2. Kapitel

Der Mensch — Bild Gottes

 

Dies wird noch von einer anderen Seite her deutlich. Wenn Gott schafft, so stellt er sich notwendigerweise selbst dar. Er geht in der Schöpfung über sich hinaus, bleibt aber doch zugleich in sich selbst. Das Ergebnis seines schöpferischen Tuns ist gewissermassen eine analoge Verwirklichung seiner selbst. Mit Vorzug wird vom Menschen gesagt, dass sich Gott in ihm abzeichnet. Der Mensch wird in der Schrift »Bild« Gottes genannt; er ist an dem Tun Gottes in seiner menschlichen Freiheit teilzunehmen berufen. Es ist ein ähnlicher Vorgang wie in der menschlichen Sprache. In unserem Worte gehen wir über uns hinaus auf den anderen zu. Wir drücken uns selbst aus und bringen uns zur Erscheinung, auch wenn wir nicht von uns selbst, sondern von Gegenständen reden, die von uns verschieden sind. »Der Mensch ist sein Stil.« Erst recht treten wir selbst in Erscheinung, wenn wir in dem Worte unser Selbst, d.h. unser Inneres erschliessen. Wenn wir nur über Gegenstände sprechen, können wir unsere eigenen Zuhörer sein. Wenn wir aber unser Inneres erschliessen, so ist unser Selbst in den Vorgang einbezogen.

Das in der Schöpfung begründete Verhältnis zu Gott hat zur Folge, dass der Mensch, wenn er sich selbst zu verstehen versucht, sich als Bild Gottes versteht und verstehen muss. Er sieht daher und kann sehen in sich selbst Gott wie in einem Spiegel. Bonaventura analysiert diesen Sachverhalt mit einer charakteristischen Schattierung, wenn er erklärt, dass der Mensch dann am meisten Bild Gottes ist, wenn er tätig wird, insbesondere aber, wenn er sich glaubend und liebend Gott zuwendet. Bonaventura dynamisiert

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mit dieser Erklärung das Bi!d Gottes im Menschen. Das Bild Gottes in der Schöpfung ist demgemäss kein ein für allemal gegebener gleichbleibender Zustand, sondern immerwährendes Werden. Es befindet sich im Prozess der Bildung. Die Schöpfung ist auf dem Wege der Bildung des Bildes Gottes (H.Dolch, Zukunftsvision und Parusie. Die Evolution auf den Punkt Omega hin, in: Wahrheit und Verkündigung, Paderborn 1967, 330). In einem solchen Selbstverständnis kann der Mensch Gott erfahren. Näheres über die Gottebenbildlichkeit des Menschen in Bd. 3 und 4.

Das Bewusstsein von Gott erscheint hier als Element des menschlichen Selbstbewusstseins. Würde es dem menschlichen Selbstbewusstsein fehlen, so wäre es ein Zeichen dafür, dass der Mensch sich selbst nicht in seiner Tiefe versteht. So könnte er nur ein reduziertes Bewusstsein seiner selbst gewinnen.

Die Aufnahme des Gottesbewusstseins als Element des eigenen Selbstbewusstseins und Selbstverständnisses bewegt sich nicht neben der vorhin geschilderten konstitutiven Wirksamkeit des Weltbewusstseins im menschlichen Selbstverständnis. Es handelt sich vielmehr um eine einzige Bewusstseinsbewegung. Wenn der Mensch, von seinem Wesen getrieben, sich über sich selbst hinaus auf den Menschen und auf die materielle Welt hin transzendiert, stösst er dabei auf das göttliche Du, falls er die Bewegung nicht wirklichkeitswidrig stoppt. Er kann das Bewusstsein von Gott nicht haben, ohne das Bewusstsein von seinen Mitgeschöpfen zu haben. Er kann dieses letztere nicht besitzen, ohne das Bewusstsein vom Schöpfer und der gesamten übrigen Wirklichkeit zu haben. (Diese Überlegungen implizieren nicht einen bloss funktionalen Gott. Denn das »Gottesbewusstsein« ist verstanden als Echo des rufenden Gottes selbst.)

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