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Dogma und Freiheit
Mit
dieser Dynamik hängt es auch zusammen, dass das Dogma keine Verwundung oder
Zerstörung der menschlichen Freiheit ist. Zunächst ist es selbstverständlich,
dass es nur in Freiheit aufgestellt und akzeptiert werden kann. Es schliesst
zwar in sich eine Forderung zur Annahme, es ist nicht ein unverbindliches
Angebot, wenngleich es ein Angebot ist. Es ist aber ein Angebot, von dem der
Anbietende, nämlich der verborgene Gottesgeist selbst erwartet, dass es
angenommen wird. Das Dogma verkündet einen Glaubenssatz. Es würde dem Sinne
dieser Forderung zuwiderlaufen, wenn es nicht die Freiheit des Menschen
herausfordern und zur Verwirklichung anreizen würde. Insbesondere aber ist das
Dogma geeignet, eine Hilfe zum rechten Freiheitsvollzug zu sein. Die Freiheit
stellt zunächst die psychologisch-metaphyische Fähigkeit des Menschen zu einer
verantwortlichen Selbstbestimmung dar. Ihr Sinn ist nicht die Fähigkeit zum
willkürlichen, sondern zum rechten Handeln. Wenn sie nicht das Rechte
verwirklicht, wird sie entweder gleich einer Windmühle ein Leerlauf oder sie
wird ein zerstörender Akt. Die Freiheit ist nicht gegenstandslos. Es fragt
sich, wie das Rechte zu sehen ist, das zu verwirklichen die Freiheitsbewegung
rechtfertigt und lohnt. Wenn hierüber in der heutigen Zeit keine einheitliche
Meinung besteht, so ist es für den Christen doch selbstverständlich, dass das
Rechte das von Gott Gewollte ist. Es ist immer das Menschenwürdige, sowohl in
kollektiver als auch in individueller Hinsicht. Man darf sagen, dass es heute
vor allem zwei verschiedene, ja einander entgegengesetzte Theorien von der
Freiheit gibt, die marxistische und die christliche. Nach Karl Marx und nach der
christlichen Freiheitslehre ist
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die
Freiheit zugeordnet einer letzten Wirklichkeit. Aber gerade diese letzte
Wirklichkeit ist jeweils äusserst verschieden. Nach dem Marxismus ist die
letzte Wirklichkeit keine personale Wirklichkeit, sondern ein unpersonales Es.
Es ist nämlich die Materie oder die Entwicklung der Materie nach bestimmten
Gesetzen zu einem unpersönlichen zukünftigen Zustande der Welt und der
Gesellschaft. An dieser Entwicklung soll jeder mithelfen, indem er seinen
Beitrag leistet. Nach der christlichen Freiheitsvorstellung ist das letzte Ziel
der Freiheit eine Person, ein Du, mit dem der Mensch sprechen kann, von dem er
Antworten erfahren kann, von dem er Trost und Hilfe und Ermunterung hinnehmen
kann, letztlich das Du Gottes, aber auch das mitmenschliche Du. Die sinngemässe
Verwirklichung der Freiheit ist die sinngemässe Selbstverwirklichung des
Menschen.
Das
Dogma leistet als eine von der Kirche formulierte Selbstmitteilung Gottes an den
Menschen einen Beitrag für die den Menschen gemässe Selbstverwirklichung in
seinem Leben, in der Welt und für die Welt. So hat das Dogma entgegen seinem
ersten Anschein eine durch und durch humane Bedeutung. Es ist Element des
wahren, personhaften Humanismus innerhalb der grossen Einheit der Menschen. Es
befreit den Menschen von den freiheitsfeindlichen Kräften der Selbstsucht und
des Hasses zur wahren, personhaften Freiheit in der humanen Gestaltung der Welt.