4. Kapitel

 

Tragweite des Offenbarungsglaubens

 

Einige spezielle Argumente gegen den Glauben an Gott sollen noch besonders analysiert werden. Es handelt sich um die Fragen, die mit dem Worte »Gott und das Leid«, mit dem Problem der Immanenz und Transzendenz sowie demjenigen von »Gott und Freiheit« umschrieben werden. Es stehen hier Grundwerte des Menschen in Frage, von denen der Atheismus behauptet, dass sie mit der Existenz Gottes entweder überhaupt nicht oder nur sehr schwer in Einklang zu bringen sind. Zunächst muss jedoch der heute viel behandelten Frage nach dem »Funktionswert« Gottes für den Menschen nachgegangen werden. Wenn diese Frage gestellt wird, so ist das Sein Gottes an sich vorausgesetzt. Aber der in sich ruhende Gott, dessen Existenz nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift nicht nicht sein könnte, ist zugleich der Gott für uns. Ist er dies wirklich?

Dieser für den Christusglauben selbstverständlichen Wahrheit steht entgegen die These, die sowohl von

100

 

mancher marxistischen als auch von nichtmarxistischer Seite in unserer Gegenwart vertreten wird, dass nämlich Theismus oder Atheismus unwichtige Fragen seien, Fragen am Rande des menschlichen Lebens, denen man keine Bedeutung schenken solle, dass auch manche, die sich gottesgläubig nennen, in Wahrheit Atheisten sind und ihren Atheismus nur verdrängen, ohne sich dessen klar bewusst zu sein. Zugrunde liegt offensichtlich die Meinung, dass der Gottesglaube ein Überbau sozio-ökonomischer Verhältnisse sei und daher dahinsinken werde, wenn einmal das Fundament, nämlich der »Kapitalismus«, versinkt. Als anderer Grund wird angegeben, dass Theismus oder Atheismus weder verifiziert noch falsifiziert, d. h. weder in ihrer Geltung noch in ihrer Unrichtigkeit nachgewiesen werden können. Es gelte hier die These von Wittgenstein, was man nicht denken könne, könne man auch nicht in Worte bringen, man solle daher darüber schweigen. In diesen Behauptungen liegt ein verhängnisvolles Missverständnis (siehe W. Schwarz, Forum, Heft 12,1965,14f).

Denn die Frage betrifft das Innerste der menschlichen Existenz. Von ihr hängt sozusagen alles ab. Sie wirkt sowohl in das individuelle wie in das kollektive Leben hinein. Alle Gebiete der menschlichen Existenz sind von ihr betroffen, der persönliche Lebensvollzug, die Ehe, das Familienleben, der Bereich der Arbeit und der Wirtschaft mit seinen verschiedenen Verantwortlichkeiten, die Politik, dies aber heisst: Die ganze menschliche Geschichte. Wenn Gott existiert, ist er die oberste Norm für jedes menschliche Handeln, sowohl als Wegweiser wie auch als Richter. Ihm bleibt der Mensch für sein Tun persönlich verantwortlich. Wenn es ihn nicht gibt, dann ist der Mensch als einzelner oder die menschliche Gesellschaft höchste Norm

101

der Ethik. Gerade dies wird von Nikolai Hartmann (gest. 1950) behauptet. Heisenberg (Der Teil und das Ganze. Geschichte im Umkreis der Atomphysik, München 1969) erklärt, dass die Ablehnung Gottes zu Katastrophen führen wird, nach deren Mass die Bombenabwürfe in Hiroshima und in Nagasaki Kleinigkeiten seien. Wenn die menschliche Gesellschaft Gott nicht mehr bejaht, dann ist, wie vorher schon betont wurde, alles erlaubt (permissive Ethik). Wir wissen, was aus den Abgründen des Menschen an Entsetzlichkeiten hervorgehen kann. Die von Sartre geforderte absolute Freiheit des Menschen, welche, wie er sagt, die Tötung Gottes in sich schliesst, führt zur Tötung des Menschen. Wenn der Gottesglaube zusammenbricht, wird auch die Ethik zerfallen. Wenn Gott selbst nicht mehr Massstab des Handelns ist und der Mensch selbst die Massstäbe setzt, laufen sie auf die Unterdrückung einer Minderheit durch eine Mehrheit, des Schwächeren durch den Stärkeren hinaus. Es wird zur Herrschaft der Masse und der Gewalt kommen.  

  

Zurück zum Inhaltsverzeichnis