3. Kapitel

 

Die Problematik der Vermittlung

 

Eine besondere Problematik entsteht dadurch, dass Gott nicht unmittelbar jeden einzelnen für sich erleuchtet und gnadenhaft mit einem neuen Bewusstsein beschenkt, sondern sich einem einzigen als dem Ver-

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treter einer Gruppe, als dem Repräsentanten von vielen, als einer »korporativen Persönlichkeit« zuwendet, so dass ein solcher Mensch, was er selbst empfangen hat, an seine Gruppe oder auch an andere weitergeben soll. Eine solche Sendung gehört wesentlich in den Vorgang bestimmter göttlicher Offenbarungen hinein. Darin liegt zugleich die Aufforderung an die anderen, dem so Erwählten in den innersten Anliegen des eigenen Lebens, in den Fragen des Heils, zu vertrauen und sich seinem Worte anheim zu geben. Dies kann als ein Schlag gegen das Selbstbewusstsein empfunden werden. Es kann sich das Ärgernis auftun: Warum dieser und nicht ich? Denn das Vertrauen auf einen solchen Offenbarungsempfänger von seiten der anderen scheint ohne irgendeine Form von Unterwerfung unter sein Wort, welches er als Gottes Wort verkündet, nicht möglich zu sein.

Wenn wir den Vorgang analysieren, zeigt sich ein helleres Resultat. Wenn nämlich das Innere eines Menschen durch das Wort eines anderen in Bewegung gesetzt wird, so braucht dies keine Überfremdung des angesprochenen Ich zu sein, und zwar deshalb nicht, weil jede menschliche Existenz wesenhaft, nicht nur praktisch. Mitexistenz ist, und daher jeder einzelne sein eigenes menschliches Wesen nur durch die Aufnahme des anderen in sein Bewusstsein und in sein Leben zur Entfaltung zu bringen vermag. Dieser Vorgang wird am meisten erfahren in der menschlichen Liebe. Die Aufnahme des geliebten Du wird nicht als eine Überfremdung, sondern als eine Erfüllung des Ich empfunden und erlebt.

Im Falle der göttlichen Selbsterschliessung kommt hinzu, dass der Hörende und Empfangende nicht nur durch einen Mitmenschen bereichert und zu einer höheren Stufe der Existenz emporgeführt wird, indem er

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an dem Leben und an dem im Worte sich objektivierenden Selbstbewusstsein des anderen teilnimmt, sondern durch Gott selbst. Dieser ist es ja, welcher das im Worte des Redenden sich darstellende Bewusstsein gebildet und bewegt hat. So spricht Gott selbst den einzelnen an. Er wählt aber hierfür den Menschen als Medium, Gott geht zum Menschen über den Menschen, und es ist seinem Geheimnis vorbehalten, wen er als Weg zum anderen wählt. Dass er aber überhaupt diesen Weg wählt, hat seinen Grund in der Mitmenschlichkeit der individuellen Menschen. Dabei ist es ähnlich wie in den höchsten Formen der zwischenmenschlichen Begegnung, eben in der Liebe. Es ist das unsägliche Geheimnis der Liebe Gottes, welche sich über den Offenbarungsempfänger den übrigen einsenken will. Wo sich im Alten Bund die Botschaft von der Selbsterschliessung Gottes zusammenfasst, wird die Liebe als Inbegriff des Gesetzes proklamiert, die grundlose, unableitbare Liebe Gottes und die durch sie hervorgebrachte Liebe der Menschen. So bleibt es auch in der Vermittlung göttlichen Tuns bei einer zwischenmenschlichen Begegnung. Der Weitergebende ist jedoch hierbei nicht nur durch seine eigene Menschlichkeit, sondern durch das diese formende Gottesgeheimnis bestimmt.

Die jeweils dem Akt der göttlichen Selbsterschliessung vorausliegende Einheit einer menschlichen Gruppe wird durch das Offenbarungswort, das der von Gott Ergriffene an die anderen richtet, vertieft, verlebendigt und überhöht. Die göttliche Selbsterschliessung hat eine sozialisierende Kraft. Der Mensch soll die ihn von seinem Wesen her bindende Gemeinschaftlichkeit und Brüderlichkeit auch in der Dimension des Religiösen erfahren und auf höherem Niveau vollziehen. Die Menschen sollen im Religiösen ebenso-

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wenig wie Monaden nebeneinanderleben wie in den übrigen Regionen des menschlichen Daseins. Die Gemeinschaftlichkeit im Religiösen richtet keine Wand auf zwischen Gott und dem einzelnen, durch welche die Gottunmittelbarkeit gehemmt würde. Jeder einzelne ist zu Gott unmittelbar als Glied der Gruppe. Es ist richtiger, zu sagen: als Glied der Gruppe, nicht als Glied in der Gruppe, weil so der einzelne in seinem Eigensinn klarer hervortritt (K. Rahner, Schriften zur Theologie V, Einsiedeln 1962; ebda.. VI. 1965.465).

 

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