18.
ABSCHNITT
1.
Kapitel
Die
Kirche als Zeichen und Wort
der
Offenbarung Gottes
Wenn
Jesus Christus die Menschen nach vorne in die Zukunft hinein zu sich und dadurch
zu Gott, dem Vater, im Heiligen Geiste ruft, so geschieht dies nicht bloss in
der stillen mystischen Innerlichkeit, sondern in greifbaren, in hörbaren, in
konkreten Formen, also in geschichtlichen, in sozialen Strukturen. Er ruft ja
die Menschen durch das hörbare menschliche Wort und zieht sie an sich durch das
sichtbare Tun. Dies aber setzt voraus und schafft Geschichte und Gemeinschaft.
Wie Gottes Offenbarungswort durch das Menschenwort zu den Menschen vorgedrungen
ist, so dringt Christi Heilsruf wiederum durch das Menschenwort zu den Menschen
(Mt 28,20».
Das Wort und die Zeichen, durch welche Christus ruft, sind Wort und Zeichen der Gemeinschaft, der Kirche. Die Kirche ist von ihm dazu gebildet worden, dass er in einer geschichtlich fassbaren Weise den Menschen das Heil verkünden und anbieten kann. Die Menschen sollen es in freier Hingabe an ihn entgegennehmen. Er wirkt und lebt seit seinem Weggang in soziologischen Formen innerhalb der Geschichte.
1
Die
Kirche ist aus dem Worte Jesu Christi, seinem Tode und seiner Auferstehung, aus
der eucharistischen Abschiedsfeier hervorgegangen (Röm 1,8; Lk 8,21; Eph 5,26).
Sie soll umgekehrt aus ihrer eigenen Lebensmitte das Wort Jesu Christi wieder
hervorgehen lassen und es so weitergeben. Sie steht dabei unter der Norm der
Offenbarung, welche in der Schrift fixiert ist. Sie ist nicht die Herrin der
Schrift, sondern die Dienerin der Schrift bzw. des Wortes und der von Christus
vorgesehenen Zeichen. Die Kirche soll also ein Medium sein, in welchem Christus
selbst gegenwärtig ist und handelt. Man kann von der Kirche geradezu sagen: »Die
Kirche ist die Gerufene von Gott, die Gottes Ruf weitergibt. Die Kirche ist der
Ort, wo und worin Gott ruft... So wird sie selbst der Ort, wo Gott spricht, wo
sein Wort verkündet, gehört und befolgt wird« (J.M.Nielen). Weil die Kirche
die »Stiftung« des menschgewordenen Gottes ist, hat sie selbst Wortcharakter,
ebenso wie sie Zeichencharakter hat, weil sie die »Stiftung« des Zeichens Jesu
Christi ist. Sie ist ja durch sein Heilstun und seine Heilsrede während seines
Lebens, insbesondere durch seinen Heilstod, seine Auferstehung und die
Geistsendung zu der seinem Willen gemässen hierarchischen Gestalt gebildet
worden. Sie begann die ihr auferlegte Aufgabe nach der Geistsendung, indem sie
Jesus als den verheissenen Messias, seinen Tod als Heilstod und seine
Auferweckung als neues Leben proklamierte. Die Apostelgeschichte legt von diesem
Vorgang ein ausführliches Zeugnis ab (J.M.Nielen, Leben aus dem Wort, Düsseldorf,
1956,10).
Die
Kirche ist die Erbin des alttestamentlichen Gottesvolkes. Als dieses Jesus von
Nazaret nicht als den von Jahwe gesandten Messias anerkannte, hat Jesus aus dem
gläubig gewordenen »Rest« des alttesta-
2
mentlichen
Gottesvolkes ein neues, durch sein eigenes Heilstun geprägtes Gottesvolk
geschaffen, zu welchem die bis dahin dem Gottesvolk nicht Angehörenden Zutritt
haben. Dies ist von dem alten grundlegend dadurch verschieden, dass es nicht im
Biologischen, sondern im Christusgeist gründet, in Jesus, dem alten Gottesvolk
angekündigten Retter, der seinem Volk für immer gegenwärtig bleibt. Paulus drückt
die neue Situation mit dem Worte aus, dass die Kirche der »Leib Christi« und
dieser das Haupt, der Herr und der Lebensquell der Kirche ist. Christus
vollzieht die von ihm verheissene Gegenwart (Mt 28,20; 18,20) auf eine zweifache
Weise: durch das Wort der Verkündigung und durch die Gegenwärtigsetzung seines
Heilstodes und seiner Auferstehung im Zeichen und im Worte zugleich, in der
Zentralfeier der Kirche, nämlich in der Eucharistie, wie auch in den übrigen
kirchlichen Heilszeichen. Da die Zentralfeier massgeblich durch das Christus
repräsentierende Wort und Zeichen begangen wird, kommt der Gegenwärtigkeit
Christi eine umfassende Bedeutung zu. Sofern man ihn als das Urwort oder als das
Grundwort bezeichnet, kann man die Kirche das vom Grundwort bestimmte
Universalwort Gottes an die Menschen nennen. Ebenso ist sie das
Universalsakrament, weil in ihr Christus in sakramentaler Zeichen-haftigkeit
anwesend ist.
2.
Kapitel
Die
Kirche und ihre Dienstaufgabe am Worte
Christus
hat sich gewissermassen in den Dienst der Kirche hineinbegeben. Dies hat nicht
zur Folge, dass
3
die
Kirche eine Souveränität über Christus erlangt. Ihre Funktion ist vielmehr
eine Dienstfunktion. Christus bleibt der Herr. Die Apostel, welche die Keimzelle
der Kirche bildeten, waren sich ihrer Dienstfunktion gegenüber den göttlichen
Worten stets bewusst. Es war ihnen eine ernste Sorge, dass durch ihr Wort das
Wort Gottes zur Aussage kommt, nicht ein Menschenwort (2 Thess 3,1). Es war ihr
grosses Anliegen, dass Christus als das menschgewordene Gotteswort durch ihr
eigenes Wort ungehemmt und ungestört die Menschen erreichen kann (2 Kor 2,5; 1
Kor 1,12.27). Deshalb gehörte zu ihrer Verkündigungsaufgabe ein Wandel »in
Heiligkeit und Lauterkeit vor Gott« (2 Kor 1,1). Das Wort Gottes hat
allerdings gegenüber jeder menschlichen Vollkommenheit und Unvollkommenheit
eine so unzerstörbare Selbständigkeit, dass es auch durch die Mängel der
Menschen nicht um seine Wirkung gebracht werden kann (Phil 1,15-18).
Wenn
sich Christus der Kirche bedient, wie Gott sich im Alten Testamente des Wortes
der Propheten bedient hat, so bedeutet dies, dass er nicht nur diesen oder jenen
für seine Reden an die Menschen erwählt, sondern eine Gemeinschaft, eine
Institution mit einer bestimmten Ordnung geschaffen hat, in welcher und durch
welche er sein Heilswort den Menschen zuruft und in der menschlichen Geschichte
ausruft. Es wäre eine einseitige Interpretation seiner Heilsgegenwart, wenn man
diese nur aktualistisch verstünde als ein Reden oder ein Tun, das je und je, um
ein Raumbild zu gebrauchen, von oben nach unten stösst. Christus bedient sich
vielmehr einer von ihm gewollten Dauereinrichtung, einer Gemeinschaft, welche
sich durch die Zeiten erstreckt, und in dieser wiederum des Amtes. Dies hat
seinen Sinn nicht darin, vorhanden zu sein, sondern darin, dass es Ort und
Medium ist, an wel-
4
chem
und durch welches das Wort Jesu Christi verlässlich vernommen wird. Die
Schaffung eines solchen Amtes ist nicht zu verstehen als eine Stelle, welche über
das Wort Gottes verfügt, an welcher dieses sozusagen verwaltet wird. Das Amt
der Kirche ist ja dadurch charakterisiert, dass der von dem erhöhten Christus
verheissene und gesandte Heilige Geist, der die Lebenskraft der Kirche
darstellt, ohne dessen Tätigkeit sie geradezu tot oder schläfrig ist, der in
der Kirche präsent ist und durch sie handelt, in einer besonderen Weise wirkt,
eben durch die Träger des Amtes. Das Amt gibt die Gewähr dafür, dass in den
verkündeten Worten nicht menschliche Einfälle und menschliche Empfindungen,
Ideologien, sondern wirklich Gottes Wort ausgerufen wird und daher keine
menschliche Indoktrination stattfindet. Es hat seinen Sinn darin, Einrichtung
Christi zu sein, durch welche das Wort Gottes eh und je aktualisiert wird. Wenn
es als Einrichtung Jesu Christi, als Ausdruck seines Willens bezeichnet wird, so
ist hinzuzufügen, dass die konkrete Ausführung des Amtes in freier
menschlicher Entscheidung geschaffen und im Laufe der Zeit auch wieder,
wenigstens in unwesentlichen Erscheinungen, verändert werden kann.
Das
Amt ist also nicht als Alternative dem theologischen Aktualismus und Dynamismus
gegenüber zu verstehen. Es ist nicht die Erscheinung eines reinen
Objektivismus. Eine solche Entgegensetzung würde den Sinn des Amtes verfehlen.
Das lässt sich leicht verstehen, wenn man bedenkt, dass das Amt seine Wurzel im
Worte, also in einer dynamischen Realität hat. Wie Gott in einem
ununterbrochenen Schöpferakt die Welt hervorbringt und im Dasein hält, so strömt
die Dynamik des Wortes Jesu Christi immerfort in die Kirche ein, diese erhaltend
und bewegend. So
5
kann
man sagen: Das Amt in der Kirche wird fortwährend von der Dynamik des
Gotteswortes im Heiligen Geiste durch Jesus Christus gespeist und in Bewegung
gebracht. Es lebt aus dem Worte Jesu Christi, wie umgekehrt dieses wieder
besonders bedacht ist, sich den Menschen hörbar und sichtbar anzubieten (1 Kor
12,28; siehe für diese Darstellung L. Scheffczyk, Von der Heilsmacht des
Wortes, 1966).
Im
ersten Johannesbrief wird die Präsenz des Wortes Gottes im Worte der Kirche
folgendermassen bezeugt (1 Joh 1,1 ff). »Was von Anfang war, was wir gehört,
was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir schauten und was unsere Hände
betasteten vom Worte des Lebens — ja, das Leben offenbarte sich, und wir haben
es gesehen und legen Zeugnis ab und verkündigen euch das ewige Leben, das beim
Vater war und uns sich offenbarte; was wir gesehen und gehört haben, verkündigen
wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft habt zusammen mit uns. Unsere Gemeinschaft
ist Gemeinschaft mit dem Vater und seinem Sohne Jesus Christus« (vgl. Gal
1,11).
Das
Zweite Vatikanische Konzil war sich dieser Aufgabe wohl bewusst. Es führt hierüber
in der Konstitution über die Offenbarung folgendes aus (Nr. 7): »Was Gott zum
Heile aller Völker geoffenbart hatte, das sollte — so hat er in Güte verfügt
- für alle Zeiten unversehrt erhalten bleiben und allen Geschlechtern
weitergegeben werden. Darum hat Christus der Herr, in dem die ganze Offenbarung
des höchsten Gottes sich vollendet (vgl. 2 Kor 1,20; 3,16 - 4,6), den Aposteln
geboten, das Evangelium, das er als die Erfüllung der früher ergangenen
prophetischen Verheissungen selbst gebracht und persönlich öffentlich verkündet
hat, allen zu predigen als die Quelle jeglicher Heilswahrheit und Sittenlehre
und ihnen so göttliche Gaben mitzuteilen. Das ist treu ausgeführt worden, und
zwar sowohl durch die Apostel, die durch mündliche Predigt, durch Beispiel und
Einrichtungen weitergaben, was sie aus Christi Mund, im Umgang mit ihm und durch
seine Werke empfangen oder was sie unter Eingebung des Heiligen Geistes gelernt
hat-
6
ten, als auch durch jene Apostel und
apostolischen Männer, die unter der Inspiration des gleichen Heiligen Geistes
die Botschaft vom Heil niederschrieben.
Damit das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen ihr eigenes Lehramt überliefert Diese heilige Überlieferung und die Heilige Schrift beider Testamente sind gleichsam ein Spiegel, in dem die Kirche Gott, von dem sie alles empfängt, auf ihrer irdischen Pilgerschaft anschaut, bis sie hingeführt wird, ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, so wie er ist (vgl. 1 Joh 3,2).«
7
19.
ABSCHNITT
Die Apostel als
die ursprünglichen Christuszeugen
1.
Kapitel
Der
Anfang der in der Offenbarung wurzelnden Kirche
a)
Berufung und Geistsendung
Als
Christus von der Erde wegging und seinen Jüngern jene Sendung übertrug, die er
selbst vom Vater empfangen hatte, entfaltete sich sein Werk aus der Enge des jüdischen
Volkes in die Weite der Welt. Sein Weggang war, wie Johannes sagte, notwendig,
damit dieser Wandel eintreten konnte. Denn nur auf Grund seines Wegganges konnte
der Leben spendende Heilige Geist kommen. Dies war erforderlich, damit den
Aposteln das Verständnis Jesu Christi eröffnet wurde. Nur durch das vom
Heiligen Geist eröffnete Christusverständnis waren sie imstande, das
heilschaffende Christusereignis über die Grenzen ihres eigenen Volkes hinaus
auch den »Heiden«, d. h. der ganzen Welt zu verkündigen (Joh 14,1ff; 16,7; 2
Kor 5,16f). Der Heilige Geist legte ihnen Jesus von Nazaret aus (vgl. Mt
10,29f). Er wurde sein Interpret.
Mit
Recht hat das Zweite Vatikanische Konzil die Apostel als die ersten
Christuszeugen hervorgehoben. Christus hat den Ersterwählten eine ebenso
schwere wie weittragende Aufgabe gestellt. Ihre Verbundenheit mit Christus
bedeutete für sie eine tiefgreifende
8
Existenzerhellung,
aber zugleich eine schwer überbietbare Existenzlast. Sie mussten in der Welt
bleiben, ihr standhalten und ihr in
seinem Namen, von ihm gesandt, ermächtigt und verpflichtet, etwas verkündigen,
was ihr zwar zum Heile dient, was sie aber nicht zu hören bereit ist, weil es
von ihr als befremdlich empfunden wird.
b)
Die Eigenschaften der Apostel
Die
Apostel wurden durch ein zweifaches Moment für ihre Aufgabe gerüstet. Das
erste ist die Sendung, welche ihnen zuteil wurde. Christus hat die vom Vater ihm
gestellte Aufgabe nicht an diesen zurückgegeben, als er die Welt verliess,
sondern sie an die Apostel weitergegeben (Joh 20,21). Im Mattäus-Evangelium
wird ein Wort Christi berichtet, welches gewissermassen als sein Vermächtnis
gelten kann: »Da trat Jesus vor sie hin und sprach zu ihnen: Mir ist alle
Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und macht alle Völker
zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes, und sie lehret, alles zu halten, was ich euch aufgetragen
habe. Sehet, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt« (28,18ff). Das
Markus-Evangelium bringt die Sendungsrede in einer etwas anderen Fassung (Mk
16,15f).
Die
Sendung der Apostel hatte eine unentbehrliche Vorbedingung. Dies war die
Augenzeugenschaft (Apg 1,8.21; 2.24.32; 3,15; 5,32; 10,40f; 13,31). Insbesondere
ist es die Auferweckung Jesu Christi, welche die Jünger als Augenzeugen der
Erscheinungen des Herren erkannt haben mussten, damit ihnen die Sendung zuteil
werden konnte (Apg 1,21f; 10,39ff). Der Apostel Paulus macht, wenngleich er
Christus während
9
seines
Lebens nicht gesehen hat, hiervon keine Ausnahme.
2.
Kapitel
Die
Apostel haben den Auftrag der Verkündigung nicht sofort nach dem Weggang Jesu
Christi in Angriff genommen. Sie mussten noch eine innere Krise und Verwandlung
durchmachen. Erst als der Geist über sie kam und ihnen Jesus auslegte, waren
sie imstande, den Sendungsauftrag auszuführen. Von diesem Augenblick an wurde
ihr Wort ein Zeugnis für Jesus, und zwar ein Zeugnis, welches der Heilige Geist
selbst für Jesus ablegte. Geist und Jünger sind nicht zwei Zeugenreihen,
sondern eine einzige, denn der Geist gibt Zeugnis durch die Jünger. Da Christus
im Heiligen Geiste wirkt, ist das Zeugnis des Geistes ein Selbstzeugnis Christi.
Wie Jesus seinerzeit nicht von sich, sondern vom Vater redete, derart, dass der
Vater selbst durch Christus redete, so redet der Geist nicht von sich selbst,
sondern von Christus, derart, dass Christus selbst durch ihn spricht. In dem vom
Geist gewirkten Wort, welches die Apostel verkünden, handelt also der erhöhte
Christus selbst. Er lässt sein Wort im Worte seiner Zeugen hören.
So
besteht zwischen dem Worte der Apostel und dem Worte Jesu Christi eine gewisse,
wenn auch keine totale Identität. Das Wort Jesu Christi transzendiert immer das
Wort der Menschen. Es ist jedoch im Worte der Apostel anwesend und wirksam. Die
Apostel übernehmen ihrerseits die Verantwortung und die
10
Bürgschaft
dafür, dass Christi Wort durch sie die Menschen erreicht (1 Kor 1,17;1 4,15;
Apg 6,4). Nicht nur das von ihnen Gesagte bietet die Gewähr für die
Heilsdynamik, sondern auch die Tatsache, dass sie es sagen. Aber wiederum ist es
so, dass sich in dem Tun der Apostel Christus als handelndes Subjekt im Heiligen
Geiste gegenwärtig setzt. Er geht so ein in das Wort der Apostel, dass er der
Sprechende wird, und so bezeugt sich doch wieder das von den Aposteln Verkündigte
aus seiner eigenen Heilsdynamik. Die Apostel sind demgemäss, wie L. Scheffczyk
sagt, von Anbeginn in den empirisch-historischen Vorgang der Kirchengründung
einbezogen. Nach dem Ende der irdischen Existenz Jesu wurden sie im Heiligen
Geiste die Bauleute der Kirche, die den Bau in seiner von Gott gewollten Ursprünglichkeit
errichtet haben. Daher gehört auch das ihnen von Christus übertragene Wort in
das Werk der Kirchengründung hinein. Es ist die auferbauende (Apg 20,32) und
festigende (1 Thess 3,2) Kraft im geschichtlichen Prozess der Kirchenwerdung.
Die
Apostel blieben innerhalb des auf Christus zurückgehenden, von ihm selbst
aufgestellten Rahmens von Lehre und Institution frei für die konkrete
Ausgestaltung. Sie haben die Taten und Worte Jesu nicht immer in den ursprünglichen,
unmittelbar von ihm kommenden Redeweisen, Sprachgestalten und Zeichen verkündet,
immer aber sinngemäss. Die neuen, infolge des Fortgangs der Zeit notwendig
gewordenen Formgebungen waren ähnlich wie die Übersetzungen der ursprünglich
von Gott stammenden Worte bedingt durch die soziale und individuelle Situation
sowie durch die Vorliebe für bestimmte sprachliche Formulierungen oder auch für
alttestamentliche traditionelle Zeichen (z. B. Handauflegung). So blieb die Verkündigung
der Apostel immer in der Wahrheit Jesu. Der
11
Hauptgesichtspunkt
ist hierbei, dass sie alles, was er während seines Lebens sagte und tat, im
Lichte der Auferstehung verstanden. So bildete sich in der wissenschaftlichen
Erklärung der apostolischen Überlieferung, in der Exegese die Unterscheidung
vom »österlichen« und vom »vorösterlichen« Christus. Der eine ist mit dem
anderen identisch. Gewandelt hat sich die Seinsweise und das Verständnis der
Apostel.
12
20.
ABSCHNITT
Die
Nachfolger der Apostel
Wenn
auch niemand daran zweifelt, dass Christus den Aposteln den Verkündigungsauftrag
gegeben hat, so entsteht doch sogleich ein Problem, wenn man den Blick über die
apostolische Zeit hinausrichtet. Es erhebt sich nämlich die Frage der Nachfolge
(Sukzession). Man kann fragen, ob die apostolische Zeit nicht so einmalig war,
dass das, was für sie gilt, nicht auch für die kommenden Zeiten zu gelten
braucht. Die apostolische Ära ist ja die Zeit der Offenbarung. Von der
nachapostolischen Epoche kann man derartiges nicht behaupten. Denn die
Offenbarung Gottes ist mit dem apostolischen Zeitalter zu Ende gegangen. Wenn
der Heilige Geist den Aposteln Jesus als den Christus auslegte, so war dies
nicht eine über Christus hinausführende, sondern eine in sein Verständnis
hineinführende Offenbarungsauslegung.
Man
kann indes aus der Einmaligkeit der Situation nicht schliessen, dass die
Strukturen der Anfangszeit für später keine Bedeutung mehr gehabt hätten und
in der Folgezeit nicht mehr fortleben sollten. Dass sie in der Tat bleibenden
Charakter haben sollten, ergibt sich eindeutig aus dem Sendungsauftrag Christi
und aus dem Erscheinungsbild der jungen Kirche. Wenn Christus den Seinen
verheissen hat, dass er bis zur Vollendung der Zeiten bei ihnen bleiben wolle,
so ist damit gesagt, dass er über die apostolische Zeit hinaus in der
Geschichte präsent sein und seinen Auftrag in geschichtlichen Formen durchführen
werde. Dabei darf allerdings der Unterschied nicht vergessen und verkannt
werden.
13
Nach
dem Zeugnis, welches das sechste Kapitel der Apostelgeschichte bietet, wählte
die Urgemeinde Männer, die vom Heiligen Geiste erfüllt waren. Die Apostel übertrugen
ihnen durch Handauflegung Daueraufgaben. So hat Timotheus durch Handlauflegung
des Presbyteriums sein Amts-Charisma empfangen (1 Tim 4,14). Er selbst und Titus
sollten weitere, geeignete Amtsträger einsetzen (1 Tim 3,1 ff, Tit 1,5ff). Die
genauen Amtsbezeichnungen bildeten sich erst allmählich heraus.
In
der nachapostolischen Zeit entwickelte sich die Überzeugung, dass die Kirche
apostolisch sei auf Grund der Nachfolge der Apostel. Die Institutionalisierung
der von Christus hinterlassenen Aufgaben bedeutete nicht deren Mechanisierung.
Denn das institutionelle Element ist von den lebendigen Nachfolgern der Apostel
getragen und wirkt sich in der lebendigen Stimme seiner Träger aus. Vor allem
aber ist es durchdrungen und belebt vom Heiligen Geist, den Christus als seinen
Stellvertreter, als den bleibenden Helfer gesandt hat. Weil das Zeugnis der
nachapostolischen Christuszeugen im Grund genommen ein Christuszeugnis und ein
Geistzeugnis aus dem Zeugnis der Apostel war, spielte die »Erinnerung« eine
besondere Rolle. Man musste zurückblicken auf das, was von den Aposteln »überliefert«
wurde, um die absolute Zukunft proklamieren zu können. Das apostolische Wort,
welches von den Apostelschülern übernommen, bezeugt und weitergegeben wurde,
hatte unbedingten Normcharakter. Das Wort der Schüler ist nichts anderes als
das Wort der Apostel in je neuer Fassung. Auch in diesem Worte sind ja der
Heilige Geist und in ihm Christus selbst präsent und wirksam (1 Kor 8,17; 2 Tim
2,7.14; 4,4.14; Tit 3,1.8). Es soll jedoch betont werden, dass die Erinnerung
nur geschieht um der Zukunft
14
willen.
Die menschliche Freiheit in der menschlichen Formulierung nahm dabei immer grössere
Dimensionen an.
H.
Schlier (Wort, in: H. Fries, Handbuch theologischer Grundbegriffe, II,
1963,865f) schreibt dazu: »Aber wenn so ohne Zweifel die Verkündigung in der
Kirche weitergeht (vgl. auch Apg 20,32), in welcher Weise setzt sich darin das
Wort Gottes als solches fort? Denn die direkte Selbstenthüllung Jesu Christi
in das Evangelium und das Apostolat hinein ist ja abgeschlossen und
unwiederholbar (1 Kor 15,8; vgl. 3,5ff; Eph 2,20), Eine Antwort geben die
Pastoralbriefe. Jedenfalls strömt in die Kirche die 'Überlieferung' des freien
und formulierten, des mündlichen und schriftlichen Wortes Gottes ein. Und
jedenfalls soll sie 'bewahrt’ werden und wird sie der Herr 'bewahren’, und
zwar als 'Urbild’ und 'Muster’ der gesunden Worte, als apostolische
Hinterlassenschaft (vgl. 2 Tim 1,12-14). Diese soll denn weitergegeben werden.
In solchem Zusammenhang heisst es dann etwa: 'Was du von mir gehört hast im
Beisein von vielen Zeugen, das lege du bewährten Menschen vor, die tauglich
sind, auch andere zu lehren’ (2 Tim 2,22; vgl. 1 Tim 1,3f; 4.6; 6,3; 2 Tim
3,10.14; Tit 1,9). Faktisch ist diese Weitergabe des apostolischen Wortes an die
Apostelschüler auch schon zu Lebzeiten des Apostels bei vorübergehender
Abwesenheit geschehen; die Verkündigung des Schülers wird so als eine
'Erinnerung’ an die Wege und Lehre des Apostels bezeichnet (1 Kor 4,17; vgl, 1
Kor 11,2; 1 Thss 4,18). Die Pastoralbriete aber reden davon programmatisch:
'Befiehl dieses und lehre es’ (1 Tim 4,11; vgl. 1 Tim 5,7; 6,3). 'Dieses
bringe in Erinnerung’ (2 Tim 2,14; 3.1; vgl. 1 Tim 3,15; Tit 2,1; 3,8 u.a.).
Solches Erinnern schliesst einerseits ein, dass der Schüler und Nachfolger das
apostolische Wort und kein anderes aufnimmt und weitergibt (1 Tim 4.16;
6,14.20), andererseits beinhaltet es, dass er es nicht mechanisch wiederholt,
sondern verstehend in mannigfacher Weise und je in der konkreten Situation
entfaltet. Timotheus erweist sich als guter Dienstwalter Jesu Christi, wenn er
sich selbst 'nährt an den Worten des Glaubens und der guten Lehre, der er
gefolgt ist’ (1 Tim 4,6), und sich dabei vom Herrn in allem das gute Verständnis
geben lässt (2 Tim 2,7). Dieser Entfaltungsprozess des einmal überlieferten
Gotteswortes in der Verkündigung der apostolischen Nachfolger geschieht aber
unter der Erweckung des Geistes, der mit dem Dienst latent schon gegeben ist (1
Tim 4,14; 2 Tim 1.6f. 14), und im Zusammenhang eines Lebens der konkreten
Nachfolge Jesu Christi und des Apo-
15
stels
(1Tim 1,18ff; 4,14f; 6.11ff; 2 Tim 3,10 u.a.). Auch
für die Fortsetzung des Wortes Gottes in der Verkündigung der Kirche gilt,
dass es sich um das Gotteswort als Fundament handelt, dass dieses Wort als
gegenwärtiges zum Verständnis und zur Sprache kommt, dass es in der Kraft des
Geistes und unter persönlicher Hingabe sein Offensein bewährt und bewahrt. Es
handelt sich bei diesem Wort Gottes nicht mehr um das Wort der Offenbarung als
solcher, sondern um das in die apostolische Überlieferung eingegangene
Offenbarungswort, das in der angegebenen Weise aktuell bleibt. In ihm ist das
Wort Gottes als geschichtliches Wort zum Ziel gelangt (Tradition).«
16
21.
ABSCHNITT
Die
Verkündigung der Kirche hat gegenwärtigsetzende Kraft. Sie macht Christus
selbst den Hörern präsent. Zunächst erfolgt in der Wortverkündigung die
Begegnung zwischen dem Redenden und dem Hörenden. Aber gerade in dieser
Begegnung ist Jesus Christus, der Verkündete, selbst im Heiligen Geist präsent.
Er ist derjenige, über welchen in der Verkündigung geredet wird, und zugleich
das Subjekt, welches spricht. Es gilt das Wort, welches von Mattäus berichtet
wird (Mt 18,20): »Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich
mitten unter ihnen.«
Diese,
die Heilsgegenwart Christi setzende Verkündigung hat seine Auferweckung und
seine Verklärung zur Voraussetzung. Das gegenwärtigsetzende Verkündigungswort
bringt die verklärte Seinsweise Jesu nicht hervor. Aber es macht diese präsent.
Die kirchliche Verkündigung vermittelt die Begegnung mit Christus. Das Verhältnis
des Hörenden zu Christus ist das Verhältnis der vermittelten Unmittelbarkeit.
Wie Johannes der Täufer auf den kommenden Herrn hinwies, so zeigt die Kirche im
Worte ihrer Verkündigung und in der Setzung der Heilszeichen auf den gegenwärtigen
Herrn hin, der zugleich der kommende ist. Das Wort der Verkündigung und die
Setzung der Zeichen hat daher für die Begegnung mit Christus wesentliche
Bedeutung. Es ist für die Gegenwärtigsetzung Jesu Christi konstitutiv. In
ihrem Worte und ihren Zeichen geschieht die indirekte Epiphanie Christi, und
zwar nicht allgemein, sondern konkret, so dass der Hörende
17
in
seiner Situation getroffen wird. Jesus Christus begegnet dem Menschen heilshaft
im Kerygma, im Worte der Verkündigung. Die Heilsgeschichte in Christus wird
durch das Verkündigungswort der Kirche für die Hörenden lebendige, erfahrbare
Gegenwart. Dies aber heisst, dass die Verkündigung nicht nur Unterrichtung oder
Information, sondern Heilsgeschehen ist. Es geschieht hierdurch eine
Dynamisierung und Aktualisierung des Christusgeschehens für die jeweilige
Gegenwart. Wenn so die Vergangenheit präsent wird, so wird sie nur präsent um
der absoluten Zukunft willen. Indem der vergangene Christus ausgerufen wird,
wird in der jeweiligen Gegenwart der kommende Christus, die Wiederkunft des erhöhten
Herrn, ausgerufen.
Wenn
die repräsentierende Funktion der Verkündigung nachdrücklich betont wird, so
muss hinzugefügt werden, dass Jesus als der Erhöhte zwar durch das Wort und
das Zeichen der Kirche präsent wird, dass er aber nur präsent werden kann,
weil er auch ausserhalb des Wortes und ohne das Wort lebt. Der erhöhte Herr
erreicht die Menschen heilshaft durch das Wort und das Zeichen der Kirche. Er
lebt aber nicht nur im Worte und im Zeichen der Kirche. Seine Auferweckung ist
nicht nur ein Ereignis im Wort der Kirche, sondern vor diesem und ohne es,
gewinnt aber für den Hörer konkrete Heilsdynamik im Wort und im Zeichen. Dies
letztere nachdrücklich betont zu haben, ist das Verdienst R. Bultmanns.
Man muss aber hinter das Wort der Verkündigung zurückgehen und nach der objektiven Gestalt und Bedeutung Jesu Christi fragen. Dies zu übersehen, ist das Verhängnis in der Theologie R.Bultmanns. Ohne diesen Rückgriff bleibt das Wort der Verkündigung ein leerer Anruf und unterscheidet sich nicht von dem Aufruf in der psychologischen und philosophischen
18
Dimension.
Die Meinung, Christus lebe nur im Worte der Verkündigung, weil er nur in diesem
Worte heilsdynamisch ist, höhlt die Verkündigung zu einem existentiellen Anruf
aus. Es sei an die früher genannte Unterscheidung zwischen »historisch« und
»geschichtlich« erinnert. Nach dieser von R.Bultmann eingeführten
Unterscheidung wird bekanntlich mit dem Worte »historisch« nur das
Vorhandensein Jesu im Ablauf der Geschichte, mit dem Worte »geschichtlich«
jedoch seine Heilsbedeutsamkeit bezeichnet. Für Christus trifft beides, sowohl
das »Historische« als auch das »Geschichtliche« zu. Man würde dem
Christusgeschehen nicht gerecht, wenn man es nur objektiv als historischen
Geschehenszusammenhang verstehen würde. Hierbei würde seine Hinordnung auf das
Heil der Menschen, d.h. das entscheidende Element, übersehen. Würde man jedoch
Jesus nur existentiell deuten, dann würde man der Verkündigung ihr reales
Fundament entziehen.
19
22.
ABSCHNITT
(Seelsorge und Wissenschaft)
Wenn
man hinter den Akt der Verkündigung zurückfragt auf das in der Verkündigung
vergegenwärtigte Geschehen, ergibt sich eine Lehre von Jesus. Diese ist zwar
von der Verkündigung verschieden. Sie muss jedoch von der Kirche als
fundamentale Aufgabe wahrgenommen werden.
Lehre
und Verkündigung hängen auf das engste zusammen. Denn die Verkündigung ist
bestimmt durch die Lehre, die Lehre ist ausgerichtet auf die Verkündigung.
Voraussetzung für die Verkündigung ist die Realität Jesu, seiner Worte und
seiner Taten sowie das Verständnis dessen, was er ist, sagt und tut, d.h. die
Auslegung Jesu und deren sprachliche Fassung in die den Hörern verständliche
Form. Sonst bleibt sie leerer Schall. Der Zusammenhang von Verkündigung und
Lehre lässt sich aus der Geschichte der Kirche deutlich ablesen. Die Konzilien
des ersten Jahrtausends waren im allgemeinen (nicht ausschliesslich, aber vorzüglich)
Lehrkonzilien. Sie machten Aussagen über objektive Sachverhalte und
Geschehnisse. Auch jene Konzilien, welche wir Reformkonzilien zu nennen pflegen,
wie etwa die Generalkonzilien in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends,
haben lehrhafte Elemente; dies gilt auch vom II. Vatikanischen Konzil.
Für
den Sinn und die Wirksamkeit der kirchlichen Verkündigung ist es von
grundlegender Bedeutung, dass sie auf objektiven, von ihr selbst nicht
geschaffenen, sondern ihr überlieferten und von ihr gläubig bejahten
Geschehnissen aufruht und diese gegenwärtig
20
setzt.
Weil die Feststellungen der Kirche im Dienste der Verkündigung stehen, tragen
sie ihren Sinn und ihren Wert nicht in sich selbst und sind daher keine
Wahrheiten »an sich«. Sie sind vielmehr Wahrheiten »für uns«, weil sie und
insofern sie die Bestimmung und die Eignung haben, in die Verkündigung
einzugehen. Sie sind von Gewicht um der Verkündigung willen (vgl. Teilband 1,
Abschnitt 10, Kap. 6).
Der
Zusammenhang von Lehre und Verkündigung tritt uns unter einem besonderen
Gesichtspunkt entgegen, wenn wir den Unterschied von fides quae und fides qua
bedenken. Im Akte der Verkündigung proklamiert die Kirche die in Jesus Christus
eröffnete, absolute Zukunft. In ihm ruft sie die fides des Hörenden als fides
qua, den Glaubensaufschwung und die Glaubensintensität, den Glaubensakt als
Akt, hervor. Insofern sie aber in dem Akte der Verkündigung den verkündigten
Inhalt darbietet, ruft sie die fides qua zur Realisierung der fides quae auf.
Der Glaubensakt und die in ihm vollzogene Bejahung des Glaubensinhaltes stellen
ein unlösliches Ganzes dar, wie auch der Akt der Verkündigung und die darin
erfolgende Darbietung des Inhaltes ein unlösliches Ganzes darstellen. Man kann
die beiden Elemente nicht voneinander isolieren. Eine blosse Kenntnisgabe des
Inhaltes wäre keine kirchliche, sondern eine philosophisch-wissenschaftliche Tätigkeit.
Ebenso wäre eine Kenntnisnahme des Glaubensinhaltes ohne den Aufschwung des
Glaubensaktes kein christlicher Glaube, sondern eine intellektuelle
Bereicherung. Der Glaubensakt ist nicht irrational oder rein gefühlsmässig
orientiert. Er ist inhaltsgebunden. Der Glaubensinhalt, Christus, sein Wort und
sein Werk, ruft nach dem Glaubensakt. Es ist ja auch in der Tat der lebendige,
im Wort der Kirche sprechende, vom Geist erfüllte Christus, welcher die
21
Hörenden
zu sich ruft, welcher also sowohl die Bewegung nach vorwärts auslöst als auch
diese Vorwärts-orientierung auf sich selbst hinrichtet und so auf Gott, den
Vater im Heiligen Geist. Bei der Darstellung der einzelnen Glaubensinhalte,
insbesondere des trinitarischen und des christologischen Glaubensinhaltes, wird
das Problem der »Lehre« eingehender erörtert werden. Hier soll ein Wort zu
der später zu behandelnden »Dogmenentwicklung« eingefügt werden.
Zunächst
ist es kirchliche Überzeugung, dass die Dogmenentwicklung nicht mit
Offenbarungsentwicklung identifiziert werden kann. Die Kirche beansprucht nicht
nur nicht, neue Offenbarungen in nachapostolischen Zeiten zu empfangen, sie
lehnt dies vielmehr ausdrücklich ab. Alle Ansichten, welche im Laufe der Zeit
in eine solche Richtung drängten, wurden von der Kirche zurückgewiesen, so die
Anschauungen der Gnostiker, der Schwarmgeister des Mittelalters, der Spiritisten
und der Theosophen. Im Mittelalter hat Joachim von Fiore (gest. 1202) den
Anbruch eines neuen Zeitalters des Heiligen Geistes verkündet, welches auf das
von den Verheirateten und den Laien getragene Zeitalter des Vaters und auf das
von den Klerikern getragene Zeitalter des Sohnes folgen und von den Mönchen
getragen sein sollte. Das »Evangelium aeternum« werde ein höheres, geistiges
Verständnis der beiden Testamente bringen. Von besonderer Wirksamkeit, und zwar
bis zum heutigen Tag, ist der sogenannte Modernismus. Mit dem Worte »Modernismus«
wurde früher häufig der Versuch bezeichnet, den Ergebnissen der modernen
Wissenschaft und Kultur in der Theologie Rechnung zu tragen, ohne am Glauben
Abstriche zu machen.
Seit
Beginn des 20. Jahrhunderts wird das Wort in kirchlichen Dokumenten in einem
engeren Sinne ver-
22
wandt,
nämlich als Sammelname für solche Erklärungen des Christentums, die zu dessen
Wesen in Widerspruch stehen, die insbesondere die Dogmen als den Ausdruck der
religiösen Selbsterfahrung des Menschen verstehen. Nach Hauptvertretern des
Modemismus nehmen die christlichen Dogmen ihren Anfang im religiösen Erlebnis
Jesu. An seinem religiösen Gefühl für das Göttliche habe sich die religiöse
Erfahrung seiner Jünger entzündet. Die Dogmen sind danach nachträgliche,
intellektuelle Deutungen des aus dem Unterbewusstsein emporsteigenden religiösen
Urgefühls. Diese Auslegung sei von der Kirche approbiert und den Gemeinden
vorgelegt worden. Die Dogmen in diesem Sinne seien wie die ihnen zugrunde
liegenden Erlebnisse ständig im Fluss. Sie hätten die Aufgabe, immer wieder
jene religiösen Gefühle anzuregen, welche Christus und seine Apostel hatten
und weitervermittelten. Wenn sie infolge veränderter kultureller Verhältnisse
dazu nicht mehr imstande seien, verlören sie ihre Daseinsberechtigung. Von Gott
selbst würden die Dogmen nichts aussagen. Denn Gott sei für uns völlig
unerkennbar. Für diese letztere These berufen sich namhafte Vertreter dieser
ganzen Bewegung einseitig auf die »negative« Theologie der Kirchenväter.
Gegenüber
solchen Vorstellungen betont die Kirche, dass es in der Entwicklung der Dogmen
etwas Bleibendes gibt, nämlich die einmalige, in Christus erreichte
Selbsterschliessung Gottes, die Wahrheit, welche in jeder Generation gegenwärtig
ist. Dennoch wandelt sich etwas, nämlich die Bewusstseinsweise, in welcher das
Unwandelbare und Einmalige im gläubigen Menschen anwesend ist.
Wie
die Dogmenentwicklung unterschieden werden muss von der Offenbarungsentwicklung,
so ist sie auch verschieden von der Entwicklung und der Ge-
23
schichte
der Theologie. Sie ist zwar mit der Geschichte der Theologie auf das engste
verbunden. Denn diese ist ihre Wegbereiterin und vielfach ihre Wandergefährtin.
In der Theologie ist sich das Dogma gewissermassen immer schon selbst voraus.
Denn es gibt keine tiefere Einsicht in den Bestand des Geoffenbarten und keinen
Wandel im Glaubensbewusstsein ohne jene geistigen Bemühungen, welche wir
Theologie nennen, da der in der Kirche wirksame Heilige Geist im allgemeinen
keine göttlichen Erleuchtungen bezüglich der Offenbarung schenkt. Der
Unterschied zwischen der Geschichte der Theologie und der Entwicklung der Dogmen
liegt jedoch darin, dass das Dogma, zu dessen Konstituierung die Theologie das
Glaubensbewusstsein fortentwickelt, allgemein verbindlichen Charakter hat, und
daher als alle verpflichtende Verkündigungsgestalt und Glaubensform verstanden
werden muss, während man von der Theologie dies nicht behaupten kann. Man muss
also für die Dogmenentwicklung eine Erklärung finden, welche sie weder als
Offenbarungsgeschichte noch als Theologiegeschichte erscheinen lässt. Sie ist
weniger als Offenbarung und mehr als Theologie. Beide aber sind in ihrer
Bewegung engagiert. Das Dogma kann nur dann als die alte Offenbarung verstanden
werden, wenn es nichts anderes und nicht mehr ist als eine neue
Bewusstseinsgestalt der einen, in Christus vollendeten göttlichen
Selbsterschliessung. Diese kann von der Theologie nur unterschieden werden, wenn
sie das in theologischer Begrifflichkeit ausgedrückte Glaubensbewusstsein
hinsichtlich seiner öffentlichen Verbindlichkeit überschreitet.
Diese
Feststellungen bedeuten: Das Dogma muss in dem immer schon Geglaubten und Verkündeten
enthalten sein, wenn es auch nicht reflex erkannt wurde.
24
Daraus entsteht für uns die Doppelfrage, wie es in dem Früheren enthalten sein muss und wie es als in ihm Enthaltenes erkannt werden kann. Es ist eine Frage nach der objektiven Implikation und nach der subjektiven Explikation. Beide Fragen sind Teilprobleme eines einheitlichen ganzheitlichen Problems (siehe Abschnitt 29; bes. Abschnitt 10, Kap. 6).
25
23.
ABSCHNITT
Die
Antwort des Menschen auf die göttliche Offenbarung
7.
Kapitel
Der
Glaube
Wie
in dem früher angeführten Zitat von B. Welte betont wird, gehört die
menschliche Vernunft zum Wesen und zum Begriffe der Offenbarung. Sie vernimmt
die Offenbarung Gottes und wird so zur Antwort herausgefordert, sei es, dass sie
die Offenbarung annimmt, sei es, dass sie sie ablehnt. Die Annahme der
Offenbarung geschieht im Glauben.
Es
erhebt sich die Frage, was unter dem Glauben, der die Offenbarung Gottes
annimmt, zu verstehen sei. Man kann ihn in einer zweifachen Weise
interpretieren. Wenn die Offenbarung nur eine Belehrung der Menschen durch Gott
ist, so kann der Glaube nur darin bestehen, zu der Belehrung ein Ja zu sprechen.
Wenn das Ja gesprochen wird, hat es seinen Grund in der Überzeugung, dass Gott
es ist, der die Lehre gibt, und dass Gott infolge seiner absoluten Wahrheit und
Wahrhaftigkeit nichts Falsches lehren kann. Gott bzw. sein Sohn, sein Gesandter,
sein Beauftragter werden so als die unüberbietbaren Lehrer des Menschen
verstanden. Man kann aber den Glauben auch verstehen als Übereinkunft mit Gott,
als ein Verstehen Gottes, als einen Vorgang, in welchem Einstimmigkeit zwi-
26
schen den Menschen und ihm selbst hergestellt wird, in welchem Gott gewissermassen der Partner des Menschen ist. In diesem Glauben wirken sich das Vertrauen und die Liebe aus.
Die
erste Art des Glaubens bzw. der Annahme der Offenbarung kann man Autoritätsglauben
nennen. Die zweite Art könnte man Vertrauensglauben oder Liebesglauben nennen.
Auch in dieser zweiten Art von Glaube wird konsequenterweise das, was Gott über
sich mitteilt, ernst genommen und bejaht. Der erste Blick des Glaubenden geht
jedoch nicht auf den mitgeteilten Inhalt, sondern auf das göttliche Ich selbst.
Es ist eine Hinwendung zu dem »Antlitz Gottes«, welche durch Christus im
Heiligen Geiste erfolgt.
Während
auf dem Ersten Vatikanischen Konzil die erste Glaubensgestalt in dem Vordergrund
der Konzilserklärung stand, steht im Zweiten Vatikanischen Konzil die zweite
Art des Glaubens im Vordergrund. Man kann diese beiden Arten nicht mechanisch
voneinander trennen. Sie gehören unlöslich zueinander. Die Frage ist nur, auf
welcher Art des Glaubens die Akzente liegen. Der Glaube, der vom Zweiten
Vatikanischen Konzil verkündet wird, ist gekennzeichnet durch die Akzentuierung
des Vertrauens, der Vaterschaft, des Verstehens. Im zwischenmenschlichen Bereich
lässt sich diese zweite Art des Glaubens ausdrücken in dem Satze: Nun verstehe
ich dich.
2.
Kapitel
Der
»heutige« Mensch
Es
dürfte angebracht sein, die Möglichkeiten und die Schwierigkeiten, die sich
den Menschen heute ge-
27
gen
den Glauben an die göttliche Selbstmitteilung und die Offenbarung aufdrängen,
kurz zu skizzieren.
Wir
gehen davon aus, dass die göttliche, in der Kirche bezeugte und verkündete
Selbsterschliessung Gottes Heilsbegegnung zwischen Gott und dem Menschen,
Heilsangebot des freien Gottes an uns freie Menschen ist. Die heilshafte
Begegnung hat die Vergöttlichung des Menschen, ja der gesamten Schöpfung zum
Ziel. Wenn dieses Ziel erreicht sein wird, dann herrscht volle Einstimmigkeit
zwischen Gott und den Menschen. Der Glaube hat dann keinen Platz mehr. In allen
inhaltlichen, materialen Aussagen des vorliegenden Werkes soll dieser alles
einzelne zusammenfassende und finalisierende Offenbarungsgeist sichtbar werden.
Damit
die Absicht verwirklicht werden kann, muss einiges über den heutigen Menschen
gesagt werden. Dabei sei von vornherein betont, dass es den »modernen«
Menschen, welcher die Merkmale des Modernen in sich vereinigen würde,
schlechterdings nicht gibt. Trotzdem kann man von ihm sprechen, insofern den
Menschen der Gegenwart ein gemeinsamer Verständnishorizont eigen ist, vor dem
sie ihr Leben vollziehen, ihren Wünschen nachjagen, ihre Vorstellungen
entwickeln. Dieser Horizont ist allerdings gegensatzreich, insofern in ihm
bestimmte Gegensätze so miteinander verbunden sind, dass sie sich nicht
voneinander scheiden lassen, dass sie aber umgekehrt einander zu lähmen
scheinen. Es sieht so aus, als ob sich zwei gegensätzliche Horizonte in unserer
heutigen Zeit ineinander schieben würden.
Man
darf wohl folgende Merkmale als Charakteristika des heutigen Menschen namhaft
machen: Die Bewegung aller auf die Einheit der Menschen und Völker zur
menschlichen Grossfamilie hin drängt sich
28
heute
jedem auf. Dies schliesst in sich die Gemeinsamkeit des Schicksals und der
Verantwortung, aber auch die Gemeinsamkeit von Gefahren und Verwicklungen.
Die
Hingabe an die Welt in ihrer Profanität hat unabsehbare Folgen. Dies bedeutet,
dass die Welt entmythologisiert und entnumisiert ist. Eine solche Vorstellung
meint in ihrer radikalen Durchführung nicht nur eine relative Eigenständigkeit,
sondern ist volle Säkularisierung (Säkularismus). Die Welt wird nur aus der
Welt selbst, nicht mehr aus Gott verstanden. Sie ist nichts als Welt. Sie hat
keinen ausserweltlichen Hintergrund. Sie ist ganz und gar von sich selbst erfüllt.
Die
schöpferische Umgestaltung der Welt und des Menschen selbst wird als
unverzichtbare Aufgabe empfunden. Der heutige Mensch betrachtet die Welt nicht
als eine fertige Gegebenheit, sondern als Material für einen grundlegenden
Umbau und Neubau. Die Methode hierzu liefern Wissenschaft und Technik. Die Welt
wird immer mehr in die Herrschaft des Menschen gebracht und so eine hominisierte
Welt. Zur Klärung der Begriffe sei angeführt, dass Hominisierung etwas anderes
sagen will als Humanisierung. Hominisierung will nämlich sagen, dass die Welt
eine Schöpfung des Menschen und die menschenfreundliche Wohnstätte für den
Menschen ist oder werden soll. Nach Jahrmilliarden der Evolution verlässt nach
der Überzeugung der allein auf Wissenschaft und Technik bauenden Menschen heute
die Welt ihre Kinderstube und tritt in das Alter der Mündigkeit ein.
Kernphysik, Astrophysik, Biologie und andere Wissenschaftszweige leisten dabei
die entscheidenden Dienste und schaffen ungeahnte Möglichkeiten. Der Blick ist
von dieser Zukunft fasziniert. Die Gegenwart ist nur zu bewältigen als ein Weg
in die Zukunft. Die Vergangenheit selbst wird dabei zum guten Teile
abgeschrieben.
29
Von
besonderer Tragweite ist es, dass sich der Mensch selbst zum Gegenstand seiner
schöpferischen Gestaltung machen zu können hofft. Er will einen neuen
Menschen, einen Ultramenschen formen, in welchem Krankheit, Leid, Tod und Unheil
beseitigt werden oder wenigstens ihre Schärfe verlieren. Medizin,
Tiefenpsychologie, Soziologie und Chemie öffnen ungeahnte Zukunftsaussichten.
Was der Mensch heute ist, erscheint unter solchen Aspekten wie ein Vorentwurf
des kommenden, des wahren und des eigentlichen Menschen. Der heutige Mensch
existiert als die Hoffnung seiner selbst. Automation, Kybernetik und Soziologie
nähren die Erwartung, dass ein Allgemeinzustand heraufgeführt werden kann, in
welchem die untereinander in der Gemeinschaft lebenden Menschen in voller
Freiheit und in vollem Glück zu leben vermögen. Das Übel in all seinen Formen
wird abgeschafft. Der Mensch ist nach diesen Vorstellungen als Individuum erst
auf dem Wege zu sich selbst und zwar innerhalb des Weltganzen. Die Welt und der
Mensch formen sich in gegenseitiger Einwirkung zu ihrer wahren künftigen
Gestalt. Die Gegenwart wird begriffen als die Zeit der Menschwerdung. In eine
solche Zukunft hinein bewegt sich unsere Gegenwart mit äusserster Heftigkeit
und grösstem Aufgebot. Die Welt ist nach dieser Sicht nicht wie nach der
Ansicht der klassischen Physik ein in sich geschlossener determinierter
Kausalzusammenhang. Sie ist vielmehr nach vorne offen und geht ihrer
eigentlichen Existenz erst entgegen. Diese liegt in ferner Zukunft. Volle
Freiheit und Gleichheit sollen in der Zukunftsgesellschaft herrschen. Der
sogenannten Theologie der Befreiung wird eine hohe Chance eingeräumt.
Gegen solche Erwartungen erheben sich gerade aus dem Grunde der heutigen Wissenschaft und Technik
30
schwere
Bedenken, welche die Zukunftserwartungen als Utopien erscheinen lassen. Wie die
heutige Erfahrung zeigt, können neue Erkenntnisse, Entdeckungen, neue Techniken
ebensosehr zur Zerstörung der Menschheit und Welt wie zu ihrer
Weiterentwicklung führen. Wohin die Reise der Geschichte geht, hängt von den
Entscheidungen des Menschen ab. Diese aber bilden ein tiefes und unergründliches
Geheimnis. So liegt die Zukunft nicht nur im Schimmer einer glühenden Hoffnung,
sondern auch in der Finsternis einer den Menschen lähmenden Angst.
Dem
Menschen, der sich die goldene Zukunft herbeizuführen bemüht, sind bestimmte
»Tugenden« eigen: Unternehmungsgeist, Erfinderkraft, Initiative, Tapferkeit,
Toleranz, Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit, Kameradschaft, Opfergeist. In der
Sprache der Theologie werden diese Tugenden die aktiven genannt. Der Mensch
riskiert es, heute in den Weltraum vorzustossen. Er ist bereit, seine persönliche
Gegenwart für die grosse Zukunft hinzugeben. Aber mit diesen »Tugenden«
wachsen umso gefährlichere und schlimmere Laster. Je näher sich die Menschen
einander kommen, umso grösser wird ihre Möglichkeit und die Versuchung, die
Last, die jeder Mensch für jeden Menschen, die jede Menschengruppe für jede
Menschengruppe ist, die Einengung der Freiheitsbegrenzung, die einer für den
anderen bedeutet, abzuwerten. In der hominisierten Welt kommt Gott nicht vor. Er
lässt sich in ihr nicht finden. Er ist in ihr überflüssig. Ja, er wäre, gäbe
es ihn, ein Hemmschuh. Er geht in der vom Menschen selbstgeschaffenen Welt keine
Engagements ein. Er spricht nicht und er handelt nicht. Man sieht ihn nicht, man
hört ihn nicht. Umgekehrt hat der heutige Mensch sehr häufig auch kein Bedürfnis
mehr nach Gott. Er braucht Gott nicht. Vielfach scheint der
31
Mensch
keine Fähigkeit mehr für Gott zu haben. Der Gedanke Augustins, dass das
menschliche Herz unruhig ist, bis es Ruhe findet in Gott, und ebenso die Überlegung
Pascals, dass der Mensch den Menschen unendlich übersteigt, scheinen keine oder
nur noch geringe Geltung zu haben. Gäbe es Gott, müsste er als Feind der
Menschen und seiner Freiheit bekämpft werden. Der angestrebte Humanismus in
unserer humanisierten Welt wird daher ein gottfreier, ja ein gottloser und
gottfeindlicher Humanismus. Seit Immanuel Kant gelehrt hat, dass die Aufklärung
die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sei, ist das Gefühl der
»Mündigkeit« in das Masslose angewachsen.
Auf
der anderen Seite zeigt sich uns jedoch die Rückseite der Medaille auch in
allen diesen Perspektiven. Das Zerwürfnis des Menschen mit Gott führt zum Zerwürfnis
des Menschen mit sich selbst und der Menschen untereinander. Die Freiheit von
Gott wird zur Unfreiheit gegenüber den gesellschaftlichen Zwängen.
Eine
schwer oder nicht zu überwindende Mauer zwischen Gott und den Menschen wird in
unserer Gegenwart aufgebaut durch das Leid in seinen masslosen Formen. Muss man
nicht die Alternative anerkennen: Entweder ist Gott gleichgültig gegenüber dem
menschlichen Leid oder er hat nicht die Macht, das menschliche Leid zu
verhindern oder zu beseitigen. Wie kann man von Gott sagen, dass er die Liebe
ist, wenn er die unzähligen Unmenschlichkeiten der Gegenwart geschehen lässt?
Umweltverschmutzung und Kriegsgefahr stehen als drohende Gespenster am Himmel
der Zukunft. Hin und wieder erhebt sich in den Verwirrungen der Zeit die Frage,
ob die Menschen nicht einer Diktatur entgegengehen.
32
Solche Vorstellungen und Haltungen sind nicht von heute, sie haben vielmehr eine lange Geschichte. Sie haben sich nur in unserer Gegenwart in einer ausserordentlichen Weise verschärft. Wir brauchen nur an L. A. Feuerbach oder an K. Marx zu erinnern. Deren Thesen und Behauptungen entfalten heute eine explosive Kraft.
3.
Kapitel
Die
Kirche und der »heutige« Mensch
Der
heutige atheistische oder antitheistische Humanismus hat viele Wurzeln. Man hat
in Umkehrung früherer Vorwürfe für die gegenwärtige Säkularisierung die
Kirche verantwortlich gemacht. Bisher wurde ihr vorgehalten, dass sie die Welt
nicht ernst genug genommen und der Wissenschaft und der menschlichen Bildung in
ihrem praktischen Verhalten nicht den gebührenden Raum gestattet habe. Zwar hat
schon Thomas von Aquin die Eigengesetzlichkeit der irdischen Sachgebiete
dargestellt, aber seine Thesen blieben zunächst ohne Wirksamkeit. Zu Beginn der
Neuzeit trat die Distanz der Kirche zur Naturwissenschaft wie im Galilei-Fall
verhängnisvoll zutage. Man rechnete damals irrigerweise zur Glaubenswelt, was
nur zur innerweltlichen Welt zu zählen ist. Seit jener Zeit besteht Spannung
zwischen der Naturwissenschaft und der Kirche dergestalt, dass die Kirche immer
weltloser und die Wissenschaft immer kirchenloser wurde. Im 18. und im 19.
Jahrhundert kam zu der wissenschaftlichen die philosophische und die soziale,
die politische und die geschichtliche, die kulturelle Problematik. Eine Zu-
33
sammenfassung
der scharfen Kritik, die die Kirche ihrerseits an den Erscheinungen der Neuzeit
übte, wird im Syllabus des Papstes Pius IX. vom Jahre 1864 geboten. Diese
Kritik ist zwar aus der damaligen Situation verständlich, denn die Fortschritte
jener Zeit waren zum grossen Teil in antikirchlichen Formen impliziert, so dass
sie in ihrer eigenen und wahren Gestalt nicht klar gesehen wurden. Dies gilt, um
ein Beispiel zu nennen, in besonderem Masse von der menschlichen Freiheit und
Selbständigkeit.
Infolge
der inzwischen wesentlich gewandelten Lage und der Befreiung der damals
antikirchlich erscheinenden Ideale aus ihren geschichtlichen Verflochtenheiten
besteht heute für die Kirche kein Grund mehr, die Verurteilungen von damals
aufrechtzuerhalten, weil inzwischen die den heutigen Menschen besonders am
Herzen liegenden kulturellen, sittlichen und politischen Werte von ihrer
antikirchlichen Verklammerung gelöst und so in ihrer wahren Sinnhaftigkeit
erkannt wurden. Auf jeden Fall hat jedoch der Syllabus für lange Zeit die
Spannung gesteigert.
Ein
anderes Moment, das der Kirche zum Vorwurf gemacht wurde, ist die einseitige
Pflege der sog. passiven Tugenden, der Demut und vor allem des Gehorsams. Dieser
Situation entspricht die einseitige Verkündigung des Jenseits. Gott wurde nicht
als Geheimnis in der Welt empfunden und gelehrt, sondern als ein Wesen jenseits
der Welt. Die Immanenz Gottes trat zugunsten der Transzendenz zu sehr zurück.
Damit hat sich für manchen Gläubigen und für viele Ungläubige die in der
Verkündigung nicht hinreichend kritisierte Vorstellung von einer Lokalisierung
Gottes ausserhalb der Welt gebildet. Als Ziel des Menschen bleibt der in dieser
Weise einseitig verstandene Himmel im Blick. Die Welt erschien hierbei nur als Bühne
34
für
die Vorbereitung auf das ewige Leben oder als Sprungbrett für den Himmel. Die
der Welt eigenen Werte wurden nicht oder zu wenig anerkannt. Die relative
Eigenständigkeit der Welt trat nicht wirksam vor das Auge und forderte die
menschlichen Kräfte nicht heraus. Eine solche kirchliche Verkündigung ist zwar
verständlich, weil es ihr in erster Linie um das »ewige« Heil geht und das
von dem irdischen Leben verschiedene eschatologische Leben. Diese Botschaft
sollte kraftvoll in das menschliche Bewusstsein eindringen. Es wurde jedoch bei
einer solchen Interpretation des christlichen Glaubens übersehen, dass das Heil
nicht jenseits oder neben der Weltgestaltung, sondern mit dieser und durch sie
erreicht wird. Die Liebe zu Gott kann sich nicht realisieren ohne die Liebe zum
Menschen, ohne die Herstellung menschenwürdiger Daseinsformen (siehe das
Problem der politischen Theologie).
Die
kirchliche Verkündigung war lange Zeit von einem Spiritualismus bedroht, der
den Anschein erweckte, als ob der Mensch nur Seele wäre. Er kam in der
weitverbreiteten Formel zum Ausdruck: Rette deine Seele. In Wahrheit ist dem
ganzen leibhaftigen Menschen das Heil zugesagt, nicht nur der Seele und nicht
nur dem einzelnen, sondern der ganzen Menschheit und der ganzen Schöpfung.
Mit
dieser Situation hängt es zusammen, dass das wahrhaft Menschliche, insbesondere
die menschliche Freiheit, zu wenig betont wurde.
Es
geht natürlich in der Christusverkündigung immer um Gott und die heilshafte
Begegnung des Menschen mit ihm. Aber gerade durch diese Begegnung soll der
Mensch sowohl zum Nächsten wie zu sich selbst kommen. Wenn Feuerbach im vorigen
Jahrhundert meinte, dass sich der Mensch in der Verehrung
35
Gottes
schwäche und verliere, so war dies ein verhängnisvoller Irrtum. Es war
allerdings angesichts der Gesamtlage ein verständlicher Irrtum. In Wahrheit
wird der Mensch durch die Hingabe an Gott seinem eigenen Selbst nicht nur nicht
entfremdet, er wird vielmehr zu sich selbst gebracht. Er findet in Gott
Geborgenheit und Ruhe gegenüber seiner Angst und seiner Unbeherrschtheit. Das
Gleiche lässt sich unter kollektivem Aspekt von der These sagen, welche Karl
Marx hinsichtlich der Gesellschaft vertreten hat.
Trotz solcher Gründe, welche die Haltung des heutigen Menschen verständlich, wenn auch nicht akzeptabel erscheinen lassen, ergeben sich gegenüber radikalen Zukunftshoffnungen und Anstrengungen aus dem christlichen Glauben zwei entscheidende Fragen. Die erste lautet, ob es zwischen dem christlichen Glauben und der heutigen Weltvorstellung notwendig die vermuteten Gegensätze gibt und das eine das andere ausschliesst. Die zweite lautet, ob anstatt einer wahren Humanität nicht eine Reduzierung des Menschlichen, ja eine Inhumanität heraufbeschworen wird. Diese Frage ist umso ernster, weil der christliche Glaube geradezu behauptet, dass er den Menschen den Weg zur wahren, reifen und vollen Menschlichkeit eröffnet.
4.
Kapitel
Kein
notwendiger Gegensatz zwischen dem christlichen Glauben und der »heutigen«
Welt
Was das erste Problem betrifft, so besteht in der Tat kein notwendiger Gegensatz zwischen dem Christen-
36
turn
und der heutigen »Welt«. Der christliche Glaube setzt nichts ausser Kraft, was
Wissenschaft und Technik an menschlicher Bildung und Kultur, Weltgestaltung und
Zukunftshoffnung in sich bergen. Es ist nicht sinnlos, zu diskutieren, ob das »menschliche«
Anliegen des philosophischen Marxismus mit dem Christentum in unversöhnlichem
Gegensatz steht oder nicht vielmehr innerhalb seiner verwirklicht werden kann,
soweit es um seine echten Anliegen geht, und zwar als gesellschaftliche und als
wirtschaftliche Ordnung in einem übergreifenden Sinn, in einem übergreifenden
Ganzen. Der Glaube setzt weder der Wissenschaft noch der menschenwürdigen
Weltformung eine Grenze. Wenn dies in früheren Zeiten gelegentlich geschah und
es als menschliche Hybris veranschlagt wurde, wenn der Mensch in seinen
wissenschaftlichen Bemühungen zu den Sternen griff, so wurde dies vom Zweiten
Vatikanischen Konzil mit Nachdruck als Fehler bezeichnet und beklagt. Dieses
Konzil hat denn auch gegenüber dem modernen Menschen eine völlig neue Haltung
eingenommen. Die Kirche gibt zwar keine konkrete Anweisung für die
innerweltliche Gestaltung der Zukunft, für die rechte Form der Kultur oder der
Politik. Sie verpflichtet jedoch in der Pastoralkonstitution »Die Kirche in der
Welt von heute« ihre Angehörigen zu vollem Einsatz für die rechte
Weltordnung, d. h. die Vermenschlichung aller irdischen Gestaltungen. Sie
versucht, die Menschen durch ihre Verkündigung für einen derartigen
Welteinsatz fähig und bereit zu machen. Sie preist gerade die dem heutigen
Menschen am Herzen liegenden Haltungen, die Freiheitsliebe, das
Verantwortungsbewusstsein, die Initiative, das Engagement. Es fragt sich bei all
diesen Überlegungen allerdings, ob die wirtschaftlichen Thesen von Karl Marx
von seiner
37
Forderung
nach Beseitung jedweder Religion getrennt werden können. Er selbst lehnt diese
Möglichkeit entschieden ab (siehe Bd. 2). Manche Theologen nehmen sie jedoch
aus.
So
auffallend es erscheinen mag, dass die Kirche die früher von ihr kritisierten
Ideale der Französischen Revolution »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«
heute Gegenstand ihrer Verkündigung sein lässt, so wird dies verständlich aus
deren Befreiung von ihren antikirchlichen Verstrickungen und aus einem neuen
Selbstverständnis der Kirche.
Auch
die Kirche richtet ihr Auge in die Zukunft. Dies ist für sie wesentlich. Sie
blickt jedoch über alle irdischen Zukunftshoffnungen hinaus und durch sie
hindurch auf eine absolute Zukunft, nämlich auf die unmittelbare
Selbstmitteilung Gottes an die menschliche Gesellschaft und an deren einzelne
Angehörige, die darin begründete Vergöttlichung der Welt und der Menschheit.
Diese absolute Zukunft transzendiert auch die radikalsten, innerweltlichen
Zukunftshoffnungen, ohne sie als vorläufige Gestaltungen abzulehnen. Die Kirche
erweist die letzteren auch in ihren grössten und intensivsten Wünschen und
Bildern eben als vorletzte Wirklichkeit. Dies heisst keineswegs, dass sie ihnen
den Wert abspricht, sondern dass sie das Menschliche, über alles Begreifliche
auf ein unsagbares Geheimnis hin radikalisiert und erst so ganz zu sich selbst
bringt. Dadurch wird gerade den innerweltlichen Werten eine Bedeutung
zugeschrieben, welche sich nicht aus ihrer eigenen Sinnhaftigkeit heraus
erkennen lassen. Sie erweisen sich nämlich im Lichte der absoluten Zukunft als
notwendige und unentbehrliche Wege und Mittel zum Absoluten. Ohne Nächstenliebe
gibt es keine Strasse, die zu Gott hinführt.
Die
irdischen Werte werden auch in jener absoluten
38
Zukunft
nicht einfach dahingeschwunden sein, sondern in neuen Gestalten aufgehoben
bleiben, d. h.: sie werden in verwandelter Gestalt weiterleben. So haben Welt
und Weltgestaltung nicht nur innergeschichtliche, sondern ewige Bedeutung. Dies
führt dazu, dass die Verpflichtung auf sie durch den Glauben nicht geschwächt,
sondern verschärft wird. Im Lichte der christlichen Zukunftserwartung
erscheinen die ausschliesslich weltimmanenten
Zukunftshoffnungen nicht als falsch, sondern als zu kurzatmig, können
sie noch so hoch und noch so gewaltig sein. In ihnen unternimmt der Mensch mit
Recht unendlich viele und mühsame, oft äusserst erfolgreiche
Transzendenzschritte, die horizontalen, welche unterwegs steckenbleiben, nicht
bis zum letzten Ziele durchstossen, den Menschen aber dennoch nicht entmutigen.
In ihnen überschreitet sich der einzelne Mensch jeweils auf die Gesellschaft
hin, zugleich auf die Materie hin. Er lässt jedoch so das unsägliche Geheimnis
ausser acht, welches die ganze Welt und die menschliche Gesellschaft umfasst. Er
fragt nicht zu viel, sondern zu wenig. Er ist nicht radikal genug. Das
Christentum bedeutet in dieser Dimension nicht eine Radikalisierung, sondern
eine Transradikalisierung der Menschheit auf sich selbst hin.
5.
Kapitel
Manipulierung
des Menschen
Was
die zweite vorher genannte Frage betrifft, so erhebt sich das schwere Bedenken,
dass in dem extrem auf Wissenschaft und Technik gesetzten Ver-
39
trauen
echte menschliche Werte wie Freundschaft, Liebe, Freude, Freiheit keinen Raum
mehr finden. Diese sind nicht Ausdrucksgestalten der manipulierbaren Nerven. Sie
haben vielmehr ihren eigenen Sinn, auch wenn sie sich nur im naturhaften Medium
ereignen können. Die Anthropologie kann nie auf Physiologie oder Biochemie
reduziert werden. Wir wollen dies an einem Beispiel veranschaulichen. Wenn
jemand auf dem Klavier Töne hervorbringt und einen Naturwissenschaftler, etwa
einen Physiker, um deren wissenschaftliche Analyse bittet, so wird sich ein präzises
Resultat ergeben, welches in mathematischen und physikalischen Formeln
dargestellt werden kann. Es wäre jedoch ein grosser Irrtum, wenn man glauben würde,
mit den mathematisch-physikalischen Formeln sei der Vorgang erschöpfend
beschrieben. Gerade die Hauptsache ist dabei ausgelassen worden, nämlich die
Melodie. Diese lässt sich mit mathematisch-physikalischen oder
chemisch-physiologischen Methoden nicht erreichen. Dennoch ist sie die
eigentliche Wirklichkeit. Sie hat einen ihr immanenten Sinn, der sich nur mit
der Methode des geistigen Verstehens erreichen lässt. Dieser liegt in und über
den physikalischen Vorgängen. Er kann sich ohne sie nicht verwirklichen. Aber
er ist mehr und anderes als diese. Unser Beispiel vermag einen Zugang zu dem
menschlichen Person-Geheimnis zu erschliessen, welches sich in Liebe und
Freundschaft öffnet. Eine nur mathematisch-physikalisch oder
chemisch-biologisch vorgehende Untersuchung des Menschen sieht notwendigerweise
an seinem eigentlichen menschlichen Geheimnis vorbei. Dieses geht nicht auf in
den Vorgängen, welche der Naturwissenschaft zugänglich sind. Die gegenteilige
Ansicht würde eine völlige Dynamisierung und Aktualisierung des Menschen mit
sich bringen und das
40
Menschliche
zerstören. Wo die blosse Zweckmässigkeit zur Herrschaft kommt, geht die
Sinnhaftigkeit unter, Da wird das Menschliche des Menschen angenagt und ausgehöhlt.
6.
Kapitel
Relative
und absolute Zukunft
Ein
anderer Einwand gesellt sich hinzu. Die Anstrengungen auf eine völlig neue
Zukunft in der schöpferischen Umgestaltung unserer Welt und des Menschen selbst
nehmen endlose Zeiten in Anspruch. Der einzelne lebt aber heute und hier, und
sein Leben ist kurz. Er kann es nicht in die erhoffte Zukunft hinein verlängern.
Er müsste daher, falls die Evolution zu neuen Weltformen der einzige Sinn des
Lebens wäre, seine Gegenwart der Zukunft opfern. Solches Schicksal träfe nicht
nur diesen oder jenen, sondern Unzählige. Sie müssten sich auf dem Altar der
Zukunftshoffnung als Opfer darbringen oder darbringen lassen. Wo »heute« für
die Erschaffung der Zukunft mit gefühlloser Kälte Gewalt angewendet wird,
treten solche Opfer in zahllosen Erscheinungen, ja in unzählbaren Millionen von
Toten hervor. Der erhoffte futuristische Humanismus müsste mit einem gegenwärtigen
Antihumanismus erkauft werden. Der Mensch braucht, um leben zu können, ein
erreichbares Nahziel. Ein Fernziel genügt nicht.
Es
ist auch zu betonen, dass eine blosse Lebensverlängerung, wie sie viele von der
Medizin und der Bio-
41
Chemie
erwarten, keine Befreiung, sondern eine Last mit sich brächte, falls mit der
Lebensverlängerung nicht eine neue, uns bisher unbekannte Intensivierung des
Lebens, und zwar nicht nur hinsichtlich des äusseren Verlaufs, sondern vor
allem der inneren, erfüllten Lebendigkeit erreicht würde. Diese könnte
naturgemäss nicht im Biologischen steckenbleiben. Sie müsste sich vielmehr in
der Dimension des Geistigen, des Erkennens, des Wollens, der Liebe, des Fühlens
vollziehen. Man fragt sich jedoch, wie derartiges vor sich gehen soll.
Andererseits fordert gerade die Transzendierung auf den Absoluten, auf den
Unendlichen, auf das unsagbare Geheimnis hin die stärkste Intensität des
menschlichen Geistes. Aber gerade sie wird abgelehnt und verfemt. Wenn dem
Menschen die im religiösen Glauben eröffnete Intensität oft nicht zu
Bewusstsein kommt, so liegt das in seinem Mangel an Transzendierungsbereitschaft
oder anders ausgedrückt: an der menschlichen Sünde, welche ist Selbstsucht
oder wirklichkeitswidrige Selbstbehauptung. Innerhalb dieser Überlegungen ist
die Aussage Nietzsches verständlich, dass der Mensch, in welchem Gott »tot«
ist, der kleine Mensch ist, ebenso die andere aus Nietzsches Philosophie, dass
in der Welt, in der Gott gestorben ist, in ewiger tödlicher Langeweile das
Gleiche immer wiederkehrt. Mit der endlosen Verlängerung des menschlichen
Lebens, sei es in individueller, sei es in kollektiver Form, wäre in der Tat
nichts gewonnen.
Angesichts
der heutigen Situation kann der christusgläubige Mensch in Schrecken geraten,
und zwar sowohl um des Christentums willen als auch um des Menschen willen. Was
die Sorge um das Christentum betrifft, so kann er sich freilich trösten, weil
es eine unzerstörbare Verheissung hat und selbst dann noch seine
stellvertretende heilbringende Aufgabe erfüllen
42
kann,
wenn es auf eine kleine Zahl zusammenschrumpfen sollte.
Was hingegen den Menschen betrifft, so ist der Christusgläubige überzeugt, dass es wahre Humanität nur in der radikalen Selbsttranszendierung des Menschen und in der unbedingten Selbstmitteilung Gottes gibt. Er fürchtet also für die wahre Humanität, für den echten Humanismus. Gott, und nur er, ist letztlich Garant der menschlichen Würde. Der Gottesglaube verhindert, dass der Mensch blosses Werkzeug der Gesellschaft wird
43
24.
ABSCHNITT
Möglichkeit
und Tragweite des heilshaften Gesprächs zwischen Gott und dem Menschen
1.
Kapitel
Die
Offenheit des Menschen für Gott
Für
die Analyse der Frage mag es dienlich sein, von dem Verhältnis des einzelnen
zum einzelnen bzw. zur Gemeinschaft und zur Natur auszugehen. Der Mensch ist von
seinem Wesen her dem Menschen und der Sachwelt zugeordnet. Die menschliche
Existenz ist wesentlich Mitexistenz. Der Mensch ist ein Sozialwesen. Dies drückt
sich am deutlichsten im menschlichen Wort aus. Die Worthaftigkeit des Menschen
ist Erscheinung und Zeugnis des wahrhaft Menschlichen. Der Mensch kann sich
nicht selbst verstehen oder denken, ohne in sein Selbstbewusstsein den anderen
und die materielle Welt mit aufzunehmen. Diese sind konstitutive Elemente seines
Selbstbewusstseins.
Den
real-ontologischen Hintergrund bilden zwei Tatsachen: die Geschöpflichkeit des
Menschen und der Evolutionsvorgang. Infolge der im göttlichen Schöpfungswillen
gründenden Alleinheit des Geschaffenen kann der Mensch nur als Glied der
Gesamtschöpfung verstanden werden. Diese Sicht erfährt eine Vertiefung durch
die Evolutionstheorie. Danach ist der Mensch trotz der unmittelbaren Erschaffung
des individuellen Geistes durch Gott das Ergebnis
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eines
langen Entwicklungsprozesses. Infolge seiner leiblichen Herkunft aus der einen
gottgeschaffenen Wurzel ist er allen Dingen verwandt und durch zahlreiche
gegenseitige Relationen verbunden, am lebendigsten und folgenreichsten auf dem
zwischenmenschlichen Niveau (siehe die Lehre von der Schöpfung).
Indem
der einzelne sich dem einzelnen öffnet, öffnet er sich zugleich der
Gemeinschaft und der materiellen Welt. Infolge der Leiblichkeit kann der Mensch
seine Existenz auf keine Weise anders vollziehen als in der Transzendierung auf
die Welt hin. Es ist nicht in sein Belieben gestellt, ob er dies tut oder unterlässt.
Die Selbsttranszendierung ist vielmehr einbegriffen in seine Selbstbejahung.
Diese
Zusammenhänge werden noch deutlicher, wenn wir den Menschen unter den Aspekten
der Personhaftigkeit, des Werdens und der Zukunft sehen. Personhaftigkeit
bedeutet, dass der Mensch sich selbst besitzt, dass er er selbst ist in der
Offenheit gegenüber dem anderen. Person ist vom Wesen her offen für Person (H.
Volk). Selbstverschliessung bedeutet in ihrer letzten Radikalität Selbstzerstörung
(H. Volk, Gläubige als Gläubigkeit, Mainz 1963. Derselbe, Gott alles in allem.
Gesammelte Aufsätze, Mainz 1961).
Der
menschlichen Person ist das Werden zugeordnet. Sie gewinnt jeweils ihre wahre
Gestalt nur, indem sie über sich hinaus auf den anderen zugeht. Wenn der Mensch
bei sich bleibt, wird er gerade nicht, der er werden kann und soll. Dies gelingt
ihm nur, wenn er sich verlässt. Wer sein Leben bewahrt, wird es verlieren. Nur
wer es hingibt, wird es gewinnen. Solche dialektischen Aussagen werden verständlich,
wenn wir bedenken, dass in der Begegnung Möglichkeiten wachgerufen, ausgelöst
und realisiert werden, die ohne den Ruf des anderen immer in der Tiefe des
menschlichen
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Selbst
schlummern würden und ungehoben blieben, die also ständig in reiner
Potentialität verharren mussten. Wessen ein Mensch fähig ist, kann man nicht
von vorneherein wissen. Wir sind immer wieder überrascht von den Möglichkeiten,
die unbewusst und unerkannt in uns schlafen und erst hervortreten, wenn die
Stunde kommt, in welcher sie gerufen werden. Da kann es vorkommen, dass wir
glauben, uns selbst nicht mehr zu kennen. In solchen Situationen wird sichtbar,
wie tiefgreifend die Verwandlung sein kann, welche eine Begegnung wirkt. Dennoch
werden wir dabei nicht unserem eigenen Selbst entfremdet. Dieses gelangt
vielmehr auf solche Weise erst zu seiner Fülle und zu seinem eigentlichen Sein.
Das
Werden führt den Menschen in jene Zukunft hinein, in welcher er zum Ziel
gelangt. Das Ziel heisst, vom Menschen her gesehen, das Selbstsein des Menschen
oder die »eigentliche« Existenz, oder im Sinne der Schrift: die heile Existenz
in der leiblichen Verklärung (Vergöttlichung). Zu diesem Ziele kann der Mensch
nicht gelangen, wenn er sich nicht ständig auf den Menschen hin, durch ihn auf
die materielle Welt und letztlich auf Gott hin transzendiert.
Solche
Überlegungen bieten uns den Schlüssel für das Verständnis der Begegnung des
Menschen mit Gott, welche sich in der göttlichen Offenbarung ereignet, Der
besondere Charakter dieser Begegnung ist dadurch gegeben, dass Gott nicht ein Du
ist nach der Art des menschlichen Du, sondern der Schöpfer des Menschen, und
dass der Mensch sein Geschöpf ist. Von diesem menschlichen Selbstverständnis
aus können wir die eben angestellten Analysen fruchtbar werden lassen. Geschöpf
sein bedeutet für den Menschen eine besondere Relation zu Gott. Diese begreift
ein Doppeltes in sich: die Setzung des Menschen durch
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Gott
und die menschliche Eigenexistenz. Hier tut sich eine Antinomie auf, welche
nicht befriedigend gelöst werden kann. So steht das Geheimnis an der Wurzel des
Menschseins. In der Relation des Menschen zu Gott sind diese beiden gegensätzlichen
Elemente vereinigt. Wenn wir von der Setzung des Menschen durch Gott sprechen,
so betrifft diese Aussage das Dass, nicht das Wie. Sie schliesst also nicht aus,
dass der Mensch im Strome der Evolution erst nach Milliarden von Jahren in einer
bestimmten Weltsituation hervorgetreten ist, indem unter dem schöpferischen
Einfluss Gottes die Materie sich in einem wesentlichen Sprung transzendierte und
in der so entstandenen Struktur der Materie durch Gottes schöpferische Kraft
und aus Gottes schöpferischer Fülle der Geist als gestaltendes Prinzip
gebildet wurde. Man darf sich die Setzung des Menschen durch Gott nicht als
einen punktuellen Akt vorstellen. Sie ist vielmehr ein immerwährendes
Geschehen. So existiert der Mensch immerfort auf Grund der Setzung Gottes. Gott
entlässt ihn in einem kontinuierlichen Schöpfungsakt immerfort in seine
Existenz und in seine Freiheit.
Von
den sonstigen Geschöpfen unterscheidet sich der Mensch dadurch, dass in der
Materie, die ihn mitkonstituiert, der Geist die Augen aufgeschlagen hat, so dass
von dieser Stunde an die Schöpfung in der Gestalt des Menschen über sich
selbst und über ihre Herkunft, d. h. über Gott zu reflektieren vermochte.
Dieser Vorgang der Menschwerdung erreicht innerhalb der Geschichte die höchste
Stufe in Jesus Christus. Denn in ihm transzendiert sich die Materie nicht bloss
in den Geist hinein, so dass sie mit ihm ein Wesen bildet, sondern über den
geschaffenen Geist hinaus in Gott hinein, so dass Gott der Subsistenzgrund des
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Menschen
Jesus Christus ist (K. Rahner, Schriften zur Theologie, V, Einsiedeln 1962).
Der
Ursprung des Menschen aus Gottes schöpferischem Willen und die darin begründete
Hinordnung zu Gott drückt sich psychologisch in der Gottesahnung aus. Was der
Mensch in den Gottesbeweisen vollzieht, kann man als Reflexion auf diese
Gottesahnung und deren rationale Explikation verstehen. In der Ahnung Gottes
dringt der ontologische Zusammenhang in den Bereich des Bewusstseins vor. So
wird es begreiflich, dass, wie der Tiefenpsychologe C. G. Jung sagt, die
Vorstellung eines übermächtigen göttlichen Wesens überall vorhanden ist. Sie
ist in der Sicht Jungs ein Archetypus. Die Bilder vom Göttlichen, die der
Mensch bewusst oder unbewusst in sich trägt, darf er nicht unterdrücken, wenn
er nicht seelisch erkranken will. Jung versichert, dass keiner seiner Patienten
wirklich geheilt wurde, der nicht eine religiöse Einstellung erreichte. Diese
Erkenntnis bedeutet, dass der Mensch für Gott offen ist. So ist die Hinwendung
zu Gott für Jung nicht Zeichen einer infantilen Hilflosigkeit oder der Ohnmacht
gegenüber den Schicksalsmächten, nicht ein vom Menschen produziertes Opium für
sein unruhiges Inneres, sondern der Ausdruck des menschlichen Wesens. Für diese
Interpretation des Menschen lautet die entscheidende anthropologische Frage, ob
der Mensch auf Unendliches bezogen ist oder nicht. Solche Analysen führen zu
dem Ergebnis, dass es für den Menschen keine Überfremdung oder Vergewaltigung
bedeutet, wenn sich Gott ihm zuwendet, sondern eine Befreiung in das wahrhaft
Menschliche hinein, eine Entsiegelung und Lösung der gebundenen Potentialitäten
(z. B. C. G. Jung, Symbole der Wandlung, Zürich 1952).
48
2.
Kapitel
Der
Mensch — Bild Gottes
Dies
wird noch von einer anderen Seite her deutlich. Wenn Gott schafft, so stellt er
sich notwendigerweise selbst dar. Er geht in der Schöpfung über sich hinaus,
bleibt aber doch zugleich in sich selbst. Das Ergebnis seines schöpferischen
Tuns ist gewissermassen eine analoge Verwirklichung seiner selbst. Mit Vorzug
wird vom Menschen gesagt, dass sich Gott in ihm abzeichnet. Der Mensch wird in
der Schrift »Bild« Gottes genannt; er ist an dem Tun Gottes in seiner
menschlichen Freiheit teilzunehmen berufen. Es ist ein ähnlicher Vorgang wie in
der menschlichen Sprache. In unserem Worte gehen wir über uns hinaus auf den
anderen zu. Wir drücken uns selbst aus und bringen uns zur Erscheinung, auch
wenn wir nicht von uns selbst, sondern von Gegenständen reden, die von uns
verschieden sind. »Der Mensch ist sein Stil.« Erst recht treten wir selbst in
Erscheinung, wenn wir in dem Worte unser Selbst, d.h. unser Inneres erschliessen.
Wenn wir nur über Gegenstände sprechen, können wir unsere eigenen Zuhörer
sein. Wenn wir aber unser Inneres erschliessen, so ist unser Selbst in den
Vorgang einbezogen.
Das
in der Schöpfung begründete Verhältnis zu Gott hat zur Folge, dass der
Mensch, wenn er sich selbst zu verstehen versucht, sich als Bild Gottes versteht
und verstehen muss. Er sieht daher und kann sehen in sich selbst Gott wie in
einem Spiegel. Bonaventura analysiert diesen Sachverhalt mit einer
charakteristischen Schattierung, wenn er erklärt, dass der Mensch dann am
meisten Bild Gottes ist, wenn er tätig wird, insbesondere aber, wenn er sich
glaubend und liebend Gott zuwendet. Bonaventura dynamisiert
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mit
dieser Erklärung das Bi!d Gottes im Menschen. Das Bild Gottes in der Schöpfung
ist demgemäss kein ein für allemal gegebener gleichbleibender Zustand, sondern
immerwährendes Werden. Es befindet sich im Prozess der Bildung. Die Schöpfung
ist auf dem Wege der Bildung des Bildes Gottes (H.Dolch, Zukunftsvision und
Parusie. Die Evolution auf den Punkt Omega hin, in: Wahrheit und Verkündigung,
Paderborn 1967, 330). In einem solchen Selbstverständnis kann der Mensch Gott
erfahren. Näheres über die Gottebenbildlichkeit des Menschen in Bd. 3 und 4.
Das
Bewusstsein von Gott erscheint hier als Element des menschlichen
Selbstbewusstseins. Würde es dem menschlichen Selbstbewusstsein fehlen, so wäre
es ein Zeichen dafür, dass der Mensch sich selbst nicht in seiner Tiefe
versteht. So könnte er nur ein reduziertes Bewusstsein seiner selbst gewinnen.
Die
Aufnahme des Gottesbewusstseins als Element des eigenen Selbstbewusstseins und
Selbstverständnisses bewegt sich nicht neben der vorhin geschilderten
konstitutiven Wirksamkeit des Weltbewusstseins im menschlichen Selbstverständnis.
Es handelt sich vielmehr um eine einzige Bewusstseinsbewegung. Wenn der Mensch,
von seinem Wesen getrieben, sich über sich selbst hinaus auf den Menschen und
auf die materielle Welt hin transzendiert, stösst er dabei auf das göttliche
Du, falls er die Bewegung nicht wirklichkeitswidrig stoppt. Er kann das
Bewusstsein von Gott nicht haben, ohne das Bewusstsein von seinen Mitgeschöpfen
zu haben. Er kann dieses letztere nicht besitzen, ohne das Bewusstsein vom Schöpfer
und der gesamten übrigen Wirklichkeit zu haben. (Diese Überlegungen
implizieren nicht einen bloss funktionalen Gott. Denn das »Gottesbewusstsein«
ist verstanden als Echo des rufenden Gottes selbst.)
50
25.
ABSCHNITT
Die
natürliche Gotteserkenntnis als Anknüpfungspunkt für die »übernatürliche«
Offenbarung
1.
Kapitel
Das
Selbstbewusstsein, welches vom Wesen des Menschen her die Erfahrung und das
Bewusstsein von Gott in sich begreift, ist der Ansatzpunkt für jene göttliche
Selbstmitteilung, welche die Theologie üblicherweise die »übernatürliche«
Offenbarung nennt. Was das Wort »übernatürlich« sagen will, soll später
erklärt werden. An dieser Stelle sei nur betont, dass es seiner inhaltlichen
Seite nach die Teilnahme am dreipersonalen Leben Gottes meint, gemäss der
Formel: durch Christus im Heiligen Geist zum Vater. Wegen der in der
Bildhaftigkeit des Menschen und in seiner Gottesrelation gegebenen
Verwandtschaft mit Gott und dem Göttlichen ist in ihm eine Entsprechung zu Gott
und ein Ansatz zur Annahme der göttlichen Selbstmitteilung. Infolgedessen wird
durch den Akt der göttlichen Selbstmitteilung der Mensch nicht von einer
fremden Macht überfallen, sondern von einer vertrauten Wirklichkeit in das
Vertrauen gezogen. Er ist infolge seiner Gotteserfahrung imstande, den Anruf
Gottes zu hören. Das Wort Gottes ist für ihn nicht unverständlich. Die Möglichkeit
des Verständnisses besteht auch
51
dann,
wenn im Anruf Gottes anderes und mehr gesagt wird, als der Mensch auf Grund
seiner (natürlichen) Gottesebenbildlichkeit hierüber begrifflich erkennen
kann. Der Mensch wird auf Grund seiner Zugehörigkeit zu Gott vom Anruf Gottes
immer erreicht und getroffen. So kann Gottes Wort in seinem Innern Wurzel
schlagen. Dass der Mensch auch ein solches Wort Gottes zu hören und aufzunehmen
vermag, welches ihm anderes und mehr. Unerwartetes und Unbegreifliches sagt, als
er in seiner (natürlichen) Gottesbildlichkeit schon in sich trägt, das ihn
also über seine (natürliche) Gotteserfahrung hinausführt, liegt begründet in
dem Transzendenzcharakter, in welchem er Gott gegenüber offen ist.
Infolge
der Immanenz Gottes kann man ihn als das Innen oder als die Tiefe des Menschen
bezeichnen. Er ist jedoch das dem Menschen transzendente Innen oder die ihm
transzendente Tiefe. Nach diesen Bildern könnte man die übernatürliche
Offenbarung als eine aus dem Innen oder aus der Tiefe des Menschen selbst
kommende Bewegung verstehen, wenn diese Formel nicht zu schweren Missverständnissen
führen würde. Es ist das dem Menschen transzendente Innen bzw. die ihm
transzendente Tiefe, welche sich im Vorgang der übernatürlichen Offenbarung
aktualisiert. Mit anderen Worten: Der Mensch hat auf Grund seines Ursprungs die
in seinem Wesen haftende (positive) Fähigkeit für das Übernatürliche im
strengen Sinn. Er hat von seinem Wesen her ein übernatürliches Existential in
sich (K. Rahner). Er ist des Dialogs mit Gott fähig, auch wenn ihm in einem
solchen Dialog Mitteilungen zuströmen, welche nicht aus seinem eigenen
menschlichen Wesen erfliessen können, die also nicht nur Aktualisierungen
dessen sind, was er selbst als immanente Möglichkeit in sich trägt, die
vielmehr für ihn
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Überraschungen
oder auch Zumutungen bedeuten, weil sie ihn wesenhaft über alles Gewohnte und
Erreichbare hinausführen. Im Grunde genommen ist es nicht verwunderlich und
nicht erstaunlich, wenn der Mensch von Gott über seine immanenten Möglichkeiten
hinausgeführt wird. Denn das unsägliche Geheimnis, welches wir Gott nennen,
mit dem die Menschen im Offenbarungsvorgang in Kontakt treten, ist anders als
der Mensch. Es ist zwar die Tiefe und das innerste des Menschen. Es ist dies
aber in der Weise, dass es zugleich dem Menschen jenseitig ist. Weil Gott anders
ist als der Mensch, sagt er anderes als der Mensch selbst sagen oder auch nur
erwarten kann. Das von ihm Gesagte wird aber auch so und auf jeden Fall das
eigene Innen des Menschen, mag es auf welche Weise immer ihm innerlich werden.
Es
ist also die dem Menschen von seinem Wesen her immanente Gotteserfahrung, an
weiche Gott anknüpft, die durch Gott über ihren eigenen Status hinaus
aktualisiert wird, in eine neue Existenzdimension und in eine neue religiöse
Bewusstseinslage hinein. Gott überwältigt dabei den Menschen nicht, so dass
dessen Freiheit gefährdet oder vernichtet würde. Er vollzieht vielmehr, des
Menschen apriorische Gotteserfahrung ansprechend, seine Selbstmitteilung als ein
Angebot, das der Mensch in voller Freiheit annehmen oder ablehnen kann.
Unsere
Überlegungen beziehen sich zunächst auf das Verhältnis des Menschen zu Gott
in der Vertikalen. Sie gelten jedoch auch hinsichtlich der Horizontalen. Es
entspricht der geschöpflichen Eigentümlichkeit des Menschen, Bild Gottes im
Prozess der Bildung des Bildes zu sein, wenn sich Gott dem Menschen nicht
punktuell in einem Augenblicke, sondern in einem ge-
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schichtlichen
Ablauf von Handlungen erschliesst, bis die Fülle erreicht ist.
Man
muss hier noch eine wichtige Bemerkung anfügen. Wie schon angedeutet wurde, verändert
Gott durch seine Selbsterschliessung im menschlichen Geiste dessen
Bewusstseinslage. Der Vorgang der Selbsterschliessung bedeutet ja nicht nur eine
äussere Berührung des menschlichen Geistes, sondern eine »innere Erleuchtung«,
um einen in der Theologie üblichen Ausdruck zu gebrauchen. Die göttliche
Selbsterschliessung verbindet sich so mit der gnadenhaften Erhellung des
menschlichen Bewusstseins. Dies bedeutet naturgemäss nicht eine Steigerung der
menschlichen Begabung. Eine solche Vorstellung wäre phantastisch. Es werden
vielmehr eine neue Sicht der Wirklichkeit, ein neuer Horizont des Seinsverständnisses
und des Weltverständnisses, eine neue Perspektive eröffnet, Es geschehen Vorgänge,
die unserer Alltagserfahrung analog sind, wenn wir angesichts eines bestimmten
Erlebnisses sagen müssen oder können: »Da sind mir erst die Augen
aufgegangen.« Die schöpferische Bewusstseinsverwandlung des Menschen durch
Gott ist identisch mit dem göttliche Akt der Selbsterschliessung. Sie folgt
diesem nicht nach und geht ihm nicht voran, sondern fällt mit ihm zusammen.
Dieses Problem wird uns im nächsten Kapitel noch einmal beschäftigen.
Wenn der Mensch trotz einer gewissen Verwandtschaft mit Gott die göttliche Selbsterschliessung als unerwartet, ja vielleicht als einen zwar nicht völlig unwillkommenen, aber doch als nicht erhofften, ja ungebetenen oder sogar lästigen Gast empfindet, so ist dies in der die Verwandtschaft durchkreuzenden Sündhaftigkeit begründet. Durch die Gnade wird das
54
Gefühl
der Befremdlichkeit weggenommen oder zurückgedrängt.
Wie
der einzelne, von Gott angesprochene Mensch dessen gewiss wird, dass nicht die
Stimme des eigenen Inneren ruft, sondern dass in seinem Innen der diesem
zugleich jenseitige Gott spricht, ist ein Problem, welchem wir in diesem Buch
nicht mit der notwendigen Genauigkeit nachgehen können, wenngleich es zu den
wichtigsten Fragen unseres Problemfeldes gehört. Es ist jedoch so sehr das
Thema einer eigenen theologischen Disziplin, nämlich der Fundamentaltheologie,
dass wir es in diesem Werk ausklammern müssen oder nur in wenigen Strichen
andeuten können. Die Fundamentaltheologie verweist auf die innere Kraft, mit
welcher sich Gott im Menschen durchsetzt, und ausserdem auf göttliche Zeichen
und Machttaten (Wunder), die den Offenbarungsvorgang beglaubigen. Diesen Zeichen
haben wir kurz unsere Aufmerksamkeit gewidmet. Das unsagbare personhafte
Geheimnis, welches sich in dem von ihm gerufenen Menschen durchsetzt, kündigt
sich im Offenbarungsvorgang mit solcher Klarheit, Reinheit, Deutlichkeit und
Lebendigkeit als Gottes Geheimnis an, dass der davon Getroffene nicht
entweichen, nicht ausweichen, nicht fliehen kann, auch wenn er hierzu einen
angestrengten Versuch machen wollte. Wir sehen dies an den Gotteserfahrungen der
alttestamentlichen Propheten, z. B. des Jesaias, des Jonas oder des Jeremias.
Schon Adam und Eva machten die Erfahrung, dass man Gott nicht entrinnen kann.
Die
göttliche Selbsterschliessung trifft zunächst einen einzelnen. Dieser überzeugt
durch das Feuer seines Wortes die Gemeinschaft, der sich Gott in seinem Worte
zuwenden will, mit solcher Kraft, dass die Gruppe annimmt, was er ihnen von Gott
vermittelt.
55
Späteren
Generationen wird das einmal von Gott Getane durch das Wort der Verkündigung so
vergegenwärtigt, dass es in das Bewusstsein eindringt, wie wenn es eben jetzt,
»heute«, der ganzen Gemeinschaft zuteil würde. Das Vergangene wird so
aktualisiert, dass die Hörer ein unmittelbares Verhältnis zu dem einmal
Vermittelten gewinnen. Dies setzt im Vermittler eine tiefe Gottverbundenheit
voraus.
2.
Kapitel
Wenn
der Mensch trotz seiner Verwandtschaft mit Gott und trotz der ihm in der göttlichen
Selbsterschliessung zuteil werdenden Gnade der inneren Berührung, Erleuchtung
und Bewusstseinsänderung die göttliche Selbsterschliessung als Überfremdung
seines Wesens empfinden kann und empfindet, so hat dies verschiedene Gründe:
Einmal die Andersartigkeit Gottes, sodann und vor allem die letztlich unerklärliche,
in der menschlichen Freiheit begründete Widersetzlichkeit gegen Gott, die sich
erheben kann, wenn der Mensch aus der ihm wesensgemäss zukommenden
Selbstbehauptung herausgerufen wird und gehorsam in ein anderes Existenzfeld
eintreten soll. Es sei daran erinnert, dass die Geschöpflichkeit ein doppeltes
Moment enthält, die Relation der Abhängigkeit von Gott und das Selbstsein des
Menschen. Es ist schwer, diese beiden Momente in ihrer Einheit zu realisieren.
Wenn die Abhängigkeit von Gott verabsolutiert und die Eigenexi-
56
stenz
des Menschen geleugnet wird, bewegt man sich auf den Pantheismus zu. Wenn
umgekehrt die Eigenexistenz verabsolutiert wird und die Setzung durch Gott
verneint wird, bewegt man sich auf den Atheismus zu. Es ist denkerisch
einfacher, einen Pol dieser Alternative zu wählen, als die Synthese zu finden.
Infolge seiner Freiheit ist der Mensch einer derartigen Einseitigkeit fähig,
sei es der pantheistischen Verschmelzung (F. Hegel), sei es der selbstherrlichen
Loslösung von Gott und der Auflehnung gegen ihn (K. Marx).
Der
Mensch kann in diesem Bereiche noch zusätzlich gereizt werden durch die Art der
Offenbarung, durch die Inkarnierung des Göttlichen in unscheinbare menschliche
Formen (Ärgernis erster Ordnung) und darüber hinaus durch die Art der Verkündigung
der göttlichen Selbsterschliessung (Ärgernis zweiter Ordnung), wenn die Verkündung
nämlich allzu autoritär und selbstsicher auftritt, oder wenn sie den
humanistischen Grundzug und das humanistische Ziel der göttlichen Offenbarung
nicht sichtbar werden lässt, oder wenn das Leben des Gottesboten in Widerspruch
steht zu seiner Botschaft.
3.
Kapitel
Die
Problematik der Vermittlung
Eine
besondere Problematik entsteht dadurch, dass Gott nicht unmittelbar jeden
einzelnen für sich erleuchtet und gnadenhaft mit einem neuen Bewusstsein
beschenkt, sondern sich einem einzigen als dem Ver-
57
treter
einer Gruppe, als dem Repräsentanten von vielen, als einer »korporativen Persönlichkeit«
zuwendet, so dass ein solcher Mensch, was er selbst empfangen hat, an seine
Gruppe oder auch an andere weitergeben soll. Eine solche Sendung gehört
wesentlich in den Vorgang bestimmter göttlicher Offenbarungen hinein. Darin
liegt zugleich die Aufforderung an die anderen, dem so Erwählten in den
innersten Anliegen des eigenen Lebens, in den Fragen des Heils, zu vertrauen und
sich seinem Worte anheim zu geben. Dies kann als ein Schlag gegen das
Selbstbewusstsein empfunden werden. Es kann sich das Ärgernis auftun: Warum
dieser und nicht ich? Denn das Vertrauen auf einen solchen Offenbarungsempfänger
von seiten der anderen scheint ohne irgendeine Form von Unterwerfung unter sein
Wort, welches er als Gottes Wort verkündet, nicht möglich zu sein.
Wenn
wir den Vorgang analysieren, zeigt sich ein helleres Resultat. Wenn nämlich das
Innere eines Menschen durch das Wort eines anderen in Bewegung gesetzt wird, so
braucht dies keine Überfremdung des angesprochenen Ich zu sein, und zwar
deshalb nicht, weil jede menschliche Existenz wesenhaft, nicht nur praktisch.
Mitexistenz ist, und daher jeder einzelne sein eigenes menschliches Wesen nur
durch die Aufnahme des anderen in sein Bewusstsein und in sein Leben zur
Entfaltung zu bringen vermag. Dieser Vorgang wird am meisten erfahren in der
menschlichen Liebe. Die Aufnahme des geliebten Du wird nicht als eine Überfremdung,
sondern als eine Erfüllung des Ich empfunden und erlebt.
Im
Falle der göttlichen Selbsterschliessung kommt hinzu, dass der Hörende und
Empfangende nicht nur durch einen Mitmenschen bereichert und zu einer höheren
Stufe der Existenz emporgeführt wird, indem er
58
an
dem Leben und an dem im Worte sich objektivierenden Selbstbewusstsein des
anderen teilnimmt, sondern durch Gott selbst. Dieser ist es ja, welcher das im
Worte des Redenden sich darstellende Bewusstsein gebildet und bewegt hat. So
spricht Gott selbst den einzelnen an. Er wählt aber hierfür den Menschen als
Medium, Gott geht zum Menschen über den Menschen, und es ist seinem Geheimnis
vorbehalten, wen er als Weg zum anderen wählt. Dass er aber überhaupt diesen
Weg wählt, hat seinen Grund in der Mitmenschlichkeit der individuellen
Menschen. Dabei ist es ähnlich wie in den höchsten Formen der
zwischenmenschlichen Begegnung, eben in der Liebe. Es ist das unsägliche
Geheimnis der Liebe Gottes, welche sich über den Offenbarungsempfänger den übrigen
einsenken will. Wo sich im Alten Bund die Botschaft von der Selbsterschliessung
Gottes zusammenfasst, wird die Liebe als Inbegriff des Gesetzes proklamiert, die
grundlose, unableitbare Liebe Gottes und die durch sie hervorgebrachte Liebe der
Menschen. So bleibt es auch in der Vermittlung göttlichen Tuns bei einer
zwischenmenschlichen Begegnung. Der Weitergebende ist jedoch hierbei nicht nur
durch seine eigene Menschlichkeit, sondern durch das diese formende
Gottesgeheimnis bestimmt.
Die
jeweils dem Akt der göttlichen Selbsterschliessung vorausliegende Einheit einer
menschlichen Gruppe wird durch das Offenbarungswort, das der von Gott Ergriffene
an die anderen richtet, vertieft, verlebendigt und überhöht. Die göttliche
Selbsterschliessung hat eine sozialisierende Kraft. Der Mensch soll die ihn von
seinem Wesen her bindende Gemeinschaftlichkeit und Brüderlichkeit auch in der
Dimension des Religiösen erfahren und auf höherem Niveau vollziehen. Die
Menschen sollen im Religiösen ebenso-
59
wenig
wie Monaden nebeneinanderleben wie in den übrigen Regionen des menschlichen
Daseins. Die Gemeinschaftlichkeit im Religiösen richtet keine Wand auf zwischen
Gott und dem einzelnen, durch welche die Gottunmittelbarkeit gehemmt würde.
Jeder einzelne ist zu Gott unmittelbar als Glied der Gruppe. Es ist richtiger,
zu sagen: als Glied der Gruppe, nicht als Glied in der Gruppe, weil so der
einzelne in seinem Eigensinn klarer hervortritt (K. Rahner, Schriften zur
Theologie V, Einsiedeln 1962; ebda.. VI. 1965.465).
60
26.ABSCHNITT
Skeptizismus
und Atheismus als
Feinde
des Offenbarungs-Glaubens
1.Unterabschnitt
Biblische Kritik am Atheismus
a)
Im AT
In
einer Fülle von Texten bezeugen das AT und das NT, dass es sich beim
Gottesglauben und bei der Gottesleugnung sowie dem Skeptizismus nicht nur um
intellektuelle Vorgänge handelt, nicht nur um eine Theorie, ob Gott in der Welt
anerkannt werden kann, d. h. ob die Welt als Schöpfung Gottes erkennbar ist, ob
Gott existiert oder nicht, ob also Gott oder der Mensch das höchste Wesen ist,
sondern um den Anstoss, dass der Mensch sich dem in der Schöpfung gegenwärtigen
Gottesgeheimnis hingibt. In diesem Sinne ist auch jener Text zu verstehen,
welcher in einer mehr als in früheren Schriften intellektuell interessierten, nämlich
in der hellenistischen Zeit, im Weisheitsbuch entstanden ist. Weish 13,1-3: »Toren
von Natur waren schon alle Menschen, denen die Erkenntnis Gottes fehlte und die
nicht imstande waren, aus den sichtbaren Gütern den Seienden zu erkennen, und
die beim Betrachten der Werke den Werkmeister nicht fanden. Hingegen Feuer,
Winde, flüchtige Luft, den Kreis der Sterne, das gewaltige Wasser, das Leuchten
des Himmels hielten
61
sie
für Götter, die die Welt regieren. Doch wenn sie schon, hingerissen durch
deren Schönheit, sie für Götter hielten, so hätten sie doch wissen sollen,
um wie wundervoller ihr Gebieter ist.«
Im
Kampfe gegen die mythische, heidnische Umwelt mit ihrem Dualismus und ihrer
Vielgötterei hatte das AT das primäre Interesse, Jahwe als den einzigen wahren
Gott zu glauben und zu verkündigen, der mühelos die ganze Welt mit ihrer
Vielgestaltigkeit hervorgebracht hat und immerfort trägt, der alles bestimmt
und selbst durch nichts bestimmt wird. Die biblischen Autoren sagen dies nicht
im Sinne einer theoretischen Kenntnisgabe, sondern in einem ethisch-religiösen
Ruf und Aufruf an ihre Volksgenossen und Landsleute. Der Anruf könnte etwa so
übersetzt werden: »Lasst euch von solchen Göttern nicht verführen, sondern
gebt euch Jahwe im Vertrauen, im Glauben und in Treue hin. Er ist trotz vieler
Enttäuschungen der einzige, wahre und lebendige Gott«. Es ist nicht zu übersehen,
dass die Verfasser Jahwe als den Schöpfer aller Dinge erklären, der mit keiner
Gegenmacht zu kämpfen braucht, dem keiner wehren und keiner Grenzen setzen
kann, den keiner gefährden und keiner bedrohen kann. Er wird als der universale
Gott erfahren und beschrieben, dessen unbestrittenes und unbestreitbares
Herrschaftsgebiet nicht der Raum einer Nation, sondern die Welt ist. Er bringt
die ganze Welt als die Bühne der Gesamtgeschichte hervor, nicht nur als die Bühne
einer Nationalgeschichte. Er ordnet die Welt wie sein Haus, er legt das Paradies
wie einen Garten an, er handelt wie ein Gärtner, er bringt den Menschen hervor,
wie ein Töpfer auf seiner Töpferscheibe seine Figuren hervorbringt, ohne
Kampf, ohne Mühe, nach eigenem Entscheid. Der ganze mythische Götterhimmel fällt
in dieser Erzählung zusammen. In einer sol-
62
chen
entmythologisierten Wirklichkeit bleibt kein Raum für ein böses Urprinzip, für
einen etwaigen metaphysischen Dualismus. Der lebendige Gott kann für das Böse
nicht zur Verantwortung gezogen werden, wie aber wohl die mythischen Götter und
Göttinnen mit der letzten Verantwortung für das Unheil der Welt belastet sind.
Dieser eine Gott ist auch nicht verstrickt in das Böse in der Welt, insofern
diese etwa der Ausfluss (Emanation) aus seinem Wesen wäre.
Das
Böse ist vielmehr durch die menschliche Freiheitsentscheidung wider den ursprünglichen
Heilsplan Gottes in die menschliche Geschichte eingebrochen. Es war Ausdruck
einer besonderen Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, dass er die Menschen trotz
ihrer Widersetzlichkeit nicht einfach ihrem Schicksal preisgab, sondern sich um
sie kümmerte und in immer neuen Anläufen ihnen das Heil anbot. Ja, die
Israeliten sollten sich dessen bewusst sein, dass die Heilspläne Gottes ursprünglich
eine universale Weite hatten, dass sie aber, ohne sich von dem Ganzen der Schöpfung
abzuwenden, sich mit immer grösserer Intensität einer Gruppe von Menschen
zuwandten, welche die Vorläuferin des Volkes Israel war (Gen 1-3).
Alles
in allem ist unser Text, insbesondere die Priesterschrift mit dem Sechstagewerk,
ein Danklied auf Gott, der von Anfang an bis zur jetzigen Stunde alles heilshaft
gefügt hat und sich durch die Widerspenstigkeit seines irdischen Bundespartners
nicht nur nicht zum Rücktritt vom Bunde treiben liess, sondern seine
Anstrengung, das Heil darzubieten, steigerte, ohne freilich jemals das Heil
aufdrängen zu wollen. Dieser Charakter einer Dankeshymne wird besonders
deutlich, wenn der Text nach der Art eines Refrains immer wieder sagt: »Und
Gott sah, dass es gut war.« Dieser Satz will nicht etwa das metaphysische
Gutsein, son-
63
dem
die Heilshaftigkeit der göttlichen Taten und Werke bezeugen.
Der
Lobeshymnus auf Gott schliesst in sich die Abweisung der Göttervorstellungen,
die in jenen Völkern umgingen, mit denen Israel im Laufe seiner bewegten
Geschichte in Berührung gekommen war (bei den Ägyptern, bei den Babyloniern,
bei den Assyrern und bei anderen). Es war in der Tat einfach unerhört, dass im
Rahmen des altorientalischen Polytheismus ein Volk, noch dazu eines der
kleinsten, den Monotheismus glaubte und lehrte. Der Polytheismus war denn auch
seine ständige Versuchung. Er muss daher auch ständig abgewehrt werden. Wenn
etwa Gott im Schöpfungshymnus der Genesis gepriesen wird, dass er am vierten
Schöpfungstage Sonne, Mond und Sterne erschaffen hat, so stellt dieses Wort für
den jüdischen Gläubigen eine Demaskierung der Sternengötter dar, die in den
babylonischen Astralreligionen verehrt wurden. Dieser Text gibt trotz seines
ruhig dahinfliessenden Gehabes in einem »gewaltigen antimythischen Pathos« (G.
v. Rad) auf die Frage Antwort, ob den Sternengöttern Marduk und Sin der
Babylonier oder den Tiergöttern der Ägypter nicht doch Wahrheit zukommt. Die
Verfasser bzw. der Priestertext geben die kategorische Antwort, dass weder Tiergötter
noch Sternengötter existieren. Es gibt vielmehr nur einen Gott. Das ist der
Gott der Väter. Er ist ewig und hat mit leichter Hand die ganze Wirklichkeit,
alles Sichtbare und Unsichtbare hervorgebracht, und zwar so, dass sie heilsam
ist für den Menschen und seiner Freude und seiner Lebenserfüllung dienen soll
(G. v. Rad, Theologie des AT, München 1957).
So
ist es begreiflich, wenn im Alten Testament die Überzeugung herrschte, dass nur
der Tor oder die Törin erklären, es gebe keinen Gott (z. B. Pss 14,1;
53,2;
64
Hiob
2,10; Jer 5,14). Die Torheit ist umso grösser, weil Gottes Herrlichkeit aus der
Natur hervorleuchtet, so dass jeder, wenn er nicht blinden Auges ist, sie sehen
kann (Jes 14,18-31). Ein solcher Tor leugnet nicht einfachhin die Wirklichkeit
Gottes, sondern dessen Wirksamkeit im Leben und seine Führung in die Zukunft.
Er bedenkt nicht wie der Weise, dass der Herr vom Himmel herab auf die Menschen
blickt, um zu sehen, ob es einen Verständigen gibt, der Gott noch befragt (Ps
14,2). Eine solche Torheit ist schwere Schuld. Der Tor verlangt nach
ungebundenem Leben. »Der Sünder rühmt sich noch seiner Gier; er preist den
Gewinn und verschmäht den Herrn. In Hochmut denkt der Frevler: Er wird es nicht
rächen; es ist kein Gott« (Ps
10 [9b], 3). Ein solcher weigert sich, Gott anzuerkennen (Jer 5,12). Noch
schärfer verurteilt die Schrift des Alten Bundes die Gottlosigkeit der Völker,
die den wahren Gott nicht kennen. Die Verurteilung solcher Völker kann sich bis
zu der Formel zuspitzen, dass sie in Nacht und Todesschatten sitzen, dass sie
keine wahre Existenz haben, weil ihnen das wahre Existenzprinzip, Gott, fehlt.
Dabei wird Götzendienst als Atheismus gebrandmarkt. Auch dieser kollektive
Atheismus ist nach dem Alten Testament nicht zu entschuldigen.
Die
den Atheisten vorgeworfene »Torheit« wird dennoch leicht entschuldigt (Weish
13,4-9): »Und wenn sie schon über deren (der Dinge) Kraft und Wirksamkeit
staunten, so hätten sie doch daraus sehen sollen, um wie viel mächtiger ihr
Schöpfer ist. Denn aus der Grösse und Schönheit der Geschöpfe wird
vergleichsweise ihr Schöpfer erschaut. Indes verdienen sie nur geringen Tadel;
denn sie gehen vielleicht nur irre, während sie wirklich Gott suchen und ihn
finden wollen. Denn mit seinen Werken beschäftigt, durchforschen sie diese,
lassen sich aber durch den Anblick
65
verführen,
weil das, was sie sehen, so schön ist. Doch andererseits sind sie damit auch
nicht zu entschuldigen. Denn wenn sie imstande waren, so viel zu erkennen, dass
sie die Welt durchforschen konnten, wie kam es dann, dass sie den Herrn dieser
Dinge nicht eher fanden?«
Für
das Verständnis dieses Textes ist zu bedenken, dass dem Verfasser die
Erkenntnis des einen, wahren Gottes, des Gottes Israels, am Herzen lag. Er
treibt keine natürliche Theologie im Sinne des Aristoteles oder der
nachtridentinischen Zeit. Er bekämpft vielmehr den ringsum grassierenden
Polytheismus und entwickelt eine Apologetik für Jahwe, für den israelitischen
Monotheismus. Die vom Ersten Vatikanischen Konzil (DS 3001) gelehrte natürliche
Erkennbarkeit Gottes ist daher im angeführten Text impliziert, aber nicht
explicite dargestellt. In dem Text wird der suchende Philosoph geschildert, der
sich nicht wie die »Toren« seiner Leidenschaft überlässt und daher Gottes
Gericht leugnet, sondern sich um die Wahrheit müht, aber nicht zur vollen
Wahrheit durchstösst. Wenn die Schuld dieser gottlosen Gelehrten im Raume der
hellenistischen Kultur auch nicht jenen schweren Tadel verdient wie die
gottlosen Sünder der Psalmen, so sind sie doch nicht ohne Schuld. Trotz ihrer
Gelehrsamkeit haben sie die wichtigste Erkenntnis nicht erreicht, dass nämlich
Gott nicht mit dem Weltall identisch ist. Auch diesen philosophischen Atheismus
sieht das Alte Testament in einer schuldhaften Entscheidung, nicht in einem
verzeihlichen intellektuellen Irrtum begründet. Im Hintergrunde dieses »Atheismus«
steht eine apersonale Gottesvorstellung, der Glaube an ein göttliches »Es«,
an die Numinosität des Alls, welche sich in den »Göttern« in mannigfacher
Weise darstellt.
66
b)
Im NT
im
Neuen Testament begegnet uns der gleiche existentielle Aufruf in Paulinischen
Texten, nämlich im Römerbrief (1,18-28) und in den in der Apostelgeschichte
dem Paulus zugeschriebenen Reden zu Lystra (Apg 14,14-18) sowie auf dem Areopag
in Athen (Apg 17,22-30). Alle diese Texte sind weit davon entfernt, blosse
Belehrungen zu sein. Sie sind vielmehr Warnungen, Aufrufe und Appelle, den in
der Welt und dem Weltgeschehen, in der Geistigkeit des Menschen und in dem
Fortgang der Geschichte handelnden und sich zeigenden Gott, seine Gnade und sein
Gericht, zu erkennen.
Paulus
steht in der Tradition Israels, wenn er im Schreiben an die Römer erklärt,
dass der Götzendienst und die Unkenntnis Gottes unentschuldbar sind (Röm
1,18-28). Denn was von Gott erkennbar ist, das ist ihnen offenbar (Röm 1,19).
Gott hat es ihnen geoffenbart. Aber sie wollten einen Gott nach ihrem Herzen und
vertauschten daher den wahren Gott mit den Götzen (Röm 1,25).
Diese
Texte zielen demgemäss darauf, den Menschen durch den Hinweis auf die Welt als
Schöpfung zu sich selbst, nämlich zum wahren und echten Selbstbewusstsein, zum
eigentlichen Selbstverständnis zu rufen, welches ohne Gottesbewusstsein und
Gottesverständnis nicht möglich ist.
Im
Mittelalter war man überzeugt, dass die Natur ein Buch ist, in welchem die
Handschrift Gottes derjenige zu lesen vermag, dem der Glaube die Augen öffnet
und reinigt (z. B. Bonaventura).
67
2.
Unterabschnitt
Hauptphänomene
des Skeptizismus und des Atheismus
in
Neuzeit und Gegenwart
Hinführung zu der Problematik
Insbesondere
wird behauptet, die bisherigen Gottesvorstellungen (Gott ist das Sein, der Herr
des Himmels und der Erde, der Absolute u. s. w.) seien veraltet und daher
unverständlich. Daher müssten, wenn Gott nicht geleugnet werden soll, neue
Gottesbezeichnungen und Gottesbilder gefunden und geschaffen werden. Nach
Teilhard de Chardin (gest. 1955) sollen unsere traditionellen Gottesbegriffe
sozusagen aus der Steinzeit stammen. Auch der alttestamentlich-patriarchalische
Gott werde dem kosmischen Denken nicht gerecht. Alle unsere Gottesvorstellungen
sind nach
68
diesen
Theorien zu anthropomorph oder zu metaphysisch.
Schon
seit dem 13. Jahrhundert sind es prinzipiell zwei Haupteinwände, welche gegen
die Wirklichkeit Gottes erhoben werden. Einwände, welche bisher keine
befriedigende Lösung gefunden haben und daher ihre Virulenz nicht nur behalten,
sondern steigern. Das erste Argument lautet, wie schon Thomas von Aquin
berichtet, es könne Gott nicht geben, weil die zahllosen Übel in der Welt, die
Sünde und der Schmerz, das Elend und die Not, die Grausamkeit und die Qual, die
Sinnlosigkeiten und bestürzenden Zufälle, sowohl im Leben der Menschen
insgesamt als auch im Leben des Einzelnen und darüber hinaus im Leben der
Tiere, mit dem Wirken und der Wirklichkeit eines gütigen Gottes unvereinbar und
daher eine unübersteigerbare Mauer gegen den Gottesglauben seien. Der zweite
Einwand lautet, dass für die Erklärung der von uns erfahrbaren Welt die
Annahme eines Gottes nicht nötig, sondern überflüssig sei, da die Menschen
alles selbst machen könnten (vgl. Averrois-mus).
Was
den ersten Einwand betrifft, so muss man zugeben, dass der masslose Schmerz und
das unsägliche Leid sowohl in seiner Weite als auch in seiner Tiefe eine drückende,
dunkle, auch von der Heiligen Schrift anerkannte (Der Prediger) Aporie im
menschlichen Bereich und auch in der Welt der Tiere darstellen und dem Bilde
eines sorgenden und liebenden Gottes widersprechen (G. B. Shaw lässt das Negermädchen
sagen; »Wenn ich Gott wäre, gäbe es keine Tse-Tse-Fliegen«). Heute kann man
den unzähligen, in diesem Felde gegen Gott erhobenen Argumenten hinzufügen das
häufig zu hörende Wort: Nach Auschwitz und den anderen Konzentrationslagern in
aller Welt kann man
69
nicht
mehr an Gott glauben, ohne sich Absurditäten zuschulden kommen zu lassen.
Es gibt zwar viele Erklärungsversuche für das Leid (menschliche, der Freiheit entspringende Schuld, biologischer und läuternder Sinn des Schmerzes, Entwicklungsbewegung zu immer höheren Stufen, eschatologische Vollendung, die Schicksalsgemeinschaft zwischen den Menschen untereinander und den Menschen mit der übrigen Welt, namentlich der Tiere). Sie bringen aber keine befriedigende Lösung. Indirekt könnte man dem Einwand seine schärfste Spitze abbrechen, indem man sagt, die Ablehnung Gottes gestalte die Situation des Menschen noch hoffnungsloser. Sie nähme jede Aussicht auf eine leidfreie Zukunft. Insbesondere kann die evolutionistische These den Schmerz des einzelnen nicht legitimieren. Sie würde vielmehr dessen Rechtfertigung in sich schliessen, insofern der einzelne auf dem Altar der besseren Zukunft geopfert wird.
Was den zweiten Einwand betrifft, so konnte er aus dem von Thomas von Aquin entwickelten Schöpfungsbegriff durch dessen Vereinseitigung hervorwachsen. Bei der Interpretation des christlichen Schöpfungsbe-griffes wird mit Recht sowohl die Abhängigkeit der Welt von Gott als auch die ihr von Gott gegebene Eigenwirklichkeit, Eigentätigkeit herausgearbeitet. Indem unter dem Einfluss naturalistischer Vorstellungen von diesen beiden Polen von Abhängigkeit und Selbständigkeit nur der eine im Laufe der geschichtlichen Entwicklung übrig blieb, nämlich die Selbständigkeit, kam es zu einer atheistischen Welterklärung (Säkularismus).
Wenn
P.S. de Laplace (gest. 1827)
erklärt hat, er brauche für seinen Weltentwurf die »Hypothese« Gott nicht,
so kann man dieses Wort als den Ausdruck der thomasischen Schöpfungstheolo-
70
gie
des 13. Jahrhunderts verstehen. Nebenbei sei bemerkt, dass La-place selbst mit
seinem zynisch klingenden Ausspruch nicht den Atheismus begründen wollte, wie
er in einer authentischen Interpretation erklärt hat.
In
der Neuzeit, insbesondere seit der Aufklärung, kam es aufgrund der
fortlebenden, gewissermassen traditionellen zwei Einwände gegen Gott zu einer
sich immer weiter auffächernden Begründung des Atheismus oder wenigstens des
Skeptizismus. Die zutage tretenden Motive verflechten sich in mannigfacher Weise
zu einem einheitlichen Entwicklungsprozess, wenn sie sich auch in ihren
Einzelgestalten benennen lassen.
Bei
der Gewichtigkeit der Vorgänge sollen sie kurz skizziert werden. Die Gründe
kommen von aussen und von innen, von den geistigen Räumen ausserhalb der
christlichen Glaubenswelt und der Entwicklung dieser selbst. Was die ersten
betrifft, so erwachsen sie aus der neuzeitlichen Kosmologie, aus der
Naturwissenschaft im Zusammenhang mit der Technik, aus der machtvoll sich
entfaltenden Geschichtswissenschaft, aus der Soziologie, aus der Politik.
Dabei
sei am Rande vermerkt, dass man dort nicht im strengen Sinne von Atheismus
sprechen kann, wo zwar keine ausdrückliche Bejahung der Personhaftigkeit
Gottes, wohl aber eine Bejahung des »Göttlichen« vorliegt. Bei der
Schwierigkeit des Begriffes eines personalen Gottes muss man damit rechnen, dass
in jenen religiösen oder religiös-philosophischen Systemen, in denen die
Personhaftigkeit Gottes abgelehnt wird, insbesondere in den Systemen des Fernen
Ostens, nur die mit unserem Erfahrungsbegriff vom Personalen scheinbar
verbundene Endlichkeit Gottes, ähnlich wie übrigens auch von G. Herder, um
einen europäischen Philosophen zu nennen, abgelehnt wird. Im übrigen
71
muss man sagen, dass überall dort, wo über das Religiöse nicht nur reflektiert, wo es vielmehr im Gebet vollzogen wird, wie zum Beispiel im Buddhismus und im Hinduismus, ein lebendiger Gott angerufen wird. Denn der Vollzug des Religiösen geschieht immer nur im Dialog mit Gott, in der Hoffnung, dass Gott Hilfe gewährt und gnädig ist.
Man kann um der Klarheit willen auch zwischen einem negativen und einem positiven Atheismus unterscheiden. Der negative besteht darin, dass ein Mensch noch nie eine Vorstellung oder einen Begriff von Gott gewonnen hat. Der positive besteht darin, dass jemand glaubt, überzeugende Beweise gegen die Existenz Gottes zu besitzen. Dieser Atheismus entwickelt sich in der Regel zum Antitheismus.
2.
Kapitel
Charakteristische
atheistische Erscheinungen
in Neuzeit und Gegenwart
a)
Möglichkeitsgrund des Atheismus
Der Möglichkeitsgrund für die Leugnung Gottes und für den Skeptizismus ist der Verborgenheitscharakter Gottes in seiner Selbsterschliessung. Die in der Heiligen Schrift bezeugten Formen des Atheismus stellen die wichtigsten Gestalten der atheistischen Geisteshaltung überhaupt dar. Diese hat im Laufe der menschlichen Geschichte zwar viele Varianten hervorgebracht, aber im Kerne bis in unsere Tage immer die gleichen Motive und Anlässe gehabt. Heute stellt der Atheismus allerdings ein weitverbreitetes Phänomen dar.
72
Häufiger
als der reine Atheismus findet sich bei Philosophen und auch bei manchen
Theologen sowie in der Lebenswelt der säkularisierten Gesellschaft der
aporetische Agnostizismus, der, falls er nicht einfach der Uninteressiertheit
der Bequemen oder auch der Überlastung der Überbeanspruchten entspringt, aus
der scharf betonten Erkenntnis der menschlich-rationalen Begrenztheit oder auch
aus der menschlichen Mündigkeit und Freiheit resultieren kann. Er ist von der
Überzeugung getragen, dass sich die für die metaphysischen Haupt- und
Grundfragen, Existenz Gottes, Freiheit, Unsterblichkeit der Seele, keine
wissenschaftlichen Beweise entwickeln lassen. Er überlässt jedoch weithin die
nach ihm von der Vernunft nicht zu klärenden Fragen der freien Entscheidung
oder dem Glauben. Er folgt dabei dem Zerstörer der Metaphysik, l. Kant,
unterscheidet sich aber von diesem Philosophen dadurch, dass Kant die genannten
drei Elemente als Postulate der praktischen Vernunft erklärt, während der
Skeptizismus unserer Tage ihre Geltung und Realität überhaupt offen lässt (H.
R. Schlette, Der Agnostizismus und die Christen. Wahrheit und Verkündigung,
Paderborn 1967, l, 123-147).
Die
aus der christlichen Glaubenswelt selbst hervorbrechenden Elemente gegen die
Existenz Gottes haben ihre Wurzel in einer ungenügenden Verkündigung des
Glaubens, in einer Überbetonung sei es der Transzendenz, sei es der Immanenz
Gottes, also in vermeidbaren Vorgängen, aber auch in der Schwierigkeit des Verkündigten,
das infolge der göttlichen Verborgenheit vielfach eine Befremdung und Zumutung
darstellt, sowie in der Widerwilligkeit gegen Gott oder, wie Paulus sagt, in der
Bosheit des menschlichen Willens.
73
In
einigen kurzen Bemerkungen sollen diese Punkte erläutert werden.
b)
Motive
aa)
Das neue Weltgefühl
Die
Erfindungen und Entdeckungen, die Fortschritte von Wissenschaft und Technik
haben im Laufe der Neuzeit ein völlig neues Weltgefühl hervorgebracht. Die
Welt schien sich in die Unendlichkeit auszudehnen. Sie erweckte das Gefühl des
Numinosen. Sie wurde mit ihrem Reichtum und ihrer Mächtigkeit selbst als göttlich
oder als Gort empfunden (Giordano Bruno, Spinoza, Goethe, Hölderlin,
Schelling). Die Frömmigkeit besteht in dieser Sicht in dem rechten Verhältnis
zur Natur. Das Natürliche ist zugleich das Heilige und Fromme. Das Unnatürliche
oder Widernatürliche ist der Frevel schlechthin. Im Laufe der Entwicklung wurde
zwar die Welt mit steigender Deutlichkeit als eine endliche Grösse erkannt. Das
Bewusstsein von ihrer numinosen Tiefe ging mehr und mehr verloren. Die
Naturwissenschaft lehrte, dass die messbaren und kontrollierbaren Gegebenheiten
und Vorgänge als das einzig Wirkliche zu betrachten sind (Positivismus). So
wurde der Tatsachensinn und die Tatsachentreue als das allein Legitime
anerkannt. Nur das unmittelbar Gegebene hatte Geltung. Die Welt wurde im Laufe
des 19. Jahrhunderts als ein mechanischer Kausalzusammenhang erfasst, für
dessen Verständnis und Funktion Gott überflüssig ist, ja hinderlich wäre,
wenn es ihn gäbe. In der neuesten Entwicklung der Naturwissenschaft wird zwar
die Vorstellung vom mechanischen Kausalzusammenhang wieder in Frage gestellt.
Der Gottesglaube kehrt aber nicht allgemein, sondern nur in einzelnen Vertretern
zurück.
74
bb)
Das neue Lebensgefühl
Mit
dem neuen Weltgefühl verbindet sich ein tiefgreifender anthropologischer
Subjektivismus. In der entgotteten Welt tritt der Mensch immer mehr und mehr als
Mittelpunkt des geistigen und ethischen Lebens auf. Er wird Massstab und Norm,
wonach alles zu messen und zu werten ist. Dabei wird in erster Linie die
Vernunft, aber auch der menschliche Wille und das menschliche Gefühl als
Grundlage verwendet. Es vollzieht sich ein lange dauernder, aber intensiver
Emanzipationsprozess des Menschen von den früheren Bindungen, insbesondere von
der Bindung an die Kirche, aber auch von der Bindung an bestehende staatliche
und wirtschaftliche Formen (französische Revolution, heutiger Terrorismus). Der
Mensch kann sich in allen Fragen des Lebens selbst helfen, auch in den
Grenzsituationen. Es wäre allerdings unrealistisch, wenn man nicht mit
Nachdruck hervorheben würde, dass die Menschen in ihrem bisherigen, durch
Wissenschaft und Technik genährten Lebensgefühl der Autonomie infolge der
Umweltgefahren, der Begrenzung der Rohstoffe und der Energiekräfte sowie der
Gefahren der Kernenergie und des Verlustes eines tieferen Lebenssinnes, der
Verdunkelung des »Woher« und des »Wohin« verunsichert worden sind. Gerade
die dadurch hervorgerufene Verzweiflung führt nicht wenige zu dem Versuch, mit
Gewalt eine neue Ordnung zu schaffen, welche ihnen künftigen Lebenssinn zu
versprechen scheint.
cc)
Neue Philosophie
An
dieser Entwicklung ist ausser der Naturwissenschaft mit ihren vielen Zweigen
beteiligt die Philosophie im allgemeinen. Immanuel Kant (gest. 1804) hat die
Aufklärung bekanntlich verstanden als den Aus-
75
gang
des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Er forderte auf zu
dem Wagnis, die Vernunft ohne fremde Anleitung zu gebrauchen. Nicht mehr Gott,
sondern die menschliche Vernunft soll das höchste Gesetz des menschlichen
Handelns sein.
Die
Geschichtswissenschaft lehrte, die Relativität aller Wahrheiten und aller
ethischen Normen zu erkennen. Es gab in der durch sie gebotenen Orientierung
nichts Unwandelbares und Festes, sondern nur den immerwährenden Wandel.
Eine
besondere Rolle spielte die Soziologie. Ihr Begründer, Auguste Comte (gest.
1857), erklärte, dass sich das menschliche Erkennen auf Tatsachen beschränken
müsse, welche unsere Sinne darbieten. Was jenseits der Erfahrung liege, sei
verschlossenes Land. Darüber können wir nach ihm keine Aussage machen. Comte
will jedoch zugleich das religiöse Bedürfnis des Menschen befriedigen. Es
entspringt nach seiner Meinung dem Verlangen der Menschen, sich mit allen
Gliedern der Menschheit zu verbinden. An die Stelle des lebendigen Gottes tritt
die Menschheit mit allen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ihr gehörenden
Einzelmenschen. Ihr ist religiöse Verehrung zu weihen. Die Menschheit stellt
sich dar in ihren grossen Männern. Daher gebührt ihnen religiöser Kult. Zu
diesem fühlt sich das menschliche Herz gedrängt. So paradox es klingt: Der
Positivismus Comtes, der sich auf die kontrollierbaren Tatsachen der Erfahrung
zurückziehen will, entthront Gott und vergöttert die Menschen.
76
c)
Richtungen
aa)
Ludwig Feuerbach
Ausgedehntes
philosophisches Material für den sich immer weiter verbreitenden und immer
heftiger wirkenden Atheismus bot das Denken Ludwig Feuerbachs (gest. 1872). Er
betrachtete das Einzelne und zwar das Materielle als das allein Wirkliche, das
Allgemeine sei Illusion. Als Zentralwissenschaft bezeichnete er die Physiologie.
Der Mensch ist nach ihm ein rein organisches Wesen. Das menschliche Denken ist
Funktion physiologischer Vorgänge. Das Prinzip der Ethik ist der Glückstrieb.
Gott ist die Schöpfung psychologischer menschlicher Bedürfnisse. Der Mensch
projiziert seine ihm zunächst unerreichbaren Wünsche und Ideale, Sehnsüchte
und Hoffnungen in eine höhere Welt hinein, nennt diese Gott und bringt ihr
anbetende Verehrung dar. Sobald das Glück der Menschen verwirklicht ist und die
Menschen mündig sind, wird der Gottesglaube sterben. Es sei daher mit allen Kräften
danach zu streben, dass die materielle Lage der Menschen so verbessert werde,
dass sie des Glaubens an den von der Welt verschiedenen Gott nicht mehr bedürftig
seien. Das religiöse Moment fehlt in dieser Philosophie nicht vollständig,
insofern Feuerbach erklärt, der Mensch, und zwar nicht der einzelne, sondern
die Menschheit sei für den Menschen Gott. Gott ist in dieser Sicht ein
Strukturelement, eine Funktion des Menschen. Der Mensch schuf und schafft Gott
nach seinem Bilde.
bb»
Karl Marx
Die
grösste Wirkgeschichte entfaltet im Felde unserer Problematik Karl Marx, der
Begründer des dialektischen und historischen Materialismus (gest. 1883). Er
77
wendet
sich im Gegensatz zu der Philosophie Feuerbachs dem Problem des
Gesellschaftlichen zu und lehnt jegliche religiöse Orientierung ab. Nach ihm
muss die Welt so verwandelt werden, dass die Menschen auf ihr leben können,
ohne vom Leid gequält zu werden. Dieser Weltverwandlung steht nach K. Marx der
Gottesglaube im Wege. Er vertritt die These, dass Gott Einbildung sei, Gerede,
Schöpfung und Funktion der Menschen. Diese haben sich nach ihm als Opium in
ihrem Elend das Bild eines gütigen Gottes an die Wand ihrer Phantasie
projiziert und setzen auf dieses selbstgeschaffene Bild ihre inbrünstigen
Hoffnungen. Gott ist der Seufzer der bedrängten Kreatur. Dieses Bild muss zerstört
werden, damit sich die ganze Anstrengung der Menschen realistisch der Gestaltung
der Welt zuwenden kann und nicht in der Anbetung Gottes verschleudert wird.
Unter »Welt« versteht er die gesamte materielle Produktion und das System der
menschlichen Beziehungen untereinander. Die Welt ist die Welt der Arbeit, der
Industrie und der Technik. Der Mensch bildet mit der ihm vorgegebenen und von
ihm zu verwandelnden Welt eine Einheit. Ja, die Natur ist das unorganische Leben
des Menschen. So stellt sich der Mensch selbst dar, wenn er in Arbeit und
Industrie die Natur gestaltet. Er gestaltet sich hierbei selbst und gelangt so
zu seiner wahren menschlichen Existenz. In seiner weltgestalterischen Bemühung
wird er Herr der Natur. Nur so gewinnt und vollzieht er seine wahre Freiheit. Er
wird der Schöpfer seiner selbst. Dieser Weltzustand ist ihm nicht mit der Welt
schon geschenkt. Er ist vielmehr eine Aufgabe, für deren Bewältigung alle
Opfer gebracht werden müssen, auch wenn sie erst in ferner Zukunft zum Erfolge
führen werden. Diese Zukunft erhebt sich am Horizont der menschlichen
Hoffnungen als die vollkommene
78
Gesellschaft,
in der es keine Übel mehr gibt. Wer dieser Zukunft nicht mehr teilhaftig werden
kann, findet seinen Trost in dem Glauben, dass er an dem Kommenden mitgestaltet.
Der Gott der Bibel lässt Übel und Sünde zu. Er ist ein langmütiger, ein
unerträglich langmütiger Gott. In der menschlichen Zukunftswelt wird der
Mensch nicht mehr wie in der Zeit des Gottesglaubens Träumen von einem glücklichen
Jenseits nachhängen. Da wird er nicht mehr seinem wahren und eigentlichen Wesen
entfremdet. Ausdrücklich erklärt Marx: Damit der Mensch sich mit dem vollen
Einsatz seiner Kräfte der Zukunftsaufgabe widmen kann, muss jede Form des
Gottesglaubens, auch die privateste im Inneren der Herzen, überwunden werden.
Die Religion kann in diesem System auch nicht als Privatangelegenheit geduldet
werden. Auch der private Gottesglaube hat immer öffentliche Tragweite, insofern
er die Tatkraft der Menschen in der Gestaltung der Welt abschwächt. Der Kampf
gegen den religiösen Glauben ist daher ein zentrales Anliegen dieses Denkens.
Die Schärfe der antitheistischen Aussagen zeigt den messianischen Charakter der
Marx’schen Philosophie.
Nur
durch die Arbeit, nicht durch den religiösen Glauben und das Gebet wird der
Mensch wahrhaft Mensch. Die Arbeit des einzelnen ist nur in der Gesellschaft möglich.
Umgekehrt sind Produktion und Austausch der Produkte die Grundlagen der
gesellschaftlichen Ordnung, so dass die Gliederung der Gesellschaft durch die
Methode und die Art der Produktion bestimmt wird. In der kapitalistischen Welt
gehört dem Arbeiter das von ihm Produzierte nicht selbst. Er steht ihm geradezu
fremd gegenüber. Dadurch wird ihm die Arbeit ihrerseits fremd und unverständlich.
Er wird sich so selbst fremd. Er erscheint sich als Ware, als Gegenstand und tröstet
sich angesichts seines Preis-
79
gegebenseins
an die ihm unbekannten und unheimlichen gesellschaftlichen Mächte mit einer
anderen als der wirklichen Welt, eben mit dem Jenseits. Da in dieser Sicht der
Gottesglaube nur der ideologische Überbau über der Ökonomischen Situation
ist, muss er verschwinden. In der kommenden Welt der Freiheit und des Glückes
hat es der Mensch nicht mehr nötig, sich eine Welt der Illusionen zu schaffen
und zu bewahren.
Schon
an dieser Stelle sei ein kritisches Wort angeschlossen. In der von K. Marx und
in ähnlicher Weise von F. Engels vertretenen Theorie liegt der entscheidende
Irrtum darin, dass in einer einseitigen, innerhalb dieser Einseitigkeit mit
scharfsinniger Folgerichtigkeit entwickelten Anthropologie der Mensch primär
als biologisches und gesellschaftliches Wesen gedeutet wird, dass Denken und Fühlen
als ideologische Zugaben verstanden werden und das Individuelle unterschätzt
wird.
Die
Erfahrung demonstriert gegenüber den Thesen von K. Marx, dass der Gottesglaube
in jeder menschenwürdigen gesellschaftlichen Lage leben und sterben kann, dass
er nicht durch die gesellschaftliche und ökonomische, die sozioökonomische
Ordnung bedingt oder geschaffen ist, dass er umgekehrt für diese auch keine
Gefahr bedeutet, wenngleich die gesellschaftliche und die wirtschaftliche
Situation für seine Lebendigkeit oder Schwäche wirksam werden können. Dies
zeigt sich in der gegenwärtigen Situation mit besonderer Deutlichkeit.
Eine
besondere Abart des Marxismus ist die Philosophie Proudhons (gest. 1864). Er
setzt an die Stelle des persönlichen Gottes die Gerechtigkeit, die er
allerdings nach Art einer platonischen Idee versteht. Ihr ist die Verehrung
entgegenzubringen, die der Gottesgläubige dem lebendigen Gott weiht. Sie ordnet
die Welt
80
und
die Geschichte und formt die menschliche Gesellschaft.
cc)
Ernst Bloch
Auf
den eschatologischen Spuren von Marx treffen wir E. Bloch. Im Denken von E.
Bloch (Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 19623; Geist der Utopie, München
19645) begegnen uns die stärksten eschatologischen Akzente aus der
alttestamentlichen Gottesvorstellung. Der von Mose verkündete und mit Mose
ziehende Gott sei anders beschaffen als die heidnischen Götter ringsum. Denn er
sei nicht statisch, sondern von höchster, in eine unbekannte Zukunft
hineinwirkenden Dynamik. Nach Bloch gibt der Gott des Mose gleich am Anfang von
sich selbst eine Definition, die immer wieder den Atem wegnimmt, die jede Statik
sinnlos macht. »Ich werde sein, der ich sein werde« (Ex 3,14). Auch im
Christentum sei, auf seinen Kerninhalt gebracht, der statische Mythos überwunden.
Ein human-eschatologischer Messianismus sei das Zentrum seiner Botschaft. Die
Auswirkung einer radikalen Zukunftshoffnung im Prozess einer werdenden Welt ist
indes nach Bloch nur als Atheismus möglich. Weil Gott allzulange vom Menschen
als ein von ihm unabhängiges Wesen fixiert worden sei, habe der mit dem Begriff
»Gott« gemeinte Inhalt nicht weltgeschichtlich in die menschliche Aktion,
befeuernd und stärkend, einrücken können. Der sich selbst verstehende
Atheismus, und nur er, zielt nach Bloch mit der ein für allemal weggefallenen
Gott-Hypothese zu dem Unbedingten und zum totalen Hoffnungsinhalt, der unter dem
Namen Gottes so wechselnd experimentiert worden sei. Hier wird also wie bei Marx
um der menschlichen Zukunft willen der Atheismus gelehrt, aber nicht wie bei
Marx um der durch den Atheismus erreichba-
81
ren
klassenlosen Gesellschaft, sondern um eines noch unbekannten Unbedingten willen.
Für die These von der Projektion Gottes in den Rahmen des Bewusstseins ist auch S. Freud (gest. 1939) zu nennen. Das bewusste Gottesbild nimmt nach ihm seinen Ursprung in der unbewussten Tiefe des Menschen.
dd)
Friedrich Nietzsche
Die
Ablehnung der Existenz Gottes erfuhr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
eine Radikalisierung durch Friedrich Wilhelm Nietzsche (gest. 1900). Er zog aus
den vorausgehenden geistigen Bewegungen die letzten Konsequenzen. Während man
bis dahin, von dem Marxismus abgesehen, dem Christentum oder vielmehr dem
unbestimmten, unklaren religiösen Gefühl, dass es etwas Höheres gebe, noch
eine gewisse moralische Bedeutung zuschrieb, lehnt Nietzsche den Glauben an den
lebendigen Gott mit Entschiedenheit ab, weil das moderne Lebens-, Wert- und
Weltgefühl gegen ihn stehe. Gott bedeute eine Einengung des Menschen, daher dürfe
er nicht existieren. Er gehe gegen den Geschmack. Nietzsche verkündet, dass
Gott tot sei. Dieses Wort meint in einer schwer analysierbaren Weise, dass Gott
einmal nicht tot war. Nietzsche behauptet ja: Wir haben ihn getötet. Er ist der
Überzeugung, dass mit dem Tode Gottes für den Menschen wieder alle Horizonte
frei sind, dass mit ihm eine völlig neue Epoche der Menschheit einsetze. Er
verhöhnt die Spiessbürger, die dies nicht merken.
An
Nietzsche wird deutlich, dass der Atheismus nicht das Ergebnis intellektueller
Überlegungen, sondern eine Entscheidung ist. Von Nietzsche stammt das Wort: »Wie
hielte ich es aus, kein Gott zu sein, wenn
82
es einen gäbe?« Oder das andere: »Der Gott, der alles sieht, der musste sterben.« Wenn man fragt, wieso Gott sterben könne, so ist zu erwidern, dass der Gott, der sterben kann, offensichtlich nur als Bewusstseinsfunktion verstanden wird. Dieser Atheismus hat seine Wurzel im Lebens- und Wertgefühl des modernen Menschen, Nietzsche erkennt die Folgen des Todes Gottes. In seinem Gedicht »Winterlandschaft« erklärt er: »Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends Halt. — Jetzt verstecke doch, du Narr, dein blindes Herz in Eis und Ton. — Er ist zur wüsten Wanderschaft verdammt.« Um der totalen Befreiung des Menschen willen und der dadurch bedingten Grösse zum Übermenschen hin, nimmt Nietzsche diese zutiefst tragischen, ja zerstörerischen Folgen auf sich.
Es
verdient Beachtung, dass es nach E. Biser Nietzsche bei seinen Angriffen auf
Religion und Christentum weniger um die religiöse Wirklichkeit zu tun ist als
vielmehr um die mit Ihr in eins gesetzte idealistische Denkform. Diese erscheine
Ihm als verhängnisvolle Entzweiung mit dem unmittelbaren Leben. Deshalb sei
sein Wort vom Tode Gottes nicht Ausdruck der Gottesleugnung, sondern Leitwart für
die Destruktion der seit Plato und Augustinus herrschenden Denkweise. Diesem
Ziele diene sein Entwurf einer antichristlichen Herrenmoral. Ähnlich urteilt B.
Welte.
ee)
J. A. T. Robinson
Nach dem englischen Theologen J. A. T. Robinson (»Gott ist anders«) ist Gott rein innerweltlich, nicht transzendent zu verstehen. Gott existiert nach ihm nur in der zwischenmenschlichen Begegnung. Trotz dieser völlig klar erscheinenden Ansicht bleibt Robinson undeutlich. Er erklärt nämlich andererseits: »Die Frage nach Gott ist die Frage, ob diese Tiefe des Seins eine Realität ist oder eine Illusion, und nicht ob ein göttliches Wesen überm Sternenzelt existiert oder irgendwo sonst. Gott als der Urgrund, der Ursprung und das
83
Ziel
unseres Seins kann nur beschrieben werden als derjenige, der wohl durch
unendlichen Abstand und Tiefe von unserem oberflächlichen und sündhaften Leben
entfernt ist, und der uns doch zugleich näher ist als wir uns selbst.« Ein
anderer instruktiver Text Robinsons lautet: »Ich bete zu Gott dem Vater. Das
Gebet des Christen ist das Sich-öffnen gegenüber jener ganz und gar gnädigen
personalen Wirklichkeit, die Jesus nur mit dem Wort abba = Vater anreden konnte.
Ich bin an einem Gott, der nur in irgendwelchen vagen, nicht personalen
pantheistischen Begriffen beschrieben wird, nicht im geringsten interessiert.
Der einzige Gott, den ich als Christ nötig habe, ist der Gott Abrahams, Isaaks
und Jakobs, der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, nicht der Gott der
Philosophen.« Dabei lässt sich nicht leugnen, dass Robinson aus Sorge, wie er
meint, für die Rettung des christlichen Glaubens in der heutigen Menschheit
die Transzendenz und die Personalität Gottes so sehr zurückdrängt, dass sie
zu verschwinden drohen und die Gottesverehrung sich in den zwischenmenschlichen
Beziehungen, in dem Dasein für andere, zu erschöpfen scheint.
ff)
Jean-Paul Sartre
Während
für Marx die Notwendigkeit der Weltveränderung der Grund ist, aus dem sein
Atheismus hervorwächst, ist für den Philosophen Sartre und alle in seinem
geistigen Milieu Lebenden und Denkenden der Atheismus die Grundentscheidung für
ein wahrhaft menschliches Leben.
Der
Atheismus ist nach ihm die unerlässliche Voraussetzung für die Freiheit des
Menschen. Er steht in scharfem Gegensatz zum Marxismus, weil dieser nach seiner
Meinung den Menschen zum Produkt und zur
84
Reproduktion
macht und ihm gerade das wahrhaft Menschliche versagt, nämlich die radikale
Freiheit. Die Freiheit steht am Anfang des menschlichen Tuns. Der Mensch wird
Mensch erst durch sein freies Tun. Durch dieses schafft er sein eigenes Wesen.
Er ist nichts anderes als das, wozu er sich selbst macht. Er ist demgemäss auch
die Norm seines Handelns. Es gilt der von Dostojewski hinterlassene Satz: »Wenn
Gott nicht existierte, so wäre alles erlaubt.« Gott existiert indes tatsächlich
nicht, weil er nicht existieren kann, da sonst der Mensch nicht frei wäre. Als
Aufgabe bleibt das Mit-Leiden mit den Geschändeten, den Verratenen, den
Gescheiterten, den Versklavten, den Kranken. Dies ist die Weise des wahren
Lebens. Das Leben ist wesentlich ein Leben der Qual und der Angst, aber gerade
so ein Leben der Freiheit. Gerade in der Angst liegt nach ihm die Chance zu
einem Leben der Freiheit. Der Wille zur Sinnlosigkeit der Welt und der eigenen
Existenz ohne Trost und Zukunftshoffnung ist die Ausdrucksgestalt der wahren
Freiheit.
gg)
Die Gott-ist-tot-Theologie
In
unserem Zusammenhang steht die bis vor kurzem in Amerika lebhaft gepflegte, nach
dem Vorspiel von Jean Paul, G. F. W. Hegel und Fr. Nietzsche entwickelte »Gott-ist-tot-Theologie«,
die zwar heute schon wieder überholt ist, deren Motive jedoch nachwirken. Es können
nur einige Träger des in dieser Theologie liegenden Atheismus genannt werden:
H. Cox, W. Hamilton, Th. I. Altiser und P. van Buren. Diese atheistischen
Theologen glauben sich auf einige evangelische Theologen, auch auf den frühen
K. Barth, berufen zu können. So verschieden ihre Thesen und deren Begründungen
sind, so stimmen sie doch in folgenden Ansichten überein: Es gab einmal einen
85
Gott,
dem Huldigung und Anbetung gezollt wurde. Heute gibt es ihn jedoch nicht mehr.
Ihr Interesse konzentriert sich auf Jesus. Der Christ hat sich nicht an Gott,
sondern an Christus zu halten. Dieser sei ein Beispiel der menschlichen Freiheit
und Liebe. H. Cox meint, die heutige Aufgabe der Theologie sei die dialektische
Synthese einer radikal-weltlichen Subjektivität und des biblischen Glaubens,
den sie rein horizontal, nicht auch vertikal interpretieren. Wenn man sich der
radikalen Weltlichkeit öffne, könne man sich für das eventuelle Wiederkommen
Gottes bereit machen. Wir müssen nach ihnen auf den abwesenden Gott warten, der
zurückkehren könne. Durch die Kategorie des »Wartens« unterscheidet sich
diese radikale atheistische Theologie von dem gewöhnlichen Atheismus. In der
Zeit dieses Wartens ist der Ort des Lebens die Welt, nicht die Kirche mit dem
Altar, die Stadt mit allen ihren Implikationen, mit dem bedürftigen Nachbarn
und mit dem Feind. Dies ist auch der Weg zu Jesus, der uns in die Welt ruft,
damit wir in ihr dienen. Die Welt heisst nach Cox Macht, Kultur, Sex, Geld, Schönheit,
Hässlichkeit, Armut und dergleichen.
Die
von den Gott-ist-tot-Theologen vertretenen Ansichten werden besonders deutlich
an dem Beispiel von Hamilton. Wie alle übrigen meint auch er, die bisherigen
Gottesvorstellungen seien veraltet. Nach Hamilton kann der Mensch aus sich
keinen Zugang zu Gott finden. Die Vernunft kann nur Götzen erkennen. Aber auch
die Offenbarung zeigt nicht Gott an sich, sondern nur sein Handeln an uns. Weil
Gott an sich als der ganz andere nicht erkannt werden kann, fehlt dem Menschen
auch jedes natürliche Kriterium, ob der sich offenbarende Gott tatsächlich
Gott ist. Gott wird für den Menschen nicht gebraucht, auch nicht zur Lösung
der menschlichen Grenzsituationen. Die An-
86
nahme
eines Gottes beruht nach Hamilton auf Irrtum und Furcht. Die Gesellschaft hat
die bisher Gott zugeschriebenen Aufgaben zu erfüllen (Verzeihung, Bewältigung
der Todesangst, absolute Orientierung). Jesus übernimmt wenigstens teilweise
die Funktion Gottes.
In
Deutschland wird eine ähnliche Theologie vertreten von D. Solle. Der Dienst und
der Kontakt mit den Menschen ist für sie das christliche Verhalten. In diesem
sieht sie auch das, was man bisher mit dem Worte »Gebet« bezeichnete. Nach ihr
vertritt Jesus den toten Gott, bis dieser wiederkehrt. Die technische
Gesellschaft kann zwar Gott in vielen Bereichen vertreten, so etwa hinsichtlich
eines gewissen Masses der Welterklärung, hinsichtlich der Krankenheilung, des
Katastrophenschutzes usw. Sie kann ihn jedoch nicht vertreten hinsichtlich der
Sinnfrage des Lebens. In der »nachtheistischen« Epoche schliesst der Glaube
die Spannung zwischen dem Tode Gottes und dem lebendigen Christus in sich.
Auf
katholischer Seite bewegt sich in solchen Denkweisen der kanadische Theologe
Leslie Dewart. Nach ihm sind alle bisherigen Gottesbilder unbrauchbar geworden.
Gott ist kein Sein, keine Person, keines der ihm bisher zugeschriebenen
Attribute. Auch der Gedanke der Analogie ist abzulehnen. Gott kommt auch keine
Verehrung zu. Wenn man positiv sagen will, was er ist, kann man ihn Wohlwollen
oder Freundschaft nennen. Dieser Theologe vertritt also den totalen Verlust der
Wirklichkeit Gottes. Er verwendet jedoch noch das Wort »Gott« trotz seiner
radikalen Leugnung Gottes.
Wenn
man die Gott-ist-tot-Theologie auf einen Nenner bringen will, kann man sagen:
Sie versteht un-
87
ter
Gott reine Mitmenschlichkeit, Gott ist keine Person, sondern eine Funktion.
E.
Jüngel (Gott als Geheimnis der Welt, 1977) behauptet, die Rede vom Tode Gottes
gehöre in das »sachliche Zentrum der Theologie«, aus der sie stamme. Die Rede
vom Tode Gottes sei nicht aufzugeben, vielmehr in ihrer positiven Bedeutung
aufzugreifen. Dazu gehöre die Entwirrung der engen Verbindung von Christentum
und Metaphysik. Der Gott der Philosophen sei tot. Die Theologie müsse wiederum
die Identität Gottes mit dem Gekreuzigten sichtbar werden lassen, wobei die
Menschwerdung Gottes in Jesus Christus das »eigentliche Geheimnis Gottes« sei,
in dem die Nähe und die Verschiedenheit von Gott und Mensch bewahrt bleibe. Als
wahrer Gott und wahrer Mensch wahre (Jesus) die über jede Identität
hinausgehende konkrete Unterscheidung von Gott und Mensch, als Ereignis der
Geschichte und als Geschichte werdendes (eschatologisches) Ereignis verlange die
Menschwerdung Gottes erzählt zu werden.
hh)
Heinrich Braun
Mit
derartigen Theorien verwandt sind die Gottesvorstellungen mancher heutiger
evangelischer Theologen. Es seien ein paar Beispiele genannt. Am radikalsten ist
in dieser Hinsicht H. Braun. Er meint, was die Bibel sagt, müsse von den Höhen
der sogenannten Welt Gottes auf den profanen Boden echter Menschlichkeit
herabgeholt werden. Gott müsse in der Mit-menschlichkeit gefunden werden, ja in
ihr ereigne sich Gott. Gott sei nicht der für sich Existierende. Er sei
vielmehr zu interpretieren als das »Woher« des menschlichen Umgetriebenseins.
Dieses Umgetriebensein sei bestimmt durch die Worte: Ich darf, ich will, also
durch das Geborgensein und die Pflicht zu-
88
gleich.
Geborgensein und Pflicht aber kommen vom Mitmenschen. Dies heisst: Der Mensch
als Mensch, der Mensch in seiner Mitmenschlichkeit impliziert Gott. Gott ist
also eine bestimmte Art der Mitmenschlichkeit, eine Funktion, kein Sein.
In
einer ähnlichen, wenn auch nicht in dieser radikalen Weise wird Gott verstanden
von H. Gollwitzer, G. Ebeling, E. Fuchs und anderen.
ii)
Dietrich Bonhoeffer
Was
D. Bonhoeffer betrifft, so ist es nicht leicht, ihn eindeutig zu erklären. Er
vertritt den Satz: »Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig«. Es liegt ihm
am Herzen, die Mündigkeit des Menschen und die Immanenz Gottes in der Welt zu
betonen. Er lehnt jedoch die Transzendenz Gottes nicht ab. Er wertet die in der
Renaissance beginnende Bewegung in der Richtung auf die menschliche Autonomie in
Wissenschaft, Politik, Gesellschaft, Kunst, aber auch in Ethik und Religion
positiv. Der mündige Mensch ist nach ihm der weltliche Mensch, aber nicht ohne
weiteres der gottlose. In einer gläubigen Dialektik schreibt er vor seinem
Martyrertod im Gefängnis: »So führt uns unser Mündigwerden zu einer
wahrhaften Erkenntnis unserer Lage vor Gott. Gott gibt uns zu wissen, dass wir
leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott,
der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt« (vgl. Mk 15,4). Bonhoeffer
lehrt hier nicht die absolute, gottlose Autonomie, unterstreicht aber mit Recht
die relative Selbständigkeit des Menschen.
kk)
Paul Tillich
Es
sei noch ein von allen bisherigen sich unterscheidender Theologe erwähnt. Es
ist P. Tillich. Aufschluss-
89
reich
ist sein Satz: »Gott im Himmel bedeutet, dass sein Leben von der Existenz des
Geschaffenen qualitativ verschieden ist, aber es bedeutet nicht, dass er an
einem besonderen Orte lebt und von einem besonderen Orte herabsteigt.« Deshalb
kann man von Gott keinerlei Ortsveränderung behaupten, sondern nur die Aufnahme
von Beziehungen zu den Menschen. Gott und Mensch stehen in Korrelation. Diese
richtige Interpretation Tillichs erfährt jedoch eine weitgehende Variante, wenn
man seine folgenden Thesen bedenkt.
Er
übt schneidende Kritik an den traditionellen Gottesvorstellungen und
Gottesbezeichnungen, will jedoch das traditionelle Gottesbild nicht einfach
beseitigen, sondern dem heutigen Menschen übersetzen. Dies unternimmt er mit
den Mitteln der Existenzphilosophie. Gott ist das absolute Sein, die Welt und
der Mensch sind das daran partizipierende Seiende. Tillich ist skeptisch gegen
die Verwendung des Begriffes »Person«, ja des Begriffes Gott, lehrt aber
dennoch das Gebet. In der Sorge, dem heutigen Menschen die Angst vor dem nur von
aussen stossenden Gott, d. h. vor jeder Heteronomie zu nehmen, betont er die
Immanenz wesentlich stärker als die Transzendenz, lässt aber die letztere
nicht ausser acht. Auf ihn trifft die von Robinson ausgesprochene Ansicht zu,
wenn Robinson erklärt: »Sollte das Wort Gott für euch nicht mehr viel
bedeuten, so übersetzt es in eure Sprache und sprecht von der Tiefe in eurem
Leben, von dem Ursprung eures Seins, von dem, was euch unbedingt angeht, von
dem, was ihr ohne irgend einen Vorbehalt bejahen könnt«.
Eine
wichtige weitere Klärung der Gedankenwelt Tillichs bringt seine Vorstellung vom
menschlichen Leid. Das in zahlreichen Gestalten auftretende Leid in der Welt
bringt nach ihm die Sinnlosigkeit des
90
menschlichen
Daseins zum Ausdruck. Es wird überwunden durch den Glauben an einen »Gott über
Gott«. Es bleibe den Menschen nichts anderes übrig als in der Verzweiflung
Stand zu halten. Das ist der von ihm zu vollziehende »Mut zum Sein«. Diesen
Mut nennt Tillich den absoluten Glauben. Man kann ihn auch den Mut zur
Verzweiflung nennen. Er ist ohne Inhalt. So scheint, wie L. Scheffczyk sagt, der
Ausdruck »Gott über Gott« nur ein symbolisches Wort für den verzweifelten »Mut
zum Sein« inmitten des Nichts von Leid und Sinnlosigkeit zu bedeuten.
Zusammenfassend
lässt sich sagen, dass die genannten, untereinander sehr verschiedenen
Theologen der Meinung waren und sind, dass die frühere Theologie der Dialektik
von Immanenz und Transzendenz nicht gerecht wurde und zu einseitig die
Transzendenz betont habe, dass sie insbesondere Gott als Wirklichkeit unter
anderen Wirklichkeiten, als Seienden unter anderen Seienden vorgestellt, ja,
dass sie ihn geradezu über und ausserhalb der Welt lokalisiert haben. Sie
lehren ein horizontales, ein funktionales Verständnis Gottes, lehnten aber ein
vertikales ab.
3.
Kapitel
a)
Allgemeine Vorbemerkung
Für
die Beurteilung und die Überwindung des gegenwärtigen, immer mehr anwachsenden
Atheismus
91
ist
es von Wichtigkeit zu überlegen und zu prüfen, ob sich eine Erscheinungsform
dieses Phänomens nur gegen eine unvollkommene Gottesvorstellung wendet oder ob
Gott nur mit ungewohnten Ausdrücken abgelehnt wird oder aber ob Gott wirklich
geleugnet, ja bekämpft wird. So kann z. B. das Wort, dass Gott jene
Wirklichkeit ist, die uns unbedingt angeht und die wir unbedingt ernst nehmen müssen,
an sich durch und durch theistisch verstanden werden, wenngleich das Wort »Gott«
selbst ausfällt oder sogar abgelehnt wird. Entscheidend ist für das
zutreffende Verständnis der angegebenen und ähnlicher Formulierungen der
Kontext, in dem sie stehen. Es ist auch zu überlegen, ob der Ausdruck »Warten
auf die Rückkehr Gottes« vom menschlichen Geist überhaupt vollzogen werden
kann, wenn nicht in der Tiefe des Bewusstseins der Gottesglaube verborgen
anwesend ist.
b)
Natürliche und übernatürliche Gotteserkenntnis
Im
übrigen muss betont werden, dass der Christ von Gott durch die Offenbarung in
Jesus Christus, also durch die Persönlichkeit, durch das Reden und Handeln,
insbesondere aber durch das Sterben und die Auf-erweckung Jesu Christi das
Entscheidende weiss. Gott ist so, wie er sich in Jesus Christus zeigt. Jesus
Christus ist der Sohn Gottes, dieser ist der Vater Jesu Christi. Besonders
aufschlussreich ist aus den synoptischen Evangelien die allerdings nicht
unbestrittene »johanneische« Stelle Mt 11,25 ff. An ein Dankgebet Jesu gegenüber
dem Vater folgt ein Selbstzeugnis des Sohnes. Darin spricht er sich selbst und
zwar sich allein und nur denjenigen, denen er sich offenbaren will, die Kenntnis
des Vaters zu. Er tut dies jedoch erst, nachdem er vom Vater gesagt hat, dass
der Vater allein den Sohn kennt.
92
Es
handelt sich um eine gegenseitige Kenntnis, die aus der Intimität des
Zusammenlebens von Vater und Sohn verstanden werden muss (Näheres hierüber in
der Christologie).
Durch
Jesus Christus wird der Christ dessen bewusst, dass der eine im Alten Testament
bezeugte Gott dreipersonal ist, ja näherhin, dass der im AT immer wieder
erfahrene Gott einen Sohn und zugleich mit ihm den Heiligen Geist hervorbringt,
dass er also in der Sprache der altkirchlichen Konzilien die erste der drei göttlichen
Personen ist.
Für
die rechte Beurteilung der Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus, seiner
Vorgeschichte und seiner Umweltgeschichte, ist zu bedenken, dass Gott sich
innerhalb des Geschichtsverlaufes in jeder Gegenwart nur in Zeichen kundgibt,
nicht in seiner unmittelbaren Gottesfülle, in einer fremden, nicht in seiner
eigenen Gestalt, dass aber eine Zukunft verheissen ist, in der er sich
unmittelbar zeigen wird. Die Hoffnung auf eine solche Zukunft ist keine
Ideologie. Sie gewinnt ihren Realismus darin, dass Jesus Christus die letzte
Zukunft der einzelnen Menschen und der Menschheit in seiner Auferweckung
vorweggenommen und sie so allen Menschen eröffnet hat. So ist jede
Gotteserkenntnis und jeder Gottesglaube, insbesondere aber der in Christus
wurzelnde Glaube an Gott in Bewegung und in Unruhe auf die Zukunft hin. Erst in
dieser Zukunft gewinnt der Glaube an Gott seine letzte, jeder Gefahr des
Unglaubens entzogene Überzeugung, insofern er aufhört, Glaube zu sein und in
die Schau verwandelt wird. Jeder gegenwärtige, innergeschichtliche Gottesglaube
ist nach dem Bibelwort: »Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben« der
Versuchung des Zweifels ausgesetzt. Aber er ist zugleich offen nach vorne zur
endgültigen Gottesschau (1 Kor 13,12). Der Gottes-
93
glaube
muss sich daher immer in einer doppelten Richtung bewegen, in der Vertikalen und
in der Horizontalen. Lässt er eine aus, kann er zum Fanatismus oder zur
Verzweiflung entarten.
Die
Erkenntnis Gottes in und durch Jesus Christus bedeutet keineswegs die
Ausschaltung der natürlichen, d. h, der von der menschlichen Vernunft
unternommenen Gotteserkenntnis. Diese ist vielmehr wie alles Natürliche in die
Christusoffenbarung eingeordnet. Sie ist keineswegs als Ideologie zu
desavouieren und zwar deshalb nicht, weil sie das Ergebnis von Welt- und
Selbsterfahrung ist. Ja, die natürliche Fähigkeit, Gott zu erkennen, empfängt
vom Glauben an Jesus Christus Anstoss und Richtungsweisung. Man darf sie daher
nicht gering schätzen.
In
der natürlichen Anstrengung, Gott zu erkennen, macht der Mensch keineswegs, wie
von manchen protestantischen Theologen befürchtet wird, den Versuch, sich
Gottes zu bemächtigen oder über ihn zu verfügen. Er realisiert in ihr
vielmehr die von Gott selbst dem menschlichen Geist eingesenkte Fähigkeit, nach
Gott zu fragen und sich ihm zuzuwenden. Dies bedeutet, dass er ihn in den
Gottesbeweisen nicht untersucht wie eine Sache, sondern sich seinem Antlitz
zuzuwenden unternimmt.
Dieses
Fragen und Suchen ist seinerseits schon zu verstehen als Beginn der Antwort, die
Antwort des Menschen auf den Anruf, auf die Anrede Gottes, welche die Welt als
Gottes Schöpfung für den in ihr lebenden Menschen bedeutet. Wenn der Mensch in
dieser Hinsicht eine »tabula rasa« wäre, könnte er gar nicht auf die Idee
kommen, sich auf den Weg nach Gott zu machen. So schliesst die Frage bis zu
einem gewissen Grade, wie in jedem Vorgang des geistigen
94
Suchens,
die, wenn auch zunächst noch vage, Antwort in sich. Indem sich Gott dem
Menschen auch in der Welt in einer indirekten Weise zeigt und sich so selbst zum
»Gegenstand« der Gotteserkenntnis macht, macht er den Menschen zum Subjekt
dieser Erkenntnis. Dies führt jedoch, wenn der Mensch sich selber treu bleibt,
nicht zur Objektivierung Gottes, sondern zur liebenden und gehorsamen Begegnung
mit ihm, so dass Gott selbst Subjekt bleibt.
Es
ist allerdings zweifelhaft, ob praktisch und tatsächlich je ein Mensch auf dem
Wege der natürlichen »Gottesbeweise« zur Überzeugung von dem Dasein Gottes
gekommen ist. Ein solcher Zweifel steht nicht im Widerspruch zu der Entscheidung
des Ersten Vatikanischen Konzils. Denn dieses besagt, dass es objektiv gültige
Gedankengänge gibt, an deren Ende mit Recht der Satz steht: Gott existiert. Man
muss unterscheiden zwischen der objektiven Geltung einer Wahrheit und ihrer
subjektiven Aneignung in der persönlichen Überzeugung. Die objektiv geltende
Begründung für das Dasein Gottes würde auch dann ihren Wert behalten, wenn
noch nie ein Mensch auf diesem Wege zu der Überzeugung von Gottes Dasein
gelangt wäre. Sie würde in einem solchen Falle immerhin den Glauben als
verantwortbar und nicht als eine blinde Entscheidung zu erweisen vermögen. Man
darf bei der Beurteilung der psychologischen Wirksamkeit der Gottesbeweise nicht
übersehen, dass sie ausserordentlich schwierige und komplizierte Gedankengänge
enthalten, dass ferner zu ihrer Beurteilung und Bejahung guter Wille notwendig
ist, da sie ja an keiner Stelle ihres Verlaufes absolut zwingende mathematische
Argumente darstellen. Man darf auch fragen, ob es möglich ist, eine
theoretische Gotteserkenntnis zu haben, ohne dass sich deren Konsequenzen, sei
es in Aufleh-
95
nung,
sei es in Annahme Gottes, einstellen. Gott gegenüber kann sich der Mensch nie
neutral verhalten.
Abzulehnen ist die Meinung, dass der natürliche religiöse Glaube zerschlagen werden muss, damit der Glaube an Christus im Menschen Raum hat. Dieser von der Gefahr des Atheismus bedrohten, vom frühen K. Barth, von D. Bonhoeffer u. a. ausgesprochenen These steht entgegen, dass auch der ohne die christliche Botschaft vollzogene Glaube in den nichtchristlichen Religionen eine Ausdrucksgestalt der Hingabe des Menschen an Gott sein kann, da wir auf keine Weise wissen können, inwieweit auch er von der göttlichen Gnade gewirkt ist. Wenngleich ein solcher Glaube eine Position sein kann, von welcher aus sich der Mensch für berechtigt halten mag, die Botschaft Jesu Christi abzulehnen, so kann er doch auch der Ausgang für den Christusglauben sein, weil sich in ihm die Offenheit des Menschen Gott gegenüber realisiert, ein Vorgang, von dem man nicht festzustellen vermag, wie weit er zu führen imstande ist.
c) Gründe für die Existenz des sich offenbarenden Gottes
Wer
in der Dimension der theoretischen Überlegungen die Existenz Gottes auf natürlichem
Wege zu begründen versucht, kann sich der in der Geschichte des Christentums
hervorgetretenen, namentlich der von Thomas von Aquin ausgearbeiteten, auf
Aristoteles zurückgehenden Gedankengänge bedienen. Er muss jedoch die durch
die moderne Philosophie und Wissenschaft entwickelten Überlegungen einarbeiten
und die entsprechenden Änderungen und Ergänzungen vornehmen.
Auf
jeden Fall sind mehrere Voraussetzungen unentbehrlich, einmal dass Gott den
Menschen ange-
96
sprechen und sich ihm so, wenn auch in schwerer Verhüllung, geoffenbart hat, sodann die Geltung des Kausalgesetzes sowie die Sinnhaftigkeit des Daseins. Die erste Voraussetzung führt dazu, dass der Mensch überhaupt den Drang und die Sehnsucht in sich verspürt, nach Gott zu suchen, dass er also Gottes fähig ist. Eine andere Voraussetzung verlangt nach einer Erklärung der nicht aus sich erklärbaren, mit der Möglichkeit des Nichtseins behafteten Welt. Das kausale Denken kann nicht durch eine unendliche Reihe zufrieden gestellt werden. Denn diese würde nichts erklären, sondern nur den Grund der Welt immer weiter hinausschieben, ohne jemals an ein Ende zu kommen. Das kausale Denken erfordert ein Sein, das nicht mehr einer Begründung bedürftig ist, weil ihm nicht die Möglichkeit des Nichtseins anhaftet. Diese Unbedürftigkeit steht nicht im Widerspruch zu der Erfahrung, dass jedes Seiende eine Ursache oder einen Grund haben muss. Dieses Gesetz gilt nur für die in dem Kausalzusammenhang, den das Universum darstellt, vorhandenen Dinge. Der in dem Kausaldenken zu suchende Gott ist jedoch nicht und kann nicht sein ein Gegenstand im Kausalzusammenhang der Dinge. Er ist über sie erhaben und kann daher auf keinen Fall als Teil von ihnen, auch nicht in den fernsten Regionen, als ein Stück, vielleicht als ein herausragendes Stück Welt gefunden werden. Er kann der letzte Grund oder die letzte nicht mehr über sich hinausführende »Ursache« nur sein, wenn er aufgrund der Qualität seines Wesens und seiner Existenz so notwendig existiert, dass er nicht nicht existieren kann, wenn er also das Sein selbst ist, das Absolute, das einer über ihm liegenden Begründung weder fähig noch bedürftig ist. Dieser Beweisgang führt nicht zu einer Versachlichung Gottes. Nur wenn die absolute Ursache ein geistiges We-
97
sen, d.h. Erkennen und Wollen, näherhin absolutes, subsistierendes Erkennen und Wollen ist, kann sie als der Grund der von ihm verschiedenen Welt verstanden werden. Man kann also zu der ontologischen Differenz zwischen dem absoluten Sein und dem 'Seienden’ gelangen und von dem Seienden zum absoluten Sein vordringen.
In
der anthropologischen Perspektive der Gegenwart kann der Mensch selbst Ausgang für
den Weg zu Gott werden. Der Mensch ist sich heute mehr als in früheren,
kosmologisch denkenden Zeiten infolge der Wendung zum Subjekt in positiver und
negativer Weise fragwürdig geworden. In der geistigen Bewegung, in welcher er
stets sich selbst sucht (infolge seines Mangels an Reflexionskraft vielfach ohne
zu wissen, dass er sich auf der Suche nach dem eigenen Ich, nach seiner Identität
bewegt), wird er immer über sich hinaus weitergedrängt auf das Du hin, auf die
Gemeinschaft hin. Zugleich erfährt er, dass er nie von der ihn jagenden Sorge
und Angst befreit wird, die absolute Geborgenheit und die absolute Gerechtigkeit
zu verfehlen. So wird das Verlangen nach mitmenschlicher Begegnung, wenn es
radikal und intensiv genug ist, bewusst oder unbewusst ein Gang zum absoluten
Du, zu Gott. Der Mensch muss, wenn er sich recht verstehen will, wie schon
Augustinus erkannt hat, sich selbst immerfort überschreiten und zwar bis zu
jenem Horizont hin, an welchem er auf seine ihn rastlos treibende Sehnsucht eine
Antwort findet.
Man
kann diesen Gedanken auch unter dem Gesichtspunkt der Sinnsuche ausführen. Der
Mensch verlangt nach dem Sinn und zwar nicht nur nach einem vorläufigen,
sondern nach einem endgültigen Sinn seines Lebens, seiner Erkenntnisse, seiner
Weltbemühungen, seiner Erfolge und seiner Misserfolge.
98
Diese
Sinnsuche schliesst in sich die Frage nach seiner Abkunft und nach seiner
Hinkunft, nach seinem Woher und nach seinem Wohin. Letztlich wird die Suche nach
Sinn zur Suche nach Gott. Er ist der letzte Sinn und die letzte Sinngebung für
den Menschen. Wer Gott als letzten Sinn abweist und leugnet, verfällt dem
Nihilismus. Er wird zu der Meinung gedrängt, dass sein Leben aus dem Nichts
kommt und in das Nichts mündet (A. Paus, Hrsg., Suche nach dem Sinn — Suche
nach Gott, Graz 1978).
Der
evangelische Theologe Jüngel stellt in seinem Buch »Gott, das Geheimnis der
Welt« die Frage, ob der Mensch ohne Gott leben kann. Er meint, dass dies an
sich möglich ist, dass der Mensch jedoch eines Lebens ohne Gott unfähig sei.
Er könne nicht den absolut gedachten Gott mit der absoluten Freiheit
eintauschen. Der Mensch müsse vielmehr angesichts der Möglichkeit der totalen
Sinnlosigkeit seines Lebens, d.h. seiner Nichtexistenz von Gott, der über Sein
und Nichtsein verfügt, der den Menschen also vor dem Nichts bewahrt, sagen: »Gott
ist mehr als notwendig für den Menschen«.
Weiterhin
muss die gegenseitige Zusammenordnung von Objektivem und Subjektivem im
menschlichen Erkennen und Handeln bedacht werden. Es wurde gelegentlich die
Vermutung geäussert, dass es eine prästa-bilierte Harmonie zwischen den beiden
Dimensionen gebe und geben müsse. Nur so sei es erklärlich, dass der Mensch
die ihm begegnenden Objekte in sein Bewusstsein aufzunehmen vermag, wenn auch
nach den Erkenntissen der neuen Physik nicht in ihrer objektiven Realität,
sondern in ihrer durch das menschliche Erkennen verwandelten Gestalt. Selbst
wenn jedoch der Mensch nur das von ihm im Erkenntnisvorgang geschaffene Bild der
Wirklichkeit erkennt und nicht diese
99
selbst, bleibt es bei der von Einstein geäusserten Überzeugung, dass die Beziehung von Subjekt und Objekt das grösste aller Rätsel sei. Dies löst sich jedoch, wenn Objektives und Subjektives auf den gleichen Grund, nämlich auf Gott zurückgehen und so je eine Struktur haben, die dem anderen Seinsbereich wie als einem Partner zugeordnet ist.
4.
Kapitel
Tragweite des Offenbarungsglaubens
Einige
spezielle Argumente gegen den Glauben an Gott sollen noch besonders analysiert
werden. Es handelt sich um die Fragen, die mit dem Worte »Gott und das Leid«,
mit dem Problem der Immanenz und Transzendenz sowie demjenigen von »Gott und
Freiheit« umschrieben werden. Es stehen hier Grundwerte des Menschen in Frage,
von denen der Atheismus behauptet, dass sie mit der Existenz Gottes entweder überhaupt
nicht oder nur sehr schwer in Einklang zu bringen sind. Zunächst muss jedoch
der heute viel behandelten Frage nach dem »Funktionswert« Gottes für den
Menschen nachgegangen werden. Wenn diese Frage gestellt wird, so ist das Sein
Gottes an sich vorausgesetzt. Aber der in sich ruhende Gott, dessen Existenz
nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift nicht nicht sein könnte, ist zugleich der
Gott für uns. Ist er dies wirklich?
Dieser
für den Christusglauben selbstverständlichen Wahrheit steht entgegen die
These, die sowohl von
100
mancher
marxistischen als auch von nichtmarxistischer Seite in unserer Gegenwart
vertreten wird, dass nämlich Theismus oder Atheismus unwichtige Fragen seien,
Fragen am Rande des menschlichen Lebens, denen man keine Bedeutung schenken
solle, dass auch manche, die sich gottesgläubig nennen, in Wahrheit Atheisten
sind und ihren Atheismus nur verdrängen, ohne sich dessen klar bewusst zu sein.
Zugrunde liegt offensichtlich die Meinung, dass der Gottesglaube ein Überbau
sozio-ökonomischer Verhältnisse sei und daher dahinsinken werde, wenn einmal
das Fundament, nämlich der »Kapitalismus«, versinkt. Als anderer Grund wird
angegeben, dass Theismus oder Atheismus weder verifiziert noch falsifiziert, d.
h. weder in ihrer Geltung noch in ihrer Unrichtigkeit nachgewiesen werden können.
Es gelte hier die These von Wittgenstein, was man nicht denken könne, könne
man auch nicht in Worte bringen, man solle daher darüber schweigen. In diesen
Behauptungen liegt ein verhängnisvolles Missverständnis (siehe W. Schwarz,
Forum, Heft 12,1965,14f).
Denn
die Frage betrifft das Innerste der menschlichen Existenz. Von ihr hängt
sozusagen alles ab. Sie wirkt sowohl in das individuelle wie in das kollektive
Leben hinein. Alle Gebiete der menschlichen Existenz sind von ihr betroffen, der
persönliche Lebensvollzug, die Ehe, das Familienleben, der Bereich der Arbeit
und der Wirtschaft mit seinen verschiedenen Verantwortlichkeiten, die Politik,
dies aber heisst: Die ganze menschliche Geschichte. Wenn Gott existiert, ist er
die oberste Norm für jedes menschliche Handeln, sowohl als Wegweiser wie auch
als Richter. Ihm bleibt der Mensch für sein Tun persönlich verantwortlich.
Wenn es ihn nicht gibt, dann ist der Mensch als einzelner oder die menschliche
Gesellschaft höchste Norm
101
der
Ethik. Gerade dies wird von Nikolai Hartmann (gest. 1950) behauptet. Heisenberg
(Der Teil und das Ganze. Geschichte im Umkreis der Atomphysik, München 1969)
erklärt, dass die Ablehnung Gottes zu Katastrophen führen wird, nach deren
Mass die Bombenabwürfe in Hiroshima und in Nagasaki Kleinigkeiten seien. Wenn
die menschliche Gesellschaft Gott nicht mehr bejaht, dann ist, wie vorher schon
betont wurde, alles erlaubt (permissive Ethik). Wir wissen, was aus den Abgründen
des Menschen an Entsetzlichkeiten hervorgehen kann. Die von Sartre geforderte
absolute Freiheit des Menschen, welche, wie er sagt, die Tötung Gottes in sich
schliesst, führt zur Tötung des Menschen. Wenn der Gottesglaube
zusammenbricht, wird auch die Ethik zerfallen. Wenn Gott selbst nicht mehr
Massstab des Handelns ist und der Mensch selbst die Massstäbe setzt, laufen sie
auf die Unterdrückung einer Minderheit durch eine Mehrheit, des Schwächeren
durch den Stärkeren hinaus. Es wird zur Herrschaft der Masse und der Gewalt
kommen.
5.
Kapitel
Der
Offenbarungsglaube —
keine Bedrohung der menschlichen Grundwerte
Von
grösster Tragweite ist es für die Auseinandersetzung mit den genannten Formen
des Atheismus, dass sich im einzelnen zeigen lässt, wie wenig die berechtigten
Interessen, die dem Menschen am Herzen liegen (Freiheit, mitmenschliche
Existenz, Weltenga-
102
gement,
Eigenständigkeit der Welt) durch den Gottesglauben nicht nur nicht bedroht
werden, sondern ihre tiefste Begründung, ihren Schutz, ihre Verpflichtung und
ihre Berechtigung finden. Denn Gott umfängt schöpferisch Natur und Geschichte
und führt deren Bewegungen, ohne hemmend einzugreifen, der Fülle in der
Zukunft entgegen. Es gibt nicht die Alternativen: Gott oder Freiheit, Gott oder
Mitmensch, Gott oder Welt. Wenngleich der Dualismus, d. h. die Verschiedenheit
von Gott und nichtgöttlichem Sein auf keine Weise beseitigt werden kann, so
gibt es doch auf der anderen Seite nur die Einheit von Gott und Natur, von Gott
und Geschichte, von Gott und Freiheit, von Gott und Mitmensch, von Gott und
Welt. Dies sei an folgenden Beispielen erläutert.
a)
Gott und Welt
Zunächst
soll das Verhältnis von Gott und Welt erörtert werden. Man muss davon
ausgehen, dass der Glaube die Welt als Schöpfung Gottes versteht. Der Schöpfungsgedanke
schliesst in sich sowohl die Abhängigkeit wie die Eigenwirklichkeit und Eigentätigkeit
des Geschöpfes. Beide Elemente gehören untrennbar zusammen. Der Mensch kann
jedoch eine Trennung derart vornehmen, dass er die Abhängigkeit von Gott nicht
mehr sieht und nur noch die Eigenständigkeit der Welt bejaht. Zum ersten Mal
wurde diese Weltsicht mit allen ihren Folgen von dem englischen Philosophen und
Staatsmann Francis Bacon (gest. 1626) dargestellt und propagiert. Nur das
Experiment und der menschliche Verstand führen nach ihm zur richtigen
Welterkenntnis (siehe Bd. 3: Gott als Schöpfer der Welt).
103
Später
hat R. Descartes (gest. 1650) nur noch jene Wirklichkeit anerkannt, welche
messbar und wägbar ist, und die entscheidende Kraft des Menschen, nämlich die
Vernunft. Bacon hat im Verfolg seiner Grundanschauung als Erster den Satz
formuliert: Wissen ist Macht. Mit Hilfe der richtigen wissenschaftlichen Methode
können nach ihm alle Probleme gelöst werden. Die im Wissen ruhende Macht dient
dem Fortschritt. Dieser besteht letztlich darin, dass anstelle des im
Mittelalter erstrebten Reiches Gottes das Reich des Menschen geschaffen wird.
Dies wird eine glückselige Zeit mit sich bringen. Das ist die von Bacon in der
Zeit des Aufbruchs der neuen Naturwissenschaft gegebene Verheissung.
Die
heutige Naturwissenschaft ist sich infolge der durch die atomare Forschung
erzielten Ergebnisse bewusst geworden, dass man das Verhältnis von Objekt und
Subjekt nicht als mechanisches, trennbares Gegenüber, sondern als ein
Ineinander und Miteinander verstehen muss, in welchem das Subjekt eine
entscheidende Rolle spielt. Man kann vielleicht mit einer gewissen Überbetonung
sagen, das heutige Weltbild sei nur ein Bild von menschlichen Beziehungen zur
Natur. Es bleibt jedoch dabei, dass der Mensch durch die Fortschritte in der
Naturerkenntnis von den Naturmächten zu sich selbst und zur Herrschaft über
die Erde befreit wurde. Dies schliesst indes nach Friedrich von Weizsäcker eine
verhängnisvolle Gefahr in sich. Sie hat nach ihm ihren tiefsten Grund darin,
dass sich die vom Menschen beherrschte Natur und deren Beherrschung von ihrem
Ursprung, d. h. von dem Charakter der Welt als Schöpfung gelöst haben.
Weizsäcker
ist der Überzeugung, dass nicht die Trennung der Welt von Gott dem menschlichen
Leben dient, sondern die Unterordnung der Welt und der
104
Weltherrschaft
unter Gott. Er hebt hervor, dass sich die Kirche angesichts der heutigen Gefahr
eines neuen Krieges und im Interesse des Umweltschutzes ihrer Verkündigungsaufgabe
hinsichtlich des Charakters der Welt als einer Schöpfung in besonderer Weise
bewusst bleiben muss. In ihre Verkündigung gehört auch hinein die Eigenständigkeit
der Welt. Diese ist jedoch nicht eine autonome Grösse, sondern eine Gott gegenüber
zu verantwortende Gabe. Sie kann vom Menschen infolge seiner Besitzgier, seines
Machtbewusstseins, seines Hasses missbraucht und zum Unheil eingesetzt werden.
Die vollständige, extreme, den Atheismus fordernde Säkularisierung, der Säkularismus,
hat die Folge, dass es nur noch Welt gibt, dass die Welt ein und alles ist, dass
daher für Gott kein Lebensraum mehr bleibt. Es fragt sich, ob so genug
Lebensraum bliebe für den Menschen.
Mancher
Glaube an den sich dem Menschen mitteilenden Gott zerbricht an den Erfahrungen
von Unfreiheit, Leid und Sinnlosigkeit. Diese drei zwingen jedoch nicht zur
Auflehnung oder Gleichgültigkeit oder zum Abfall von Gott.
b)
Gott und das Leid
In
der Mitte dieser drei steht wohl das Leid. Es hemmt die Freiheit und wirft die
Frage nach dem Sinn des Lebens als eines Ganzen und seiner einzelnen Phasen auf.
Eine vollbefriedigende Lösung lässt sich innerhalb unserer Geschichte nicht
geben. Man kann jedoch zeigen, dass auch dieses Übel nicht zur Ablehnung Gottes
nötigt. Ausführlich soll in späteren Bänden zu dem Problem Stellung genommen
werden. In unserem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass nach Luther sich Gott
gerade im Kreuzestode Christi,
105
wenn
auch in tiefster Verborgenheit, am deutlichsten gezeigt hat. Denn in dem Tode
seines Sohnes ist seine Liebe und Treue zu den Menschen am wirksamsten auf die
Menschen zugegangen. Das Leid Ist ein Anruf Gottes, dass wir uns nicht an die
Geschöpfe verlieren, ohne dass wir in Gleichgültigkeit die Liebe oder die
Sorge für die Welt und die Menschen versäumen, dass wir vielmehr unsere letzte
Hoffnung der absoluten Zukunft zuwenden.
Es
sei noch darauf hingewiesen, dass man, wenn man vom Leid spricht, nicht nur an
dessen entsetzliche Aufgipfelungen, wie etwa in den Konzentrationslagern oder in
den Bombenabwürfen, denken darf, sondern auch an das lebens- oder jahrelange
Dauerleid etwa einer unglücklichen Ehe oder eines verhassten Berufes oder eines
völlig unerfüllten Lebens oder ständiger Überarbeitung oder anderer
derartiger Bedrückungen.
Mit
solchen negativen Erfahrungen verbindet sich die Frage nach dem Sinn oder der
teilweisen oder totalen Sinnlosigkeit des Lebens. Wenn es den Gott gibt, der
sich dem Menschen zuwendet und in seiner Verborgenheit zeigt, kann es keine
totale Sinnlosigkeit geben, wenngleich der Lebenssinn sich erst im Tode oder
nach dem Tode erschliesst. Dem Glaubenden ist jedoch auch während seines Lebens
dessen Gesamtsinn und auch die nicht verstandene, in das Ganze eingebettete
Sinnhaftigkeit der Einzelvorgänge bewusst, da er alles in der Hoffnung auf
letzte Erfüllung zu ertragen berufen ist.
c)
Gott und die Freiheit
Verwandt
mit der schon besprochenen Frage nach dem Verhältnis Gottes zur Welt ist die
Frage nach dem
106
Verhältnis
Gottes zur menschlichen Freiheit. Der Einwand des Atheismus lautet, dass es nur
die Alternative gebe, entweder kein Gott und der freie Mensch oder die Existenz
Gottes und die Unfreiheit des Menschen. Die Alternative trifft jedoch nicht zu.
So sehr der christliche Glaube die Herrschaft Gottes des Schöpfers betont,
ebenso nachdrücklich betont er die Freiheit des Menschen. Gott, der absolut
Freie, schafft den freien Menschen, und zwar nicht derart, dass er ihn einmal
durch geschaffene Zweitursachen hervorbringt und sich dann in die Rolle des
Zuschauers zurückzieht (Deismus), sondern so, dass er ihn in einem
ununterbrochenen schöpferischen Akt ohne Pause ständig in das Dasein setzt und
zwar eben als einen Freien. Es bleibt dabei die unüberwindliche Antinomie
zwischen göttlicher Allwirksamkeit und menschlicher Freiheit bestehen. Sie kann
weder theologisch noch philosophisch völlig gelöst werden.
Unter
theologischem Aspekt steht jedoch fest, dass der von Gott geschaffene Mensch ein
Freier ist. Die Methode der Dialektik hilft zu der Einsicht, dass Gottes
Allwirksamkeit und menschliche Freiheit zueinander nicht in Widerspruch stehen,
sondern in einem spannungsreichen Gegensatz verbunden sind. Die Gegensätze, die
durch die Allwirksamkeit Gottes und die Freiheit des Menschen bestimmt sind,
sind nach dem die gesamte Wirklichkeit beherrschenden Gesetz der Dialektik
komplementär. Jesus Christus hat den Menschen von den Mächten und Gewalten des
Schicksals und der Sünde, der Selbstsucht, der Grausamkeit, der Ausbeutungslust
befreit. Die zur Freiheit befreiten Menschen (Gal 5,1) sind Freie und Erben
Gottes. Ja, das Christentum bedeutet eine Befreiung von der Macht, der alles
unterworfen ist, von der Macht der Vergänglichkeit und des Todes (1 Kor 15,55).
Selbst
107
die
im irdischen Sinn zum Tod Verurteilten, die Gequälten und Erniedrigten, die
Gefolterten und Gemarterten, können sich aufgrund der durch Christus
geschenkten Freiheit als Freie wissen. Selbst der Tod ist für sie nicht einfach
ein Widerfahrnis, sondern im Glauben an Christus eine Begegnung mit Gott.
Man
kann die Frage umkehren und prüfen, was es für Folgen hat, wenn die Freiheit
des Menschen geleugnet wird. Gerade Sartre, der unentwegte Verkünder der
menschlichen Freiheit erklärt, dass das Reich der unbegrenzten Freiheit das
Reich der Henker und Schlächter sein wird.
Die
wahre Freiheit ist verschieden von jener Willkür, in welcher der Mensch tut,
was er will. Die wahre Freiheit bindet ihn an seine eigene Selbstentfaltung,
indem sie ihn bindet an sein echtes Selbstverständnis, an die Liebe zum Nächsten
und an die Liebe zu Gott.
Wenn
im Ablauf der Geschichte die Kirche, welche beauftragt ist, die Freiheit zu verkündigen,
selbst vielfach einen Beitrag zur Unfreiheit (Ketzerverbrennung, Hexenwahn)
geleistet hat, so stand das im Widerspruch zu dem von ihr vertretenen und verkündeten
Christusglauben. Es bedurfte offenbar einer langen Selbstbesinnung, bis sie zu
der praktischen Erkenntnis kam, dass das Heil des Menschen nur im freien Glauben
an Christus ergriffen werden kann. Dies wurde im Zweiten Vatikanischen Konzil
mit grosser Klarheit und Bestimmtheit verkündet (Konstitution »Gaudium et spes«
sowie die Erklärung zur Religionsfreiheit).
108
6.
Kapitel
Die
Verkündigung der Synthese von Gottes Immanenz und Transzendenz gegenüber dem
Atheismus
Ein
anderer, von allen Formen des heutigen Atheismus erhobener Vorwurf liegt darin,
dass Gott in der kirchlichen Verkündigung nur als eine ausserhalb des Menschen
existierende Wirklichkeit, nur als ein Gott extra nos, der von aussen stosse,
verstanden wird. Es wird von ihm mit Nachdruck die These verfochten, dass Gott
der Gott für uns ist, ja, dass er der Gott in uns ist. Damit wird ein
berechtigtes Anliegen gepflegt, berechtigt allerdings nur unter zwei
unverzichtbaren Voraussetzungen, einmal unter der Voraussetzung, dass über der
Immanenz Gottes seine Transzendenz nicht verleugnet wird, zweitens, dass Gott
nicht als blosse, in uns wirkende Funktion, sondern auch als Sein an sich, ja
als das absolute Sein verstanden wird. Es fragt sich also, ob das legitime
Anliegen nicht in einer so einseitigen Weise verfochten wird, dass das
Anderssein Gottes verloren geht. Wenn dies der Fall ist, dann kann es nicht mehr
zu einer Begegnung zwischen Gott und Mensch kommen, dann bleibt der Mensch in
einem Monolog innerhalb seiner eigenen Enge eingeschlossen.
Die
Transzendenz Gottes begründet die Analogie unserer Gotteserkenntnis, ihre
Verflochtenheit mit der Immanenz deren Dialektik.
Die
Analogie unserer Gotteserkenntnis, von der früher die Rede war, verlangt die
Ergänzung durch die dialektische Methode. In der Lehre von der Analogie wird
betont, dass unsere Begriffe von Gott nicht im gleichen Sinne gelten wie von den
Geschöpfen, von denen sie genommen sind. Wenn Gott »Vater« ge-
109
nannt
wird, so ist nicht gemeint, dass er Vater sei nach der Art eines irdischen
Vaters. Mit einem solchen Ausdruck und mit ähnlichen Formulierungen wird zwar
behauptet, dass sich in Gott ein Handeln oder eine Eigenschaft vorfindet, die
dem, was wir mit dem Terminus Vater sagen wollen, ähnlich sind, aber in noch höherem
Masse unähnlich. Ja, man muss mit dem 4. Konzil von Lateran (1215) nachdrücklich
betonen, dass jeweils die Unähnlichkeit umso grösser ist, je grösser die Ähnlichkeit
ist. Beide wachsen also nicht im gleichen, sondern in einem ungleichen Verhältnis.
Gott verbirgt sich umso mehr im Dunkel, je mehr seine Göttlichkeit ins Licht rückt.
Das hierfür aufschlussreichste Ereignis ist der Kreuzestod Jesu Christi.
Die
Analogie muss jedoch ergänzt werden durch die Dialektik, die sich auf das
engste mit der Analogie verbindet.
Sie
besagt folgendes: Zwei Aussagen über einen und denselben Gegenstand stehen zwar
im Gegensatz zueinander, sie sind jedoch beide zur vollständigen Erkenntnis des
zu erkennenden Dinges notwendig, lassen sich aber nicht auf einen Nenner
bringen. Die dialektische Aussage hat in allen Bereichen der Theologie ebenso
Geltung wie die analoge. Wir werden ihr bei vielen Gelegenheiten begegnen. Eine
Parallele zu der Dialektik in der Theologie bildet das Prinzip der
Komplementarität in der Naturwissenschaft, das erstmals von dem dänischen
Atomphysiker Niels Bohr formuliert worden ist. Es drückt sich z.B. darin aus,
dass das Atom zugleich Teilchen und Welle ist, ohne dass das eine mit dem
anderen identifiziert werden kann. Es hängt jeweils von der Anfrage an das Atom
ab, ob es sich als das eine oder als das andere zeigt.
Die
Immanenz darf in diesem Vorgang nicht und kann nicht verstanden werden als
empirisches Insein
110
Gottes
in der Welt. Dies würde nämlich bedeuten, dass Gott ein Stück Welt ist, dass
er in Geschehnissen, welche die Wissenschaft nicht aufzuklären vermag, als Lückenbüsser
eingesetzt werden kann. In diesem Sinne ist z. B. abzulehnen die Meinung, dass
Gott unmittelbar Gewitter und Regen oder Regen und Sonnenschein, vielleicht als
Strafe oder als Lohn verursacht, Auf der anderen Seite kann er auch nicht
lokalisiert werden in einem räumlichen Jenseits der Welt. So fragt es sich, wie
die Einheit von Immanenz und Transzendenz zu verstehen ist. Die Transzendenz ist
zu begreifen als die wesentliche Verschiedenheit Gottes von der Welt und von
allen Weltdingen. Gott überragt die Welt und alle Weltdinge durch die Intensität
und die Andersartigkeit seines Seins und seines Lebens in unendlicher Weise. Da
er nicht eine in den Zusammenhang der Welt einfügbare Person oder ein in sie
einbeziehbares Ding ist, kann er in der Weit nicht vorgefunden werden. Es ist töricht,
wenn man glaubt, ihn eventuell in den Fernen des Alls ausfindig machen zu können,
oder wenn man ihn leugnet, weil er nirgends nach der Art von Wettdingen entdeckt
werden kann.
Auf
der anderen Seite ist er jedoch der Welt immanent, insofern er mit der Mächtigkeit
seines Seins das Ganze der Welt und so jedes Einzelne schöpferisch durchdringt
und so metaempirisch anwesend ist. L. Scheffczyk versteht die Transzendenz
Gottes in dem Sinn, dass Gott das Sinnganze der Welt ist, die Welt total
umgreift und als das Sinnganze auch das Einzelne trägt und durchwirkt. Weil die
so verstandene Nähe Gottes so intensiv sei, dass sie sich dem menschlichen
Zugriff entziehe, weise sie wiederum auf die Ferne Gottes hin. So gehören
Transzendenz und Immanenz untrennbar zusammen, ja sie lassen sich von-
111
einander
ableiten. Gott ist in der Welt gegenwärtig wie das Ganze im Teil, wie z. B. die
Melodie im Akkord gegenwärtig ist. Er ist jedoch von der Welt abwesend,
insofern er nicht ein Teil im Ganzen der Welt, er nicht eine Ergänzung der Weit
ist.
L.
Scheffczyk weist mit Recht darauf hin, dass Immanenz und Transzendenz, wenn sie
sich auch objektiv das Gleichgewicht hatten, so doch in unserer Gotteserkenntnis
je bald nach der einen, bald nach der anderen Seite entsprechend dem Gesamtverständnis
der Wirklichkeit überwiegen können. So kann dem Anliegen des Atheismus in
dieser Dimension Rechnung getragen werden, falls nicht ein Element, sei es die
Immanenz, sei es die Transzendenz, zu Ungunsten des anderen völlig geleugnet
wird.
112
27.
ABSCHNITT
Das
Dogma
Einführung
Durch
die Auslegung der Heiligen Schrift in der kirchlichen Überlieferung (Traditio
activa) wird die geschichtliche Kontinuität zwischen dem Ursprung und der
jeweiligen Gegenwart gesichert. Es bildet sich auf dem Grunde der Schrift ein Überlieferungskontinuum.
Zugleich bleibt der Weg in die Zukunft offen. Denn die Explikation der göttlichen
Selbsterschliessung kann nie erschöpfend vorgenommen werden. Die Kirche wird
mit dieser Funktion nie an ein Ende kommen. Diese ist ihr Weg. Sie lebt auch in
dieser Aufgabe als Pilgerin in die absolute Zukunft hinein. Ihre Explikationstätigkeit
findet erst ein Ende, wenn Christus selbst sich dem Menschen unmittelbar zum
Gespräche gewährt, und es daher nicht mehr des Mediums der Schrift und der Überlieferung
bedarf. Träger des Kontinuums ist das ganze neutestamentliche Volk Gottes. Eine
besondere Rolle spielen dabei die Träger des Amtes. Von dem Kirchenamt wird im
Traktat über die Kirche gesprochen werden.
Die
höchste Zuspitzung kirchlicher Schriftauslegung und Schriftexplikation begegnet
uns im Dogma. Es müssen daher sowohl der Begriff des Dogmas als auch die
Eigenschaft des Dogmas sowie seine Entstehung und Funktion in der Kirche näher
erklärt werden. Dies umso mehr, weil gegen das Dogma, sowohl ge-
113
gen
das Wort wie gegen die Sache, weithin eine kaum überwindliche Abneigung
besteht.
1.
Kapitel
Der Begriff des Dogmas
a)
Vorchristliche und ausserchristliche Verwendung des Begriffes
Das
Wort »Dogma« ist im heutigen Sprachgebrauch erst seit dem 18. Jahrhundert üblich.
In der vorchristlichen und ausserchristlichen Zeit ist der griechische Ausdruck
Dogma in vielfacher Sinngebung, und zwar sowohl im weiteren wie im engeren Sinn,
verwendet worden. Man bezeichnete damit einen philosophischen Grundsatz (ein
Axiom, einen Lehrsatz), insbesondere eine religiöse Lehre, den Ratschluss
Gottes, den Beschluss eines Einzelnen oder einer Versammlung. Im weiteren Sinn
werden Dogmen genannt Mythen, Riten, Sätze, Glaubensvorstellungen. Im engeren
Sinn ist zum Gebiet des Dogmas nur zu rechnen eine lehrhafte Formulierung von
Glaubensaussagen, die eine durch institutionelle Autorität verliehene
Verbindlichkeit hat. Den Volksreligionen sind Dogmen fremd. Echte Dogmen treten
erst auf in den Universalreligionen, z.B. im Buddhismus oder im Islam.
b)
Kirchliche Verwendung
Im
Neuen Testament werden die Beschlüsse des sogenannten Apostelkonzils (Apg 16,4)
Dogmen ge-
114
nannt.
Ferner haben die durch Christus aufgehobenen Satzungen der alttestamentlichen
Thora (Eph 2,15; Kol 2,1.14.20f) sowie staatliche Edikte (Lk 2,1; Hebr 11,23;
Apg 17,7) diesen Namen. Auch in der Väterzeit fand das Wort die mannigfachsten
Bedeutungen. Von den apostolischen Vätern wird es im Sinne von ethischen
Weisungen verwendet. Nach Ignatius von Antiochien sind die Dogmen des Herrn und
der Apostel gebunden an die kirchliche Autorität. Nach dem Diognetbrief sind
die Dogmen keine menschliche Weisheit, sondern Gottes Offenbarung. Eine
besondere Bedeutung wird in dieser Frage Vinzenz von Lerinum zugeschrieben. Das
Dogma ist für ihn die himmlische Lehre, die ein für allemal geoffenbart und
als Glaubensunterlage der Gesamtkirche oder dem Corpus der Vorgesetzten zur
Bewahrung und Bewachung übergeben ist. Die Kenntnis des Dogmas muss wachsen,
das Dogma selbst aber bleibt unwandelbar. Vinzenz von Lerinum hat einen
Dogmenbegriff aufgestellt, welcher in den Texten des 1. Vatikanischen Konzils
(ohne den Fachausdruck) sachlich wiederkehrt. Das Konzil sagt nämlich: »Mit göttlichem
und katholischem Glauben ist also all das zu glauben, was im geschriebenen oder
überlieferten Worte Gottes enthalten ist, und von der Kirche im feierlichen
Entscheid oder durch gewöhnliche allgemeine Lehrverkündigung als von Gott
geoffenbart zu glauben vorgestellt wird« (DS 3011).
Im
12. und 13. Jahrhundert wurde der Ausdruck articulus fidei im gleichen Sinne wie
das Wort Dogma gebraucht. Nach Thomas von Aquin muss die eine
Offenbarungswahrheit um des grösseren Verständnisses willen in articuli fidei
aufgegliedert werden. Ein solcher articulus schliesst daher drei Momente in
sich: Wahrheitscharakter, Heilsbedeutung, Gemeinschaftsbezug,
115
das
letzte infolge der kirchlichen Vorlage. Nur eine für das Ganze der Offenbarung
wichtige Einzelwahrheit stellt einen Glaubensartikel dar. Besonders stark wird
von Thomas die einem Glaubensartikel innewohnende Heilsbedeutung unterstrichen.
Die gläubige Bejahung eines solchen schafft darin Ähnlichkeit mit der ersten
Wahrheit selbst, auf deren unmittelbare Schau das gläubige Ja zum
Glaubensartikel hingeordnet ist.
Nach
dem heutigen Sprachgebrauch versteht man unter einem Dogma eine
Offenbarungswahrheit, welche vom kirchlichen Lehramt, sei es durch die
ordentliche und allgemeine Lehrverkündigung, sei es durch die feierliche
Definition des Papstes oder eines Konzils, ausdrücklich als für alle
verbindliche, dem Heile dienende Offenbarung vorgelegt ist. Dieser Begriff setzt
voraus, dass die Geschichte der Selbsterschliessung Gottes eine Lehre oder
vielmehr Lehren enthält. Wenn nicht anerkannt wird, dass es überhaupt eine
Wahrheit gibt, kann auch kein Dogma, welches ja der Orthodoxie, nicht in erster
Linie der Orthopraxie, wenngleich auch dieser, dient, bestehen.
Man
muss unterscheiden zwischen dem Dogma der Kirche und den Dogmen. Das Dogma der
Kirche ist das Ganze der kirchlichen Grundwahrheit. Die Einzeldogmen erheben
sich aus diesem vorgegebenen Grunddogma wie Bergspitzen aus einem breiten
Bergmassiv. Die Einzeldogmen sind lehrhafte Aufgliederungen aus diesem
Gesamtdogma. Sie sind vielfach sehr wichtige, aber nicht immer die wichtigsten
Glaubenslehren. Das Christentum ist auf jeden Fall mehr als die Summe der
einzelnen Dogmen. Diese haben ihre Bedeutung nur als Glieder des Ganzen und an
ihrem Orte im Ganzen.
Die
ersten den Dogmen ähnliche Glaubensaussagen begegnen uns in den regulae fidei
der Heiligen Schrift.
116
So
Stellt sich die Christusgemeinde schon in der apostolischen Zeit als Glaubende
hinsichtlich des geglaubten Inhaltes dar (Fides qua — Fides quae). Eine
solche, aus dem Ganzen ausgegliederte Wahrheit muss für das Ganze um der
Autorität des sich offenbarenden Gottes und zugleich um der Autorität der von
Christus gewollten Kirche willen, also mit der Fides divina und der Fides
catholica, angenommen werden. Das Dogma stellt ein Einzelmoment der
Gesamtoffenbarung in einer besonderen Lehrgestalt der Kirche dar. Wir können
auch sagen: Das Dogma in diesem Sinn ist die Explikation der Heiligen Schrift in
einer besonderen Aussagegestalt durch das kirchliche Lehramt.
c)
Die protestantische Vorstellung vom Dogma
Im
Protestantismus bestehen verschiedene Vorstellungen vom Dogma. Im
Altprotestantismus, der kein kirchliches Lehramt anerkennt, wird inhaltlich die
sich selbst genügende Schrift als Grundlage und Norm des Glaubens betrachtet.
Dennoch werden das trinitarische und das christologische Dogma der alten Kirche
als verbindliches Zeugnis für die Heilsbotschaft bejaht. Man unterscheidet
fundamentale und nichtfundamentale dogmatische Aussagen. Die Kenntnis und die
Annahme der ersten sind zum Heile nötig, der zweiten nicht. Nach der im 18. und
19. Jahrhundert eingetretenen Auflösung des Dogmas kam es im 20. Jahrhundert zu
einer Erneuerung mit verschiedenen Schattierungen. Nach K. Barth ist das Dogma
die Übereinstimmung der jeweiligen kirchlichen Verkündigung mit der in der
Schrift bezeugten Offenbarung bzw. die kirchliche Verkündigung, insofern sie
mit der Bibel als dem Worte Gottes übereinstimmt. Die evangelische Dogmatik hat
demgemäss die Aufgabe, die jeweilige Über-
117
einstimmung der kirchlichen Verkündigung mit der Schrift zu prüfen, ohne je über die Frage dieser Übereinstimmung hinaus zu einem Resultat zu kommen oder kommen zu können.
E. Brunner identifiziert das Dogma mit dem kirchlichen Bekenntnis und bezeichnet es als Norm des rechten Glaubens und der rechten Lehre. Die Lehre hat jedoch keine verpflichtende Kraft. Sie ist nur der Finger, der auf Christus hinweist. Nach R. Bultmann ist jedes Dogma als metaphysische Aussage abzulehnen. Er greift auch die christologischen Dogmen der alten Kirche als für unser heutiges Danken unmögliche und unverständliche Ausdrucksformen an. Der christliche Glaube ist auf das jeweilige Verständnis des Menschen hin zu interpretieren, so dass aus ihm hervortritt, was dem Menschen zur eigentlichen Existenz verhilft.
Manchen
Lutheranern ist das Dogma die verbindliche Auslegung der an der Heiligen Schrift
gewonnenen Glaubenserkenntnis. Hinsichtlich seines Ursprungs ist das Dogma auf
das dem Kerygma antwortende Christusbekenntnis bezogen. Seinem Wesen nach ist
das Dogma die kirchliche Grundlage christlicher Lehre. Es verpflichtet die
gesamte Christenheit im Glauben und im Leben.
Am weitesten ist der Dogmenbegriff P. Tillichs vom altreformatorischen Denken entfernt. Er versteht unter Dogma die historischen Glaubensbekenntnisse der Kirche, erkennt aber diesen keinen verbindlichen Charakter zu. Die Ausdrücke Dogma oder dogmatisch sollen nach ihm vermieden werden, weil sie geschichtlich belastet sind mit Gewissenszwang (Calvin). Sie sollen durch das Wort »systematisch« ersetzt werden. Die systematische Theologie soll sich aber auf die Interpretation des Seins beschränken und sich nur mit dem
118
beschäftigen,
was uns unbedingt angeht. So gerät sie in die Nähe der Philosophie,
unterscheidet sich aber von dieser dadurch, dass die Philosophie das Sein in
sich selbst, die Theologie jedoch das Sein in seiner Tragweite für den Menschen
untersucht. In dieser Theologie spielt das Wort oder die göttliche Offenbarung
kaum noch eine Rolle. Der Zerfall des tragenden Grundbegriffs in der gegenwärtigen
Theologie beruht darauf, dass er, fortschreitend intellektuell verengt, nicht
mehr als kirchliches, sondern meist nur als theologisches Phänomen empfunden
wurde, als Material für wissenschaftliche Bearbeitung (Gloege).
d)
Die orthodoxe Vorstellung vom Dogma
Für
die orthodoxe Kirche hat das Dogma eine doppelte Quelle. Der Glaube gründet
sich auf die Glaubensaussagen, die zum Teil durch die Heilige Schrift, zum Teil
durch die mündliche Tradition von den Aposteln her überliefert und von den
Synoden und den heiligen Vätern ausgelegt worden sind. Die Anerkennung der
geoffenbarten Glaubenswahrheit des Dogmas ist für die Gläubigen
heilsnotwendig. Inbegriff des Dogmas und zugleich Kompendium der ganzen Lehre
der Heiligen Schrift ist das Nicaena-Konstantinopolitanum. Das von den sieben
alten ökumenischen Konzilien festgelegte Dogma gilt als abgeschlossen. Das
Dogma hat in dieser Vorstellung weniger lehrhafte als vielmehr lebensordnende
Funktion. Es durchherrscht das gesamte Dasein in Kultus und Frömmigkeit. Es
legt sich aus in der Kirche, ihren Ikonen, ihren Riten und ihren
Heiligenlegenden. Als Zeugnis vom fleischgewordenen Logos bewirkt es die
Vergottung des Menschen, die Heiligung der Kreatur, die Verklärung des Kosmos.
Die ganze Liturgie ist gebetetes Dogma. Umgekehrt ist die Theologie Doxologie.
119
2.
Kapitel
Die Eigenschaften des Dogmas
a)
Schriftgemässheit
Aus
der katholischen Bestimmung des Dogmas ergeben sich die wichtigsten
Eigenschaften. Grundlegend ist naturgemäss die Schriftgemässheit des Dogmas.
Das Dogma ist nichts anderes und will nichts anderes sein als ein Schriftzeugnis
in einer entfalteten Form, bzw. in einer neuen Sprachgestalt. Es enthält die
ein für allemal in Christus geschehene, durch den Heiligen Geist erschlossene
und durch seine »Erinnerung« gegenwärtig gesetzte Selbstmitteilung Gottes
unter einem bestimmten Einzelaspekt und ist daher hinsichtlich seines
wesentlichen Inhaltes göttlichen Ursprungs. Wenn man sagt, dass die Kirche
Dogmen macht oder schafft, so ist dies ein missverständlicher Ausdruck. Die
Kirche bildet die Gestalt. Der Inhalt ist ihr vorgegeben und ihrer Verfügung
entzogen. Die Gestalt aber ist ihr aufgegeben, weil sie den Inhalt den Menschen
verständlich anzubieten hat. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass Inhalt und
Gestalt nicht so zu unterscheiden sind, wie etwa ein Gefäss und der im Gefäss
untergebrachte Inhalt oder die im Gefäss untergebrachte Flüssigkeit. Man darf
nicht übersehen, dass durch die neue Sprachgestalt Inhalte, die in der Schrift
selbst im Prinzip enthalten sind, expliziert werden. So bildet das Dogma keine
grundlegend neuen Erkenntnisse gegenüber der Schrift. Es bildet aber ein neues
Verständnis der Schrift oder kann wenigstens ein solches bieten. Es
aktualisiert und schützt das durch die Schrift Bezeugte.
120
Es
wird ersichtlich, dass für die Aufstellung eines Dogmas die Kenntnis der
Heiligen Schrift unerlässliche Voraussetzung ist. Hierzu bedarf es der
Auslegung der Heiligen Schrift, für welche sowohl die historisch-kritische als
auch die hermeneutische Methode in Frage kommen. Was die letztere betrifft, so
muss gefragt werden, in welcher Zeit ein Schrifttext entstanden ist, welche
Absicht er verfolgt, welche Adressaten er im Auge hat, welches kulturelle
Bewusstsein er voraussetzt usw. Die Explikation der implizit in der Schrift
enthaltenen Aussage kann durch die Änderung der kulturellen Lage notwendig
werden. Die göttliche Selbstmitteilung ist in ihrer ursprünglichen Gestalt in
der den ersten Empfängern gemässen Weise verleiblicht worden. Diese
Inkarnierung der göttlichen Selbsterschliessung bedarf jedoch für Menschen
anderer Zeiten und anderer Bildungsgrade oder Denkformen einer Übersetzung.
Dies setzt voraus, dass der Inhalt der göttlichen Selbsterschliessung von
seiner irdischen Erscheinungsweise unterschieden und abgehoben werden kann. Ohne
eine solche Voraussetzung könnte es entweder nur ständig neue Offenbarungen
geben oder man müsste im ständigen Einerlei das Schriftwort wiederholen, um es
nicht zu verfälschen. Verkündigung und Theologie könnten nur restaurativ bzw.
archaisch oder revolutionär sein. Die genannte Voraussetzung ist daher für die
Identität der Offenbarung zu ihrer Entfaltung und für die Entfaltung in ihrer
Identität grundlegend. Die Prüfung der Identität des Früheren mit dem Späteren,
des Nichtdogmatisierten mit dem Dogmatisierten ist deshalb notwendig, weil in
der impliziten Form eines Offenbarungsinhaltes die Explikation nicht
vorprogrammiert ist, so dass etwa durch logische Ableitung aus dem Gegebenen mit
schlüssiger Sicherheit das Dogmatisierte gewonnen
121
werden
kann. Es steht nicht von vornherein fest, in welcher Weise ein in der Schrift
gegebener Inhalt interpretiert werden kann und interpretiert werden muss. Man
muss ausser der menschlichen Logik oder den wirklich oder scheinbar vorhandenen
Bedürfnissen der Zeit bedenken, dass es der verborgene Heilige Geist ist,
welcher in der Explikation durch die Träger des kirchlichen Lehramtes tätig
ist. Nicht selten erlaubt der Wortlaut des in der Schrift Investierten
verschiedene Auslegungen. Die Geschichte legt hiervon ein vielseitiges Zeugnis
ab. Der letzte Bürge für die Absicht des bei der Abfassung der Heiligen
Schrift wirkenden Heiligen Geistes ist eben wieder der gleiche Heilige Geist,
der durch den Menschen hindurch, durch die wissenschaftlichen Bemühungen und
durch die Anstrengungen des kirchlichen Lehramtes, tätig ist (L. Scheffczyk).
Auch die kirchliche Spiritualität ist ein Erkenntnismedium.
Als
die Proklamation Jesu Christi als des Messias in den hellenistischen Kulturraum
vordrang, musste sie den in diesem Bereich lebenden Menschen verständlich
gemacht werden. Nach langem Ringen geschah dies auf den Konzilien von Nikaia,
Ephesus und Konstantinopel.
In
diesen Jahrhunderten stiess die christliche Botschaft auf den gnostischen
Synkretismus bzw. auf den synkretistischen Gnostizismus und auf die griechische
Philosophie mit ihrem Rationalismus. In diesen Bewegungen vollzog sich eine völlig
andere Denkweise als in den Schriften des Alten und des Neuen Testamentes. Im
letzteren stand das Tun Gottes und seine heilschaffende Gegenwart in seinem
Volke im Vordergrund. Die Frage nach dem Sein trat zurück. Sie bewegte den Gläubigen
zwar auch, wie wir namentlich im paulinischen und johanneischen Schrift-
122
turn
sehen können. Sie erhält jedoch ihre Dringlichkeit und ihre Gefährlichkeit
erst, als die griechische Ontologie im Horizont der christlichen Verkündigung
auftaucht. Da trat das Problem vor die christlichen Glaubenszeugen, ob die
griechische Ontologie (Metaphysik) eine Hilfe bieten könne, um die Frage zu
beantworten, wer dieser Jesus sei, dessen Heil uns die Schrift bezeugt, oder ob
sie eine Verderberin des Glaubens wird.
Wie
wir in der Darstellung der Trinitätslehre sehen werden, führten die ersten
Versuche, die biblisch bezeugte Heilsfunktion Jesu auf die Ebene ontologischer
Aussagen im Sinne des griechischen Denkens zu transponieren, zu schweren
Missverständnissen. Es hob ein leidenschaftliches Ringen um den wahren Glauben
an. Der verhängnisvollste Irrtum war der Arianismus. Er stellte eine fast
vollständige Hellenisierung des Christentums auf dem Boden des Evangeliums dar.
Diese Hellenisierungsgefahr wurde im Christentum aus den Kräften des biblischen
Glaubens überwunden, ohne dass die griechische Ontologie von ihm verworfen
worden wäre. Diese wurde im Gegenteil so in den Dienst des Glaubens genommen,
dass die durch die Schrift, die Überlieferung und durch die Dynamik des
menschlichen Geistes gestellte Frage, wer jener sei, dessen Heilstun von den Gläubigen
bejaht wurde, auf den genannten Konzilien mit den Mitteln der griechischen
Ontologie beantwortet wurde, Dabei wurde auf diese Frage nur neu gesagt, wer
Jesus ist, in welcher Beziehung er zu Gott steht. Was in der Schrift schon
grundgelegt war und wenigstens im Prinzip in ihr enthalten war, wurde gemäss
der in der hellenistischen Welt herrschenden Denkweise interpretiert. Thomas von
Aquin hat die Projizierung der Schriftaussagen über das Heilshandeln Jesu auf
die
123
ontologische
Ebene nach vielen vorausgegangenen Versuchen zum ersten Mal in ein
wissenschaftliches System gebracht. Dabei lässt sich nicht verschweigen, dass
zwar kein biblisches Wahrheitselement verloren ging, dass sich aber die
Wahrheitsperspektive in beträchtlichem Masse änderte, dass die Akzente anders
gesetzt wurden als in der Bibel. Diese perspektivische Verschiebung war jedoch
kaum vermeidlich, da der aus dem hellenistischen Denken aufsteigende Irrtum nur
mit den Mitteln des hellenistischen Denkens getroffen werden konnte.
b)
Dogma und Geschichte
Als
im 16. Jahrhundert eine neue, durch das geschichtliche Denken geprägte Zeit
hervortrat, musste auf viele Fragen Antwort gegeben werden, die bis dahin die
Christusgläubigen nicht bedrückten. In der Gegenwart integriert sich die
Reflexion über das Dogma zur Theologie durch die Begegnung mit der
Naturwissenschaft und der Soziologie, ohne die Integrationsfunktion in
Philosophie und Geschichte zu eliminieren. Diese Auseinandersetzungen sind nicht
dem Belieben des Interpreten anheim gegeben, sie sind vielmehr für die
Theologie wesentlich und unvermeidlich.
c)
Dogma und Spiritualität
Wie
wichtig dies sowohl für die Lehre als auch für die Frömmigkeit, für die
Spiritualität in der Kirche sein kann, können wir ersehen an dem Dogma, wie es
das Konzil von Nikaia (325) über das metaphysische Gottsein Jesu Christi
aufgestellt hat, oder auch an dem Dogma, welches das Konzil von Trient über das
besondere Priestertum ausgesprochen hat. Im ersten
124
Fall
führte die für die Klärung notwendige oder dienende Dogmatisierung praktisch
zu einer Zurückdrängung der Menschheit und des Menschlichen in Jesus Christus,
so dass die Struktur des christlichen Glaubens und Betens, welche sich in der
Formel per Christum in Spiritu Sancto ad Patrem darstellt, eine Minderung
erfahren hat (nicht in der früheren römischen Liturgie).
Im
zweiten Fall führte die scharfe Hervorhebung des besonderen Priestertums dazu,
dass das jedem Getauften übertragene, von Luther nachdrücklich herausgestellte
Priestertum vernachlässigt, ja vielfach vergessen worden ist. Erst das Zweite
Vatikanische Konzil hat durch seine Botschaft vom Laien eine kirchenamtliche
Korrektur gebracht. Diese Beispiele liessen sich leicht vermehren. So wird jedes
Dogma im Fortschritt der Zeit immer wieder neu verstanden, insofern es neu in
den Gesamtzusammenhang der Offenbarung eingefügt und aus dem Gesamtzusammenhang
heraus interpretiert wird. Das einzelne steht daher trotz seiner inhaltlichen
Unwandelbarkeit immer unter der Kritik der ganzen in der Schrift enthaltenen
Offenbarung.
d)
Verantwortung des ganzen Gottesvolkes für das Dogma
Weil
das Dogma Ausdrucksgestalt des Glaubens im ganzen Gottesvolk ist, ist auch das
ganze Gottesvolk für das Dogma verantwortlich. Das Dogma ist ein
transindividuelles Christusbekenntnis und daher auch eine Christusdoxologie. Wer
sich ihm versagt, versagt sich daher nicht nur Christus, sondern auch der
Christusgemeinschaft. Insofern die Glaubensgemeinschaft rechtliche Strukturen
hat, hat ein Dogma rechtliche Tragweite.
125
e)
Inhaltliche Unwandelbarkeit
Das
Dogma als die in einer bestimmten Kulturgestalt objektivierte Form des
Schriftzeugnisses für Christus nimmt an der Einmaligkeit, der Unüberholbarkeit
und Universalität der in Christus erfolgten Selbsterschliessung Gottes teil.
Das Dogma ist demgemäss unbedingte Wahrheitsaussage und eine endgültige
Glaubensaussage, soweit es seinen Inhalt betrifft. Dogmen sind hinsichtlich
ihres Inhaltes unwandelbar. Das heisst nicht, dass sie von unwandelbarer Statik
sind. Auch die Dogmen bedürfen trotz ihres unwandelbaren Kernes einer ständigen
Neuauslegung durch die Kirche und sind daher trotz ihrer unwandelbaren
Wahrheitsaussage ständig in Bewegung. Der Interpret muss das in einem Dogma
dargestellte Anliegen der Kirche prüfen, um den Sinn des Dogmas zu verstehen.
Er muss die Stossrichtung der kirchlichen Definition erforschen, d. h. er muss
das Missverständnis oder den Irrtum kennen, gegen den sich das Dogma richtet.
Nur so kann man das Unwandelbare von dem Wandelbaren unterscheiden. Wenn im
Laufe der Zeit das Anliegen der Kirche in einer bestimmten Situation besser
verstanden wird, kann das ihm dienende Dogma immer tiefer interpretiert werden.
Diese Situation bringt es mit sich, dass auch das Dogma immer wieder einer
kritischen Prüfung bedarf, und zwar hinsichtlich der ihm zukommenden Stellung
im Ganzen, wie des ihm zukommenden Gewichtes und der Sprachgestalt.
126
3.
Kapitel
Schattenseiten und Vorzüge des Dogmas
a)
Gefahren
In
der Dogmatisierung eines Glaubensinhaltes wird eine einzelne Glaubenswahrheit
aus dem Ganzen herausgehoben und mit starken Akzenten versehen. Dies kann dazu führen,
dass sie den ihr im geordneten Ganzen der Offenbarung zukommenden Platz verlässt
und ein ihr nicht gebührendes Übergewicht über andere Offenbarungswahrheiten
gewinnt und in eine unangemessene Perspektive rückt. So ist, um das schon
genannte Beispiel noch einmal anzuführen, durch die christologischen Konzilien
der alten Kirche die Gottheit Jesu Christi so sehr in den Vordergrund und
die Menschheit Christi so stark in den Hintergrund gerückt (nicht theoretisch,
sondern praktisch), dass Christus vor allem als Gott angebetet wurde, aber nicht
als der menschliche Weg zu Gott in dem gebührenden Masse verstanden und
gegangen worden ist.
Wenn
sich der Blick der Gläubigen einseitig auf die begrifflich genau formulierte
und scharf herausgehobene Einzelwahrheit richtet, kann eine Verengung und
Verarmung des Glaubens eintreten, indem das Einzelne die ganze Aufmerksamkeit
auf sich zieht.
b)
Dogma als Glaubenshilfe
Auch
der Rationalismus liegt im Gefahrenfeld, insofern der Gläubige dem Missverständnis
huldigen kann, als ob durch die Dogmatisierung das betreffende Glaubenselement
in vollem Masse für die menschliche
127
Vernunft
transparent sei und dabei vergessen werden kann, was Paulus den Korinthern
schreibt (1 Kor 13,11f). Das Dogma darf, wenn sein Sinn nicht verfehlt werden
soll, nicht aus dem personalen Zusammenhang mit Jesus Christus herausgelöst
werden. Es bringt in seiner lehrhaften Gestalt Jesus Christus unter einem
bestimmten Aspekt vor das Auge des Glaubenden. Nicht der Satz eines Dogmas,
nicht die Sätze des Glaubensbekenntnisses, sind Inhalt des Glaubens, sondern
das mit den Sätzen ausgedrückte. Im Dogma ist immer von Christus die Rede. So
sucht das Dogma die Verbindung zwischen dem Glaubenden und Jesus Christus
herzustellen. Es will eine Hilfe sein für den Glaubensweg zu Christus. Es gibt
die Stelle an, an welcher Christus in der ganzen Heilsordnung steht. Weil das
Dogma immer auf Jesus Christus zielt und zur Hingabe an ihn auffordert, also
eine personale Ausrichtung hat, ist es nicht ein Mittel über Christus zu »verfügen«.
Das Dogma zielt nie auf die Herrschaft des Menschen über Gott oder über Jesus
Christus, sondern immer auf die Herrschaft Jesu Christi über den Menschen bzw.
auf die Partnerschaft des Menschen mit Jesus Christus. Wenn das Dogma auch eine
wahre Aussage über Gott ist, so wird dadurch der Geheimnischarakter Gottes und
seines Gesandten in keiner Weise aufgehoben oder verletzt. Das Dogma gestattet
den Blick auf das Gottesgeheimnis, aber es erlaubt nicht, in dieses einzudringen
oder das Gottesgeheimnis bis auf seinen Grund zu durchdringen. Jede dogmatische
Aussage hat den Charakter der Analogie. Dies bedeutet, dass die jeweils aus
unserer Erfahrung entwickelten Vorstellungen und Begriffe der Wirklichkeit
Gottes in viel höherem Masse unähnlich als ähnlich sind. Die im Dogma
gemachte Glaubensaussage bleibt immer hinter dem vielgestaltigen Ke-
128
rygma
und auch weiter hinter der im Kerygma proklamierten Wirklichkeit zurück. Sie
ist ihrem Gegenstand nie adäquat. Aus dieser Tatsache hat sich die sog.
negative Theologie entwickelt, jene Theologie, welche behauptet, dass wir von
Gott besser sagen können, was er nicht ist, als was er ist und dass wir in
allen unseren Aussagen über Gott eine Verneinung einbauen müssen, insofern er
das, was wir von ihm aussagen, nicht in der Weise ist, wie es von den irdischen
Dingen gilt (hierüber soll eingehend in dem Abschnitt, der von Gott handelt,
gesprochen werden; vgl. auch Abschnitt 33).
c)
Dogma und »Modernismus«
Zu
Beginn unseres Jahrhunderts wollte, wie früher schon einmal kurz gestreift
wurde, der sog. Modernismus diese Problematik dadurch lösen, dass er die Dogmen
nur als Symbole, sozusagen als reine Chiffren auffasste. Man braucht den
Charakter des Dogmas als eines Symbols der göttlichen Wahrheit nicht in jeder
Hinsicht auszuschliessen. Wir wissen, dass es im Mittelalter geradezu eine
Symboltheologie gegeben hat. Sie begegnet uns bei einigen Frühscholastikern und
bei Bonaventura. Eine solche Kennzeichnung kann vielmehr, recht verstanden, den
analogen Charakter des Dogmas verständlicher machen. Im Modernismus wurde
jodoch der positive Inhalt eines Dogmas verneint.
d)
Dogma und Sprachphilosophie
Von
der Überlegung aus, dass das Symbol seiner immanenten Sinnhaftigkeit gemäss
den Zusammenhang von Geist und Gestalt besagt, lässt sich mit der heuti-
129
gen
Sprachphilosophie zwischen dem dem Symbol selber eigenen Sinn und der von ihm
gemeinten Bedeutung unterscheiden. Das menschliche Wort ist ein Symbol, insofern
der Mensch in ihm als Symbol geistige Inhalte ausdrückt und mitteilt. Es bleibt
als Versinnlichung einer geistigen Einsicht immer und wesensnotwendig hinter
dieser zurück. Diese Differenz kann bald geringer, bald grösser sein. Es wäre
jedoch eine Verkennung der Symbolfunktion des Wortes, wenn man nur diese selbst
sähe, und es nicht als unvollkommenen Ausdruck des nie vollkommen Ausdrückbaren
betrachtete. Eine solche Verabsolutierung ist die Mutter der Ideologie. Es wäre
auf der anderen Seite eine Entleerung des Symbols, wenn man in ihm nur ein
Chiffre für ein völlig Unbekanntes und keinerlei konkrete Aussage sähe.
Welche Symbole, d. h. welche Worte als Ausdrucksformen und Mitteilungsweisen gewählt
werden, hängt von der Freiheit des konkreten Menschen ab. Dabei kann es
gelingen, dass das gewählte Symbol (Wort) in einer besonders transparenten
Kraft den geistlichen Inhalt darstellt und mitteilt, ohne ihm je adäquat sein
zu können.
Es
schleicht sich aber in den Ausdruck dar geistigen Einsicht eine starke
menschliche Unvollkommenheit ein: Sprachliches Unvermögen, Einseitigkeit,
Bequemlichkeit, Rechthaberei, philosophische oder theologische oder andere
Liebhabereien usw. Diese Überlegungen gewinnen für das Dogma vom
Christusereignis ihre spezifische Tragweite. Zunächst muss man sagen, dass das
Dogma von dem menschgewordenen Logos, von seinem Heilstun, von seiner Heilsrede
der gültige Ausdruck des unaussprechlichen, hintergründigen Geheimnisses ist,
das wir Gott nennen, dass aber auch in diese Aussage die vorhin genannten
Unvollkommenheiten eingehen. Dies führt nicht zu
130
einem
formellen Irrtum im Dogma. Das Dogma ist vielmehr ein Schutz gegen den Irrtum
und die allem Menschlichen anhaftende Oberflächlichkeit. Als menschlicher
Ausdruck der göttlichen Wahrheit ist es jedoch der Kritik und dem Gestaltwandel
unterworfen, ohne dass das Ausgesagte dadurch in den Strudel geschichtlichen
Werdens hineingerissen wird (vgl. L. Be-jerholm - G. Hornig, Wort und Handlung,
Gütersloh 1966. J. Spielt, Glaube und Dogma, Stimmen der Zeit 92, 1967,
182-190. R. Guardini, Vom Leben des Glaubens, Mainz 1963).
e)
Dogma als Orientierung
Mit
dem Begriff des Dogmas wird häufig die Vorstellung verbunden, dass es eine
starre, unbewegliche Grösse sei und den Glauben rationalisiere, dass es den Gläubigen
eine mehr oder weniger widerwillig ertragene oder höchstens gleichgültig
hingenommene Last auflade (Dogmenzwang) und der Freiheit des Christenmenschen
gefährlich werde. Zu dieser Disqualifizierung des Dogmas ist folgendes zu
sagen: Das Dogma gibt und will geben eine zuverlässige Orientierung in einer
bedrohlichen Glaubenssituation. Es ist eine Abgrenzung gegenüber dem Irrtum, d.
h. gegenüber Fehlinterpretationen des Heilsweges. Es weist den rechten Weg und
fordert zugleich auf, auf ihm zu bleiben. Aufgrund seiner Entstehungsweise, von
der sogleich die Rede sein wird, stellt es jeweils das Ende einer oft mit
Leidenschaft, ja mit Diskriminierungen geführten Diskussion dar. Was bis zur
Aufstellung eines Dogmas in der Kirche offenblieb, wenngleich es unreflektiert
zu dem Offenbarungsbestand gerechnet wurde, wird durch die Dogmatisierung zur
endgültigen, expliziten, ausdrücklichen Erklärung gebracht.
131
Zugleich
aber ist das Dogma ein Anfang. Wenn wir im Bilde vom Wege bleiben, können wir
sagen, es ist die Orientierungstafel für den Weitergang, durch den das Ziel
erreicht werden kann. Die Aussage einer Offenbarungswahrheit in der Gestalt
eines Dogmas hindert nicht, der Glaubensaussage in einer späteren Zeit eine
neue deutlichere und durchsichtigere Gestalt zu geben, ohne dass das Bisherige
zum alten Eisen geworfen wird. Es behält auch unter der Herrschaft des Neuen
seine orientierende Funktion. Eine neue Gestalt kann zwar nur mit grosser
Reserve übernommen werden, aber sie ist nicht von vornherein unmöglich. Es ist
sogar zu wünschen und erforderlich, dass sich die Offenbarungswahrheiten in
neuen oder anderen Kulturepochen in neuer Weise verleiblichen. So gewinnt das
Dogma über seine Funktion als Orientierungstafel hinaus den Charakter des Weges
selbst, den sich die Glaubensgemeinschaft in die letzte Zukunft bahnt, des
Weges, den man nicht mehr zurückgehen, sondern nur noch vorwärts schreiten
kann, der nicht von vornherein fertig ist, sondern wie ein Brückenbogen sich
zum anderen Ufer hinstreckt. Nur wer dem Dogma keinen Wahrheitscharakter
zubilligt oder überhaupt jede Wahrheit leugnet, kann seine
Orientierungsfunktion ablehnen.
f)
Das Dogma in seiner Fruchtbarkeit
Mit
der Dogmatisierung ist das Gespräch über den dogmatisierten Inhalt keineswegs
beendet. Auch wenn er unwandelbar ist, und zwar infolge seiner göttlichen
Herkunft, so hat die Dogmatisierung zwar die Folge, dass das, was einmal als
wahr und endgültig erklärt worden ist, nicht in einer späteren Zeit als
unwahr bezeichnet werden kann. Ein neues Dogma gibt indes
132
jeweils
Anlass zu einem tieferen und umfassenderen Verständnis der im Dogma unmittelbar
dargestellten Wirklichkeit und des gesamten, im Umkreis des Dogmas liegenden
Glaubensfeldes, zu einer neuen Anstrengung für das Verständnis der gesamten
Glaubensgrundlagen, der Schrift, der Überlieferung, des Verhältnisses von
Schrift und Überlieferung zur Kirche. So hat z. B. das Dogma von der leiblichen
Verklärung Marias die Theologie und die kirchliche Verkündigung dahin geführt,
dass das Verhältnis der Auferweckung von den Toten, die Hauptverheissung des
Neuen Testamentes, zur Unsterblichkeit der Seele gründlicher als bisher
untersucht werden musste. Da dies nur auf der Basis der Geschichte dieses
Problems geschehen kann, hat das genannte Dogma viele, bis dahin nur in geringem
Masse in den Blick getretenen theologiegeschichtlichen Probleme aufgeworfen.
Weiterhin liegt in diesem Felde die Frage nach dem Verhältnis des Leibes zur
Geistseele. Das Dogma hat also über seinen eigenen unmittelbaren Sinn hinaus
viele Fragen aktualisiert und zwar nicht bloss Randprobleme, sondern Kernfragen
der Theologie und des Kerygmas. Letztlich ist es das Zentralkerygma, nämlich
das christologische, welches durch das Dogma in ein neues Licht gezogen
wurde. Es erhebt sich nämlich angesichts des Eingangs Marias in die
Herrlichkeit die Frage, in welchem Verhältnis der auferweckte Christus zu den
an ihn Glaubenden steht, was wir damit sagen wollen, dass er das Ende und die
Vollendung der Gesamtgeschichte durch seine eigene Auferweckung schon vorweg
genommen hat.
g)
Dogma und Dynamik
Die
Dogmatisierung ist also kein Hemmschuh für die Dynamik des Christentums. Sie löst
jeweils viel-
133
mehr
neue und oft intensive Bewegungen aus. Sie sichert zwar den Weitergang, aber
nicht in einem falschen Sekuritätsbedürfnis, nicht für eine sorglose
Sicherheit, sondern in der Auslösung neuer Anstrengungen auf das am Horizont
der Zukunft immer wieder auftauchende Ziel. Vieles, was vor der Dogmatisierung
in dem angegebenen mariologischen Beispiel selbstverständlich war, wurde aus
der falschen Ruhe aufgescheucht und in eine noch lange nicht zum Stillstand
kommende Bewegung gebracht.
Man
darf auch nicht übersehen, dass in der Entstehung und demgemäss auch im
Bestand des Dogmas der Heilige Geist wirksam ist. Er eröffnet ja das Verständnis
Jesu Christi und schafft den Zugang zu ihm. So bringt er die Begegnung des
Glaubenden mit Jesus Christus zustande. Auch das Dogma ist ein Medium für den
Heiligen Geist, jene Funktion zu erfüllen, die Christus von ihm vorausgesagt
hat. Die Kirche steht demgemäss, wenn sie ein Dogma aufstellt und wenn sie das
Dogma hütet, im Dienste des Heiligen Geistes. Sie kann nicht seine Stelle
vertreten. Wer dies tun wollte, der würde an die Stelle der Offenbarung seine
eigene Ideologie setzen. Derartiges unternahmen z.B. Montanus im christlichen
Altertum und manche Freunde Joachims von Fiore im Mittelalter. Das Dogma ist
daher nicht nur kein Ort der Beharrung und des Stillstandes, sondern ein Antrieb
des Weitergehens, weil der Heilige Geist im Dogma immer wieder neue Impulse
verleiht. Recht verstanden, bewahrt das Dogma geradezu vor einem unfruchtbaren
oder reaktionären Traditionalismus. Es bewahrt allerdings auch vor einem
hemmungslosen Fortschritt, welcher den Glauben auflöst statt ihn vorwärts zu
bringen.
134
h)
Dogma und Freiheit
Mit
dieser Dynamik hängt es auch zusammen, dass das Dogma keine Verwundung oder
Zerstörung der menschlichen Freiheit ist. Zunächst ist es selbstverständlich,
dass es nur in Freiheit aufgestellt und akzeptiert werden kann. Es schliesst
zwar in sich eine Forderung zur Annahme, es ist nicht ein unverbindliches
Angebot, wenngleich es ein Angebot ist. Es ist aber ein Angebot, von dem der
Anbietende, nämlich der verborgene Gottesgeist selbst erwartet, dass es
angenommen wird. Das Dogma verkündet einen Glaubenssatz. Es würde dem Sinne
dieser Forderung zuwiderlaufen, wenn es nicht die Freiheit des Menschen
herausfordern und zur Verwirklichung anreizen würde. Insbesondere aber ist das
Dogma geeignet, eine Hilfe zum rechten Freiheitsvollzug zu sein. Die Freiheit
stellt zunächst die psychologisch-metaphyische Fähigkeit des Menschen zu einer
verantwortlichen Selbstbestimmung dar. Ihr Sinn ist nicht die Fähigkeit zum
willkürlichen, sondern zum rechten Handeln. Wenn sie nicht das Rechte
verwirklicht, wird sie entweder gleich einer Windmühle ein Leerlauf oder sie
wird ein zerstörender Akt. Die Freiheit ist nicht gegenstandslos. Es fragt
sich, wie das Rechte zu sehen ist, das zu verwirklichen die Freiheitsbewegung
rechtfertigt und lohnt. Wenn hierüber in der heutigen Zeit keine einheitliche
Meinung besteht, so ist es für den Christen doch selbstverständlich, dass das
Rechte das von Gott Gewollte ist. Es ist immer das Menschenwürdige, sowohl in
kollektiver als auch in individueller Hinsicht. Man darf sagen, dass es heute
vor allem zwei verschiedene, ja einander entgegengesetzte Theorien von der
Freiheit gibt, die marxistische und die christliche. Nach Karl Marx und nach der
christlichen Freiheitslehre ist
135
die
Freiheit zugeordnet einer letzten Wirklichkeit. Aber gerade diese letzte
Wirklichkeit ist jeweils äusserst verschieden. Nach dem Marxismus ist die
letzte Wirklichkeit keine personale Wirklichkeit, sondern ein unpersonales Es.
Es ist nämlich die Materie oder die Entwicklung der Materie nach bestimmten
Gesetzen zu einem unpersönlichen zukünftigen Zustande der Welt und der
Gesellschaft. An dieser Entwicklung soll jeder mithelfen, indem er seinen
Beitrag leistet. Nach der christlichen Freiheitsvorstellung ist das letzte Ziel
der Freiheit eine Person, ein Du, mit dem der Mensch sprechen kann, von dem er
Antworten erfahren kann, von dem er Trost und Hilfe und Ermunterung hinnehmen
kann, letztlich das Du Gottes, aber auch das mitmenschliche Du. Die sinngemässe
Verwirklichung der Freiheit ist die sinngemässe Selbstverwirklichung des
Menschen.
Das
Dogma leistet als eine von der Kirche formulierte Selbstmitteilung Gottes an den
Menschen einen Beitrag für die den Menschen gemässe Selbstverwirklichung in
seinem Leben, in der Welt und für die Welt. So hat das Dogma entgegen seinem
ersten Anschein eine durch und durch humane Bedeutung. Es ist Element des
wahren, personhaften Humanismus innerhalb der grossen Einheit der Menschen. Es
befreit den Menschen von den freiheitsfeindlichen Kräften der Selbstsucht und
des Hasses zur wahren, personhaften Freiheit in der humanen Gestaltung der Welt.
i)
Dogma — gemeinschaftsbildend
Dass
bei der Änderung der Sprachgestalt die grösste Zurückhaltung und Vorsicht
notwendig ist, ergibt sich auch daraus, dass die Glaubensgemeinschaft sich immer
auch in einer gemeinsamen Sprachgestalt dar-
136
stellt.
Eine Gemeinschaft verträgt keine babylonische Sprachverwirrung und keine ständig
wechselnden, revolutionären Sprachumbrüche. Daran kann sie zerbrechen. Die
gemeinsame Sprache ist für das lebendige Zusammengehörigkeitsgefühl der
Glaubensgemeinschaft von unabsehbarer Tragweite. Dabei ist allerdings zu
bedenken, dass sich die sprachlichen Formen sowohl ausserhalb als auch innerhalb
des kirchlichen Lebens unvermerkt allmählich in einem geheimnisvollen Prozess
wandeln, und zwar bis zu dem Grade, dass das früher allen Verständliche
unverständlich wird und die neue Sprache die alten Glaubensinhalte nicht mehr
wirkungsvoll auszudrücken vermag. Man darf wohl sagen, dass in unserer
Gegenwart die auflösenden Kräfte in der Kirche vielfach nicht aus ihrem
eigenen Boden hervorgebrochen sind, sondern von aussen her aus dem Wandel der
Gesamtkultur in unserer Welt in die Kirche eingedrungen sind, wobei es
allerdings kirchliche Einbruchstellen gegeben haben muss. Die Kirche kann zwar
den Prozess der Sprachwandlung bis zu einem gewissen Grade leiten. Er hat jedoch
eine solche Macht, dass sie sich ihm auf die Dauer nicht wirksam entgegenstellen
kann und daher für die Dogmen eine neue Ausdrucksgestalt suchen muss, wenn sie
der Aufgabe der Verkündigung auch weiterhin dienen sollen.
Ausserdem
ist zu beachten, dass infolge des verschiedenen Lebensgefühls der menschlichen
Gruppen nicht alle im gleichen Sprachgebiet leben. Pius XII. hat mit seiner
These von den literarischen Formen, die bei den Orientalen üblich sind, das
Problem angeschnitten. Es ist so gut wie sicher, dass den fernöstlichen
Menschen, namentlich den Indern und Chinesen, die in der aristotelischen
Begriffssprache vorgenommenen Formulierungen der Offenbarung schwer oder
137
nicht
zugänglich sind. Umgekehrt darf man annehmen, dass ihnen nicht wenige bildhafte
Ausdrücke der Schrift ohne die für unsere Erkenntnis erforderliche Reflexion
unmittelbar verständlich bleiben.
Ein
zweiter Gesichtspunkt ist in dem Prozess der Sprachverwandlung zu beachten. Wie
schon einmal hervorgehoben wurde, sind Inhalt und Gestalt der Sprache nicht als
mechanisches Miteinander oder Nebeneinander, sondern als ein organisches
Ineinander zu verstehen. Die Änderung der Sprachgestalt wirkt zurück auf das
in der Sprache Ausgedrückte, zunächst auf die Vorstellung und auf den Begriff,
aber dann auch auf das mit dem Begriff Gemeinte. Deshalb kann eine sprachliche
Wandlung auch zu einer inhaltlichen Verschiebung führen. Daher bedarf es
jeweils eines ausgeprägten Fingerspitzengefühls, damit nicht durch die
Preisgabe der Sprachgestalt auch der Inhalt preisgegeben wird. Die Kirche kann
sich jedoch, um dieser Gefahr zu entgehen, der Verpflichtung, die Dogmen immer
neu zu übersetzen, nicht entziehen. Sie würde sonst ihrer Verkündigungsaufgabe
nicht treu bleiben.
4.
Kapitel
Die
Entstehung des Dogmas: Grund für ein Dogma
Zu
einem tieferen Verständnis des Dogmas kann uns ein Blick auf seine Entstehung
verhelfen. Das Dogma hat seinen Grund nicht und darf ihn nicht haben in
Liebhabereien oder imperialistischen Neigun-
138
gen
oder in einer Systemsucht, in dem Verlangen nämlich nach Abrundung eines
Systems, sondern nur in der Sorge, die Selbsterschliessung Gottes und die
Glaubensantwort an sie gegenüber schweren Gefährdungen zu schützen und zu
bewahren. Wenn die Glaubensverkündigung auf die geistigen Mächte der Welt mit
ihren Kulturen und Bildungsformen stösst, kann es jeweils zu tiefgreifenden
Auseinandersetzungen kommen. Dabei erhebt sich auch für Gutwillige infolge
ihres kulturellen oder philosophischen Apriori die Gefahr eines falschen Verständnisses
des Glaubens und der Offenbarung. Die Geschichte zeigt uns, dass jeweils aus
bestimmten Kulturkreisen, z. B. aus den hellenistischen oder aus den
germanischen, geistige Kräfte hervorbrachen, welche den in der Schrift ausgedrückten
Glauben der Kirche umbogen oder entstellten. Derartiges ist infolge der
menschlichen Einseitigkeit unvermeidlich. Es braucht hierbei kein böser Wille
im Spiele zu sein. Es gilt geradezu das Schriftwort, dass auch Häresien sein müssen
(1 Kor 11,19). Der Tübinger Theologe J. S. von Drey war der Ansicht, dass nach
einem allgemeinen, menschlichen Gesetz die Wahrheit vollkommen nur durch die
Gegenüberstellung der Gegensätze erkannt wird. Damit ist nach seiner Meinung
das Verkündete, das durch feierliches Urteil bestimmte Dogma mit Bezug auf die
nicht deutlich ausgesprochenen Offenbarungswahrheiten das Endstadium eines
dialektischen Prozesses bzw. einer Entwicklung, welche durch die realen
Bewegungen von Orthodoxie und Häresie hervorgerufen sind.
J.
A. Möhler war der Ansicht, dass durch die realen menschlichen, geschichtlichen
Bewegungen der Irrtum, aber auf seinem Hintergrunde gerade die volle Einsicht in
die göttliche Offenbarung hervorgebracht wurde. So verdanken wir dem
unerleuchteten Geset-
139
zeseifer der Judenchristen die Darstellung des Apostels Paulus über den Glauben an die Kraft des Evangeliums; den Spaltungen in der Christengemeinde in Korinth die Verkündigung des Apostels über die Struktur und das Leben der Kirche; dem pelagianischen Streit die augustinische kirchliche Lehre von der Gnade. Die Offenbarung ist in allen diesen Dogmen deutlicher zum Vorschein gekommen. Diese Analysen zeigen, dass auch die Häresie im Heilsplane Gottes ihre Bedeutung hat. Sie impliziert, dass das Wahre wahr und das Falsche falsch genannt wird. Würde die Kirche die Kraft oder die Willigkeit verlieren, das Falsche falsch zu nennen, könnte sie nicht mehr mit vollem Einsatz ihrer selbst das Wahre als wahr verkündigen (siehe J. S. von Drev, Kurze Einleitung in das Studium der Theologie, Tübingen 1819. J. A. Möhler, Symbolik. Ausgabe J. R. Geiselmann, Köln und Ölten 1958, 1960. Derselbe, Die Einheit in der Kirche oder das Prinzip des Katholizismus, Tübingen 1825. Ausgabe J. R. Geiselmann, Köln und Ölten 1956).
5.
Kapitel
Dogma
als reflektierter Glaubensinhalt
Augustinus erklärt einmal: »Vieles in der Tat, was zum katholischen Glauben gehört, wird, wenn es von der leidenschaftlichen Ruhelosigkeit der Häretiker angefochten wird, zum Zwecke der Verteidigung sorgsa-
140
mer
gewogen, klarer erfasst und nachdrücklicher verkündet und so wird eine vom
Gegner aufgeführte Frage eine Gelegenheit zum Lernen« (Sermo 51,11).
Das
Dogma als die Selbstdarstellung im Bekenntnis zu Christus sagt aus, was alle
unreflektiert und unbewusst oder auch bewusst immer schon bejaht haben. Im Übergang
vom unreflektierten zum bewussten Glauben entsteht das Dogma. Die Träger des
kirchlichen Lehramtes zwingen in der Dogmatisierung niemandem eine Anschauung
auf, die mehr oder weniger bereitwillig oder widerwillig hingenommen wird,
sondern bekennen als die von Christus bestellten Sprecher des Gottesvolkes das,
was alle erfüllt, auch wenn es noch nicht begrifflich ausgesprochen worden ist.
Sie stehen nicht als Befehlende dem Volke gegenüber, sondern sprechen als
Glieder, welche das Volk Gottes repräsentieren, innerhalb der Gemeinschaft den
Glauben der Gemeinschaft aus. So konstituiert sich im Dogma die Kirche immer
wieder von neuem als Volk Gottes und als Leib Christi. In dem Christusbekenntnis
erhebt sich die immer bestehende Kirche zur Höhe des Ereignisses und des Aktes.
Zugleich bindet sie sich in einer bestimmten Epoche neu an Christus. Das Dogma
ist einerseits Ausdruck ihrer selbst und gestaltet andererseits, sich
gewissermassen rückwärtswendend, vorwärtsblickend für immer die Kirche durch
ein bisher zwar vorhandenes, aber erst im Dogma deutlich sichtbar
hervortretendes Element. Das Dogma erscheint so als das Ergebnis einer
geschichtlichen Realdialektik im Glaubensvollzug. Im Dogma vollzieht die Kirche
als Glaubensgemeinschaft gegenüber Bedrohungen und Gefährdungen unter der
Einwirkung des Heiligen Geistes ihren Christusglauben in einer neuen
Formulierung.
141
6.
Kapitel
Das
Dogma — kein
neuer Glaubensinhalt
Die
Formulierung geschieht in einer Sprache, welche dem Missverständnis entzogen
sein soll und die Wahrheit zugleich als Gegensatz zum Irrtum erkennen lässt. Es
muss allerdings hinzugefügt werden, dass es schwer oder nicht möglich ist,
jedes Missverständnis von vorneherein auszuschliessen. In allen Fragen, die den
menschlichen Geist, die das wahrhaft Menschliche betreffen, ist jede
Formulierung immer wieder der Fehldeutung ausgesetzt, und eine völlig
eindeutige Aussage gibt es in diesem Bereiche wesensgemäss nicht. Man darf nur
an Worte wie etwa Liebe oder Ehrfurcht oder Glaube oder Hoffnung u.a. psychische
Vorgänge denken. Das Dogma wird zwar von den Trägern des kirchlichen Lehramtes
verkündet, aber in ihm wird der Glaube des ganzen Gottesvolkes ausgesprochen.
Dieses reagiert mit seinem Glaubenssinn gegen die Glaubensgefahr. Wenn die Träger
des kirchlichen Lehramtes auch nicht nur die Vollstrecker des Glaubens sind,
sondern die von Gott bestellten Hüter und Hirten des Glaubens, so verkünden
sie doch nicht einen neuen Glauben, sondern den vom Gottesvolk als Ganzen reflex
oder unreflex vollzogenen und gelebten Glauben. Sie sagen nichts anderes, als
bisher geglaubt wurde. Aber sie sagen das bisher Geglaubte, das alte Wahre,
anders. Sie sind die Sprecher aller übrigen. Ihr Wort ist eine Aufforderung zur
Selbstbesinnung aller Angehörigen des Gottesvolkes.
142
7.
Kapitel
Heilsdynamik
des Dogmas
Weil
das Dogma Glaubensvollzug und so Hingabe an Christus ist, kommt ihm Heilsdynamik
zu. Das Dogma ist heilshaft wirkende Antwort der Kirche an den in der Kirche präsenten
und immerfort zu ihr sprechenden Herrn. Das doxologische Element lässt sich vom
Dogma nicht trennen. So kommt man zu der These, dass im Dogma Gott selbst wirkt.
Im Dogma ereignet sich die Selbstzusage Gottes an den Menschen einer bestimmten
Geschichtsperiode in der dieser verständlichen Form. Der in Christus ein für
allemal mit den Menschen zur Einheit verbundene Gott sagt sich im Dogma eh und
je der Kirche und ihren Gläubigen in neuer Gestalt zu. Im Dogma kommt daher die
in Jesus Christus ein für allemal geschehene Selbsterschliessung Gottes im
konkreten Hier und Jetzt zur Geltung. Das Dogma hat demgemäss
heils-existentielle Bedeutung. Man kann gewissermassen sagen: das Dogma ist Gott
in menschlicher Sprache. Durch das Dogma wird zwar eine bestimmte
Glaubenswahrheit aus dem Ganzen herausgehoben, so dass sie ähnlich wie eine
hohe Bergspitze im Umkreis eines ausgedehnten Bergstocks zu sehen ist. Sie darf
jedoch nicht von dem Ganzen des Glaubens isoliert werden, ja, sie steht so sehr
mit dem Ganzen der Offenbarung im Zusammenhang, dass man sie häufig nicht mit
Sicherheit als Einzelstück gegenüber dem Gesamt der kirchlichen Lehre
abgrenzen kann. Sie lebt in dem ganzen Offenbarungsfeld und kann in ihrem wahren
Sinn und in ihrer Tragweite nur innerhalb der Gesamtoffenbarung verstanden
werden (G!au-
143
bensanalogie).
Dies hat die Folge, dass man nicht immer genau weiss, ob eine These als Dogma zu
betrachten ist oder nicht. Derartiges ist jedoch nicht von grosser Bedeutung, da
es sich ja im Glauben immer um das Ganze der Offenbarung handelt.
144
28.
ABSCHNITT
Wir
können die Dogmen unter dem Gesichtspunkt der Gewichtigkeit ihres Inhaltes und
nach ihrem Verhältnis zur menschlichen Vernunft einteilen.
Die
wichtigste Einteilung ist die zuerst genannte. Es sind zwar alle Dogmen durch
die Autorität der Kirche verbürgt. Sie sind formal in ihrem Wahrheitswert alle
in gleicher Weise gesichert. Dennoch hat das eine für das Ganze der Offenbarung
und des Heiles eine grössere Tragweite als das andere, ähnlich wie für einen
Organismus das eine Glied wichtiger ist als das andere, wenngleich jedes wichtig
ist. So steht die Glaubenswahrheit von Christus in der Mitte der
Gesamtoffenbarung. Die Proklamation der durch Christus erschlossenen absoluten
Zukunft ist das Entscheidende. Es gibt zwar in der göttlichen
Selbsterschliessung kein Moment, das für das menschliche Heil bedeutungslos wäre.
Gott hat jedoch, wie es seiner schöpferischen Liebe entspricht, in
verschwenderischer Weise für das Heil Sorge getragen. Man darf daher
unterscheiden zwischen solchen Offenbarungswahrheiten, deren gläubige Bejahung
heilsnotwendig ist, und solchen, deren Bejahung im Prinzip für das Heil genügt
(dogmata fundamentalia generaiia und dogmata specialia). Sowohl für die
Theologie als auch für die Spiritualität hat eine Verschiebung im Ordnungsgefüge
der Dogmen nachteilige Folgen. Dieser Vorgang kann bis dahin sich auswirken,
dass bei aller Treue zu jedem einzelnen Dogma ein häretisches Klima entsteht.
Das Zweite Vatikanische Konzil spricht einmal von einer Hierarchie der
Wahrheiten (siehe die Konstitution »Lu-
145
men
Gentium«). Dies ist Aussage und Mahnung zugleich.
Was
die Unterscheidung hinsichtlich des Verhältnisses zur Vernunft betrifft, so
gibt es Geheimnisse im strengen Sinn und »gemischte« Geheimnisse. Die ersten können
von der menschlichen Vernunft in keiner Weise in eigener Anstrengung erkannt
werden. Die anderen, deren Inhalt auch von der Vernunft erkannt werden kann,
unterscheiden sich von einer blossen Vernunftwahrheit dadurch, dass ihr Inhalt
im Zusammenhang mit der Offenbarung steht, dadurch eine neue Perspektive erhält
und vom christusgläubigen Menschen unter einem anderen formalen Gesichtspunkt
bejaht wird als eine reine Vernunftwahrheit.
146
29.
ABSCHNITT
Das
Problem der Dogmenentwicklung
1.
Kapitel
Gründe
für die Dogmenentwicklung
Mit
neuer Schärfe kehrt die Frage wieder, wie sich die im Dogma vorgelegte
Aussagegestalt der Offenbarung zu der ursprünglichen, in der Schrift gegebenen
Aussage verhält. Die evangelische Theologie, welche selbst kein Dogma in dem
angegebenen Sinne kennt, fürchtet vielfach, dass das katholische Dogma eine
Verfälschung der Schrift oder eine der Schrift widersprechende Neuerung
bedeutet. Insbesondere wird dies von den marianischen Dogmen behauptet. Dieses
Problem wird nunmehr im Zusammenhang mit der Darstellung der Entwicklung erörtert.
Es
ist nicht zu bezweifeln, dass es eine Dogmenentwicklung im Sinne einer Verkündigungs-
und Glaubensgeschichte gibt. Denn es gibt Glaubenswahrheiten, die einmal nicht
ausdrücklich von der Kirche verkündet oder in anderen Vorstellungen, Begriffen
und Ideen vorgelegt wurden oder überhaupt nicht ausdrücklich bekannt waren. Es
lässt sich nicht leugnen, dass dem hl. Augustinus manche Dogmen, die in den späteren
Jahrhunderten entstanden sind, unbekannt waren, um nur ein Beispiel zu nennen.
Von sämtlichen, in der Kirche vorhandenen Dogmen, auch von denjenigen, die die
evangelische Kirche ihrerseits an-
147
erkennt, muss man bekennen, dass sie in der vorliegenden Gestalt nicht genau in der Heiligen Schrift zu finden sind, vielfach so sehr nur im Prinzip, dass ohne den Einsatz einer wissenschaftlich-theologischen Methode und des kirchlichen Lehramts, d. h, ohne eine besondere Einwirkung des Heiligen Geistes auf die Kirche oder deren Glieder die später als Dogma verkündete Wahrheit nicht gesehen würde. Das gilt auch von den alten Dogmen von Nikaia, von Chalkedon und Ephesus. Diese letzte Tatsache ist für das ökumenische Gespräch von besonderem Gewicht, weil die genannten Konzilien auch weithin von Protestanten angenommen werden.
Der
Widerstand gegen alles Neue in der Kirche, gegen neue Weisen der
Glaubensaussagen, gegen neue Lebensformen, kann zu einem sterilen Konservatismus
führen, der sich bis an die Grenze der Häresie zu entwickeln vermag. Er ist
das Zeichen einer geistigen Erstarrung. Auf der anderen Seite kann die Freude an
dem Neuen zu einer Fortschrittlichkeit führen, die sich wiederum der Häresie nähert.
So werden die Vertreter beider Richtungen über die Glaubensgrenze hinausgehen.
Die Dogmenentwicklung steht jenseits eines unfruchtbaren Konservatismus und
jenseits einer den Glauben auflösenden Progressivität.
Wie verhält sich also der spätere Glaube und die spätere Gtaubensverkündigung zu dem früheren Glauben und der ursprünglichen Glaubensverkündigung? Stellt das spätere nur eine neue Wahrheitserkenntnis oder eine neue Wahrheit dar? Nur eine neue Gestalt der alten Wahrheit oder die Entdeckung einer neuen? Diese Unterscheidung ist oft nicht von vornherein leicht zu vollziehen.
148
2.
Kapitel
Seinsverständnis
und Geschichte
Im
Hintergrund der Problematik steht das sehr viel umfassendere Problem, welches
die Wahrheitserkenntnis im Verhältnis zur Geschichte überhaupt betrifft. Auch
allgemein gültige Wahrheiten werden jeweils an einem bestimmten Ort der
Geschichte gefunden. Ihr Inhalt ist demgemäss von dem jeweiligen
geschichtlichen Seinsverständnis mitgeprägt, erst recht natürlich ihre
Formulierung. Steht und fällt die Geltung der Wahrheit mit dem Akte der
Entdeckung und des Vergessens? Wenn es auch für die Geltungsmacht einer
Wahrheit gleichgültig sein mag, von wem und wann sie zum erstenmal
ausgesprochen wurde, so hat doch auch die Erkenntnis der Wahrheit ihren Kairos.
Nicht jede Wahrheit kann zu jeder Zeit erkannt und mitgeteilt werden. Dieses
Problem, welches im Historismus und auch in der gegenwärtigen Problematik des
Geschichtlichen eine Rolle spielt, soll nicht weiter entfaltet, sondern nur als
Hintergrund für unsere theologische Frage aufgedeckt werden. Dieser Hintergrund
zeigt, dass es sich zwar um ein inner-theologisches Problem handelt, aber in dem
grossen Zusammenhang der geistesgeschichtlichen Bewegung und nicht ohne
gegenseitige Beeinflussung. Es sei vorerst nur betont: Wenn schon eine
philosophische Wahrheit nicht einfachhin soziologisch erklärt werden kann, dann
kann erst recht eine Offenbarungs- und Glaubenswahrheit nicht einfachhin
soziologisch erklärt werden, mag sie auch eine soziologische Imprägnierung
haben, d. h., mag auch die Situation der kirchlichen Gemeinschalt und
Gesellschaft zur Bildung eines Dogmas Anstösse geben.
149
3.
Kapitel
Griechische
Philosophie und Dogmenentwicklung
Als
wir das Zustandekommen des Dogmas skizzierten, haben wir gesehen, wie der
Prozess abläuft, an dessen Ende das Dogma steht. Wir haben hierbei zwei
treibende Kräfte namhaft gemacht, einmal die Realdialektik der
Glaubenserkenntnis im geschichtlichen Leben der Kirche, sodann die ebenfalls in
dem geschichtlichen Dasein der Kirche hervortretenden Frömmigkeitsformen. Was
die erste Triebkraft betrifft, so kann die Kirche das Wort Gottes nur verkündigen
in der geschichtlichen Begegnung mit der Welt. Dies führt notwendigerweise zu
geistiger Auseinandersetzung. Denn die Welt stellt keinen Hohlraum dar, in den
das Wort Gottes in einer Art Spiel einströmen könnte, sondern eine geistige
Macht mit bestimmten religiösen, sozialen, philosophischen, anthropologischen
und kulturellen Vorstellungen. Diese haben nicht selten eine Hinordnung zu und
Verwandtschaft mit der christlichen Botschaft, häufiger aber stehen sie zu ihr
in Spannung oder im Gegensatz, so dass es zu einem lebendigen, oft Jahrhunderte
sich hinziehenden und nicht selten von Blut und Tränen begleiteten Ringen
kommt.
Man
weiss, dass es, abgesehen von den zahlreichen Auseinandersetzungen im einzelnen,
vor allem zwei grosse universale Horizonte des menschlichen Selbstverständnisses
sind, auf welche die christliche Botschaft stiess und mit denen sie sich, um
Christus und die durch ihn eröffnete absolute Zukunft wirksam proklamieren zu können,
konfrontieren musste. Zum er-
150
stenmal
geschah dies, wie wir schon kurz andeuteten, als das Christentum aus dem engen
Bereich des alttestamentlichen Gottesvolkes in die Weite und Universalität der
griechischen Wirklichkeitsdeutung und Bildung eintrat. Hier traf es auf eine
hochentwickelte Philosophie und Kultur. Die Begegnung war um so schwieriger,
weil es sich bei der christlichen Botschaft strukturell vor allem um eine
geschichtliche Bewegung handelte, während das griechische Denken um das Wesen
der Dinge kreiste und in dieses einzudringen jede Anstrengung des Begriffes auf
sich nahm. Während im Buche Genesis zur Lösung der Lebensprobleme die
Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt wurde, hat sich das griechische
Denken etwa zur gleichen Zeit in den Sinn der Welt und des menschlichen Lebens
hineinzusinnen versucht. Die christliche Botschaft musste daher aus der
Geschichte gewissermassen in die Metaphysik transformiert werden. So entstand
einerseits eine universale, die ganze Welt in sich begreifende Theologie, welche
sowohl bei Origenes als auch bei Augustinus existentiale und existentielle
Elemente in sich schloss. Die Möglichkeit für eine solch metaphysische
Theologie war darin gegeben, dass in den geschichtlichen Ereignissen, in denen
sich Gott dem Menschen erschloss, metaphysische Fragen im Hintergrund warteten.
Um ein schon mehrfach herangezogenes Beispiel zu wiederholen, sei wieder an
Paulus erinnert, welcher auf Grund seiner Erfahrung des göttlichen Heilstuns
mit ebensoviel Leidenschaft wie Bedrückung zurückfragte, wer dieser Gott sei,
also im Grunde aus der Geschichte in die Metaphysik zu gelangen versuchte. Der
theologische Vorgang jedoch, welcher sich in der Begegnung der
alttestamentlichen Gottes-Erfahrung mit der griechischen Philosophie vollzog,
hat, so wichtig er für den
151
christlichen
Universalismus wurde, mit einer schweren Hypothek bezahlt werden müssen, nämlich
mit der Zurückdrängung des Historischen. In diesem ganzen Prozess erhoben sich
zahlreiche Einwände, Fragen und Widersprüche gegen die christliche Botschaft
aus dem geistigen Milieu, in welches das Christentum eintrat. Wir brauchen uns
nur an die geistige Lage in Korinth zu erinnern, wie sie uns im 1.
Korintherbrief vor das Auge tritt. Es bedurfte einer jahrhundertelangen
Auseinandersetzung, bis wenigstens die Hauptfragen, nämlich das Verhältnis des
Alten zum Neuen Bunde sowie die Struktur Jesu Christi, sein Verhältnis zu Gott
einerseits und sein Verhältnis zu den Menschen andererseits, durch die alten
Konzilien eine verbindliche Erklärung erfahren hatten. Diese wurde nicht
erreicht durch ein stilles organisches Wachstum, sondern durch den in Freiheit
geführten Einsatz für den Christusglauben. Es war auch nicht von vorneherein
klar, welches Resultat hierbei herauskommen werde. Im Grunde genommen hat sich
die im Giaubensbewusstsein der Kirche anwesende Offenbarung oder vielmehr der in
ihm wirkende Heilige Geist durch die freien Entscheidungen der christusgläubigen
Menschen selbst durchgesetzt. So sind die Konzilsentscheidungen die durch die
Zeit heraufbeschworenen und durch die Zeit bedingten, durch Gottes Gnade in
freier menschlicher Entscheidung geschaffenen Ausdrucksgestalten des biblischen
Glaubens, wenngleich sie sich von dessen Buchstaben in nicht geringem Masse
entfernen (J. B. Metz, Zum Verhältnis von Kirche und Welt, in: T. P. Burke, Künftige
Aufgaben der Theologie, München 1967, 11-30. Derselbe, Theologie, in: LThK X,
19652 62-71).
152
4.
Kapitel
Dogma
und Geschichte
Anders
war der geistige Horizont, vor den die christliche Botschaft geriet, als das
geschichtliche Bewusstsein und die Naturwissenschaft zu Beginn der Neuzeit
erwachten. Nun wurde die Welt nicht mehr als ein philosophisch zu
durchdringender und zu erhellender Gesamtzusammenhang, sondern als ein
Werdeprozess verstanden, der sich unabsehbar nach vorwärts und nach rückwärts
erstreckte. Luther selbst hat die Geschichtlichkeit zunächst als Last empfunden
und abgeschüttelt, indem er alles, was zwischen der Heiligen Schrift und seiner
eigenen Zeit sich in der Kirche entwickelt hatte, als Wildwuchs beiseite schob,
dabei allerdings die alten Konzilien gelten liess. Im weiteren Verlauf führte
jedoch die historisch-kritische Methode, welche auch das Christentum, vor allem
aber die Heilige Schrift in den Bereich ihrer Untersuchung einbezog, zu schweren
Erschütterungen, denen die christliche Botschaft und das christliche
Glaubensbewusstsein standhalten mussten. Im Grunde genommen ist die Situation,
welche für die ganze Neuzeit charakteristisch war, von den Theologen in ihrer
Tragweite erst im 19. und vollkommen reflex erst im 20. Jahrhundert erkannt
worden. In diesem Prozess der Historisierung des Christentums ist prinzipiell
oder vielmehr strukturell wieder zurückgewonnen worden, was für die
christliche Offenbarung mit ihrem geschichtlichen Werdecharakter bestimmend ist,
hat aber ausserhalb der katholischen Kirche durch den Verlust zahlreicher
inhaltlicher Momente bezahlt werden müssen. Die Kirche hat dabei in einer Reihe
von Dogmen die alten Inhalte gerettet.
153
5.
Kapitel
Frömmigkeit
und Geschichte
Wenn auch in solchen Konfrontationen mit den grossen Horizonten des Seinsverständnisses die Hauptantriebe des Dogmas liegen, so darf man doch die in der Frömmigkeit wirksamen Motive nicht gering schätzen. Auch sie bewegen sich nicht in einem zeitlosen Himmel mystischer Innerlichkeit. Denn auch die Meditation ist getragen von dem jeweiligen Lebensgefühl der Zeit. Es gibt keine rein ahistorischen Menschen und keine rein ahistorische Frömmigkeit. Im übrigen darf man auch hier nicht übersehen, dass es zwar die menschliche Freiheit ist, die keinem Zwang unterliegt, wenn neue Dogmen aus dem Räume der Liturgie hervorgerufen werden, dass sich aber auch hier letztlich der Heilige Geist Gehör verschafft.
Neuestens
haben insbesondere marianische Motive zur Dogmatisierung geführt. Es handelt
sich dabei vor allem um die letzten Mariendogmen. Sie haben ihren Lebenssitz
wohl im Kult der Kirche und sind Ausdrucksgestalten der Frömmigkeit. Man kann
sie allerdings auch von den beiden letzten mariologischen Dogmen, von dem Dogma
über die Erbsündenfreiheit Marias und dem Dogma über die leibliche Aufnahme
Marias in die Herrlichkeit Gottes, behaupten, dass sie aus einer dem Glauben gefährlichen
Gesamtsituation der Kirche hervorgegangen sind. Im ersten Dogma könnte man eine
Programmierung des Primates des Ewigen und Religiösen gegenüber der
fortschreitenden atheistischen Verwettlichung und des Verhältnisses des
Menschen zu Gott sehen. Im zweiten Dogma könnte man die einschlussweise Pro-
154
grammierung
des christlichen Glaubens bezüglich der Materie und bezüglich des
Materialismus sehen. Seiner eigentlichen Sinnhaftigkeit nach ist allerdings
dieses Dogma eine Distanzierung gegenüber den Auswüchsen des idealistischen
und eine Verkündigung des biblisch-ganzheitlichen Menschenbildes.
Anmerkungsweise
sei hinzugefügt, dass die theologische Spekulation als solche keine
dogmenbildende Kraft besitzt. Hierfür hat sie zu wenig innere Dynamik und
Verbindlichkeit.
155
30.
ABSCHNITT
Dogmen-Entwicklung
und Glaubensidentität
Einführung
Wie
ist also der Zusammenhang zwischen dem Dogma und dem undogmatischen Vorgängerglauben
zu erklären? Die Theologen bemühen sich in vielfältiger Weise um diese Frage.
Sie arbeiten alle mit dem Begriff der Implikation und erklären das Dogma als
Explikation des Implizierten. Hierüber gibt es wieder verschiedene Meinungen.
Die meisten bewegen sich in der intellektuellen Bahn, andere setzen den ganzen
Menschen mit allen seinen Kräften in Rechnung. Einige der wichtigsten Versuche
seien hier genannt (siehe Abschnitt 22).
1.
Kapitel
Traditionelle
Ansichten
Nach
einer Ansicht ist das Dogma immer formell, wenn auch nicht ausdrücklich in der
Schrift enthalten. Es ist das von der Kirche definierte Ergebnis eines logischen
Schlussverfahrens, in welchem die beiden Vordersätze Offenbarungswahrheiten
sind. Die Vertreter dieser Meinung erklären, dass in einem solchen Prozess auch
der Schlusssatz als formelle Offenbarung anerkannt werden muss. Eine zweite
Ansicht geht dahin,
156
dass
es für die Definierung einer Offenbarungswahrheit genügt, wenn sie durch ein
Schlussverfahren erreicht wird, in welchem der Obersatz förmlich in der
Heiligen Schrift steht, der Untersatz aber eine natürliche Wahrheit ist. Auch
in diesem Falle könne man von dem Schlusssatz behaupten, dass er eine
Offenbarungswahrheit zum Ausdruck bringe. Denn die im Untersatz ausgesprochene
natürliche Erkenntnis diene nur dazu, den Inhalt des Offenbarungssatzes zu
entfalten. Daher bewege sich auch die Schlussfolgerung noch im Felde der
Offenbarung. Man bezeichnet die im Schlusssatz ausgedrückte Wahrheit als
virtuell geoffenbart.
2.
Kapitel
Das
Miterkennen
Diese
Thesen finden heute eine Ergänzung durch den Hinweis darauf, dass Gott mit dem
in der Heiligen Schrift Gesagten nicht nur das unmittelbar zum Ausdruck
Kommende, sondern auch das in diesem Mitgesagte offenbaren wollte. Jede Rede
habe eine ihr innewohnende Dynamik, welche das nicht formell Ausgesagte, aber im
Aussagefeld Liegende mitmeine. Im Mittelalter hat Bonaventura der These von dem
Mitgesagten und dem Miterkannten eine massgebende Rolle zugeschrieben.
Alles
stehe mit allem in Zusammenhang. Während wir Menschen die aus unserer Rede sich
ergebenden Folgen nie überblicken könnten, habe Gott das aus seinem Worte als
einem Aussagefeld Kommende
157
auch
selbst gewollt. Der Zusammenhang zwischen dem unmittelbar Ausgesagten und dem
Mitausgesagten brauche nicht stringent zu sein. Er könne jedoch durch das Auge
des Verstehens und der Liebe so deutlich gesehen werden, dass jener, welcher ihn
sieht, keinen Zweifel hat.
Gegen
alle diese Erklärungen wird eingewandt, dass die erschlossenen Sätze zwar mit
der Offenbarung zusammenhängen, aber selbst nicht mehr als solche bezeichnet
werden können, weil sie aus ihr nur abgeleitet sind. Man darf jedoch hierbei
die Tragkraft der menschlichen Vernunft in ihrer mäeutischen Funktion nicht übersehen.
Das menschliche Denken dient in der Tat dazu, die Wahrheit, welche der sich
offenbarende Gott mitgeteilt hat, in ihrer Fülle zu entwickeln. Was dabei
herauskommt, ist nicht eine menschliche, sondern eine aus dem Ganzen
ausgegliederte, göttliche Wahrheit. Dieses lässt sich durch folgende Überlegung
noch verständlicher machen. Die göttliche Offenbarung kann uns, wie wir sahen,
erreichen, indem sie sich in unserem Bewusstsein durchsetzt, Sie zielt also
darauf, in unserem Bewusstsein anwesend zu sein. Sie ist mit diesem keineswegs
identisch. Aber ohne das menschliche Bewusstsein hat sie keine Existenz in der
Welt und in der Geschichte. So ist das Glaubensbewusstsein und das in ihm
gegebene Glaubensverständnis die Art und Weise, wie die göttliche Offenbarung
trotz ihrer Einmaligkeit in der Menschheit immerfort gegenwärtig ist und wirkt.
Die
natürliche, menschliche Erkenntnis bietet hierfür eine Parallele. Wie wir aus
den jahrhundertelangen Bemühungen der Philosophie wissen, ist uns die
Wirklichkeit in ihrem Ansichsein nie in vollem Masse zugänglich. Jener
Objektivismus, welcher meint, wir könnten die wie eine unbewegliche
Wirklichkeit in sich
158
ruhende
Wahrheit in ihrem »An sich« voll erkennen, so wie sie in sich selbst ist, ist
auch im aussertheologischen Bereich undurchführbar. Die Welt, in der wir leben,
ist immer eine Synthese von objektiv Gegebenem und unserer Erkenntnis. So ist
auch die Offenbarung für uns nur zugänglich im Offenbarungsverständnis, im
Glauben, der aus dem Hören geboren ist und sich in der Verkündigung bekennt.
Dies gilt in unserem Bereich um so mehr, weil Gott für uns auch nach seiner
Selbsterschliessung ein undurchdringliches Geheimnis bleibt. Er bleibt immer grösser
als unser Erkennen. Wir können seiner nur in analogen Vorstellungen und
Begriffen bewusst werden. Je mehr sich der Mensch für Gott öffnet, um so
intensiver und allseitiger kann sich sein analoges Gottesbewusstsein entfalten,
um so mehr kann also sein Bewusstsein durch die göttliche Selbsterschliessung
erfüllt und geprägt werden.
3.
Kapitel
Schrift
und Dogma
Von
diesen Vorgängen ist jene Erkenntnis strukturell nicht verschieden, welche wir
gewinnen, wenn das in der göttlichen Offenbarung Implizierte expliziert wird,
wenn also immer neue Elemente in dem unerschöpflichen Komplex der göttlichen
Selbsterschliessung wahrgenommen werden. Soweit dies nur in einem
intellektuellen Verfahren geschieht, fehlt allerdings die letzte Gewissheit,
deren der Glaube bedarf. So muss zu der Explikationsfunktion noch etwas hin-
159
zukommen.
Wir verweisen noch einmal auf die lebendige Erfahrung, welche der Mensch im
Umgang mit der Offenbarung machen kann. Sie gibt ihm ein Auge, mit dem er mehr
sieht als ein anderer. Dadurch gewinnt er eine unerschütterliche Überzeugung,
auch wenn der Inhalt nicht in einem stringenten, logischen Verfahren gewonnen
wird.
Hinzu
kommt in entscheidender Weise die kirchliche Verkündigung. Wenn diese auch
nicht die Art des Zusammenhangs zwischen dem Dogma und der vorausgehenden
Offenbarungsgestalt darlegt, so bezeugt sie in der Dogmatisierung dennoch die
Wirklichkeit eines solchen Zusammenhanges. Man muss sich bei diesen Überlegungen
vor der Vorstellung hüten, als ob man die Entfaltung als eine unmittelbare
Herausarbeitung des Literalsinns der Schrift verstehen dürfte, so dass die
Exegese mit ihrer analytischen und hermeneutischen Methode einen eigentlichen
Beweis für ein Dogma bieten könnte oder müsste. Die Entfaltung kann vielmehr
über die von der exegetischen Wissenschaft erzielten Ergebnisse hinausgehen.
Die Exegese würde ihren wissenschaftlichen Methoden untreu, wenn sie mehr sagen
wollte, als sie mit philologischen und historischen Mitteln zu erreichen vermag.
Es darf daran erinnert werden, dass schon Papst Pius XII. den Exegeten primär
die Erstellung des Literalsinns der Heiligen Schrift zur Pflicht machte
(Enzyklika »Divino afflante Spiritu« vom 30. Sept. 1943).
Mit
Recht sagt L. Scheffczyk (in: E. Neuhäusler — E. Gössmann, Was ist
Theologie?, München 1966, 202); »Es wird in vielen Fällen nur möglich sein,
in der Schrift die Ansatzpunkte, die Spuren und organischen Keime nachzuweisen,
aus denen das betreffende Dogma langsam wuchs. Auch wird immer zu beachten sein,
dass diese Wahrheiten in der Schrift oft in
160
einem
anderen Zusammenhang stehen, als ihn das auf dem Boden eines systematischen
Denkens gewachsene spätere Dogma erkennen lässt.«
Es
würde auch wenig nützen, wenn man sich für den Zusammenhang von Dogma und
Schrift auf den in der Theologie vielgenannten und diskutierten sensus plenior,
wie wir sahen, berufen würde. Man versteht unter diesem sensus plenior einen
Schriftsinn, in dem mehr enthalten ist, als der Wortlaut sagt. Zur Begründung
der Annahme eines solchen Vollsinns der Schrift wird angeführt, dass der
Heilige Geist in seiner inspirierenden Tätigkeit durch das Wort der
Hagiographen mehr sagen konnte, als diesen selbst bewusst war. Dies lässt sich
zwar nicht bestreiten, es fragt sich aber, wie dieses Mehr erkennbar ist;,
offensichtlich nur durch den Fortschritt im Glaubensbewusstsein, dies aber
heisst: durch die Entfaltungsfunktion der Kirche oder auch des einzelnen. Wir
wissen, dass die Entfaltungsfunktion der Kirche nichts anderes ist als ihre Überlieferungstätigkeit.
In dieser durch die Kirche entfalteten Gestalt der Heiligen Schrift haben wir
aber nicht mehr deren ursprüngliche Aussageweise vor uns. So bleibt die Frage
bestehen, wie der Zusammenhang zwischen der entfalteten Schriftgestalt und ihrer
ursprünglichen Form zu erklären ist. Gerade diese Frage sollte beantwortet
werden. Die Annahme eines sensus plenior wirft zwar die Frage auf, kann sie aber
nicht lösen, da eben das Mehr, das sie annimmt, nur durch den Einsatz der
Entfaltungsfunktion erkannt werden kann und Traditionsgut bedeutet.
161
4.
Kapitel
Der
Heilige Geist und die Dogmenentwicklung
Es
lässt sich nicht übersehen, dass keine der bisher ins Licht getretenen
Theorien einen logisch-stringenten Zusammenhang herzustellen vermag. Dies
scheint aber auch nicht nötig zu sein. Sowohl die innere Erleuchtung des
Heiligen Geistes, d. h. das Apriori der Gnade, als auch die Bezeugung des
kirchlichen Lehramtes verbürgen den Zusammenhang. Man würde allerdings der
Absicht der Kirche in der Dogmatisierung nicht voll gerecht, wenn man ihre
Entscheidung nur als rein kirchenamtliche Bestimmung über die Wahrheit, nicht
aber als die verbindliche Verkündigung einer Offenbarungswahrheit verstünde.
Diese Vorstellung würde zu einem schwer erklärbaren kirchlichen Positivismus führen,
da das Dogma mehr zu einer rechtlichen Verfügung als zu einer inhaltlich
bestimmten Wahrheitsaussage würde, die eben um der ihr innewohnenden, von Gott
bzw. von Christus verbürgten Wahrheit willen vom menschlichen Geist bejaht
werden kann und muss. Wenn die kirchlichen Amtsträger ein Dogma aufstellen, so
stehen sie der Gemeinschaft der Glaubenden nicht als Befehlsgeber gegenüber,
denen es um die Konformität und Uniformität im Denken geht, sondern als Mithörende,
die auch selbst ihren Glauben vom Hören auf die Verkündigung haben und von
daher vollziehen.
Letztlich
verläuft das von der Wissenschaft nicht befriedigend zu lösende Problem des Überganges
der Offenbarung aus der Gestalt der Heiligen Schrift ohne Änderung ihrer selbst
in ein neues Glaubensbewusstsein und Glaubensverständnis in jenem Hell-Dunkel,
in
162
welchem sich das Problem bewegt, welches wir die »Glaubensanalyse« zu nennen pflegen. Davon wird sogleich die Rede sein. Der Glaube an die Identität der Urkirche mit der späteren Kirche ist vom Urvertrauen auf den Heiligen Geist, der »Seele« der Kirche getragen.
5.
Kapitel
Eschatologischer
Charakter der Dogmenentwicklung
Die
Kirche bewegt sich, wenn sie das Problemfeld der Dogmenentwicklung vor sich hat,
in einem umfassenden geistesgeschichtlichen Zusammenhang. Man kann ihn nennen
den Gegensatz zwischen dem relativierenden Historismus einerseits und dem
revolutionären Progressismus andererseits.
Man
darf, wie eben betont wurde, bei der Erklärung der Dogmenentwicklung nicht
vergessen, dass hinter dem menschlichen Ringen das Magisterium des Heiligen
Geistes steht. Er ist es, der unsichtbar das Auf und Ab des Vorgangs der
sich stets vertiefenden Erkenntnis der Offenbarung im Raume der Kirche trägt.
Seine Wirkung ist es, wenn sich das rechte Glaubensverständnis in der
Auseinandersetzung mit den Widersprüchen zu immer grösserer Tiefe und Klarheit
entfaltet.
Da
die Kirche die Heilsbotschaft bis zum Ende der Tage zu verkünden und die
absolute Zukunft bis zu deren Eintritt zu proklamieren hat, wird die
Auseinandersetzung mit der »Welt« nie ein Ende nehmen. So
163
ist
auch die dogmenbildende Tätigkeit der Kirche nie vollendet. Auch in dieser
Dimension bleibt die Kirche offen für jede Zukunft. Sie ist das wandernde
Gottesvolk, welches auf der Wanderung immerfort die Botschaft des zugleich
anwesenden und aus der Zukunft heraus rufenden Christus hört und in der
Abweisung gegensätzlicher oder feindseliger Stimmen die allen ihren Kindern
vernehmbare und sie orientierende Glaubensantwort gibt. Man darf nicht annehmen,
dass das Glaubensleben um so gefestigter wird, je mehr Dogmen aufgestellt
werden. Den Hauptdienst dürfte leisten die Kraft und die Glaubwürdigkeit
der Verkündigung (M. Blondel, Geschichte und Dogma, übers, von A. Schlette,
mit Einführungen von J.B.Metz und R.Marlé, Mainz 1963. H.Hammans, Die neueren
katholischen Erklärungen der Dogmenentwicklung, Düsseldorf 1965).
164
31.
ABSCHNITT
Die
Theologie als wissenschaftliche Auslegung der Offenbarung
1.
Kapitel
Der
Glaube als Grundlage und Gestaltungskraft der Theologie
Wir
wenden uns dem letzten Problemfeld in diesem einführenden Teil des Werkes »Der
Glaube der Kirche« zu, den Problemen der Theologie. Die Theologie ist dabei zu
verstehen als die wissenschaftliche Bemühung um das Verständnis des Glaubens
und der im Glauben bejahten Sachverhalte und Vorgänge. Recht und Notwendigkeit
einer solchen Reflexion ergeben sich aus dem Wesen und dem Sinn der Offenbarung,
aus dem Wesen des Glaubens, aus dem Wesen des menschlichen Geistes sowie aus der
menschlichen Lebenswelt.
Was
den die Offenbarung bejahenden Glauben betrifft, in dem die Offenbarung
ausgesagt und verkündet wird, so bedarf er der Begründung, da er nicht ohne
Vernunft vollzogen werden kann. Femer müssen die Inhalte erkannt und für das
Verständnis geöffnet werden, wenn er menschenwürdig bleiben soll. Er hat
einen realistischen Charakter, insofern er sich auf Sachverhalte bezieht.
Was
den menschlichen Geist betrifft, so ist er dynamisch gebaut, insofern er immer
tiefer in die Wirklich-
165
keit und in deren Verständnis hineinwachsen will. Diese Tendenz ist nicht in sein Belieben gestellt. Sie gehört vielmehr zu seinem Wesen und seinem Selbstvollzug. Es kommt dazu, dass der menschliche Geist, selbst wenn er imstande ist, eine spannungsreiche Vielfalt in seinem Bewusstsein zu realisieren, das Bedürfnis nach Einheit und Ordnung in sich trägt und daher den von ihm vollzogenen Glauben seinem Gesamtbewusstsein von Sein und Welt einzufügen gedrängt wird. Der Glaube ist eine besondere Weise menschlicher Existenz.
Mit
Recht sagt B. Welte (Die Wesensstruktur der Theologie als Wissenschaft, Freiburg
1955, 8): »Muss . . . Gott in seinem Offenbarwerden in Jesus Christus als das
eine zu Verstehende und zu Wissende aller christlichen Theologie ins Auge
gefasst werden, so erhebt sich für die Theologie nun die Frage, wie diese in
der Geschichte geschehene und von Menschen in der Geschichte erfahrene
Offenbarung zur Gegebenheit komme. Das in Jesus offenbar gewordene Gottesheil
hat einen spezifischen Zugang, ohne den es nicht offenbar und also nicht
Gegenstand einer Wissenschaft sein kann, einen Zugang, der darum die Theologie
im Ganzen und insbesondere hinsichtlich ihrer prinzipiellen methodischen
Eigenart bestimmen muss. Dieser Zugang ist der Glaube. Nur im Glauben wird das
in Jesus erschienene erlösende Heil Gottes offenbar als das Wahre und die
Wahrheit. Theologie ist nur innerhalb des Glaubens möglich, sie ist eine Form,
eine Modifikation des Glaubens, in welcher dieser sich selbst das, was er ist,
zur methodischen, theoretischen Explikation bringt.«
166
2.
Kapitel
Anthropologische
Voraussetzung der Theologie
Die
Theologie hat also zweifeltos die göttliche »Offenbarung« mit bestimmten
hierfür geeigneten Methoden auszulegen. Dies bedeutet, dass sie die Offenbarung
zunächst nach ihrer Tatsächlichkeit und ihrer Inhaltlichkeit zur Kenntnis
nehmen muss. Das kann nicht so geschehen, wie die menschliche Erkenntnisbemühung,
insbesondere die wissenschaftliche, im Laufe des alltäglichen irdischen Lebens
Vorgänge und Kenntnisse ihrem Bewusstsein einverleibt. Die theologische
Erkenntnis kann nur im Glauben geschehen. Dies bedeutet nicht, dass zu dem
Verstande als dem Greiforgan für Sachverhalte und Ereignisse noch etwas
hinzukommt, sondern dass die den Gegenständen der Offenbarung zugewandte und für
sie geöffnete Vernunft aufgrund des Geschöpfcharakters des Menschen und seiner
eben darin begründeten Offenheit für Gott ein gewisses Vorverständnis für
die göttliche Offenbarung besitzt. Ohne solche anthropologischen
Voraussetzungen und Vorgegebenheiten ist die Aufnahme göttlicher Selbsterweise
in das menschliche Bewusstsein schlechterdings unmöglich. Man muss sich dabei
allerdings hüten, die göttliche Offenbarung nur als eine Verdeutlichung dessen
zu verstehen, was unbewusst oder mehr oder weniger bewusst schon im Menschen
steckt. Vielleicht wird heute dieser von K. Rahner betonte Ansatz manchmal überbetont,
so dass das Göttliche der Offenbarung gefährdet wird und in den Abgrund des
rein Anthropologischen hinabzustürzen droht. Dies geschieht, wenn man
behauptet, dass Gebet und Bekenntnis nur das reflektieren, was
167
der
Mensch aufgrund seines Menschseins lebensmässig immer schon in sich trägt und
vollbringt, auch wenn er es sich verschleiert oder es verkümmern lässt.
Zugleich wird ersichtlich, dass der Glaube nicht nur neutrale Kenntnisnahme,
sondern immer schon Betroffenheit ist. An sich gibt es im Grunde genommen überhaupt
keine Erkenntnis, welche den Menschen nicht irgendwie in seiner Existenz berührt
und bestimmt, mag es noch so banal sein, mag der Mensch den Gegenstand bejahen
oder ablehnen. Wenn jedoch Gott erkannt wird, so heisst dies, dass die durch
nichts bestimmte, aber alles bestimmende und in diesem Sinn personhafte Realität
erkannt wird und der Mensch über Gott in seinem tiefsten Wesen und in seinem
notwendigen Ausgriff auf die Sinnhaftigkeit seines Lebens orientiert wird. Der
Mensch kann dieser seiner Bestimmtheit für Gott auf keine Weise entrinnen. Er
kann nicht auf ein neutrales Wissen hin davon abstrahieren, sofern er nicht
geistesblind ist.
3.
Kapitel
Die
Funktion des Glaubens
a)
Glaube als Antwort auf Gottes Anrede
Wissenschaft
bedeutet eine besondere Funktion menschlichen Verstehens. Glaube und Vernunft
sind einander zugeordnet. Der Glaube kann ohne Verstehen und ohne Erfahren nicht
vollzogen werden, so dass das Verstehen ein notwendiges Element in seinem
168
Vollzug
ist. Das Verstehen kommt also nicht von aussen wie etwas Zufälliges zum Glauben
hinzu. Es lebt vielmehr in seiner Mitte. Es kann sehr verschiedene Grade haben.
Paulus rühmt sich seines Christusverständnisses (Eph 3,1ff). Man kann dies
charismatische Theologie nennen (H. Fries, Theologie, in: H. Fries, Handbuch
theologischer Grundbegriffe, II, München 1963, 641-654). Diese Art von
Theologie ist mit Paulus nicht ausgestorben, so wenig wie mit dem Apostolischen
Zeitalter die Charismen zu Ende gegangen sind. Der Heilige Geist, der Urgrund
der Charismen, ist ja immer wirksam in der Kirche. Auf die bleibende
Wichtigkeit der Charismen weist der Satz des Apostels Paulus an die
Thessalonicher hin: »Löschet den Geist nicht aus« (1 Thess 5,19).
Die
Annahme des von Gott an den Menschen gerichteten Wortes geschieht im Glauben,
Die Theologie als Verständnis des Wortes Gottes bzw. als verstehende Antwort
auf das Wort Gottes muss daher zunächst zu erklären versuchen, was sie unter
dem Glauben versteht. Dies soll hier nicht ausführlich dargelegt werden. Eine
eingehende Erörterung bleibt der theologischen Anthropologie vorbehalten. An
dieser Stelle wird vom Glauben nur die Rede sein, soweit er Grundlage der
Theologie ist.
Der
Glaube ist die Antwort auf die göttliche Offenbarung, das heisst auf den
Selbsterweis Gottes. Die Theologie ist, wie wir zunächst vorläufig und
allgemein sagen können, die methodische Reflexion über das schon im Glauben
selbst enthaltene Wissen sowohl bezüglich des Dass als auch des Was der
Offenbarung. Es ist dabei notwendig zu betonen, dass die Theologie mit dem
Glauben oder der Glaubensbezeugung und der Glaubensverkündigung nicht identisch
ist. Der Glaube ist das Urdatum, das heisst das Urgegebene,
169
der
Ursprung und auch das Mass der Theologie. Die Theologie ihrerseits ist wesenhaft
zurückbezogen auf den Glauben. Sie ist nicht eine Wissenschaft an sich. Im
Gegensatz zu der Wissenschaftsvorstellung des 19. Jahrhunderts gibt es wohl überhaupt
keine Wissenschaft »an sich«, sondern immer nur eine Wissenschaft in einer
bestimmten Orientierung, weil sie immer Wissenschaft in einem gesellschaftlichen
Felde ist und nicht anders sein kann. Die Theologie ist nicht ausschliesslich,
aber doch vorzüglich der Glaubensverkündigung und dem Glaubensleben zugeordnet
und ist so indirekt selbst Glaubensverkündigung, wenn sie nicht aufhören will,
Theologie zu sein, sondern irgend etwas in religiöser Färbung oder Philologie
wird. Sie darf sich daher von der Glaubensverkündigung nicht so weit entfernen,
etwa in die Soziologie oder in die Politologie oder auch in die Philosophie oder
in das geschichtliche Feld hinein, dass der für die Verkündigung Bestimmte sie
nicht mehr als eine Basis und Hilfe zu erkennen vermag, weil sie zu sehr
soziologisiert, verphilosophiert, verpolitisiert oder auch vergeschichtlicht wäre,
wenngleich sie alle diese Amalgamierungen unvermeidlich in sich aufnehmen muss.
b)
Der Glaube in der Heiligen Schrift
Was
im Neuen Testament Glaube genannt wird, erscheint im Alten Testament unter
mannigfacher Bezeichnung als die Annahme der dem ganzen Volke Israel zuteil
gewordenen Selbsterschliessung Gottes, als die Bejahung des Gottesbundes im
Denken und Handeln durch Gehorsam, Vertrauen, Treue. Im Neuen Testament bedeutet
Glaube sowohl Fürwahrhalten von Wahrheiten im Sinne von wahren Aussagen als
auch Vertrauen und Gehorsam in der Annahme der
170
einmaligen
Heilstat Gottes in Jesus, dem Christus (Messias), d. h. der in Jesus geschehenen
Selbsterschliessung Gottes. In diesem Sinne ist der Glaube die Einheit von
Glaubensakt und Glaubensinhalt. Natürlich konnte sich diese Vollform des
Glaubens als des Aktes der Annahme des Kerygmas erst nach der Auferweckung Jesu
Christi und der Geistsendung herausbilden. Denn erst in dieser Zeit wurde die
Botschaft von Jesu Kommen, Tod und Auferstehung als die Botschaft von den
entscheidenden Heilsereignissen verstanden. Erst in dieser Zeit wurden der Träger
der Botschaft als die Botschaft selbst, der Offenbarer als die Offenbarung, der
Verkündiger als der Verkündigte erkannt.
In
unserem Zusammenhang kann auf die Differenzierung des Glaubens in den einzelnen,
neutestamentlichen Schriften nicht eingegangen werden. Er ist ein komplexer
Vorgang. Es sei jedoch auf Paulus und Johannes verwiesen. Glauben bedeutet bei
Paulus Gehorsam, aber auch ein Wissen um die neue Situation der menschlichen
Geschichte. Der Glaube schliesst ein neues Selbstverständnis des Menschen in
sich, insofern er den Menschen aus Christus versteht. Glauben ist daher soviel
wie Gott erkennen, offen sein für sein Tun und sein Reden, Gott gehorchen,
darin das Christusheil ergreifen und eine Hoffnung für die absolute Zukunft
gewinnen. Bei Johannes heisst Glauben soviel wie zu Jesus kommen. Glauben ist
daher Lebenseinheit mit Jesus wie übrigens auch bei Paulus. Seine Akte sind
Sehen, Hören, Erkennen. Im Glauben ist der Mensch aus dem Todesbereich in den
Lebensbereich hinübergegangen. Auch nach Johannes hat der Glaube eine
eschatologische Ausrichtung im Sinne der Zukunftserwartung. Das Sehen im
johanneischen Glauben ist jener personalen Wirklichkeit zugewandt,
171
für
welche die natürlichen Erkenntniskräfte des Menschen nicht geeignet sind, nämlich
der in Christus offenbar gewordenen personhaften Wirklichkeit Gottes. Gott hat
sich zwar in Christus gezeigt, aber nicht in seiner unverhüllten Herrlichkeit.
Auf die unmittelbare liebende Schau des göttlichen Du ist jedoch das »Auge des
Herzens« hingeordnet.
c)
Der Glaube in der Geschichte
In
der Väterzeit (Klemens von Alex., Origenes) wurde der Glaube häufig als die
wahre Gnosis, als die wahre Philosophie, also als ein vorzugsweise
intellektueller Vorgang interpretiert. Die Glaubensvorstellungen Augustins
umfassen eine beträchtliche Spannweite. Von Bedeutung ist für unseren Zweck
vor allem der personale Charakter des Glaubens im Sinne einer Begegnung mit Gott
sowie der Glaube als Mittel für ein tieferes Erkennen,
Da
wir den augustinischen Glaubensbegriff auch in anderem Zusammenhang verwenden
werden, sei ein bedeutender Text aus seinen Predigten zum Johannesevangelium
angeführt (tract. 39 in Joh., n. 6): »Suche also nicht zu verstehen, um zu
glauben, sondern glaube, um zu verstehen; denn wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr
nicht verstehen. Während ich also, um das Verständnis des Glaubens zu ermöglichen,
den Gehorsam angeraten habe..., finden wir, dass er (Christus) gesagt hat: Wenn
jemand den Willen des Vaters tun will, wird er meine Lehre erkennen. Was heisst:
er wird erkennen? Das heisst: er wird verstehen. Was heisst aber: wenn jemand
den Willen des Vaters tun will? Es heisst: glauben. Allein, dass das Wort ,er
wird erkennen’ soviel ist wie ,er wird verstehen’, sehen alle ein. Dass aber
die Worte ,wenn jemand den Willen
172
des
Vaters tun will’ sich auf den Glauben beziehen, dazu haben wir für ein
besseres Verständnis unseren Herrn selbst als Erklärer nötig, damit er uns
zeige, ob die Erfüllung des Willens des Vaters wirklich zum Glauben gehört. .
. Der Herr sagt deutlich 'dies ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubet, den
er gesandt hat’. Dass ihr an ihn glaubet, nicht dass ihr ihm glaubet. Aber
wenn ihr ihm glaubet. . . Was heisst also ,an ihn glauben?’ Durch Glauben ihm
zugetan sein, durch Glauben ihn lieben, durch Glauben sich ihm zuwenden und mit
seinen Gliedern verbunden sein.«
Diese
augustinischen Differenzierungen haben sich in der Theologie durchgesetzt.
In
der mittelalterlichen Scholastik bemühte man sich um eine psychologische
Analyse des Glaubens. Nach Thomas von Aquin ist der Glaube eine gnadenhafte
Anteilnahme am Erkennen Gottes. Der Mensch ist zur Schau Gottes berufen. Der
Glaube ist der Weg hierzu und muss daher grundsätzlich von der gleichen Art
sein wie die Gottesschau. Thomas versteht ihn denn auch als jene Zuständlichkeit
des Geistes, als jene Bewusstseinslage, durch welche das ewige Leben in uns
beginnt, als eine Zuständlichkeit, durch welche der Intellekt dem nicht
Sichtbaren, dessen unmittelbarer künftiger Schau der Mensch zugeordnet ist,
seine Zustimmung gibt. Im Glauben ist der Mensch sich selbst auf seine absolute
Zukunft hin voraus. Der Mensch glaubt wegen der Wahrheit selbst und nur wegen
der Wahrheit. Die Gnade stellt dabei das unentbehrliche, innere Apriori des
Glaubens dar. Thomas beschreibt es als Licht und als Instinkt. Das Glaubenslicht
schafft Gewissheit, die nicht in Evidenz, sondern in einem Werterlebnis gründet.
Der Glaube hat eine soziale Struktur. Er ist gemeinschaftsgebunden. Die Kirche
selbst ist das transindividuelle Subjekt des
173
Glaubens.
Sie ist durchherrscht von dem durch den Heiligen Geist ihr gewährten Jesus
Christus, den Retter und Helfer. Der einzelne Mensch vollzieht den Glauben,
indem er in freier Entscheidung in diese glaubende Subjektivität der Kirche
eintritt und in ihr verharrt.
In
der Reformationszeit wurde von Luther das Element des Vertrauens und der Hingabe
in besonderer Weise unterstrichen. Bald hat man auch wiederum die Lehre betont.
Der Heidelberger Katechismus (erschienen 1563) interpretiert den Glauben als
Erkennen, als Fürwahrhalten, als Vertrauen.
In
der nachtridentinischen Zeit wurde auf katholischer Seite vor allem die
objektiv-inhaltliche Seite des Glaubens entwickelt, und zwar gegenüber der
These von Descartes, dass nur für wahr gehalten werden könne, was evident sei.
Demgemäss versuchten viele katholische Theologen die Evidenz Gottes, die Möglichkeit
und die Tatsächlichkeit einer übernatürlichen Offenbarung, die Zuverlässigkeit
der Heiligen Schrift sowie die Stiftung der Kirche als der Vermittlerin der göttlichen
Heilsbotschaft zu beweisen. Auf evangelischer Seite wurde der Gegenständlichkeit
des Glaubens weniger Aufmerksamkeit und Mühe geschenkt als seiner Subjektivität
im Sinne des Vertrauens. Das Akt-Element wurde in der katholischen Theologie
nicht vergessen. Die verschiedenen Theorien der analysis fidei bestätigen dies.
In
der heutigen Theologie kommt der Diskussion über den Glauben zentrale Bedeutung
zu. Seine Problematik wird auch in der Philosophie (K. Jaspers) in hohem Masse
beachtet. Das Problem dreht sich vor allem um die Frage, ob der Glaube sachhaft
oder personhaft strukturiert ist, d. h. ob er ein Ja zu bestimmten Aussagen über
göttliche Pläne, Taten oder Eigen-
174
schaffen
oder ein Ja zum personalen Du ist. Diese Alternative ist kein Zufallsergebnis.
Sie hat vielmehr ihre Wurzeln in der Tiefe des geschichtlichen Bodens, aus dem
das Christentum kommt. Heute ist wieder virulent geworden, was sich als
besonderes Problem erwies, als die biblische Botschaft mit ihrer Ich-Du-Struktur
auf das griechische Denken mit seiner Objekt-Subjekt-(Es-lch-)Struktur stiess,
als mit anderen Worten das Existentielle dem Ontologischen begegnete und sich
dieses einstiften musste. Diese Glaubensformen realisieren sich sowohl im
zwischenmenschlichen Bereich als auch im Verhältnis des Menschen zu Gott.
4.
Kapitel
Zwei
Glaubensweisen
Man
kann diese zwei Glaubensformen unterscheiden als den Es-Glauben und als den
Du-Glauben oder auch als den Was-Glauben und den Dass-Glauben. In der Gegenwart
wird mit Recht die Überzeugung vertreten, dass der Glaube vor allem, wenn auch
keineswegs ausschliesslich als Du-Glaube ausgelegt und vollzogen werden muss.
Diese Glaubensart hat in der Heiligen Schrift weitaus das Übergewicht,
wenngleich sie nicht die alleinige Glaubensform ist, welche die Schrift bezeugt,
in dem Du-Glauben gründet der Mensch seine Existenz ein in das ihm begegnende göttliche
Du. Dieser Glaube ermöglicht und schafft jene spezielle Form der menschlichen
Erkenntnis, welche die
175
Erkenntnis
von Sachen überragt (H. Fries). Da der Mensch wesenhaft Mitmensch ist und seine
Existenz nur als Mitexistenz verstanden und vollzogen werden kann, ist der
Glaube, in welchem er sich in dem mitmenschlichen Du verwurzelt, die
Aktualisierung seines eigenen, ursprünglichen Personseins, wenngleich nicht
geleugnet werden kann, dass zum Wesen des Menschen auch das Seinsverständnis,
also die Objekt-Subjekt-Beziehung gehört. Die zur Mode gewordene
Entgegensetzung von griechischem Seinsdenken und biblischem Persondenken
entspricht, wenn sie exklusiv gemeint ist, nicht der Wirklichkeit. (Siehe M.
Buber, Zwei Glaubensweisen, Werke l: Schriften zur Philosophie, 1962».
5.
Kapitel
Der
Glaube in der Theologie
Der
Glaube übt in der Theologie eine Doppelfunktion aus. Zunächst gewährt er
jenes innere Verhältnis zu der »Sache« selbst, eben zu Gott, um die es in der
Theologie geht. Denn er stiftet Einheit zwischen dem sich offenbarenden Gott und
dem antwortenden Menschen. Ähnlich ist das Wesen der Musik nur dem offenbar,
der sich in die Bewegung der Musik hineinbegibt, dem Musikalischen, wenngleich
auch der Unmusikalische eine Definition der Musik geben kann. Ebenso ist das
Wesen der Freundschaft nur jenem offenbar, dem sie eine Form des Lebens ist,
obgleich auch der der Freundschaft nicht Fähige ein begriffli-