2.
Kapitel
Der
»heutige« Mensch
Es
dürfte angebracht sein, die Möglichkeiten und die Schwierigkeiten, die sich
den Menschen heute ge-
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gen
den Glauben an die göttliche Selbstmitteilung und die Offenbarung aufdrängen,
kurz zu skizzieren.
Wir
gehen davon aus, dass die göttliche, in der Kirche bezeugte und verkündete
Selbsterschliessung Gottes Heilsbegegnung zwischen Gott und dem Menschen,
Heilsangebot des freien Gottes an uns freie Menschen ist. Die heilshafte
Begegnung hat die Vergöttlichung des Menschen, ja der gesamten Schöpfung zum
Ziel. Wenn dieses Ziel erreicht sein wird, dann herrscht volle Einstimmigkeit
zwischen Gott und den Menschen. Der Glaube hat dann keinen Platz mehr. In allen
inhaltlichen, materialen Aussagen des vorliegenden Werkes soll dieser alles
einzelne zusammenfassende und finalisierende Offenbarungsgeist sichtbar werden.
Damit
die Absicht verwirklicht werden kann, muss einiges über den heutigen Menschen
gesagt werden. Dabei sei von vornherein betont, dass es den »modernen«
Menschen, welcher die Merkmale des Modernen in sich vereinigen würde,
schlechterdings nicht gibt. Trotzdem kann man von ihm sprechen, insofern den
Menschen der Gegenwart ein gemeinsamer Verständnishorizont eigen ist, vor dem
sie ihr Leben vollziehen, ihren Wünschen nachjagen, ihre Vorstellungen
entwickeln. Dieser Horizont ist allerdings gegensatzreich, insofern in ihm
bestimmte Gegensätze so miteinander verbunden sind, dass sie sich nicht
voneinander scheiden lassen, dass sie aber umgekehrt einander zu lähmen
scheinen. Es sieht so aus, als ob sich zwei gegensätzliche Horizonte in unserer
heutigen Zeit ineinander schieben würden.
Man
darf wohl folgende Merkmale als Charakteristika des heutigen Menschen namhaft
machen: Die Bewegung aller auf die Einheit der Menschen und Völker zur
menschlichen Grossfamilie hin drängt sich
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heute
jedem auf. Dies schliesst in sich die Gemeinsamkeit des Schicksals und der
Verantwortung, aber auch die Gemeinsamkeit von Gefahren und Verwicklungen.
Die
Hingabe an die Welt in ihrer Profanität hat unabsehbare Folgen. Dies bedeutet,
dass die Welt entmythologisiert und entnumisiert ist. Eine solche Vorstellung
meint in ihrer radikalen Durchführung nicht nur eine relative Eigenständigkeit,
sondern ist volle Säkularisierung (Säkularismus). Die Welt wird nur aus der
Welt selbst, nicht mehr aus Gott verstanden. Sie ist nichts als Welt. Sie hat
keinen ausserweltlichen Hintergrund. Sie ist ganz und gar von sich selbst erfüllt.
Die
schöpferische Umgestaltung der Welt und des Menschen selbst wird als
unverzichtbare Aufgabe empfunden. Der heutige Mensch betrachtet die Welt nicht
als eine fertige Gegebenheit, sondern als Material für einen grundlegenden
Umbau und Neubau. Die Methode hierzu liefern Wissenschaft und Technik. Die Welt
wird immer mehr in die Herrschaft des Menschen gebracht und so eine hominisierte
Welt. Zur Klärung der Begriffe sei angeführt, dass Hominisierung etwas anderes
sagen will als Humanisierung. Hominisierung will nämlich sagen, dass die Welt
eine Schöpfung des Menschen und die menschenfreundliche Wohnstätte für den
Menschen ist oder werden soll. Nach Jahrmilliarden der Evolution verlässt nach
der Überzeugung der allein auf Wissenschaft und Technik bauenden Menschen heute
die Welt ihre Kinderstube und tritt in das Alter der Mündigkeit ein.
Kernphysik, Astrophysik, Biologie und andere Wissenschaftszweige leisten dabei
die entscheidenden Dienste und schaffen ungeahnte Möglichkeiten. Der Blick ist
von dieser Zukunft fasziniert. Die Gegenwart ist nur zu bewältigen als ein Weg
in die Zukunft. Die Vergangenheit selbst wird dabei zum guten Teile
abgeschrieben.
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Von
besonderer Tragweite ist es, dass sich der Mensch selbst zum Gegenstand seiner
schöpferischen Gestaltung machen zu können hofft. Er will einen neuen
Menschen, einen Ultramenschen formen, in welchem Krankheit, Leid, Tod und Unheil
beseitigt werden oder wenigstens ihre Schärfe verlieren. Medizin,
Tiefenpsychologie, Soziologie und Chemie öffnen ungeahnte Zukunftsaussichten.
Was der Mensch heute ist, erscheint unter solchen Aspekten wie ein Vorentwurf
des kommenden, des wahren und des eigentlichen Menschen. Der heutige Mensch
existiert als die Hoffnung seiner selbst. Automation, Kybernetik und Soziologie
nähren die Erwartung, dass ein Allgemeinzustand heraufgeführt werden kann, in
welchem die untereinander in der Gemeinschaft lebenden Menschen in voller
Freiheit und in vollem Glück zu leben vermögen. Das Übel in all seinen Formen
wird abgeschafft. Der Mensch ist nach diesen Vorstellungen als Individuum erst
auf dem Wege zu sich selbst und zwar innerhalb des Weltganzen. Die Welt und der
Mensch formen sich in gegenseitiger Einwirkung zu ihrer wahren künftigen
Gestalt. Die Gegenwart wird begriffen als die Zeit der Menschwerdung. In eine
solche Zukunft hinein bewegt sich unsere Gegenwart mit äusserster Heftigkeit
und grösstem Aufgebot. Die Welt ist nach dieser Sicht nicht wie nach der
Ansicht der klassischen Physik ein in sich geschlossener determinierter
Kausalzusammenhang. Sie ist vielmehr nach vorne offen und geht ihrer
eigentlichen Existenz erst entgegen. Diese liegt in ferner Zukunft. Volle
Freiheit und Gleichheit sollen in der Zukunftsgesellschaft herrschen. Der
sogenannten Theologie der Befreiung wird eine hohe Chance eingeräumt.
Gegen solche Erwartungen erheben sich gerade aus dem Grunde der heutigen Wissenschaft und Technik
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schwere
Bedenken, welche die Zukunftserwartungen als Utopien erscheinen lassen. Wie die
heutige Erfahrung zeigt, können neue Erkenntnisse, Entdeckungen, neue Techniken
ebensosehr zur Zerstörung der Menschheit und Welt wie zu ihrer
Weiterentwicklung führen. Wohin die Reise der Geschichte geht, hängt von den
Entscheidungen des Menschen ab. Diese aber bilden ein tiefes und unergründliches
Geheimnis. So liegt die Zukunft nicht nur im Schimmer einer glühenden Hoffnung,
sondern auch in der Finsternis einer den Menschen lähmenden Angst.
Dem
Menschen, der sich die goldene Zukunft herbeizuführen bemüht, sind bestimmte
»Tugenden« eigen: Unternehmungsgeist, Erfinderkraft, Initiative, Tapferkeit,
Toleranz, Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit, Kameradschaft, Opfergeist. In der
Sprache der Theologie werden diese Tugenden die aktiven genannt. Der Mensch
riskiert es, heute in den Weltraum vorzustossen. Er ist bereit, seine persönliche
Gegenwart für die grosse Zukunft hinzugeben. Aber mit diesen »Tugenden«
wachsen umso gefährlichere und schlimmere Laster. Je näher sich die Menschen
einander kommen, umso grösser wird ihre Möglichkeit und die Versuchung, die
Last, die jeder Mensch für jeden Menschen, die jede Menschengruppe für jede
Menschengruppe ist, die Einengung der Freiheitsbegrenzung, die einer für den
anderen bedeutet, abzuwerten. In der hominisierten Welt kommt Gott nicht vor. Er
lässt sich in ihr nicht finden. Er ist in ihr überflüssig. Ja, er wäre, gäbe
es ihn, ein Hemmschuh. Er geht in der vom Menschen selbstgeschaffenen Welt keine
Engagements ein. Er spricht nicht und er handelt nicht. Man sieht ihn nicht, man
hört ihn nicht. Umgekehrt hat der heutige Mensch sehr häufig auch kein Bedürfnis
mehr nach Gott. Er braucht Gott nicht. Vielfach scheint der
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Mensch
keine Fähigkeit mehr für Gott zu haben. Der Gedanke Augustins, dass das
menschliche Herz unruhig ist, bis es Ruhe findet in Gott, und ebenso die Überlegung
Pascals, dass der Mensch den Menschen unendlich übersteigt, scheinen keine oder
nur noch geringe Geltung zu haben. Gäbe es Gott, müsste er als Feind der
Menschen und seiner Freiheit bekämpft werden. Der angestrebte Humanismus in
unserer humanisierten Welt wird daher ein gottfreier, ja ein gottloser und
gottfeindlicher Humanismus. Seit Immanuel Kant gelehrt hat, dass die Aufklärung
die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sei, ist das Gefühl der
»Mündigkeit« in das Masslose angewachsen.
Auf
der anderen Seite zeigt sich uns jedoch die Rückseite der Medaille auch in
allen diesen Perspektiven. Das Zerwürfnis des Menschen mit Gott führt zum Zerwürfnis
des Menschen mit sich selbst und der Menschen untereinander. Die Freiheit von
Gott wird zur Unfreiheit gegenüber den gesellschaftlichen Zwängen.
Eine
schwer oder nicht zu überwindende Mauer zwischen Gott und den Menschen wird in
unserer Gegenwart aufgebaut durch das Leid in seinen masslosen Formen. Muss man
nicht die Alternative anerkennen: Entweder ist Gott gleichgültig gegenüber dem
menschlichen Leid oder er hat nicht die Macht, das menschliche Leid zu
verhindern oder zu beseitigen. Wie kann man von Gott sagen, dass er die Liebe
ist, wenn er die unzähligen Unmenschlichkeiten der Gegenwart geschehen lässt?
Umweltverschmutzung und Kriegsgefahr stehen als drohende Gespenster am Himmel
der Zukunft. Hin und wieder erhebt sich in den Verwirrungen der Zeit die Frage,
ob die Menschen nicht einer Diktatur entgegengehen.
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Solche Vorstellungen und Haltungen sind nicht von heute, sie haben vielmehr eine lange Geschichte. Sie haben sich nur in unserer Gegenwart in einer ausserordentlichen Weise verschärft. Wir brauchen nur an L. A. Feuerbach oder an K. Marx zu erinnern. Deren Thesen und Behauptungen entfalten heute eine explosive Kraft.