3.
Kapitel
Die
Kirche und der »heutige« Mensch
Der
heutige atheistische oder antitheistische Humanismus hat viele Wurzeln. Man hat
in Umkehrung früherer Vorwürfe für die gegenwärtige Säkularisierung die
Kirche verantwortlich gemacht. Bisher wurde ihr vorgehalten, dass sie die Welt
nicht ernst genug genommen und der Wissenschaft und der menschlichen Bildung in
ihrem praktischen Verhalten nicht den gebührenden Raum gestattet habe. Zwar hat
schon Thomas von Aquin die Eigengesetzlichkeit der irdischen Sachgebiete
dargestellt, aber seine Thesen blieben zunächst ohne Wirksamkeit. Zu Beginn der
Neuzeit trat die Distanz der Kirche zur Naturwissenschaft wie im Galilei-Fall
verhängnisvoll zutage. Man rechnete damals irrigerweise zur Glaubenswelt, was
nur zur innerweltlichen Welt zu zählen ist. Seit jener Zeit besteht Spannung
zwischen der Naturwissenschaft und der Kirche dergestalt, dass die Kirche immer
weltloser und die Wissenschaft immer kirchenloser wurde. Im 18. und im 19.
Jahrhundert kam zu der wissenschaftlichen die philosophische und die soziale,
die politische und die geschichtliche, die kulturelle Problematik. Eine Zu-
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sammenfassung
der scharfen Kritik, die die Kirche ihrerseits an den Erscheinungen der Neuzeit
übte, wird im Syllabus des Papstes Pius IX. vom Jahre 1864 geboten. Diese
Kritik ist zwar aus der damaligen Situation verständlich, denn die Fortschritte
jener Zeit waren zum grossen Teil in antikirchlichen Formen impliziert, so dass
sie in ihrer eigenen und wahren Gestalt nicht klar gesehen wurden. Dies gilt, um
ein Beispiel zu nennen, in besonderem Masse von der menschlichen Freiheit und
Selbständigkeit.
Infolge
der inzwischen wesentlich gewandelten Lage und der Befreiung der damals
antikirchlich erscheinenden Ideale aus ihren geschichtlichen Verflochtenheiten
besteht heute für die Kirche kein Grund mehr, die Verurteilungen von damals
aufrechtzuerhalten, weil inzwischen die den heutigen Menschen besonders am
Herzen liegenden kulturellen, sittlichen und politischen Werte von ihrer
antikirchlichen Verklammerung gelöst und so in ihrer wahren Sinnhaftigkeit
erkannt wurden. Auf jeden Fall hat jedoch der Syllabus für lange Zeit die
Spannung gesteigert.
Ein
anderes Moment, das der Kirche zum Vorwurf gemacht wurde, ist die einseitige
Pflege der sog. passiven Tugenden, der Demut und vor allem des Gehorsams. Dieser
Situation entspricht die einseitige Verkündigung des Jenseits. Gott wurde nicht
als Geheimnis in der Welt empfunden und gelehrt, sondern als ein Wesen jenseits
der Welt. Die Immanenz Gottes trat zugunsten der Transzendenz zu sehr zurück.
Damit hat sich für manchen Gläubigen und für viele Ungläubige die in der
Verkündigung nicht hinreichend kritisierte Vorstellung von einer Lokalisierung
Gottes ausserhalb der Welt gebildet. Als Ziel des Menschen bleibt der in dieser
Weise einseitig verstandene Himmel im Blick. Die Welt erschien hierbei nur als Bühne
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für
die Vorbereitung auf das ewige Leben oder als Sprungbrett für den Himmel. Die
der Welt eigenen Werte wurden nicht oder zu wenig anerkannt. Die relative
Eigenständigkeit der Welt trat nicht wirksam vor das Auge und forderte die
menschlichen Kräfte nicht heraus. Eine solche kirchliche Verkündigung ist zwar
verständlich, weil es ihr in erster Linie um das »ewige« Heil geht und das
von dem irdischen Leben verschiedene eschatologische Leben. Diese Botschaft
sollte kraftvoll in das menschliche Bewusstsein eindringen. Es wurde jedoch bei
einer solchen Interpretation des christlichen Glaubens übersehen, dass das Heil
nicht jenseits oder neben der Weltgestaltung, sondern mit dieser und durch sie
erreicht wird. Die Liebe zu Gott kann sich nicht realisieren ohne die Liebe zum
Menschen, ohne die Herstellung menschenwürdiger Daseinsformen (siehe das
Problem der politischen Theologie).
Die
kirchliche Verkündigung war lange Zeit von einem Spiritualismus bedroht, der
den Anschein erweckte, als ob der Mensch nur Seele wäre. Er kam in der
weitverbreiteten Formel zum Ausdruck: Rette deine Seele. In Wahrheit ist dem
ganzen leibhaftigen Menschen das Heil zugesagt, nicht nur der Seele und nicht
nur dem einzelnen, sondern der ganzen Menschheit und der ganzen Schöpfung.
Mit
dieser Situation hängt es zusammen, dass das wahrhaft Menschliche, insbesondere
die menschliche Freiheit, zu wenig betont wurde.
Es
geht natürlich in der Christusverkündigung immer um Gott und die heilshafte
Begegnung des Menschen mit ihm. Aber gerade durch diese Begegnung soll der
Mensch sowohl zum Nächsten wie zu sich selbst kommen. Wenn Feuerbach im vorigen
Jahrhundert meinte, dass sich der Mensch in der Verehrung
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Gottes
schwäche und verliere, so war dies ein verhängnisvoller Irrtum. Es war
allerdings angesichts der Gesamtlage ein verständlicher Irrtum. In Wahrheit
wird der Mensch durch die Hingabe an Gott seinem eigenen Selbst nicht nur nicht
entfremdet, er wird vielmehr zu sich selbst gebracht. Er findet in Gott
Geborgenheit und Ruhe gegenüber seiner Angst und seiner Unbeherrschtheit. Das
Gleiche lässt sich unter kollektivem Aspekt von der These sagen, welche Karl
Marx hinsichtlich der Gesellschaft vertreten hat.
Trotz solcher Gründe, welche die Haltung des heutigen Menschen verständlich, wenn auch nicht akzeptabel erscheinen lassen, ergeben sich gegenüber radikalen Zukunftshoffnungen und Anstrengungen aus dem christlichen Glauben zwei entscheidende Fragen. Die erste lautet, ob es zwischen dem christlichen Glauben und der heutigen Weltvorstellung notwendig die vermuteten Gegensätze gibt und das eine das andere ausschliesst. Die zweite lautet, ob anstatt einer wahren Humanität nicht eine Reduzierung des Menschlichen, ja eine Inhumanität heraufbeschworen wird. Diese Frage ist umso ernster, weil der christliche Glaube geradezu behauptet, dass er den Menschen den Weg zur wahren, reifen und vollen Menschlichkeit eröffnet.