3. Kapitel

 

Schrift und Dogma  

Von diesen Vorgängen ist jene Erkenntnis strukturell nicht verschieden, welche wir gewinnen, wenn das in der göttlichen Offenbarung Implizierte expliziert wird, wenn also immer neue Elemente in dem unerschöpflichen Komplex der göttlichen Selbsterschliessung wahrgenommen werden. Soweit dies nur in einem intellektuellen Verfahren geschieht, fehlt allerdings die letzte Gewissheit, deren der Glaube bedarf. So muss zu der Explikationsfunktion noch etwas hin-

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zukommen. Wir verweisen noch einmal auf die lebendige Erfahrung, welche der Mensch im Umgang mit der Offenbarung machen kann. Sie gibt ihm ein Auge, mit dem er mehr sieht als ein anderer. Dadurch gewinnt er eine unerschütterliche Überzeugung, auch wenn der Inhalt nicht in einem stringenten, logischen Verfahren gewonnen wird.

Hinzu kommt in entscheidender Weise die kirchliche Verkündigung. Wenn diese auch nicht die Art des Zusammenhangs zwischen dem Dogma und der vorausgehenden Offenbarungsgestalt darlegt, so bezeugt sie in der Dogmatisierung dennoch die Wirklichkeit eines solchen Zusammenhanges. Man muss sich bei diesen Überlegungen vor der Vorstellung hüten, als ob man die Entfaltung als eine unmittelbare Herausarbeitung des Literalsinns der Schrift verstehen dürfte, so dass die Exegese mit ihrer analytischen und hermeneutischen Methode einen eigentlichen Beweis für ein Dogma bieten könnte oder müsste. Die Entfaltung kann vielmehr über die von der exegetischen Wissenschaft erzielten Ergebnisse hinausgehen. Die Exegese würde ihren wissenschaftlichen Methoden untreu, wenn sie mehr sagen wollte, als sie mit philologischen und historischen Mitteln zu erreichen vermag. Es darf daran erinnert werden, dass schon Papst Pius XII. den Exegeten primär die Erstellung des Literalsinns der Heiligen Schrift zur Pflicht machte (Enzyklika »Divino afflante Spiritu« vom 30. Sept. 1943).

Mit Recht sagt L. Scheffczyk (in: E. Neuhäusler — E. Gössmann, Was ist Theologie?, München 1966, 202); »Es wird in vielen Fällen nur möglich sein, in der Schrift die Ansatzpunkte, die Spuren und organischen Keime nachzuweisen, aus denen das betreffende Dogma langsam wuchs. Auch wird immer zu beachten sein, dass diese Wahrheiten in der Schrift oft in

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einem anderen Zusammenhang stehen, als ihn das auf dem Boden eines systematischen Denkens gewachsene spätere Dogma erkennen lässt.«

Es würde auch wenig nützen, wenn man sich für den Zusammenhang von Dogma und Schrift auf den in der Theologie vielgenannten und diskutierten sensus plenior, wie wir sahen, berufen würde. Man versteht unter diesem sensus plenior einen Schriftsinn, in dem mehr enthalten ist, als der Wortlaut sagt. Zur Begründung der Annahme eines solchen Vollsinns der Schrift wird angeführt, dass der Heilige Geist in seiner inspirierenden Tätigkeit durch das Wort der Hagiographen mehr sagen konnte, als diesen selbst bewusst war. Dies lässt sich zwar nicht bestreiten, es fragt sich aber, wie dieses Mehr erkennbar ist;, offensichtlich nur durch den Fortschritt im Glaubensbewusstsein, dies aber heisst: durch die Entfaltungsfunktion der Kirche oder auch des einzelnen. Wir wissen, dass die Entfaltungsfunktion der Kirche nichts anderes ist als ihre Überlieferungstätigkeit. In dieser durch die Kirche entfalteten Gestalt der Heiligen Schrift haben wir aber nicht mehr deren ursprüngliche Aussageweise vor uns. So bleibt die Frage bestehen, wie der Zusammenhang zwischen der entfalteten Schriftgestalt und ihrer ursprünglichen Form zu erklären ist. Gerade diese Frage sollte beantwortet werden. Die Annahme eines sensus plenior wirft zwar die Frage auf, kann sie aber nicht lösen, da eben das Mehr, das sie annimmt, nur durch den Einsatz der Entfaltungsfunktion erkannt werden kann und Traditionsgut bedeutet.

 

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