2. Kapitel

 

Seinsverständnis und Geschichte

 

Im Hintergrund der Problematik steht das sehr viel umfassendere Problem, welches die Wahrheitserkenntnis im Verhältnis zur Geschichte überhaupt betrifft. Auch allgemein gültige Wahrheiten werden jeweils an einem bestimmten Ort der Geschichte gefunden. Ihr Inhalt ist demgemäss von dem jeweiligen geschichtlichen Seinsverständnis mitgeprägt, erst recht natürlich ihre Formulierung. Steht und fällt die Geltung der Wahrheit mit dem Akte der Entdeckung und des Vergessens? Wenn es auch für die Geltungsmacht einer Wahrheit gleichgültig sein mag, von wem und wann sie zum erstenmal ausgesprochen wurde, so hat doch auch die Erkenntnis der Wahrheit ihren Kairos. Nicht jede Wahrheit kann zu jeder Zeit erkannt und mitgeteilt werden. Dieses Problem, welches im Historismus und auch in der gegenwärtigen Problematik des Geschichtlichen eine Rolle spielt, soll nicht weiter entfaltet, sondern nur als Hintergrund für unsere theologische Frage aufgedeckt werden. Dieser Hintergrund zeigt, dass es sich zwar um ein inner-theologisches Problem handelt, aber in dem grossen Zusammenhang der geistesgeschichtlichen Bewegung und nicht ohne gegenseitige Beeinflussung. Es sei vorerst nur betont: Wenn schon eine philosophische Wahrheit nicht einfachhin soziologisch erklärt werden kann, dann kann erst recht eine Offenbarungs- und Glaubenswahrheit nicht einfachhin soziologisch erklärt werden, mag sie auch eine soziologische Imprägnierung haben, d. h., mag auch die Situation der kirchlichen Gemeinschalt und Gesellschaft zur Bildung eines Dogmas Anstösse geben.

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