e) Dogma als Orientierung

 

Mit dem Begriff des Dogmas wird häufig die Vorstellung verbunden, dass es eine starre, unbewegliche Grösse sei und den Glauben rationalisiere, dass es den Gläubigen eine mehr oder weniger widerwillig ertragene oder höchstens gleichgültig hingenommene Last auflade (Dogmenzwang) und der Freiheit des Christenmenschen gefährlich werde. Zu dieser Disqualifizierung des Dogmas ist folgendes zu sagen: Das Dogma gibt und will geben eine zuverlässige Orientierung in einer bedrohlichen Glaubenssituation. Es ist eine Abgrenzung gegenüber dem Irrtum, d. h. gegenüber Fehlinterpretationen des Heilsweges. Es weist den rechten Weg und fordert zugleich auf, auf ihm zu bleiben. Aufgrund seiner Entstehungsweise, von der sogleich die Rede sein wird, stellt es jeweils das Ende einer oft mit Leidenschaft, ja mit Diskriminierungen geführten Diskussion dar. Was bis zur Aufstellung eines Dogmas in der Kirche offenblieb, wenngleich es unreflektiert zu dem Offenbarungsbestand gerechnet wurde, wird durch die Dogmatisierung zur endgültigen, expliziten, ausdrücklichen Erklärung gebracht.

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Zugleich aber ist das Dogma ein Anfang. Wenn wir im Bilde vom Wege bleiben, können wir sagen, es ist die Orientierungstafel für den Weitergang, durch den das Ziel erreicht werden kann. Die Aussage einer Offenbarungswahrheit in der Gestalt eines Dogmas hindert nicht, der Glaubensaussage in einer späteren Zeit eine neue deutlichere und durchsichtigere Gestalt zu geben, ohne dass das Bisherige zum alten Eisen geworfen wird. Es behält auch unter der Herrschaft des Neuen seine orientierende Funktion. Eine neue Gestalt kann zwar nur mit grosser Reserve übernommen werden, aber sie ist nicht von vornherein unmöglich. Es ist sogar zu wünschen und erforderlich, dass sich die Offenbarungswahrheiten in neuen oder anderen Kulturepochen in neuer Weise verleiblichen. So gewinnt das Dogma über seine Funktion als Orientierungstafel hinaus den Charakter des Weges selbst, den sich die Glaubensgemeinschaft in die letzte Zukunft bahnt, des Weges, den man nicht mehr zurückgehen, sondern nur noch vorwärts schreiten kann, der nicht von vornherein fertig ist, sondern wie ein Brückenbogen sich zum anderen Ufer hinstreckt. Nur wer dem Dogma keinen Wahrheitscharakter zubilligt oder überhaupt jede Wahrheit leugnet, kann seine Orientierungsfunktion ablehnen.  

 

   

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