc)
Das Markusevangelium als ältestes Evangelium
Das
Markusevangelium erzählt in großer Breite das Leiden Jesu und schildert das
ganze Leben als einen Weg nach Golgotha. So wird die Geschichtlichkeit und
zugleich die Heilsmächtigkeit dieses Lebens und Sterbens in der Ganzheit des
Verlaufs in ihrer Geschichtlichkeit ganz anders in den Blick genommen als in dem
vor-
176
ausgehenden
Schrifttum. Gottes Wort richtet sich nach ihm »an die Welt im Ganzen des
Wirkens, Sterbens und Auferstehens Jesu«, nicht nur in einzelnen Worten — so
bliebe Jesus nur der Lehrer und Prophet, dessen Lebensweisheit man auch
übernehmen könnte, ohne zu ihm selbst in lebendige Beziehung zu treten, ja von
ihm überhaupt zu wissen —, noch in einzelnen Machttaten, so daß man ihn nur
als göttlichen »Wundertäter« nach dem Modell der hellenistischen
Wundermänner mißverstehen könnte, noch in einem vorbildlichen Leiden, noch in
einer abstrakt verstandenen Verkündigung der Gnade, die man allenfalls von
Jesus loslösen könnte. Was ihm für die Verkündigung des ganzen Jesus
unwichtig erscheint, hat er weggelassen (E. Schweizer, a. a. 0., 11). Sein
Evangelium Ist »der Bericht von der unerhörten und unbegreiflichen
fleischgewordenen Liebe Gottes, die in Jesus durch alle Widerstände hindurch
den Menschen sucht und findet. Weil alle direkte Offenbarung nur zu einem
Mirakelglauben führen könnte, wie ihn auch die Dämonen haben, muß Gott den
Weg in die Verborgenheit, ja in die Schmach und Niedrigkeit, in den Tod gehen,
wie er in erschütternder Nüchternheit im Rufe Jesu 'Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?' und in dem Satz vom Verscheiden Jesu mit lautem
Schrei sichtbar wird. Glaube kann es nur als Nachfolge geben. Daß dieses Wunder
aber wirklich geschehen, daß Gottes Offenbarung ihr Ziel erreichen wird, dafür
sind ein halbgläubiger Randsiedler, der Jesus bestattet, ein Heide, der als
Offizier seine Hände wahrlich nicht immer rein halten kann und sogar zu
Exekutionen Unschuldiger abgeordnet wird, ein paar Frauen, die bloß erschrecken
und selbst dem Worte eines Engels nicht vertrauen, das Zeichen. Sie, aber erst
recht die Jünger, denen Jesus nach ihrem noch viel tiefergreifenden Versagen
dennoch nach Galiläa vorangeht, weisen auf das Wunder der kommenden Gemeinde
hin, die der Auferstandene selbst ins Leben rufen und in die Welt hinausschickan
wird« (E. Schweizer, a. a. 0„ 223 f). Das Markusevangelium ist eschatologisch
orientiert. Jesus führt den Endkampf zwischen Gott und den dämonischen
Mächten. Die Wunderheilungen und Dämonenaustreibungen künden den sich
anbahnenden Sieg Gottes (Mk 3,1-6.22-30; 2,1-12. J. Gnilka, Synoptiker, in: LThK,
IX, 1962,1246 f).
Am
ausführlichsten hat das Markusevangelium R. Pesch (Das Markusevangalium l. u.
II. Teil, Freiburg 1976/7) erklärt. Ihm sind folgende Angaben entnommen. Markus
hat für sein Werk durch die Benennung als eines Evangeliums eine literarische
Gattung eingeführt, welche es vor ihm nicht gegeben hat. Der Titel »Evan-
177
gelium«
ist allerdings vorbereitet durch Paulus (vgl. 1 Kor 15,3 f). In dem Evangelium
des Markus vereinigen sich missionarische und katechetische Interessen zu einer
Darstellung der Grundlagen des Jesusglaubens, indem der Verfasser vorausgehende
Berichte schriftlicher und mündlicher Art ohne literarische Absicht
zusammenstellt. Die Q-Quelle wird wie schon gesagt von ihm nicht unmittelbar
benützt, kann aber in Einzelheiten in sein Werk eingeflossen sein. Wichtig war
aber für ihn ein großer vormarkinischer Textkomplex. Die Sorge des
Evangelisten geht dahin, daß gegenüber dem Gnostizismus die auf Jesus selbst
zurückweisenden und vielfach unmittelbar nach seinem Tode und seiner
Auferweckung entstandenen Berichte ohne Umdeutung oder Auslassung und
Hinzufügung erhalten bleiben. Er schreibt also im ekklesiologischen Geiste. Die
Kirche bedurfte in der Zeit, in der die Apostel selbst dahingingen, einer
geschichtlich-christologischen Identifikation ihrer Verkündigung und ihrer
Lehre. Markus ist also ein konservativer Theologe. Seine Bedeutung liegt darin,
daß wir zum größten Teil ihm verdanken, was wir über Jesus Christus, sein
Leben und Wirken, sein Leiden und Sterben und seine Auferweckung wissen. Wenn
man einen theologischen Begriff nennen will, unter welchem das ganze Werk steht,
so ist es wohl jener der Gottesherrschaft. Das Werk ist entstanden kurz nach dem
Jahre 70, also nach der Zerstörung Jerusalems. Auf jeden Fall ist das in der
traditionellen Zählung an zweiter Stelle genannte Markusavangelium das älteste
der Evangelien und wird von den >Großevangelien< (Lukas und Mattäus) u.
a. als Quelle benutzt.
dd)
Die übrigen Evangelien im einzelnen
An weiterer Stelle soll von dem in der traditionellen Zählung an dritter
Stelle genannten Lukasevangelium, dem einen »Großevangelium« die Rede sein.
Auch diese Schrift hat einen stark traditionellen Zug. Von Lukas stammt auch die
Apostelgeschichte. Diese ist jedoch nicht von vornherein als ein zweites Werk
neben dem Evangelium konzipiert. Lukas hat sein Evangelium verfaßt für die
innerkirchliche Öffentlichkeit, für den Gottesdienst und für die Katechese,
aber darüber hinaus für die Mission im nichtchristlichen Bereich, und zwar
für eine Mission im Raume der religiösen
178
Strömungen
der Zeit. Es sollte auch eine Hilfe sein im Kampfe gegen gnostisches
Schwärmertum, welches in der Übergangszeit von der Ära der Apostel zu der
dabei entstandenen neuen geschichtlich-religiösen Situation nicht wenige
Gefahren, Verwirrungen und Unsicherheiten mit sich brachte. Als Mittel setzt der
Verfasser die apostolische Überlieferung ein, diese aber im ganzen Umfang der
verschiedenen, nicht immer leicht auf einen Nenner zu bringenden Traditionen. So
stellt sein Werk eine alle vorausgehenden Berichte umspannende Ganzheit dar.
Lukas versichert, daß er sich um die Sammlung aller erreichbaren
Traditionsstücke bemüht hat. An der Grenze des apostolischen Zeitalters lag
ihm sehr am Herzen, daß nichts von dem von Jesus Christus her Überlieferten
verloren ging. Auch er war ein kirchlich denkender und um das rechte kirchliche
Leben besorgter Hagiograph.
Sein
Werk ist zwar nur sekundär, aber doch unübersehbar ein heilsgeschichtlicher
Aufriß. Die heilshaften Ereignisse sind mit der Geistsendung abgeschlossen. Sie
behalten jedoch ihre Gegenwärtigkeit.
Er
versteht sich also als ein abschließender Sammler und normativer Übermittler
der apostolischen Überlieferung. Die Wahrheit des Überlieferten ist durch das
stets gegenwärtige und wirkende Pneuma gesichert. Die apostolischen Worte
werden in dem Evangelium für die Gegenwart aktualisiert. Lukas will den
Lebensweg Jesu aufzeigen, allerdings ohne biographische Absicht. Vielmehr soll
das Heilshandeln Gottes im Christusgeschehen in einer Gesamtschau und in seinem
wesentlichen Verlauf, d. h. in seinem Heilstun, in seiner Verkündigung, in
seinem Tode und in seiner Auferstehung aufgedeckt und dieses Leben soll in
seinem Erfüllungscharakter beleuchtet werden. So hat Lukas der
nachapostolischen Kirche durch sein
179
Werk
einen wichtigen Dienst erwiesen. Er erzählt nicht nur von dem Vergangenen,
sondern läßt es in seiner geistigen Mächtigkeit unmittelbar sprechen und
Glauben erzeugen. So eröffnet sein Evangelium die Möglichkeit eines
geistlichen Schriftbeweises. Formell wird die Apostolizität des kirchlichen
Redens und Tuns gezeigt, inhaltlich aber das gottgewirkte Heilsgeschehen durch
Gottes menschgewordenen Sohn Jesus Christus (nach H. Schürmann, Das
Lukasevangelium, Erster Teil, Freiburg 1969,1 ff).
Das
Mattäusevangelium hat Jesus als den verheißenen Messias geschildert. Dieser
wurde nach anfänglichem Enthusiasmus immer stärker abgelehnt, da er den
landläufigen Messiaserwartungen nicht entsprach.
Es entspricht der Situation, wenn man von dem Johannesevangelium erklärt, daß es die überlieferten Inhalte der Jesusgeschichte in einer besonders fortgeschrittenen theologischen Reflexion und seelsorgerlichen Aktualisierung verkündet (J. Blinzler, Johannes und die Synoptiker, Stuttgart 1965. Weitere Ausführungen in der Christologie).
d) Formgeschichtliche und redaktionsgeschichtliche Methode
Man
hat die Versuche, in denen die in Kurzformulierungen geschehene Überlieferung
der Worte und Taten Jesu vor ihrer schriftlichen Fixierung in den Evangelien
untersucht wurde, die formgeschichtliche Methode genannt. Sie hat ihre
Hauptarbeit nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland geleistet. Inzwischen sind
ihre Ergebnisse weithin anerkannt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gesellte
sich zu der formgeschichtlichen die redaktionsgeschichtliche Methode.
180
Ihr geht es darum, den Anteil der Verfasser der Evangelien an ihren Werken trotz deren Sammelcharakters herauszuarbeiten. Die formgeschichtliche Methode verbindet sich mit der traditionsgeschichtlichen, insofern diese die in den biblischen Büchern aufbewahrten Kurzformulierungen in ihrer Entstehung, ihrem Wachsen, ihrer Weiterbildung, untersucht. Sie steht in einer gewissen Spannung zur redaktionsgeschichtlichen Methode.
e)
Die kanonischen Schriften — keine Gemeindeschöpfungen
Von
größter Wichtigkeit ist es, in den urchristlichen Glaubenszeugnissen nicht
eine schöpferische Leistung der Gemeinden zu sehen. Der Christus des Glaubens
ist nicht das Resultat des Glaubens. Vielmehr ist der geschichtliche Jesus auf
Grund der Auf-erweckung als der Messias verstanden worden. Den Aposteln geht es
um den geschichtlichen Jesus. Er ist für sie zum erhöhten Herrn geworden. Ihre
Absicht ist es, das heilsbedeutsame Schicksal Jesu als des Christus zu
verkündigen. Einerseits wollten die Apostel wirklich die Worte und die Taten
Jesu überliefern, andererseits haben sie die gesamte Christusoffenbarung von
Ostern her neu verstanden. Diese Spannung zwischen dem unmittelbar an Jesus
Erlebten und dem im Heiligen Geiste Ausgelegten ist charakteristisch für unsere
Evangelien. Dies gilt auch von dem Johannes-Evangelium. Selbst wenn es für
dieses Evangelium schwer ist, seinen Sitz im Leben zu bestimmen, weil es für
viele Bewegungen seiner Zeit offen ist und viele geistige Strömungen
hindurchschimmern, so darf man doch sagen, daß seine Verwurzelung im jüdischen
Denken und in urchristlichen Überzeugungen
181
immer
stärker erkannt wird und daß die extrem existentiale Interpretation immer
stärkere Kritik findet. Auch die johanneische Christologie ist mit aller
Intensität auf den geschichtlichen Jesus von Nazaret bezogen, Sie enthält die
Keime für die spätere christologische Entfaltung in der Kirche unter dem
Einfluß des griechischen Denkens (R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium, l,
Freiburg 1965).
12.
Kapitel
Die
Vertrauenswürdigkeit der Evangelien
a)
Die »Wahrheit« der Evangelien
Angesichts
dieser Situation erheben sich für den Gläubigen schwere Fragen. Die erste
lautet, ob wir uns den Evangelien anvertrauen dürfen, wenn sie uns die Worte
Jesu Christi nicht in ihrer Urgestalt, sondern nur in einer, auf Grund der Lage
der Kirchen verwandelten Form vermitteln. Haben die Evangelien noch Zeugniswert?
Kann man noch von ihrer Wahrheit sprechen? In der S. 169 ff. genannten
Instruktion der Bibelkommission wird ruhig und frei erklärt, daß die uns heute
vorliegenden Evangelien nicht die Worte und Taten Jesu aus der ersten
Entstehungsphase, häufig nicht einmal in der Gestalt, in der sie während der
zweiten Phase verkündet wurden, enthalten, sondern daß sie die Worte und Taten
Jesu in der Form bieten, in der die Evangelisten sie zusammengestellt und ediert
haben. Diese Endgestalt spiegelte zwar die
182
vorausgegangenen
beiden Phasen wieder, die zweite mehr als die erste. Trotzdem sei es keine
vergebliche Anstrengung, die erste Phase, d. h. die vom Munde Jesu selbst
gekommenen Worte erreichen zu wollen. (Wir werden dies in der Darstellung der
Christologie zeigen.)
b) Buchstabe und Sinn
Wenn
man diese Situation beurteilen will, so läßt sich der zunächst auftretende
religiöse Schock überwinden, wenn man bedenkt, daß sich gerade in ihr die
Dynamik des Wortes Jesu Christi zeigt. Es kommt nicht eine Buchstabenwahrheit,
sondern eine Sinn-, auf die Kraft der Worte Jesu an. Sie sind von solcher
Sinnfülle und Heilsmächtigkeit, daß sie sich für jede Lage eignen und auf
jede Lage anwenden lassen. Sie sind zugleich von einer solchen Tiefe, daß sie
der Auslegung, der Erläuterung, der Veranschaulichung, der Explikation fähig
und bedürftig sind, um in ihrer Tragweite verstanden zu werden.
Man
darf vor allem nicht übersehen, daß gerade die von den Evangelisten redigierte
Gestalt der Sprüche und Taten Jesu inspiriert ist. Die Evangelisten wurden also
von dem von Christus selbst gesandten Heiligen Geiste angeleitet, die von ihnen
gebotenen Inhalte so zusammenzufügen und so zu formulieren, wie sie es taten
und wie wir es heute vorfinden. Die Inspiration verbürgt die »Wahrheit« der
Evangelien und die Bewahrung vor dem Irrtum. Die Wahrheit ist jedoch nicht eine
Buchstabenwahrheit, sondern eine Sinnwahrheit und eine Tatsachenwahrheit. Ja,
gerade um des Verständnisses der von Christus erschlossenen Wahrheit willen
mußten sich die ersten Christuszeugen vom Buchstaben der Worte entfernen, um
die Le-
183
ser
und Hörer zur Sache, nämlich zu dem von Gott eröffneten Heil, d. h. zu der
von ihm erschlossenen absoluten Zukunft hinführen zu können. Weil im Heiligen
Geiste Jesus Christus selbst in seiner Kirche handelt, ist er es, der seine
Urworte in den Evangelien auslegt. Vielleicht kann man auch hier wieder aus der
Erfahrung zwischenmenschlicher Verhältnisse einen Zugang finden. Man kann die
Selbstauslegung Jesu Christi in den neutestamentlichen Schriften vergleichen mit
der Auseinanderfaltung, welche ein Liebender seinem einfachen und schlichten,
kurzen Wort gibt: ich liebe dich. Dieses Urwort ist anwesend und bleibt wirksam
in den vielen anderen Worten, in denen es immer wieder von neuem, aber in
anderen Weisen und Zeichen hervortritt.
13. Kapitel
Die Lehreinheit der Evangelien
Die
Verschiedenheit der Formeln, in denen das Christuszeugnis in der zweiten Phase
abgelegt wird, und die verschiedenen sonstigen Formulierungen der Heiligen
Schrift lassen die Frage hervortreten, ob es in der Urkirche eine einheitliche
Lehre über Christus gab. Die formgeschichtliche und die
redaktionsgeschichtliche Methode haben in ihren historisch-kritischen
Untersuchungen zu dem Ergebnis geführt, daß in der Schriftauslegung der
Urkirche Spannungen bestehen. In der evangelischen Theologie wird gelegentlich
geradezu von einem Zerfall der Lehreinheit gesprochen. Aber auch katholische
Theologen sprechen von einer Viel-
184
zahl,
einem Pluralismus, von neutestamentlichen Theologien bzw. Christologien. Dennoch
kann und muß man von einer Einheit sprechen. Die Einheit der Schrift ist zu
finden in der Einheit des in den verschiedenen Schriftzeugnissen bezeugten
Christusgeschehens. Diese These setzt voraus, daß man zwischen dem
Christusgeschehen und der Verkündigung dieses Geschehens unterscheiden kann.
Das Christusgeschehen wird in der Tat nicht erst durch die Christusverkündigung
geschaffen, es trägt vielmehr seine Heilsbedeutung ursprünglich in sich
selbst. Es handelt sich daher darum, dieses Christusgeschehen in den
verschiedenen Christusbezeugungen als die hinter aller Verschiedenheit stehende
und durch die verschiedenen Auslegungen hindurchwirkende Realität zu erfassen.
Die in den neutestamentlichen Schriften gesammelten und von der Kirche im Kanon
anerkannten Zeugnisse klingen ja auch in der Tat in dem Bekenntnis zu dem einen
Herrn, der einen Taufe, dem einen Gott und Vater (Eph 4,5 f) zusammen. Es
besteht bei aller Verschiedenheit eine tiefgreifende Konvergenz. Um diese
Einheit in der Vielfalt zu erkennen, bedarf es freilich der theologischen
Einsicht, daß sich die einzelnen Christuszeugen auf das gemeinsame
Christusverständnis verpflichtet wußten. Man kann dieses das formale
Einheitsprinzip nennen. Darüber hinaus lassen sich aber auch inhaltlich eine
Reihe von Momenten nennen, die trotz aller Verschiedenheit sich zu einer
spannungsreichen Einheit zusammenfinden (vgl. 0. Kuss, Die Schrift und die
Einheit der Christen, in: MThZ 18,1967,292-307).
0. Kuss sagt hierzu folgendes: »Versucht man also, mit allen Reserven.
... knapp und in sehr großen Zügen die wichtigsten Elemente zu
charakterisieren, welche den Glauben der frühesten Jüngergemeinde ausgemacht
haben, so könnte man etwa auf fol-
185
gendes
hinweisen. Erstens: ihre ersten Schritte tut die kleine Gruppe der
Jesusgläubigen durchaus im Raume des Judentums. Zweitens: Sie besitzt eine ganz
einfache Christologie, die sich an die mannigfachen Erscheinungen des
Auferstandenen anschließt: diesen Jesus hat Gott auferweckt, dessen sind wir
alle Zeugen; mit Sicherheit also soll das ganze Haus Israel erkennen, daß zum
Herm ... ihn und zum Gesalbten ... gemacht hat Gott, eben diesen Jesus, den ihr
gekreuzigt habt .... Drittens: Das Heil, welches die erste Verkündigung
verspricht, besteht in Sündenvergebung, Geistgabe und Rettung aus diesem
verkehrten Geschlecht. Viertens: Als besonderes Heilszeichen und zugleich als
Aufnahmeritus in die neue eschatologische Heilsgemeinde wird die Taufe
gespendet. Fünftens: Die Gemeinde versammelt sich zu gemeinsamem Gebet im
Tempel und zu gemeinsamen Mahlzeiten; und Tag um Tag einmütig verharrend im
Tempel und in den einzelnen Häusern, das Brot brechend, nahmen sie Speise in
Jubel und Einfalt des Herzens. Sechstens: Die Gemeinschaft betätigt sich in
weitgehender, gegenseitiger Hilfe. Siebtens: Verständlicherweise sucht die
Gemeinde schon bald nach einer Selbstrechtfertigung aus der Schrift. Achtens:
Der Glaube an die von Gott durch Jesus Christus gewirkte Rettung scheint
zunächst eine ganze Reihe von Ausdrucksformen gefunden zu haben; es gibt fürs
erste keinerlei Lehreinheit, sondern mannigfache Weisen des Verständnisses.«
(Die Rolle des Apostels Paulus in der theologischen Entwicklung der Urkirche,
in: Münchener Theol. Zeitschrift 14 (1963) 110-112.)
Was
die hellenistische Gemeinde betrifft, die sich bald nach und neben den aus
jüdischem Denken hervorgehenden Ausprägungen des neuen Glaubens konstituierte,
so läßt sich nur sagen, daß sie sich im Besitze der zentralen Wirklichkeit
befand, welche mit dem Worte ausgesprochen werden kann: Das Heil ist da (0.
Kuss).
186
14. Kapitel
Das gegenseitige Verhältnis
von Schrift und Kirche
a) Die Schrift — Ausdruck des urkirchlichen Christus-Glaubens
Die
Schrift ist entstanden, als es die Gemeinde der Jünger Jesu, die Kirche, schon
gegeben hat. Die Kirche ist also nicht das Produkt der Schrift. Die Schrift ist
vielmehr umgekehrt das Produkt der Kirche. Sie kommt aus dem Raume der Kirche,
d. h. aus der Gemeinschaft der Christusgläubigen. Sie ist die Objektivierung
der Christusverkündigung und des Christusglaubens und dadurch die Bezeugung des
in Verkündigung und Glauben anwesenden Christusgeschehens. So ergibt sich eine
reziproke Relation zwischen Kirche und Schrift. Einerseits ist die Schrift
Ausdrucksgestalt des kirchlichen Glaubens, andererseits ist die Kirche bestimmt
durch die Schrift.
Die
Herkunft der Heiligen Schrift aus dem kirchlichen Glauben kann man unter einem
doppelten Aspekt sehen: In die Schrift sind jene Glaubensformeln eingegangen, in
denen sich vor der schriftlichen Fixierung der Glaube dargestellt hat. Die
Schrift erweist sich so als ein Element der Sammlung und der Überlieferung in
der apostolischen Zeit. Sie ist der Niederschlag der ältesten Verkündigung und
des ältesten Glaubens, in welchem das historisch Überlieferte gewissenhaft und
verantwortlich aufbewahrt wurde. Außerdem ist die Kirche die Verfasserin der
Heiligen Schriften, insofern einzelne repräsentative Gläubige mit deren Namen
die Evangelien gekennzeichnet werden, die schriftliche Fixierung vorgenommen
haben.
187
Sie haben dies nicht als Privatleute getan, sondern als Repräsentanten der Gemeinschaft. So stehen, trotz der Individualität der Verfasser, die Gemeinde, ihr Glaube, ihre Glaubenssituation, ihre Glaubensschwierigkeit, ihre Glaubensproblematik, ihre Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Strömungen hinter den Evangelien. Die Heilige Schrift birgt also ein ekklesiales Grundelement in sich. Sie ist kirchlich geprägt.
b) Keine Verfügung der Kirche über die Schrift
Umgekehrt
muß nun aber auch mit allem Nachdruck betont werden, daß die Kirche, seit es
eine Schrift gibt, durch diese bestimmt ist. Wie die Schrift ekklesial, so ist
die Kirche skripturistisch konstituiert. Die Kirche ist jene
Glaubensgemeinschaft, welche die Schrift als den Ausdruck ihrer selbst
hervorgebracht hat. Wenn sie ihr ursprüngliches Selbstverständnis bewahren
will, muß sie demgemäß die Schrift als die Ausdrucksgestalt ihrer eigenen
Existenz befragen. Sie wird sich der Identität mit sich selbst in allen
Generationen bewußt, indem sie sich der Identität mit ihrer ursprünglichen
Gestalt bewußt wird, die ihr in der Schrift begegnet. Die Kirche muß daher
immerfort auf das in der Schrift ausgesagte und festgehaltene Wort hören. So
ist sie immer hörende Kirche. Indem sie auf die Schrift hört, hört sie auf
den in der Schrift bezeugten und anwesenden Christus und auf den Christus
bezeugenden Heiligen Geist. Wenn sie die Schrift verlassen würde, würde sie
Christus und den Geist und sich selbst verlassen. So bleibt die Schrift immer
die Norm des rechten kirchlichen Selbstverständnisses. Die Schrift selbst aber
ist nicht mehr normiert. Sie ist, wie man sagt, die norma normans non normata.
Im Grunde bedeutet diese These nichts anderes, als daß
188
der
im Heiligen Geiste präsente Christus die nicht normierte Norm der Kirche ist.
In dieser Überzeugung begegnen einander evangelische und katholische Theologie.
Die
Normierung der Kirche durch die Schrift hat zur Folge, daß die Kirche nie über
die Schrift oder über den in ihr bezeugten Christus verfügen kann, sie bleibt
vielmehr unter der Herrschaft Jesu Christi (W. Kasper). Wenn er auch in die
Schrift eingegangen ist, so ist er doch größer als die Schrift. Soweit er aber
in ihr präsent ist und wirkt, wirkt er als das Haupt seines Leibes der Kirche
(Leo Scheffczyk). Ihr Selbstverständnis aber ist impliziert in ihrem
Christusverständnis. Sie interpretiert und entfaltet die Schrift aus ihrem
gläubigen Christusverständnis, dies heißt: in dem sie belebenden Heiligen
Geist. Indem die Kirche die Schrift und den in ihr bezeugten Herrn
interpretiert, interpretiert der Heilige Geist. Insofern er der »Verfasser«
der Schrift ist, ist seine Schriftinterpretation eine Selbstinterpretation, oder
vielmehr: eine Christus-Interpretation. Ja, da Christus selbst im Heiligen
Geist in der Kirche wirksam ist, ist die Schriftinterpretation der Kirche eine
Selbstinterpretation Christi im Heiligen Geist. So ist Christus Inhalt und
Subjekt der kirchlichen Schrifterklärung.
Welche
Schattierungen das Prinzip von der Schrift als der nicht normierten Norm der
Kirche erhalten muß, wenn sie nicht als mechanische Apparatur mißverstanden
oder zu einer götzenartigen Hypostase emporgesteigert werden soll, wird sich
sogleich zeigen. Der Kirche ist die Verkündigung, die Auslegung und die
Explikation der Heiligen Schrift anvertraut. Wenn die Kirche in der Schrift
ihren Christusglauben und ihr Christusverständnis objektiviert hat, führt dies
notwendig zu der These, daß ihr das authentische
189
Verständnis
der Schrift zukommt. Ihr Schriftverständnis fließt aus ihrem
Selbstverständnis, wie ihr Selbstverständnis in der Schrift objektiviert ist.
c) Kein Buchglaube
Die
aktive Relation der Kirche zur Schrift hat die Folge, daß das Christentum trotz
der Bindung an ein Buch nicht zu einer Buchreligion wird und daß die Christen
in ihrem Christusglauben nicht zu einer Lesergemeindewerden. Das Christentum
bleibt vielmehr eine Gemeinschaft der Hörer (s. H. Schürmann, Lukanische
Reflexionen über die Wortverkündigung in Lk 8,4-21, in: Wahrheit und
Verkündigung, Paderborn 1967,213-228). Der Glaube kommt, wie Paulus mit
Bestimmtheit sagt, vom Hören (Röm 10,17). Das Hören aber setzt das
Verkündigen voraus.
Dennoch ist die schriftliche Fixierung der apostolischen Verkündigung weder überflüssig noch sinnwidrig. Man darf als Grund für die schriftliche Fixierung annehmen, daß diese die Gewähr bietet, daß in der Überlieferung des apostolischen Wortes keine menschlichen Auslassungen oder Hinzufügungen, keine Depravationen und Fabeleien dazwischentraten. Außerdem kann das geschriebene Wort, wenn auch nur als Notbehelf, auch solche Menschen erreichen, welche die kirchliche Verkündigung nicht unmittelbar erreichen kann. Christus spricht auch in einer solchen Situation den lesenden Menschen an, so daß dieser zum Hörer wird.
d) Verantwortung der Kirche gegenüber der Schrift
Die
Schrift ist also ein Medium, durch welches die kirchliche Verkündigung ihre
Zuverlässigkeit bewahrt.
190
Der
erste Schritt, den die Kirche hierbei tut, ist die Bezeugung und Vorlage der
Schrift als der Übermittlung des Gotteswortes. Ohne dieses kirchliche Zeugnis
könnten wir nicht wissen, daß sich die Schrift prinzipiell von anderen, aus
dem Altertum zu uns gekommenen religiösen Schriften unterscheidet. Es ist die
Kirche, durch welche die Schrift als Überlieferung des Gotteswortes zu uns
gekommen ist.
Die wichtigste Stufe ist jedoch die Verkündigung des in der Schrift enthaltenen Gotteswortes. Ohne die Verkündigung bliebe die Schrift ein toter Buchstabe. Es genügt nicht, sie wie eine Urkunde oder wie ein Dokument zu erforschen. Bei einem solchen Vorgang käme sie nicht zum Sprechen. Wenn der Heilige Geist sich in der Schrift objektiviert hat, so tat er es nicht, um objektiv vorhanden zu sein, sondern um von einem greifbaren und sichtbaren Orte aus durch das Wort der Menschen zu den Menschen zu sprechen. Er ist der Anrede an den Menschen und dem Anspruch an ihn durch die kirchliche Verkündigung zugeordnet. Wenn die Kirche nicht durch irgendein anderes Medium, wie etwa durch den Sternenhimmel oder das Leuchten des Meeres oder den Glanz der Blumen Christus verkündet, sondern durch das Medium der Schrift, so hat dies eben gerade darin seinen Grund, daß der Heilige Geist als der durch die Kirche hindurch in der Schrift Anwesende ist und sein Wort aktualisiert.
e) ökumenische Problematik
Mit
diesen Thesen unterscheidet sich die katholische Vorstellung von der Schrift
nicht unbeträchtlich von der evangelischen, wenngleich sie in wesentlichen
Fragen heute mit dieser übereinstimmt.
191
Es
scheint in der evangelischen Theologie eine heute weithin akzeptierte These zu
sein, daß die Schrift Gottes Wort je und je wird, wenn Gott durch die Schrift
den einzelnen Menschen in der Erleuchtung durch den Heiligen Geist berührt.
Diese These könnte in die katholische Theologie aufgenommen werden, wenn mit
ihr nicht das Wesen, sondern die Funktion der Schrift beschrieben werden sollte.
Es gilt in der Tat: auch wenn die Schrift das vom Heiligen Geiste im
menschlichen Wort investierte Gotteswort ist, so wird sie doch als Gotteswort
nur wirksam im Glaubenden. Für den Nichtglaubenden ist sie nicht mehr als
religiöse Literatur. Daß sie aber im Glaubenden als Gottes Wort wirksam sein
kann, hat darin seinen Grund, daß sie schon vorgängig Gottes Wort ist oder
Gottes Wort enthält. Das Tun ruht auf dem Sein. Das Sein bewährt sich im Tun.
Die evangelische Theologie ist seit Luther der Meinung, daß dem Leser der
Heilige Geist selbst durch seine innere Wirksamkeit die Schrift als Gotteswort
bezeugt. Diese These braucht von dem katholischen Theologen nicht
schlechterdings abgelehnt zu werden. Sie hat vielmehr insofern eine hohe
theologische und religiöse Bedeutung, als in der Tat der Heilige Geist in der
Schrift wirksam ist. Die These wird erst dadurch einseitig, daß sie das innere
Zeugnis des Heiligen Geistes von der kirchlichen Verkündigung isoliert.
Manche
Gegensätze zwischen den Kirchen beruhen wohl auf einem Mißverständnis. Das
entscheidende ist darin zu sehen, daß von evangelischer Seite die Meinung
vertreten wird, die katholische Kirche reiße eine Autorität über die Schrift
an sich, wenn sie beanspruche, die Schrift zu verkünden und auszulegen.
Die
evangelische Theologie fürchtet, daß die Schriftauffassung der katholischen
Kirche dazu führe,
192
daß
der gläubige Dialog mit Gott unvermerkt hinübergleitet in ein reines
Selbstgespräch der Kirche, d. h. daß die Kirche in die Schrift ihre eigenen
Absichten und Wünsche hineininterpretiert. Diese Sorge ruft indes sogleich den
Gegeneinwand des katholischen Theologen hervor, daß die Ansicht von einem bloß
ereignishaften und faktischen Wirken des Gotteswortes im einzelnen die Gefahr
heraufbeschwört, daß das Wort in die Regie des einzelnen gerät (L. Scheffczyk).
Zudem ist zu bedenken, daß die kirchliche Schriftauslegung im Glaubensgehorsam
gegenüber dem Worte Gottes geschieht. Sie ist Dienst am Wort. Im Glauben an
Christus besitzt die Kirche das erforderliche »Vorverständnis«, d. h. das
notwendige Sach- und Lebensverhältnis zu dem Schriftzeugnis über Christus. Die
Schrift verliert nicht die ihr zukommende normative Autonomie, wenn sie in die
kirchliche Auslegungsgestalt eingeht. Sie fordert diese vielmehr.
Nach
der evangelischen Theologie hat die Schrift selbst eine formale Autorität über
den Leser. Diese These findet in der katholischen Theologie die Abwandlung, daß
die formale Autorität unmittelbar der Kirche zukommt, und zwar als der
Gemeinschaft der Christusgläubigen, welche durch die Träger des Lehramtes in
einer besonderen Weise charakterisiert ist, daß jedoch der Schrift die
materiale Autorität eigen ist. Die Kirche bestimmt nicht den Inhalt der
Schrift, noch weniger schafft sie ihn. Ihre Aufgabe ist es lediglich, ihn zu
verkündigen und zur Geltung zu bringen. Wenn sie solches leistet, so drückt
sich eben darin die ekklesiale Konstitution der Schrift aus. Diese ist primär
nicht dem einzelnen als einzelnen zugeordnet, sondern ist das Buch der
Gemeinschaft, da sich in ihr der Gemeinschaftsglaube der Urkirche objektiviert
hat; das Buch des einzelnen ist sie, indem er Glied der Ge-
193
meinschaft
ist. Es ist daher auch die Gemeinschaft, welche die Verantwortung dafür trägt,
daß der Inhalt des Buches zu den Menschen kommt. Wenn hier die Gemeinschaft als
solche mit der Verantwortung beladen wird, so soll noch einmal betont werden,
daß innerhalb der Gemeinschaft einigen Gliedern, nämlich den Trägern des
kirchlichen Lehramtes, auf Grund der Verfügung Christi eine besondere Aufgabe
obliegt. Deren Erfüllung aber ist Dienst an der Gemeinschaft, indem sie Dienst
an der Schrift ist.
f) Klarheit der Heiligen Schrift?
Die
Kirche kann ihrer Verkündigungsaufgabe nur gerecht werden, wenn sie die Schrift
auslegt und zugleich entfaltet. Es fragt sich allerdings, ob die Schrift einer
Auslegung bedürftig ist, oder ob sie sich nicht vielmehr auf Grund der ihr
eigenen Klarheit selbst auslegt. Es wäre auf jeden Fall sonderbar und wenig
verständlich, wenn die Schrift so dunkel und unverständlich wäre, daß sie
einem einfachen und schlichten Gläubigen in ihrem Kernzeugnis an sich
unzugänglich bliebe. Sie würde so zu einer mystizistischen Geheimschrift
entstellt werden. Luther hat bekanntlich die innere Klarheit, welche der Leser
als Vergewisserung seines Heiles erfährt, von der äußeren Klarheit
unterschieden und erklärt, diese letztere befähige das öffentliche Predigtamt,
die Botschaft von Christus so zu verkündigen, daß die Schwachen im Glauben
gestärkt und die Gegner widerlegt werden. Als Gegenstände dieser äußeren
Klarheit gab er an: Inkarnation, stellvertretendes Leiden, himmlisches Regiment
und die alles erhellende Auferweckung Jesu Christi, ferner das ganze
trinitarische und christologische Dogma. Das Zentrum dieser nach seiner Meinung
in der Schrift klar
194
hervortretenden
Wirklichkeiten ist nach ihm Jesus Christus. Mit seiner Lehre von der äußeren
Klarheit der Schrift hat Luther nicht verneint, daß es in der Schrift auch
unklare Sätze gibt.
Man
wird wohl nicht behaupten können, daß hinsichtlich der »äußeren Klarheit«
der Schrift, wie sie von Luther verstanden wird, ein tiefgreifender Unterschied
zwischen seiner und der katholischen Überzeugung besteht. Denn auch nach der
letzteren ist die Schrift nicht ein siebenfach versiegeltes Buch. Vielmehr
liegen auch nach ihr der Heilstod Christi und die Auferweckung sowie die
Vergebung der Sünden und die Berufung der Menschen zur Verklärung offen
zutage. Die Problematik der Klarheit oder Unklarheit der Schrift würde, soweit
es sich um die von Luther genannten Hauptlehren handelt, nicht unbedingt die
Tätigkeit des kirchlichen Lehramtes erfordern. Dies hat vielmehr die Aufgabe,
das in der Schrift Bezeugte im lebendigen Wort zu verkündigen, zu
interpretieren und gegen Fehldeutungen zu verteidigen. Mag nämlich das
geschriebene Wort auch in Bezug auf Dauer, Selbständigkeit, Unabhängigkeit,
Normativität dem flüchtigen, gesprochenen Worte überlegen sein, so ist doch
die Schriftlichkeit nur ein Durchgangsmoment auf dem Wege zur bleibenden
Lebendigkeit des gesprochenen Wortes. Wenn eine Schrift nur als Werk in einer
Bibliothek existiert, hat sie, wie L. Scheffczyk sagt, ihre Worthaftigkeit
eingebüßt, mag sie auch der Kenntnisnahme von seiten des Menschen zugeordnet
bleiben. Die Heilige Schrift ist aber, wie sie aus der lebendigen Verkündigung
geboren wurde, so auch von vornherein der lebendigen Verkündigung zugeordnet.
Diese entbindet daher die der Schrift ursprünglich eigene Lebendigkeit des
gesprochenen Wortes. Daß die Heilige Schrift zu ihrem Ziele in der Anrede und
im
195
Anspruch
kommt und so erst ihren Sinn auswirkt, ist durch ihre Zugehörigkeit zur Kirche
gewährleistet (für das Ganze L. Scheffczyk, vgl. S. 86).
15. Kapitel
Die Schriftauslegung
a)
Theologisch-wissenschaftliche Auslegung
Was
die Auslegung der Heiligen Schrift betrifft, ohne welche ihre Verkündigung
nicht möglich ist, so ist sie gefordert durch die Geschichtlichkeit der Schrift
und die Geschichtlichkeit der Kirche. Das in der Schrift enthaltene Gotteswort
stellt schon eine Übersetzung aus der ursprünglichen Gestalt in eine neue dar.
Wenn das Gotteswort die Menschen nur erreicht durch den Dienst des
Menschenwortes, so hat dies für die Verkündigung der Kirche eine Folge, deren
Tragweite nicht abzusehen ist. Denn das Menschenwort, in welchem das Gotteswort
erscheint, ist naturgemäß jeweils durch die sprachliche, ja durch die gesamte
kulturelle Lage einer Zeit und durch die individuelle Eigenart des Gottesboten
bestimmt und begrenzt. Die Denkweisen der Menschen, ihre kulturellen Formen,
ihre Bildungsarten ändern sich nach geheimnisvollen Gesetzen in einem
ununterbrochenem Fluß. Dies führt dazu, daß, was einer Generation
verständlich ist, einer anderen schwer zugänglich und veraltet erscheint. Das
Wort Gottes selbst ist immer jung. Aber die Sprache, in der es sich den Menschen
zuwendet,
196
nimmt
an dem Gesetz jeder menschlichen Kulturgeschichte teil. Sie kann so sehr
veralten, daß der in ihm präsente göttliche Inhalt einer Generation nicht
mehr leicht erreichbar wird, weil sich inzwischen neue Denkformen und
Kulturbilder entwickelt haben (siehe jedoch das im Vorwort Gesagte). Die Kirche
würde ihrer Verkündigungsaufgabe nicht mehr gerecht, wenn sie die göttliche
Offenbarung in Worten verkünden würde, die nur der Vergangenheit angehören
und der Gegenwart wie Hieroglyphen vorkommen. Sie muß also eine
Übersetzungsarbeit leisten. Dies aber heißt, daß sie sich in ihrer
Verkündigung von der früheren Gestalt des Gotteswortes entfernen muß,
gerade um bei ihm zu bleiben.
Wenn
sich Gottes Wort durch den Menschen und in der Menschenweise an die Menschen
wendet, so entsteht eine Spannung zwischen dem Worte Gottes und dem Worte des
Menschen. Der Mensch bleibt ja mit seinem Worte immer notwendigerweise hinter
dem Worte Gottes, das Gott den Menschen in seinem ewigen Heilswillen zugedacht
hat, zurück. Er kann das zu Sagende nicht in einer adäquaten Weise zum
Ausdruck bringen. Die menschliche Sprache kann die göttliche nicht einholen. So
kommt hier die Problematik der Sprache, die Sprachphilosophie und Sprachlogik in
das Spiel. Hierüber gibt es eine reiche Literatur, wenngleich das Problem noch
zahlreicher und tiefgreifender weiterer Forschungen bedarf. Vorerst sei auf
folgende Werke aufmerksam gemacht: H. Noack, Sprache und Offenbarung. Zur
Grenzbestimmung von Sprachphilosophie und Sprachtheologie, Gütersloh 1960; G.
Söhngen, Analogie und Metapher, Kleine Philosophie und Theologie der Sprache,
Freiburg 1962; H.-G. Gadamer, Wahrheit und Methode, Grundzüge einer
philosophischen Hermeneutik, Tübingen
197
1962;
G. Stachel. Die neue Hermeneutik, Ein Überblick, München 1968, E. Biser,
Theologische Sprachtheorie und Hermeneutik, München 1970. Dazu die schon gen.
Arbeiten von E. Biser.
Wie
sich schon die Verfasser der Heiligen Schriften von dem theologischen Urwort des
Kerygmas bis zu einem gewissen Grade entfernen mußten, um ihren Lesern und
Hörern die Sache zugänglich zu machen, so ist die Kirche immerfort vor die
Forderung gestellt, um der Sache willen in ihrer Verkündigung den Buchstaben zu
übersteigern, ohne ihn aufzugeben.
Die
neue Denkweise kann bestimmt sein durch vorphilosophische, philosophische,
kosmische oder sonstige Vorstellungen und durch ein in seinen Ursprüngen nicht
zu erklärendes Lebensgefühl. So mußte sie z. B. in jener Zeit, als die
Botschaft von Jesus, dem Messias, die Enge des jüdischen Raumes verließ und in
die Weite der hellenistischen Kultur vorstieß, die Heilsbotschaft vordem
Horizont eben dieser universalen Kultur und in der Auseinandersetzung mit ihr
und mit ihren Mitteln verkünden. Sie mußte in der Neuzeit, als die
universal-kosmische Denkweise durch die universal-geschichtliche Denkform
infiltriert wurde, die Offenbarung Jesu Christi vor dem
universal-geschichtlichen Horizont auslegen. Sie muß in der Gegenwart die
einmalige und ein für allemal geschehene göttliche Selbsterschließung vor dem
Horizont der radikalen Verweltlichung der Welt und der radikalen
Zukunftshoffnung der Menschheit interpretieren und formulieren, und zwar in
Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen und weltlich-eschatologischen
Positionen. Ein statischer, positivistischer Biblizismus, der den Buchstaben
nicht zu transzendieren wagt, widerspricht dem Wesen und Sinn der Schrift.
198
Die
Auslegung der in der Heiligen Schrift berichteten Worte und Ereignisse ist um so
schwieriger, weil es sich um Phänomene handelt, die im üblichen Leben nicht
vorkommen, die also keine Parallelen haben zu unserem Alltag oder in den großen
geschichtlichen Ereignissen.
Für
die Auslegung gehören zwei Methoden zusammen: die kritisch-historische und die
hermeneutische (die grammatische und die zeitgeschichtliche). Zum ersten Male
hat Pius XII. in seiner Enzyklika »Divino afflante Spiritu« vom Jahre 1943
einen von dem Stande der wissenschaftlichen Exegese geforderten und ihr
angemessenen Durchstoß gemacht, vor allem durch seine Forderung, bei der
Schrifterklärung die literarische Gattung und die Zeitumstände
einzukalkulieren (siehe S. 159). Da das Verdienst des Papstes um die Exegese, d.
h. um die gesamte Theologie nicht selten übersehen oder heruntergespielt wird,
sei aus der genannten Enzyklika ein längerer Text angeführt:
Der
Exeget muß daher mit aller Sorgfalt, ohne irgendeine Erkenntnis zu
vernachlässigen, die die neuere Forschung gebracht hat, festzustellen suchen,
welches die Eigenart und Lebenslage des biblischen Schriftstellers war. In
welcher Zeit er lebte, welche mündlichen und schriftlichen Quellen er benutzte,
welcher Redegattung er sich bediente. Auf diese Weise wird er vollkommener
erkennen, wer der biblische Schriftsteller war und was er mit seinem Werk
beabsichtigte. Es kann ja keinem entgehen, daß die wichtigste Regel für die
Auslegung die ist, daß man genau bestimme, was der Schriftsteller zu sagen
beabsichtigte. So mahnt schon der hl. Athanasius: »Hier muß man, wie es an
allen anderen Stellen der Heiligen Schrift zu geschehen hat, darauf achten, aus
welchem Anlaß der Apostel redet; man muß genau und gewissenhaft beachten, wer
der Verfasser ist und welches die Sache, deretwegen er geschrieben hat, damit
man nicht aus Unwissenheit oder Mißverständnis vom richtigen Sinn abweicht«.
Der
Literalsinn einer Stelle liegt indes bei den Worten und Schriften
altorientalischer Autoren oft nicht so klar zutage, wie bei unseren heutigen
Schriftstellern. Was die alten Orientalen mit ih-
199
ren
Worten ausdrücken wollten, läßt sich nicht durch die bloßen Regeln der
Grammatik oder Philologie oder allein aus dem Zusammenhang bestimmen; der Exeget
muß sozusagen im Geiste zurückkehren in jene fernen Jahrhunderte des Orients
und mit Hilfe der Geschichte, der Archäologie, der Ethnologie und anderer
Wissenschaften genau bestimmen, welche literarischen Arten die Schriftsteller
jener alten Zeit anwenden wollten und in Wirklichkeit anwandten. Die alten
Orientalen bedienen sich nämlich zum Ausdruck ihrer Gedanken nicht immer der
gleichen Formen und Sprechwaisen wie wir, sondern vielmehr derjenigen, die bei
den Menschen ihrer Zeit und ihres Landes üblich waren. Welches diese Redeformen
waren, kann der Exeget nicht a priori feststellen, sondern nur mit Hilfe einer
sorgfältigen Durchforschung der altorientalischen Literatur. Diese
Durchforschung nun, die in den letzten Jahrzehnten mit größerer Sorgfalt und
Aufmerksamkeit gemacht worden ist als früher, hat klarer gezeigt, welche
Redegattungen in der alten Zeit für die dichterische Schilderung, für die
Darstellung der Regeln und Gesetze des Lebens, sowie für die Erzählung
geschichtlicher Tatsachen und Ereignisse verwendet wurden. Wer einen richtigen
Begriff von der biblischen Inspiration hat, wird sich nicht wundern, daß auch
bei den biblischen Schriftstellern, wie bei den anderen alten Autoren, gewisse
Formen der Darstellung und Erzählung vorkommen, gewisse Eigenheiten, die
besonders den semitischen Sprachen angehören, Darstellungen, die man
»angenähert« nennen könnte, gewisse hyperbolische Redeweisen, ja sogar
bisweilen paradoxe Ausdrücke, die dazu dienen, die Dinge dem Geiste fester
einzuprägen. Ist ja doch den Heiligen Büchern keine jener Redeformen fremd,
deren sich die menschliche Sprache bei den Alten, besonders im Orient, zum
Ausdruck der Gedanken zu bedienen pflegte ...
Um
den heutigen Erfordernissen der Bibelwissenschaft zu entsprechen, muß deshalb
der katholische Exeget bei der Auslegung der Heiligen Schrift und beim Nachweis
ihrer Irrtumslosigkeit auch dieses Hilfsmittel in kluger Weise benutzen und
zusehen, was die Redegattung oder literarische Art, die der heilige
Schriftsteller gebraucht, für die richtige und zutreffende Erklärung bedeutet,
und er soll überzeugt sein, daß er diese Seite seiner Aufgabe ohne großen
Nachteil für die katholische Exegese nicht vernachlässigen darf. Nicht selten
nämlich — um nur dies eine zu berühren — wenn manche Leute immer wieder
den Vorwurf erheben, die biblischen Schriftsteller seien von der geschichtlichen
Treue abgewichen oder hätten die Tatsachen weniger genau berichtet, handelt
200
es
sich offensichtlich nur um die gebräuchlichen, den Alten eigenen Reden und
Erzählungsarten, die man im gegenseitigen Verkehr allenthalben anzuwenden
pflegte und die anerkanntermaßen im täglichen Umgang als erlaubt betrachtet
wurden. Die Billigkeit und Gerechtigkeit des Urteils verlangt daher, daß
derartige Ausdrucksweisen, wenn sie sich in dem für die Menschen nach
Menschenweise ausgedrückten Wort Gottes finden, ebensowenig des Irrtums
geziehen werden, als wenn sie im tagtäglichen Leben gebraucht werden.
Diese
Wissenschaft der Textkritik, die bei der Herausgabe von Profanschriften
anerkennenswert und erfolgreich angewandt wird, betätigt sich heute mit Fug und
Recht auch an den Heiligen Büchern, gerade wegen der Ehrfurcht, die wir dem
Wort Gottes schulden. Ihre Aufgabe ist es ja, den heiligen Text, soweit
möglich, in vollkommenster Weise wiederherzustellen, ihn von den Verderbnissen,
die aus der Unzuverlässigkeit der Abschreiber stammen, zu reinigen und ihn
tunlichst zu befreien von Zusätzen und Lücken, von Umstellungen und
Wiederholungen und von anderen derartigen Fehlern, die sich bei
jahrhundertelanger Überlieferung in die Schriftwerke einzuschleichen pflegen.
Die Textkritik, die manche Gelehrte vor einigen Jahrzehnten noch ganz
willkürlich angewandt haben, ist nicht selten so, daß man hätte meinen
können, sie täten es, um ihre vorgefaßten Ansichten in den heiligen Text
hineinzutragen, hat heute — es ist kaum nötig zu bemerken — eine derartige
Festigkeit und Sicherheit in ihren Regeln erreicht, daß sie ein treffliches
Werkzeug geworden ist, um die Heilige Schrift reiner und genauer herauszugeben,
und daß sich andererseits jeder Mißbrauch leicht feststellen läßt. Es
braucht hier auch nicht daran erinnert zu werden — allen, die sich mit dem
Studium der Heiligen Schrift befassen, ist es ja bekannt und geläufig —. wie
hoch die Kirche von Anfang bis heute die textkritischen Studien in Ehren
gehalten hat.
Mit
der Kenntnis der alten Sprachen und mit den Hilfsmitteln der Textkritik
trefflich gerüstet, soll der katholische Exeget an die Aufgabe herangehen, die
von allen ihm gestellten die höchste ist, an die Auffindung und Erklärung des
wahren Sinnes der heiligen Bücher. Dabei mögen die Schrifterklärer sich
gegenwärtig halten, daß es ihre erste und angelegentlichste Sorge sein muß,
klar zu erkennen und zu bestimmen, welches der Literalsinn der biblischen Worte
ist. Diesen Literalsinn der Worte sollen sie mit aller Sorgfalt durch die
Kenntnis der Sprachen ermitteln, unter Zuhilfenahme des Zusammenhangs und des
Vergleichs mit ähnlichen Stellen —
201
Hilfsmittel,
die man alle auch bei der Erklärung profaner Schriften heranzuziehen pflegt,
— damit der Gedanke des Schriftstellers klar zum Ausdruck kommt. Die Erklärer
der Heiligen Schrift mögen sich aber daran erinnern, daß es sich hier um das
inspirierte Gotteswort handelt, das Gott selbst der Kirche zur Hut und zur
Erklärung anvertraut hat, und deshalb mit nicht weniger Sorgfalt den
Erklärungen und Bestimmungen des kirchlichen Lehramtes Rechnung tragen, sowie
auch den Auslegungen der heiligen Väter und der »Analogie des Glaubens«. Mit
besonderem Eifer aber sollen sie darauf bedacht sein, daß sie nicht bloß die
Dinge erläutern, die der Geschichte, Archäologie, Philologie und anderen
derartigen Wissenschaften angehören. Gewiß sollen sie derartiges, soweit es
der Exegese nützlich ist, in zweckdienlicher Weise vorbringen, aber vor allem
müssen sie zeigen, welches der theologische Lehrgehalt der einzelnen Bücher
und Texte in Glaubens- und Sittenfragen ist. Dadurch soll ihre Schrifterklärung
nicht bloß den Theologen bei der Darlegung und dem Beweis der Glaubenslehren
von Nutzen sein, sondern ebenso den Priestern bei der Verkündigung der
christlichen Lehre vor dem Volk dienen und schließlich allen Gläubigen dazu
behilflich sein, ein heiliges, eines Christen würdiges Leben zu führen ...
Gewiß
ist nicht jeder geistige Sinn aus der Heiligen Schrift ausgeschlossen.
Aussprüche und Geschehnisse des Alten Testamentes hat Gott in seiner Weisheit
so angeordnet und eingerichtet, daß das Vergangene geistigerweise das
vorausbedeutete, was im Neuen Bund der Gnade geschehen sollte. Wie darum der
Exeget den Uteralsinn der Worte, den der heilige Schriftsteller beabsichtigte
und ausdrückte, auffinden und erklären muß, so auch den geistigen, sofern nur
gebührend feststeht, daß Gott diesen Sinn wirklich gewollt hat. Denn nur Gott
konnte diesen geistigen Sinn kennen und uns offenbaren. Diesen Sinn zeigt und
lehrt uns in den Evangelien der göttliche Heiland selbst; ihn verkünden auch,
nach dem Beispiel des Meisters, die Apostel in Wort und Schrift; ihn zeigt die
ununterbrochene Überlieferung der Kirche; ihn beweist endlich die uralte
Verwendung in der Liturgie, wo immer das Bekannte angewandt werden kann.
Diese
Verwendung der Heiligen Schrift ist ihr, was man nie vergessen darf,
gewissermaßen äußerlich und zusätzlich und dazu, besonders heute, nicht ohne
Gefahr; denn die Gläubigen, vor allem, wenn sie in den heiligen und den
profanen Wissenschaften gebildet sind, wollen wissen, was Gott selbst in der
Heiligen
202
Schrift
uns lehrt, nicht was ein beredter Prediger oder Schriftsteller mit geschickter
Verwendung biblischer Worte vorträgt.
Der
Papst ermahnt die Theologen auch, keine Hilfe unbenutzt zu lassen, welche die
Altertumswissenschaft für ein tieferes und klareres Verständnis der Gedanken
des heiligen Schriftstellers bietet: »Unsere Vertreter der Bibelwissenschaft
sollen also auch diesem Punkt (dem Studium der Altertumswissenschaft)
gebührende Aufmerksamkeit schenken und nichts unberücksichtigt lassen, was die
Archäologie, die alte Geschichte und die Geschichte der alten Literatur an
Neuem gebracht hat und was dazu dient, daß man die Absicht der alten
Schriftsteller und ihre Art und Weise zu danken, zu erzählen und zu schreiben,
richtig erfaßt. In dieser Hinsicht mögen auch die katholischen Laien daran
denken, daß sie nicht nur einen nützlichen Beitrag zum profanen Wissen
leisten, sondern sich auch um das Christentum höchst verdient machen, wenn sie
sich mit allem gebührenden Eifer und Fleiß der Erforschung und Untersuchung
des Altertums widmen und an der Lösung solcher bisher nicht geklärter Fragen
nach Kräften mithelfen. Jede menschliche Erkenntnis, auch wenn sie nicht
religiösen Charakters ist, hat schon in sich eine ihr eigene Würde und Hoheit
— ist sie doch eine endliche Anteilnahme an Gottes unendlicher Erkenntnis —;
wenn sie aber dazu verwendet wird, Fragen, die Gott und Göttliches betreffen,
heller zu beleuchten, so erhält sie dadurch eine neue höhere Würde und
Weihe".
Nach diesen Ausführungen ist es vorrangig, aufgrund des Literalsinnes zu
erforschen, was der Hagio-graph und durch sein Wort Gott mitteilen wollten.
Dabei muß man mit vielen Literaturgattungen rechnen, mit geschichtlicher,
philosophischer, erzählender, legendärer, alltäglicher Redeform usw. Es ist
nicht immer leicht zu entscheiden, welche literarische Gattung vorliegt. Aber
gerade von dieser Einsicht hängt weithin die Beurteilung des Textes ab.
Beachtlich ist, daß der Papst den »volleren« Sinn (sensus plenior) der
Schrift nicht ablehnt, d. h. die Meinung, daß Gott in dem Worte des
Hagiographen möglicherweise mehr sagen will, als der Hagiograph selbst sagen
will oder auch nur weiß.
203
In
der Schrift selbst wird die Tatsache bezeugt, daß sie einen über den Wortsinn
hinausgehenden geistlichen, vom Heiligen Geist bei ihrer Abfassung
beabsichtigten Sinn hat. Diesen Sinn entschleiert der Geist. Er bewirkt, daß
der Dienst am Schriftwort nicht ein Dienst des Buchstabens und des Todes,
sondern des Geistes und Lebens wird (2 Kor 3,4-18; 1 Kor 10,1-11; Gal 4,21-31).
Vgl. den Artikel allegoreo
von Büchsel in Kittels Wörterbuch zum NT 260-264.
So bedeutungsvoll der geistliche Sinn eines Schrifttextes auch ist, so muß er doch im einzelnen im Wortsinn begründet oder durch andere Schrifttexte oder durch das kirchliche Lehramt und die kirchliche Überlieferung verbürgt sein, wenn die Schrifterklärung nicht der Willkür des Erklärers ausgeliefert werden soll. Nach dem heiligen Thomas ist für theologische Argumentationen nur der Wortsinn verwertbar.
b) Die Kirche und die Schriftauslegung
Diese
These gewinnt ein besonderes Gewicht, wenn man bedenkt, daß die Schrift trotz
der ihr innewohnenden Klarheit hinsichtlich ihres Lehrkerns (Rettung durch
Christus und allein durch ihn) die Möglichkeit zu sehr verschiedenen
Interpretationen in der Aufhellung der Kernlehre bietet. Es sei nur an die
gegensätzlichen Auslegungen der Einsetzungsworte oder der »Brüder« Jesu
erinnert, um aus der Fülle zwei Beispiele zu nennen. Der Grund hierfür liegt
nicht in dem geringeren oder größeren philologischen Wissen der Interpreten,
auch nicht in deren gutem oder bösem Willen, sondern im Text selbst bzw. in der
Art des menschlichen Erkennens. Der Mensch kann nicht von sich selbst
abstrahieren. Er kann die Wirklichkeit immer nur von einem bestimmten, von
seinem Stand-
204
punkt
aus sehen. Er sieht sie in einer bestimmten Perspektive. Deshalb ist die
Auslegung durch den vorgängigen Glaubensstandpunkt bestimmt. Dies bedeutet
nicht, daß subjektive Elemente in die Auslegung getragen werden und aus der
Schrift herausgelesen wird, was nicht in ihr steht. Denn die
Glaubensgemeinschaft, die Kirche, bestimmt auf Grund ihres Christusglaubens,
welche von den philologisch möglichen, wenn auch nicht zwingenden
Textinterpretationen die zutreffende ist. Wer nach dem Prinzip der sola
scriptura unbeschwert von Tradition und kirchlicher Lehrentfaltung die Schrift
unmittelbar zu verstehen versucht, steht in der Gefahr, seinen eigenen Geist
bzw. den Geist der Zeit der Schrift aufzubürden.
Man kann die Gegensätzlichkeit der Schriftinterpretation, die Widersprüchlichkeit der aus der Schrift erhobenen Lehren nicht damit rechtfertigen, daß der Glaube immer um neue, vertiefte Einsichten ringt. Denn die verschiedenen Interpretationen sind im wesentlichen von vorneherein durch den Glaubensstandpunkt bedingt und verfestigt (0. Kuss, Die Schrift und die Einheit der Christen, in: Münchener Theologische Zeitschrift 18,1967,299). Die Kirche verbürgt die Richtigkeit einer Interpretation nicht mit einem die wissenschaftlich-philologische Erkenntnis überbietenden philologischen Sachverstand, sondern in einer auf der philologischen Auslegung aufruhenden, im Glauben, d. h. im Heiligen Geist verwurzelten Entscheidung.
c) Unerschöpflichkeit der Schriftauslegung
Die
Schriftauslegung durch die Kirche ist, da es um die Auslegung des Mysteriums
Christi und Gottes geht, unerschöpflich. Die Kirche muß immer wieder die
Schrift selbst gläubig befragen und darf nicht le-
205
diglich
schon vorhandene kirchliche Interpretationen logisch oder psychologisch
weiterentwickeln. Sie darf diese auch nicht ignorieren oder negieren. Dies
verbietet die geschichtliche Kontinuität der kirchlichen Existenz. Ein solches
Verfahren käme der Selbstaufgabe der Kirche, der Verleugnung ihres
geschichtlichen Selbstverständnisses gleich. Die Kirche kann Schriftauslegung
nur vornehmen unter Beachtung der jeweils von ihr bzw. vom Heiligen Geist schon
vollzogenen Interpretation und mit deren Integration in das jeweils für weitere
Auslegungen offene Ganze ihres Schriftverständnisses. Jede folgende, in einem
neuen geistigen Horizont geschehende Auslegung führt zwar über die
vorausgehende, in einem anderen geistigen Horizont vollzogene hinaus. Sie kann
jedoch mit der vorausgehenden nicht in förmlichen Widerspruch geraten (mögen
auch Spannungen entstehen). So ist jede Auslegung eine Synthese von Tradition
und Fortschritt. Ohne Fortschritt bliebe die Auslegung unfruchtbar. Ohne
Tradition würde sie ungeschichtlich. Dies impliziert, daß jede Auslegung für
eine künftige offen bleibt und auf die vorausgehende zurückbezogen ist. Die
Auslegungsfunktion der Kirche kommt also nie zum Abschluß. Sie wird ihr Ende
erst finden durch die Parusie Christi. Denn dann bedarf es keiner Auslegung
Christi mehr. Die Schriftauslegung hat also eine
sozial-ekklesiologisch-eschatologische Struktur. (Weitere Ausführungen in dem
Abschnitt über die Kirche. Siehe auch H.-G. Gadamer, Wahrheit und Methode.
Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 1965.)
So
entsteht in der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Zeitströmungen, in der
Abwehr des Irrtums, in der voranschreitenden geistigen Durchdringung des
Schriftzeugnisses der »Schatz« der kirchlichen Lehre.
206
Die
Schrift gelangt daher als lebendiges Wort zu jeder Generation immer nur als
ausgelegte Schrift. Es gibt keine unmittelbare Begegnung mit ihr als Heiliger
Schrift ohne jedes andere Dazwischen.
16. Kapitel
Gewährleistung durch die
kirchliche
Unfehlbarkeit
a)
Begriff der Unfehlbarkeit
Die
Auslegung stellt eine jeweilige Glaubensantwort an die aus dem Ablauf des
menschlichen Denkens und Fühlens an die Schrift gerichteten Fragen dar. Die
Auslegung schließt immer auch eine Explikation, eine Entfaltung in sich. (Von
ihr soll jedoch später in der Analyse des Dogmas und der Dogmenentwicklung die
Rede sein.) Zunächst soll ein anderes für das ökumenische Gespräch ebenso
bedrückendes wie entscheidendes Problem behandelt werden. Es ist die Frage der
kirchlichen Unfehlbarkeit. Gerade in dem Anspruch, das Wort Gottes unfehlbar
verkündigen zu können, sieht die evangelische Theologie häufig den
Verfügungswillen über das Wort Gottes. Es wird nach ihrer Meinung hierbei eine
menschliche Instanz über das Wort Gottes, ja sogar über Jesus Christus
gesetzt. In dieser theologischen, nicht zuerst in einer emotionalen Dimension
ist das Wort vom Papst als dem Antichrist geboren. Diese Vorstellung beruht auf
einer verhängnisvollen Mißdeutung des Begriffes der Unfehl-
207
barkeit,
wie er katholischerseits verstanden wird. Da der katholische Anspruch auf die
dem Lehramt in besonderen Situationen und unter besonderen, sehr einengenden
Bedingungen zukommende Unfehlbarkeit mehr als alle in der Reformationszeit
hervorgetretenen Differenzen kirchentrennend wirkt, bedarf er einer
sorgfältigen Analyse. Diese soll zunächst in einer negativen Weise vorgenommen
werden.
Der
Begriff »Unfehlbarkeit« muß abgegrenzt werden gegen die Begriffe der
Vollständigkeit, der Vollkommenheit, der Sündelosigkeit und des
Sekuritätsstrebens. Der Begriff der Unfehlbarkeit schreibt seinem Träger keine
Allwissenheit und keine himmlischen Erleuchtungen zu. Er behauptet, daß die
Träger des kirchlichen Lehramtes (ein Konzil mit dem Papst an der Spitze oder
auch unter bestimmten Voraussetzungen der Papst allein; siehe die Lehre von der
Kirche), wenn sie eine bestimmte, in der Schrift bezeugte Offenbarung für das
ganze Gottesvolk verbindlich auslegen, hierbei keinem Irrtum unterliegen,
sondern das sagen, was geoffenbart ist, so daß man sich auf ihre Auslegung
verlassen kann. Mit der These von der Unfehlbarkeit ist nichts ausgesagt über
die Art und Weise, wie der Unfehlbarkeitsträger zur Erkenntnis dessen kommt,
was geoffenbart ist. Sowohl das Zweite Vatikanische Konzil als auch die genannte
Instruktion der Bibelkommission weisen darauf hin, daß die theologische
Wissenschaft dem Lehramt durch die von ihr erzielten Ergebnisse Hilfe leisten
kann und soll. Die These von der Unfehlbarkeit will auch nicht behaupten, daß
das Verkündete auf die beste Weise verkündet wird. Es ist vielmehr mit ihr
vereinbar, daß das Verkündete in einer unvollkommenen, ja in einer einseitigen
Weise ausgesagt wird, daß es gegenüber dem Ganzen der Offenbarung oder
gegenüber einzelnen
208
Offenbarungswahrheiten überbetont und daß so die Ordnung des Ganzen verschoben wird. Wenn es das Erste Vatikanische Konzil auch nicht ausdrücklich gesagt hat, so gehört es doch zum Glaubensbewußtsein der Kirche, daß die kirchliche Verkündigung mit Einschluß der unfehlbaren Lehrentscheidungen unter jenem Gesetz steht, das Paulus im Ersten Korintherbrief (1 Kor 13, 9-12) folgendermaßen zum Ausdruck brachte: »Denn Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwerk unser prophetisches Reden. Wenn aber die Vollendung kommt, wird das Stückwerk abgelegt werden. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, überlegte wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, legte ich die Art des Kindes ab. Jetzt sehen wir wie durch einen Spiegel, rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, so wie ich erkannt bin.« Das Unfehlbarkeitsdogma ist auch weit davon entfernt, einem unberechtigten, menschlichen Sekuritätsbedürfnis in Sachen des Heiles zu dienen. Die Unfehlbarkeit dient vielmehr der Bewahrung und der Überlieferung des Gotteswortes gegenüber den Gefahren, welche aus der menschlichen Irrtumsfähigkeit, Selbstherrlichkeit und Hybris hervorgehen. Gott hat sein Wort irrtumsfähigen Menschen anvertraut und zugleich in dem Charisma der Unfehlbarkeit dafür Sorge getragen, daß es von den Menschen nicht verdorben, verschleudert oder zerstört wird.
b) Unfehlbarkeit als Gabe Gottes an die Kirche
Für
die Klärung dieses Zusammenhangs sei noch einmal darauf hingewiesen, daß die
Kirche in ihrer Interpretationsfunktion eine Vermittlungsaufgabe erfüllt, bei
welcher sie selbst an das Wort der Schrift ge-
209
bunden und ihm unterworfen ist. Dieses ihr Verhältnis zur Schrift ändert sich nicht, wenn sie mit dem Anspruch auftritt, den Text der Heiligen Schrift zuverlässig zu interpretieren. Ihre Unfehlbarkeit gibt uns die Gewähr, daß dem Text keine Gewalt angetan, sondern seine Wahrheit zur Geltung gebracht wird. Die Unfehlbarkeit im Sinne der Kirche ist zu verstehen als die von Gott je und je gewirkte Fähigkeit, die Schrift in dem von ihren Verfassern, ja vom Heiligen Geist intendierten Sinn zu verstehen. Sie gibt uns daher die Garantie, daß wir das Wort Gottes in jeder Generation in dem ursprunghaften Sinne zu hören vermögen (L. Scheffczyk».
c)
Unfehlbarkeit als Dienstverpflichtung
Was
den Einsatz des Unfehlbarkeitscharismas betrifft, so erfolgt er sinnvollerweise
nur dann, wenn die Kirche an einer wichtigen Wegkreuzung im Verständnis des
Gotteswortes steht, so daß eine Entscheidung für den Weitergang auf der
Pilgerfahrt zur absoluten Zukunft nötig ist, wenn also ein falsches
Christusverständnis die kirchliche Gemeinschaft bedroht. In einem solchen
Gefahrenmoment wirkt der Heilige Geist dahin, daß ein zuverlässiges,
wegweisendes Wort gesprochen wird. Es ist der Gehorsam gegen Gott selbst, der
ein derartiges Wort ins Leben ruft. Wenn Gott den Menschen sein Wort schenkt,
dürfen sie damit nicht Beliebiges unternehmen. Angesichts der Wankelmutigkeit
alles Menschlichen hat Gott durch Christus im Heiligen Geiste eine Institution
geschaffen, welche der unversehrten Bewahrung des reinen Gotteswortes dienen
soll. Die Menschen haben einen Anspruch darauf, das reine Evangelium zu
vernehmen und nicht irgendwelche, dem wahren Sinne
210
Gottes
widersprechenden menschlichen Einfälle. Man kann gegen diese Begründung nicht
einwenden, daß sich das Wort Gottes gegenüber allen menschlichen Entstellungen
selbst zu helfen und zu sichern weiß. Die Erfahrung außerhalb des
Glaubensraumes der Unfehlbarkeit mit seinen nicht selten chaotischen Auslegungen
des Gotteswortes spricht dagegen. Gott hat sein Wort im wörtlichen Sinne in den
Mund der Menschen gelegt. Die Unfehlbarkeit stellt eine göttliche Providenz
dar, daß das dem Menschen anheimgegebene Gotteswort in seinem Ursprungssinn bis
zum Ende der Zeiten, also bis zum Anbruch der absoluten Zukunft weitergegeben
wird. Die Unfehlbarkeit stellt daher keinen Anspruch dar, den ein Mensch gegen
Gott erhebt, sondern eine Hilfe, welche Gott den durch sein Wort zum Heile
Gerufenen gewährt. Sie ist nicht antichristliches Machtstreben, sondern ein der
Verkündigung dienendes und untergeordnetes Geschenk und wie jedes göttliche
Geschenk eine Aufgabe bis zum Niveau der Last.
17. Kapitel
Die profanen Aussagen
der Heiligen Schrift
Für
die Auslegung der Heiligen Schrift ergeben sich besondere Schwierigkeiten in der
Frage, ob nur die Wahrheiten, die dem Heile dienen, inspiriert sind oder ob die
ganze Heilige Schrift inspiriert ist. Hin und wieder ist in der Theologie, auch
in den Diskussionen des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Vorstellung
aufgetaucht, daß man unterscheiden müsse zwischen
211
Heilswahrheiten
und profanen Wahrheiten. Die ersteren seien inspiriert, die letzteren seien
nicht inspiriert. In diesen letzteren könnten sich daher Irrtümer
einschleichen. Eine solche Unterscheidung ist jedoch undurchführbar. Es wird
zwar mit Nachdruck hervorgehoben, daß es Gott um die unverfälschte und
unverlierbare Weitergabe der Heilswahrheit und dadurch um die Aufrechterhaltung
seines ewigen Bundes mit den Menschen geht. Was als solche Heilswahrheit zu
betrachten ist, wird im 1. Kapitel der Konstitution VD in großen Zügen
umrissen. Sie ist auch der eigentliche Inhalt der Weitergabe, als deren Organe
Schrift und Tradition aufs Engste miteinander verbunden und doch in ihrer
Punktion voneinander geschieden sind. Diese Heilswahrheit ist der Gehalt des
Alten und des Neuen Testamentes. Sie ist der geoffenbarte Schatz, der der Kirche
und durch die Kirche der Menschheit anvertraut ist. Das Konzil weist jedoch jede
Beschränkung der Inspiration auf bestimmte Wahrheiten oder auf einzelne Teile
der Heiligen Schrift entschieden zurück. Man muß betonen, daß die ganze
Heilige Schrift inspiriert ist, ohne daß man mit künstlichen Unterscheidungen
die »Unrichtigkeiten« von profanen Behauptungen zu erklären gezwungen ist. In
Bezug auf die profanen Wahrheiten sagt das Konzil nichts. Die Frage scheint also
offen zu bleiben. Am besten dürfte es sein, von verschiedenen Identitätsweisen
der »Irr-tumslosigkeit« (ein Wort, das die Konst. selbst nicht gebraucht) zu
sprechen. Die Heilswahrheiten sind völlig zuverlässig und irrtumsfrei, aber
die profanen Aussagen sind nur mittelbar, nämlich um der Heilswahrheit willen
»wahr«. Die profanen Aussagen haben einen Bezug zu den Heilswahrheiten. Sie
sind die Verleiblichung der Heilswahrheiten. Sie sind das Medium für die
Mitteilung der Heilswahrheiten. Auf sie kommt
212
es
nicht in erster Linie an. Sie können daher hinter der sicheren und
zuverlässigen Wahrheit, die dem Heile dient, zurückbleiben. Im gebrechlichen
Gefäß der menschlichen Sprache und der menschlichen Schrift teilt sich uns
Gott unverfälscht mit. Gottes Absicht ist darauf gerichtet, daß sein Heilswort
in aller Fülle beim Menschen ankommt. Dafür verbürgt er sich in voller
Autorität. Hier liegt der eigentliche Sinn der Inspiration. Die profanen
Wahrheiten könnte man das Fahrzeug nennen, auf dem sich die Heilswahrheiten auf
uns zubewegen.
213
12.
ABSCHNITT
Schrift und Überlieferung
1. Kapitel
Das
Problem
Wie
wir schon gesehen haben, ist die Heilige Schrift der Niederschlag der
Überlieferung. Sie ist die hervorragendste Phase der Überlieferung. Sie hat
also in diesem Sinne vor der Überlieferung den Vorrang. Sie kann als die
zuverlässigste Zeugin der Tradition genannt werden.
Das
Verhältnis von Schrift und Überlieferung ist mehrfach Gegenstand kirchlicher
Äußerungen und theologischer Analysen gewesen. Durch das Zweite Vatikanische
Konzil hat das Problem eine für die zukünftige Theologie weittragende
Erörterung erfahren. Dabei sind allerdings gewichtige Fragen offen geblieben,
weil nicht einer weiteren theologischen Diskussion vorgegriffen werden sollte.
Die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung sagt in Nr. 7
folgendes: »Was Gott zum Heil aller Völker geoffenbart hatte, sollte — so
hat er in Güte verfügt — für alle Zeiten unversehrt erhalten bleiben und
allen Geschlechtern weitergegeben werden. Darum hat Christus der Herr, in dem
die ganze Offenbarung des höchsten Gottes sich vollendet (vgl. 2 Kor 1,20;
3,16-4,6), den Aposteln geboten, das Evangelium, das er
214
als die Erfüllung der früher ergangenen prophetischen Verheißung selbst erbracht und persönlich öffentlich verkündet hat, allen zu predigen als die Quelle jeglicher Heilswahrheit und Sittenlehre und ihnen so göttliche Gaben mitzuteilen. Das ist treu ausgeführt worden, und zwar sowohl durch die Apostel, die durch mündliche Predigt, durch Beispiel und Einrichtungen weitergaben, was sie aus Christi Mund im Umgang mit ihm und durch seine Werke empfangen oder was sie unter der Eingebung des Heiligen Geistes gelernt haben, als auch durch jene apostolischen Männer, die unter der Inspiration des gleichen Heiligen Geistes die Offenbarung vom Heil niederschrieben. Damit das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen ihr eigenes Lehramt überliefert. Diese heilige Überlieferung und die Heilige Schrift beider Testamente ist gleichsam ein Spiegel, in dem die Kirche Gott, von dem sie alles empfängt, auf ihrer irdischen Pilgerschaft anschaut, bis sie hinübergeführt wird, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, so wie er ist (vgl. 1 Joh 3,21«. Schrift und Überlieferung sind also auf das engste miteinander verbunden. Sie lassen sich auf keine Weise voneinander trennen. Die Schrift ist Ausdruck der mündlichen Überlieferung, die mündliche Überlieferung aber ist Voraussetzung und nachfolgende Auslegung der Heiligen Schrift.
215
2. Kapitel
Der
Begriff der ungeschriebenen Überlieferung
Der
Begriff der Überlieferung spielt in der Religionsgeschichte eine grundlegende
Rolle, wenn er auch in sehr verschiedener Weise gedeutet wird. Er bedeutet unter
religionsgeschichtlichem Aspekt das Uralte, das aus der Vorzeit Übernommene und
immerfort Weitergegebene. Dies gilt sowohl von den sogenannten Kulturreligionen
als auch von den sogenannten Naturreligionen. Dabei spielt es keine Rolle, ob
die Weitergabe mündlich oder schriftlich erfolgt.
Im
jüdischen und im christlichen Bereich ist der Begriff der Tradition durch die
Geschichtlichkeit der Offenbarung bestimmt. Im Alten Bunde wurde die in
geschichtlichen Vorgängen geschehene Offenbarung aufgeschrieben. Die
schriftliche Fixierung erhielt allmählich den Namen Thora. In den sogenannten
»Väterüberlieferungen« werden die Bestimmungen der Thora festgehalten,
ausgelegt und auf bestimmte Situationen angewandt.
Das
Christentum ist charakterisiert durch die Einmaligkeit des Christusgeschehens.
Dieses durfte nicht nur nie in Vergessenheit geraten, sondern mußte den
nachfolgenden Generationen durch das Wort der Verkündigung und durch die
Setzung der Heilszeichen um des Heiles willen überliefert werden. Die
Überlieferung wurde von besonderem Gewicht, als die Augenzeugen und die
Ohrenzeugen starben und Häresien aufkamen, durch welche Christus und sein Werk
verfälscht wurden oder Christi Bedeutung geleugnet wurde. In dieser Lage mußte
die Kirche ihren von Christus kommenden, durch die Augen- und Ohrenzeugen
216
bezeugten
und verbürgten Glauben unversehrt weitergeben, damit die geschichtliche
Identität mit ihrem Ursprung nicht durch Schwärmertum oder gnostizistische
Spekulationen zerstört wurde. Dieses Anliegen sehen wir vor allem wirksam im
Markus-Evangelium, in den Schriften des Lukas, in den Pastoralbriefen (2 Tim
1,13f; 2,2; 4,1 f», im 2. Petrusbrief, im Judasbrief und in den johanneischen
Briefen. Aus dieser Fülle sei nur hervorgehoben, daß nach den Pastoralbriefen
die rechte Überlieferung des Christusgeschehens an die successio apostolica
durch Handauflegung und an das Verständnis der apostolischen Verkündigung als
der fest umrissenen, »gesunden« Lehre gebunden ist. Auch Paulus legt auf die
Identität seiner Heilsbotschaft mit dem Überlieferten entscheidendes Gewicht
(1 Kor 11,2; 15,1-5). (F. Mußner, Christus das All und die Kirche, Freiburg
1955).
In
jener Epoche der Überlieferung, welche von der Geistsendung bis zum Ende des
Apostolischen Zeitalters, also bis zur Schriftwerdung, vor sich geht, findet
eine fortschreitende Auslegung des Christusgeheimnisses statt, und zwar auf
Grund der geschichtlichen Erfahrungen mit Jesus von Nazaret, vor allem auf Grund
des Ostererlebnisses, d. h. der Erscheinungen des Herrn und der Wirksamkeit des
Heiligen Geistes. So entsteht eine Glaubensregel, die Vorläuferin der späteren
Glaubenssymbole. Sie hat ihren Sitz wohl vor allem in der kirchlichen Liturgie.
Sie ging der Schrift voran, ist aber in diese eingegangen. Wir kennen sie aus
der Schrift. Sie ist deren Bestandteil. Die Schrift ist demgemäß nach der in
ihr zwar aufgenommenen, ihr aber vorgelagerten Glaubensregel zu interpretieren.
Das
maßgebende Medium für die Erhaltung und Entfaltung der »gesunden« Lehre ist
seit dem Beste-
217
hen
der Schrift naturgemäß diese. Sie gibt durch die ihr eigene Dauerhaftigkeit,
»Klarheit« und Fülle die objektiven Bedingungen dafür, daß die
Heilsbotschaft bis zum Anbruch der absoluten Zukunft unversehrt bewahrt und
proklamiert wird. Es ist selbstverständlich, daß die Verfasser der Heiligen
Schriften auch über ihre literarische Tätigkeit hinaus das Wort Gottes
verkündet haben. Was sie dabei sagten, hat in den Gemeinden Wurzeln geschlagen
und wurde weitererzählt. Bei der Eigentümlichkeit solchen Weitererzählens ist
allerdings damit zu rechnen, daß sich in die von den Aposteln und ihren
Schülern mitgeteilten Inhalte Menschliches entstellend eingeschlichen hat.'
Deshalb ist das jenseits der Heiligen Schrift Weitergegebene schwer in seiner
reinen Gestalt zu fassen. Es steht auf jeden Fall unter der Heiligen Schrift als
seiner kritischen Norm, die ihrerseits wieder von der Kirche vorgelegt und
ausgelegt wird, Es ist nicht in die kanonischen Bücher aufgenommen worden.
In
den letzten Jahren wurde die Frage, ob es eine ungeschriebene Überlieferung
gebe, welche mehr enthalte als die Heilige Schrift, in der katholischen
Theologie eingehend diskutiert, Die Diskussion nahm ihren Ausgang bei der
Bestimmung des Konzils von Trient über die ungeschriebene Überlieferung.
Das
Konzil erklärte im Jahre 1546, indem es die Glaubensübertieferungen von
anderen Überlieferungen wie etwa von der Übung des Fastens, der Bußdisziplin,
von den Riten unterschied, von den ersteren folgendes: »Die Heilige, allgemeine
und umfassende Kirchenversammlung von Trient ... hat sich stets vor Augen
gestellt, die Irrtümer zu überwinden und die Reinheit des Evangeliums in der
Kirche zu bewahren. Durch die Propheten wurde dieses Evangelium einst in den
Heiligen Schriften verheißen, unser Herr Jesus
218
Christus,
Gottes Sohn, hat es mit eigenem Munde verkündet. Durch seine Apostel ließ er
es dann als Quelle aller heilbringenden Wahrheit und sittlichen Ordnung jeder
Kreatur predigen. Die Heilige Kirchenversammlung weiß, daß diese Wahrheit und
Ordnung enthalten ist in geschriebenen Büchern und ungeschriebenen
Überlieferungen (Plural), die die Apostel aus Christi Mund empfangen haben oder
die von den Aposteln auf Eingebung des Heiligen Geistes gleichsam von Hand zu
Hand weitergegeben wurden und so bis auf uns gekommen sind. So folgt sie dem
Beispiel der rechtgläubigen Väter, wenn sie alle Bücher des Alten und des
Neuen Bundes — denn der eine Gott ist ja der Urheber von beiden — zugleich
mit den Überlieferungen (Plural), die Glauben und Sitte betreffen, mit gleicher
frommer Bereitschaft und Ehrfurcht anerkennt und verehrt. Denn sie stammen ja
aus dem Munde Christi oder sind vom Heiligen Geiste eingegeben und sind in
steter Überlieferung in der katholischen Kirche bewahrt worden« (DS 1501).
3. Kapitel
Die
Zwei-Quellen Theorie
Im
gleichen Sinne äußerte sich das Erste Vatikanische Konzil. Diese Konzilstexte
wurden bis vor kurzem in der katholischen Theologie im Sinne der
Zwei-Quellen-Theorie verstanden. Danach kann man jene von der Kirche vorgelegten
Wahrheiten, welche sich in der Schrift nicht nachweisen lassen, aus der unge-
219
schriebenen
wenn auch evtl. später schriftlich fixierten Überlieferung beweisen. Es ist
nach dieser These kein entscheidender Mangel, wenn ein Dogma in der Schrift
weder implizit noch explizit vorkommt, da auf jeden Fall die ungeschriebene
Überlieferung zur Verfügung steht.
Der
Tübinger Theologe J. R. Geiselmann hat mit anderen Forschern betont, daß die
Zwei-Quellen-Theorie dem Sinne des Konzils von Trient nicht entspricht. Nach
seiner Auslegung sind den Konzilsvätern für die Bestimmung des Verhältnisses
der Schrift zur Überlieferung zwei Entwürfe vorgelegen. Im ersten steht, daß
die Wahrheit des Evangeliums partim in libris scriptis, partim in sine scripto
traditionibus, also teils in den Büchern der Schrift, teils in der
ungeschriebenen Überlieferung enthalten sei. Gegen diesen Entwurf erhob sich
lebhafter Widerspruch. Dieser führte dazu, daß in einem weiteren, vom Konzil
akzeptierten Text die Ausdrücke »partim — partim« gestrichen und durch ein
»et« ersetzt wurden. Dieses Wörtchen bedeutet nach Geiselmann, daß das Wort
Gottes sowohl in der Heiligen Schrift als auch in der mündlichen Überlieferung
enthalten sei. Die Absicht des Konzils ist nach Geiselmann in der
nachtridentinischen Theologie weithin mißverstanden worden, weil der erste
Entwurf nicht veröffentlicht und daher die vom Konzil vorgenommene Änderung
nicht bekannt gewesen sei. Die Ansichten Geiselmanns fanden weitgehende
Zustimmung, blieben aber nicht ohne Widerspruch. Es ist in der Tat zu erwarten,
daß die Hagiographen die Absicht hatten, das ganze Gotteswort wenigstens in
seinem Kern schriftlich zu fixieren. Daran ändert auch deren evtl. Charakter
als »Gelegenheitsschriften« nichts (s. J. R. Geiselmann, Die Heilige Schrift
und die Tradition, Freiburg 1962).
220
Das
Zweite Vatikanische Konzil hat der Problematik in hohem Maße Rechnung getragen.
Es hat auf jeden Fall jene Zwei-Quellen-Theorie, nach welcher Schrift und
Tradition als zwei unverbunden nebeneinander herlaufende Erkenntnisgrundlagen
betrachtet werden, nicht mehr in dem früheren Sinn vertreten, wenngleich seine
Lehre nicht völlig klar ist.
(DV,
Nr. 8) »Darum mußte die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern
besonders deutlichen Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur
Vollendung der Zeiten bewahrt werden.
Wenn
die Apostel das, was auch sie empfangen haben, überliefern, mahnen sie die
Gläubigen, die Überlieferungen, die sie in mündlicher Rede oder durch einen
Brief kennengelernt haben (vgl. 2 Thess 2,15), festzuhalten und für den Glauben
zu kämpfen, der ihnen ein für allemal überliefert wurde (vgl. Jud 3). Was von
den Aposteln überliefert wurde, umfaßt alles, was dem Volke Gottes hilft, ein
heiliges Leben zu führen und den Glauben zu mehren. So führt die Kirche in
Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen
Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt.
Diese
apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen
Geistes einen Portschritt: Es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge
und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem
Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), durch innere Einsicht, die aus geistlicher
Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im
Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche
strebt im Gange der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit
entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen.
221
Die
Aussagen der heiligen Väter bezeugen die lebensspendende Gegenwart dieser
Überlieferung, deren Reichtümer sich in Tun und Leben der glaubenden und
betenden Kirche ergießen. Durch dieselbe Überlieferung wird der Kirche der
vollständige Kanon der Heiligen Bücher bekannt, in ihr werden die Heiligen
Schriften selbst tiefer verstanden und unaufhörlich wirksam gemacht. So ist
Gott, der einst gesprochen hat, ohne Unterlaß im Gespräch mit der Braut seines
geliebten Sohnes, und der Heilige Geist, durch den die lebendige Stimme des
Evangeliums in der Kirche und durch sie in der Welt widerhallt, führt die
Gläubigen in alle Wahrheit ein und läßt das Wort Christi in Überfülle unter
ihnen wohnen (vgl. Kol 3,16).
(Nr.
9) Die heilige Überlieferung und die Heilige Schrift sind eng miteinander
verbunden und haben aneinander Anteil. Demselben göttlichen Quell entspringend
fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziele zu.
Denn die Heilige Schrift ist Gottes Rede, insofern sie unter dem Anhauch des
Heiligen Geistes schriftlich aufgezeichnet wurde. Die heilige Überlieferung
aber gibt das Wort Gottes, das von Christus dem Herrn und vom Heiligen Geist den
Aposteln anvertraut wurde, unversehrt an deren Nachfolger weiter, damit sie es
unter der erleuchtenden Führung des Geistes der Wahrheit in ihrer Verkündigung
treu bewahren, erklären und ausbreiten. So ergibt sich, daß die Kirche ihre
Gewißheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein
schöpft. Daher sollen beide mit gleicher Liebe und Achtung angenommen und
verehrt werden.
(Nr. 10) Die heilige
Offenbarung und die Heilige Schrift bilden den einen, der Kirche überlassenen
Schatz des Wortes Gottes. Voller Anhänglichkeit an ihn verharrt das ganze
heilige Volk, mit seinen Hirten
222
vereint,
ständig in der Lehre und Gemeinschaft der Apostel, bei Brotbrechen und Gebet
(vgl. Apg 2,42 griech.), so daß im Festhalten am überlieferten Glauben, in
seiner Verwirklichung und seinem Bekenntnis ein einzigartiger Einklang herrscht
zwischen Vorstehern und Gläubigen«.
Das
Konzil hat mit diesen Ausführungen nicht alle Fragen beantwortet, vielmehr
manche (mit Absicht) offengelassen. Es ist jedoch von größter Bedeutung, daß
es die Heilige Schrift als den Niederschlag der apostolischen Predigt
charakterisiert, durch welchen das Wort Gottes in einer »besonderen Weise«
überliefert wird. Das Konzil greift mit seiner These über die Schrift zurück
auf die apostolische Verkündigung, dies aber heißt auf denjenigen, von dem
alles kommt, nämlich auf Jesus Christus selbst. Ferner wird die in einer
»besonderen Weise« in der Schrift niedergelegte Überlieferung verstanden
sowohl als das überliefernde Tun wie auch als die überlieferte Sache. Was den
überlieferten Inhalt betrifft, so beschränkt er sich nach dem Konzil nicht auf
die Lehre. Er umgreift vielmehr das ganze Glaubensleben. Das überliefernde Tun,
nämlich die Proklamation Jesu Christi, weckt und fördert das Glaubensleben im
Alltag und im Kult. Es ist die Aufgabe des ganzen Gottesvolkes, das durch die
Predigt genährte Glaubensleben zu vertiefen und den folgenden Generationen
weiter zu vermitteln. Die Verkündigung der Nachfolger spielt eine besondere
Rolle. Diese Sonderrolle der Nachfolger der Apostel tritt in ihrer Bedeutung
noch klarer und folgenreicher ans Licht, wenn wir dem Zusammenhang zwischen der
Schrift und der Überlieferung nachspüren, wie er in dem Konzilstext nahegeigt
wird.
223
4. Kapitel
Überlieferung
und apostolische Predigt
Es
ist zu beachten, daß dabei das Konzil Schrift und Überlieferung in Beziehung
setzt nach rückwärts zu der apostolischen Predigt und nach vorwärts zu der
Verkündigung durch das kirchliche Lehramt. Schrift und Überlieferung ruhen
nicht in sich selbst, sondern stehen in notwendiger Relation zu diesen beiden
zeithaften Größen. Von der heiligen Überlieferung wird gesagt, daß sie das
Wort Gottes den Nachfolgern der Apostel unversehrt weitergibt. Dieser Text kann
nur von der Überlieferungtätigkeit verstanden werden. Er stellt einen
unlöslichen Zusammenhang zwischen der Überlieferung und der apostolischen
Sukzession dar. Diese Einheit begegnet uns schon in den Pastoralbriefen. Sie
wird später mit größtem Nachdruck von Eirenaios von Lyon gegenüber dem
Gnostizismus mit seiner Behauptung von Geheimüberlieferungen zur Geltung
gebracht.
Die
Überlieferung ist an das apostolische Amt gebunden. Danach nahm die Aufgabe
nicht ein Ende, als der Kanon geschaffen war, weil etwa von dieser Zeit an die
Heilige Schrift sich selbst interpretiert habe. Sie läuft vielmehr weiter bis
zur Wiederkunft Christi. Die im Kanon vereinigten Schriften bilden indes das
Medium der kirchlichen Verkündigung.
Aufschlußreich
ist es, wenn das Konzil erklärt, daß die heilige Überlieferung dazu
beiträgt, die Schrift selbst tiefer zu verstehen und wirksamer zur Geltung zu
bringen. Die Überlieferungstätigkeit führt also dazu, die Heilige Schrift
auszulegen und zu entfalten. Man geht nicht fehl, wenn man die Überlieferungs-
224
funktion
der Kirche als Schriftauslegung und darüber hinaus als Schriftentfaltung
bezeichnet.
Diese These läßt sich noch besser verstehen, wenn wir uns daran erinnern, daß es die Kirche ist, welche ihren Glauben in der Schrift objektiviert hat und diese daher auch zu interpretieren befähigt und berufen ist. Sie setzt dabei auf einer neuen Ebene fort, was schon innerhalb der apostolischen Zeit und vor der Schriftwerdung des Gotteswortes geschah, nämlich die Auslegung des Christusgeschehens zu einem »tieferen« und allseitigeren Verständnis. Der Unterschied liegt darin, daß die Auslegung im Apostolischen Zeitalter selbst Offenbarungscharakter hat, während die nachapostolische Auslegung nicht der substantiellen Anreicherung der Offenbarung, sondern nur deren Verständnis dient. Wenn die der Schrift vorangegangene und in sie selbst eingegangene Glaubensregel, nämlich die ursprüngliche Objektivierung des kirchlichen Glaubens und des kirchlichen Christusverständnisses in Lehre, Predigt, Liturgie die Norm der Auslegung der Schrift darstellt, kann man mit J. Ratzinger in einem gewissen Sinne sagen, daß die Schrift sich selbst auslegt. Man muß allerdings (gegenüber etwaigen Mißverständnissen) hinzufügen, daß die als Entelechie in der Schrift anwesende und wirksame Glaubensregel, welche das Maß für das Schriftverständnis bietet, von der Autorität der Kirche getragen ist. Die Kirche kann zwar inhaltlich die Offenbarung nicht bestimmen; aber sie weiß, was sie glaubt, und kann sagen, was in der Schrift gemeint ist.
225
5. Kapitel
Ökumenische
Sicht
Diese
Feststellung ist um so wichtiger, weil sich heute weithin auch in der
evangelischen Theologie die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß die Überlieferung
für die Schrifterklärung unerläßlich ist. So erklärt z. B. P. Althaus, daß
es keine Unmittelbarkeit zur Schrift gebe, welche an der Geschichte der
Aneignung des Evangeliums durch die Kirche vorbeisehen und vorbeigehen wollte.
In ähnlicher Weise äußern sich E. Kinder und H. Rückert. Dabei wird
allerdings die Tradition mehr als der aktuelle Vorgang des Tradierens denn als
die inhaltliche Entfaltung der Heiligen Schrift verstanden. Aber auch die letzte
Vorstellung wird von manchen evangelischen Theologen der Gegenwart vertreten. So
behauptet z. B. H. Diem, daß es eine Weiterführung der Lehraussage der Schrift
gebe. W. Pannenberg erklärt, daß es eine Entfaltung der Bedeutung der
überlieferten Ereignisse durch die dogmatische Lehre gebe (vgl. G. Ebeling,
Wort Gottes und Tradition. Studium zur Hermeneutik der Konfessionen, Göttingen
1964».
Hiervon
hebt sich das katholische Überlieferungsverständnis ab, und zwar durch seinen
verpflichtenden Charakter. Durch die kirchliche Schriftauslegung kommt etwas
Neues zustande, nicht eine neue Offenbarung, aber ein neues
Offenbarungsverständnis. Die kirchliche Auslegung ist eine Art Kommentar zur
Heiligen Schrift, so daß uns diese in der Auslegungsgestalt der Kirche gegeben
wird. Die kirchliche Auslegungsgestalt ist für den Katholiken verbindlich. Die
Auslegung kann einen solchen Intensitätsgrad erreichen
226
und
zu solchen Ergebnissen führen, daß man ohne die kirchliche Kommentierung das
durch sie zutage geförderte Resultat nicht gewinnen könnte. Dies darf man z.
B. von der leiblichen Verklärung Marias behaupten. In einem solchen Fall hat
die Überlieferung, welche ihrer Gestalt nach Schrifterklärung ist, also
deklarativen Charakter besitzt, ihrem Effekt nach konstitutiven Charakter für
unsere Erkenntnis der Offenbarung (vgl. den einschlägigen Abschnitt in der
Mariologie).
Die
katholische Theologie hat sich mit der Frage zu beschäftigen, wie es zu der
Entfaltung der Heiligen Schrift durch die kirchliche Überlieferungstätigkeit
kommt. Oder vielmehr, welcher innere Zusammenhang zwischen der durch die
kirchliche Überlieferungstätigkeit gewonnenen Offenbarungserkenntnis und der
ihr zugrunde liegenden Offenbarungsgestalt in der Schrift besteht. Dieses
Problem gehört zu den wichtigsten und schwierigsten in der katholischen
Theologie. Es begegnet uns auch in der Darstellung der Dogmenentwicklung. An
dieser Stelle soll hervorgehoben werden, daß die Kirche im apostolischen
Zeitalter ihre Auslegungs- und Entfaltungsfunktion vor allem in der Liturgie, d.
h. im Gebet und im gläubigen Umgang mit ihrem Herrn vollzogen hat. Die
Überlieferungstätigkeit hing auf das engste mit Taufe und Herrenmahl zusammen.
Sie war daher Ausdrucksform jener Glaubenserfahrung, welche die Kirche in ihrem
Gottesdienste machte, nicht erstlich logische Explikation.
Auf
die Wirkkraft der Glaubenserfahrung für ein tieferes Verständnis des in der
Schrift bezeugten Christusgeschehens (S.221) weist das Zweite Vaticanum hin. In
dieser Sicht erscheint der Glaube nicht als ein bloßes Fürwahrhalten dessen,
was sich in bestimmten Aussagen objektiviert, sondern als eine Begegnung
227
mit
Christus, weiche sich in religiösen, spirituellen Erlebnissen niederschlägt.
In solchen Überzeugungen ist nicht nur die Theologie Augustins und der
Franziskanerschule, sondern auch jene des Thomas von Aquin wirksam. Von dem
letzteren stammt das Wort: Ubi amor, ibi oculus (IIl Sent 35,1,3 solutio Nr.32
ed. M. F. Moos, Paris 1956). Die Liebe macht auch im Glaubensbereiche sehend (J.
Ratzinger). Dies hat die Folge, daß derjenige, dem sie fehlt, nicht sehen kann,
was derjenige, welcher das Auge der Liebe hat, zu sehen vermag. Man kann ihm
auch die nur dem Auge der Liebe sichtbare Wirklichkeit nicht beweisen. Rein
logisch ist der Zusammenhang zwischen der ursprünglichen und der entfalteten
Offenbarungsgestalt nicht immer stringent. Er braucht es auf jeden Fall nicht zu
sein. Thomas von Aquin spricht den gleichen Gedanken in einer anderen Form aus,
wenn er sagt, daß es einer gewissen connaturalitas für die Erkenntnis
menschlicher Dinge, insbesondere aber religiöser Wirklichkeiten bedarf (S. Th.
2 II q.45 a.2), einer inneren Verwandtschaft des Erkennenden mit dem von ihm
erkannten Gegenstand (siehe für die vorstehenden Ausführungen J. Ratzinger,
Ein Versuch zur Frage des Traditionsbegriffs, in: K. Rahner - J. Ratzinger,
Offenbarung und Überlieferung, Freiburg 1965. J. Ratzinger, Tradition, in: Lex.
f. Theol. und Kirche, 1965).
Wenn
man den Zusammenhang in diesem Sinne erklärt, darf allerdings nicht vergessen
werden, daß es immer die Schrift ist, welche ausgelegt wird, und nichts
anderes, daß sie also eine kritische Funktion gegenüber allen religiösen
Erfahrungen ausübt (vgl. 1 Kor 12).
228
6.
Kapitel
Der
Träger der Überlieferung
Wer
ist der Träger der Überlieferung? Das Zweite Vatikanische Konzil gibt darauf
eine klare Antwort: Das ganze Gottesvolk ist ihr Träger. Ihm kommt ein
Glaubensgespür, ein Glaubensinstinkt zu, mit dem es die Zugehörigkeit oder die
Nichtzugehörigkeit einer Aussage oder eines Verhaltens zum Christus-Mysterium
zu beurteilen vermag. Dieser Glaubenssinn stellt gewissermaßen einen sechsten
Sinn dar. Die Gesamtkirche kann allerdings die ihm zukommende
Überlieferungstätigkeit in einer zutreffenden Weise nur in Einordnung in und
in Unterordnung unter das kirchliche Lehramt vollziehen. Es spielt zwar in der
Überlieferungstätigkeit keineswegs eine rein passive Rolle. Es ist jedoch
nicht unabhängig von den Trägern des kirchlichen Lehramtes, denn diesem ist
die Entscheidung anvertraut (siehe die Lehre von der Kirche).
Im
Laufe der nachtridentinischen Theologie hat sich die Meinung herausgebildet,
daß eine von dem ganzen Kirchenvolk für eine Offenbarungswahrheit gehaltene
These eben durch diese allgemeine Überzeugung als Offenbarungswahrheit erwiesen
sei und eine solche allgemeine Überzeugung als Überlieferungsquelle angesehen
werden könne und müsse. So sehr dem gesamten Gottesvolke eine aktive Rolle in
der Glaubensüberlieferung zuzuschreiben ist, so steht doch auch diese
Überlieferungstätigkeit unter einer kritischen Norm, nämlich unter der
kritischen Norm der Heiligen Schrift. Es ist, wie Beispiele aus der Geschichte
zeigen, damit zu rechnen, daß sich in das allgemeine Bewußtsein der Gläubigen
nichtchristliche,
229
ja
christusfremde Elemente einschleichen und mit der Kraft des echten
Christusglaubens in der Geschichte durchzusetzen versuchen. Dabei kann, wenn
nicht die Heilige Schrift als kritische Norm in Funktion tritt, nicht nur eine
Glaubensverirrung, sondern auch unabsehbares menschliches Unheil
heraufbeschworen werden. Man kann dies etwa an dem Hexenwahn und an den
Hexenprozessen sowie an den in der christlichen Ära geführten Religionskriegen
illustrieren (siehe die Kommentare von J. Ratzinger, A. Grillmeier, B. Ri-gaux
zur Konstitution »Dei Verbum«, in: LThK, Das Zweite Vatikanische Konzil, II,
Freiburg 1967).
230
13.
ABSCHNITT
Suffizienz der Schrift
Solche
Überlegungen setzen uns in den Stand, die vielbesprochene Frage nach der
Suffizienz der Heiligen Schrift zu beantworten. Wenn mit diesem Worte gemeint
ist, daß die Heilige Schrift das Wort Gottes in einer für das Heil
hinreichenden Fülle darbietet, so muß man ihr die Suffizienz zusprechen.
Die
ungeschriebene Überlieferung enthält keine Offenbarungsinhalte, welche in
keiner Weise in der Schrift vorliegen. Sie ist ja Schriftentfaltung. Diese baut
zwar auf dem Literalsinn auf und kann nur auf ihm aufbauen. Er bildet die
unerläßliche Grundlage für die kirchliche Schriftentfaltung. Er muß unter
allen Umständen erhoben und als Fundament jeder Schriftauslegung und
Schriftexplikation betrachtet werden. Die genannte Suffizienz der Schrift ist in
ihrem Literalsinn gegeben. Diese These bewahrt ihre Gültigkeit, obgleich in der
von der Kirche auf Grund ihrer geistlichen Vollmacht vorgenommenen Explikation
Einsichten in das Christusgeheimnis erreicht werden können, welche im
Literalsinn noch nicht aufscheinen.
Wenn
man das Wort »Suffizienz« auf die Erreichung des Heiles bezieht, dann darf man
es nicht vom Buchstaben der Schrift, dann muß man es vielmehr von Christus her
verstehen. Denn nicht der Glaube an das Wort der Schrift, sondern nur der Glaube
an den durch die Schrift wirkenden Christus macht selig. Der Glaube ist kein
Nominal-, sondern ein Realvorgang. Er ist nicht die Bejahung des Credo, sondern
die Bejahung der im Credo verkündeten Wirklichkeit.
231
Es
sei nochmals hervorgehoben, daß die Schrift zwar die gesamte Offenbarung
enthält. Die Hagiographen, namentlich die Evangelisten, waren von der Absicht
geleitet, den ganzen und unversehrten Inhalt des Wortes Gottes
aufzuzeichnen und ihren Lesern mitzuteilen. Es ist jedoch mancher
Offenbarungsinhalt nur in seinem Grundbestand (implizit) schriftlich fixiert und
dies oft nur schwer erkennbar, so daß er erst durch die Explikation von seiten
der Kirche in allen seinen Elementen klar vor das Auge tritt. So ist mancher
Offenbarungsinhalt in seiner formalen Gestalt nur in der Überlieferung
enthalten, während die Schrift das Fundament bietet.
232
14.
ABSCHNITT
Wunder und Weissagungen
als
Erkenntnismittel der
Offenbarung
1. Kapitel
Der
Begriff
Wir
wenden uns noch einmal der Frage nach der Erkennbarkeit der Offenbarung zu. Wie
wir schon betont haben, gibt es keinen zwingenden »Beweis« dafür, daß ein
Ereignis oder ein Wort oder ein im Worte geschehendes Ereignis ein Akt
göttlicher Selbsterschließung sei. So kann ein ungläubiger Historiker die
Geschichte des alttestamentlichen Gottesvolkes ohne besondere Mühe als rein
politische und kulturelle Entwicklung verstehen. Wir haben früher die der
Offenbarung und dem Menschen selbst immanenten Erkenntniselemente genannt. Wenn
man ausschließlich ihnen die Funktion von Erkenntnismitteln zuschreibt, könnte
sich das Bedenken des reinen Immanentismus, des »Modernismus« erheben. Dies
ist zwar objektiv unbegründet; denn auch die der Offenbarung selbst
eingestifteten göttlichen Erkenntnismerkmale haben objektive Bedeutung. Daß
sie beim Menschen ankommen, gehört zum Wesen der Offenbarung. Diese steht nicht
einfach wie eine objektivistische Gegebenheit vor den Menschen. Ob der Mensch
sie in Freiheit anerkennt oder ablehnt, hat seinen Grund darin, daß er sich ihr
gegenüber verwandt oder fremd fühlt. Dies ist ein ob-
233
jektiver
Vorgang. So haben also die inneren Erfahrungen, die der Mensch am offenbarenden
Gott macht, ihr Gewicht. Aber sie bedürfen der Ergänzung. Es sei daher auch
auf eine äußere Bezeugung hingewiesen, nämlich auf die vom Ersten
Vatikanischen Konzil als Zeugnisse für die Offenbarung genannten Wunder und
Weissagungen (DS 3009).
Dieses
Konzil hat den Begriff des Wunders und der Weissagung nicht erklärt. In der
scholastischen Theologie ist es üblich geworden, den Begriff des Wunders unter
naturgesetzlichen Aspekten zu sehen und es als einen Vorgang zu verstehen,
welcher über die natürlichen Möglichkeiten der Natur und des Menschen nicht
nur praktisch, sondern prinzipiell hinausgeht. Man hat also eine
physisch-kausale oder vielmehr eine metaphysische Erklärung des Wunders
versucht. In der zugespitztesten Form behauptet diese Interpretation des
Wunders, daß im Grunde durch Gottes Allmacht die Naturgesetzlichkeit im
Einzelfall aufgehoben wird. Angesichts der heutigen wissenschaftlichen und
technischen Erkenntnisse ist es schwer, mit Sicherheit real festzustellen, wann
im konkreten Fall in dem angegebenen Sinn ein Wunder vorliegt, da sich die
natürlichen Horizonte immer mehr erweitern, und — falls man das Wunder in der
Dimension der Naturkausalität sieht — von einem Vorgang mit Sicherheit zu
sagen, daß er die uns bekannten Naturgesetze durchbricht. Man muß damit
rechnen, daß manches in diesem Sinne als Wunder verstandene Ereignis im
Fortgang der Erkenntnis natürlich erklärt werden kann. Hinzu kommt der Einwand
Lessings, daß Wunder aus der Vergangenheit nur schwer als historisch
glaubwürdig »bewiesen« werden können.
Für eine Klärung der Frage ist es wohl am richtigsten, wenn wir auf Grund dessen, was die Schrift und
234
die Väter sagen, die Zeichenhaftigkeit des Wunders in den Blick nehmen.
Trotz seiner Länge sei ein Wort aus Augustinus angeführt, weil es uns einen
wichtigen Aufschluß zu geben vermag.
In
einer Predigt zum Johannes-Evangelium (24,1) sagt Augustinus folgendes: »Die
Wunder, durch die Gott die Welt regiert und die ganze Schöpfung leitet, sind
für uns durch die Alltäglichkeit so abgestumpft, daß fast niemand es mehr
für wert erachtet, den wunderbaren und erstaunlichen Werken Gottes in jedem
Getreidekorn Aufmerksamkeit zu schenken. Daher hat er, getreu seiner
Barmherzigkeit, sich vorbehalten, zu gegebener Zeit einige Dinge zu vollbringen,
die außerhalb des gewöhnlichen Verlaufs und der Ordnung der Natur liegen,
damit die Menschen, die gegen das Wunder des Alltäglichen abgestumpft sind,
durch das Sehen eines nicht größeren, aber ungewöhnlicheren Ereignisses
getroffen werden. Tatsächlich ist die Ordnung des ganzen Weltalls ein
größeres Wunder als die Sättigung von fünftausend Menschen durch fünf
Brote. Und doch wundert sich niemand über das eine, indessen das andere die
Menschen in Staunen versetzt, nicht, weil es ein größeres, sondern weil es ein
selteneres Wunder ist. Wer ernährt auch jetzt die ganze Welt, wenn nicht jener,
der aus einigen Getreidekörnern ganze Ernten reifen läßt? Er hat also
gehandelt wie Gott selbst. Mit der gleichen Macht, mit der er einige
Getreidekörner zu einer Ernte vermehrt, hat er in seinen Händen die fünf
Brote vermehrt. Die Macht dazu lag in Christi Händen; und fünf Brote waren wie
Saaten, die jedoch diesmal nicht der Erde anvertraut wurden, sondern die
vermehrt wurden durch ihn selbst, der die Erde gemacht hat. Dies hat sich vor
unseren Sinnen abgespielt, auf daß unser Geist sich daran erbauen mag. Es wurde
unseren Augen gezeigt, auf daß unser Verstand sich damit befassen möge, auf
daß wir mit Staunen in seinen sichtbaren Werken den unsichtbaren Gott gewahren
und, zum Glauben erweckt und durch den Glauben gereinigt, auf unsichtbare Weise
ihn zu sehen verlangen, den wir durch die sichtbaren Dinge als den Unsichtbaren
kennengelernt haben« (Tract. in lo.Ev.24.1; PL 35,1592 f.),
Es würde dem Zeugnis der Schrift nicht entsprechen, wenn man das Wunder als objektives Wunder (Geschehen) leugnen und nur die Heilsbedeutsamkeit eines natürlichen Vorganges gelten ließe.
235
Als
zeichenhafte Machttat Gottes ist das Wunder nach dem Zeugnis sowohl der
alttestamentlichen als auch der neutestamentlichen Schriften nicht von der
Offenbarung zu trennen. Man kann daher die Machttat als ein Grundelement des
biblischen Zeugnisses der Offenbarung betrachten. Die von Gott für sein
offenbarendes Tun erwählten Menschen erweisen sich als solche durch
innerweltliche, geschichtlich antreffbare, für jedermann erfahrbare Werke.
Diese haben den Sinn, den Glauben zu wecken, nicht jedoch ihn zu erzwingen. Sie
sind keine absolut wirksamen Mittel gegen den Unglauben. Der Glaube bleibt auch
vor dem Wunder der Entscheidung anheimgegeben. Die Zeichen sollen aufmerksam
machen und aufhorchen lassen. Im übrigen gibt es auch einen Glauben, ohne zu
sehen (Joh 20,29).
Die
Wunder können als Gotteszeichen nur von jenen Menschen verstanden werden, die
für Gott offen sind. Wenn nicht die apriorische, transzendentale Bereitschaft
für Gott gegeben ist, ist es unmöglich, ein Wunder als Wunder zu sehen. Ja,
dort wo die Bereitschaft fehlt, kann das Wunder Ärger und Ablehnung provozieren
(Mt 11,6; Joh 11 und die Auferstehung Jesu selbst).
Was die biblische Bezeichnung für Wunder betrifft, so wird das im außerbiblischen Sprachgebrauch für Mirakel verwendete Wort in der Schrift nur selten gebraucht. Wo es gebraucht wird, steht es meist in Verbindung mit dem Ausdruck »Zeichen«. Im Alten Testament wird häufig (18 mal) der Terminus »Zeichen und Wunder« verwendet. Das Wort »Zeichen« spielt eine große Rolle im Johannes-Evangelium. Die Synoptiker sprechen von Machttaten, Johannes spricht von den Werken, die für Jesus Zeugnis ablegen. Die alttestamentliche Formel »Zeichen und Wunder« wird
236
für die von den Christusgläubigen in der apostolischen Zeit aufgrund der in ihnen wirksamen Heilskraft Christi gewirkten Machttaten gebraucht. Der Schrift geht es immer um die Bedeutung der »Wunder« im Ganzen des Heilsgeschehens, nicht um das Wunder an sich. Sie stehen im Dienste des Gottesreiches.
2. Kapitel
Die
Arten der göttlichen Machttaten
Man
kann die von der Schrift bezeugten Wunder in Stiftungswunder und Begleitwunder
einteilen. Das grundlegende Stiftungswunder des Alten Testamentes ist der von
Gott gewirkte Exodus der Stämme Israel aus Ägypten. Dieses Grundwunder
entfaltet sich in immer neuen Geschehnissen (im Gottesdienst, im Opferwesen,
durch die Festtage, besonders durch das Pascha). Begleitwunder waren das
Sichteilen der Wasser, die Feuersäule bei Nacht, die lichte Wolke bei Tage, das
Wasser aus dem Felsen, das Manna. Das Stiftungswunder im Neuen Testament ist das
Christusereignis. Begleitwunder sind etwa die jungfräuliche Empfängnis, das
leere Grab, die Erscheinungen.
Die heutige kritische katholische Exegese glaubt, manche Wunderberichte als literarische Form interpretieren zu können, durch welche die Heilsbedeutung Jesu veranschaulicht werden soll. Dabei wird in der Regel hinzugefügt, daß dem Bericht ein heute nicht mehr im Detail feststellbares Kernereignis zugrunde liegt. Wenngleich manche Wundererzählungen in die-
237
sem
Sinne verstanden werden können, so würde es doch der Absicht der Schrift
widersprechen, wenn die neutestamentlichen Wunderberichte prinzipiell in dieser
Weise ausgelegt würden. Es ist vielmehr in jedem Einzelfall der Text sowohl aus
dem Kontext als auch aus der religionsgeschichtlichen Umwelt zu prüfen. Es
würde dem zwischen Gott und der Welt bestehenden Verhältnis zuwiderlaufen,
wenn grundsätzlich die Möglichkeit eines Eingreifens Gottes ausgeschlossen
würde (vgl. R. H. Fuller, Die Wunder Jesu in Exegese und Verkündigung,
Düsseldorf 1967; A. Heising, Die Botschaft der Brotvermehrung, Stuttgarter
Bibel-Studien 15, Stuttgart 1966).
3. Kapitel
Wunder
im AT
Zunächst soll einiges zu den alttestamentlichen Wundern gesagt werden. Sie haben ihren Ort vor allem in jenen Vorgängen, welche mit dem Auszug aus Ägypten, der Bundesschließung am Sinai und der inneren und äußeren Festigung des Bundesvolkes zusammenhängen. Sie sollten als Gotteszeichen die Menschen zum Glauben an Gott als den Helfer und Retter hinführen, damit sich diese vom Polytheismus loslösten und dem Monotheismus ergäben. Das Wunder hat demgemäß eine theologische Bedeutung und hat daher seinen Ort dort, wo der Fortgang der Heilsgeschichte auf Schwierigkeiten und Widerstände stößt, die nur durch Gottes Kraft überwunden werden können.
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Was
die Gestalt des Wunders im Alten Testament betrifft, so ist es jeweils eine
unerwartete, eindrucksvolle Hilfe Gottes in einer bedrückenden oder
aussichtslosen Lage. Gerade in den für Israel entscheidenden Wundertaten
offenbart sich Gott überzeugend als der Große, der Mächtige, der Richter, der
Barmherzige, dem man sich vertrauensvoll überlassen kann. So erfährt Israel
sich selbst, seine Volkwerdung und seine Fortdauer als Volk als das eigentliche
Wunder. Es wurde durch eine göttliche Machttat gerettet, die Rettung selbst und
die Bewahrung sind das eigentliche Wunder (Ex 14,31; 19,4 f.; Gen 25,21; 29,31;
30,1 ff. 22 f.). Diesem theologischen Sinn des Wunders würde kein Abtrag
geschehen, wenn manche der im Alten Testament berichteten wunderbaren Ereignisse
Darstellungsmittel wären, durch welche die Autoren kraft ihrer plastischen
Begabung die gnädigen Fügungen Gottes gepriesen haben. Der Wunderbegriff im
metaphysischen Sinn war den alttestamentlichen Autoren unbekannt (J. Haspecker,
Wunder im Alten Testament, Kevelaer 1965).
Die Frage, ob ein Geschehen den Naturgesetzen entspreche oder nicht, war Israel bis in die Zeit des Hellenismus unvertraut (vgl. G. Ziener, Die theologische Begriffssprache im Buche Weisheit, Bonn 1956), da es aus der Überzeugung lebte, daß die ganze Welt und alles, was zu ihr gehört und an ihr geschieht, Werk Gottes ist. Das Deuteronomium betrachtet im Rückblick die ganze Geschichte Israels als göttliche Heilsführung. Dtn 26,8 heißt es: »Jahwe führte uns mit starker Hand und ausgestrecktem Arm, unter gewaltigem Schrecken, unter Zeichen und Wundern heraus aus Ägypten und brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land, das von Milch und Honig fließt.« Aber auch die Erschaffung der Welt und
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Gottes Fügungen bis zur Berufung Abrahams und des Mose werden als Wunder verstanden (Pss 145; 146; Jes40,21.26a). Gottes Machttaten in Schöpfung und Heilsführung werden als Einheit gesehen (besonders klar bei Jer 27,5, 32,17-20; vgl. Th. Blatter, Herrschaft und Macht Gottes, Freiburg/S. 1962. W. Eichrodt, Theologie des Alten Testamentes, II, Leipzig 1935, 85). Jedes Ereignis, in dem Gott seine Macht und Größe offenbart, ist ein Wunder (Ps 107). In Gottes Machttaten soll Israel seinen Gott erkennen (Ex 10,1 f.; Ps 106). Das Wunder ist Ausdruck von Gottes Königsherrschaft. Diese ist auf das Ziel der göttlichen Machttaten gerichtet (H. Haag, J. Schmid, A. Vögtle, in LThK X, 2. Aufl., 1964, 1254 f., 1261. J. Gnilka, in: H. Fries, Handbuch theol. Grundbegriffe, II, München 1963, 885; H. van der Loos, The Miracles of Jesus, Leiden 1965; Fr. Mußner, Die Wunder Jesu, München 1967).
4.
Kapitel
Wunder im NT
Was
das Neue Testament betrifft, so sind auch hier die Machttaten Gottes als Zeichen
seiner Präsenz auf den Menschen zugeschnitten. Die neutestamentlichen,
biblischen Zeichen haben ihren Höhepunkt in der Auferweckung Jesu Christi von
dem Tode. Durch sie hat Gott, wie es in der Pfingstpredigt des Petrus heißt,
Jesus, der gekreuzigt worden war, zum Herrn und Messias gemacht (Apg 2,36). Hier
ist der Anfang
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einer
neuen Schöpfung, also die Transzendierung der jetzigen Weltform über sich
hinaus in eine neue Weltgestalt von radikaler Zukünftigkeit gemacht. Das Ziel
der ganzen, von Gott gewirkten und doch der Welt selbst immanenten Entwicklung
auf eine radikal-neue Existenzform hin ist an einer Stelle innerhalb der Welt
schon erreicht. Die Auferweckung Jesu, sein Fortleben in leiblicher Verklärung,
ist Maßstab und Norm für alle im Neuen Testament berichteten Wunder. Im Grunde
genommen drückt sich in der Auferweckung Jesu die innerste Dynamik seiner
Existenz aus. Diese ist in der Auferstehung zum Durchbruch gekommen und übt nun
eine unabsehbare Wirkung auf die ganze menschliche Geschichte und auf den Kosmos
aus. In der Auferweckung Jesu zeigt sich die Absicht, welche Gott mit der
Schöpfung hat. Die Welt ist noch nicht abgeschlossen, sie ist vielmehr offen
auf die in Christus schon hervorgetretene Existenzform hin. Wie die Welt vor
Jesus auf ihn hin finalisiert war, so ist sie von ihm aus und durch ihn auf
Verklärung hin finalisiert (siehe die Lehre von Gott dem Schöpfer, Band 3).
In der Auferweckung Jesu und in den anderen im Neuen Testament berichteten Wundern werden die Naturgesetze nicht durchbrochen, sondern bewahrt, aktualisiert und über sich selbst hinaus geführt. Dies läßt sich so verstehen: Jeder der verschiedenen Seinsbereiche ist auf den höheren hingeordnet. Er bleibt in ihm aufgehoben und wird von ihm in Dienst genommen. So überschreitet sich die leblose Materie auf die belebte Materie und der Organismus auf den Geist hin. Der Mensch überschreitet sich auf Gott hin. Das jeweils Höhere prägt das von ihm aufgenommene Niedrigere, ohne allerdings dies der ihm immanenten Gesetzlichkeit zu berauben.
241
Wenn
man die Wunder Jesu (Totenerweckungen, Krankenheilungen, Brotvermehrung,
Seewandel) betrachtet, tritt ihre Funktion als Heilsoffenbarung Gottes deutlich
hervor. Sie bieten keine faszinierende Schau, welche die Menschen unterhalten
oder begeistern soll. Sie wollen vielmehr die Präsenz Gottes verkünden.
Deshalb wirkt Jesus keine Wunder, wo jegliche Bereitschaft für Gott fehlt, da
in einer solchen Situation ein Wunder sinnlos wäre. Die Machttaten Jesu, die
nicht Beliebiges hervorbringen, sondern nur das dem Menschen Dienliche, sind
innerhalb der Weltbewegung in die letzte Zukunft hinein Stöße zu einem
rascheren, sicheren Vorwärtsgang auf jenen Zustand, in welchem die verwandelte
Welt dem verklärten und vergöttlichten Menschen vollkommen zu Diensten sein
wird. Jesus wirkte diese Beschleunigung, indem er durch die Kraft seines
menschlichen und göttlichen Geistes dem den Gesetzen gehorchenden Geschehen der
Natur besondere Antriebe gab. In manchen Fällen mag er die geistigen und
seelischen Kräfte im betroffenen Menschen in so heftige Bewegung gesetzt haben,
daß sich diese im leiblichen Bereich auswirkten (vgl. Br. Huber, Einheit und
Mannigfaltigkeit des Lebens, in: Studien und Berichte der Kathol. Akademie in
Bayern, Heft 4, 1958, 89-105). Alte von Jesus gesetzten Zeichen sind Vorzeichen
der absoluten Zukunft mit dem vollendeten Heil.
Nebenher sei gesagt, daß die von der heutigen Na-turwissenschaft aufgestellte Wahrscheinlichkeitsgeltung der Naturgesetze für die Erklärung der Wunder nicht in Anspruch genommen werden kann. Ob die Naturgesetze determinierende oder nur Wahrscheinlichkeits-Funktion haben, ist für die Erklärung des Wunders nicht entscheidend. Das Entscheidende liegt darin, daß jeweils ein Seinsbereich gegenüber dem
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anderen
offen ist und daß die gesamte Schöpfung offen ist für Gott, den Quellgrund
Ihrer Gesetze (siehe 1. Kap.).
Der
Weg zum Verständnis der göttlichen Machttaten dürfte leichter werden, wenn
man bedenkt, daß Gottes schöpferisches allmächtiges Tun nicht ein
vorübergehender Akt ist, sondern sich ständig, ohne Zeitintervalle ereignet
(aktive Welterhaltung), indem er fortwährend das Ganze der Schöpfung und darin
auch jede Einzelheit hervorbringt und weiterbringt. Gott, der Vater, der
Schöpfer, ist es ja, der durch seinen menschgewordenen Sohn im Heiligen Geist
auch das Heilswerk vollbringt (siehe auch die Christologie). Wenn Gott ein
Wunder wirkt, hat er nicht ein isoliertes Einzelding an sich in seiner
allmächtigen Hand, sondern insofern es Ding im Ganzen ist. So ist das Ganze
durch seine schöpferische Macht betroffen.
Es zeigt sich, daß der vielfach vorgebrachte Einwand, das Wunder wäre eine nachträgliche Selbstkorrektur und daher eine Selbstdesavouierung des Schöpfers, es würde zudem Unordnung in die Weltstruktur hineintragen, da alle Dinge von allen und jedes einzelne von jedem einzelnen abhängig ist, nicht durchschlägt. Das Handeln Gottes im Weltgeschehen betrifft zwar je eine bestimmte Weltstelle, wirkt aber wegen des genannten Zusammenhangs schöpferisch auf das Ganze.
243
15.
ABSCHNITT
Die nachbiblische Reflexion
über die göttliche Offenbarung
bis zur Gegenwart
Im
engen Anschluß an die Forschungen in dem von M. Schmaus, A. Grillmeier, L.
Scheffczyk und M. Seybold hrsg. »Handbuch der Dogmengeschichte« (Bd. I 1 a von
Seybold, Cren, Horst, Sand, Stockmeier) sollen die wichtigsten Etappen in der
nachbiblischen Zeit skizziert werden. Sie bieten die Tradition, d. h. eine
Entfaltung und Auslegung dessen, was in der Heiligen Schrift über den Begriff
der Tradition zu finden ist. Der Überblick wird eingeteilt in die Reflexion
während der Väterzeit, in jene während des Mittelalters und in die Reflexion
in der Neuzeit und endlich in die Reflexion um die Wende vom 19. zum 20.
Jahrhundert und in diesem selbst.
1. Kapitel
Die
Väterzeit
Ein
Gang durch die Geschichte des Offenbarungsbegriffes, wie er in dem auf vier
Bände mit zahlreichen Faszikeln berechneten Handbuch der Dogmengeschichte
unternommen wird, gibt zahlreiche Aspekte, welche sowohl die Variabilität des
Begriffes als auch seine Weite und Umfänglichkeit sowie seine allmähliche
Konzentration auf einen bestimmten Sinngehalt
244
aufzeigen.
Die Väterzeit, insbesondere das Zeitalter der apostolischen Väter war in
dieser Hinsicht noch von einer unsicheren Terminologie bestimmt. Die Regeln, die
dabei zu behandeln waren, betrafen die Universalität der Offenbarung. Dies aber
bedeutet, daß man die in der Schöpfung sich vollziehende Selbsterschließung
Gottes mit der in Christus vollendeten Offenbarung in eins setzte, ohne den
tiefgreifenden Unterschied zu betonen. Dabei zweifelte man keinen Augenblick
daran, daß Christus den Höhepunkt der Offenbarung darstellt. Damit hängt
naturgemäß die Frage zusammen, in welchem Verhältnis die Schöpfung und die
Erlösung zueinander stehen. Die Erlösung scheint in jene Tätigkeit Gottes
integriert zu sein, welche sich in der Schöpfung vollzieht. Ebenso ist es für
die apostolischen Väter ein Problem, wie die im Alten Testament und in Christus
erfolgende Offenbarung sich zueinander verhalten. Auch hier darf man sagen, daß
eine Nebeneinanderstellung der beiden Formen von Offenbarung sehr häufig
vorgenommen wird. Vor allem aber scheint es den apostolischen Vätern gesichert
zu sein, daß Christus zwar den Höhepunkt der Offenbarung darstellt, daß aber
die Offenbarung über sein eigenes Leben hinaus weiterläuft, wenn sie auch
nichts Neues mehr bringt. Die Offenbarung setzt sich nach dieser These fort bis
zur Wiederkunft Jesu Christi. Insbesondere ist den Vätern die Unterscheidung
von natürlicher und übernatürlicher Offenbarung im Sinne der scholastischen
Theologie noch unbekannt. Sie ist in der Behauptung, daß die Schöpfung selbst
eine Offenbarung Gottes sei, in einem gewissen Sinne abhängig von der stoischen
Philosophie. Wir brauchen uns nur an den ersten Klemensbrief zu erinnern aus dem
Ende des 1. Jahrhunderts. Es dauerte lange, bis die alttestamentliche Of-
245
fenbarung,
insbesondere aber die Christusoffenba-rung als der alleinige Offenbarungsvorgang
anerkannt wurde. Die Christozentrik der Schöpfung, welche namentlich im
Kolosserbrief bezeugt ist, begünstigte die These, daß Schöpfung und Erlösung
als Offenbarungsvorgänge Gottes auf das engste zusammengehören. Wenn dies auch
im Ersten und im Zweiten Vatikanischen Konzil betont wird, wie wir später sehen
werden, so liegt der Unterschied zu der apostolischen Zeit darin, daß in dieser
die in Christus erfolgte Offenbarung eingebettet erscheint in die in der
Schöpfung sich vollziehende Offenbarung, während im Zweiten Vatikanischen
Konzil die Schöpfungsoffenbarung, falls man von einer solchen sprechen will,
eingefügt ist in die Christusoffenbarung. Die Christusoffenbarung enthält die
Tatsache, daß durch die Erlösung die Vernunft nicht nur nicht ihrer Funktion
beraubt wird, sondern daß sie gerade im Rahmen der Christusoffenbarung eine
besondere Aufgabe zu erfüllen hat. Wenn die Schöpfung Gottes als Offenbarung
betrachtet wird, setzt sich naturgemäß die göttliche Selbsterschließung in
dem Kosmos immer fort, solange der Kosmos besteht.
Gegenüber dem Gnostizismus entwickelt sich jedoch die These, daß die Offenbarung Gottes nicht ein immerwährendes Geschehen ist, sondern ein geschichtlicher Vorgang, der auf eine ganz bestimmte Zeit hinzielt, nämlich auf das Christusgeschehen. Insbesondere sind es Ignatius von Antiochien und Eirenaios, welche diese Gedanken mit allem Nachdruck vertreten. Dabei wird ein Unterschied zwischen der Schöpfungsoffenbarung und der heilsgeschichtlichen Offenbarung deutlicher herausgestellt. Heilsgeschichtliches Tun Gottes und Offenbarungstun Gottes werden nicht voll identifiziert. Die Heilsgeschichte er-
246
reicht
gerade in Christus ihren Höhepunkt, während die Schöpfungsoffenbarung in
Christus nicht über ihre schon von Anfang an bestehende Auskunftskraft
hinausreicht. Daß die von Seiten der christlichen Theologen immer stärker
betonte Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Christusoffenbarung nicht mit
leichter Hand gegenüber der Schöpfungsoffenbarung geklärt werden konnte,
zeigt sich an dem Widerspruch des Kelsus, welcher behauptete: die
Verabsolutierung des christlichen Glaubens stütze sich auf Jesus Christus,
verstoße jedoch so gegen den Logos der Welt und gegen den Nomos, der jeden
Staat beherrsche. Die Apologeten hingegen, wie z. B. Justin (gest. 110), oder
Theophilos von Antiochien (gest. 186), halten zwar noch den Zusammenhang
zwischen Schöpfung und Erlösung fest, heben jedoch die Einmaligkeit der
Inkarnation mit größtem Nachdruck hervor.
Dabei tritt ein neues Element in Erscheinung. Justin neigt dazu, die Offenbarung vor allem als die wahre Lehre zu verstehen. Das Christentum erscheint dann als die wahre Philosophie. Die Intellektualisierung bzw. der in den Glauben eindringende Intellektualismus zeigen ihre ersten Spuren. Die wahre Lehre wird dabei allerdings verstanden als Heilslehre. Außerdem tritt noch ein wichtiges Moment in Erscheinung. Bei den beiden genannten Apologeten tritt uns die Meinung entgegen, daß sich Gott nicht nur in dem Kosmos zeigt, sondern auch in der Innenwelt des Menschen. Was bei Tertulian und vor allem bei Augustinus in voller Entfaltung vorliegt, hat seine Anfänge in der philosophischen Theologie; der genannte Schritt in die Subjektivität wird schon im 2. Jahrhundert vorgenommen. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, daß diese Theologen ähnlich wie übrigens auch An-selm von Canterbury und Abälard im frühen Mittelal-
247
ter
für die hier genannte Vernunftmöglichkeit eine Vernunft im Auge haben, welche
ihrerseits vom Glauben geprägt ist. Es ist keine reine Vernunfterkenntnis, von
der in dieser Theologie gesprochen wird. Man darf also die Lehrhaftigkeit des
Offenbarungsbegriffes nicht überbetonen. Für die genannten Theologen und für
die gesamte Zeit bis in das 13. Jahrhundert hinein ist der Erlösergott
identisch mit dem Schöpfergott, in dem Sinne, daß der »Vater« genannte Gott
die gesamte nichtgöttliche Welt durch Jesus Christus mit seinem Erlösertun
heilt.
Eine
besondere Rolle spielt Eirenaios von Lyon. Er ist eine zentrale Gestalt der
Theologie des zweiten Jahrhunderts. Er behauptet gegenüber der
Offenbarungstheologie, welche Hermes Trismegistos zugeschrieben wird, daß Jesus
der Offenbarer Gottes schlechthin ist. Die Mitte aller Theologie ist für ihn
das Heilsgeschehen in Jesus Christus. In Jesus Christus hat sich der Heilsplan
Gottes erfüllt. Der gleiche Gott, der die Welt erschaffen hat, hat auch die
menschliche Heilsgeschichte in Gang gebracht, welche in Jesus Christus ihren
Höhepunkt erreicht hat. Die Inkarnationslehre des Eirenaios steht mit der
Soteriologie engstens in Zusammenhang. In Jesus Christus ist die Menchwerdung
und die Erlösung zu einem einzigen Vorgang verbunden. Die Menschwerdung des
Sohnes Gottes läßt sich in ihrem wahren Sinn nur erkennen im Zusammenhang mit
dem Tode und der Auferstehung. Es vollzieht sich nach ihm ein Fortschritt der
Offenbarung von der Schöpfung über das alttestamentliche Gesetz und die
Propheten bis hin zu Christus. Der menschgewordene Gottessohn faßt in sich alle
vorausgehenden Offenbarungsstufen Gottes zusammen.
Die alexandrinischen Theologen Klemens und Ori-enes verstehen die Offenbarung vor allem als eine
248
Belehrung.
Sie bringt neue Erkenntnisse. Diese Erkenntnisse haben erlöserische Bedeutung.
In ihnen ruht die Heilskraft. Vor allem ist es Origenes (gest. 253/4), der sich
mit aller Kraft um das Verständnis des Wortes Gottes bemüht. Die Frage nach
der Offenbarung und ihrer Auslegung steht geradezu im Mittelpunkt seiner ganzen
Theologie. Die endgültige Offenbarung erfolgt nach ihm in der Apokatastasis
panton, d. h. in der Erlösung des gesamten Alls. Die Vollgestalt der
Offenbarung ermöglicht erst die Zukunft, das Wiederkommen Christi. Die
Fortschritte der Offenbarung bestehen allerdings nicht in der Änderung des in
Christus schon gewährten Inhaltes, sondern in einer fortschreitenden
Enthüllung. Der menschgewordene Logos ist Offenbarer und Offenbarung in einem.
Christus verkündet nach Origenes sich selbst.
Erst
die Erkenntnis des ewigen Logos in Christus bringt die volle Realisierung der
Gotteserkenntnis. Diese hängt also ab von der Inkarnation. Athanasius (gest.
373) geht so weit, zu sagen, daß jene, welche Gott nicht aus seiner
allumfassenden Vorsehung und Weltherrschaft erkennen wollen, wenigstens aus dem
Werke, das der menschgewordene Logos vollbringt, den Vater erkennen können.
Hier vollzieht sich also eine schärfere Unterscheidung der Offenbarung in der
Schöpfung von jener im inkarnierten Gottessohn. Die Offenbarung zeigt sich hier
in ihrem trinitarischen und christologischen Zusammenhang. Ähnliche Gedanken
werden ausgesprochen von Hilarius von Poitiers (gest. 367).
Auch die kappadozischen Väter bestehen auf einer engen Verknüpfung von kosmischer und christologischer Offenbarung Gottes. Gotteserkenntnis aus erleuchteter Vernunft und Glaube sind einander zugeordnet. Die erste bezieht sich auf die Schöpfung, die
249
zweite
auf das Christusgeschehen. Dabei wird die zentrale Rolle Christi nachdrücklich
hervorgehoben, welcher als gleichwesentlicher Gott ganz den Vater in sich
offenbart. Basilios (gest. 379) bringt das Offenbarungsgeschehen auch in engen
Zusammenhang mit der Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Die altkirchliche
Überzeugung von einer ständigen Möglichkeit, Offenbarungen zu empfangen,
verbindet sich bei ihm mit dem Gedanken der Erleuchtung des Einzelnen von seiten
des Heiligen Geistes. Dennoch bleibt die Schrift als Norm gültig, so daß
keinem freien Prophetentum oder Schwärmertum Raum gewährt wird. Auch nach
Gregor von Nazianz (gest. um 390) ist die Offenbarung in Christus noch nicht
endgültig abgeschlossen. Sie vollzieht sich auch noch in der Zeit der Kirche.
Die Kirche steht nämlich ständig unter der offenbarenden Wirksamkeit des
Heiligen Geistes. Wenn man genauer zusieht, ist unter dieser Offenbarung das zu
verstehen, was man in der späteren Theologie als eine Interpretation der in der
Schrift niedergelegten Selbsterschließung Gottes zum Zwecke eines tieferen
Verständnisses hervorhebt. Gregor von Nyssa (gest. 364) dehnt ebenso die Zeit
der Offenbarung aus in die Zeit der Kirche hinein, und zwar bis zur Parusie Jesu
Christi, aber auch nach ihm ist die Norm aller noch nach den Aposteln
geschehenen Offenbarung das Evangelium. Die Offenbarung kulminiert auch bei ihm
in Jesus Christus. Er betont, daß die Offenbarung nicht nur Enthüllung,
sondern auch Verhüllung ist, selbst in der mystischen Schau.
In
der antiochenischen Schule ist die Offenbarung mehr vom Geschehnischarakter her
bestimmt als von dem physischen Wesen Jesu Christi. Johannes Chrysostomos (gest. 407)
befaßt sich mit den Problemen vor allem in seinen Homilien über die
Unbegreiflichkeit
250
Gottes.
Hier bestimmt er die Formen und die Grenzen der göttlichen Selbsterschließung.
Dabei liegt der Gedanke des mysterium tremendum im Vordergrund seiner
Darstellung. Heilsoffenbarung in der Geschichte und Offenbarung im Kosmos fallen
in seiner Theologie des Kreuzes in eins zusammen.
Der
Offenbarungsbegriff des unter aristotelischem und neuplatonischem Einfluß
stehenden Theologen Marius Victorinus (gest. nach 362) ist geprägt von der
absoluten Transzendenz Gottes und dem intellektualistischen Versuch, das
Unbegreifliche in Begriffen zu fassen. Nach Art der Apologeten versucht er die
Verborgenheit Gottes zu überwinden durch die Idee des Logos. Die Offenbarung
kann auch unabhängig von der Geschichte erfolgen. Sie kann sich in jeder
Gegenwart ereignen.
Im lateinischen Sprachbereich entwickelt der heilige Augustinus (gest. 430) eine Offenbarungsvorstellung, welche die vorausgehende Epoche gewissermaßen zusammenfaßt und mit großer Autorität in die Zukunft hineinwirkt. Augustinus hat vor allem im 12. Buch seines Genesiskommentars ausführlich über die Offenbarung gesprochen und zwar über jene, die den Menschen unmittelbar berührt. Er unterscheidet dabei nicht zwischen prophetischer Schau, wie sie uns in der Heiligen Schrift bezeugt ist, und nachbiblischen Offenbarungsphänomenen. Auch in seinen Predigten zum Johannes-Evangelium kommt er häufig auf die göttliche Offenbarung zu sprechen. Maßgebend ist für Augustinus sowohl der platonisch-neuplatonische Erkenntnisweg als auch seine Abhängigkeit vom biblisch-paulinischen Offenbarungsbegriff. Der denkende Mensch findet nach ihm die absolute Wahrheit kraft göttlicher Erleuchtung in sich selbst. Die Wahrheitssubstanz wird in das Subjekt selbst hineinverlegt. Aufschluß-
251
reich ist folgender Text: »Jener aber, der da gefragt wird, lehrt, daß er im inneren Menschen wohnt; es ist Christus, die unwandelbare Kraft Gottes und die ewige Weisheit« (De magistro, 38). Voraussetzung für die Erkenntnis ist nach Augustinus die Präsenz Jesu Christi im Menschen. Diese Präsenz wird jedoch hergestellt und bewirkt durch den Glauben. Dieser hat, wie Augustinus im Einklang mit allen voraugustinischen und den späteren, den mittelalterlichen Theologen sagt, nicht nur reinigende und heiligende Kraft für den menschlichen Intellekt, »sondern er schafft im Menschen die Präsenz Jesu Christi«, die der Wahrheit und der Weisheit selbst dient. So hat der Glaube an ihn fundamentale Bedeutung für die Erkenntnis. Die Anwesenheit Christi im gläubigen Menschen bestimmt das Offenbarungsverständnis. Augustinus vertritt nicht selten den Gedanken einer unmittelbaren Offenbarung an den Menschen. Ein solches Eingreifen Gottes ist möglich bis zur endgültigen Offenbarung in der Parusie, also in jeder Gegenwart. Dennoch versucht Augustinus, die Geschichte in seinem Offenbarungs- und Erkenntnisbegriff einzubauen. Die Brücke vom Innen nach dem Außen sucht er zu schlagen durch die zentrale Vorstellung von der Mittlerschaft Jesu Christi, die nicht nur seinshaft, sondern auch funktional zu verstehen ist. Dabei bezieht er sich vor allem auf Joh 10,15: »Wie mich der Vater kennt und wie ich den Vater kenne«. Um den Vorgang des offenbarenden Mittlertums Jesu Christi näher zu beleuchten, vergleicht Augustinus die Fähigkeit des Verstandes, sich selbst und andere zu erkennen, mit Christus. Er sagt: »Wenn er sich predigt und dadurch, daß er predigt, zu dir eingeht, so geht er durch sich zu dir ein.« Auch zum Vater ist er die Türe, weil es keinen anderen Weg gibt, durch den man zum Vater kommt,
252
als ihn selbst (In Joann. 47,3; Brief 102,6.33). Gott spricht also in der Geschichte, die die Heilsordnung Gottes in der Zeit entfaltet. Alle Epochen tendieren auf die Inkarnation des Logos, auf Christus hin, der die Offenbarung vom Neuen Bunde, der ewigen Erbschaft, brachte. Dabei ist allerdings mehr an die Erschließung des Alten Bundes durch Jesus Christus gedacht. Es wird jedoch dem ganzen Heilsgeschehen eine Offenbarungsfunktion zugesprochen. Als Hauptgegenstand der christlichen Religion betrachtet Augustinus die Geschichte, welche die Prophetie des zeitlichen Waltens der göttlichen Vorsehung zum Heil des menschlichen Geschlechtes in sich schließt. Prophetie und Geschichte sind die beiden Formen, in denen sich die Vorsehung Gottes kundgibt. Sie bestätigen sich gegenseitig auf Grund der Relation zwischen Verheißung und Erfüllung. Im Gottesstaat stellt Augustinus die Entwicklung dieses sich in der Geschichte vollziehenden Prozesses dar, dessen alttestamentliche Heilsankündigung im Neuen Testament erfüllt wird, konzentriert in Christus (siehe Gottesstaat 17,18). Er spricht der Heiligen Schrift Redecharakter zu. Dabei betont er, daß es die Schrift mehr oder wenigstens nicht weniger auf die Vorhersage künftiger Dinge abgesehen hat als auf die Bekanntgabe der Vergangenheit (Gottesstaat 17,1). Da jedoch die Heilige Schrift zum Zeichenfeld gehört, so ist es folgerichtig, wenn er entsprechend seinem Ordnungsschema die Überschreitung der Heiligen Schrift fordert. »So hat das Wort im Evangelium durch Vermittlung des Fleisches gesagt, und das ertönte äußerlich in den Ohren der Menschen, damit man es glaube und es innen in sich suche und es finde in der ewig feststehenden Wahrheit, dort, wo alle Schüler der gute und einzige Meister belehrt« (Confess. 11,8). Hier erscheint als das eigent-
253
liehe
Verstehen wiederum die Tätigkeit des Christus praesens zu sein und nicht die
Folge der Schriftlesung. Die Autorität der Bibel wird also auf Jesus Christus
zurückgeführt. Es zeigt sich, daß Augustins Lösung des Offenbarungsproblems
und des Erkenntnisproblems mit dem Hinweis auf das Verhältnis der
menschlichen Seele zu Gott operiert. Offenbarungsgeschehen ereignet sich nicht
außerhalb des Menschen, sondern erfaßt und beteiligt ihn existenziell.
Peter Stockmeier fast seine Untersuchung über den Offenbarungsbegriff der Kirchenväter folgendermaßen zusammen: »Abschließend gelangen wir zu dem Ergebnis, daß die Kirchenväter weder die biblische Botschaft unter dem Gesichtspunkt der Offenbarung subsumiert, noch nach der Möglichkeit von Offenbarung überhaupt gefragt haben. Dieser Befund schließt freilich nicht aus, daß die frühchristliche Kirche zur Artikulation ihres Glaubens den Begriff verwendete, allerdings in einer Weise, die dem modernen Verständnis nicht entspricht. Weniger die in den Phasen des Alten und Neuen Testamentes objektivierte Heilsgeschichte als einzelne Akte gelten ihr als Offenbarung Gottes; insofern geschah Offenbarung immer auch in der Gegenwart. Das Nachwirken des biblisch-charismatischen Offenbarungsbegriffes ist dabei unübersehbar. Der starke Drang nach Erkenntnis einerseits und die Aufgeschlossenheit der Antike für divinatorische Phänomene andererseits bilden im übrigen einen Rahmen, der das Offenbarungsverständnis wesentlich mitbestimmte. Gerade aufgrund dieser Voraussetzung ist Offenbarung im frühen Christentum nicht gegenständlich zu verstehen, sondern mehr akthaft und funktional. Die Begegnung mit den verschiedenen philosophischen Systemen und Denkformen wirkte auf das Glaubensbewußtsein zurück.«
254
2. Kapitel
Das
Mittetalter
Aus
der Zeit zwischen Augustinus und der Frühscholastik sei genannt
Pseudo-Dionysius von Areopag (ca. 500). Er betont, daß der Sinn der Schöpfung
die Selbstmitteilung, die Selbstoffenbarung Gottes in Bild und Symbol sei. Das
Wort Gottes kommt zur Schöpfung hinzu. Es verdeutlicht uns die der Schöpfung
von Haus aus eigene Kundgabefähigkeit göttlicher Wirklichkeit. Es sagt uns, in
was uns die Urgottheit durch die Schöpfung eingeweiht hat. Die Schrift ist die
Summe aller Offenbarung und auch letzter Maßstab der Wahrheit. In
neuplatonischer Denkweise hat Johannes Scotus Eriugena (gest. um 877) die
Offenbarung verstanden. Sie muß auch nach ihm im Kontext der Schöpfungslehre
gesucht werden. Die Schöpfung ist eine Manifestation Gottes. Sie ist die
Selbstaussage Gottes. Ohne sie gibt es keinerlei Gotteserkenntnis. Aber ohne sie
gibt es auch keinerlei Selbsterkenntnis. Die trinitarischen Vorgänge sind
kosmologisch zu verstehen. Scotus Eriugena spricht der Tatoffenbarung in der
Schöpfung noch größere Bedeutung zu als Pseudo-Dionysius von Areopag. An sich
ist die Schöpfung eine vollkommene Aussage über Gott. Aber wegen der Sünde
und der dadurch bedingten Erblindung des Menschen ist eine Wortoffenbarung
notwendig.
Im Handbuch der Dogmengeschichte l a, 96 wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Theologie in der patristischen Zeit immer den Deus ad nos und De fides qua, die mittelalterliche Theologie aber den deus quoad se und die fides quae im Vordergrund ihres
255
Blickes
hatte. Durch Boethius (gest. 525) habe diese zweite Richtung immer mehr an Kraft
gewonnen. Einen gewissen Abschluß dieser auseinanderstrebenden Methoden kann
man in dem heilsgeschichtlich orientierten Hauptwerk Hugos von St. Victor (gest.
1141) De sacramentis christianae fidei einerseits und in Abaelards (gest. 1142)
Werk andererseits sehen, das nach Begriffsinhalten geordnet ist. Nach Abaelard
geschieht die Offenbarung Gottes durch die Schöpfung. Die Frage nach der
Geschichtlichkeit der Offenbarung tritt dabei völlig zurück. Das geschriebene
Wort bietet nach ihm keinen Fortschritt in der Erkenntnis der Trinität.
Als erster hat Hugo von St. Victor den Glaubensakt einer ausführlichen Analyse unterzogen. Er ist beeinflußt von Ps.-Dionysius. In der Schöpfung sieht er ein Buch Gottes. Aber infolge der Sünde ist die Lektüre dieses Buches unmöglich geworden. Deshalb bedarf das menschliche Herz der Erleuchtung durch den Glauben. Es gibt nach Hugo von St. Victor zwei Mittel der Gotteserkenntnis: die Vernunft und die Offenbarung. Die erste ist der Schöpfung, die zweite dem Glauben zugeordnet. Beide Wege der Gotteserkenntnis kennen ein inneres und ein äußeres Moment. Dies läßt sich bezeichnen mit den Worten »Sakrament« (Zeichen) und »res scramenti« (Heilskraft des Zeichens). Wie die Erkenntnis Gottes aus der Schöpfung sowohl durch die Ähnlichkeit mit Gott als auch durch die Unähnlichkeit geprägt ist, so ist auch die Offenbarung in Jesus Christus gekennzeichnet durch Enthüllung und Verhüllung. Sie ist aber auf die endgültige Enthüllung in der Gottesschau hingeordnet. Die Schrift, welche die Offenbarung bezeugt, kann nur eine fides implicita hervorbringen, denn alles, was sie sagt, ist auf eine geheimnisvolle Wirklichkeit angelegt
256
wie
ein Zeichen auf etwas Bezeichnetes. Wenn sich in der Schichtung der
geheimnisvollen Wirklichkeit immer wieder eine neue Stufe zeigt, so kann die
Interpretation der Schrift nie zu einem Ende kommen. Das fortschreitende
Verständnis der Heiligen Schrift wird von Hugo von St. Victor geradezu als Maß
der Geschichte bezeichnet. Als Brennpunkte seines theologischen Bemühens kann
man die Gegensätzlichkeit von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit nennen, femer die
christologische Blickrichtung und den heilsgeschichtlichen Aspekt.
Ein
gewisser Einschnitt in der Offenbarungstheologie tritt ein durch Radulphus
Ardens (gest. 1200). Indem er schon vor ihm vorhandene Tendenzen aufnimmt, gibt
er im Gegensatz zu der Vätertheologie und vielen sonstigen Frühscholastikern
dem Offenbarungsbegriff einen engeren Sinn. Er leistet dies unter dem Einfluß
der aristotelischen und der boethianischen Denkweise. Die Offenbarungstheologie
bewegt sich immer stärker auf die Unterscheidung von Natürlich und
Übernatürlich zu. Den bedeutsamsten und folgenreichsten Vermittlungsversuch
zwischen der augustinisch-dionysischen sakramentalen Auffassung aller
Wirklichkeit und der von Abaelard entwickelten Methode macht Petrus Lombardus
(gest. 1160). Er betont die Geschichtsgebundenheit der Offenbarung und ihren
Fortschritt in der Zeit vor Christus.
Eine aufschlußreiche Neuerung tritt im 12. Jahrhundert auch dadurch ein, daß die von den meisten Frühscholastikern vorgenommene Zusammenschließung der Heiligen Schrift und der Väterwerke zu einer einzigen großen heiligen Scriptura nicht mehr von allen Theologen vertreten wird. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel bietet Rupert von Deutz (gest. 1129/30). Ihm geht das Ansehen der Heiligen Schrift
257
über
alles. Er muß sich gegen den Vorwurf verteidigen, daß er Augustinus nicht mehr
zum Kanon rechnet. Er beharrt aber auf der Ansicht, daß zwischen dem
afrikanischen Kirchenlehrer und der Heiligen Schrift eine Trennungslinie zu
ziehen sei. Die Schrift allein berichtet uns vom Werke und vom Worte Gottes. Die
Werke sind für Rupert die aufschlußreichste Offenbarung des Dreifaltigen
Gottes. Denn das Wort Gottes in sich selbst zu erkennen ist nach seiner Meinung
nur wenigen zuteil geworden. Gottes dreifaltiges Sein prägt sich nach ihm im
Weltprozeß und im Heilsprozeß aus. Dort ist es auch als solches auffindbar.
Das innertrinitarische Wort des Vaters ist offenbar geworden im Schöpfungswort.
Beide Ausgänge, der innertrinitarische und der transzendente, sind gemeint in
dem Ausdruck »Gott hat gesprochen«. Im Gegensatz zu Rupert von Deutz
unterscheidet Wilhelm von Saint Thierry (gest. 1148) sehr entschieden zwischen
der Offenbarung Gottes in dem Schöpfungswerk und in dem göttlichen Wort, durch
dessen in der Menschwerdung gipfelnde Mitteilung sich die Sinntiefe der
Schöpfungsoffenbarung erschlossen hat.
Eine besondere Bedeutung kommt Joachim von Fiore zu (gest. 1202). Indem er sich an Rupert von Deutz und an Anselm von Havelberg (gest. 1158) anlehnt, entfaltet er den Gedanken einer fortschreitenden Entwicklung der göttlichen Offenbarung innerhalb der Geschichte der Kirche. Dieser Gedanke ist seit dem 3. Jahrhundert fast ganz zurückgedrängt worden. Ausgehend von der These, daß die Schöpfung trinitarisch geprägt ist, gewinnt er die Behauptung, daß jede der drei göttlichen Personen eine geschichtliche Epoche als das Medium ihrer Selbsterschließung verwendet. Dabei unterscheidet sich die dritte Epoche, die dem Heiligen Geist zugeordnet ist, von
258
den
beiden ersten Epochen, von der Epoche des Vaters (Altes Testament) und jener des
Sohnes (Neues Testament) dadurch, daß in ihr die Offenbarung nicht mehr durch
Vermittlung hinfälliger Bilder und Worte und Sakramente erfolgt, sondern in
direkter Erfahrung und Einsicht. Die Funktion der Kirche wird auf diese Weise
außerordentlich zurückgedrängt. Dennoch hat Joachim die dritte Heilszeit,
welche er das Evangelium aeternum nennt, nicht als eine zu den vorangegangenen
Offenbarungen hinzugekommene, neue Offenbarung begriffen, sondern als die
letztmögliche Sinnerhellung der vorausgehenden Offenbarung. Erst seine
späteren Anhänger sprechen von einer inhaltlich neuen Offenbarung.
Wir wenden uns den Theologen der Hochscholastik zu. Bei Albertus Magnus und bei Thomas von Aquin hängt der Offenbarungsbegriff eng zusammen mit der Erkenntnistheorie. Die Aussagen der Schrift überschreiten die Vernunftprinzipien nach diesen beiden Denkern so sehr, daß sie auf keine Weise durch Ableitung aus der Vernunft, sondern nur durch die Offenbarung erkannt werden können. Das von Gott dem Menschen zugedachte Lebensziel in der visio beatifica, der unmittelbaren Gottesschau, kann durch die natürlichen Kräfte der Vernunft nicht ergriffen werden. Dem Menschen wurde es nur bekannt durch eine göttliche Mitteilung. Es kann auch nur im Glauben erfaßt werden. Ja, nur der durch den Glauben Gott zugewandte Mensch ist imstande, die göttliche Mitteilung zu bejahen. Da auch die natürlichen Erkenntnisse im Bezug auf Gott für die gebrechliche und immer durch die Sünde bedrohte menschliche Vernunft nur schwer erkennbar sind, ist es angemessen, wenn auch hierüber eine göttliche Offenbarung geschieht. Für die Kenntnisnahme des letzten Zieles des Menschen ist je-
259
doch
die Offenbarung wesentlich notwendig, nicht infolge der menschlichen
Sündenhaftigkeit, sondern infolge der Begrenztheit des menschlichen Wesens. Auf
sich allein gestellt, gelangt die menschliche Vernunft nie, in keinem Status
ihrer Existenz, zur Kenntnis der heilsnotwendigen Wahrheit.
Der
Glaubensakt ist wesentlich Zustimmung zu der Offenbarung Gottes. Die Zustimmung
wird der veritas prima geleistet. Die Schrift erweist sich als die zuverlässige
und vollständige Quelle dessen, was Gott geoffenbart hat. Es genügt aber nicht
der Buchstabe allein, notwendig ist vielmehr die in der Kirche durch den
Heiligen Geist geleistete Deutung des Gotteswortes. Die Lehren der Theologen
empfangen ihre Autorität von der Kirche. Dieser ist die Schrift anvertraut. Sie
befindet über die Kanonizität der Schrift und über ihre »Irrtumslosigkeit«.
Die heilsnotwendigen Grundwahrheiten des Glaubens, die articuli fidei, wurden
den Aposteln unmittelbar geoffenbart. Den späteren Generationen obliegt deren
Entfaltung und Auslegung. Die Kirche ist die Hüterin der apostolischen
Hinterlassenschaft. Sie vollbringt ihre Aufgabe, indem sie das Zeugnis der
Schrift vermittelt, erklärt und mit Autorität vorlegt.
Der
Anteil der Gläubigen an der Bewahrung des Offenbarungsglaubens ist verschieden
von den Aufgaben der Träger des Lehramtes. Denn nicht alle haben den gleichen
Auftrag zur Auslegung
und Interpretation erhalten. Den höchsten Rang hat der Papst, dessen Autorität
die sicherste Garantie für die Reinerhaltung des Glaubens ist.
Nach dem heiligen Bonaventura (gest. 1274) ist der ewige Gottessohn das innere Buch Gottes des Vaters. Dieses innere Buch Gottes ist durch die Menschwerdung nach außen aufgeschlagen worden. Daher ist es
260
möglich,
Gott zu erkennen und mit ihm eins zu werden. Darin besteht das uns durch die
Menschwerdung gebrachte Heil. Nach dieser Vorstellung ist es nicht
überraschend, daß die Schrift in den Mittelpunkt der theologischen Reflexion
kommt. Es muß allerdings in der Tradition der Väter gelesen werden, denn aus
sich heraus gewährt sie nicht ohne weiteres die Erkenntnis des Heiles. Die
Philosophie ihrerseits vermag im Rahmen der Heilserkenntnis keinen wesentlichen
Beitrag zu leisten, denn ihr Wissen kann nicht zur Vergebung der Sünden
führen. Durch das menschgewordene, ewige Gotteswort wird der tiefste Sinn der
Schrift eröffnet, denn sie spricht hauptsächlich über Verlauf und Ursprung
der Erlösung. Da diese vor allem im Zeichen des Kreuzes geschah, ist alle
Theologie notwendigerweise Kreuzestheologie. Die Menschwerdung hilft auch dazu,
daß das Buch, in welchem die Welt die Rede Gottes an den Menschen ist, wieder
gelesen und verstanden werden kann. Nur so vermag die Schöpfung
Offenbarungsfunktion auszuüben.
Für
die spätere Entwicklung, namentlich auf dem Konzil von Trient und die darauf
folgende Zeit, gewann Thomas von Aquin maßgebende Bedeutung (gest. 1274).
Der
Franziskanertheologe Johannes Duns Scotus, der den Übergang von der
Hochscholastik zur Spätscholastik einleitet, unterscheidet sich von dem hl.
Thomas wesentlich durch die These, daß die Menschen in »dem jetzigen«
Zustand, in statu isto, der Offenbarung bedürftig sind, weil sie infolge der
durch die Sünde eingetretenen Schwächung mit ihrer natürlichen
Erkenntniskraft das Ziel, zu dem sie berufen sind, nämlich die ewige
Gottesschau, nicht zu erkennen vermöchten. Die Gottesschau ist das den Menschen
eingepflanzte Ziel; er kann es aber nur erreichen auf
261
eine übernatürliche Weise. Die Propheten und die Apostel haben die Offenbarung unmittelbar von Gott empfangen. Sie mußten sie den Menschen weitergeben. Die Offenbarung wird als die erste Überlieferung der übernatürlichen Wahrheit verstanden. Sie ist verschieden von der Weitergabe an spätere Zeiten. Für die Glaubwürdigkeit der Offenbarung führt Johannes Duns Scotus eine Reihe von Gründen an. Es sei nur hervorgehoben, daß nach ihm die sittlichen Forderungen der beiden Testamente hochstehend sind und in Harmonie stehen mit der Vernunft. Nicht weniger vollkommen sind die eigentlichen Glaubenslehren, insbesondere Trinität und Inkarnation. Ihre Erhabenheit wird besonders deutlich, wenn man sie mit den Ansichten der Heiden und der Irrlehrer vergleicht. In die Heilige Schrift kann kein Irrtum eingedrungen sein, weil alle ihre Bücher vom Heiligen Geist stammen. Die menschlichen Verfasser waren nur Werkzeuge des Heiligen Geistes. Mögen die Menschen, die sie geschrieben haben, auch als Menschen fehlbar sein, so sind sie es doch nicht als biblische Autoren. Wegen des inspirierten Charakters der Schrift muß das von ihr Berichtete für absolut wahr gehalten werden. Die Schrifterklärer haben die Aufgabe, das, was in der Schrift an Dunkelheiten vorhanden ist, aufzuhellen. Vieles ist in ihr nur anfangsweise grundgelegt. Für die Auslegung muß der Literalsinn eine bevorzugte Rolle spielen. Scotus hält jedoch auf Grund der langen Tradition daran fest, daß die Auslegung zu einem ausdrücklicheren Sinn der Heiligen Schrift führen wird. Die erstberufene Auslegerin der Heiligen Schrift ist die Kirche. Offenbarung und Kirche hängen nach Duns Scotus auf das engste zusammen. Die Kirche hat das Recht, über die Arbeit ihrer Theologen zu wachen und sie, wenn sie es für angebracht hält, mit Autorität aus-
262
zustatten.
Umgekehrt muß sich der Theologe nach der Lehre der Kirche richten, selbst wenn
seine Forschungen in eine andere Richtung tendieren sollten. Die einzig
entsprechende Antwort auf das Offenbarungswort Gottes ist der Glaube an
Christus. Weil der Glaubensinhalt sich in seiner Substanz in der Schrift findet,
müssen alle theologischen Aussagen in einem engen Verhältnis zu ihr stehen.
Zum Verständnis der Schrift gelangt man jedoch nur mit Hilfe der
Auslegungstradition. Im Verständnis der Schrift gibt es in der Kirche einen
großen Fortschritt. Hierfür hat nach unserem Franziskanertheologen den
unbestreitbaren Vorrang der Papst.
Wir wenden uns dem Ockhamismus zu (Wilhelm von Ockham und Gabriel Biel). Diese Theologen sind die Hauptträger der sog. via moderna am Ende des Mittelalters. In der Mitte des ockham istischen Denkens steht die göttliche Allmacht, in der früheren Theologie hatte die göttliche Allmacht ebenfalls eine große Rolle zu gespielt. Ockham teilte ihr jedoch die Hauptrolle zu. Diese seine theologische Grundtendenz richtet sich gegen den arabischen Aristotismus, nach welchem Gott alles mit unerbittlicher Notwendigkeit tut. Demgegenüber betont er, daß der wahre Gott, der Allmächtige, der absolute Herr über unendlich viele Möglichkeiten ist, ein verborgener Gott, dessen Entscheidungen der Mensch nicht anzufechten und dessen Vernunft er nicht zu ermessen vermag. Gott handelt mit einer unergründlichen Freiheit. Seine Freiheit ist allerdings nicht mit Willkür zu verwechseln. Die von Gott wirklich festgesetzte Ordnung geht nicht auf einen Willkürakt zurück, sondern auf eine geheimnisvolle Weisheit und erbarmungsvolle Liebe. Die in absoluter Freiheit gefaßten Beschlüsse Gottes bedingen die absolute Notwendigkeit einer Offenbarung, wenn
263
der
Mensch Kenntnis von den göttlichen Entschlüssen bekommen soll. Dies gelingt
ihm durch keine Philosophie und keine Anstrengungen der Vernunft. Die
Offenbarung ist konkret mit der einzigabsoluten wahren Information identisch,
welche der Mensch über die göttlichen Heilspläne zu gewinnen vermag. Das Feld
der natürlichen Gotteserkenntnis wird völlig beiseite geschoben. Das Licht des
Glaubens hat die natürliche Vernunft dem Dunkel anheimgegeben. Das
Ockhamistische Denken geht von der Annahme des ersten Satzes im apostolischen
Glaubensbekenntnis als eines reinen Glaubensartikels aus, er lautet: »Credo in
unum deum ... omnipotentem.« Von diesem Glaubensartikel aus unternimmt Ockham
die Befreiung des theologischen Denkens von reinen Vernunftspekulationen. Die
Offenbarung erhält ihren Charakter als absoluter Gewißheit allein aus der
Autorität des sich offenbarenden Gottes, der unfehlbaren Urwahrheit, und nicht
aus irgend einer rationalen Evidenz. Die Propheten und die Apostel sind zu ihren
menschlichen Vermittlern bestellt. Zu diesem Zweck gießt Gott in ihre
Intelligenz bleibende Anlagen zur Wahrnehmung und zur Bejahung ein, welche ihnen
die Erkenntnis des Geoffenbarten und die für ihre Sendung notwendigen Charismen
verschafften.
Für
das Denken Ockhams sind also die Wirklichkeit der Heilsereignisse und auch deren
Abfolge nur in einem Willensentschluß Gottes verursacht und könnten auch ganz
anders, ja gegenteilig ausgefallen sein.
Dies bedingt den streng geschichtlichen Charakter der Offenbarung und das Wesen der Glaubensantwort als eines Gehorsamsaktes. Trotzdem zerfallen die Offenbarungsakte nicht in ein zusammenhangloses Nebeneinander oder Nacheinander. Gerade dieser Sachverhalt wird von Gabriel Biel, der sich ganz Ockham
264
anschließt,
nachdrücklich betont. Für ein genaueres und detaillierteres Verständnis des
nominalistischen Denkens sind weitere Forschungen erforderlich. Wichtige
Aufschlüsse bietet das 2-bändige Werk von M. Schrama, Gabriel Biel en zyn Leer
over die Allerheiligste Drievuldigheid. Diss. Universität Löwen (insgesamt 541
S. in Maschinenschrift).
3. Kapitel
Die Neuzeit
In
den folgenden Ausführungen wird Band l, 1 b vom Handbuch der Dogmengeschichte (Waidenfels,
Scheffczyk) verwendet.
Es
ist verständlich, daß die Theologie Gabriel Biels seinen Schüler Luther zu
scharfem Widerspruch reizte. Sie war nicht einfach die katholische Theologie.
Luther hielt sie aber dafür. In seinem eigenen theologischen Denken bildet die
These der völligen Verborgenheit Gottes im Worte Gottes einen Zentralbegriff.
Das Wort Gottes wird sowohl in der Predigt, als auch und insbesondere in der
Heiligen Schrift und im Evangelium als der eigentliche Inhalt verkündet. Jesus
Christus steht in der Mitte des theologischen Denkens. Dieses ist radikal
christozentrisch; eine Christo-zentrik, die in der evangelischen Theologie unter
dem Einfluß Karl Barths wieder entdeckt worden ist. Die Verborgenheit Gottes
wird durch die Offenbarung nicht aufgehoben. Sie erreicht sogar ihren höchsten
Grad durch Jesu Tod. Luther gebraucht die Formel of-
265
fenbar
»ex contrario«, offenbar aus dem Gegensatz heraus. Ein anderer Reformator,
Calvin, war der Meinung, daß Gott prinzipiell aus der Natur erkannt werden
kann. Er würde auch tatsächlich aus ihr erkannt werden und sich in ihr
offenbaren, wenn der Mensch nicht durch die Sünde seine religiöse
Erkenntnisfähigkeit schwer geschädigt hätte. So gibt es keinen anderen Weg
mehr zu Gott als Jesus Christus.
Das Konzil von Trient (1545-1563) hat gegen die lutherischen Thesen Stellung genommen. Zu dem Problem der Offenbarung hat es im eigentlichen Sinne nichts gesagt, es hat aber indirekt darüber gesprochen, insofern es die Offenbarungsquellen behandelt und die Authentizität der als Heilige Schrift überlieferten Bücher festgestellt hat. Nachdem schon Erasmus von Rotterdam manche Partien der Schrift nicht als echt anerkannt hat, unterschied Luther drei Gruppen von heiligen Büchern, zunächst die Bücher, die Gottes Heilswerk verkündigen, (Johannesev., Römerbrief, Galaterbrief, Epheserbrief, erster Petrusbrief und erster Johannesbrief); sodann die übrigen kanonischen Schriften (Mattäus, Markus, Lukas und die weiteren Paulusbriefe, sowie 2 Petrus, 2 u. 3 Johannes), endlich die nichtkanonischen Schriften (Hebräer, Jakobus, Judas, Johannesoffenbarung und verschiedene Bücher des Alten Testamentes). Da die Überlieferung von den evangelischen Theologen einmütig abgelehnt wurde, hat die Kirchenversammlung versucht, den Begriff »Überlieferung« genauer zu fassen. Ausgeschieden wurden die äußeren Bräuche, die Fastenzeit, die Bußdisziplin und Sonstiges. Zum Inhalt der Überlieferungen (Plural) gehören nach der Aussage des Konzils Glaubenswahrheiten und sittliche Vorschriften. Die Überlieferungen können mündlich oder schriftlich durch die Werke der Kirchenväter weiterge-
266
geben
werden. Auf die Aufzählung der nur mündlich oder auch durch die Schrift auf
uns gekommenen Einzelwahrheiten hat das Konzil verzichtet.
Für
unseren Überblick kommen vor allem die Texte über das Verhältnis von Schrift
und Überlieferung sowie von der Bedeutung der Kirche als Erklärerin der
Heiligen Schrift in Betracht.
Vom
Konzil von Trient an wurde der Offenbarungsbegriff hinsichtlich des Wesens, der
Möglichkeit, des Inhalts mehr als früher Gegenstand ausführlicher, kritischer
Überlegungen. Hierbei spielte sowohl die historisch-kritische Methode als auch
die Hermeneutik eine große Rolle. Letztere ist in der Gegenwart in den
Vordergrund getreten. Außerdem drängt sich heute immer stärker die Frage auf,
ob die Offenbarung nur durch das Wort Gottes geschah, ob sie also ein Reden
Gottes ist, oder auch durch geschichtliche Fakten. Vielfach wird in der
Theologie eine Verbindung von Wortoffenbarung und Tatoffenbarung hergestellt,
indem man die Wortoffenbarung als ein Wortgeschehen, als einen geschichtlichen
und einen geschichtlich wirksamen Vorgang bezeichnet und im Wort Gottes zugleich
eine göttliche Ankündigung oder Erklärung von Ereignissen sieht.
In der katholischen Theologie erfuhr der Offenbarungsbegriff innerhalb des nachtridentinischen Thomismus eine variantenreiche Behandlung. Das wesentliche Zentrum dieser Entwicklung ist Spanien, und zwar vor allem die Dominikanerschule San Esteban in Salamanca (Francisco de Vitoria, Domingo de Soto, Melchior Cano, Domingo Banez). In Italien haben sich vor allem die Dominikaner Franciscus Sylvester von Ferrara sowie Thomas Cajetan De Vio zu der Frage geäußert. Vertreter des neugegründeten Jesuitenordens kamen hinzu. Zu nennen ist vor allem Francisco
267
de Suares, Juan de Lugo, Juan Martinez de Ripalda. in Deutschtand machte sich um das Problem verdient Adam Tanner. In dem von Karmelitern erarbeiteten Cursus theologiae alamanticensis wird in der Glaubenstheologie in sehr ausführlicher Weise von der Offenbarung Gottes gesprochen. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß Cajetan gelegentlich erklärt hat, Gott habe sich selbst in der Offenbarung ausgesprochen, wenngleich er die These vertritt, daß Gott der Offenbarer der Glaubensartikel ist. Das Personale spielt also in seiner Offenbarungsvorstellung eine Nebenrolle, fehlt aber nicht. Hervorgehoben soll werden die Art und Weise, wie Domingo de Soto (gest. 1560) den schon vor ihm gemachten Unterschied zwischen unmittelbarer und mittelbarer Offenbarung erklärt. Unter unmittelbarer Offenbarung versteht er jene, die von Gott her unmittelbar durch Eingießung des Wissens ohne Verwendung der Schrift oder der natürlichen Vernunft erfolgt, unter mittelbarer hingegen jene, die von Gott her mit Hilfe einer Erklärung erfolgt. Er nennt als Beispiel für die zweite jene Offenbarung für die Kirche, die auf den Konzilien geschieht. Diese Unterscheidung führt zu zwei Arten von katholischen Sätzen. Es sind einmal solche, die ausdrücklich in der Heiligen Schrift enthalten sind oder sich aus ihr ergeben, sodann solche, die von der Kirche als zum Glauben gehörig festgelegt werden. Alles, was zur Apostolischen Tradition gehört, wird, sofern es nicht ausdrücklich in der Heiligen Schrift enthalten ist, von Soto unter die katholischen Sätze zweiten Grades eingereiht. Aus diesen Vorstellungen ergeben sich folgende Konsequenzen: 1. Der Offenbarungsbegriff wird stärker auf den Offenbarungsinhalt und dessen Entfaltung ausgerichtet, 2. Die Offenbarung im engeren Sinn wird im Zusammenhang mit dem in der Heiligen
268
Schrift
Niedergelegten gesehen, 3. Der zum Heil notwendige Glaubensinhalt ist mit der
Abfassung der Heiligen Schrift abschließend mitgeteilt, 4. Die Betrachtung der
unmittelbaren Offenbarungsmitteilung verliert die Aktualität gegenüber dem
Prozeß der mittelbaren Offenbarung in der Kirche und der Lehre der Kirche über
den geoffenbarten Glaubensinhalt.
Charakteristisch
für die Offenbarungstheologie im »goldenen« Zeitalter der spanischen
Theologie im 16. und 17. Jahrhundert ist folgendes: Sie läßt im allgemeinen
die Frage offen, oder vielmehr behandelt sie gar nicht, ob die Offenbarung nur
im Worte oder auch in geschichtlichen Taten sich vollzieht. Ferner scheint die
Christozentrik des Offenbarungsvorgangs vergessen zu sein. Dies liegt wohl
daran, daß biblische Theologie in diesen vielfach mit größtem Scharfsinn
abgefaßten systematischen Werken wenig beachtet wurde.
In
der altprotestantischen Theologie der nachtridentinischen Zeit wurde auf den
Charakter der Offenbarung als besonderes Wort Gottes entscheidendes Gewicht
gelegt. Der Glaube wird demgemäß im allgemeinen als Gehorsam gegen Gottes Wort
verstanden. Wenn man Gott schon nicht sehen und sich also das menschliche Auge
nicht auf ihn richten kann, so bleibt dennoch das Ohr, mit dem Gottes Botschaft
aufgenommen wird. Im übrigen standen sich in dieser Zeit katholische und
protestantische Theologen unter der Rücksicht der Offenbarungsproblematik sehr
nahe, bis die Gemeinsamkeit in der Aufklärungszeit mehr und mehr zerbrach.
Wir gehen weiter zur Aufklärungszeit im 18. Jahrhundert. Sie hat gegenüber dem Glauben an die Offenbarung eine völlig neue Situation geschaffen. W. Dilthey (gest. 1911) hat als Grundzüge der Aufklärung
269
im
Gegensatz zu E. Troeltsch genannt: »Die Autonomie der Vernunft, die
Solidarität der intellektuellen Kultur, die Zuversicht ihres unaufhaltsamen
Vorwärts-schreitens und die Aristokratie des Geistes«. Nach Kant ist die
Aufklärung bekanntlich »der Ausgang des Menschen aus seiner
selbstverschuldeten Unmündigkeit«.
Man
kann im allgemeinen vier Faktoren nennen, welche die Offenbarung in der Neuzeit
in Frage stellen: Einmal der Aufschwung der Naturwissenschaft und der Technik,
sodann der Protest gegen die Unmündigkeit des Menschen, sodann der Wille,
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zu realisieren, schließlich ein neues
philosophisches (rationalistisches) Denken. Mit Recht hat man in diesem
Zusammenhang von einem Kopernikanisch-Brunonischen Schock gesprochen. Die
Aufklärung führte dazu, das religiöse Denken den Gesetzen der Vernunft zu
unterwerfen. Die Vernunft und nur sie ist der Grund aller Gewißheit. Die
göttliche Transzendenz wird so intensiv betont, daß Gott aus dem Zusammenhang
des Weltgeschehens ausgeschlossen, ja daß er überflüssig wird. In der Natur
selbst zeigt sich nach dem Deismus die Herrlichkeit Gottes, so daß es nicht
notwendig ist, in der Kirche ihrer inne zu werden. Man nennt diese »neue
Theologie« bzw. diese Neologie Physiko-Theologie. Die Heilige Schrift wird von
den Vertretern solcher Theologien Schritt für Schritt zu einem rein
geschichtlichen Werk eingeebnet. Die alten Dogmen werden als geschichtliche
Dokumente letzter Geheimnisse verstanden und verblassen mit der zeitlichen
Entfernung immer mehr.
Die weitreichendste Bedeutung hatte in diesem Zusammenhang der evangelische Theologe J. S. Semler (1725-1791). Er hat die Lehre von der Offenbarung völ-
270
lig
ausgehöhlt. Die Offenbarung kommt aus der natürlichen Vernunft. Sie ist ein
Teil des geistig-seelischen Besitzes des Offenbarungsempfängers. Die Schrift
ist eine Sammlung historischer Quellen. Semler wird mit solchen Thesen der
Begründer moderner, undogmatischer Dogmengeschichte. Die Religion, die er
verkündet, ist reine Vernunftreligion. Es wird die Unterscheidung zwischen
der natürlichen und der positiven Religion geschaffen. Das wahre Christsein
besteht aus der moralischen Innerlichkeit des einzelnen. Man bedarf keiner
Religionsgemeinschaft, keines Lehramtes und keiner Lehrordnung. Dennoch soll man
die Lehre nicht abschaffen. Sie ist für das Volk und deswegen beizubehalten.
Die Theologie Semlers bedeutet die geschichtliche Wende von der alt- zur
neuprotestantischen Gläubigkeit.
Nach
dem in den Aufklärungsvorgang einzubeziehenden Rationalismus kann das
»positive« Christentum nur anerkannt werden, insofern es in den
Vernunftglauben oder in das religiöse Erlebnis integrierbar ist. Von
entscheidender Bedeutung sind für diesen Vorgang Lessing, Kant, Herder,
Schleiermacher.
Von
Lessing sagt K. Barth: »Die Geschichte ist die Offenbarung. Das ist der Satz,
der durch das protestantische Prinzip geleugnet wird, durch Lessing, den
Ratgeber der lutherischen Kirche, aber behauptet wird. Wobei unter Offenbarung
im Sinne Lessings zu verstehen ist: Die suggestive oder gleichzeitige
Herausarbeitung der der geschichtlichen Menschheit eigenen und innewohnenden
Möglichkeiten. Offenbarung ist die Erziehung, die dem Menschengeschlechte
geschehen ist und noch geschieht«.
Nach
Immanuel Kant (1724-1804) bedarf das Christentum einer Auslegung, welche es mit
den allgemeinen praktischen Regeln einer reinen Vernunftreligion
271
zusammen
bringt. Das Theoretische des Kirchenglaubens kann uns, so sagt Kant, moralisch
nicht interessieren, wenn es nicht zur Erfüllung aller Menschenpflichten als
göttlicher Gebote hinführt. So kommt es nach Kant zu einer Harmonie von
Offenbarungsglauben und Vernunftglauben, aber nun nicht mehr vom Standpunkt der
christlichen Offenbarung, sondern vom Standpunkt der rationalistischen
Philosophie aus.
Nach
Johann Gottfried Herder (1744-1803) ist die Schöpfung der Welt durch Gott als
ewige gegenwärtige, lebendige göttliche Selbstmitteilung und als Selbstab- und
-ausdruck zu verstehen. »Da die Welt im Ganzen wie im Einzelnen ein von Gottes
Kraft und Leben erfüllter und lebensnotwendiger Ab- und Ausdruck der Gottheit
ist, so muß alles, was da Wirklichkeit ist, auch göttliche Offenbarung, und
zwar im unmittelbarsten und gegenwärtigen Sinne heißen.« Offenbarung ist für
Herder göttliche Erziehung des Menschen und geschieht durch die den ganzen
Menschen bildende und entwickelnde Geschichte. Gott ist nach ihm nicht ein
metaphysischer Grenzbegriff und der Inbegriff der moralischen Gesetzlichkeit,
sondern die in der Unmittelbarkeit des Gefühls erfahrene Urkraft des Lebens.
Starke Antriebe hat die Theologie erfahren durch Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834). Auch nach Schleiermacher gewinnt die Religion ihre Gewißheit in der menschlichen Subjektivität, aber nicht wie die bisher angeführten Denker meinen, in der Vernunft, sondern im Gefühl. Sowohl die Lehre als auch die Heilige Schrift sind gegenüber dem religiösen Erlebnis sekundär. Die erlösende Tätigkeit Christi besteht denn auch darin, daß der Erlöser die Gläubigen in die Wirklichkeit seines Gotteserlebnisses einbezieht. Christus ist Offenbarer gewesen, insofern er sein
272
Selbstbewußtsein
durch seine Rede mitteilen konnte, Auf diese Weise konnte sich das Christentum
immer und überall ausbreiten, allein durch die Verkündigung.
Der
nachhaltigste, bis heute fortdauernde, wenn auch gegensätzliche philosophische
Positionen (Idealismus, Marxismus) hervorrufende, in der protestantischen (in
geringem Maße auch in der katholischen) Theologie wirksame Einfluß kam von
Georg Friedrich Hegel (1770-1831). Er versucht den Konflikt zwischen Vernunft
und Offenbarung, zwischen einem rein weltlichem Kulturbewußtsein und dem
Christentum zu lösen. Dies ist nicht gelungen. Nach Hegel geht es darum, daß
die Theologie einer philosophischen Durchdringung bedarf, um ihrem eigenen
Auftrag gerecht zu werden. Nach ihm ist die Geschichte als Ganzes die
Offenbarung Gottes. Demnach hat Gott über Jesus Christus hinaus durch den
weiteren Fortgang der Geschichte sich auch in fortschreitender Weise geoffenbart.
Hegel hat also den Begriff der Offenbarung zwar bejaht, weil das Christentum
»im Unterschied zu allen anderweitigen Religionen auf der vollen
Wesenserschließung des Absoluten als Geist beruht«.
Sein
Offenbarungsbegriff ist jedoch von dem christlichen grundverschieden. Denn unter
Offenbarung versteht er das Selbstbewußtwerden des Absoluten (Gottes) im Geiste
des Menschen, näherhin in Jesus Christus. Denn der Geist ist das Wissen seiner
selbst in seiner Entäußerung, das Wesen, das die Bewegung ist, in seinem
Anderssein die Gleichheit mit sich selbst zu behalten. Das Offenbarsein des
göttlichen Wesens besteht darin, daß gewußt wird, was es ist, es wird aber
gewußt, indem es als Geist gewußt wird, als Wesen, das wesentlich
Selbstbewußtsein ist. Dieses Selbstbewußtwerden geschieht, wie man trotz
Hegels nachdrücklicher Betonung der Freiheit sagen muß,
273
mit
innerer, im System begründeter Notwendigkeit: Gott ist wesenhaft ein werdender
Gott. Gott ist wesentlich Subjekt. Er ist dies aber, indem er sich an das
»andere« entäußert und mit sich identisch bleibt, aber gerade so sein
Selbstbewußtsein gewinnt und zwar in dem Menschen Jesus Christus. Diese
Selbstäußerung erreicht ihre höchste Zuspitzung im Kreuzestode Christi, der
als Tod Gottes gedacht wird. In dieser These gelangt die spekulative Theologie
Hegels auf ihren Höhepunkt.
Man
hat gegen Hegels These, daß die Geschichte als ganze die Offenbarung Gottes
sei, eingewandt, wie in diesem Fall ein Einzelereignis, nämlich Jesus, die ihm
zugeschriebene Bedeutung für die Offenbarung Gottes haben könne. Ferner wie in
diesem Falle über Jesus hinaus weitere Fortschritte im Offenbarwerden Gottes
möglich sind. Gegen den letzten Einwand hat Hegel allerdings erwidert, daß ein
Fortschritt nur im Begreifen der in Jesus geschehenen Offenbarung und in der
Teilnahme am Selbstbewußtsein Jesu als Gottesbewußtsein liege.
Die Aufklärung hat das von ihr ausgestrahlte theologische Ziel, den Gegensatz von Geschichte und Offenbarung sowie von Geschichte und Absolutheitsanspruch des Christentums zu überwinden, nicht erreicht. Die Aufgabe wurde von neuem unternommen durch die Tübinger Theologische Schule, und zwar während des ganzen 19. Jahrhunderts hindurch, immer wieder von neuen Gesichtspunkten aus. Wesentliche Beiträge zu den Problemen haben auch die Neuscholastiker geleistet. Es soll aus dieser ganzen Bewegung nur ein einziger Name hervorgehoben und etwas deutlicher besprochen werden und zwar im Anschluß an die Untersuchungen von L. Scheffczyk. Er sagt: »Bei all dem erkennt Schell der theoretischen Wortoffenba-
274
rung
einen gewissen Vorrang zu; denn das Wort. . , ist der Erklärer der Werke und
des Wirkens in seiner inneren Vermittlung und Bedeutung. Aber im Zielpunkt
seines Denkens steht doch die geschichtlich-ereignishafte Offenbarung, die von
der Heiligen Schrift bezeugt wird. In ihr erweist sich Gott als der Starke und
Lebendige in der Erziehung der Menschheit, in den Großtaten der geistigen
Führung. In ihr tritt die Persönlichkeit Gottes . . . unmittelbar und in ihrer
Eigenart hervor, weil in lebendiger, geschichtlicher Wirksamkeit. Deshalb sind
auch die die Offenbarung begleitenden Wunder nicht nur äußere Kriterien für
Glaubwürdigkeit, sondern »die Epiphanie des Wesens und der Beweis des
Ursprungs« der Offenbarung. »Mit diesen Erkenntnissen kam Schell einer
integralen Auffassung der Offenbarung nahe, die das biblischgeschichtliche
Moment genauso wertete, wie das material-inhaltliche Element. Die in seiner
Offenbarungslehre zutage tretende Synthese von Wahrheit und Leben (Logos und
Pneuma) faßte in sich die besten Impulse der Theologie des 19. Jahrhunderts
zusammen und nahm zugleich wichtige Erkenntnisse der modernen Theologie
vorweg«.
Schon
ein Menschenalter vorher hatte jedoch in den Auf und Ab der Diskussionen das
Erste Vatikanische Konzil in der Konstitution »Dei filius« vom 24. 4. 1870 (DS
3000-3045) eine Klärung der Offenbarungsproblematik in Angriff genommen. Die
Offenbarung im strengen Sinne, d. h. die übernatürliche Offenbarung, besteht
darin, daß Gott sich selbst und die Ratschlüsse seines Willens dem
Menschengeschlechte kundgab. Diese Offenbarung ist nicht schon mit der
Schöpfung als solcher gegeben, und läßt sich daher grundsätzlich nicht durch
die menschliche Vernunft erreichen. Sie geschieht vielmehr in der freien
275
Selbstmitteilung
des personhaften Gottes. Wenn das Konzil sagt, daß Gott sich und seine
Ratschlüsse den Menschen erschlossen hat, so liegt der Akzent auf der
Belehrung. Es eröffnet aber den Weg zu der Interpretation der Offenbarung durch
das Zweite Vatikanische Konzil. Die Christozentrik der Offenbarung ist im Ersten
Vatikanum nur angedeutet, und zwar durch das Zitat aus dem Hebräerbrief, in
welchem es heißt, daß Gott auf vielfache und mannigfache Weise, zuhöchst aber
durch seinen Sohn zu uns Menschen gesprochen hat. Das Zweite Vaticanum erscheint
auch in dieser Sicht als Vollendung des Ersten.
Es dürfte bedeutsam sein, daß das Erste Vatikanische Konzil den Offenbarungsbegriff verbindet mit dem Glauben als Antwort. In der Tat gehören Gott und Mensch in der Offenbarung zusammen, weil, wie früher schon einmal betont wurde, Gott nicht in die Leere hinein spricht oder in ein Gefäß seine Mitteilungen hineinlegt, so daß die Kirche oder der Einzelne sich davon nehmen kann, was richtig erscheint, vielmehr richtet sich das Offenbarungswort Gottes von vornherein an den Menschen. Dieser eignet es sich an im Glauben. Der Glaube wird dabei als Geschenk Gottes interpretiert. Gegen den Rationalismus, gegen den Mystizismus und den Traditionalismus wird die Übervernünftigkeit des Geoffenbarten vom Konzil betont. Es wird auf Glaubwürdigkeitgründe in Wort und Tat (Prophetie, Wunder) in der Geschichte als sicherste Kennzeichen hingewiesen. Es ist von Gewicht, daß die Kirche selbst als ein immerwährendes und großes Motiv für die Glaubwürdigkeit der Offenbarung genannt wird. Der menschlichen Vernunft wird die Aufgabe und die Fähigkeit zugewiesen, die geoffenbarten göttlichen Mysterien bzw. das göttliche Mysterium zu erhellen durch die Analogie zu natürlichen menschlichen
276
Einsichten,
durch die Herstellung der Verbindung der Mysterien untereinander und durch die
Aufdeckung der Zuordnung der Mysterien zum letzten Ziele des Menschen.
Wenn
das Erste Vatikanische Konzil die Erkennbarkeit der Existenz Gottes durch die
natürliche Kraft der menschlichen Vernunft betont, so ist das von
grundlegender, kaum überschätzbarer Bedeutung. Im Lichte des Zweiten
Vatikanischen Konzils erscheint jedoch diese Lehre in einem neuen Aspekt. Schon
lange vor dem Konzil haben nicht wenige Theologen und zwar von der Väterzeit
bis zur Tübinger Schule betont, daß auch die Schöpfung eine Offenbarung
Gottes sei. Das Erste Vatikanische Konzil lehnt zwar die Anwendung des
Offenbarungsbegriffs auf die Schöpfung nicht in jeder Hinsicht ab. Man darf
Karl Rahner zustimmen, wenn er erklärt, daß die Lehre von der natürlichen
Erkennbarkeit Gottes durch das Licht der bloßen Vernunft zusammen mit der
Aussage, daß es derselbe Gott ist, der Mysterien offenbart und den Glauben
eingießt, wie derjenige, der dem menschlichen Geist das Licht der Vernunft
gegeben hat, eine natürliche, der Schöpfung zugeordnete Offenbarung in sich
schließt, welche die Grundlage für die übernatürliche Offenbarung bietet.
Was die Folgezeit betrifft, so mußte, wie L. Scheffczyk hervorhebt, die Betonung der autoritätsbewußten Kirche angesichts des Selbstbewußtseins einer menschlich-autonomen Vernunft erst recht Konflikte auslösen. Nicht unproblematisch sei für das Verständnis der Offenbarung die Verwendung des mehrschichtigen Begriffes des depositum fidei, sodann die Gleichsetzung von Offenbarung und depositum fidei. Die Offenbarung werde hier zu etwas abgeschlossenem, zudem noch zu einer Lehre, die es unverletzt zu bewah-
277
ren und treu auszulegen gilt. Die statische und verobjektivierte Seite eines bis in die Gegenwart hinein unabgeschlossenen Geschehens zwischen Gott und Mensch gewinnt damit am Ende deutlich die Überhand. Es sei dem Konzil des 19. Jahrhunderts versagt geblieben, so in den Raum der außerkatholischen und außerchristlich-säkularisierten Welt einzuwirken, daß die Offenbarung als Ereignis einer Heilsbotschaft für sie erkannt worden sei (Handbuch der Dogmengeschichte 1,1 b, 106 f.).
4. Kapitel
Das
20. Jahrhundert
Die
vielen Fragen, welche das Erste Vatikanische Konzil offen ließ, führten zu
schweren Diskussionen, welche insbesondere um die Wende vom 19. zum 20.
Jahrhundert in der Kirche selbst tiefgreifende Konflikte auslösten. Es entstand
der sog. Modernismus. Mit diesem Worte werden die Bewegungen, sei es
bibelkritischer, sei es historischer, sei es philosophischer Art, in der
Verurteilungsenzyklika »Pascendi« (1907; siehe Decretum »Lamentabili« 1907)
zusammengefaßt, ohne daß dabei mit dem Ausdruck Modernismus eine scharfe
Begriffsbestimmung dessen gegeben ist, was mit den konvergierenden, der
kirchlichen Lehre widerstrebenden geistigen Strömungen genau gemeint ist. Die
Hauptvertreter des sog. Modernismus waren E.Buonajuti (1886-1946), L.-A.
Sabatier (1839-1901), Alfred Loisy (1857-1940). Der Vater der im Modernismus
zusammengefaßten Irrtümer war Schleier-
278
macher
mit seiner Gefühlstheologie und außerdem A. Ritschi (1822-1889). Die
göttliche Offenbarung besteht nach den im Modernismus vertretenen Thesen im
Grunde genommen in der fortschreitenden Klarheit des Gottesbewußtseins, im
einzelnen Menschen und auch in der Menschheit. Die ursprüngliche Gestalt der
Offenbarungswahrheit ist eine natürliche Intuition und eine religiöse
Erfahrung. Für diese Erfahrung gibt es aber keine für alle Zeiten geeignete
Ausdrucksform. Die Wahrheit ist kein ein für allemal erworbener Besitz, sondern
vollzieht sich immer neu. Es gibt daher für die Offenbarung keinen endgültigen
Abschluß.
Eine größere Zahl von Kirchenhistorikern und Exegeten, von Dogmatikern und von Fundamentaltheologen kamen in den Verdacht, modernistische Thesen zu vertreten, ohne daß man ihnen allen diesen Vorwurf mit Recht machen konnte. Von besonderer Bedeutung war in den Auseinandersetzungen das Gottesbewußtsein Jesu. Sein Gottesgefühl objektivierte sich in seinen Reden und in seinen Taten. Im Glauben nehmen wir an dem Gottesbewußtsein Jesu Anteil. Die kirchlichen Dogmen seien die Objektivierungen dieser Teilnahme am Gottesgefühl Jesu. Letztlich vertritt Sabatier ein ganz innerliches, gegen alle Formen der katholischen und der evangelischen Orthodoxie gerichtetes Christentum ohne Dogmen und ohne Riten, das sich ganz auf das Neue Testament und auf die Geschichte der frühen Kirche stützen soll. Die Erkenntnis Gottes hängt nach ihm von der Aufnahmefähigkeit des Menschen, von seiner intellektuellen und moralischen Entwicklung ab. Sie sei nichts anderes als das vom Menschen erworbene Bewußtsein seiner Beziehung zu Gott. Entsprechend dieser These gibt es auch keinen Abschluß der Offenbarung. Die Folge dieser Ansichten war der Primat der inneren Betrof-
279
fenheit
und der Motivierung und infolge davon auch die Geringschätzung der menschlichen
Ausdrucksformen für die Offenbarung. E. LeRoy (1870-1954) wendet sich gegen
einen statischen Wahrheitsbegriff. Die Dogmen in ihrer Bindung an überholte
philosophische Systeme wurden von ihm kritisiert. Das Dogma blieb für ihn nur
insofern sinnvoll, als es eine Regel für das praktische Verhalten wurde.
Es
läßt sich nicht leugnen, daß im »Modernismus« wichtige Anliegen vertreten
wurden, nämlich die Geschichtlichkeit der Offenbarung, die Dogmenentwicklung
sowie die Anpassung der kirchlichen Verkündigung an den damaligen Menschen.
Diese Anliegen wurden jedoch vielfach so vertreten, daß der Inhalt des Glaubens
entweder geleugnet oder wenigstens gefährdet wurde. So ist die Reaktion der
Kirche gegenüber dem Modernismus verständlich. Das Sanctum Officium ist mit
dem Dekret Lamentabili vom 3. Juli 1907, Papst Pius X. mit der schon erwähnten
Enzyklika »Pascendi« am 8. September 1907 und dem Motu proprio »Sacrorum
antistitum« am 19. September 1910 gegen den Modernismus vorgegangen. Letzteres
enthält die Vorschrift des Antimodernisteneides. In den kirchlichen
Verurteilungen werden als die Wurzeln der modernistischen Irrtümer angegeben
der Agnostizismus und der radikale Immanentismus. Es läßt sich nicht leugnen,
daß es im Menschen eine Hinneigung, eine Bewegung des Geistes und des Herzens
zu Gott gibt. In diesem Bereich siedeln nach der Enzyklika des Papstes Pius X.
die Modernisten nicht nur den Glauben an, sondern auch die Offenbarung.
Menschliches Bewußtsein und Offenbarung sind demgemäß austauschbar.
So verhängnisvoll diese Ansichten in ihrer Inhaltlichkeit sind, so drückt sich in ihnen andererseits die
280
Frage aus, ob die christliche Offenbarung für den Menschen etwas rein Äußeres bedeutet, das ihn seinem eigenen Wesen entfremdet, oder ob es einen korrespondierenden Grund in seinem Inneren gibt. Diese Frage erhebt sich namentlich angesichts der autoritativen Vermittlung der kirchlichen Offenbarung. Wenn man diese nur von außen her zum Menschen gelangen läßt, scheint sie dem Menschen äußerlich bleiben zu müssen und seelische Gewalt anzutun. Wenn man jedoch das Christentum eine dem Menschen innerlich eigene Realität nennt, scheint sie aus den Tiefen des menschlichen Selbst hervorzubrechen und sich ohne objektive Geltung ins Subjektive zu verlieren, insofern all ihre Außengestalten nur Objektivierungen menschlicher Erlebnisse sind. Damit werden sowohl die göttliche Herkunft als auch die kirchliche Vermittlung gefährdet, ja geleugnet. Es handelt sich also um das Verhältnis von Immanenz zu Transzendenz. Kann das Transzendente im Menschen so immanent werden, daß es seinen Transzendenzcharakter nicht verliert, kann umgekehrt Immanenz so auf die Transzendenz hingeordnet sein, daß sie ihren Immanenzcharakter nicht einbüßt? Kann das eine in dem anderen leben? Kann die Transzendenz Immanenz unserer religiösen Innerlichkeit stiften? Kann diese von Transzendenz geboren und genährt werden? Diese Grundfragen wurden während der modernistischen Streitigkeiten nicht gelöst. Ja, sie wurden nicht ausdiskutiert. So ist es verständlich, daß sie ein unterirdisches Leben weiterführten und wieder mit einzelnen Erscheinungen hervorbrachen in dem Augenblick, in welchem die oberste kirchliche Instanz erklärte, daß eine Akkommodation des Glaubens an den heutigen Menschen zu suchen sei, und mit verwirrender Kraft sich wieder zur Geltung brachten.
281
Da
zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zweiten Vatikanishen Konzil
sowie in der nachkonziliaren Zeit die theologische Literatur in ganz
Mitteleuropa fast in das Uferlose angeschwollen ist, ist es unmöglich, einen
Überblick zu geben. Es lassen sich nur Gesamtorientierungen schlagwortartig
nennen. In Frankreich betrachtete J. Danielou es als eine Aufgabe der Theologie,
sich auf die verschiedenen Zeitströmungen einzulassen. Nach H. Waldenfels muß
sich in den Auseinandersetzungen der Gegenwart die Aufmerksamkeit der Theologen
einmal auf das Offenbarungsverständnis der evangelischen Theologie hinwenden,
sodann der Frage nach dem Verhältnis von christlichem Offenbarungsanspruch und
zeitgenössischem Denken zuwenden und schließlich der katholischen Reflexion
auf diese geistigen Prozesse die Aufmerksamkeit widmen. Waldenfels unterscheidet
im bisherigen Verlauf des 20. Jahrhunderts unter, theologischem Aspekt drei
Perioden, die Zeit der liberalen Theologie, die Zeit der dialektischen
Theologie, die Zeit der Theologie im offenen Horizont von Welt und Geschichte
(Handbuch der Dogmengeschichte 1,1 b, 135-136». Es entwickelte sich eine
ausgeprägte Theologie des Wortes, welche aber ihrerseits schon wieder den
Unterschied, um nicht zu sagen den Gegensatz von zwei Strömungen in sich trug,
jene der Theologie der Verkündigung und jene der Theologie der Hermeneutik.
Unter den Namen, die hier genannt werden müssen, ist vor allem hervorzuheben
Karl Barth, l. Moltmann, W. Pannenberg und P. Tillich.
Da Pannenbergs Thesen über die Offenbarung von besonderer Tragweite sind und auch die gesamte Diskussion einbeziehen, die in der evangelischen Theologie geführt wird, aber auch zu beachten ist, daß sie sich in der katholischen Theologie bis zu einem gewis-
282
sen Grade als wirksam erweisen, seien sie kurz angeführt. Von prinzipieller Bedeutung ist folgende Auffassung Pannenbergs (W. Pannenberg — R. Rendtdorff — T. Rendtdorff — U. Wilckens, Offenbarung als Geschichte, Göttingen 1963): »Vor aller Entmythologisierung, so sollte man meinen, müßte die christliche Theologie die autoritären Formen der vorneuzeitlichen Überlieferungsgeschichte des Christentums abstreifen. Erst nach einer solchen Entpositivisierung ließe sich entscheiden, inwieweit außerdem und darüber hinaus noch eine Entmythologisierung nötig wäre, oder ob nicht die letztere von der umfassenderen Aufgabe der ersteren bereits erledigt ist. Vielleicht stellt sich auf diese Weise die Entmythologisierung als ein Programm heraus, das teils noch zu zaghaft geblieben ist, weil es den autoritären Charakter christlicher Überlieferung nicht mit in die Kritik einbezog, teils auch zu undifferenziert gegenüber den sehr verschiedenartigen Inhalten der christlichen Tradition« (S. 293). »Die Frage nach der Offenbarung Gottes, so wie sie auf dem Boden der Aufklärung neu gestellt worden ist, sucht nicht nach einer autoritären Instanz, die kritisches Fragen und eigenes Urteil niederstreckt, sondern nach einer Bekundung göttlicher Wirklichkeit, die sich dem mündigen verstehenden Menschen als solche bewährt. Darum empfinde ich die betonte Unterscheidung von Hören und Sehen sowie die Bevorzugung des Hörens vor dem Sehen als mißliche, auch wenn sie sich auf ein biblisches Wort Verständnis beruft. Soweit jemand beim Hören vollkommen abhängig ist von etwas, das außerhalb seiner Kontrolle geschieht, vermag ich solches Hören nur als Zeichen für jene Preisgabe des eigenen Urteils zu verstehen, die als Unterwerfung unter autoritäre Ansprüche gefordert wird. Ich gestehe, daß ich aus ähnlichen Gründen
283
der
Charakteristik des Glaubens als Gehorsam mißtraue. Ebenso dem berühmten
Verbot, hinter das Kerygma nach einer Legitimation desselben zurückzutragen.«
Trotz solcher Äußerungen geht Pannenbergs Denken im neutestamentlichen Jesus-
und Christusglauben nicht auf. Er hält die Universalgeschichte für die
Offenbarung Gottes und hat dann mit dem Dilemma zu kämpfen, daß eine noch
unabgeschlossene Geschichte als Offenbarung Gottes verstanden wird. Er löst das
Problem auf folgende Weise. In der Geschichte Jesu ist in Gestalt einer
Antizipation die letzte Zukunft der Menschen vorweg genommen. Deswegen hat das
Leben Jesu, insbesondere seine Auferstehung, einen Verheißungssinn, an dem man
die Endbestimmung des Menschen und der Schöpfung ablesen kann.
In
der heutigen katholischen Theologie wird unter dem Einfluß der gegenwärtigen
Philosophie, namentlich jener von Heidegger, die existentiale Interpretation der
Offenbarung und des Glaubens mit Mitteln der historisch-kritischen und der
hermeneutischen Methode gepflegt. Dabei spielt die personale Begegnung von Gott
und Mensch eine grundlegende Rolle. (K. Rahner, B. Welte, K. Lehmann; M. Buber,
F. Esner, P. Wust, R. Guardini, G. Marcel, E. Munier, J. Danielou, Henri de
Lubac, H. Urs von Balthasar). Einige Zitate vermögen die diese Theologie
beherrschenden Überzeugungen zu veranschaulichen. B.Welte, Auf den Spuren
Gottes, sagt: »Eine Offenbarung, in der für niemanden etwas offenbar würde,
wäre überhaupt keine Offenbarung. Darum ist es nicht so, kann es nicht so
sein, daß es etwa zuerst nur eine Offenbarung gäbe — die dann gelegentlich,
ohne daß dies sie selbst in ihrem Wesen berührte, von den Menschen
aufgegriffen, verstanden und vielleicht geglaubt würde. . .
284
Offenbarung kann nur sein in einer unzerreißbaren, wenngleich differenzierten Einheit, die den Offenbarer, das Offenbarte und den, dem geoffenbart wird, in ein Geschehen zusammennimmt. Wer aber ist der, dem der Offenbarer Gott im Geschehen der Offenbarung sich offenbart und der dazu gehört? Es ist der Mensch, insofern er vernehmen kann und vernehmend der Botschaft gehorcht. Der vernehmen könnende Mensch, das heißt, der Mensch in seiner Vernunft oder die menschliche Vernunft, gehört somit zum Wesen im Begriffe der Offenbarung.« K. Rahner kommt in Verwendung des Heideggersehen Begriffs »existential« zu dem Ergebnis, »daß alle Menschen dauernd unter dem sich in ihnen funktional auswirkenden Gnadenangebot stehen und dieses bleibende, immer gegebene Angebot auch immer annehmen in ihrem sittlichen Handeln (außer sie versagen sich ihm in eigentlich sittlicher Schuld) und darin auch bereits das mit der Gnade selbst schon gegebene übernatürliche Formalobjekt der erste Ansatz von Offenbarung und somit die Möglichkeit des Glaubens gegeben sind« (Sacramentum mundi 1,1299). So kann Rahner sagen, daß »die Menschwerdung der einmalige höchste Fall des Wesensvollzugs der menschlichen Wirklichkeit (ist), der darin besteht, daß der Mensch, ist, indem er sich weggibt.« (Schriften IV 142). Die Christologie wird so zum Kreuzungspunkt von Anthropologie und Theologie.
285
16.
ABSCHNITT
Heilsgeschichtliche Aspekte
Abschließend und zusammenfassend soll unter dem Stichwort »Heilsgeschichte« noch einmal ein Durchblick durch die Selbsterschließung Gottes im Wort und in der Tat geschehen.
1. Kapitel
Begriffsbestimmung
Die göttliche Offenbarung dient nach Gottes Absicht dem Heile. Die Worte, mit denen sich Gott erschließt, sind Heilsworte, die Taten sind Heilstaten (z. B. Ex 3,6 ff.; 19,4 ff.; 28,8; 34,27; Os 20,10; 13,4). Bei Deutero-Jesaias (45,7) heißt es: »Das Licht bilde ich und erschaffe die Finsternis, bewirke das Heil und schaffe das Unheil. Ich, der Herr, bin es, der all dieses wirkt.« Nach Jeremias (29,11) gibt Gott den Verbannten in Babel die Versicherung: »Denn also redet der Herr der Heerscharen: Sind 70 Jahre für Babel vorbei, dann nehme ich mich euer wieder an und erfülle an euch meine Verheißung, daß ich euch an diese Stätte heimführen werde. Denn ich weiß wohl, welcher Art meine Gedanken über euch sind — Spruch des Herrn — Gedanken der Wohlfahrt und nicht des Unheils, daß ich euch eine Zukunft und Hoffnung beschere.« Der Prophet Ezechiel erwartet die Wiederherstellung
286
Israels
als letzte Tat Jahwes, an der er erkannt wird (37,12 f.). Der Sinn des Exils
ist für ihn nicht das immerwährende Unglück des Volkes, sondern eine neue
Erkenntnis des Herrn in Heil und Frieden (Ex 8,28).
Aus
dem Neuen Testament sei auf einige Zeugnisse für die Heilshaftigkeit des
göttlichen Wortes und der göttlichen Taten in der Apostelgeschichte
hingewiesen: 5,20; 13,26; 14,3; 20,20.32. Im Johannes-Evangelium geht das
Heilswirken häufig nahtlos von dem Heilswort zur Heilstat und von der Heilstat
zum Heilsworte über (Joh 9,4; 10,25-38; 14,10; 17,4; 17,6-9).
Weil
das Heil nicht nur innerhalb der Geschichte wie in einem Zeitgefäß, sondern in
geschichtlichen Handlungen selbst erfolgt, kann man unter Bezugnahme auf das
Offenbarungswort Gottes von der Heilsgeschichte sprechen. Dieses im 19.
Jahrhundert geschaffene, in seiner Bedeutung keineswegs klare und daher viel
umstrittene, aber dennoch unentbehrliche Wort hat sich in der Theologie
durchgesetzt und ist heute geradezu Leitmotiv der Theologie geworden.
Für ein tieferes Verständnis des Begriffes sollen zunächst seine beiden Komponenten erläutert werden.
2. Kapitel
Der Begriff des Heiles
Was
das Wort »Heil« bedeutet, ist nicht ohne weiteres einsichtig. Das Heil kann
sich in den verschiedensten Bereichen bewegen. Was man darunter versteht, hängt
wesentlich davon ab, was man unter dem Men-
287
sehen
versteht. Je nachdem, ob man den Menschen als bloßes Individuum oder als
Sozialwesen oder als Individuum und Sozialwesen zugleich, ob man ihn als
Funktionär oder als Person oder als Funktionär und Person zugleich versteht,
ob man ihn als homo faber, d. h. als ökonomisches Wesen, oder als animal
rationale oder als homo orans, d. h. als sich selbst transzendierendes Wesen
auslegt, wird maßgebend für die Definition des Wortes »Heil« ausfallen.
In
der heutigen Welt wird das Heil vor allem gesehen in der Wohlfahrt, in der
Freiheit, in der Bildung und in dem Frieden. Insbesondere ist es der Friede,
nach welchem die Menschen wie in einem Traum der innersten Sehnsucht ausgreifen.
Diese Heilsvorstellungen bewegen sich im zwischenmenschlichen Bereich. Sie
verlaufen gewissermaßen auf einer Horizontalen. In den Heiligen Schriften
werden sie nicht vernachlässigt. Sie haben aber hier keine exklusive
Legitimität. Die Schrift spricht zwar unzählige Male vom Frieden als einem
grundlegenden Heilsgut, Sie versteht darunter auch die friedliche Beziehung
aller zur Brüderlichkeit vereinigten Menschen. Der Friede ist indes für sie
primär eine vertikale Bewegung, nämlich die Bewegung Gottes auf den Menschen
zu und die Glaubensantwort des Menschen, also das Einvernehmen des Menschen mit
Gott. Der in der horizontalen Ebene gesuchte Friede hat nach der Schrift eine
wesentliche Bedingung, nämlich den Frieden mit Gott, d. h. die Anerkennung des
die Welt durchdringenden, unfaßbaren, transzendenten Weltgeheimnisses, der
welttranszendenten, geheimnisvollen, personhaften Welttiefe. Der Widerspruch
hierzu provoziert nach der Schrift das Unheil.
Die Verfasser der Genesis reflektierten darüber, wie trotz des Bundes mit Gott die Welt den Mächten des
288
Unheils
preisgegeben sein könne. Sie stellten das Ergebnis ihrer gläubigen
Überlegungen in der Paradiesesgeschichte dar. Die Genesis sieht einen
wesentlichen Zusammenhang zwischen Sünde und Unheil und stellt diesen in einem
wenigstens für die damalige Zeit unmittelbar sprechenden Bilde dar. Den Kern
der Paradiesesgeschichte bildet die These, daß alles Unheil mit der Sünde
beginnt und die Sünde immer wieder eine unerschöpfliche Unheiisquelle bildet.
In einer solchen Auffassung kommt dem Ethischen und dem Religiösen der Primat
zu, nicht dem Wirtschaftlichen. Dies letztere wird nicht ausgeklammert, es wird
vielmehr stark unterstrichen. Der Mensch soll ja die Erde pflegen und durch
Geist und Hand zu seiner wahren Umwelt schaffen (Gen 1,28). Er vermag dies
jedoch in der rechten Weise nur dann, wenn er sich auf Gott hin transzendiert.
Im Neuen Testament begegnet uns die gleiche Vorstellung, wenn Jesus nach
Mattäus 6,33 sagt: »Suchet zuerst das Reich Gottes, das Übrige wird
hinzugegeben.« Das »Übrige« wird in diesem Worte keineswegs als das
Überflüssige oder Wertlose beurteilt, es wird nur strukturell an die zweite
Stelle gesetzt oder vielmehr als die Folge der Suche nach Gott gewertet. In dem
Worte Christi wird von einer strukturellen Ordnung geredet, in welcher nichts
fehlt und nichts fehlen darf, alles aber seinen rechten Ort hat. Es wird das
Ganze in seiner spannungsreichen Einheit gesehen. Auf Grund dieser Überlegungen
können wir verstehen, daß die Schrift das Heil primär in der Selbstzusage
Gottes an den Menschen, also in der Begegnung des Menschen mit Gott sieht, dabei
aber nichts Welthaftes ausläßt.
Die
Schrift bezeugt, daß Gott das Heil aller Geschöpfe will. Gott kann geradezu
bestimmt werden als jenes welttranszendente, in der Welt präsente du-
289
hafte
Wesen, welches in absoluter schöpferischer Macht das Heil aller Geschöpfe
wirkt, ohne freilich der menschlichen Freiheit Zwang anzutun. Die Welt wird vom
Heilswillen Gottes in einer alles umfassenden Weise beherrscht, nicht von bösen
und zerstörerischen Mächten, soweit nicht der freie menschliche Wille das
Unheil hervorruft. Das Heilswirken Gottes vollzieht sich in der Weise des
Heilsangebotes, also des Heilsdialoges mit den Menschen, Der Heilswille kann
gegen seine Absicht in Unheil umschlagen, wenn der Mensch das Heilsangebot
abweist. In diesem Falle entsteht nicht eine Zone der Neutralität, in der Gott
und Mensch gleichgültig aneinander vorbeigehen könnten, sondern eine Existenz
des Unheils.
Gott
bietet das Heil an, indem er sich den Menschen erschließt und sich in seinem
tathaften Wort in dem Raum der menschlichen Existenz innerhalb der Geschichte
durchsetzt. Diese Selbstdurchsetzung Gottes, welche im Ablaufe unserer
menschlichen Geschichte wohl zum ersten Mal vom Volk Israel erfahren wurde, ist
mit dem Wort von der »Herrschaft Gottes« gemeint. Die göttliche
Selbsterschließung dient der Aufrichtung der Herrschaft Gottes und darin
zugleich dem Heile der Menschen. Nur wenn sich Gott den Menschen gnadenhaft
schenkt, und dieser die Selbstgewährung Gottes entgegennimmt, wenn also Gott im
Menschen als schöpferische Liebe herrscht, wird erreicht, was der Ausdruck
»Heil« sagt.
Gott hat sich im Ablauf unserer Geschichte in vielfacher Weise den Menschen zugesagt, in absoluter und radikaler innergeschichtlicher Endgültigkeit in Jesus Christus. Diese innergeschichtliche Selbstzusage Gottes an den Menschen stellt trotz ihrer innergeschichtlichen Endgültigkeit in Jesus Christus ihrerseits wieder einen Anfang dar, welcher die Verheißung der absolu-
290
ten Zukunft, nämlich der endgültigen Selbstgewährung Gottes an seine Geschöpfe in deren Verklärung und Vergöttlichung bedeutet. Das Heil ist eine eschatologische Größe.
3. Kapitel
Geschichte
Es
sollen noch einige Worte über die zweite Komponente unseres Wortes, nämlich
über den Begriff »Geschichte« gesagt werden, d. h. die Tatsache, daß der
Mensch sein Leben nicht bloß innerhalb eines geschichtlichen Ablaufes, sondern
in der Verwirklichung geschichtlichen Tuns vollbringt.
a) Problematik
Mit
der Gemeinschaftlichkeit im Religiösen hängt zusammen die Geschichtlichkeit
der göttlichen Selbsterschließung. Die Geschichtlichkeit eröffnet einen
neuen Problemkreis. Gerade an ihr kann der religiöse Glaube scheitern. Denn sie
beschwört die Frage herauf, ob der allmächtige und allgegenwärtige Gott in
der Universalität seines Handelns wirklich nur in bestimmten Stunden innerhalb
der Geschichte aus seiner Unzugänglichkeit herausgetreten ist, ob er den
Menschen nur an bestimmten Orten im ganzen Kosmos den Weg zu sich selbst
eröffnet hat, und nur durch bestimmte, einzelne, von ihm Erwählte. Ist
derartiges überhaupt möglich? Wenn es aber geschehen
291
ist,
ist es dann nicht nur geschehen für die Menschen, die solchen Zeit- und
Raumpunkten im gewaltigen Koordinatensystem der Geschichte nahestehen? Ist etwa,
um konkreter zu sprechen, die vom oder im Christentum verkündete göttliche
Offenbarung nur für die westliche Welt oder sogar nur für einen Teil von ihr
bestimmt, während die auch im Buddhismus sich ausdrückende Gotteserfahrung dem
fernöstlichen Menschen zugeordnet ist?
Wenn die an einer bestimmten Zeitstelle und an einem bestimmten Ort geschehene göttliche Selbsterschließung universale Bedeutung haben soll, muß man fragen, wie jene Menschen, die von solchen Raum- und Zeitstellen weit entfernt sind, vielleicht Tausende oder Hunderttausende von Jahren, der göttlichen Selbstmitteilung teilhaftig werden sollen. Ferner: Widerspricht es nicht dem menschlichen Selbstgefühl, daß sich das Gottesverhältnis der Menschen und das in ihm verankerte Heil in einem unbekannten Winkel des unheimlich großen Kosmos entscheiden soll? Praktisch spitzt sich die Frage im christlichen Raume zu der Form zu: Kann aus Nazaret, einem kleinen Dorf in einem geschichtlich wenig bedeutsamen Lande, kann aus dem Kreise kleiner Leute der Retter kommen? Kann uns aus dem Raume einer einfachen Wirtschafts- und Sozialstruktur heute noch in unserer komplizierten Welt Hilfe werden?
b) Geschichtshaftigkeit des Menschen
Auch
hier kann eine genauere Analyse das Dunkel lichten. Wir kommen weiter, wenn wir
fragen, was mit dem Worte »geschichtlich« gemeint ist. Es schließt ein
Dreifaches in sich, daß nämlich ein Tun in Freiheit geschieht, daß es
bedeutsam ist für die Zukunft und
292
sich
so eine Kontinuität bildet, daß endlich diese Bedeutsamkeit eine größere
Gemeinschaft betrifft. In der Entmythologisierungstheologie der Gegenwart wird
das Historische vom Geschichtlichen unterschieden. Diese Unterscheidung ist
geeignet, den Sinn des Geschichtlichen noch mehr zu verdeutlichen.
»Historisch« wird in dieser Sinngebung genannt, was im Ablaufe der
menschlichen Entwicklung einmal vorgekommen ist, was aber nun der Vergangenheit
angehört und weder für die individuelle noch für die kollektive Existenz
Tragweite besitzt. »Geschichtlich« hingegen ist in dieser Terminologie das,
was einmal geschehen ist, aber bis zum heutigen Tage fortwirkt und das Leben der
Menschen bewegt und bestimmt.
Der
Mensch ist wesentlich geschichtshaft. Er ist als Werde-Sein jeweils geprägt
durch kollektive und individuelle Vergangenheit und erstreckt sich von seiner
Gegenwart in die Zukunft. Niemand kann in seinem Leben sozusagen beim Nullpunkt
anfangen. Dies zu erwarten oder zu behaupten, wäre eine utopische Ideologie.
Der Mensch kann sich nie aus dem vorgegebenen Boden der Geschichte in eine
geschichtsfreie Region erheben und so in eine Fernst-zukunft enteilen. Er wird
vielmehr von vorneherein in eine geschichtliche Situation mit bestimmten
politischen und kulturellen, wissenschaftlichen und religiösen,
gesellschaftlichen und technischen Elementen hineingeboren. Diese wirken auf
ihn, bestimmen und begleiten sein Leben und prägen seine Freiheitshandlungen.
Er wird zwar durch sein Milieu nicht restlos wie durch eine vorgegebene Macht
prädestiniert, aber er ist dennoch infolge der geschichtlichen Lage nicht zu
jeder Entscheidung, sondern nur zu bestimmten Planungen fähig. »Alles hat
seine Zeit.« Die Zeit ist schicksalshaft für jeden Menschen.
293
Auf der anderen Seite nimmt jeder Mensch seinerseits wieder an der Gestaltung der Zukunft teil. Denn diese kommt nicht nur auf ihn zu, sondern wird von ihm mitgeformt. Nur wenn man glauben würde, man könne sein Leben außerhalb der Welt vollziehen, könnte man den Versuch machen, dem geschichtlichen Gefälle des Lebens zu entgehen. Eine solche akosmische, unweltliche Verhaltungsweise oder Hoffnung unterscheidet sich jedoch nicht von einer Fata Morgana.
c) Ageschichtliche Denkweisen
Dies wird noch deutlicher, wenn wir einen Blick auf die fernöstlichen religiösen Vorstellungen werfen. Hier hat der Fromme das Ideal, sich von der Welt in das Geheimnis des Göttlichen zurückzuziehen. Über alle philosophischen und religiösen Gegensätze hinweg ist es Gemeingut des indischen Denkens, daß die Welt ohne Anfang und ohne Ende ist. Sie entfaltet sich aus einem unentwickelten Zustand zur Mannigfaltigkeit der Erscheinungen. Aber der Vorgang ist reversibel. Die Welt zieht sich in periodischem Wechsel wieder in sich selbst zurück. Der Urgrund, aus dem sie kommt, ist das unpersönlich verstandene Göttliche. Infolgedessen sind alle Phänomene der sichtbaren Welt Inkarnationen des Göttlichen. Im Grunde hat keine einen Vorzug vor der anderen. Das indische Denken schwelgt in schwindelerregenden Zahlen, in denen die Dauer der jeweiligen Weltzeiten angegeben wird. In gewaltigen Perioden wiederholt sich das Weltgeschehen unaufhörlich ohne Anfang und ohne Ende. Es ist eine ewige Bewegung in einem ewigen Kreislauf. Die Bewegung trägt ihren Sinn in sich selbst. Die Seele des Menschen ist in den Kreislauf hineingezogen. Von
294
einem
feinen, stofflichen Leib getragen, wandert sie nach dem Tode in ein anderes
Lebewesen, sei es in einen Gott, sei es in einen Menschen höheren oder niederen
Ranges, sei es in ein Tier, sei es in eine Pflanze. Aus dieser Überzeugung
wächst das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Lebewesen untereinander.
Bestimmend
für die Art der Wiederverkörperung ist das Karma, die Summe der bösen und
guten Taten am Schlusse des Lebens. Sie prägt sich dem feinen stofflichen Leib
ein und führt ihn zu einem entsprechenden, neuen Dasein. Erst wenn kein Karma
mehr bleibt, erreicht der Kreislauf des Lebens sein Ende im Nirwana. Bei den
gewöhnlichen Menschen wird dies jedoch nur in der fernsten Zukunft oder
überhaupt nie erreicht. So gleicht der Mensch nach einem öfters gebrauchten
Bilde einem Schiffbrüchigen, welcher in einem kleinen Kahn auf dem vom Sturm
gepeitschten Meer umhergetrieben wird und nach dem rettenden Hafen ausschaut. Er
weiß, daß dieser vorhanden ist, aber er weiß nicht, wo er ist, und nicht, wie
man dahin gelangt, und nicht, ob die von ihm eingeschlagene Richtung ihn dem
Hafen näher bringt oder weiter von ihm entfernt. Aber dies wird nicht als
Unheil empfunden. Denn die Bewegung selbst ist das Heil, auch wenn sie nie an
einem Ziele ankommt.
Auch
dem klassischen griechischen Denken fehlt die vollentwickelte Vorstellung von
der Geschichtshaftigkeit des Menschen, wenngleich dieser Mangel nicht in der
krassen Form auftritt wie bei den Indern, in diesem Denken zieht (im großen
Ganzen) primär das zeitlos Allgemeine, nicht das Werden und das Vergehen die
Aufmerksamkeit auf sich. Dies gilt sowohl von den idealistischen wie auch von
den materialistischen Systemen der griechischen Philosophie. Das wahrhaft
295
menschliche
Leben kommt demgemäß dadurch zustande, daß sich der Mensch zum Reiche des
zeitlos Seienden erhebt. Er findet den Sinn seiner Existenz nicht in seiner
individuellen Geschichte, sondern in der Versenkung in das Allgemeine. Wenn man
für dieses Denken ein Symbol angeben wollte, müßte man auf den Kreis
verweisen, dessen Linie immer wieder in sich selbst zurückkehrt. (Daß es auch
eine andere Vorstellung von dem Bilde des Kreises gibt, z. B. bei Bonaventura,
soll hier nicht weiter verfolgt werden.)
Angesichts dieser ageschichtlichen Denkweisen ist es um so bedeutsamer, daß sie nach unserer heutigen Erfahrung auf die Dauer nicht durchgehalten werden können und sich auch in ihnen Tendenzen zur Geschichtlichkeit vordrängen. Bei der wesenhaften Welthaftigkeit der menschlichen Existenz ist dies nicht zu verwundern, sondern selbstverständlich. So ist zum Beispiel der heutige Buddhismus in höchstem Maße geschichtlich engagiert. Es ist einfachhin Ausdruck der Zeithaftigkeit, des Werdeseins des Menschen, wenn er sich geschichtlich einsetzt (J. B. Lotz, Der Mensch im Sein, Freiburg 1967).
d) Geschichte und Wahrheit
Gott ruft also den Menschen, wenn er ihn überhaupt anruft, in einer bestimmten geschichtlichen Verfaßtheit. Einen anderen Menschen gibt es gar nicht. Ob wir den Menschen mit Aristoteles als animal rationale oder mit der modernen Vorstellung als homo faber oder nach der theologischen Tradition als animal orans bzw. se transcendens definieren, nie verwirklicht er diese Elemente in einer übergeschichtlichen Weise. Immer ist er, was er ist, in einer geschichtlichen Imprägnierung. Gott ruft ihn und kann ihn nur
296
rufen
in dieser geschichtlichen Geprägtheit und als Glied einer Gruppe. Dabei ist ein
einzelner in seiner geschichtlichen Verfaßtheit und in seiner geschichtlichen
Situation jeweils das Eingangstor Gottes in die Menschheit oder genauer gesagt:
aus der Transzendenz in die Immanenz. Das Offenbarungshandeln ist durch einen
einzelnen hindurch allen zugeordnet. Es hat die Aufgabe, sich überall zu
verbreiten und überall hinzudringen. So ist zwar sein Ausgang ein bestimmtes
Datum in der Geschichte. Sein Zielfeld ist aber die gesamte Erde, ja der Kosmos.
Ein Beispiel für diese Expansion oder Explosivkraft bietet uns heute auf einem
ganz anderen Gebiet die Atomphysik und die durch sie ermöglichte Technik. Dabei
ist zu beachten, daß Gott selbst präsent bleibt, wenn sich die einmal von ihm
vollzogene Mitteilung ausbreitet. Er selbst übermittelt sich durch einen
einzelnen oder durch eine menschliche Gruppe der gesamten Menschheit. Er selbst
bleibt dabei immer Subjekt. Er wird nie und kann nie Objekt werden. Gerade die
Übermittlung schafft daher das unmittelbare Gottesverhältnis, weil Gott selbst
in dem Übermittlungsakt als der Conditio sine qua non wirksam ist.
Die
so von Gott ergriffene menschliche Gruppe kann in ihrem geschichtlichen Tun von
dem neuen Bewußtsein, das in ihr aus dem zum Durchbruch gekommenen
Gottesgeheimnis gebildet wurde, nicht abstrahieren. Dies wird vielmehr als
bewegender Faktor in die Weltgestaltung eingehen und so geschichtlichen Einfluß
ausüben. Es wird sich insbesondere auswirken in der Perspektive eines
bestimmten Menschenbildes und dadurch für die Formung der Gesellschaft
folgenreich werden. Solches geschieht auch dort, wo die neue Anwesenheit Gottes
abgelehnt wird, zum Unheil.
297
Ferner
gilt: Die jeweils in einer bestimmten geschichtlichen Stunde lebende Generation
wird, was sie selbst aus den Abgründen des Geheimnisses heilshaft erfahren hat,
nicht mit sich ins Grab nehmen, sondern den kommenden Generationen, ihren
Kindern und Enkelkindern, weitergeben. So bildet sich eine Tradition. Diese ist
dadurch bestimmt, daß sich die je folgende Generation von dem, was ihr
überliefert wurde, geprägt weiß und sich dadurch, wenn auch in kritischer
Unterscheidung und Auswahl, in der Gestaltung ihrer Zukunft beeinflußt fühlt,
solange aus der Tradition lebendige Kräfte fließen.
Unser
Überblick zeigt, daß der seinerzeit von Gotthold Ephraim Lessing in der
Aufklärungsatmosphäre erhobene Vorwurf »Zufällige Geschichtswahrheiten
können der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten nie werden« das Problem
der göttlichen Selbsterschließung nicht trifft, mag seine These an sich auch
richtig sein. Lessing ist in seinem Ausspruch von der namentlich in England,
Frankreich und Deutschland entwickelten Aufklärungsidee geleitet, nach welcher
für den menschlichen Geist nur akzeptabel ist, was sich von der Vernunft als
Vernunftwahrheit erweisen läßt, nach welcher also von Seiten der Vernunft der
Geschichte der Prozeß gemacht werden muß, wenn diese beansprucht, allgemein
Gültiges aussagen zu können. Die Fragestellung Lessings und der gesamten
Aufklärung läuft jedoch an der Offenbarung vorbei, da es sich bei dieser nicht
erstlich um die Mitteilung von allgemein gültigen Wahrheiten handelt, sondern
um geschichtliche Ereignisse, nämlich um das jeweilige konkrete Hervortreten
Gottes in der Geschichte, welches sich von einer Generation zur anderen durch
das Medium einzelner Menschen überliefert. Augustinus hat diese Situation in
seinem Werke De
298
vera
religione, VII, 13 vor Augen, wenn er sagt: »Die Hauptsache dieses Glaubens ist
die Geschichte und die Weissagung jener zeithaften Verfügungen, welche die
göttliche Vorsehung für das Heil des Menschengeschlechtes getroffen hat,
welches für das ewige Heil umgebildet und neugebildet werden soll.«
Es wäre allerdings eine einseitge Interpretation der göttlichen Selbsterschließung, wenn man die Mitteilung allgemein gültiger Wahrheiten von ihr völlig ausschließen würde. Diese treten jedoch an die zweite Stelle. Sie sind in den geschichtlichen Ablauf eingeordnet. Es ist daher eine Übertreibung, wenn man das biblische Offenbarungsdenken dem griechischen Philosophieren einfachhin entgegensetzt und den alttestamentlichen Büchern aus der hellenistischen Zeit einen geringeren Offenbarungswert beimißt. Es handelt sich bei dem Unterschied zwischen dem biblischen und dem griechischen Denken um verschiedene Perspektiven und Akzentgebungen.
4. Kapitel
Eschatologischer Charakter des Heilshandelns Gottes
Die
Geschichtlichkeit der göttlichen Selbsterschließung impliziert ihren
eschatologischen Charakter. Sie ist auf ein engültiges Ziel hin orientiert.
Dies kann nicht nachdrücklich genug betont werden. Es wäre indes wiederum eine
Übertreibung und eine Einseitigkeit, wenn sie nur eschatologisch verstanden
würde. Sie ist
299
der
jeweiligen Gegenwart zugeordnet und zugleich auf die Zukunft hin finalisiert,
nach dem Schema »schon« — »noch nicht«. Man kann die im nichtbiblischen
Bereich geglaubten Offenbarungen der Götter von der biblischen
Gottesoffenbarung nicht so unterscheiden, daß man die ersteren als in der
jeweiligen Gegenwart beschlossenen Epiphanien, die letztere als ausschließlich
zukunftsgerichtetes Handeln charakterisiert (vgl. J. Moltmann, Theologie der
Hoffnung, München 1966. H. Fries, Spero ut intelligam. Bemerkungen zu einer
Theologie der Hoffnung, in: Wahrheit und Verkündigung l, Paderborn
1967,335-379).
6. Kapitel
Allgemeine
und besondere Heilsgeschichte
Wenn wir unter den vorangegangenen Gesichtspunkten die göttliche Offenbarungsgeschichte als Heilsgeschichte interpretieren wollen, ist es zweckdienlich, ja notwendig, zwei zwar nicht leicht unterscheidbare, dennoch aber verschiedene Formen von Heilsgeschichte in den Blick zu nehmen. Man hat sich angewöhnt, von der allgemeinen und der besonderen Heilsgeschichte zu sprechen. Unter der besonderen Heilsgeschichte wird dabei die mit der Berufung Abrahams einsetzende, in der Befreiung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft zu ihrem alttestamentlichen Höhepunkt gekommene und in Christus vollendete Offenbarung Gottes verstanden. Unter der allgemeinen Heilsgeschichte versteht man die vor und ne-
300
ben
dieser speziellen Heilsgeschichte sich ereignende Geschichte des Heils. Der
Begriff der allgemeinen Heilsgeschichte ist naturgemäß nur sinnvoll, wenn es
auch vor und neben der »speziellen« Heilswirksamkeit Gottes Heil gibt.
Zu dieser Annahme sind wir berechtigt auf Grund des Schriftzeugnisses, daß Gott das Heil aller Menschen will, sowie auf Grund der früher hervorgehobenen Christozentrik der Welt. Daß wir auch außerhalb der Dimension der besonderen Heilsgeschichte nicht nur von Heil, sondern von Heilsgeschichte sprechen können und müssen, hat darin seinen Grund, daß der Mensch infolge seiner Leibhaftigkeit und seiner sozialen Einfügung auch sein Gottesverhältnis immer in konkret-geschichtlicher Weise vollzieht und es daher überall zu Heilsinstitutionen und zu Heilsgemeinschaften kommt. Diese Überlegungen geben uns den Anhaltspunkt für die innere Begründung des Unterschiedes und der Unterscheidung von allgemeiner und von besonderer Heilsgeschichte. Zunächst soll betont werden, daß sich allgemeine und besondere Heilsgeschichte nicht unterscheiden wie »natürliche« und »übernatürliche« Heilsoffenbarung. Auch die allgemeine Heilsgeschichte bewegt sich in der Dimension jenes Heiles, welches die scholastische Theologie »übernatürlich« nennt. Damit ist gesagt, daß man die Heilsgeschichte nicht interpretieren kann, indem man sie rein äußerlich von der Weltgeschichte abhebt. Die Abgrenzung der mit der Weltgeschichte ko-existierenden Heilsgeschichte gegenüber eben dieser Weltgeschichte bedarf eines inneren Prinzips. Dies ist also zu suchen. Es besteht darin und kann nur darin bestehen, daß Gott durch sein Wort die menschliche Geschichte als Heilsgeschichte erklärt und durch die Erklärung zugleich als solche schafft. So wissen wir durch das Of-
301
fenbarungswort
Gottes, daß die Geschichte Israels Heilsgeschichte ist. Durch dieses Wort wurde
die Geschichte Israels zugleich als Heilsgeschichte, d. h. als Geschichte der
Selbstgewährung Gottes an das Volk Israel und als Geschichte des Volkes Israel
selbst konstituiert. Heilsgeschichte unterscheidet sich also für Israel von der
Weltgeschichte nicht durch die Andersartigkeit politischer, kultureller,
sozialer Formen, sondern durch das diese hervorbringende und in ihnen sich
ausdrückende Wort Gottes. Hierbei ist wesentlich, daß das Wort Gottes von
jenen, an die es gerichtet ist, als Gottes Wort erfahren wird, daß mit anderen
Worten die Geschichte des eigenen Volkes als eine von Gott gestiftete erkannt
wird. So hat Israel in dem Vorgang der Befreiung aus Ägypten und dessen
Begleiterscheinungen Gott als seinen Schutzherrn und Bundespartner erfahren.
Heilsgeschichte
gibt es nicht ohne den Dialog zwischen Gott und dem Menschen. Die Erfahrung
Gottes geschieht im Glauben an ihn. Wer sich
Gott nicht in Glaubensbereitschaft öffnet, wird auch in der besonderen
Heilsgeschichte nichts anderes sehen als ein Stück Weltgeschichte.
Es würde zu unnützen Wiederholungen führen, wenn wir den Verlauf der Heilsgeschichte skizzieren wollten. Denn er ist weithin identisch mit dem Verlauf der Offenbarungsgeschichte. Der Pentateuch bzw. der Hexateuch bieten eine große heilsgeschichtliche Konzeption. Falls man unter Offenbarung nur jenes Wort Gottes versteht, welches an Abraham und die aus ihm kommenden Generationen, insbesondere Mose, gerichtet wurde, ist der Begriff Heilsgeschichte weiter als der Begriff Offenbarungsgeschichte. Die Einengung des Offenbarungsbegriffes auf das Gotteswort an Abraham und seine Nachkommen entspricht
302
jedoch
nicht ganz dem Bilde, das uns die Schrift vom Worte Gottes bietet. Denn nach ihr
hat Gott durch sein Wort auch die Welt hervorgerufen und sich so kundgetan und
die Menschen in den Zeiten vor Abrahams Berufung gnädig geführt. Von der
Erschaffung der Welt bis zu der Selbsterschließung Gottes in der Mosezeit
erstreckt sich ein großer Offenbarungszusammenhang, wenn die Offenbarung auch
sehr verschiedene Stufen und je andersartige Weisen hat. Deshalb muß man den
Bereich der Offenbarung so weit spannen wie den Bereich der Heilsgeschichte und
umgekehrt.
Von
größter Bedeutung ist die Bestimmung des Verhältnisses von allgemeiner und
besonderer Heilsgeschichte sowie die damit zusammenhängende Frage, ob und
inwiefern es außerhalb der besonderen Heilsgeschichte noch Heil gibt oder geben
kann, wenn diese einmal geschehen ist.
Zweifellos besteht ein Zusammenhang historischer Art. Es fragt sich aber, ob auch eine sachliche Zusammengehörigkeit besteht und welcher Art diese eventuell ist. In der Beantwortung dieser Fragen findet man den Gedanken vertreten, daß die allgemeine Heilsgeschichte den von Gott gestiftenen ordentlichen Heilsweg darstellt. Wenn diese Wesensbestimmung auch richtig verstanden werden kann, so weicht sie doch so sehr von den traditionellen Vorstellungen ab, daß sie die Gefahr von Mißverständnissen fast unvermeidlich in sich birgt. Daher ist jene Terminologie vorzuziehen, in welcher die besondere Heilsgeschichte als der von Gott gewollte ordentliche, die allgemeine Heilsgeschichte aber der von Gott ermöglichte außerordentliche Heilsweg genannt werden. Die gegenteilige ist vom Einbruch des Indifferentismus bedroht.
303
6.
Kapitel
Die heilsgeschichtlichen Zusammenhänge
a) Vorchristliche Verheißung
Was die geschichtlichen Zusammenhänge betrifft, so bedürfen sie einer näheren Analyse. Es ist unbestreitbar, daß die besondere Heilsgeschichte ihre Wurzeln in der allgemeinen Heilsgeschichte hat und aus ihr durch die Berufung Abrahams hervorgewachsen ist — dieser war, als ihn Gottes Ruf traf, nicht ohne Religion. Wenn sich das Volk Israel in der Zeit des Mose seiner Volkswerdung als einer Tat Gottes bewußt wurde, so konnte es auf vorausgehende geschichtliche Erfahrungen zurückblicken und diese als einen Weg zur Volkswerdung verstehen. Wir haben früher gesehen, daß die trüben Zustände während des schon bestehenden Gottesbundes ernste Gläubige veranlaßten, im Geiste ihres Gottesglaubens darüber zu meditieren, wie die böse Lage trotz der Partnerschaft mit Gott verstanden werden könne. Im Lichte des Gottesbundes wurden die Uranfänge, die »Urväter«, die Patriarchenberichte, die Nachrichten über Abraham, Isaak, Jakob und Joseph interpretiert. Was wir darüber in den Heiligen Schriften des Alten Bundes lesen, sind Glaubenszeugnisse, welche allerdings nicht reine Schöpfungen ihrer Verfasser sind, sondern auf einem historischem Kern, insbesondere auf der Einwanderung Abrahams in Ägypten zu Beginn des zweiten Jahrtausends beruhen, die aber doch weit davon entfernt sind, historische Protokolle sein zu wollen. Auch die der Patriarchenzeit vorausgehende Epoche wurde, wie wir uns schon einmal klarmachten, als ein Weg verstanden,
304
der
durch die Zeiten hindurch zur Bundesschließung am Sinai führte. Das Volk
Israel war sich bewußt, daß hinter ihm eine lange Entwicklung lag, welche von
Gott zielbewußt zu seiner Bundesexistenz hingeleitet wurde. Die Geschichte
greift in das Dunkel der Weltentstehung zurück (F. van Trigt, Die Geschichte
der Patriarchen, Mainz 1963; R. de Vaux, Die Patriarchenerzählungen und die
Geschichte, Stuttgarter Bibel-Studien 3, 1965).
Was
wir durch Forschungen außerhalb der heiligen Bücher von der Entwicklung der
Welt und der Menschen wissen, wird von der Heiligen Schrift in geläuterter Form
wie in einem Zeitraffer als Glaubensüberzeugung von der allwaltenden
Geschichtsmächtigkeit Gottes dargeboten. Die Hagiographen haben kein Interesse
daran, den geschichtlichen Weg der Welt, der Erde und der Menschen eingehend zu
beschreiben. Die Heilige Schrift will weder ein Lehrbuch für Physik, noch für
Biologie, noch für Geschichtswissenschaft sein (J. Läpple). Ihre Zahlenangaben
über das Alter der ersten von ihr genannten Menschen, insbesondere der
Patriarchen, dienen heilsgeschichtlich-symbolischen, nicht historischen
Interessen. Die Hagiographen wollen mit gläubigen Herzen verkündigen, daß
Gott von Anfang an einen Heilsplan mit seinem Volke hatte, und diesen durch alle
Schwierigkeiten und Rückschläge hindurch zielbewußt verfolgte und
verwirklichte. In Wirklichkeit waren es nicht einige Jahrtausende, sondern
Milliarden von Jahren, welche die Entwicklung des Kosmos von einem Urteilchen
oder einer Urenergie an als dem Ausgang durchlaufen mußte, um zu jener Höhe zu
kommen, auf der die Evolution auf Grund göttlicher Schöpfungstat den
Durchbruch zum Geiste vollziehen konnte, auf der also der Mensch entstand. Es
ist für unseren Durchblick nicht
305
notwendig,
das Alter der Erde oder des Kosmos oder das Alter der Menschen auf der Erde auf
Grund der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung anzugeben. Was in
heilsgeschichtlicher Hinsicht zu sagen ist, gilt auch dann, wenn die Menschen
schon seit Jahrhunderttausenden oder seit einer Million von Jahren oder länger
existieren sollten.
Die Evolution der Materie von der Urenergie an war eine aus den dieser eigenen und ihr einwohnenden Kräften und eine aus der Fülle des immer schaffenden Gottes zugleich angetriebene und getragene Bewegung nach vorwärts, einer immer neuen Zukunft entgegen und zugleich nach oben, einer immer höheren und komplizierteren Existenzweise zu. Es war ein Ergebnis von großer Tragweite, als in diesem Prozeß der Komplizierung und der Konzentration eine Struktur erreicht wurde, in der das Leben entstand. Es war ein noch größeres, ja das entscheidende Ergebnis des Evolutionsgeschehens, als sich in der Bewegung der Materie über sich hinaus nach vorne und nach oben jene strukturelle Stufe ergab, in welcher durch das schöpferische Tun Gottes in der Materie sinnvollerweise der Geist gebildet wurde, welcher als neues Entwicklungsprinzip von Gott der Materie eingeschenkt wurde und sich umgekehrt die Materie zu einer neuen Existenzeinheit verband. Als der Mensch hervortrat, hatte die durch die Jahrmilliarden hindurch sich vollziehende Entwicklung ihre vorläufige Spitze erreicht. In ihm werden die Orientierung des ganzen Entwicklungsvorganges und der Sinn der Schöpfung sichtbar. Der Mensch steht an der Spitze des Universums. Die Materie brauchte in ihrer ständigen Selbstüberschreitung aus ihren immanenten Kräften und aus der schöpferischen Fülle Gottes unzählige Evolutionsschritte durch eine unabsehbare Zeitdauer hindurch,
306
bis
sie bei dieser ihrer Spitze, beim Menschen angekommen war. Der Mensch hat
infolge des Geistes die Fähigkeit, sich als Geschöpf zu verstehen und sich dem
Absoluten als seinem Ursprung zuzuwenden und zugleich die ganze übrige Welt in
sich als der Spitze des Ganzen zu sammeln und sie wiederzu Gott hinzutragen.
Ein
Echo dieses Zusammenhanges vernehmen wir in den zahlreichen alten Mythen. In
ihnen drückt sich immer die Überzeugung aus, daß der Mensch die Dinge opfern
muß und sie erst so als Gaben der Götter zu seinem eigenen Heile besitzen
kann, daß sie ihm aber zum Unheil ausschlagen, wenn er sie den Göttern
vorenthalten will. J. H. Smith und andere plädierten mit beachtlichen Gründen
für eine Überprüfung der fast allgemein in der Forschung angenommenen
Evolutionsthese.
Die
Heilige Schrift berichtet in jener gläubigen Reflexion, welche uns in der
Genesis überliefert wird, daß sich Gott selbst dem Menschen zuwandte, so daß
dieser sich ihm als seinem Herkunftsprinzip anheimgeben und sein wahres Selbst
gewinnen und zugleich in nüchternem Glaubensblick auf das Vergangene die
unbedingte Zukunft als die letzte Vollendung erhoffen konnte.
Die
Spitze des Universums mit ihren Folgen wird erreicht, so oft ein Mensch
entsteht. Denn jeder Mensch bedeutet das von der Gesamtentwicklung angestrebte
Ziel. Diese Behauptung will kein Präjudiz sein für die Lösung der Frage des
Monogenismus und des Polyge-nismus, sondern nur die Bedeutung eines jeden
Menschen im Evolutionsprozeß unterstreichen.
Als
die Evolution bei ihrer Spitze im Menschen angekommen war, war der
Entwicklungsgang keineswegs an ein Ende gekommen. Es gibt in diesem Pro-
307
zeß
keinen Stillstand. Wenn die Vermutung vieler Naturwissenschaftler stimmt, daß
eine zoologische Art im allgemeinen eine Lebensdauer von fünfzig Millionen
Jahren hat, dann stehen die Menschen erst am Morgen ihres Lebens. Es ist
allerdings zu erwarten, daß das entscheidende Charakteristikum des Menschen,
über sich und über die Welt und über Gott reflektieren zu können, durch den
Evolutionsgang nie überholt wird. Wohl aber kann es in der Weise dieser
Vollzüge tiefgreifende Änderungen geben. Wie also der Mensch aus dem
unendlichen Leben Gottes, welches keinen Anfang hat, durch einen schöpferischen
Ruf hervorgegangen ist, nämlich, wie sich noch zeigen wird, aus dem unendlichen
Liebesgespräch zwischen dem Vater und seinem Worte, so daß er eine endliche
Selbstaussage des Vaters durch das ewige Wort ist, so geht er auch in das
Unendliche weiter. Sein Weg läuft von dem Unendlichen in das Unendliche.
In
dem Augenblick, in welchem der Mensch hervortrat, wurde also ein neuer
Entwicklungsfaktor wirksam, eben der Geist. Er sollte die Anstrengungen der
Materie und des Lebens in freier Entscheidung weiterführen und intensivieren
(Gen 1,28). Es bildete sich das Objekt-Subjekt-Verhältnis in der Welt heraus,
insofern der Mensch in den Stand gesetzt wurde, die Welt geistig zu durchdringen
und sie auf Grund seiner Erkenntnis in Freiheit zu seiner Umwelt umzugestalten,
d. h. aus dem von Gott gebotenen Material seine, des Menschen, Welt zu schaffen,
und zwar in einem in die Zukunft hinein sich erstreckenden Sinn. Dabei war ihm
für seine weltdurchdringende Erkenntnis keine Grenze gesetzt. Denn jede
Erkenntnis soll nach der Schrift der Auferbauung der menschlichen Existenz in
Geschichte und Gemeinschaft dienen. Dieser Sachverhalt ist so entscheidend, daß
man sagen kann, von
308
dieser
biblischen Vorstellung her und nur von ihr her habe sich im Abendlande der
Begriff der Geschichte entwickeln können. Dieser stellt strukturell eine
christliche Realität bzw. eine auf biblischem, also auf jüdisch-christlichem
Boden gewachsene Kategorie dar, die ihre Virulenz auch dann bewahrt, wenn die
christlichen Inhalte entschwunden sind.
b) Die Hochreligionen und das Heil
Von
größter Tragweite ist es, daß das ganze Universum im Menschen, in welchem es
zu sich selbst gekommen ist, die Fähigkeit erreicht hat, bewußt und reflex
sich auf das Absolute hin zu überschreiten, und zwar nicht einfach in einem
Transzendenzgang in ein unbestimmtes Jenseits hinüber, sondern in einer
unaufhörlichen Entfaltung seiner selbst in die absolute Zukunft hinein und so
allerdings nicht nur auf einer Geraden horizontal, sondern immer zugleich
vertikal voranzuschreiten, um zu dem Absoluten, das vor ihm steht und zugleich
sein Ursprung ist, hinzustreben. Aus der großen Vielfalt religiöser oder
religionsnaher Heilserwartungen, die nicht auf einer »besonderen« Offenbarung
beruhen, sollen einige charakteristische herausgegriffen werden. Mit Nachdruck
sei schon an dieser Stelle betont, daß der Mensch nur durch die Gnade Gottes
das letzte Ziel erreichen kann (siehe Bd. 6).
In
der Reflexion des Menschen über sich selbst, in der darin geborenen
Selbstüberschreitung auf das Göttliche hin und in dem Streben nach Erlösung
sind mehrere, den Phasen des biblischen Gottesglaubens und der Abfassung der
biblischen Schriften zeitlich fast parallel laufende Religionen entstanden. Es
seien genannt der Hinduismus bzw. der Brahmanismus, der
309
Buddhismus
und die Religion Chinas. Der Hinduismus, der in seinen vielerlei Gestalten die
herrschende Religion in Indien ist, hat mit dem Buddhismus viele
Gemeinsamkeiten. Gott wird trotz mancher monotheistischer Züge als apersonal
gedacht. Die irdische Wirklichkeit und alles, was sich in ihr vollzieht, ist
nach dem Hinduismus leerer Schein und der Grund des Leides. Man muß sich daher
von der Welt zurückziehen, Hierzu verhelfen bestimmte Übungen (Yoga). Die
Befreiung besteht in dem unbewußten Bewußtsein der Identität mit dem Brahman,
mit dem Göttlichen, mit dem All.
Nach
dem Buddhismus soll man nicht nach dem fragen, was hinter dem Sichtbaren ist.
Wenn der Mensch die Begierde nach Leben zu betäuben sucht, wird er fähig, in
das Nirwana (unbewußtes Aufgehen im All oder höchste Vollendung?) einzugehen.
Die chinesische Religion ist äußerst vielschichtig. Allen Richtungen eigentümlich ist eine mehr oder weniger ausgebildete Vorstellung von der Entstehung und vom Bau des Universums. Bald haben sich die einander vielfach widersprechenden Elemente der aus historischer Zeit überlieferten Urreligion mit den Ideen des Konfuzius (Kung-Fu-Tse, geb. 591 v. Chr.) und des Laotse (Begründer des Taoismus, geb. um 840 v. Chr.) und den Vorstellungen des ins Land eingedrungenen Buddhismus zu einer synkretistischen Religion verschmolzen. Der Konfuzianismus wurde allerdings erst einige Jahrhunderte nach dem Tode des Konfuzius Staatsreligion. Die übrigen religiösen Elemente wurden nicht beseitigt. Sie traten aber zurück. Während Konfuzius politisch-ethische Grundsätze für die Ordnung des Staates und auch für die Gestaltung des individuellen Lebens aufstellte (Selbstbeherrschung, Menschlichkeit, Güte, Achtung vor den Ahnen), hat
310
Laotse
die Versenkung und das Versinken in den Weltgrund und die Harmonie der
Lebensführung mit dem Urgrund alles Seins, dem Tao, verkündet. Das gemeinsame
metaphysische Fundament des chinesischen ethisch-religiösen Denkens ist ein
monistischer Dualismus. Die ursprüngliche Ureinheit wurde in zwei Teile
gespalten, in das Helle, Erzeugende, Männliche (Yang) und in das Empfangende,
Dunkle, Weibliche (Ying). Aus ihrer Harmonie und Spannung entsteht die ganze
Wirklichkeit, zuerst der Himmel (aus Yang) und die Erde (aus Ying), sodann aus
deren Verbindung alles übrige. Nach einer unermeßlich langen Zeit kehrt die
Bewegung wieder zur Ureinheit zurück, um von neuem zu beginnen und sich in
einem ewigen Kreislauf ohne Ende zu wiederholen. Die Kraft, die alles wirkt,
Trennung und Einheit, ist das schon im Ureinen enthaltene Tao. Nach Laotse ist
Tao die Mutter der Welt, feinste Materie. Es besitzt die höchsten menschlichen
Eigenschaften, welche die Normen für das menschliche Handeln sind. Das Tao ist
wunschlos, untätig, liebt alle Dinge, verwirklicht sich in der Welt und bleibt
doch über sie erhaben. Es wird durch Nachahmung verehrt. Wenn sich die Menschen
Tao angleichen, wird die Harmonie der Gesellschaft erreicht. Wohlwollen,
Gerechtigkeit, Schicklichkeit sind die menschlichen Grundtugenden. Der Mensch
soll Unrecht mit Güte vergelten. Der Herrscher soll nicht durch Gesetze und
Waffen, sondern durch das Beispiel seiner sittlichen Persönlichkeit regieren
(M. Eder, Konfuzianismus, LThK, VI, 1961, 435-438; ders., Laotse, ebda., 796;
ders.; Taoismus, ebda., IX, 1964, 1294 f.; ders. Die Großreligionen des Fernen
Ostens, Aschaffenburg 1964).
Was diese »Religionen« erstrebten, führt Gott selbst zum Ziele, indem er sich durch seine Selbsterschlie-
311
ßung
zum Wandergefährten der Menschen machte. Auch sie sind Reflexe dessen, daß
Gott sich von Anfang an indirekt gezeigt hat. Aber seit der Menschwerdung seines
Sohnes ist er immer in besonderer Heilswirksamkeit unter den Menschen anwesend
und ist ihnen zugleich als der Zukünftige immer schon voraus. So können
umgekehrt die Menschen bei Gott sein und kommen doch erst bei ihm an. Wenn das
Ziel erreicht sein wird, wird auch der Kosmos ganz bei sich sein, dann wird er
ganz entfaltet sein und in seinem Ursprung sich selbst in seiner entfalteten
Hülle besitzen.
Aber auch dies wird keineswegs das Ende der Bewegung bringen. Denn in der vollen, wenn auch nicht identischen Einheit mit Gott wird der Mensch ohne Ende von Gottes beseligender Dynamik durchwirkt werden. Wenn der Mensch immerfort von innerem Druck, von Wünschen und Ideen, von Träumen und Hoffnungen, von Unruhe und Rastlosigkeit getrieben wird, so sind dies Zeichen der Evolutionskräfte, welche den Menschen unter der Wirksamkeit der Gnade Gottes der absoluten Zukunft entgegentragen und entgegentreiben. Wie wir aus dem Schrifttum des Apostels Paulus (z. B. Röm 8,18-39) wissen, sind unsere gläubigen Erwartungen in die Zukunft hinein nicht leere Illusionen, sondern Vorausnahmen der Wirklichkeit. Denn Gott als der Absolute hat sich dem Menschen eröffnet und ruft ihn in seine eigene Lebensfülle hinein. Wenn wir Gott als ewiges Liebesgespräch bezeichnen, können wir die Welt als einen Entwicklungsprozeß zur zukünftigen Teilnahme an diesem Gespräch charakterisieren. (Diese Überlegungen werden im Laufe dieses Gesamtwerkes, namentlich in dem Bande über Gott den Schöpfer und in jenem über Gott den Vollender, immer mehr verdeutlicht und konkretisiert.)
312
c) Das Alte Testament
Das
Bild, welches uns die Paradieses-Geschichte vom Menschen und seinem Verhältnis
zu Gott bietet, zeigt uns, daß das Gespräch des Menschen mit Gott, daß also
das Gottesbewußtsein des Menschen und die Hingabe an Gott für ihn wesentlich
waren, selbst wenn sich der Dialog negativ entwickelt hat. Dies letztere ist
tatsächlich geschehen. An dieser Stelle sei hierüber nur gesagt, daß der
Abbruch des Gespräches mit Gott, den der Mensch geleistet hat, für den
Weitergang der Welt einen katastrophalen Rückschlag mit sich brachte. Der Drang
des Kosmos wurde durch die Sünde der Menschen unterbrochen. An der Spitze der
Schöpfung ist ein Umschlag erfolgt. Der Verfasser der Genesis versichert seinen
Zeitgenossen, daß die anti-theistische Haltung der Menschen sowohl für das
Individualleben als auch für das Gemeinschaftsleben der Menschen untereinander
und für das menschliche Weltverhältnis von verhängnisvollen Folgen war. Die
Bewußtseinslage des Menschen ist durch die Sünde anders geworden. Die
Kräftigkeit und die Konzentrationsfähigkeit des Menschen wurde nach der
Überzeugung des biblischen Schriftstellers geschwächt. Der Mensch konnte nicht
mehr in reiner Schöpferfreude auf die Zukunft hin wirken, sondern ist der
Müdigkeit, dem Hochmut, der Unsicherheit, der Gewalttätigkeit, dem Haß und
der Grausamkeit zum Opfer gefallen, so daß Kampf, Krieg, Mord und Zerstörung
in die Entwicklung hineingetragen wurden.
Der
Hagiograph beschreibt diese negativen Wirkungen auf mannigfache Weise. Es seien
hervorgehoben die Motive der Schlange, der Geschichte von Kain, der Sintflut und
des Turmbaus von Babel.
313
Was
das Schlangenmotiv betrifft, so wurde die Schlange im mythischen Denken jener
Zeit als das Sinnbild der Weisheit und des Lebens verstanden. Sie erscheint als
das Symbol der Weisheit und Leben spendenden Götter und Göttinnen. Gegenüber
diesem Mythos erklärt der Verfasser, daß die Schlange kein Heilstier sei, wie
die Mythosgläubigen meinen, sondern ein verfluchtes Tier, das nicht Leben,
sondern Tod bringt. Das Motiv der Schlange stellt einen Generalangriff gegen die
ganze mythische Götterwelt dar. Das Unheil bricht über die Menschen herein,
wenn sie den einen, lebendigen und wahren Gott zugunsten der Götter verlassen.
Aber Gott läßt es nicht bei der Katastrophe bewenden. Er selbst sucht den
Menschen und nimmt das Gespräch mit ihm wieder auf. Seine Sorge um die von ihm
geschaffene, vom Menschen gefährdete Welt ist so tief und so universal, daß er
immer wieder einen neuen Anlauf macht, um den Entwicklungsgang wieder vorwärts
zu bringen. Die Berichte von Kain, Noe und dem Turmbau zu Babel sind
Glaubenszeugnisse für den Fortgang der Heilsgeschichte bis in die Zeit
Abrahams, ja des Mose hinein. Diese Glaubenszeugnisse erhellen das Dunkel der
menschlichen Geschichte, nicht mit naturwissenschaftlichen oder historischen,
sondern mit theologischen Mitteln. Gott ist auch in der vom Menschen
gefährdeten Welt dem Menschen gnadenhaft und heilschaffend präsent geblieben.
Zur Erläuterung des nie aufgegebenen göttlichen Heilswillens sei auf die genannten Vorgänge in aller Kürze eingegangen. Während sich die ersten Menschen Gott gegenüber nicht als Geschöpfe anerkennen und als solche von ihm annehmen, sondern in einer überspitzten Autonomie selbst bestimmen wollen, was gut und was böse ist, wandte sich Kain nach
314
der
Erzählung der Schrift in einer antisozialen Richtung gegen seinen Bruder Abel.
Das Entscheidende ist, daß Gott trotz des Gerichtes, das er an Kain vornahm,
ihm seine liebende Fürsorge nicht entzogen hat. Kain hat die Auserwählung
durch Gott mit Verhärtung und Ablehnung beantwortet. Gott verstößt ihn aber
nicht für immer und läßt ihn nicht ohne Gnade. Die Linie der Heilsgeschichte
geht weiter, obwohl sie durch Kain in einer besonderen Weise gefährdet wurde.
Noch
deutlicher wird dieser Vorgang in der Geschichte mit Noe. Die Menschen entfernen
sich immer mehr von dem Sinn des Lebens, nämlich von der Einmütigkeit mit
Gott. In der Zeit Noes macht Gott eine neue Anstrengung, die rechte Ordnung
wieder herzustellen. Gott droht nach dem Glaubenszeugnis des Ha-giographen als
Gericht eine große Flutkatastrophe an, aus der Noe und die Seinigen gerettet
werden sollen. Wie immer man die Flutkatastrophe verstehen mag, Noe erscheint
hier als ein zweiter Stammvater der Menschheit. Durch Adam kam das Unheil, durch
Noe sollte eine neue Partnerschaft mit Gott und so erneut Heil eingeleitet
werden. Dies drückt sich in den Worten aus: »Ich schließe jetzt einen Bund
mit euch und euren Nachkommen und mit allen Lebewesen« (Gen 9,9). Noe erscheint
hier als Stellvertreter der Menschheit. Die Heilige Schrift bietet wiederum ein
Glaubenszeugnis dafür, daß Gott nicht das Unheil, sondern das Heil will. Die
ganze Schöpfung steht in dem Heilshorizont des göttlichen Rettungswillens. Die
Schrift bezeichnet den Regenbogen als Symbol des Bundes zwischen Gott und den
Menschen (Gen 9,11-22). Nach den Worten, welche der heilige Schriftsteller Gott
sprechen läßt, soll der Bund mit Noe der Anfang und die Grundlage eines
immerwährenden heilshaften Verhältnisses zwischen Gott und den Menschen sein.
315
Es
sei besonders auf die Verse verwiesen (Gen 8,21 f.): »Ich will nicht noch
einmal alles Lebendige schlagen, so wie ich es getan habe. Fernerhin solange die
Erde steht, soll es Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Herbst, Tag
und Nacht ohne Unterbrechung geben.« In diesem Text wird ein
Friedensverhältnis Gottes mit der gesamten Menschheit, ja der ganzen lebendigen
Schöpfung bezeugt. Dieses Friedensverhältnis soll ein konkretes Zeichen für
seine Verbürgung haben. Der Regenbogen soll sowohl Gott als auch den Menschen
an den Bund erinnern. An dem für alle Zukunft verheißenen Rhythmus der Natur
sollen die Menschen erkennen, daß Gott der Spender und Erhalter des Lebens ist
und daß ihm Verehrung und Dank gebühren. Gott selbst erscheint in diesem Text
als der Stifter der Religion bzw. der Religionen. Es ist kein theologisches
Abenteuer, wenn man in diesem Vorgang die biblische Legitimation der im Laufe
der Geschichte entwickelten großen Religionen erkennt. Wenn sich in diese auch
viele Irrtümer und Mißbräuche eingeschlichen haben, so ist doch der Kern, die
Verehrung Gottes und des Göttlichen, erhalten geblieben. Der Entwicklungsgang
der Welt geht also wieder in positiver Weise fort.
Eine neue Gefahr tritt auf in dem Vorgang des Turmbaus von Babel. Die Hagiographen sehen, daß die verschiedenen Völker sich nicht zu einer großen und friedlichen Menschheitsfamilie versammeln, sondern in Streit und Haß übereinander herfallen. Den Grund hierfür sehen sie in der Auflehnung gegen Gott. Die menschliche Hybris, welche sich in der Ablehnung Gottes und in der Schaffung der mythischen Götter auswirkt, ruft in dem Verhältnis der Menschen zueinander Verwirrung, Krieg und Untergang hervor. Durch die Geschichte vom Turmbau von Babel wird nicht zu-
316
rückgenommen,
was in der Szene mit Noe verheißen wurde. Es wird aber deutlich, wie sehr der
Fortgang der Geschichte durch die menschliche Sünde gefährdet wird.
So ist es begreiflich, daß Gott seine Versuche, die Welt weiterzubringen, immer stärker auf einen einzelnen Mann, eben auf Abraham, auf dessen Sippe, auf das aus ihm hervorgegangene Volk, auf das Volk Israel und seine Vorfahren konzentriert. Seine Verheissungen an Noe laufen jedoch auch außerhalb dieses von ihm mit besonderer Sorge geschaffenen und geführten Volkes weiter, auch wenn sie durch den menschlichen Hochmut stets neue Rückschläge erleiden. Man gewinnt den Eindruck: Je mehr sich die Menschen verschließen und so den Schöpfungsgang hemmen, um so stärker werden die Anstrengungen Gottes. Wir wissen, daß sie ihren vorchristlichen Höhepunkt in der Mose-Zeit erreicht haben. Aber auch der Bund mit Mose und dem Volke Israel war von Anfang an und immerfort zahlreichen Krisen ausgesetzt. Sie wurden jeweils überwunden nicht durch den Menschen, sondern durch Gottes Treue.
d) Das Christusereignis als Erfüllung und neue Verheißung
Die
Propheten mußten warnend, aufrüttelnd, drohend, aber auch tröstend
eingreifen. Das Wichtigste war ihre eschatologische Zukunftsschau. Sie stellten
eine endgültige Heilszeit in Aussicht. Jeremias insbesondere verkündete einen
neuen, einen vollkommenen Bund (Jer 31,31). Immer deutlicher wurde, daß die
Verheißungen nicht auf eine sachlich neue Ordnung, sondern auf eine Person
zielten, welche eine neue menschliche Existenz herbeiführen sollte. Die
317
Verheißung
hat sich erfüllt in der Gestalt Jesu Christi. Er ist die eigentliche Spitze der
Schöpfung. Wenn wir früher sagten, daß jeder Mensch eine Spitze ist, welcher
das Universum zustrebt, so muß man nun sagen: In Christus sammelt sich diese
finale Tendenz des gesamten Entwicklungsganges in einer einzigen Gestalt. Eine
solche These bedarf freilich einiger Erläuterungen, damit nicht der Eindruck
entsteht, als ob Christus das naturnotwendige Ergebnis der Weltentwicklung sei.
Es ist dem ewigen göttlichen Ratschluß zuzuschreiben, wenn der Heilsplan in
Jesus Christus kulminiert. Gott bestimmte auch die Zeit dieses Ereignisses.
Trotzdem muß man feststellen, daß die Intention der gesamten Weltentwicklung
gerade aufgrund von Gottes Heilsplan auf Christus zielt. In ihm konvergiert als
dem immer angestrebten Ziel die ganze vorausgehende Evolution. Die Evolution
beginnt zunächst im engsten Bereich, nämlich in der Urenergie oder in dem
Urteilchen, entfaltet sich dann in die Breite der Formen und der Lebensfülle,
verengt sich auf Grund des freien göttlichen Heilsplanes wieder auf ein Volk,
um sich innerhalb dieses Volkes noch einmal auf einen treubleibenden »Rest«
des Volkes zu sammeln und schließlich in Christus als dem Konvergenzpunkt
anzukommen. Von hier aus aber fächert sich die Entwicklung wieder auf in die
Breite der Menschheit und in die Fülle des
Kosmos hinein. Dies alles geschieht nach dem freien Willensentschluß
Gottes.
Der Ort Christi im Entwicklungsgang des Kosmos ist nicht nur intentional, sondern auch materiell-organisch-physisch zu bestimmen. Denn Christus reicht mit seiner menschlichen Natur durch seine Mutter Maria in eine bestimmte Gruppe, und durch diese in sein Volk, und darüber hinaus in die Menschheit bis zu deren Anfängen, ja in die Jahrmilliarden des bloß organi-
318
schen
und auch des materiellen Lebens zurück. So besteht zwischen ihm und dem
gesamten Kosmos ein unmittelbarer Entwicklungszusammenhang. Sein Leib ist
Materie aus jener Materie, welche am Anfang der gesamten Evolution stand. Das
»ein für allemal« (eph' hapax) der Menschwerdung des ewigen Gotteswortes darf
nicht statisch verstanden werden. Es muß vielmehr dynamisch interpretiert
werden, insofern auch der menschgewordene Logos ein menschliches Leben von der
Empfängnis bis zum Tode vollzieht und einen Weg gehen muß, der für ihn selbst
und für die gesamte Schöpfung von höchster Bedeutung ist. Das evolutionäre
Element macht in der Menschwerdung nicht halt, sondern gewinnt in ihr eine neue
Wirkkraft (Joh 8,14). Der irdische Jesus hat seine endgültige Existenz,
nämlich die leibliche Verklärung, erst vor sich. In allen Ankündigungen und
Verheißungen, welche Johannes ihm in den Mund legt, ist er sich selbst und der
gesamten Welt in seine eigene Zukunft hinein immer voraus. Der ewige
Heilsratschluß Gottes schließt diese Zusammenhänge nicht nur nicht aus,
sondern begründet und bewirkt sie.
Die
Einheit von Leib und Geist ist in Jesus geprägt durch die Entwicklung der
Jahrmilliarden und durch die Geschichte seines Volkes und seiner Mutter, in
welcher die Wurzeln seines menschlichen Lebens liegen. Aber in ihm hat sich die
menschliche Natur in einer einmaligen und endgültigen, in einer unbedingten und
nicht überholbaren Weise auf Gott hin transzendiert, als Antwort darauf, daß
sich Gott in freier Initiative als personhaftes Sein in Jesus gegenwärtig
setzte, so daß Jesus in Gott und Gott in ihm in einer singulären Intensität
existieren. In der Theologie wird diese Weise der Inexistenz mit dem Worte von
der »hypostatischen Union« ausgedrückt. Daß der ganz
319
und
unbedingt in Gott eingegangene Jesus den Kreuzestod starb, war nicht in seiner
Struktur, sondern in seiner Funktion und in der Bestimmung des himmlischen
Vaters und seiner eigenen Entscheidung begründet.
In
der Auferweckung von den Toten kam nach dem ewigen Heilsplan Gottes die Struktur
der Jesus-Existenz in einer unverhüllten Weise zum Durchbruch. Die Verklärung
der menschlichen Natur in Jesus ist die Folge seiner einmaligen Verbundenheit
mit Gott. Dieser setzt sich so in Jesus durch, daß dessen leiblichgeistige
Natur in einer ungehemmten Weise für das Göttliche transparent werden konnte
(siehe die Christologie). Man kann auch sagen: Der ewige, menschgewordene
Gottessohn erhob sich nach Gottes Heilsplan vom Tode zu neuem, verklärten Leben
(Auferweckung — Auferstehung).
Was
in Jesus Christus geschah, hatte stellvertretende Funktion. Denn er lebte nicht
nur zugunsten aller übrigen, sondern auch als deren Repräsentant. Man könnte
auf ihn das in der heutigen Theologie beliebt gewordene, erhellende Wort von der
korporativen Persönlichkeit anwenden.
Durch Christus, seinen Tod und seine Verklärung, ist eine völlig neue Phase in der Heilsgeschichte eingeleitet worden. Er ist nach Paulus der neue Stammvater der Menschen geworden (Röm 5). Die Heilsgeschichte im strengsten Sinne, nämlich in dem Sinn, in welchem sie uns in der Mose-Zeit und in den Zeiten der alttestamentlichen Propheten begegnet, ist zu Ende. Christus ist Erfüllung und eben dadurch Ende. Jesus von Nazaret ist der verheißene Messias, der Christus, der Herr. Das ist die Verkündigung, die uns in sämtlichen neutestamentlichen Schriften zuteil wird, und zwar als ein Grundelement des urchristli-
320
chen
Kerygmas. Es wird nach Christus keine göttliche Selbsterschließung in der
Gestaltung und Führung eines bestimmten Volkes geben. Man kann daher zweifeln,
ob man die Zeit nach Christus noch mit dem schwergefüllten Begriff der
Heilsgeschichte benennen soll. Wenn man den Ausdruck gebrauchen will, kann man
ihn nur analog und in einem gegenüber dem Vorausgehenden andersartigen Sinn
verwenden. Um von vorneherein jede Verwechslung auszuschließen und die
Endgültigkeit und Abgeschlossenheit der besonderen göttlichen Heilsoffenbarung
auch im Worte zum Ausdruck zu bringen, ist es besser, von Heilszeit oder von
heilshafter Geschichte statt von Heilsgeschichte zu reden. Diese Terminologie
führt nicht zu einer Unterschätzung der Zeit nach Christus. Sie zu empfehlen,
ist auch nicht schulmeisterliche Pedanterie. Sie läßt vielmehr die Epochen des
göttlichen Heils in ihrer Differenziertheit zur Darstellung kommen. Insofern
sich Gottes Heilswille dem einzelnen zuwendet, entsteht die individuelle
»Heilsgeschichte«.
Die
Unwiederholbarkeit und die Endgültigkeit der göttlichen Selbsterschließung in
Christus hat naturgemäß deren Universalität im Gefolge. Christus selbst weiß
sich als die Erfüllung und die Vollendung der Zeiten. Johannes der Täufer ist
der letzte Prophet, der ihn angesagt hat. Mit ihm geht die Zeit des
alttestamentlichen Gesetzes und der Propheten zu Ende.
Als
der Erfüller und der Vollender wird Jesus auch in der apostolischen
Verkündigung ausgerufen (z. B. Gal 4,4; Hebr 1,10; Apg 2,17; 1 Petr 1,20; 1 Kor
10,11). Deshalb ist er es, der in der ganzen Welt verkündet werden muß. Die
Apostel wissen sich denn auch als die verantwortlichen Hüter, Wahrer und
Verkündiger der anvertrauten Lehre und schärfen ihren Nachfolgern ein, treu
bei der Überlieferung zu verharren (Gal
321
1,9;
Röm 16,17; 1 Tim 6,20; 2 Tim 1,14). Christus ist der Grund, der von Gott selbst
gelegt ist. Niemand kann einen anderen legen. Jeder kann nur auf diesem Grunde
weiterbauen (1 Kor 3,10f.).
Die
Endgültigkeit der Christusoffenbarung schließt indes nicht aus, daß die
Apostel im Heiligen Geiste Christus auslegen können und müssen und daher mehr
sagen, als er gesagt hat, und doch nur das sagen, was er gesagt hat. Wie
Christus das Alte Testament auf sich hin auslegt, so daß dessen Sinn bis zu
seinem Kommen offen blieb und erst durch ihn eindeutig festgestellt wurde, legen
die Apostel in dem Heiligen Geiste das Christusgeschehen aus (Joh 16,12-15), so
daß man sagen kann: Erst mit dem Ende des apostolischen Zeitalters geht die von
Gott allen Menschen zugeordnete Offenbarung endgültig zu Ende und seitdem wird
keine allgemein verbindliche göttliche Selbsterschließung mehr geleistet.
Man kann fragen, warum uns Gott in seiner Selbsterschließung über vieles unbelehrt ließ, was für den Lebensvollzug von keiner geringen Bedeutung wäre. Vieles, was den Menschen immerfort bedrängt, wurde von Gott im Dunkel gelassen. Diese Situation wäre in der Tat unverständlich, wenn es sich in der göttlichen Selbsterschließung nur um Unterrichtung, um eine intellektuelle Lösung der Lebensrätsel handeln würde. Es geht jedoch um mehr, nämlich um die göttliche Lebensmitteilung, dies aber heißt: um die Existenz in der Unmittelbarkeit des Gespräches mit Gott, um die Vergöttlichung. Dies ist in dem verklärten Christus erreicht. Die auf ihn folgende Zeit dient dazu, daß alle Menschen und der gesamte Kosmos an der verklärten Existenzweise Jesu Christi Anteil gewinnen. So muß man die in Christus geschehene Erfüllung wiederum als Verheißung verstehen. Das Christusereignis ist so-
322
gar
mehr Verheißung als Erfüllung. Der Glaube an ihn gewinnt daher die Gestalt der
Hoffnung.
Auf
jeden Fall wäre es ein in der göttlichen Offenbarung nicht begründeter
Anspruch und daher eine der Kirche nicht obliegende Aufgabe, wenn die Gläubigen
(vielleicht mehr aus Neugierde als aus Heilsverlangen) in allen möglichen
auftretenden religiösen oder weltanschaulichen Fragen, auch in den nicht im
Felde des Glaubensgutes liegenden, von der Kirche Auskunft forderten. Die Kirche
müßte und könnte in solchen Fragen nur mit jener Wahrscheinlichkeit oder
Unwahrscheinlichkeit Antwort geben wie jeder andere und vor allem nicht mit
jener Kompetenz, die den in den betreffenden Bereichen Zuständigen zukommt.
Die vorhin genannte These kann auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, als ob die auf Christus folgende Zeit rein pragmatischen Charakter hätte und nur der Anwendung eines ein für allemal aufgestellten Prinzips dienen sollte und nichts anderes wäre als eine ständige eintönige Wiederholung des Gleichen, nämlich der Selbstüberantwortung des Menschen an den verklärten Christus, in welchem das Ziel der Weltentwicklung, also die absolute Zukunft der Menschheit und des Kosmos ein für allemal erreicht ist. In Wahrheit handelt es sich jedoch in dieser auf Christus folgenden Epoche der Menschheit, deren Dauer uns völlig unbekannt ist, um ein höchst dramatisches Geschehen. Wie wir schon gesehen haben, erfolgte in der vorchristlichen Zeit die Selbsterschließung Gottes nicht in kontinuierlichen, geschichtlichen Vorgängen, sondern in einzelnen Schüben. Man kann daher von dem Kairos der göttlichen Offenbarung sprechen. Zwischen den einzelnen Kairoi liegen lange Perioden in vollem Dunkel, wenn man sie theologisch beurteilt. Der in einzelnen Existenzstößen geschehenen Selbst-
323
erschließung
Gottes in der vorchristlichen Zeit entspricht der Anruf Jesu Christi in der auf
ihn folgenden Zeit an die Menschen. Christus ist in dem Vorgang, den wir die
»Himmelfahrt« nennen, nicht in ein vages Jenseits, an einen uns unbekannten
Ort, gewandert, sondern hat die in der Auferweckung gewonnene, verklärte, d. h.
für Gott transparente Existenzweise den Blicken der Menschen für die Dauer
unserer Geschichte entzogen. Er bleibt aber in dieser geheimnisvollen
Existenzweise in der Welt. Es wäre naiv, ihn dabei zu lokalisieren oder
außerhalb oder innerhalb des Kosmos suchen zu wollen. In dieser Existenzweise
überliefert er sich selbst einer Generation nach der anderen und ruft immer
wieder jeden von neuem in sein eigenes Leben hinein. Die Antwort erfolgt im
Glauben. In ihm wird die christliche Existenz geschaffen, welche Paulus mit den
Worten »Sein in Christus« umschreibt.
Wenn uns Christus so in seine eigene verklärte Existenzweise, dies aber heißt in die Gottunmittelbarkeit, hineinruft, so ruft er uns nicht in die Vergangenheit von Golgotha und Ostern zurück, sondern vorwärts zu sich selbst. Er wendet zwar unseren Blick zurück, damit uns in dem Woher das Wohin unseres Weges vor das Auge tritt: in der Vergangenheit ist ja die Zukunft schon vorweggenommen, aber nur für Christus selbst. Für uns alle ist das Leben der Verklärung in der Gott-unmittelbarkeit jene radikale Zukunft, die uns verheissen und in Christus vorgebildet ist. Wir wissen aus den paulinischen Briefen, daß sie ein tiefes Geheimnis ist und von uns nur mit unzulänglichen Bildern gedeutet werden kann. Daß sie von uns trotz ihrer radikalen Andersartigkeit gegenüber allen innerweltlichen Zukunftshoffnungen wirklich erreicht wird, ist verbürgt in der aus der Vergangenheit genährten Gegenwartsexistenz des Gläubigen, welche eine Existenz »in und
324
mit«
Christus ist. Der in der Welt anwesende, verklärte, Christus stellt den
Menschen durch seinen Anruf in eine Krise auf Leben und Tod. Täglich ereignen
sich seit dem Christusereignis Entscheidungen von unsagbarer Tragweite.
So
ist die Zeit nach Christus ausgefüllt mit einer unerhörten Dynamik. Sie wirkt
hinein in das individuelle und soziale Leben, ja in die kosmische Dimension.
325
17.
ABSCHNITT
Der sachliche Zusammenhang zwischen
der allgemeinen und der
besonderen Heilsgeschichte
1.
Kapitel
Fortbestand der allgemeinen Heilsgeschichte?
In
unserem Problemfeld erhebt sich noch eine Frage von großer Tragweite bezüglich
der allgemeinen Heilsgeschichte. Sie lautet, ob die allgemeine Heilsgeschichte
durch die von Gott gestiftete besondere Heilsgeschichte außer Kraft gesetzt
worden ist. Wenn man dies verneint, dann scheint die besondere Heilsgeschichte
ihren Absolutheitscharakter zu verlieren. Wenn man jedoch die Frage bejaht, dann
scheint das Heil zahlloser Menschen gefährdet zu sein. Dann bleibt nämlich der
Satz in buchstäblicher Geltung, daß es außerhalb der Kirche kein Heil gibt.
Wenn
man indes diesen Satz genauer analysiert, kommt man zu dem Ergebnis, daß auch
dann, wenn die allgemeine Heilsgeschichte durch Christus außer Kraft gesetzt
worden ist, dennoch auch für diejenigen, welche nicht zur Kirche gehören,
Heilsmöglichkeiten bestehen. Christus ist ja infolge seiner universalen
Funktion in der Geschichte und in der Schöpfung der universale Heilsmittler. Er
ist die Mitte, von der aus sich Heilsdynamik nach allen Dimensionen verbreitet.
Da Christus nicht anders lebt denn als Haupt der Kirche, ist es eine einfache
Folgerung, daß auch für
326
jene
Menschen, die nicht zur Kirche gehören, die Kirche Heilsmittlerin ist, selbst
wenn sie solche Menschen durch keinerlei Zeichen oder Worte erreicht. Nach
dieser Überlegung würden jene Menschen, welche nach ihrem Gewissen leben und
in einem redlichen Bemühen Gott suchen, ein unausdrückliches Verlangen (votum
implicitum) nach Gott haben und so einen heilswirksamen Glauben, eine fides qua,
wenn auch nicht die rechte fides quae vollziehen und so auch in ihrer
Zugehörigkeit zu nichtchristlichen Religionen das Heil erreichen.
Es
ist jedoch die Frage, ob die Angehörigen der großen Weltreligionen nicht durch
diese selbst das Heil erreichen, ob also in diesen nicht trotz der besonderen
Heilsgeschichte und neben ihr die allgemeine Heilsgeschichte weiterläuft. Die
allgemeine Heilsgeschichte stellt sich, wenn es sie nach Christus noch gibt, in
den Religionen, insbesondere in den großen Weltreligionen Asiens mit ihren
Kulten, Riten, Lehren und Gesetzen dar. Das Wahrheitsproblem spielt bei ihnen
keine besondere Rolle. Die Weltreligionen verstehen sich jedoch heute in
zunehmendem Maße dahin, daß sie praktisch für nicht wenige Menschen eine
Alternative zum Christentum darstellen. Ja, sie behaupten von sich vielfach eine
große Überlegenheit gegenüber dem Christentum, und zwar in der ethischen und
spirituellen Dimension. Sie weisen darauf hin, daß es dem Christentum trotz
langer Dauer nicht gelungen sei, den Krieg aus der Welt zu verbannen. Auch wenn
die großen Weltreligionen selbst heute mit vielen Depravationen belastet sind,
muß man diese ihre Kritik und ihren Anspruch ernst nehmen, wenngleich die
Kritik heute auch auf sie selbst zurückfällt. Die Päpste Johannes XXIII. und
Paul VI. sowie das Zweite Vatikanische Konzil haben dies auch getan. Man kann
327
heute
wohl rein optisch vor allem zwei religiöse Grundkonzeptionen unterscheiden: die
asiatische, östliche, vorwiegend buddhistisch orientierte und die westliche,
europäisch-abendländische, vorwiegend christlich orientierte (H. R. Schlette).
Mit dieser Optik ist die prinzipielle Frage noch nicht entschieden, ja nicht
einmal gestellt.
Zur
Beurteilung des Problems ist darauf hinzuweisen, daß nach der Überzeugung des
Christentums Christus die höchste, unüberbietbare und universale
Selbsterschließung Gottes ist. Dies hat zur Folge, daß das Christentum für
alle Menschen bestimmt ist, und daß umgekehrt alle nichtchristlichen Religionen
dem Christentum zugeordnet sind. Es ist dahin orientiert, die nichtchristlichen
Religionen zu überwinden und zugleich ihre Werte in geläuterter Form in sich
aufzunehmen, Demgemäß sind alle Angehörigen der nichtchristlichen Religionen
»potentielle Christen« (Über die Frage eines »anonymen« Christentums wird
in dem Band über die Kirche gehandelt). Durch die Aufnahme der geläuterten
nichtchristlichen Religionen in den eigenen Glaubensraum könnte das Christentum
selbst nicht hinsichtlich des Glaubens und des Heiles, wohl aber hinsichtlich
des Glaubensverständnisses (Theologie) und des Glaubenslebens bereichert
werden. Die Religionen aber würden dadurch nicht einfach abgeschafft, sondern
eben geläutert und zu ihrer Vollendung gebracht. Sie würden aufgehoben in dem
doppelten Sinne Hegels, daß ihre echten religiösen Werte bewahrt und erfüllt
werden, indem sie zugleich über sich hinaus geführt werden. Dies würde, wie
man leicht erkennen kann, keinen Synkretismus produzieren.
Dieser Vorgang der Integration kann sich nicht in einer mechanischen Weise vollziehen. Das im Chri-
328
stentum
hervorgetretene Neue ist vielmehr den Menschen zur Bewahrung und zu immer
tieferem Verständnis im intellektuellen und existentiellen Sinne anvertraut. Es
muß verkündet werden. Dabei ist es eine große Frage, ob die Verkündigung,
die Proklamation Jesu Christi an die ganze Menschheit, jemals in vollem Maße
gelingen wird, ob es also jemals dahin kommen wird, daß die allgemeine
Heilsgeschichte wirklich eingeht in die besondere Heilsgeschichte und in ihr
aufgeht.
Hierbei
ist noch von besonderer Bedeutung, daß die Weltreligionen nicht als solche
durch die christliche Verkündigung angesprochen werden können, daß vielmehr
von dieser immer nur die einzelnen erreicht werden. So kann das Christentum die
Weltreligionen nur auf dem Wege über die einzelnen ihnen Zugehörigen in sich
aufnehmen.
Diese Zusammenhänge zeigen, daß den nichtchristlichen Religionen auch nach dem Kommen Christi grundsätzlich eine bedingte provisorische Legitimität zugeschrieben werden darf. Diese gestattet ihnen eine Koexistenz mit der besonderen Heilsgeschichte. Sie befinden sich jedoch hierbei immer in dem Zustand der Hinordnung auf die besondere Heilsgeschichte und daher der Vorläufigkeit. Konkret besteht jedoch auch eine nur bedingte Legitimität nicht mehr für denjenigen, der die Christusoffenbarung als Gottes Tun erkannt hat. Man hat den Beziehungszusammenhang in der Väterzeit mit den Ausdrücken »vor Christus« und »nach Christus« zu umschreiben versucht. Dabei wurde das »vor« und »nach« in einem datierbaren Sinne, im Sinne der Chronologie verstanden. Zweifellos ist ein solches Verständnis berechtigt. Für sich allein ist es jedoch zu schwach. Die Ausdrücke »vor« bzw. »nach« verweisen primär auf eine Struktur, nicht
329
auf
eine Zeitstelle im Ablauf der Geschichte. In diesem Sinne haben alle Religionen
gegenüber dem Christentum eine provisorische und vorbereitende Funktion. Sie
üben diese aus, ob sie es wissen oder nicht. Dies ist die Qualität ihrer
Legitimität.
Für
eine auch »nach« Christus bedingte Legitimität gibt es eine Reihe von
Schriftzeugnissen, d. h. von Texten aus der besonderen Heilsgeschichte. Es darf
noch einmal an den biblischen Bericht von der Sintflut und von dem Noe-Bund
erinnert werden. Man kann natürlich keinen historischen Zusammenhang zwischen
diesem Ereignis und dem Entstehen der großen Weltreligionen nachweisen. Es
besteht jedoch ein innerer, sachlicher Zusammenhang, insofern nach den
biblischen Texten Gott sich vom Menschen in der Natur finden läßt. Es kommt
dazu, daß nach den Predigten des Apostels Paulus in Lystra und auf dem Areopag
in Athen die Menschen in der Geschichte und in ihrem eigenen Gewissen Gott zu
verspüren vermögen (Apg 10,35; 14,15ff; 17,22-28; Röm 1,19-25; 2,14 ff). Die
großen Religionen sind Ausdrucksgestalten dieser transzendentalen
Glaubensmöglichkeiten der Menschen. Es kommt hinzu, daß Gott die Menschen nie
ohne seine Gnade gelassen hat, daß er vielmehr die im Menschen nach
Verwirklichung rufenden Möglichkeiten durch die Gewährung seiner selbst, also
durch die Gnade realisiert hat. Es liegt in der Geschichtlichkeit und in der
Sozialanlage des Menschen, daß sich der religiöse Glaube in Gemeinschaften und
in den zu diesen gehörigen Lehren und Kulten verwirklicht hat.
Man
darf wohl mit einem gewissen Recht wenn auch nicht undifferenziert sagen, daß
die Angehörigen der großen Religionen nicht nur trotz ihrer Zugehörigkeit,
sondern in einem gewissen Sinne auch durch ihre Zugehörigkeit zu diesen oder
genauer durch den in ih-
330
ren
Religionen verwirklichten Glauben das Heil gewinnen können, näherhin auf Grund
der Zuordnung zum Christusglauben und zu den von dem gekreuzigten und
auferstandenen Christus ausgehenden Heilswirkungen. Im Hintergrund steht also
immer die Heilsdynamik Jesu Christi. Nur für den Fall, daß ein Nichtchrist mit
Christus so konfrontiert wird, daß er der Entscheidung nicht ausweichen kann
und sich gegen Christus entscheiden würde, wäre sein Heil gefährdet oder
verloren. Dabei bedeutet die Information über das Christentum noch nicht soviel
wie eine Konfrontierung mit Christus. Die Entscheidung wird vielmehr erst dann
herausgefordert, wenn Jesus Christus als der alleinige und universale
Heilsbringer in einer glaubwürdigen Weise proklamiert wird.
Diese
Überlegungen gelten auch dann, wenn nach Christi Geburt eine neue Religion
gegründet wird. Ihr müßte auch eine bloß bedingte Legitimität dann
abgesprochen werden, wenn sie in bewußtem Gegensatz zu Jesus Christus gestiftet
würde. Im ersten johanneischen Brief wird unter diesem Aspekt jener
Gnostizismus verworfen, welcher einen Heilsweg gegen Christus eröffnen zu
können glaubt.
Im
konkreten Leben kann niemand sagen, ob ein Mensch mit oder ohne Schuld gegen
Christus seine Entscheidung fällt.
2.
Kapitel
Absolutheit des Christentums und Mission
Diese Überlegungen rufen noch zwei Probleme hervor. Das eine lautet, ob mit ihnen die Absolutheit des
331
Christentums
vereinbar ist oder ob durch sie ein widerchristlicher Indifferentismus
gefördert wird. Die zweite lautet, ob durch sie die von der Kirche von Anfang
an geübte Mission heute nicht ihren Sinn verliert.
Zur ersten Frage ist zu sagen, daß die Absolutheit des Christentums gerade darin besteht, daß Christus, die unüberbietbare und universale Selbsterschließung Gottes, allen Menschen zugeordnet ist. Denn er hat im Heiligen Geist die Unmittelbarkeit des Menschen zu Gott zu vermitteln. Der Heilige Geist umgreift und umfängt durch Christus Gott und den Menschen und die Menschen untereinander zu seliger Einheit (2 Kor 13,13). In Christus und im Heiligen Geist ist ja Gott zum Heil der Welt gegenwärtig und wirksam, nicht bloß symbolisch, in Zeichen und uneigentlich, sondern unmittelbar und eigentlich (A. Grillmeier, Mit ihm und in ihm. Christologische Forschungen und Perspektiven, Freiburg 1975, 589). K. Rahner drückt den Vorgang so aus: »In der Heilsgeschichte kollektiver und individueller Art erscheinen in Unmittelbarkeit zu uns nicht irgendwelche Gott vertretenden numinosen Mächte, sondern es erscheint und ist in Wahrheit der eine Gott selbst gegeben, der in seiner letzten Unvertretbarkeit da ankommt, wo wir selber sind und wo wir ihn, eben diesen Gott selber streng als ihn selber empfangen« (Grundkurs des christlichen Glaubens, Freiburg 1977, 141. Näheres in: Schritten zur Theologie, Band VII: Gott und die Gnade). So ergibt sich: »Die drei Namen Vater, Sohn und Geist sind die Summe der Offenbarung und des Heilshandelns Gottes in der Welt« (L. Scheffczyk, Der eine und dreieinige Gott, 1977, 110. Vgl. Fr. Courth SAC, Das trinitarische Gottesbekenntnis als die Wesensaussage des christlichen Glaubens, in: MThZ 29,1978,1-29).
332
Christus
ist also nicht, wie das Wort »absolut« auf Grund seines bloßen
Buchstabensinnes nahezuliegen scheint, beziehungslos. Er ist vielmehr die
beziehungsreichste und beziehungsintensivste Gestalt in der ganzen Schöpfung.
In ihm ist die Schöpfung von Gott endgültig zur unmittelbaren Selbstmitteilung
an sie angenommen. In ihm hat sich umgekehrt Gott selbst der Schöpfung
unbedingt und endgültig geschenkt. Bei dieser Sachlage ist es allerdings
fraglich, ob das Wort »absolut« ganz geeignet ist, den intendierten
Sachverhalt, nämlich die Endgültigkeit, die Unüber-holbarkeit und die
Universalität zum Ausdruck zu bringen, Die Kirche bleibt eingeschaltet,
insofern Christus als Haupt der Kirche und durch sie wirkt.
Was die Mission betrifft, so führen die hier angestellten Überlegungen keineswegs zu der Konsequenz, daß sie ein überflüssiger Aufwand ist (Näheres im Band über die Kirche). Wenn auch mit und neben dem besonderen Heilsweg der allgemeine noch eine bedingte Berechtigung hat, so soll sich doch der besondere Heilsweg so ausweiten, daß er für alle Menschen begehbar wird. Dies aber wird durch die Mission betrieben. Die Kirche hat die Aufgabe, allen Menschen Gott so zu bezeugen, wie er sich in Jesus Christus erschlossen hat. Sie ist hierin mit einer stellvertretenden Funktion beauftragt. Das alttestamentliche Gottesvolk mußte allen übrigen Menschen die Ehre des einen Gottes verkündigen. So muß die Kirche vor den nichtchristlichen Religionen die endgültige Offenbarung Gottes proklamieren und für sie durch ihren Glauben und ihre Liebe einstehen, um auf diese Weise glaubwürdig zu sein. Dadurch wird Gott die Ehre gegeben und die »absolute« Zukunft verkündet, welche Gott durch Christus der Schöpfung erschlossen hat. So soll die ganze Menschheit durch die Verkündigung
333
der
Kirche auf jene absolute Zukunft hin in gläubiger Zuversicht in Bewegung
gesetzt werden. Die Proklamation der absoluten Zukunft ist von
außerordentlichem Gewicht für das Heil. Indem nämlich Gott in Jesus Christus
proklamiert wird, wird zugleich den Menschen die Fülle des Heils angeboten.
Wenn auch der allgemeine Heilsweg in diese absolute Zukunft zu führen vermag,
so gibt es doch auf dem Wege der besonderen Heilsgeschichte entscheidende
institutionell begründete Anstöße und Hilfen, welche auf dem Wege der
allgemeinen Heilsgeschichte fehlen, so daß die Heilsmöglichkeiten, gemessen an
der Fülle der Christusoffenbarung, kärglich genannt werden müssen, auch wenn
es bei Gott und bei Christus an sich keine Kärglichkeit gibt. Die Proklamation
Gottes ist daher Dienst am Heil. Durch diese Sicht der Mission wird die
missionarische Tätigkeit zwar nicht von der individuellen Heilssorge befreit,
wohl aber zugleich in die Weite der absoluten Eschatologie geführt und so
wiederum mit einem noch größeren Heilsdienst beauftragt. Eine solche Sicht
gestattet nicht, zu verzagen oder zu resignieren, selbst wenn die Erfolge nicht
den Hoffnungen und Mühen entsprechen oder nicht zu entsprechen scheinen.
So erscheint auch in der Sicht der allgemeinen Heilsgeschichte die missionarische Anstrengung lohnend und notwendig, so sehr, daß die Kirche ohne Mission nicht Kirche bliebe (siehe das Dekret des II. Vat. Konzils über die Missionstätigkeit der Kirche, sowie die Konstitution über die Kirche, Nr. 17, Vgl. H. R. Schlette, Die Religionen als Thema der Theologie, Freiburg 1963; derselbe, Colloquium salutis — Christen und Nichtchristen, Köln 1965. J. Schütte — Hrsg. —, Mission nach dem Konzil, Mainz 1967). H. Bürkle, Einführung in die Theologie der Religionen, 1977.
334
Endgültig werden die allgemeine und die besondere Heilsgeschichte in der Stunde der Wiederkunft Christi zusammenlaufen, um von da an nie mehr voneinander getrennt zu werden.
335