5.
Kapitel
Frömmigkeit
und Geschichte
Wenn auch in solchen Konfrontationen mit den grossen Horizonten des Seinsverständnisses die Hauptantriebe des Dogmas liegen, so darf man doch die in der Frömmigkeit wirksamen Motive nicht gering schätzen. Auch sie bewegen sich nicht in einem zeitlosen Himmel mystischer Innerlichkeit. Denn auch die Meditation ist getragen von dem jeweiligen Lebensgefühl der Zeit. Es gibt keine rein ahistorischen Menschen und keine rein ahistorische Frömmigkeit. Im übrigen darf man auch hier nicht übersehen, dass es zwar die menschliche Freiheit ist, die keinem Zwang unterliegt, wenn neue Dogmen aus dem Räume der Liturgie hervorgerufen werden, dass sich aber auch hier letztlich der Heilige Geist Gehör verschafft.
Neuestens
haben insbesondere marianische Motive zur Dogmatisierung geführt. Es handelt
sich dabei vor allem um die letzten Mariendogmen. Sie haben ihren Lebenssitz
wohl im Kult der Kirche und sind Ausdrucksgestalten der Frömmigkeit. Man kann
sie allerdings auch von den beiden letzten mariologischen Dogmen, von dem Dogma
über die Erbsündenfreiheit Marias und dem Dogma über die leibliche Aufnahme
Marias in die Herrlichkeit Gottes, behaupten, dass sie aus einer dem Glauben gefährlichen
Gesamtsituation der Kirche hervorgegangen sind. Im ersten Dogma könnte man eine
Programmierung des Primates des Ewigen und Religiösen gegenüber der
fortschreitenden atheistischen Verwettlichung und des Verhältnisses des
Menschen zu Gott sehen. Im zweiten Dogma könnte man die einschlussweise Pro-
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grammierung
des christlichen Glaubens bezüglich der Materie und bezüglich des
Materialismus sehen. Seiner eigentlichen Sinnhaftigkeit nach ist allerdings
dieses Dogma eine Distanzierung gegenüber den Auswüchsen des idealistischen
und eine Verkündigung des biblisch-ganzheitlichen Menschenbildes.
Anmerkungsweise
sei hinzugefügt, dass die theologische Spekulation als solche keine
dogmenbildende Kraft besitzt. Hierfür hat sie zu wenig innere Dynamik und
Verbindlichkeit.
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