3. Kapitel

 

Schattenseiten und Vorzüge des Dogmas

a) Gefahren

In der Dogmatisierung eines Glaubensinhaltes wird eine einzelne Glaubenswahrheit aus dem Ganzen herausgehoben und mit starken Akzenten versehen. Dies kann dazu führen, dass sie den ihr im geordneten Ganzen der Offenbarung zukommenden Platz verlässt und ein ihr nicht gebührendes Übergewicht über andere Offenbarungswahrheiten gewinnt und in eine unangemessene Perspektive rückt. So ist, um das schon genannte Beispiel noch einmal anzuführen, durch die christologischen Konzilien der alten Kirche die Gottheit Jesu Christi so sehr in den Vordergrund und die Menschheit Christi so stark in den Hintergrund gerückt (nicht theoretisch, sondern praktisch), dass Christus vor allem als Gott angebetet wurde, aber nicht als der menschliche Weg zu Gott in dem gebührenden Masse verstanden und gegangen worden ist.

Wenn sich der Blick der Gläubigen einseitig auf die begrifflich genau formulierte und scharf herausgehobene Einzelwahrheit richtet, kann eine Verengung und Verarmung des Glaubens eintreten, indem das Einzelne die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht.

b) Dogma als Glaubenshilfe

Auch der Rationalismus liegt im Gefahrenfeld, insofern der Gläubige dem Missverständnis huldigen kann, als ob durch die Dogmatisierung das betreffende Glaubenselement in vollem Masse für die menschliche

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Vernunft transparent sei und dabei vergessen werden kann, was Paulus den Korinthern schreibt (1 Kor 13,11f). Das Dogma darf, wenn sein Sinn nicht verfehlt werden soll, nicht aus dem personalen Zusammenhang mit Jesus Christus herausgelöst werden. Es bringt in seiner lehrhaften Gestalt Jesus Christus unter einem bestimmten Aspekt vor das Auge des Glaubenden. Nicht der Satz eines Dogmas, nicht die Sätze des Glaubensbekenntnisses, sind Inhalt des Glaubens, sondern das mit den Sätzen ausgedrückte. Im Dogma ist immer von Christus die Rede. So sucht das Dogma die Verbindung zwischen dem Glaubenden und Jesus Christus herzustellen. Es will eine Hilfe sein für den Glaubensweg zu Christus. Es gibt die Stelle an, an welcher Christus in der ganzen Heilsordnung steht. Weil das Dogma immer auf Jesus Christus zielt und zur Hingabe an ihn auffordert, also eine personale Ausrichtung hat, ist es nicht ein Mittel über Christus zu »verfügen«. Das Dogma zielt nie auf die Herrschaft des Menschen über Gott oder über Jesus Christus, sondern immer auf die Herrschaft Jesu Christi über den Menschen bzw. auf die Partnerschaft des Menschen mit Jesus Christus. Wenn das Dogma auch eine wahre Aussage über Gott ist, so wird dadurch der Geheimnischarakter Gottes und seines Gesandten in keiner Weise aufgehoben oder verletzt. Das Dogma gestattet den Blick auf das Gottesgeheimnis, aber es erlaubt nicht, in dieses einzudringen oder das Gottesgeheimnis bis auf seinen Grund zu durchdringen. Jede dogmatische Aussage hat den Charakter der Analogie. Dies bedeutet, dass die jeweils aus unserer Erfahrung entwickelten Vorstellungen und Begriffe der Wirklichkeit Gottes in viel höherem Masse unähnlich als ähnlich sind. Die im Dogma gemachte Glaubensaussage bleibt immer hinter dem vielgestaltigen Ke-

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rygma und auch weiter hinter der im Kerygma proklamierten Wirklichkeit zurück. Sie ist ihrem Gegenstand nie adäquat. Aus dieser Tatsache hat sich die sog. negative Theologie entwickelt, jene Theologie, welche behauptet, dass wir von Gott besser sagen können, was er nicht ist, als was er ist und dass wir in allen unseren Aussagen über Gott eine Verneinung einbauen müssen, insofern er das, was wir von ihm aussagen, nicht in der Weise ist, wie es von den irdischen Dingen gilt (hierüber soll eingehend in dem Abschnitt, der von Gott handelt, gesprochen werden; vgl. auch Abschnitt 33).  

 

   

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